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Full text of "Archiv für Religionswissenschaft vereint mit den Beiträgen zur Religionswissenschaftlichen Gesellschaft in Stockholm"

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LIBRARY  V 

Km^COLLEGE 

KtoaONTO 


ARCHIV  FÜR 
RELIGIO^^SWIS  SEXSCHAFT 

NACH  ALBRECHT  DIETERICH  UND  RICHARD  WÜNSCH 


UNTER  MITWIRKUNG  VON 
C.BEZOLD    .    F.BOLL    •    O.KERN   •  E. LITTMANN   •.  M.P.  NILSSON 
E.NORDEN   •   K.  TH.PREUSS    •    R.  REITZENSTEIN    •   G.WISSOWA 

HERAUSGEGEBEN  VON 

OTTO  WEII^REICH 


ZWANZIGSTER    BAND 

GEDRUCKT  MIT  UNTERSTÜTZUNG  DER  HEIDELBERGER 
AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEX  UND  DER  RELIGIONS- 
WISSENSCHAFTLICHEN   GESELLSCHAFT   IN   STOCKBOLM 


VERLAG   B.  G.  TEUBNER    IN   LEIPZIG    UND   BERLIN  1920-192! 


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I>rack  Ton   B  O.  Teubner,  DrefidBii. 


lühaltsverzeicliuis 


I  AbliaiKUuiiäiCn 


Seite 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vuvderorientaliscbe  Tauben- 
göttin von  Hugo  Greßmann  in  i^erlin-Schlachtensee    .         !       323 

Olympiscbe  Studien  von  Ludwig  Weniger  in  Weimar  ...       41 

Volcanalia  von  A,  v.  Domaszewski  in  Heidelberg 79 

Über  Kalendae  lanuariae    und   Martiae   im  Mittelalter   von  Fe  der 

Schneider  in  Frankfurt  a.  M.  .     .     .  82.     3t5ö 

Die  do-ut-des-F orm.e\  in  der  Opfertheorie  von  (i.  van  der  Leeuv,- 

in  Groningen 241 

Schuld  und  Sünde  in    der  griechi>cben  Keligion  von  Kurt  Latte 

in  Münster 254 

Der  Krieg  in  der  griechischen  Religion  von  Friedrich  Schwenn 

in  Güstrow 29'J 


II  Berichte 

1    Griechische    und    römische    Religion    l'Jll — 1914    von   Ludv?^ig 

Deubner  in  Freiburg  i.  Br ...    135.     411 

Altgermanische  Religion  von  Fr.  Kautfmauu  m  iviei      .     .     .     205 

3  Geschichte  der  christlichen  Kirche  von  Haus  Lietzmann  in  .Jena     442 

4  Kleine    Anzeigen:    Zur  Volkskunde    von    Otto    Weinreich    in 


o 


Tübingen 469 


III  Mitteilungen  und  Himreise 

A.  Wiedemann  (Zum  altägyptischeu  Sterugiauben)  230;  Martin 
P.  Nilsson  (Die  traditio  per  terram  im  griechischen  Kechtsbrauch) 
232;  Otto  Kern  (Noch  einmal  Karkinos)  236;  Gawril  Kazarow 
(Ein  Mithraadenkmal  aus  Makedonien)  236;  R.  Reitzenstein  (Zu 
Cyprian  dem  Magier)  236;  Adolf  Jacoby  (Das  exanien  in  wen- 
suris)  236;  F.  BoU  (Endymion  als  Sternbild)  479;  K.  Schwende- 
mann (Omphalos,  Pytbongrab  und   Drachenkampf)  481. 

Register  485. 


I  Abhandlungen 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu 
und  die  vorderorientalisclie  Taubengöttin 

Von  Hugo  GreBmann 

ly  Wie  jeder  historische  Forscher  so  ist  sich  auch  der 
Interpret  dessen  bewußt,  daß  seine  Erklärung  des  Textes  nur 
Wahrscheinlichkeitswert  beanspruchen  darf.  Wenn  er  sich  auch 
bemühen  wird,  seine  individuelle  Auffassung  überzeugend  zu  be- 
gründen und  ihr  durchschlagende  Kraft  zu  verleihen,  so  muß 
er  im  allgemeinen  doch  zufrieden  sein,  wenn  man  seine  Auf- 
fassung neben  anderen  möglichen  gelten  läßt.  Da  aber  durch 
das  Gebundensein  an  die  Überlieferung  die  Deutungen  natur- 
gemäß beschränkt  sind,  so  wird  man  jedem  dankbar  sein,  der 
eine  Erzählung  von  einer  neuen  Seite  zu  beleuchten  versteht. 
So  hat  Georg  Runze  seinerzeit  in  der  dritten  „Studie  zur 
vergleichenden  Religionswissenschaft"  (Berlin  1897)  die  Sage 
Ton  der  Taufe  Jesu  im  Anschluß  an  das  Wort  vom  Zeichen 
des  Jona,  so  hat  Hermann  Gunkel  jetzt  in  seinen  Ausführungen 
über  „Das  Märchen  im  Alten  Testament"  (Tübingen  1917 
S.  147  if.)  dieselbe  Sage  durch  Zusammenstellung  mit  bestimmten 
Märchenmotiven  neu  zu  erklären  versucht;  so  hat  Hermann 
Usener  in  seinen  Untersuchungen  über  „Das  Weihnachtsfest" 
(^Bonn  1888;  ^ign)  an  der  Hand  der  Aktenstücke  die  Ent- 
wicklungsgeschichte der  Taufsage  in  eigenartiger  Weise  auf- 
gerollt. Auf  ihren  Ergebnissen  und  den  Arbeiten  der  exege- 
tischen Erforschung  des  Neaen  Testaments  ruht  auch  die  fol- 
gende Darstellung. 

2.  Der  Text  der  Taufsage  lautet  im  ältesten  Evangelium, 
•das    'nach    Markus'    benannt    ist:    'Und    es    geschah    in  jenen 

Archiv  f.  BeligionswigsecBcbaft  "X"y  -^ 


2  Hugo  Greßmann 

Tagen,  da  kam  Jesus  aus  Nazareth  in  Galiläa  an  den  Jordan 
und  ließ  sich  dort  von  Johannes  taufen.  Kaum  war  er  aus 
dem  Wasser  gestiegen,  da  sah  er,  wie  sich  der  Himmel  spaltete 
und  der  Geist  gleich  einer  Taube  in  ihn  herabkam.  Und  eine 
Stimme  vom  Himmel  (erscholl):  »Du  bist  mein  lieber  Sohn; 
dich  habe  ich  erwählte'  (Mark.  1,  9 — 11). 

Fast  alle  neutestamentlichen  Forscher  reden  hier  von  einer 
Vision  und  streiten  nur  Sarum,  ob  lediglich  ein  innerer  Vor- 
gang berichtet  werde  oder  ob  ihm  auch  irgendwelche  äußere 
Tatsachen,  wie  etwa  die  Geistverleihung,  entsprächen.  „Was 
immer  hier  vorgegangen  sein  mag,  es  kann  sich  nur  um  ein 
Erlebnis  Jesu  handeln,  das  wir  heute  eine  Vision  nennen 
würden"  (Johannes  Weiß).  „Deshalb  weil  nur  Jesus  den 
Vorgang  sieht  und  hört,  darf  er  jedoch  nicht  als  unwirklich 
vorgestellt  werden.  Der  Geist  kommt  wirklich  auf  ihn  herab 
und  bleibt  auf  ihm.  Überhaupt  bedeutet  den  Juden  Vision 
nicht  e'bensoviel  wie  Sinnestäuschung^'  (Wellhausen).  Mit 
dieser  gewiß  unanfechtbaren  Behauptung  ist  aber  die 
literarhistorische  Frage  noch  nicht  klar  beantwortet.  Sie 
wird  auch  nicht  klarer  dadurch,  daß  man  zwischen  subjektiven 
und  objektiven  Visionen  unterscheidet;  denn  objektive  Visionen 
gibt  es  überhaupt  nicht.  Die  Frage  muß  vielmehr  so  lauten: 
I.st  das,  was  hier  erzählt  wird,  seiner  Gattung  nach  eine  Be- 
rn fungsvision  nach  Art  derer,  die  wir  aus  Jesaja  oder  Hese- 
kiel  kennen,  oder  müssen  wir  an  eine  Berufungssage  denken, 
wie  sie  uns  etwa  von  Mose  oder  Elisa  überliefert  sind.  Der 
Unterschied  ist  von  wesentlicher  Bedeutung.  Die  Visionen 
sind  historisch  wertvolle  Schilderungen  psychologischer  Erleb- 
nisse von  Propheten,  die  im  allgemeinen  dem  heutigen  Menschen 
als  subjektive,  dem  antiken  dagegen  als  objektive  Wahrheit 
gelten.  Die  Sagen  aber  sind  Erzeugnisse  volkstümlicher  Phan- 
tasie und  geben  uns  keinen  historischen  Aufschluß  über  die 
Beelischen  Erfahrungen  des  Helden,  von  dem  sie  erzählt  werden. 

Wie  kein  Prophet  Israels  ohne  eine  Berufungsvision  denk- 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorientalische  Taubengöttin     3 

bar  ist,  so  trifft  das  selbstverständlicli  auch  auf  Jesus  zu,  wenn 
anders  er  wirklich  ein  Prophet  war.  Darum  könnte  man  er- 
warten, von  seiner  Berufung  in  Form  einer  Vision  zu  hören. 
Aber  diese  Erwartung  ist  keineswegs  berechtigi;  denn  nicht 
alle  Berufungsvisionen  sind  uns  überliefert.  Sie  fehlen  meist 
bei  den  großen  Sagengestalten  wie  bei  Elia  und  Johannes  dem 
Täufer.  Da  nun  auch  das  Leben  Jesu  durch  die  Sage  stark 
verfärbt  worden  ist,  so  muß  man  ebensosehr  mit  der  Mösrlich- 
keit  einer  Berufungssage  rechnen.  Allgemeine  Erwägungen 
führen  also  nicht  weiter,  um  die  vorliegende  Frage  zu  ent- 
scheiden; man  muß  den  Test  selbst  zu  Rate  ziehen. 

Die  Antwort  scheint  sehr  einfach  zu  sein,  wenn  man  das 
^er  sah'  beachtet.  Man  denkt  zunächst  an  ein  inneres  persön- 
liches Erlebnis  Jesu;  denn  wenn  es  sich  um  einen  öffentlichen 
Vorgang  handelte,  den  jedermann  wahrnehmen  konnte,  so 
wäre  ein  'man  sah'  oder  'sie  sahen'  zu  erwarten.  Indessen  un- 
bedingt notwendig  ist  -diese  Auffassung  nicht,  da  das  persön- 
liche Erlebnis  Jesu  zugleich  auch  ein  äußeres  sein  konnte: 
die  anderen  sehen  auch,  was  vorgeht,  aber  der  Erzähler  braucht 
den  Singular,  weil  das  Ereignis  einen  einzelnen  besonders 
trifft;  es  gibt  ja  Fälle  genug,  in  denen  der  Zusammenhang  den 
Singular  von  selbst  nahelegt,  auch  wo  man  an  sich  ebensogut  den 
Plural  verwenden  könnte.  Nun  wird  hier  auf  der  einen 
Seite  zwar  keineswegs  hervorgehoben,  daß  es  nur  ein  einziger 
ist,  der  den  Vorgang  sieht  und  die  Stimme  hört;  vom  Hören 
ist  überhaupt  nicht  die  Rede,  sondern  es  heißt  ganz  objektiv: 
'und  eine  Stimme  (erscholl)  vom  Himmel.'  Man  wird  darum 
doch  geneigt  sein,  an  ein  öffentliches  Ereignis  zu  denken.  An 
dieser  Auffassung  wird  uns  der  Einwand  nicht  irremachen: 
„Eine  öffentliche  Messias-Manifestation  kann  schon  deswegen 
nicht  berichtet  werden,  weil  nach  dem  Markus-EvangeKum  die 
Messianität  Jesu  zunächst  als  Geheimnis  erscheint"  (Martin 
Dibelius:  Johannes  der  Täufer  S.  60).  Denn  dieser  Grund 
ist  nicht  stichhaltig.     Wrede    hat    gezeigt,   daß    das    Markus- 

1* 


4  Hugo  Greßmann 

Evangelium  voller  Widersprüche  steckt,  und  daß  das  angebliche 
Messias-Geheimnis  an  einzelnen  Stellen  als  ein  öffentlich  be- 
kanntes „Geheimnis"  gilt.  Warum  soll  nicht  die  Taufsage, 
zumal  da  sie  ursprünglich  für  sich  allein  stand,  zu  diesen  Aus- 
nahmen gehören?  Wichtiger  ist  ein  zweiter  Einwand,  den 
man  erheben  könnte:  Der  Zusammenhang  legt  den  Singular 
'er  sah'  in  keiner  Weise  nahe;  man  wird  im  Gegenteil  immer 
wieder  daran  anstoßen,  wenn  es  sich  wirklich  um  einen  öffent- 
lichen, allgemein  beobachteten  Vorgang  handeln  sollte.  So 
scheint  dieses  anderseits-Aber  das  einerseits-Zwar  aufzuheben, 
80  daß  sich  der  vorsichtige  Forscher  wenigstens  vorläufig  mit 
einem  non  liqiiet  begnügen  wird.  Vielleicht  helfen  uns  andere 
Erwägungen  weiter. 

Ein  Blick  auf  Matthäus  und  Lukas,  die  den  Markus  be- 
nutzt haben  oder  auf  dieselbe  Überlieferung  zurückgehen,  lehrt 
uns,  daß  sie  diese  Erzählung  nicht  für  eine  Vision  gehalten 
haben.  Denn  während  Markus  sagt:  'Er  sah  den  Himmel 
sich  spalten  und  den  Geist  gleich  einer  Taube  herabkommen', 
drückt  sich  Matthäus  ganz  unbefangen  so  aus:  'Siehe,  da  öffnete 
sich  der  Himmel,  und  er  sah  den  Geist  Gottes  gleich  einer 
Taube  herabsteigen  und  auf  ihn  kommen'  (Matth.  3,  13 — 17). 
Hier  kann  auch  nicht  der  leiseste  Zweifel  sein,  daß  ein  ob- 
jektiver Vorgang  berichtet  werden  soll,  obwohl  uns  auch  hier 
das  im  Zusammenhang  rätselhafte  oder  mindestens  überflüssige 
'er  sah'  begegnet.  Aber  gerade  deshalb  wird  sich  auch  bei 
Mjirkus  die  Interpretation  zugunsten  dieser  Auffassung  neigen 
müssen.  Bei  Lukas  wird  das  Sehen  überhaupt  nicht  mehr 
hervorgehoben,  sondern  nur  die  nackte  Tatsache  erzählt,  daß 
sich  der  Himmel  öffnete  und  'der  heilige  Geist'  sich  gleich  einer 
Taube  auf  ihn  herabließ,  mit  dem  ausdrücklichen  Zusatz: 
'in  körperlicher  Gestalt'  (Luk.  3,  21 — 22).  Hier  ist  der  ur- 
sprüngliche Text  geglättet,  sofern  das  scheinbar  nicht  not- 
wendige 'er  sah'  gestrichen  ist.  Überdies  ist  durch  den  Zu- 
satz   die   Objektivität   des   Vorganges   noch   verdeutlicht;  aber 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  voiderorientalische  Taubengöttin     5 

ein  Mißverständnis,  wie  man  vielfach  annimmt,  kann  nicht  er- 
wiesen werden,  da  sicher  Matthäus  und  wahrscheinlich  auch 
Markus  derselben  Meinung  sind.  So  werden  wir  mit  einer 
Taufsage  und  nicht  mit  einer  Taufvision  rechnen  müssen. 

Entscheidend  ist  der  Inhalt  der  Erzählung.  Läge  die  lite- 
rarische Form  der  Vision  vor,  so  müßte,  von  allen  märchen- 
haften und  mythologischen  Zügen  abgesehen,  die  auch  in  einer 
Vision  vorkommen  können,  speziell  auf  das  Berufswerk  Jesu 
Bezug  genommen  und  dem  Ganzen  der  Stempel  seines  Geistes 
aufgedrückt  sein.  Aber  das  ist  nicht  der  Fall.  Man  spürt 
weder  etwas  von  der  eigentümlichen  Leuchtkraft  der  Worte 
Jesu  noch  von  seiner  Aufgabe,  das  Reich  Gottes  zu  verkün- 
digen. Nun  könnte  man  einwenden,  es  handle  sich  nur  im 
letzten  Grunde  um  die  Berufungsvision  Jesu;  da  sie  nicht  von 
ihm  selbst  aufgezeichnet  wurde,  sei  sie  in  der  mündlichen 
Überlieferung  des  Jüngerkreises  vergröbert  und  veräußerlicht 
worden.  Damit  wird  indessen  verblümt  zugestanden,  daß  uns 
keine  Berufungsvision,  sondern  nur  eine  Berufungssage  mit- 
geteilt wird,  aus  der  man  nur  durch  Neudichtung  und  nicht 
durch  Nachschöpfung  das  Erlebnis  Jesu  entnehmen  kann.  Ge- 
wiß wird  sich  ein  Prophet  seiner  Lebensaufgabe  durch  einen 
visionären  Akt  bewußt;  denn  für  ihn  ist  die  innere  Über- 
zeugung, die  ihn  vor  seinem  Gewissen  rechtfertigen  muß,  die 
Hauptsache.  Wie  aber?  Wenn  Jesus  in  dieser  Erzählung  gar 
nicht  als  Prophet  gedacht  ist? 

Nach  Markus  ist  es  Mer  Geist',  nach  Matthäus  Mer  Geist 
Gottes',  nach  Lukas  'der  heilige  Geist',  der  wie  eine  Taube 
auf  Jesus  herabkommt;  diese  Varianten  sind  sachlich  belang- 
los. Dem  Ausdruck  des  Textes  entsprechend  pflegt  man  den 
Nachdruck  nicht  auf  den  Vogel,  sondern  auf  den  Geist  zu 
legen  und  als  Hauptpointe  der  Erzählung  die  Ausstattung  Jesu 
mit  dem  göttlichen  Geist  hinzustellen.  Ohne  Zweifel  ist  das 
auch  gemeint;  es  fragt  sich  nur,  welchen  Sinn  man  damit 
verbinden    soll.      Zunächst    scheint   damit  die    Berufung   Jesu 


HugfO  Greßmann 


'o 


zum  Propheten  gegeben  zu  sein.  Denn  nach  israelitisch- 
jüdiechem  Glauben  reden  und  handeln  die  Propheten  im  Geist, 
weil  er  dem  Menschen  unheimliche,  rätselhafte,  göttliche  Kräfte 
verleiht.  Der  'Geist'  ist  eine  göttliche  Hypostase,  von  Gott 
so  wenig  oder  so  viel  unterschieden  wie  der  Logos.  Nach  der 
älteren,  unbefangenen  Anschauung  spricht  ^Jahve'  oder  'Gott' 
aus  dem  Propheten,  nach  der  jüngeren,  höher  entwickelten  ist 
es  'der  Geist'  oder  'der  Geist  Gottes';  besonders  sind  es  die 
Propheten  Hesekiel  und  Sacharja  gewesen,  die  ihre  geheimen 
Erfahrungen  und  ekstatischen  Zustände  mit  Vorliebe  dem 
'Geiste'  zuschreiben.  Von  hier  aus  verstehen  wir  ohne  weiteres, 
wenn  die  Versuchungssasre  im  Anschluß  an  die  Taufsage  fort- 
fährt:  'Und  sofort  treibt  ihn  der  Geist  in  die  Wüste';  denn 
das  scheint  auf  die  gewaltige  Erregung  zu  deuten,  in  die  ihn 
sein  Erlebnis  versetzt  hat.  Sie  zwingt  ihn  zu  der  unbegreiflichen, 
schier  sinnlosen  Flucht  in  die  Wüste.  Diesen  Zwang  kann 
man  sich  nur  erklären  durch  den  Einfluß  eines  Daimonions, 
das  ihn  in  Besitz  genommen  hat;  Gott  oder  vielmehr  ein 
'Geist'  hat  sich  in  ihm  inkarniert.  Wie  sich  mit  dem  Psycho- 
logischen  das  Märchenhafte  verbindet,  lehrt  das  Hebräer- 
Evangelium  (Bruchstück  5  Klostermann):  'Sodann  ergriff  mich 
meine  Mutter,  der  heilige  Geist,  bei  einem  meiner  Haare  und 
entführte  mich  auf  den  hohen  Berg  Tabor.'  Dasselbe  Motiv 
findet  sich  schon  bei  Hesekiel,  bei  dem  auch  die  entsprechen- 
den seelischen  Erlebnisse  nicht  fehlen.^  Aber  es  ist  nun  doch 
falsch  zu  meinen,  die  Geistausgießung  bei  der  Taufe  Jesu  sei 
in  demselben  Sinne  zu  verstehen  wie  die  Geistwirkung  bei 
der  Versuchung;  wenigstens  ist  das  nicht  unbedingt  notwendig. 
Beide  Sagen  können,  da  sie  ursprünglich  für  sich  allein  um- 
liefen, verschiedene  Vorstellungen  vom  Geiste  gehabt  haben; 
damit  soll  nicht  behauptet  werden,  daß  es  wirklich  der  Fall 
war.    Aber  da  die  Versuchungssage  meist  noch  schlimmer  miß- 

'  Hes.  8,  3;    11,  24.     Vpl.  weiter   die  Geschichte    vom  Drachen   zu 
Babel  v.  36.  39  und  Gunkel  Das  Märchen  S.  86. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorientalische  Taubengöttin     7 

handelt  wird  als  die  Taufsage,  so  beschränken  wir  uns  auf 
diese  allein;  und  in  ihr  deutet  nichts  auf  ekstatische  Erfah- 
rungen hin. 

Es  kann  darum  nur  die  zweite  Möglichkeit  in  Betracht 
kommen:  Den  Geist  Gottes  besitzen  nicht  nur  die  Propheten, 
sondern  auch  die  Könige.  Auch  in  ihnen  inkarniert  sich  die 
Gottheit,  wenngleich  sich  ihre  Wirkungen  hier  in  ganz  anderer 
Weise  äußern  als  bei  den  Propheten.  In  dem  Augenblick,  als 
er  gesalbt  wurde,  '^sprang  der  Geist  des  Herrn'  auf  David 
(I.  Reg,  16,  13),  man  darf  wohl  sagen:  durch  das  heilige  Ol; 
so  kommt  auch  der  Geist  Gottes  über  Jesus  in  dem  Augen- 
blick, als  er  zum  König  gewählt  wird:  durch  die  Taube.  Die 
Taufe  ist  nicht,  wie  man  wohl  bisweilen  fälschlich  behauptet, 
die  Ursache,  sondern  nur  der  Anlaß  zur  Geistverleihung.  Der 
Erzähler  mußte  eine  geweihte  Situation  oder  einen  heiligen 
Akt  zum  Hintergrund  seiner  Sage  machen,  weil  sich  die  Gott- 
heit offenbaren  sollte;  und  welche  Gelegenheit  war  passender 
als  der  Moment  nach  der  Taufe,  die  alle  Sünden  weggespült 
und  den  Menschen  äußerlich  und  innerlich  gereinigt  hatte? 
Nach  Lukas  betete  Jesus  gerade;  ein  Gebet  vor  und  nach  der 
Taufe  ist  gewiß  allgemeine  Sitte  gewesen,  und  doch  wird  der 
Zug  sekundär  hinzugefügt  worden  sein,  um  durch  diesen  sa- 
kralen Ritus  die  feierliche  Gelegenheit  noch  mehr  zu  betonen. 
Die  Markus-Überlieferung  schreibt  dem  Täufer  die  Anschauung 
zu,  daß  Wassertaufe  und  Geisttaufe  einander  ausschließende 
Gegensätze  sind:  '^Ich  taufe  euch  mit  Wasser,  er  aber  wird 
euch  mit  heiligem  Geist  taufen.'  Es  ist  darum  auch  nicht 
wahrscheinlich,  daß  in  der  Taufsage  beides  ursächlich  mit- 
einander verknüpft  sei.  Yor  allem  aber  brauchte  der  Geist 
nicht  vom  Himmel  herabzufahren,  wenn  das  Wasser  selbst 
sein  Sitz  gewesen  sein  sollte.  Gewiß  darf  man  sagen:  „Jesus 
kommt  als  Mensch  zum  Jordan  und  geht  als  Gottes  Sohn  von 
dannen'^  (Usener  ^S.  59),  aber  man  sollte  hinzusetzen:  Nicht 
der  Jordan  ist  es,  der  ihn  vergottet,  sondern  die  Taube;  denn 


8  Hugo  Greßmann 

ohne  sie  hätte  er  den  Geist  Gottes  nicht.  Der  Taufe,  wenig- 
stens der  Johannestaufe,  fehlt  hier  jeder  sakramentale  Charakter. 
Wenn  dies  klar  ist,  dann  ist  auch  klar,  daß  die  Taube  auch 
bei  anderer  Gelegenheit  auf  Jesus  herabfahren  konnte;  es  be- 
darf also  einer  besonderen  Erklärung,  warum  für  die  Geist- 
verleihung gerade  die  Situation  der  Johannestaufe  gewählt 
worden  ist. 

Die  Gottheit  oder  'der  Geist'  schwebt  direkt  aus  dem 
Himmel  herab,  der  'sich  spaltet'  oder  'sich  öffnet'.  Sie  selbst, 
nicht  ihr  Herabschweben,  wird  bei  Markus  und  Matthäus  mit 
einer  Taube  verglichen;  Lukas  bezeichnet  sie  ausdrücklich  als 
eine  Taube^  da  er  von  ihrer  'körperlichen  Gestalt'  spricht.  Ein 
Unterschied  der  Auffassung  ist  nicht  vorhanden;  auch  wenn 
man  die  Vergleichungspartikel  bei  Markus  und  Matthäus  be- 
tonen wollte,  bliebe  doch  bestehen,  daß  es  sich  um  eine  kör- 
perliche, nach  Art  eines  Vogels  gedachte  Gottheit  handelt. 
Der  Gottesvogel  flattert  nicht  nur  über  Jesus,  sondern  steigt 
'auf  ihn'  herab,  d.  h.  er  läßt  sich  auf  seinem  Kopfe  nieder. 
Nach  Markus  fährt  er  sogar  'in  ihn'  hinein.  Usener  hat 
wahrscheinlich  gemacht  und  legt  besonderes  Gewicht  darauf, 
daß  nach  dem  ursprünglichen  Text  alle  Synoptiker  so  lasen. 
Man  muß  ihm  durchaus  zustimmen,  wenngleich  seine  Schluß- 
folgerungen abzulehnen  sind.  Wäre  die  Taube  ein  gewöhn- 
licher Vogel,  so  müßte  sie  freilich  'auf  dem  Kopfe  bleiben; 
da  sie  aber  mit  der  Gottheit  identisch  ist,  die  sich  in  Jesus 
inkarn leren  will,  so  muß  sie  'in'  ihn  eingehen,  auch  wenn  sie 
äußerlich  'auf  ihm  sitzt  und  der  Vorgang  nicht  genauer  vor- 
stellbar ist.  Er  soll  auch  nicht  genauer  vorgestellt  werden, 
ebensowenig  wie  das  Reiten  des  wilden  Heeres  durch  die 
Lüfte  oder  irgendwelche  anderen  Ideen  der  volkstümlichen 
Mythologie.  Man  kann  auch  an  die  babylonischen  oder  ägyp- 
tischen Bilder  erinnern,  in  denen  die  Gottheit  auf  ihrem  Hause 
sitzt,  weil  der  Künstler  nicht  imstande  ist,  sie  im  Innenraum 
darzustellen;  aber   er   darf   darauf  vertrauen,    daß  ihn  der  Be- 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorientalische  Taubengöttin     9 

schauer  schon  richtig  rerstehen  werde.  So  begreifen  wir  'in 
ihn'  als  die  ursprünglichere  und  bessere  Lesart,  die  erst  später 
durch  das  oberflächliche  'auf  ihn'  verdrängt  wurde.  Durch 
diesen  Text  wird  erwiesen,  daß  'der  Geist'  zum  ältesten  Be- 
stände der  synoptischen  Überlieferung  gehört.  Das  ist  wichtig, 
weil  man  sich  die  Erzählung  auch  ohne  ihn  denken  könnte, 
während  sie  umgekehrt  ohne  die  Taube  völlig  undenkbar  ist, 
soll  sie  nicht  ihren  Sinn  verlieren. 

Was  ist  denn  nun  der  Sinn  des  Vorganges?  Eigentlich 
müßte  die  Erzählung  an  sich  genügen,  aber  zur  Erklärung 
wird,  wie  in  der  Regel,  zugleich  ein  Wort  dem  Zeichen  hin- 
zugefügt. Eine  göttliche  Stimme  ertönt,  auffälligerweise  nicht 
vom  Geiste,  sondern  Vom  Himmel'  her,  wahrscheinlich  weil 
die  Sage  das  märchenhafte,  allzu  unglaubwürdige  Motiv  des 
redenden  Vogels  vermeiden  will;  eine  himmlische  Stimme  da- 
gegen erschallt  in  der  jüdischen  Legende  sehr  häufig.  Sie 
verkündet  nach  Matthäus:  'Dies  ist  mein  lieber  Sohn,  den 
habe  ich  erwählt'  oder  nach  Markus  und  dem  heute  geläufigen 
Text  des  Lukas:  'Du  bist  mein  lieber  Sohn,  dich  habe  ich 
erwählt.'  Der  ursprüngliche  Text  des  Lukas  aber  lautete,  wie 
Usener  gezeicH;  hat:  'Du  bist  mein-  Sohn,  ich  habe  dich  heute 
gezeugt.'  Das  ist  ein  Zitat  aus  Psalm  2,  7,  dessen  Sinn  klar  ist: 
Die  Gottheit  proklamiert  Jesus  zu  ihrem  Sohn  und  damit  zum 
erwählten  König.  Das  erhellt  besonders  deutlich  aus  Psalm  2, 
einem  Liede  zur  Feier  der  Thronbesteigung  eines  judäischen  Herr- 
schers. Die  Worte: 'Du  bist  mein  Sohn,  ichhabe  dich  heute  gezeugt' 
sind  eigentlich,  wie  das  'heute'  lehrt,  die  Adoptionsformel,  mit 
der  ein  fremdes  Kind  zu  eigen  angenommen  wird.  Wenn  man 
es  sich  genauer  überlegt,  wird  es  freilich  nicht  der  Vater,  son- 
dern die  Mutter  sein,  die  das  Kind  mit  diesen  Worten  auf 
ihren  Schoß  setzt,  und  die  richtigere  Übersetzung  sollte  darum 
lauten:  'Du  bist  mein  Sohn,  ich  habe  dich  heute  ge- 
boren.' In  Psalm  2  ist  dieser  Sinn  allerdings  verdunkelt, 
weil   der  judäische  König  nur  von  einer  männlichen  Gottheit, 


IQ  Huj»o  Greßmanu 

von  Jahve,  adoptiert  werden  kann;  ursprünglich  aber  muß 
diese  Formel  aus  einem  fremden  Hofstil  stammen,  der  die 
Göttin  als  Mutter  oder  Adoptivmutter  des  regierenden  Herr- 
schers kannte.  Psalm  2  ist  auch  sonst,  wie  man^  längst  nach- 
gewiesen hat,  durch  fremde  Vorstellungen  und  Formeln  sehr 
stark  beeinflußt. 

Damit  hat  die  vorliegende  Sage  ihre  Pointe  erhalten. 
Wenn  Jesus  durch  die  himmlische  Stimme  für  den  'Sohn 
Gottes'  erklärt  wird,  so  wird  er  dadurch  zugleich  zum  König 
oder  Christus  ernannt;  der  Prophet  dagegen  heißt  niemals 
„Sohn  Gottes".  Da  der  Messias  stets  in  erster  Linie  eine 
politische  Größe  gewesen  ist,  so  begreift  man  die  Übertragung 
dieses  Psalms  und  des  verwandten  Jesajawortes  auf  den  Christus. 
Nun  könnte  man  einwenden,  daß  Jesus  nicht  in  politischem 
Sinne  der  Messias-König  hat  sein  wollen.  Dies  schwer  zu  beant- 
wortende Problem  brauchen  wir  hier  nicht  zu  lösen,  uns  muß 
hier  die  Tatsache  genügen,  daß  die  evangelische  Überlieferung 
das  Wirken  Jesu  vielfach  in  politischem  Sinne  aufgefaßt  hat. 
Diese  Anschauung  wird  fast  von  allen  Jesussagen  geteilt,  wie 
von  dem  Wfihnachtsevangelium,  der  Jungfrauengeburt,  dem 
bethlehemitischen  Kindermord,  der  Anbetung  der  Magier.  Sie 
tritt  uns  aber  auch  in  ein/einen  Worten  entgegen;  und  schließ- 
lich darf  man  nicht  vergessen,  daß  Jesus  wahrscheinlich  als 
politi.scher  Revolutionär  wegen  seiner  angeblich  messianischen 
Prätentionen  hingerichtet  worden  ist. 

Nun  l)leibt  aber  noch  die  Frage  zu  erwägen,  woher  die 
andere  Fassung  der  himmlischen  Stimme  stammt:  „Du  bist 
mein  'geliebter'  Sohn,  dich  habe  ich  erwählt"  oder  bei 
Matthäus:  „Dies  ist  mein  'geliebter'  Sohn,  den  habe  ich  er- 
wählt." Gewöhnlich  erklärt  man  diese  Fassung  aus  einer 
Mischung  von  Psalm  2,  7  mit  Jes.  42,  1:  'Dies  ist  mein  erlesener 


'  Vgl.  Hupo  Greßmann  Der  ürapruvg  der  israelitisch-jüdischen  Escha- 
tologit.     Göttingon  l'JO.^,.     S    253  ff. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorientalisclie  Taubengöttin    H 

(Knecht),    den    habe    ich    erwählt  ^'     Der    Text    ist    allerdings 
nicht  ganz  identisch,  aber  die  Abweichung  würde  vielleicht  be- 
greiflich werden,  wenn  man  an  eine  allmähliche,  nirgends  ganz 
geglückte  Verdrängung   des    Psalmenzitates    durch   die   Jesaja- 
stelle  glaubt;    die    leitende   Absicht  könnte  gewesen  sein,    den 
Hinweis  auf  die  Zeugung  aus  der  Erzählung  zu  entfernen,  der 
den  Späteren  nicht  ohne  weiteres  verständlich  oder  gar  wegen 
der  vorangehenden  Geburtsgeschichte  unverständlich  sein  mochte. 
Der  altsyrische  Text  indessen,  auf  den  nur  Lublinski^  nach- 
drücklich aufmerksam  gemacht  hat,  legt  eine  andere  Erklärung 
nahe.     Überall,   wo  Sinaiticus  und  Curetonianus  erhalten  sind, 
bieten  sie:  'Du  bist  mein  Sohn  und  mein  Geliebter,  dich  habe 
ich  erwählt.'  Das  zunächst  völlig  rätselhafte  'und'  ist  gewiß  nicht 
bei  der  Übersetzung  sekundär  eiageschoben^,  sondern  geht  auf 
den   ihnen   vorliegenden  griechischen   Urtext   zurück:    6v   et  6 
vlos   iiov    aal   6    dyanrjtög   (lov,   sv   öol  evööxriaa.     Man  wird 
diesen  Text  sogar  für  den  älteren  halten  müssen,  aus  dem  der 
gegenwärtige   erst    durch    Glättung   hervorgegangen    ist.     Das 
y.aC  deutet   auf  die   Verschmelzung   zweier   ursprünglich   selb- 
ständiger  Lesarten:    6v   sl  6   vlög  (lov  und  6v  bI  6  dyajcrjTos 
fiov,  zumal  da  die  erste  noch  im  echten  Lukastext  erhalten  ist. 
Damit   sind   aber   die  ursprünglichen  Lesarten  für  beide  Sätze 
wieder  rekonstruiert ;  die  eiae  kennen  wir  bereits  aus  dem  echten 
Lukas,  die  andere  ergibt  sich  von  selbst: 

1.  vlos  ^^ov  sl  6v,  iya  öij^iEQOv  ysyevvrjxä  6e. 

2.  6v  sl  6  dyajtrjtog  ^ov,  iv  6ol  evdöxrjßa. 

Der  Sinn  der  zweiten  Lesart  ist  durch  die  erste  bestimmt:  War 

1  Idov  6  nulg  (lov ...  6  iy.XsKTog  (lov  ov  sv36>iri6ev  rj  '^XV  i^ov  so 
lesen  einige  LXX-HSS.  im  Anschluß  an  den  Hebräer. 

'  Der  urchristliche  Erdkreis  und  sein  Mythos.  Jena  1910.  Bd.  II. 
Das  werdende  Dogma  vom  Leben  Jesu.     S.  126. 

s  Dasselbe  rätselhafte  'und'  kehrt  nur  noch  Matth.  17,  5  Cur.  wieder 
(aber  Verklärungs-  und  Taufsage  hängen  aufs  engste  zusammen,  und 
die  Zitate  sind  wörtlich  identisch),  fehlt  dagegen  Mark.  9,  7  Sin.;  Luk. 
20,  13  Sin.  Cur.  und  wo  man  es  sonst  suchen  könnte. 


■lo  Hugo  Greßmann 

dort  der  Christus  durch  die  Gottheit  zum  'Sohn'  adoptiert,  so  ist  er 
hier  zom  'Geliebten' erwählt.  Beides  erklärt  sich  aus  dem  Hofstil; 
nach  der  im  Orient  geläufigen  Anschauung  ist  der  König  ent- 
weder der  Sohn    resp.  Adoptivsohn    oder    der  Gatte    resp.  Ge- 
liebte   der    Gottheit.     Wie    die  Adoptivformel    so    deutet   auch 
die  Vermählungsformel  auf  eine   ursprünglich   weibliche  Gott- 
heit   hin,    die    erst  auf  jüdischem  Boden    durch  Jahve   ersetzt 
wurde.     Während  die  Adoptivvorstellung  für  die  jüdische  Re- 
li<Tion    zur    Not   noch    erträglich    ist,    kann    dasselbe   von    der 
Gattenwahl    kaum    gelten,    wenngleich  die   hinter  ihr  liegende 
sinnliche  Anschauung  nicht  in  ihrer  vollen  Stärke  empfunden 
sein    mag.     Aber    gerade    darum    wird    man  die  zweite  Lesart 
für  die  ältere  halten  dürfen;   wegen  ihres  hochmythologischen 
Inhalts    wurde   sie   indessen   schon  früh  verdrängt  und  ist  da- 
her nirgends  mehr  ungetrübt  erhalten.    Man  bevorzugte  später 
eine  Mischlesart,  die  aus  den  beiden  gleichwertigen  Texten  das 
Blasseste    und    am    wenigsten  Anstößige    auswählte.     Wie  die 
Adoptivformel    so    paßt    auch    die  Vermählungsformel    nur    in 
eine  Königsberufungssage;  der  Prophet  gilt  nirgends  als  Gatte 
oder  Geliebter  der  Gottheit. 

Fassen  wir  kurz  zusammen:  Die  Frage,  ob  eine  Berufungs- 
sage oder  eine  Berufuugsvision  vorliegt,  läßt  sich  nur  durch 
den  Sinn  der  Erzählung  entscheiden,  der  glücklicherweise 
doppelt  angegeben  ist:  durch  die  Handlung  und  durch  das  sie 
begleitende  und  erklärende  Wort.  Die  Untersuchung  der 
Handlung  hat  zu  keinem  sicheren  Ergebnis  geführt,  weil  sich 
der  „Geist"  sowohl  in  einem  Propheten  wie  in  einem  Könige 
inkamieren  kann,  und  weil  beide  Möglichkeiten  für  Jesus  in 
Betracht  kommen.  Den  Ausschlag  könnte  nur  die  Taube 
geben,  wenn  wir  wüßten,  ob  sie  ein  Königsvogel  oder  ein 
Prophetenvogel  ist;  aber  im  Alten  wie  im  Neuen  Testament 
fehlt  es  an  Stoff,  um  diese  Frage  zu  beantworten.  Die  Ant- 
wort findet  man  erst  in  außerbiblischen  Parallelen  (§  10). 
So  bleibt  nur  übrig,  sich  an  das  begleitende  Wort  zu  halten. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorientalische  Taubengöttin    I3 

Die  beiden  Fassungen  der  Himmelsstimme,  die  als  die  ältesten 
gelten  müssen,  passen  ebenso  wie  die  gegenwärtige  Mischform 
nur  zur  Berufung  Jesu  als  eines  Königs,  nicbt  eines  Propheten. 
Sie  lehren  weiter,  daß  sich  in  der  Taube  eine  Göttin  verkörpert, 
und  daß  eben  deshalb  von  einem  ^Geist'  die  Rede  ist;  da  die 
Juden  kein  Wort  für  'Göttin'  hatten,  so  mußten  sie  sich  mit 
einer  Umschreibung  helfen.  Setzt  man  für  "^Geisf  das  ur- 
sprüngliche 'Göttin'  wieder  in  die  Erzählung  ein,  so  wird  nie- 
mand mehr  an  eine  Berufung  Jesu  zum  Propheten  denken 
und  daran  zweifeln,  daß  hier  eine  Berufungssage  vorliegt. 

Jetzt  verstehen  wir,  warum  diese  Erzählung  die  Lebens- 
beschreibung Jesu  eröffnen  muß:  Sein  öffentliches  Wirken 
konnte  erst  beginnen,  wenn  er  zuvor  zum  Messias  berufen  ist. 
Jetzt  verstehen  wir,  warum  der  Geist  Gottes  auf  ihn  nieder- 
fahren muß:  In  dem  Könige  als  dem  'Sohne  Gottes'  inkarniert 
sich  die  Gottheit.  Jetzt  verstehen  wir,  warum  diese  Erzählung 
keine  Vision  sein  kann:  Ein  König  wird  nicht  durch  inneres 
Schauen,  sondern  durch  einen  äußeren  Akt  erwählt;  denn  bei 
ihm  kommt  es  nicht,  wie  beim  Propheten,  auf  die  Rechtferti- 
gung vor  seinem  Gewissen,  sondern  auf  die  allgemeine  Aner- 
kennung an.  So  ist  der  körperliche  Vorgang  die  Hauptsache; 
nur  durch  ihn  wird  es  ganz  sicher,  daß  Jesus  als  der  erkorene 
König  aus  der  großen  Masse  herausgehoben  ist.  Die  Voraus- 
setzung der  Sage  bildet  die  Johannestaufe,  und  wenn  es  auch 
nicht  ausdrücklich  gesagt  wird,  so  ist  es  doch  selbstverständ- 
lich, daß  Jesus  zusammen  mit  anderen  getauft  wird.  Die 
Überlieferung  weiß  im  allgemeinen  nur  von  Massentaufen, 
nicht  von  Einzeltaufen.  Erst  Lukas  betont  dies,  um  die 
Situation  für  seine  mit  den  Verhältnissen  nicht  vertrauten 
Leser  anschaulicher  zu  gestalten.  Eine  andere  schriftstellerische 
Absicht,  als  wolle  er  Jesus  zum  Mitläufer  der  Menge  machen 
und  ihn  so  wegen  der  Taufe  bei  Johannes  entschuldigen, 
braucht  man  nicht  dahinter  zu  suchen.  Die  Logik  der  Königs- 
sage verlangt  eine  Ansammlung  der  Massen;  bei  dieser  Gelegen- 


1^  Hugo  Greßmann 

heit  findet  das  Ereignis  statt,  durch  das  Jesus  als  der  einzige 
unter  vielen  ausgezeichnet  wird. 

Gegen    die    hier    vorgetragene  Deutung    der  Taufsage   wird 
man    freilich    einen    berechtigten     Einwand     erheben    können: 
Wenn    Jesus    wirklich    vor    dem    Volk    und    nicht    bloß    vor 
seinem  Gewissen  zum  König  erwählt  wird,  dann  muß  sich  die 
Schar  der  Zuschauer  daraufhin  irgendwie  äußern.   Gegenwärtig 
lautet   die  Fortsetzung:    'Und  sogleich  treibt  ihn  der  Geist  in 
die  Wüste.'     Die  Idee   könnte   sein:   Jesus   entzieht  sich  allen 
messianischen  Huldigungen;   er   will   das  Königsamt,   zu    dem 
ihn    die  Gottheit  bestimmt  hat,  nicht  antreten.     Dazu  gibt  es 
in    der   Tat   mancherlei   Parallelen   aus  dem    Alten  Testament 
und    dem  Talmud.*     Aber   es    handelt   sich  zweifellos  um  ein 
sekundäres  Motiv,    da    die  Taufsage    einst    ebenso    selbständig 
umgelaufen    ist  wie  die  Versuchungssage.     Dann  bleibt  nichts 
anderes  übrig  als  die  Annahme,  daß  der  ursprüngliche  Schluß 
unserer  Erzählung  fehlt.    Diese  Vermutung  ist  auch  deswegen 
erlaubt,  weil  die  Taufsage  sicher  nicht  mehr  in  ihrer  ursprüng- 
lichen Form  erhalten  ist;    denn   sie  hat  Sie  Form   der  Einzel- 
sage  verloren.     Gegenwärtig   ist  sie  mit  dem  Vorhergehenden 
80  eng   verbunden,    daß    sie   ohne    diese  Umgebung   gar  nicht 
verstanden    werden    kann.      Über    die    Johannestaufe,    die   sie 
voraussetzt,  wird  nichts  weiter  mitgeteilt,   weil  die  Einleitung 
des    Markus- Evangeliums     ausführlich    davon    gehandelt    hat. 
Wieviel   die  Taufsage   davon    als  bekannt  annimmt,   kann  nnr 
ans    ihr   selbst  erschlossen    werden.     Die    Aufgabe   der   Inter- 
pretation   bleibt   immer,   von    der   primären  Form  der  Einzel- 
sage auszugehen   und  den  sekundären  Zusammenhang  nur  so- 
weit   heranzuziehen,    als    zum  Verständnis    unbedingt   erforder- 
lich  ist.    Nun  sind  in  der  Taufsage  noch  drei  Rätsel  ungelöst, 
erstens,   wie  das  sonderbare  'er  sah'  zu  erklären  ist,   zweitens, 
warum  die  Geistverleihung  gerade  bei  der  Taufe  durch  Johannes 

'  Vgl.    Hngo  Greßmann     Vom    reichen    Mann   und    armen    Lazarus 
(Abb.  d.  Berl.  Akad,  d.  Wiss,  1918.   rhil.-hist.  Kl.  Nr.  7).  S.  27.  Anm.  2. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorientalische  Taubengöttin     15 

stattfinden  muß,  und  drittens,  -^ie  der  Schluß  ursprünglich 
gelautet  haben  mag.  Vielleicht  wird  uns  dies  alles  klar,  wenn 
wir  uns  den  Zusammenhang  vergegenwärtigen.  Wir  gehen 
dabei  wieder  auf  das  Markus-Evangelium  als  unsere  älteste 
Quelle  zurück. 

Es  stellt  in  der  Einleitung  Jesus  als  den  Größeren  dem  Täufer 
gegenüber.  Dieser  wartet  auf  den,  der  nicht' mit  Wasser,  son- 
dern  mit  heiligem  Geist  taufen  wird;  er  verkündet  sein  baldiges 
Kommen,  aber  er  weiß  nicht,  wer  es  ist.  Jetzt  führt  das 
Schicksal  beide  zusammen,  und  man  vermutet,  in  dem  Augen- 
blick, wo  Jesus  dem  Täufer  gegenübertritt,  muß  die  Offen- 
barung erfolgen.  Und  in  der  Tat,  Jesus  wird  durch  einen  Gottesvogel 
als  der  Christus  proklamiert;  der  heilige  Geist  senkt  sich  auf  ihn 
herab.  Der  Leser  weiß  sofort:  Jesus,  der  selbst  mit  heiligem 
Geist  getauft  ist,  wird  auch  andere  damit  taufen ;  Jesus  ist  der  von 
Johannes  Erwartete.  Ist  es  da  nicht  sinnlos  anzunehmen 
Jesus  sei  der  einzige  gewesen,  der  die  Taube  gesehen  habe, 
sei  es  mit  wachen  oder  visionären  Augen?  Der  Täufer  sollte 
das  nicht  bemerkt  haben,  was  nur  für  ihn  oder  gerade  für 
ihn  bestimmt  war?  Im  Gegenteil,  wenn  man  den  Zusammen- 
hang beachtet,  dann  ist  das  einzig  Natürliche,  Johannes  für 
das  Subjekt  des  'er  sah'  zu  halten.  Als  Jesus  aus  dem  Wasser 
steigt,  sieht  Johannes  den  Geist  als  Taube  auf  ihn  herab- 
kommen;  da  kann  der  Täufer  nicht  länger  zweifeln :  der  so 
lange  und  sehnlich  Erwartete  ist  endlich  erschienen!  An 
dieser  naheliegenden  Auffassung  vorbeizugehen,  haben  nur  die 
Regeln  der  klassisch-griechischen  Grammatik  gehindert.  Aber 
sie  gelten  für  die  Evangelien  nicht,  in  denen  der  Nominativus 
absolutus  nicht  selten  ist^;  und  für  den  aramäischen  Urtext 
der  Erzählung  fällt  jener  grammatische  Zwang  vollends  fort. 
Es  ist  eine  Eigentümlichkeit  der  semitischen  Sagenerzähler, 
und  gerade  der  ältesten  und  besten,   die  sich  durch  besondere 

'  Vgl.  Matth.  17,  2.  9.  14  D.     Wenn  Wellhauaen  recht  hat,   stand 
der  Nom.  abs.  ursprünglich  auch  in  Matth.  3,  16. 


2  g  Hugo  Greßmann 

Knappheit  auszeichnen,  daß  Subjekt  und  Objekt  häufig  nicht 
ausdrücklich  genannt  werden,  sondern  aus  dem  Zusammen- 
hang erschlossen  werden  müssen;  natürlich  wird  das  Verständ- 
nis dadurch  oft  sehr  erschwert,  bisweilen  sogar  unmöglich 
gemacht.  Wer  alttestamentliche  Sagen  oder  talmudische 
Legenden  gelesen  hat,  dem  stehen  Beispiele  dafür  in  Hülle 
und  Fülle  zur  Verfügung.'  Damit  ist  zugleich  auch  das 
zweite  Rätsel  gelöst:  Geistverleihung  und  Taufe  gehören  zu- 
sammen, weil  Johannes  den  Christus  anerkennen  soll. 

Ist  das  richtig,  dann  ist  endlich  auch  der  ursprüngliche 
Schluß  der  Sage  gegeben;  er  mußte  etwa  so  lauten:  'Da  beugte 
Johannes  seine  Knie  vor  Jesus  und  bekannte,  daß  er  nicht 
würdig  sei,  ihm  die  Sandalen  zu  tragen;  und  alle,  die  an- 
wesend waren,  huldigten  Jesus  als  dem  Christus  und  riefen: 
Heil  dir,  du  Sohn  Gottes!'  So  fordert  es  die  innere  Logik 
der  Sage;  denn  es  ist  sinnwidrig,  daß  Johannes  auf  das  Zeichen 
hin  schweigt,  das  er  selbst  gesehen  hat.  Schwieg  er  wirklich, 
dann  mußte  dies  ausdrücklich  motiviert  werden.  Wenn  man 
fragt,  wie  ein  solcher  Schluß  später  verschwinden  konnte,  so 
ist  die  Antwort  darauf  nicht  schwer.  Eine  derartige  öflFent- 
liche  und  allgemeine  Huldigung  für  Jesus  als  den  Messias  ist 
wohl  erträglich,  solange  die  Taufsage  in  ihrer  Vereinzelung 
bleibt;  sobald  sie  aber  in  den  Zusammenhang  des  Lebens  Jesu 
eingereiht  werden  sollte,  konnte  der  Widerspruch  mit  anderen 
besser  beglaubigten  Tatsachen  nicht  gut  übersehen  werden. 
Namentlich  wird  es  die  Theorie  von  der  geheimen  Messianität 
Jesu  gewesen  sein,  die  notwendig  zu  einer  Verstümmelung 
der  ursprünglichen  Taufsage  führen  mußte.  Da  diese  bei 
Markus  teilweise  noch  nachwirkende  Theorie,  wie  Wrede  ge- 
zeigt bat,  älter  als  unsere  Evangelien  ist,  so  wird  die  Tauf- 
sage   schon    dem  Markus    in    der    gegenwärtigen    Fassung   zu- 

'  Als  bcHondorB  markante  Beispiele  seien  genannt  die  BeBchneidunga- 
•age  des  Mose  (Ex.  4,  24—26)  und  die  Jesuslogende  (bab.  Sanh, 
S.   107B^ 


Die  Sage  Ton  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorientalische  Taubengöttin     17 

gekommen    sein.     Daher    begreifen    wir,    daß    auch    Matthäus 
und  Lukas  keine  Kenntnis   des  Ursprünglichen  mehr  besitzen. 

3.  Nun  gibt  es  freilich  immer  noch  Forscher  genug,  die 
lieber  den  Erzähler  zu  einem  armseligen  Stümper  und  seinen 
Interpreten  zu  einem  kühnen  Phantasten  machen,  als  daß  sie 
der  Kraft  ihrer  eigenen  Logik  vertrauen,  Ihnen  gegenüber 
kann  man  sich  glücklicherweise  darauf  berufen,  daß  das  Jo- 
hannes-Evangelium die  synoptische  Überlieferung  noch  in  der 
älteren,  hier  erschlossenen  Form  gelesen  oder  gehört  hat. 

Nach  dem  Prolog  beginnt  die  Erzählung  des  Lebens  Jesu  mit 
vier  Szenen,  die  an  vier  aufeinanderfolgenden  Tagen  in  Peräa 
spielen.  Von  ihnen  gehören  jedesmal  zwei  enger  zusammen. 
In  den  beiden  ersten  Szenen  (Joh,  1,  19 — 28.  29—34)  legt 
der  Täufer  mit  dem  Wort  Zeugnis  über  sich  und  über  Jesus 
ab,  in  den  beiden  letzten  Szenen  (Joh.  1,  35 — 42.  43 — 51) 
dagegen  legen  die  Jünger  des  Täufers  mit  der  Tat  Zeugnis 
über  Jesus  ab,  indem  sie  zu  ihm  übertreten.  Die  Erkenntnis 
dieser  künstlerisch  gut  aufgebauten  Komposition  wird  uns  vor 
dem  Fehler  bewahren,  einzelne  Teile  als  Doppelgänger  aus- 
zuscheiden und  von  einer  ungeschickten,  äußerlichen  An- 
einanderreihung zu  reden. 

Uns  geht  hier  nur  die  zweite  Szene  (Joh.  1,  29 — 34)  ge- 
nauer an:  'Am  folgenden  Tage  sieht  er  Jesus  auf  sich  zu- 
kommen und  spricht:  »Siehe,  das  Lamm  Gottes,  das  der  Welt 
Sünde  trägt!  Dieser  ist's,  von  dem  ich  gesagt  habe:  'Nach 
mir  kommt  ein  Mann,  der  vor  mir  gewesen  ist,  weil  er  eher 
war  als  ich.'  Und  ich  kannte  ihn  nicht,  sondern  damit  er 
Israel  offenbart  würde,  darum  bin  ich  gekommen,  mit  Wasser 
zu  taufen.«  Und  Johannes  gab  Zeugnis  und  sprach:  »Ich  habe 
den  Geist  herabkommen  sehen  wie  eine  Taube  vom  Himmel, 
und  er  ruhte  auf  ihm.  Und  ich  kannte  ihn  nicht;  aber  der 
mich  gesandt  hat,  mit  Wasser  zu  taufen,  der  hat  mir  gesagt: 
'Auf  wen  du  den  Geist  herabkommen  und  auf  ihm  ruhen 
siehst,   der  ist's,   der   mit   heiligem    Geist   taufen   wird.'     Und 

AccbiT  f.  BeligiouswieseQ  Schaft  XX  2 


28  Hngo  Greßmann 

ich  habe  das  gesehen  und  habe  bezeugt,  daß  dieser  der  Sohn 
Gottes  ist>' 

Hier  gibt  der  Täufer  zunächst  Aufschluß  über  seine  Taufe 
und  antwortet  damit  zugleich  auf  die  Frage,  die  am  Tage  vor- 
her Abgesandte  der  Pharisäer  an  ihn  gerichtet  hatten:  'Wozu 
taufst  du  denn,  wenn  du  weder  der  Christus  noch  Elia  noch 
der  Prophet  bist'  (Joh,  1,  25)?  Die  Johannestaufe,  so  hören 
wir  hier,  hatte  keinen  anderen  Zweck,  als  Israel  den  un- 
bekannten Messias  zu  offenbaren;  sie  wird  also  nur  als  Zeug- 
nis für  Jesus  aufgefaßt.  Damit  wird  die  sj-noptische  Über- 
lieferung, daß  die  Johannestaufe  ganz  allgemein  zur  Sünden- 
vergebung diente,  ebenso  abgelehnt  wie  die  Meinung,  die 
Johanneische  Taufe  sei  etwa  der  christlichen  an  Wert  gleich 
zu  achten.  Dem  entsprechend  erhält  Johannes  selbst  nicht 
mehr  das  Beiwort  'des  Täufers';  er  ist  nur  Wegbereiter  und 
Zeuge  für  Jesus.  Ohne  Zweifel  macht  sich  hier  eine  jüngere 
Tendenz  geltend,  die  historische  Bedeutung  des  Johannes  zu- 
gunsten Jesu  und  der  Johann  eischen  Taufe  zugunsten  der 
christlichen  Taufe  abzuschwächen.  Und  das  geschieht  sehr 
geschickt  durch  die  eigenen  Worte  des  Täufers. 

Im  zweiten  Teil  erfahren  wir  Genaueres  über  die  Art,  wie 
die  Johannestaufe  zur  Offenbarung  Jesu  als  des  Christus  dienen 
konnte.  Dabei  wird  die  Taufsage  nicht  erzählt,  sondern  als 
bekannt  vorausgesetzt.  Man  denkt  unwillkürlich  an  die  syn- 
optische Fassung,  macht  sich  aber  in  der  Regel  nicht  klar,  wie 
groß  die  Unterschiede  sind.  Erstens:  Nicht  Jesus,  sondern 
der  Täufer  ist  es,  der  die  Taube  sieht.  Der  Hauptbeteiligte 
ist  nicht  Jesus,  sondern  Johannes,  damit  er  Zeugnis  über  Jesus 
ablegen  kann.  Der  vierte  Evangelist  hat  das  gewiß  nicht  er- 
funden; denn  es  hat  sich  gezeigt,  daß  die  synoptische  Über- 
lieferung ursprünglich  auf  dieselbe  Pointe  hinauslief,  weil  nur 
80  das  'er  sah'  verständlich  und  die  Verbindung  der  Geist- 
verleihung mit  der  Jnhannestaufe  als  notwendig  begreiflich 
wird.     Wenngleich    hier   nicht    ausdrücklich    noch  einmal  her- 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  nnd  die  vorderorientalißclie  Taubengöttin     19 

vorffehoben  wird,  daß  die  Taube  bei  der  Taufe  Jesu  durch 
Johannes  herabkam,  so  versteht  sich  das  doch  nach  dem  Vor- 
ausgegangenen von  selbst;  Johannes  war  ja  nur  deshalb  mit 
der  Wassertaufe  erschienen,  'damit'  der  Sohn  Gottes  'Israel 
offenbart  würde'.  Wie  man  wohl  richtig  vermutet,  deutet  der 
vierte  Evancjelist  die  Taufe  Jesu  durch  Johannes  nur  deshalb 
leise  an,  weil  er  diese  ihm  peinliche  Tatsache  am  liebsten 
ganz  verleugnen  möchte.  So  schafft  er  hier  nicht  frei,  sondern 
ist  durch  die  Überlieferung  gebunden.  Zweitens:  Was  für 
den  ersten  Unterschied  ausgeführt  ist,  gilt  auch  für  den  zweiten, 
der  mit  ihm  aufs  engste  zusammenhängt;  wenn  sich  der  ganze 
Vorgang  vor  den  Augen  des  Täufers  abspielt,  dann  muß  er 
auch  für  Jesus  'zeugen'  oder,  wie  der  natürlichere  Sprach- 
gebrauch sagen  würde,  ihm  huldigen.  Diese  Huldigung  fehlt 
gegenwärtig  in  den  Synoptikern,  muß  aber  ursprünglich  erzählt 
worden  sein. 

Drittens:  Die  göttliche  Stimme,  die  vom  Himmel  ertönt, 
ist  beim  vierten  Evangelisten  zu  einer  einfachen  Mitteilung 
Grottes  an  den  Täufer  geworden,  die  man  weiß  nicht  wie  er- 
folgt. Das  ist  die  konsequentere  Umgestaltung  der  synoptischen 
Sage,  die  auf  halbem  Wege  stehen  geblieben  ist.  Die  ur- 
sprüngliche Logik  der  Königssage  verlangt,  daß  jeder  An- 
wesende die  Taube  sieht  und  die  Stimme  hört,  die  den  Vor- 
gang deutet.  Indem  sich  nun  das  Motiv  der  Königssage  mit 
der  Taufe  Jesu  durch  Johannes  verbindet,  wird  Johannes  zur 
zweiten  Hauptperson;  die  Erzählung  drängt  jetzt  dahin  zu 
betonen,  daß  Johannes  sieht  und  hört.  So  lautet  es  denn 
auch  beim  vierten  Evangelisten  ganz  folgerichtig,  während 
die  Synoptiker  nur  das  Sehen  auf  Johannes  beziehen,  das 
Hören  dagegen  der  Allgemeinheit  zuschreiben.  Viertens  wird 
dem  Johannes  das  göttliche  Wort  zuteil,  ehe  die  Taube  er- 
scheint. Auch  darin  ist  der  vierte  Evangelist  sekundär  gegen- 
über den  Synoptikern;  denn  damit  wird  die  Pointe  der  Sage 
vorweggenommen  und  ihre  Schönheit  zerstört   Der  Inhalt  des 


■5Q  Hngo  Greßmann 

Gotteswortes  ist  derselbe;  er  weicht  nur  formell  ab,  da  er  kein 
Zitat  aus  dem  Alten  Testamente,  sondern  eins  aus  der  Ver- 
kündigung des  Täufers  bringt.  Das  ist  wieder  ein  Schritt 
vorwärts,  um  die  Erzählung  einheitlicher  zu  machen.  Wenn 
Jesus  von  Johannes  als  der  Christus  bezeugt  werden  soll, 
dann  liegt  es  in  der  Tat  am  nächsten,  die  Formulierung  der 
Messiasidee  dem  Wort-  und  Gedankenschatz  Johannes'  des 
Täufers  zu  entnehmen.  Diese  Erwägung  beweist  zwar  nicht, 
spricht  aber  sehr  dafür,  daß  die  Taufsage  oder  vielmehr  Königs - 
sage  schon  in  einer  älteren  Form  auf  jüdischem  Boden  um- 
lief, ehe  sie  auf  Jesus  und  in  die  gegenwärtige  Situation 
übertragen  wurde.  Die  Abhängigkeit  des  vierten  Evangelisten 
von  der  synoptischen  oder  der  ihr  verwandten  Überlieferung 
zeigt  sich  wieder  in  der  Anspielung  auf  den  'Sohn  Gottes'. 

Fünftens:  Der  wichtigste  Unterschied  sei  zuletzt  genannt. 
Trotz  aller  Übereinstimmung  im  einzelnen  ist  der  ganze  Sinn 
der  Sage  im  vierten  Evangelium  ein  anderer  geworden.  Nach  den 
Synoptikern  wird  Jesus  durch  die  Herabkunft  des  als  Taube 
gedachten  Geistes  erst  zum  König  oder  Sohn  Gottes  gemacht; 
in  diesem  Augenblick,  'heute',  inkarniert  sich  die  Gottheit  in 
ihm.  Für  den  vierten  Evangelisten  dagegen  ist  Jesus  schon  längst 
der  Sohn  Gottes;  er  war  es  schon  bei  der  Geburt,  ja  sogar 
schon  in  der  Präexistenz.  Es  ist  daher  durchaus  folgerichtig, 
wenn  er  das  Zitat  aus  Psalm  2  vermeidet  und  durch  ein 
anderes  ersetzt.  Aber  er  hat  nicht  bedacht,  daß  er  konsequen- 
terweise nur  von  der  ITerabkunft  der  Taube  und  nicht  der  de.s 
Geistes  reden  durfte;  denn  das  Wort,  das  Fleisch  ward  und 
unter  uns  'zeltete',  besitzt  schon  den  göttlichen  Geist,  Die 
Taube  allein  hätte  genügt,  um  das  klarzumachen,  was  die 
Erzählung  sagen  will:  Der  Messias  war  bereits  da,  aber  er 
war  noch  verborgen.  Niemand  kannte  ihn,  auch  Johannes 
nicht.  So  wäre  es  ein  Geheimnis  geblieben,  wenn  nicht  Gott 
selbst  den  Schleier  gelüftet  hätte.  Er  gab  dem  Johannes  ein 
Zeichen,  das  er  ihm  vorher  ankündigte  und  deutete:  „Auf  wen 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorientalische  Taubengöttin     2 1 

du  die  Taube  herabkommen  siehst,  der  ist  es."  Während  also 
die  Synoptiker  von  einem  Menschen  erzählen,  der  bei  der  Johannes- 
taufe durch  die  Taube  als  Gottkönig  berufen  und  ausgestattet  wird, 
handelt  es  sich  bei  Johannes  um  den  verborgenen  Messias,  der 
als  Gottkönig  bereits  unerkannt  auf  Erden  wandelt  und  bei 
der  Johannestaufe  durch  die  Taube  nur  Israel  offenbart  wird. 
Das  Motiv  des  verborgenen  Messias  ist  auch  sonst  dem  Juden- 
tum geläufig,  muß  jedoch  in  dieser  Taufsage  als  sekundär 
gelten. 

4.  Während  die  Taufsage  bei  Lukas  nicht  wesentlich  ver- 
ändert erscheint,  tritt  sie  uns  bei  Matthäus  auf  ihrer  jüngsten 
Stufe  innerhalb  des  Neuen  Testamentes  entsjegen.  Als  Jesus 
zu  Johannes  kommt,  sich  von  ihm  taufen  zu  lassen,  wehrt 
ihn  dieser  sofort  ab:  »Ich  habe  nötig,  von  dir  getauft  zu 
werden,  und  du  kommst  zu  mir.«  Da  antwortet  Jesus:  »Laß 
das  jetzt,  denn  also  ziemt  es  sich  für  uns,  alle  Gerechtigkeit 
zu  erfüllen.«  Und  so  läßt  er  ihn  (Matth.  3,  13 — 17).  Jesus 
gibt  dem  Täufer  also  recht  und  besteht  auf  seinem  Wunsche 
nur,  um  kein  Ärgernis  zu  erregen;  der  Macht  des  Gesetzes 
oder  der  Sitte  beugt  er  sich,  obwohl  er  als  sündloser  Mensch 
der  Taufe  entbehren  könnte.  Damit  ist  die  Taufe  Jesu  zur 
leeren  Form  herabgesunken  und  die  Sage  ihres  Inhalts  beraubt; 
denn  wenn  Jesus  schon  weiß,  daß  er  der  Messias  ist,  und 
wenn  auch  der  Täufer  nicht  daran  zweifelt,  so  kommt  der 
heilige  Geist  -post  festimi  und  jede  Epiphanie  ist  überflüssig. 
Man  sieht,  wie  die  Urgemeinde  anfängt,  an  der  Taufe  Jesu 
durch  Johannes  Anstoß  zu  nehmen;  daraus  folgt  aber  zugleich, 
daß  das  Motiv  der  Johannestaufe  Jesu  verhältnismäßig  alt 
sein  muß. 

5.  Außerhalb  des  Neuen  Testamentes  besitzen  wir  zunächst 
den  Bericht  des  Ebioniten-Evangeliums  (Bruchstück  3 
Klostermann).  'Als  das  Volk  getauft  war,  kam  auch  Jesus  und  ließ 
sich  von  Johannes'  taufen,  IJnd  wie  er  aus  dem  Wasser  auf- 
stieg, öffnete  sich  der  Himmel,  und  er  sah  den  heiligen  Geist 


22  Hugo  Greßmann 

in  Gestalt  einer  Taube  herabkommen  und  in  ihn  eingehen. 
Und  eine  »Stimme  erscholl  aus  dem  Himmel  also:  *Du  bist 
mein  lieber  Sohn,  dich  habe  ich  erwählt.«  Und  wiederum: 
>Ich  habe  dich  heute  gezeugt/  Und  alsbald  umstrahlte  den 
Ort  ein  gewaltiges  Licht.  Als  Johannes  das  sah,  spricht  er 
zu  ihm:  »Wer  bist  du?«  Und  wiederum  (erscholl)  eine  Stimme 
aus  dem  Himmel  zu  ihm:  »Das  ist  mein  lieber  Sohn,  den  habe 
ich  erwählt.«  Da  fiel  Johannes  vor  ihm  nieder  und  sprach: 
»Ich  bitte  dich,  Herr,  taufe  du  mich!«  Der  aber  wehrte  ihn 
ab  mit  dem  Worte:  »Laß  ab,  denn  also  ziemt  es  sich,  daß 
alles  erfüllt  werde«.' 

Usener  betont  mit  Kecht  „die  rührende  Unterwerfung" 
des  Johannes  unter  den  Höheren,  die  ganz  natürlich  durch 
das  Wunder  nach  der  Taufe  herbeigeführt  wird,  während 
Matthäus  „diesen  Zwischenfall  unvermittelt  vor  Taufe  und 
Wunder  schiebt"  (Usener  ^S.  62).  Damit  ist  für  ihn  die 
Frage  von  selbst  beantwortet,  „wo  der  ursprüngliche  und  un- 
getrübte Bericht,  wo  die  entstellte  Umbildung  vorliegt".  Seine 
Beobachtung  ist  sehr  fein  und  entspricht  durchaus  dem  künst- 
lerischen Empfinden,  das  bei  der  synoptischen  Erzählung  den 
Schluß  vermißt:  die  Huldigung  des  Johannes  vor  Jesus.  Wer 
dies  einmal  erkannt  liat,  wird  vielleicht  sogar  geneigt  sein, 
einen  Ur-Matthäus  zu  rekonstruieren  oder  vieiraehr  eine  Vor- 
lage des  Matthäus  zu  vermuten,  in  der  das  Gespräch  zwischen 
Jesus  und  Johannes  noch  wie  im  Ebioniten- Evangelium  am 
Schluß  stattfand;  mit  der  Umstellung  wäre  eine,  wenn  auch 
nur  ganz  geringfügige,  Umdichtung  verbunden.  Es  macht 
gar  keine  Schwierigkeit,  zwischen  der  Überlieferung  des  Mar- 
kus und  des  Matthäus  mehrere  fehlende  Zwischenglieder  ein- 
zuschieben. Jedenfalls  "ist  diese  Hypothese  einleuchtender  als 
die  Annahme  einer  nachträglichen  Verbesserung  des  Matthäus 
durch  einen  geschmackvollen  Schriftsteller;  denn  in  allen 
übrigen  Zügen  zeichnet  sich  die  Darstellung  des  Ebioniten- 
Evangeliums  nicht  durch  besonderes  Geschick  aus.     Charakte- 


v^y 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorientaliache  Taubengöttin     23 

ristisch  ist  für  sie  zunächst,  daß  sie  die  Himmelestimme  dreimal 
erschallen  läßt  und  so  Gelegenheit  hat,  die  verschiedenen 
Fassungen  bei  Markus,  Lukas  D  und  Matthäus  miteinander 
zu  kombinieren.  Ferner  ist  "die  Frage  des  Täufers:  'Wer  bist 
du?'  nach  dem  zweiten  Grottesworte  sehr  merkwürdig;  denn 
wenn  er  es  bis  dahin  nicht  begriffen  hat,  wird  ihm  auch  die 
dritte  Offenbarung  nichts  nützen,  zumal  da  sie  nur  die  erste 
wiederholt.  Vor  allem  aber  ist  die  Abhängigkeit  von  Matthäus 
nicht  zu  bezweifeln.  Wenn  Matthäus  den  Täufer  sagen  läßt: 
'Ich  habe  nötig,  von  dir  getauft  zu  werden',  so  kann  man  das  ge- 
wiß im  Sinne  des  Ebioniten-Evangeliums  verstehen:  'Ich  bitte 
dich,  Herr,  taufe  du  mich!'  Aber  wahrscheinlich  ist  diese 
Auffassung  nicht,  weil  der  Täufer  gewiß  längst  getauft  war, 
und  weil  es  nicht  auf  den  Taufenden,  sondern  auf  die  Tat- 
sache der  Taufe  ankam.  Ebenso  muß  die  Redewendung:  'denn 
also  ziemt  es  sich,  daß  alles  erfüllet  werde'  als  eine  falsche 
oder  wenigstens  unklare  Interpretation  des  Matthäuswortes 
gelten:  'um  alle  Gerechtigkeit  zu  erfüllen'.^ 

Endlich  ist  noch  ein  eigenartiger  Zug  zu  erwähnen,  der 
sich  in  dem  gegenwärtigen  Text  der  neutestamentlichen  Evan- 
gelien nicht  findet:  das  'gewaltige  Licht',  das  den  Ort  um- 
strahlt. Eine  Reihe  von  Zeugen  berichtet  Ähnliches,  dar- 
unter auch  zwei  Handschriften  der  Itala  (zu  Matth.  3,  16). 
Hier  heißt  es:  'Als  er  getauft  wurde,  leuchtete  ein  gewaltiges 
Licht  rings  vom  Wasser  auf,  so  daß  sich  alle  Anwesenden 
fürchteten.'^  Aber  dieser  Wortlaut  paßt  nicht  organisch  in 
den  Zusammenhang    und    verrät  sich    schon    dadurch    als   ein 


*  Die  Betonung  der  Gerechtigkeit  ist  charakteristisch  für  Matthäus. 
„Drei  originale  Matthäussprüche  (5,  10;  5,  20;  6,  1)  und  drei  Erweite- 
rungen des  Textes  durch  Matthäus  (5,  6;  6,  33;  21,  32)  lassen  die  Ge- 
rechtigkeit als  Hauptsache  im  Evangelium  oder  in  der  Lehre  des 
Johannes  erscheinen."  (Martin  Dibelius  Johannes  der  Täufer  S.  61 
Anm.  1.) 

-  et  cum  haptizaretur,  lumen  ingens  circumfulsit  de  aqua  ita  ut  time- 
rent  omnes,  qui  advenerunt  a  und  fast  ebenso  g  \ 


24  '  Hngo  Greßmann 

nachträglicher  Zusatz.  Man  kann  ihm  darum  auch  nichts  Ge- 
naueres entnehmen  über  die  Zeit,  vcann  die  Feuererscheinung 
stattfand.  Bei  Justin  \D\al.  c.  Tnjplione  88)  heißt  es:  'Als 
Jesus  zum  Wasser  hinabstieg,  wurde  ein  Feuer  entzündet  im 
Jordan,  und  als  er  aus  dem  Wasser  aufstieg,  flog  die  Taube 
als  heiliger  Geist  auf  ihn.''  Vermutlich  geht  das  im  Jordan 
entzündete  Feuer  auch  hier  wie  nach  den  anderen  Texten  von 
Jesus  aus,  aber  hier  ist  vom  Feuer  schon  vor  dem  Erscheinen 
der  Taube  die  Rede,  während  nach  dem  Evangelium  der 
Ebioniten  das  Licht  erst  nach  dem  Erscheinen  der  Taube  auf- 
leuchtet. Allerdings  ist  nicht  einzusehen,  warum  die  Um- 
strahlung des  Ortes  gerade  nach  dem  zweiten  Gotteswort  er- 
folgt; aber  da  der  Verfasser  verschiedene  Texte  miteinander 
vermischt,  so  darf  man  behaupten,  daß  in  einer  seiner  Vor- 
lacren  der  Heiligenschein  von  Jesus  ausstrahlt,  sobald  sich  der 
Geist  in  ihm  niedergelassen  hat.  Das  wäre  ein  einfacher 
Text,  natürlicher  als  der  aus  den  beiden  Italacodices  oder  gar 
aus  Justin. 

Die  Frage,  ob  diese  göttliche  Glorie  zum  ursprünglichen 
Bestände  der  Taufsage  gehört,  läßt  sich  nicht  sicher  beant- 
worten. Usener  und  Bousset^  halten  es  für  wahrscheinlich. 
unter  ihren  Gründen  wird  man  indessen  den  Hinweis  auf  das 
Wort  des  Täufers  ablehnen  müssen:  Mer  wird  euch  mit  heili- 
gem Geist  und  Feuer  taufen'^;  denn  so  wenig  wie  das  Taufen 
mit  Geist,  bezieht  sich  das  Taufen  mit  Feuer  ursprünglich  auf 
die  Taufe.  Wohl  aber  mag  man  sich  auf  die  feurigen  Zungen 
in  der  Pfingstsage,  auf  die  Lichterscheinung  bei  der  Verklärung 


'  xaTtX96vT0g  xov  'ItjGov  inl  tö  vdcog  xul  nvQ  ivriffd'T]  iv  rät  'log- 
dävji  xal  ^cvudvvTog  airov  &nb  xov  vdarog  mg  nsgiCTegav  rb  ayiov 
TtvtCfia  inntrf\vai  in  ahtov  lyguy^uv  ol  intöeroXot  airov  zovxov  xov 
Xqigtov  i]u€iv. 

»  Wilhelm  Bousaet  Die  Evangeliencitate  Justins  des  Märtyrers. 
Göttingen  1891.     S.  64  f. 

»  Matth.  3.  11;  Luk.  3.  16.  Das  Feuer  fehlt  in  der  Parallele  bei 
Markns. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorientalische  Tanbengöttin     25 

Jesu  oder  bei  der  Bekehrung  des  Paulus  und  auf  die  Vor- 
stellungen vom  Pneuma  und  von  der  Gottheit  überhaupt  be- 
rufen. Obwohl  daher  die  Möglichkeit  nicht  bestritten  werden 
kann,  ist  doch  die  Wahrscheinlichkeit  sehr  gering.  Denn 
erstens  sind  Taube  und  Lichtglanz  parallele  Züge,  von  denen 
einer  vollauf  genügen  würde.  Zweitens  weist  schon  die 
schwankende  Stellung  der  Lichterscheinung  auf  einen  sekun- 
dären Zusatz  hin.  Drittens  würde  man  erwarten,  wenn  das 
Feuerzeichen  ursprünglich  wäre,  davon  nicht  erst  im  Wasser 
oder  über  dem  Wasser,  sondern  schon  beim  Offnen  des  Him- 
mels zu  hören,  wenn  anders  der  Geist  wirklich  aus  dem 
Himmel  kommt.  Demnach  ist  das  Licht  wohl  erst  später  als 
selbstverständliche  Begleiterscheinung  des  Geistes  hinzugefügt 
worden;  die  Häufung  der  Motive,  die  die  Epiphanie  der  Gott- 
heit deutlich  machen  sollen,  ist  fast  immer  Kennzeichen  nach- 
träglicher Bearbeitung. 

6.  Wir  besitzen  ferner  die  Taufsage  des  Hebräer-Evan- 
geliums beinahe  vollständig  (Bruchstücke  3 — 4  Klostermann). 
Ebenso  wie  bei  Matthäus  wird  auch  hier  die  Taufe  Jesu  durch 
Johannes  anstößig  empfunden,  weil  Jesus  der  Überlegene  und 
Sündlose  ist.  Geht  er  dort,  um  alle  Gerechtigkeit  zu  erfüllen, 
so  geht  er  hier,  weil  er  von  seinen  Verwandten  gezwungen 
wird.  Aber  er  sagt  zu  ihnen:  'Was  habe  ich  gesündigt,  daß 
ich  hingehen  sollte  und  mich  von  ihm  taufen  lassen?  Es 
müßte  denn  eben  das,  was  ich  gesagt  habe,  Unwissenheit  sein.' 
Wahrscheinlich  will  er  damit  die  Möglichkeit  zugeben,  aus 
Unwissenheit  gesündigt  zu  haben  (Lev.  5,  17),  obwohl  er  sich 
im  allgemeinen  als  sündlos  fühlt.  'Da  geschah  es,  als  der 
Herr  aus  dem  Wasser  emporgestiegen  war,  stieg  die  ganze 
Quelle  des  heiligen  Geistes  herab,  ruhte  auf  ihm  und  sprach 
zu  ihm:  »Mein  Sohn,  in  allen  Propheten  erwartete  ich  dich, 
daß  du  kämest  und  ich  in  dir  ruhte.  Denn  du  bist  meine 
Ruhe;  du  bist  mein  erstgeborener  Sohn,  der  da  herrscht  in 
Ewigkeit«.'     Wie   bei   den  Synoptikern  die  Wahl   des   Zitates 


26  Hugo  Greßmann 

aus  Jea.  42,  1 :  'den  ich  erwählt  habe'  durch  die  Fortsetzung  be- 
stimmt sein  mag:  'denn  ich  habe  meinen  Geist  auf  ihn  gelegt' \  so 
mag  der  Text  des  Hebräer-Evangeliums  außer  durch  die  Syn- 
optiker auch  durch  Jes.  11,  2  beeinflußt  sein:  'und  ruhen  wird 
auf  ihm  der  Geist  Gottes'.-  Ferner  mag  die  'Quelle  des 
(heiligen)  Geistes'  angeregt  worden  sein  durch  verwandte  alt- 
testamentliche  Ideen  von  der  'Quelle  des  Lebens'  (Ps.  35,  10) 
oder  von  der  'Quelle  der  Weisheit'  (Prov.  18,  4  MT).  Aber 
der  leitende  Grundgedanke  stammt  weder  aus  dem  Alten  noch 
aus  dem  Neuen  Testamente:  der  Geist  inkarniert  sich,  wenig- 
stens teilweise,  in  aUen  Propheten.  Denn  er  sucht,  bis  er  den 
findet,  in  dem  er  zur  Ruhe  kommen  soll;  aber  es  ist  niemals 
der  rechte.  Erst  in  Jesus  erreicht  er  sein  Ziel,  und  darum 
strömt  er  in  ihn  mit  seiner  ganzen  Fülle  ein  und  nennt  ihn 
seinen  erstgeborenen  Sohn,  der  in  Ewigkeit  herrschen  soll. 

Dieselbe  Christologie  kennen  wir  aus  dem  System  der 
Ebioniten,  das  uns  auch  in  den  pseudo-klementinischen 
Schriften  vorliegt:  Der  Avahre  Prophet  durcheilt  vom  Anfang 
der  Welt  an  ruhelos  den  gegenwärtigen  Aon,  wechselt  zugleich  mit 
dem  Namen  die  Gestalt  und  findet  zuletzt  seine  Ruhe  im 
Christus,  der  als  Herrscher  des  künftigen  Äons  gedacht  wird.^ 
Die  himmlische  Gestalt  wird  verschieden  benannt:  'der  wahre 
Prophet'  oder  'Adam'  oder  'der  Christus'  oder,  wie  hier  im 
Hebräer-Evangelium  und  bei  Epiphanius,  'der  Geist'.*  Wie 
die  Vorstellung  von  der  mehrfachen  Verkörperung  des  himm- 


*  fdcaxa  To  nvtviiä  (lov  in    avxov. 

*  xal  ivaTtavetzat,  in    aixhv  nvBVfLu  tov  ^eov. 

■  Hom.  III  20  (=  Rek.  II  22):  og  &n'  &qxV?  c^iöivog  &fia  rotg  hvöyLaoi 
fiOQ<pccs  ScXläßacov  xuv  cclüva  TQixei,  fiixQ'^S  oxb  idioiv  ;j;eora)»'  xv%aiv  .  .  . 
fle  &tl  f^et  '■')»'  ävänavaiv.  Hom.  III  19  niXXovxog  yöcg  aimvog  ßaciXevg 
tlvai  xaxT}^i(0(iivog 

*  Epipban.  I'an.  30,  3,  6;  S.  337,  6  Holl:  ndXiv  dh  oza  ßovXovxai 
XiYovoiv  oi>ii,  &XXÜ.  ilg  aixov  ftX^h  xb  nvtv(icc  onsQ  ißxiv  6  Xgicxog  xal 
irtdvcuxo  uixbv  xbv  'irjcovj'  xuXovfievov.  xal  noXXi]  nag'  uitoig  Gxdxacig, 
&XXoxe  &XX(og  xal  äXXcog  aixbv  vnoxL9efiivoig. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorientalische  Taubengöttin     27 


lischen  Wesens  in  Adam,  Henoch,  Noali,  Abraham,  Isaak, 
Jakob,  Mose  und  Jesus  entstanden  sein  mag,  ist  nicht  sicher 
zu  sagen.  Bousset  (Hauptprobleme  S.  213  ff.)  will  sie  mit 
ziemlicher  Sicherheit  auf  die  brahmanische  Avatära-Theorie  ^ 
zurückfuhren;  die  indische  Anschauung  von  dem  Herabsteigen 
(avaiära)  Vischnus  und  von  der  Verkörperung  anderer  Götter 
in  ausgezeichneten  Menschen  entspricht  ungefähr  der  klemen- 
tinischen  Auffassung.  Wahrscheinlich  aber  hat  diese  ihre 
Wurzel  weder  in  der  brahmanischen  Avatära-Theorie  noch  in 
der  buddhistischen  Lehre  der  Inkarnationen  Buddhas,  sondern 
in  der  vorderorientalischen  Königsidee.  Sonst  wäre  kaum  zu 
begreifen,  daß  sich  die  Gottheit  zwar  in  den  (als  Königen  ge- 
dachten) Urvätern,  aber  nicht  in  den  Propheten  Israels  inkar- 
niert;  der  'wahre  Prophet',  der  gesalbt  ist,  ist  eben  ursprüng- 
lich gar  kein  Prophet,  sondern  ein  König. 

7.  Eine  letzte  Gestalt  der  Taufsage,  die  vermutlich  auf  ein  apo- 
kryphes Evangelium  zurückgeht,  können  wir  aus  verschiedenen 
Anspielungen  erschließen;  das  deutlichste  und  interessanteste  Bei- 
spiel dafür  ist  Ode  Salomos  24,  deren  erste  Strophen  lauten: 


Die  Taube  flog  auf  den  Chi-istus 
hernieder, 

weil  er  ihr  Fürst  war ; 
sie  sang  über  ihn, 

und  ihre  Stimme  erscholl. 

Da  fürchteten  sich  die  Bürger, 

und  die  Fremden  erschraken; 
die  Vögel  senkten  ihre  Schwingen, 

das  Gewürm  ging  in  seine  Höhle 
und  starb. 

Die  Abgründe  öffneten  sich  und 
schlössen  sich-, 
sie  schrien  nach  dem  Herrn  wie 
Gebärende. 

*  Über  sie  vgl.  jetzt  Garbe  Indien  und  das  Christentum  S.  264  ff. 

*  Die  Rechtfertigung  für  diesen  Text  gebe  ich  an  anderer  Stelle.  Hier 
sei  nur  bemerkt,  daß  in  v.  3  'al  vemith'  und  mit  Zahn  'kä'in'  zu  lesen  ist. 


Doch  der  ward  ihnen  nicht  zum 
Fraß  gegeben, 
denn  er  gehörte  ihnen  nicht  an. 

Man    versiegelte     aber    die    Ab- 
gründe mit  des  Herrn  Siegel, 
so     vergangen     dieses     Eates 
wegen,   die  von  Urzeit  ge- 
wesen. 

Denn    sie    hatten    von  Uranfang 
vernichtet, 
aber  das  Ende  ihres  Vemichtens 
war  das  Leben.  ^ 


23  Hngo  Greßmann 

Der  Dichter  dieser  Ode  knüpft  an  die  neu  testamentliche 
Taufsage  an,  gestaltet  sie  aber  zugleich  in  grandioser  Weise 
am.  Die  Taube  soll  den  Christus  als  den  auserwählten  König 
erweisen,  doch  nicht  wie  im  Neuen  Testament  als  den  Messias 
der  Juden,  sondern  als  den  Herrn  der  ganzen  Welt.  Damit 
ist  auch  erklärt,  was  sie  'über  ihn  singt':  sie  proklamiert  den 
Regierungsantritt  des  Christus.  Von  diesem  zentralen  Gedanken 
aus  werden  alle  Einzelheiten  der  bisher  so  rätselhaften  Ode 
verständlich.  Zunächst  wird  die  gewaltige  Wirkung  ausgemalt, 
die  diese  Offenbarung  der  Taube  ausübt:  es  fährt  ein  Schrecken 
durch  die  Welt;  die  Menschen  halten  vor  Entsetzen  den  Odem 
an,  die  Vögel  lassen  erstarrt  ihre  Schwingen  hängen,  und  das 
schädliche  Gewürm  verkriecht  sich  in  seiner  Höhle  und  stirbt. 
Wenn  der  Christus  erscheint,  so  beginnt,  wie  alle  Kreatur 
weiß,  das  letzte  gigantische  Ringen  des  Guten  und  des  Bösen 
um  die  Herrschaft  in  der  Welt.  Sitz  und  Personifikation  des 
Urbösen  sind  die  dämonischen  Abgründe,  die  Abyssoi:  sie 
nehmen  sofort  den  Kampf  gegen  den  Christus  auf,  öffnen  und 
schließen  krampfhaft  ihr  Maul,  schreien  wahnsinnig  laut  wie 
die  Gebärenden  und  schnappen  nach  dem  Herrn,  um  ihn  zu 
verschlingen.  Aber  sie  können  nur  die  fressen,  die  ihnen  ver- 
wandt sind;  der  Herr  jedoch  stammt  aus  einem  anderen  Ge- 
Bchlechi  Der  Tod  hat  keine  Macht  über  ihn,  weil  er  kein 
sterbliches  Wesen  ist.  Das  ist  der  letzte  Anschlag  der  hölli- 
schen Abgründe  gewesen;  zur  Strafe  für  ihn  werden  sie  mit 
dem  Siegel  des  Herrn  versiegelt,  das  sie  nicht  wieder  lösen 
können.  Jetzt  sind  die  urzeitlichen  Mächte,  die  nur  ver- 
nichten konnten,  durch  den  Christus  endgültig  vernichtet;  der 
Tod,  der  alles  verschlang,  ist  jetzt  [selbst  verschlungen  vom 
Leben.  Damit  ist  das  Ziel  der  Weltgeschichte  erreicht:  das 
Leben  ist  zur  Herrschaft  gekommen,  der  Tod  hat  seine  Macht 
verloren. 

Es    kann  kein  Zweifel  daran  sein,   daß  am  Eingang  dieser 
Ode  die  Taufsage   Jesu    benutzt    wird,    freilich   in   einer  eigen- 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorientalische  Taubengöttin     29 

artigen  Form.  Die  Taube  'flog  hernieder  ^,  so  heißt  es  hier; 
diese  Lesart  ist  zwar  im  Neuen  Testamente  nirgends 
bezeugt,  wir  sind  ihr  aber  schon  bei  Justin  begegnet,  und 
Bousset*  hat  neun  Belege  für  sie  gesammelt,  zu  denen  sich 
jetzt  unser  Psalm  als  zehnter  hinzugesellen  würde.  Wenn 
hier  ferner  das  Erschrecken  der  Kreatur  hochpoetisch  aus- 
gemalt wird,  so  dürfen  wir  die  Anregung  dazu  auf  einen 
Text  der  Taufsage  zurückführen,  wie  er  uns  in  den  beiden 
schon  erwähnten  Itala-Codices  (zu  Matth.  3,  16  vgl.  o.  S.  23) 
überliefert  ist.  Das  Singen  der  Taube  entspricht  ganz  dem 
phantastisch  -  märchenhaften  Kolorit,  das  den  Oden  Salomos 
überhaupt  eigentümlich  ist.  Eine  ähnliche  Verschiebung 
ist  übrigens  auch  im  Hebräer-Evangelium  eingetreten,  sofern 
dort  die  Stimme  vom  Himmel  durch  den  Spruch  des  heiligen 
Geistes  ersetzt  worden  ist.  In  beiden  Fällen  ist  die  ältere 
Fassung  vereinfacht  worden,  das  eine  Mal  in  poetischer,  das 
andere  Mal  in  prosaischer  Weise;  das  Hebräer- Evangelium 
redet  nur  vom  Geist,  die  Ode  umgekehrt  nur  von  der  Taube. 
Wenn  der  Christus  hier  als  der  'Fürst'  (aQxo^v)  der  Taube 
bezeichnet  wird,  dann  gilt  die  Taube  als  'Diener'  (dLaxovog). 
Aus  Clemens  Alexandrinus  erfahren  wir,  daß  dies  die  Rede- 
weise der  Anhänger  des  Basilides  war:  'Die  Taube,  die  kör-v 
perlich  erschien,  nennen  die  einen  den  heiligen  Geist,  die  An- 
hänger des  Basilides  aber  den  Diener'.^ 

8.  Da  wir  jetzt  den  ganzen  Stoff  überschauen,   dürfen   wir 
die  Frage  nach  der  Geschichtlichkeit  aufwerfen.^    Es  ist 


^  iitsTcrr^. 


^  Evangeliencitate  Justins  S.  58  f.     Vgl.  o.  S.  24. 

^  Clemens  AI.  exe.  ex  Theod.  16:  i]  ntgiGtsQu  dh  oäaa.  ä)cpd-r],  rjv 
ot  ^hv  tö  ayiov  Tivsvfiä.  tpaaiv,  oi  dh  äno  BccGilsiSov  xov  diäxorov.  Vgl. 
dazu  Usener  Weihnachtsfest^  S.  58  Anm.  7.  Damit  ist,  nebenbei  bemerkt, 
der  Kreis  der  Gnostiker  genau  bestimmt,  aus  dem  die  Oden  Salomos 
stammen. 

*  Vgl.  dazu  besonders  das  schöne  Buch  von  Martin  Dibelius  Johannes 
der  Täufer.     Göttingen  1911. 


3Q  Hugo  Greßmann 

natürlich  nicht  erlaubt,  aus  der  Sage  einen  historischen  Kern 
herauszuschälen,  indem  man  alle  wunderbaren  Züge  abstreift 
und  das  äußere  Geschehen  in  ein  subjektives  Erlebnis  ver- 
wandelt, AVohl  aber  darf  man  und  muß  man  forschen,  wie 
die  epische  Phantasie  der  Erzähler  dazu  kam,  Jesus  in  dieser 
Weise  zu  feiern;  denn  ihre  Schöpfungen  haben  stets  einen  be- 
stimmten Anlaß.  Wurde  die  Sage  etwa  ausgelöst  durch  den 
Glauben,  der  Täufer  habe  Jesus  als  den  Messias  verkündet? 
Dieser  Glaube  hat  ohne  Zweifel  bestanden,  auch  wenn  man 
leugnen  wollte,  daß  der  fehlende  Schluß  der  Taufsage  richtig 
ergänzt  worden  sei:  denn  die  messianische  Verheißuncr  des 
Täufers  von  dem  Stärkeren,  der  nach  ihm  kommen  solle,  zielt 
nach  der  Darstellung  des  Markus  gewiß  auf  Jesus  ab.  Die 
Frage  kann  daher  nur  lauten,  ob  dieser  Glaube  den  historischen 
Tatsachen  entsprach.  So  sicher  Johannes  einen  Messias  ver- 
kündet hat,  so  sicher  ist,  daß  er  Jesus  nicht  als  die  Erfüllung 
seiner  Christushoffnungen  hingestellt  hat.  Den  zwingenden 
Beweis  dafür  liefert  die  halbgläubige,  halbzweifelnde  Frage, 
die  der  Täufer  au«  seinem  Gefängnis  als  Botschaft  an  Jesus 
sendet:  'Bist  du,  der  da  kommt,  oder  sollen  wir  auf  einen 
anderen  warten  (Matth.  11,3;  Luk.  7,  19)V'  Wenn  dies  Wort 
'historisch  ist  —  und  das  wird  so  leicht  niemand  bestreiten  — 
dann  ist  der  Hintergrund  der  Taufsage  unhistorisch;  aber  es 
ist  leicht  begreiflich,  daß  die  volkstümliche  Phantasie  der 
Sagenerzähler  statt  des  halben  Glaubens  den  vollen  Glauben 
des  Täufers  an  Jesus  als  den  Christus  voraussetzte  und  diesen 
Glauben  dann  durch  die  wunderbaren  Ereignisse  bei  der  Taufe 
zu  erklären  versuchte. 

Unhistorisch  ist  auch  die  zweite  Voraussetzung  der  Tauf- 
sage, daß  Jesus  sich  selbst  für  den  Christus  gehalten  habe. 
Es  muß  hier  genügen,  auf  die  Antwort  Jesu  hinzuweisen,  die 
er  dem  Täufer  auf  seine  Frage  gab:  'Geht  hin  und  meldet 
Johannes,  was  ihr  hört  und  seht:  Blinde  sehen  und  Lahme 
gehen.  Aussätzige  werden  rein  und  Taube  hören,    Tote  stehen 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorientalische  Taubengöttin     31 

auf  und  Arme  hören  frölis  Botschaft.  Selig  ist,  wer  sich  nicht 
an  mir  ärgert.'  Mit  anderen  Worten:  Jesus  sagt  weder  Nein 
noch  Ja,  er  weicht  einer  klaren  Stellungnahme  aus  und  ist 
ebenso  unsicher  wie  der  Täufer.  Im  übrigen  darf  man  als 
das  anerkannte  Ergebnis  der  kritischen  Forschung  bezeichnen, 
daß  Jesus  ursprünglich  erst  nach  seinem  Tode  zum  Messias 
erhoben  ist.  Unsere  Taufsage  steht  auf  der  zweiten  Stufe, 
indem  sie  die  Krönung  zum  Christus  in  den  Moment  der 
Taufe  verlegt.  Die  dritte  Stufe  bilden  die  Kindheitsgeschichten, 
die  seine  Messiaswürde  schon  mit  der  Geburt  beginnen  lassen. 
Den  Abschluß  der  Entwicklung  sehen  wir  im  Johannes-Evan- 
gelium, das  seine  Auserwählung  bis  in  die  fernste  Zeit  der 
Präexistenz  zurückträgt. 

Im  vollen  Sinne  historisch  ist  wahrscheinlich  nur  die  dritte 
Voraussetzung  der  Taufsage,  daß  sich  Jesus  von  Johannes 
taufen  ließ.  Die  Einleitung  des  Markus-EvangeliumS  erzählt 
von  großen  Scharen  der  Jerusalemer  und  Judäer,  die  zu  Jo- 
hannes in  die  Wüste  strömten,  um  ihre  Sünden  zu  bekennen 
und  sich  von  ihm  im  Jordan  taufen  zu  lassen.  Aber  es  ist 
nicht  die  Rede  davon,  daß  die  Wogen  dieser  messianisch- 
eschatologischen  Bewegung  auch  über  Judäa  hinaus  nach 
Galiläa  hineinschlugen.  Trotzdem  ist  dies  durchaus  wahr- 
scheinlich; ja,  man  darf  vielleicht  noch  weitergehen  und  das 
Verhältnis  geradezu  umkehren :  Wie  aus  mancherlei  Anzeichen, 
aus  den  Berichten  des  Josephus  und  aus  den  Forschungen  über 
den  Ursprung  der  mandäischen  Religion  erschlossen  werden 
darf,  scheinen  die  messianischen  Unruhen  und  die  Taufriten 
zuerst  in  Galiläa  oder  Peräa  entstanden  zu  sein  und  sich  dann 
erst  auf  judäischen  Boden  verpflanzt  zu  haben.  Wenn  das 
Markus-Evangelium  davon  nichts  weiß,  so  erklärt  sich  das 
vielleicht  daraus,  daß  die  synoptische  Tradition  in  der  gegen- 
wärtigen Passung  aus  den  Kreisen  des  jerusalemischen  Ur- 
christentums stammt.  Das  vierte  Evancrelium  kennt  noch  eine 
Wirksamkeit    des   Täufers    in    Peräa,    und    eben    dorthin    oder 


32  Hugo  Greßmann 

gar  in  die  Gegend  von  Tiberias,  jedenfalls  in  das  Gebiet  des 
Herodes  Antipas  weist  seine  ausgesprochene  Gegnerschaft 
gegen  diesen  Tuchs'  und  seine  Gefangensetzung  in  Machärus. 
Gerade  weil  die  jüngere  Überlieferung  an  der  Taufe  Jesu  durch 
Johannes  Austoß  nimmt,  kann  man  diese  Tatsache  später  nicht 
gut  erfunden  haben.  BestätiLjt  wird  sie  durch  die  Nachricht, 
daß  Jesus  erst  nach  der  Gefangennahme  des  Täufers  selbständig 
aufgetreten  ist,  und  daß  er  dessen  Verkündigung  fortjjesetzt 
hat,  vielleicht  sogar  auf  demselben  Boden  am  See  von  Tiberias. 
So  ist  er  nicht  nur  von  Johannes  getauft  und  in  seine  Be- 
wegung hineingezogen  worden,  sondern  Johannes  hat  ihn  auch 
zu  seinem  eigenen  Wirken  angeregt.  Aber  es  kann  weder 
davon  die  Rede  sein,  daß  er  ihm  schon  bei  der  Taufe  ^Is  dem 
Messias  gehuldigt  habe,  noch  davon,  daß  Jesus  selbst  sich 
bei  der  Taufe  seiner  messianischen  Bestimmung  bewußt  ge- 
worden sei.  Die  Stunde  der  Berufung  schlug  ihm  erst,  als 
die  Taufgemeinde  ihres  bisherigen  Führers  beraubt  wurde;  er 
war  der  Nachfolger  des  Johannes,  aber  größer  als  er. 

So  haben  die  Sagenerzähler  die  historischen  Tatsachen  zwar 
nicht  ganz  aus  der  Luft  gegriffen,  wohl  aber  haben  sie  ziem- 
lich frei  damit  geschaltet  und  sie  künstlerisch  stilisiert,  um 
Jesus  als  den  verheißenen  Messias  noch  vor  dem  Eintritt  in 
sein  öffentliches  Leben  durch  Johannes,  den  ^Größten  aller 
Weibgeborenen'  (Matth.  11,  11),  feiern  zu  lassen.  Indem  sie 
diesem  Bedürfnis  ihres  Herzens  genügten,  befriedigten  sie  zu- 
gleich eine  polemische  Absicht.  Denn  in  einer  Zeit,  in  der 
»n  Messiassen  und  Söhnen  Gottes  kein  Mangel  war,  war  es 
notwendig,  den  eigenen  Christusglauben  sicherzustellen.  Nicht 
alle  Anhänger  des  Täufers  waren  zu  Jesus  übergetreten.  Wenn 
das  Johannes-Evangelium  den  Täufer  mehrfach  den  Messias- 
titel ausdrücklich  ablehnen  läßt  (Joh.  1,  20;  3,  28),  so  folgt 
daraus,  wie  man  längst  richtig  geschlossen  hat,  daß  die  dem 
Täufer  treu  gebliebenen  Kreise  diesen  ebenso  zum  Messias  er- 
höht hatten  wie  die  Christen  iiiren  Meister.     Und  wie  konnte 


Die  Sase  von  der  Taufe  Jesu  und  die  Torderorientalische  Taubengöttin     33 

das  Anrecht  Jesu  auf  die  Messiaswürde  besser  gewahrt  werden 
als  durch  die  Herabkunft  der  Gottestaube  in  Gegenwart  des 
Johannes  und  durch  dessen  demütiges  Zeugnis  für  den  Größeren? 
Eben  weil  das  vierte  Evangelium  die  Gegner  der  Urgemeinde 
bekämpft;  mag  es  die  in  mancher  Beziehung  ursprünglichste 
Fassung  der  Taufsage  bewahrt  haben.  Man  darf  vielleicht 
fragen,  ob  nicht  die  Christen  die  Taufsage  am  Ende  den 
Johannesjüngern  entlehnt  und  vom  Täufer  auf  Jesus  übertragen 
haben.  Eine  sichere  Antwort  darauf  gibt  es  nicht,  wenngleich 
es  sich  als  wahrscheinlich  erwiesen  hat  (vgl.  0.  S.  20),  daß  die 
Königssage  schon  vorher  auf  jüdischem  Boden  umlief,  ehe  sie 
für  Jesus  zurechtgemacht  wurde.  Jedenfalls  erhebt  sich  jetzt 
das  Problem,  woher  der  Stoff  stammt,  aus  dem  die  Taufsage 
geformt  worden  ist. 

9.  Daß  der  Stoff  nicht  israelitischen  Ursprungs 
sein  kann,  ist  sicher,  obwohl  es  an  Anknüpfungspunkten 
im  Alten  Testament  nicht  fehlt.  Beweis  dafür  ist  zunächst 
die  Gottesvorstellung.  Man  hat  auf  einige  Talmud -Aus- 
legungen von  Gen.  1,  2  aufmerksam  gemacht:  Danach  schwebte 
der  Geist  Gottes  über  den  Wassern  wie  eine  Taube  oder  wie 
ein  Adler,  die  über  ihren  Jungen  schweben.'  Aber  während 
es  sich  hier  einfach  um  einen  Vergleich  handelt,  durch 
den  das  Schweben  veranschaulicht  werden  soll,  wird  dagegen 
in  der  Taufsage  eine  Inkarnation  der  Gottheit  in  Vogelgestalt 
vorausgesetzt:  beides  ist  himmelweit  voneinander  verschieden. 
Viel  euger  und  merkwürdiger  ist  die  Verwandtschaft  unserer 
Erzählung  mit  Gen.  1,  2  selbst,  sofern  die  Gottesvorstellung 
dieselbe  ist.  Denn  in  beiden  Fällen  wird  die  Gottheit  als 
'Geist'  bezeichnet  und  in  beiden  Fällen  als  Vogel  gedacht, 
genauer  als  ein  weiblicher  Vogel;  gerade  weil  ursprünglich 
eine  weibliche  Gottheit  gemeint  ist,  und  nur  deshalb,  wird  sie 
'der   Geist'   genannt,    ist    doch    das    hebräische  Wort    'härü^h' 

'  Vgl.  bab.  Talmud  Chag.  fol.  15  a;  ferner  August  Wünsche  Neue  Beiträge 
zw  Erklärung  der  Evangelien  S.  21  f.;  Gunkel  Märchen  S.  148  Anm.  4. 

ArsMv  f.  EeligionswiBsenscbaft  XX  3 


34  Hugo  Greßmann 

weiblichen  Geschlechts.'  Die  genaue  Übersetzung  von  Gen. 
1,  2:  'Der  Geist  Gottes  brütete  über  den  Wassern'  paßt  nur 
zn  einem  weiblichen  Vogel,  der  ein  Ei  ausbrütet,  allerdings 
nur  zu  einem  Wasservogel,  etwa  einer  Gans,  aber  nicht  zu 
einer  Taube.  Immerhin  kann  kein  Zweifel  bestehen,  daß  diese 
Schöpfergöttin  in  Vogelgestalt  aus  der  Fremde  stammt  und 
erst  sekundär  mit  Jahve  identifiziert  worden  ist.  Dasselbe 
gilt  für  die  Taufsage,  die  ebenfalls  zu  einer  Göttin  zurückführt, 
nicht  nur  weil  von  Mem  Geist'  die  Rede  ist,  sondern  auch 
weil  die  Adoptionsformel  in  richtiger  Übersetzung  nur  lauten 
darf:  'Ich  habe  dich  heute  geboren',  und  weil  überdies  der 
älteste,  im  Syrer  noch  nachklingende  Text  den  König  als  den 
'Geliebten'  der  Göttin  aufzufassen  scheint. 

Zu  der  Gottesidee  gesellt  sich  als  zweiter  Beweis  für  die 
fremde  Herkunft  des  Stoffes  die  Königsvorstellung.  Wenn 
hier  der  Messias  als  'Geliebter'  und  'Sohn  Gottes'  oder  genauer 
als  Adoptivkind  einer  Göttin  gedacht  wird,  und  wenn  wir 
wenigstens  diese  Anschauung  auch  in  Psalm  2  kennen  gelernt 
haben,  so  wird  dennoch  niemand  zweifeln,  auch  wenn  uns  Ahn- 
liches noch  häufiger  im  Alten  Testament  begegnete,  daß  hier 
fremde  Einflüsse  wirksam  gewesen  sein  müssen.  Die  Vor- 
stellungen von  der  Gottessohnschaft  des  Königs  und  von  der 
Inkarnation  der  Gottheit  im  Könige  entsprechen  weder  dem 
geistigen  GottesbegrifiF  der  Juden  noch  dem  der  Christen.  Von 
einer  Königswahl  durch  die  Gottheit  weiß  zwar  auch  die  Le- 
gende des  Alten  Testamentes,  aber  Saul  wird  durch  das  Los 
erkoren;  und  das  Ijosorakel  paßt  ganz  anders  zur  jüdischen 
Religion  als  die  Herabkunft  einer  Taube.  So  lassen  die  alt- 
testaraentlichfn  ['arallelen  die  Tatsache  wohl  begreiflich  er- 
scheinen, diiß  man  einen  solchen  Stoff  auf  den  Messias-König 
übertragen  konnte;  die  Erdichtung  des  Stoffes  indessen  ist  auf 
jüdischem  Boden  schlechthin  unverständlich. 

'  Tiefere   theologiache  Geheimnisse   oder   Dogmen    darf    man   nicht 
dahinter  Buchen. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorientalische  Taubengöttin     35 

Will  man  sein  Ursprungsland  ausfindig  machen,  so  fehlt 
es  nicht  an  markanten  Wegweisern.  Zunächst  gilt  es,  eine 
Göttin  zu  suchen,  für  die  die  Taube  charakteristisch  ist;  ver- 
mutlich wird  sie  die  Taube  ebenso  auf  dem  Kopfe  tragen 
wie  der  von  ihr  vergottete  König.  Dagegen  ist  es  sehr  die 
Frage,  ob  die  Taubengöttin  mit  der  Schöpfergöttin  identisch 
ist,  die  hinter  Gen.  1,  2  steht.  Wohl  aber  muß  sich  zweitens 
zeigen  lassen,  daß  sie  besonders  enge  Beziehungen  zum  König- 
tum hat;  vor  allem  wird  sich  das  Augenmerk  auf  die  Idee  der 
Adoption  des  Königs  durch  die  Göttin  und  der  Vermählung 
mit  ihr  richten  müssen.  An  dritter  Stelle  müßte  sich  die 
Wahl  des  Königs  durch  die  Taube  dieser  Göttin  nachweisen 
oder  wahrscheinlich  machen  lassen.  Allerdings,  während  die 
beiden  zuerst  genannten  Yorstellungen  allgemeiner  Natur  sind 
und  uns  vielfach  in  Wort  und  Bild  entgegentreten  könnten, 
ist  das  zuletzt  erwähnte  Motiv  spezieller  Art  und  infolgedessen 
vielleicht  seltener  zu  erwarten.  Man  darf  zufrieden  sein,  wenn 
die  beiden  ersten  Hauptbedingungen  erfüllt  sind.  Eine  restlose 
Antwort  auf  di«  Frage  nach  der  Herkunft  des  Stoffes  wird 
man  überhaupt  nicht  erhoffen  dürfen,  es  müßte  uns  denn  ein 
ganz  besonderer  Glücksfall  zu  Hilfe  kommen. 

10.  In  der  Tat  entspricht  die  Wirklichkeit  den  an  sie  gestellten 
idealen  Forderungen  nicht  völlig;  sie  kompliziert  das  Problem 
eher,  als  daß  sie  es  vereinfachte.  Gerade  das  Motiv  der  Königs - 
wähl  durch  einen  Yogel,  dem  wir  am  allerwenigsten  zu  be- 
gegnen glaubten,  lenkt  zuerst  unsere  Aufmerksamkeit  auf  sich. 
Denn  es  ist  in  der  Märchenliteratur  erstaunlich  weit  verbreitet, 
wie  zuletzt  Bolte  und  Polivka^,  Bousset  und  Lüdtke'  ge- 
zeigt haben.     Zunächst   ist   schon   die  Tatsache  als  solche  be- 

*  Joh.  Bolte  und  Georg  Polivka  Anmerkungen  zu  den  Kinder-  und 
Hausmärchen  der  Brüder  Grimm.    Bd.  I  S.  325. 

*  Wilhelm  Bousset  Wiedererkennungsmärchen  und  Placidas-Legende ; 
W.  Lüdtke  Neue  Texte  zur  Geschichte  eines  Wiedererkennungsmärchens 
und  zum  Text  der  Placidas-Legende  (beides  in  den  Nachr.  der  Gott.  Ges. 
d.  WisB.  PhiL-hist.  Kl.  1917  S.  703 ff.). 

3* 


36  Hugo  Greßmann 

achtenswert.  Die  Existenz  dieses  Motivs  beweist  zwar  nicht  die 
Richtigkeit  unserer  Auffassung  von  der  Taufsage,  bestätigt 
aber  doch  in  erfreulicher  Weise  die  Möglichkeit  einer  solchen 
Deutung.  Der  Versuch,  das  Märchenmotiv  aus  dem  Neuen 
Testamente  abzuleiten,  wird  schwerlich  gemacht  werden  können, 
weil  bisher  niemand  die  Taufsage  in  dieser  Weise  verstanden 
hat;  vielmehr  ist  Gunkel  umgekehrt  durch  die  Kenntnis  des 
Märchenmotivs  zuerst  auf  den  Gedanken  verfallen,  die  Tauf- 
sage von  hier  aus  neu  zu  erklären. 

Die  Königswahl  durch  einen  Vogel  ist  bisher  wiedergefunden 
in  deutschen, tschechischen, serbischen, bulgarischen, ruthenisrhen, 
beßarabischen,  türkischen,  armenischen,  kaukasischen,  neuaramäi- 
schen, arabischen,  koptischen  und  indischen  Märchen.  Damit  ist 
eine  fast  lückenlose  geographische  Kette  hergestellt,  die  von 
Deutschland  bis  nach  Indien  im  Osten  und  Ägypten  im  Süden 
reicht.  Die  erste  Hauptfrage  der  Märchenforschung,  die  die  Ver- 
breitung der  Motive  untersuchen  will,  ist  damit  ausreichend 
beantwortet;  neue  Funde  werden  das  Ergebnis  schwerlich  ändern. 
Als  das  Wesentliche  ist  schon  heute  erkennbar,  daß  dies  Motiv 
aus  dem  Orient  nach  dem  Okzident  gewandert  ist. 

Leider  ist  die  Märchenforschung  heute  noch  fast  ganz  von 
der  Sammlung  und  Sichtung  des  ungeheuren,  weitschichtigen 
und  vielfach  verästelten  Stoffes  in  Anspruch  genommen,  so  daß 
gegenüber  der  geographisch-ethnographischen  die  historische 
Frage,  die  Frage  nach  dem  Alter  und  der  Herkunft  ungebühr- 
lich zurücktritt.  Immerhin  ist  ein  wesentlicher  Fortschritt  er- 
reicht, seitdem  man  prinzipiell  erkannt  hat,  daß  eine  allgemeine 
Antwort  unmöglich,  ja  falsch  ist.  Jedes  Einzelmotiv  verlangt 
seine  besondere  Untersuchung,  da  die  geschichtlichen  Voraus- 
setzungen überall  verschieden  sind.  Seitdem  Indien  durch 
Ägypten  aus  seiner  Monopolstellung  als  Märchenland  end- 
gültig verdrängt  worden  ist,  wird  darüber  kein  Zweifel  mehr 
herrschen.  Die  historische  Entwicklung  der  Märchen  und 
ihrer  Motive  ist  gewiß  das  letzte  Ziel  aller  Märchenforschung, 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorientalische  Taubengöttin     37 

das    gegenwärtig    noch    in    unendlicli    weiter    Feme    schwebt. 
Aber  es  scheint  mir,  daß  in  dieser  Richtung  schon  heute  mehr 
getan  werden  könnte,  als  meist  der  Fall  ist.    Als  unerläßliche 
Vorbedingung    und    zugleich    als    wesentliche    Hilfe    für  jede 
weitere  Arbeit  ist  es  notwendig,  bei  jedem  Einzelmotiv  darauf 
zu  achten  und  sorgfältig  anzumerken,  wann  es  zuerst  literarisch 
bezeugt   ist.      Das    kann    zwar    unkritische    Menschen    leicht 
zu    dem    Irrtum    verführen,    als    sei    das    relative    Alter    mit 
dem  absoluten  identisch,  aber  dennoch  wird  man  lieber  diesen 
Irrtum  mit  in  den  Kauf  nehmen,  als  die  gute  altphilologische 
Sitte   entbehren.     Für    die    verdienstvollen    Sammler,    die    den 
gesamten  Stoff  und    seine  Literatur   überschauen,   ist  es  wohl 
meist  eine  Kleinigkeit,  das  älteste  Zeugnis  ausfindig  zu  machen; 
sie  dürfen   dafür   nicht   nur  auf  den  Dank  der  Laien  rechnen, 
die   dieser  Forschung   ferner  stehen,    sondern  sie  fördern  auch 
ihre  Wissenschaft  selbst  durch  Klarheit  und  Übersichtlichkeit. 
Soweit   ich   urteilen   kann,   waren    bisher  die  Märchen  aus 
1001  Nacht   die  älteste  Quelle  für  das  Motiv  der  Königswahl 
durch    einen  Vogel.     Da   jetzt   die   neutestamentliche  Sage  an 
ihre   Stelle   tritt,    wird    das    relative  Alter   um  mindestens  ein 
halbes  Jahrtausend  erhöht.    Aber  die  Urquelle  ist  auch  damit 
noch  nicht  wieder  entdeckt.    Ein  besonderes  Interesse  gewinnt 
von  hier  aus  das  Tier,  das  die  Wahl  des  Königs  herbei- 
führt. Es  ist  in  der  Regel  '■  ein  Vogel,  mag  er  nun  näher  bezeichnet 
sein   als  „Regierungsvogel",   Adler,   Falke,   Taube    oder   nicht; 
nur  sehr  selten  begegnet  uns  statt  dessen  ein  Tier,  und  zwar 
der  Elefant,  der  natürlich  für  die  indischen  Fassungen  typisch 
ist.     Das  älteste  Beispiel  dafür  findet  sich  bei  Somadeva  (um 
1070  n.  Chr.):   Wenn   der  König  gestorben  ist,   wird  ein  Ele- 
fant  ausgeschickt,   und    wen    der    mit  seinem  Rüssel  sich  auf 
den    Rücken    setzt,    der    wird    zum    König    gewählt.^      Herr 

'  Vgl.  die  Zusammenstellung  bei  Bousset-Lüdtke  GG^iV  1917  ?.  718f. 
*  Kathäsaritßägara   c.  65;    vgl.   z.   B.     die    Übersetzung   von    C.   H. 
Tawney.     Calcutta  1884.     Bd.  U  S.  102. 


2g  Hugo  Greßmann 

Lüders,  dem  ich  diesen  Nachweis  verdanke,  zeigt  mir  zugleich, 
daß  hier  der  Elefant  ein  Ersatz  für  den  älteren  Phussa- Wagen 
ist,  der  in  den  lätakas^  (4.  Jahrh.  v.  bis  4.  Jahrb.  n.  Chr.)  oft 
erwähnt  wird.  Das  Motiv  der  übernatürlichen  Königswahl  war  also 
den  Indern  wahrscheinlich  schon  in  vorchristlicher  Zeit  be- 
kannt, aber  es  hat  dort  eine  andersartige  Ausprägung  gefunden, 
die  der  Herabkunft  durch  den  Vogel  nicht  ohne  weiteres  gleich- 
gesetzt werden  kann.  Bei  der  ungeheuren  Verbreitung  des 
Motivs  fast  über  die  ganze  Welt  kommt  es  jedoch  gerade 
darauf  an,  die  verschiedenen  Formen,  in  die  es  gekleidet  ist, 
scharf  auseinanderzuhalten. 

Dagegen  ist,  wie  mich  Herr  Herzfeld  belehrt  hat,  das 
Motiv  der  Erwählung  durch  einen  Vogel  eine  altpersische 
Vorstellung,  die  schon  iu  der  achämenidischen  Zeit,  also  vor 
Alexander,  bestand.-  So  begegnet  uns  im  Awesta^  die  An- 
schauung, daß  die  königliche  Majestät  in  Gestalt  eines  Vogels* 
von  dem  gottlosen  Yima  fortfliegt  und  sich  auf  ein  anderes 
Glied  der  Familie  niederläßt,  das  damit  zum  König  bestimmt 
wird.  Nach  Moses  von  Choren  fällt  auch  auf  Ardasir  der 
Schatten  eines  Adlers  als  Vorbedeutung  seiner  Königswürde, 
dem  persischen  Volksglauben  entsprechend,  der  vom  Schatten 
des  humai  erzählt,  eines  adlerartigen,  gewöhnlich  als  Phönix 
bezeichneten  Vogels ^  Die  alte  Vorstellung  lebt  noch  darin 
weiter,  daß  heute  im  persischen  und  türkischen  Reich  huma- 
yun,     eigentlich     'phönixgleich'',     einfach     so     viel     heißt    wie 

'  Lüders  verweist  auf  Jät.  378;  445;  629;  639;  643. 

'  Das  Awesta  ist  abschließend  zwar  erst  im  6.  Jahrh.  n.  Chr.  redi- 
giert, aber  die  Überlieferung  des  KteHias  beweist,  daß  die  Heldensage 
der  Perser  damals  bereits  ausgebildet  war. 

•  Y  asht  19,  7,  36.  James  Darmesteter  The  Zend-Avesta  II  (=  Sacred 
books  of  the  East  Bd.  XXIII)  S.  294:  The  ßrst  Urne,  ichen  the  Glory  de- 
parted  from  the  hright  Yimn,  the  Glory  vent  from  Yimn,  the  mn  of  Vi- 
vmighnnt,  in  the  shnpe  of  a  Väraghna  bird  Then  Mithra  seized  that 
Glory  etc. 

*■  Darmesteter  erklärt  den  Vogel  für  einen  Raben. 

»  Nach  Nöldeke  im  Grundriß  der  iranischen  Philologie.  Bd.  II  S.  133. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  und  die  vorderorieatalische  Taubengöttin     39 

'kaiserlich' \  Dasselbe  Motiv  begegnet  uns  in  einer  zweiten 
Ausprägung,  die  sich  dem  Indischen  nähert.  Von  Artachsir 
i  Päpakän,  dem  Begründer  der  Sassaniden-Dynastie  (226 — 240 
n.  Chr.),  wird  erzählt,  daß  auf  seiner  Flucht  vor  dem  parthi- 
schen  Großkönig  ein  schöner  wilder  Widder  hinter  ihm  her- 
lief; die  Zeichendeuter  erklären  dies  so:  die  Majestät  sei  vom 
rechtmäßigen  König  auf  seinen  Rivalen  übergegangen.*  Der 
Vogel  wie  der  Widder  sind  Inkarnationen  des  Verethragna,  eines 
Genius  des  Sieges,  wie  auch  sonst  im  Awesta  bezeugt  ist* 

Während  die  Königswahl  dm-ch  den  Widder  spezifisch 
persisch,  wie  die  durch  den  Elefanten  spezifisch  indisch  zu  sein 
scheint,  kann  man  dagegen  fragen,  ob  nicht  die  Wahl  durch 
den  Vogel  von  auswärts  nach  Persien  eingedrungen  ist.  Das 
Recht,  ja,  man  darf  sagen,  die  Pflicht  zu  dieser  Frage  erwächst 
aus  der  Tatsache,  daß  das  babylonisch-assyrische  Königtum 
sehr  stark  auf  die  persischen  Sitten  und  Sagen  eingewirkt 
hat.  Zwei  Beispiele  mögen  genügen,  dies  zu  beweisen:  Über 
dem  persischen  König  schwebt  stets  der  geflügelte  Ahuramazda 
in  der  Sonnenscheibe,  ein  genaues  Gegenstück  zu  Assur;  die 
Perser  haben  diese  im  letzten  Grunde  aus  Ägypten  stammende 
Darstellung,  wie  Eduard  Meyer  gezeigt  hat*,  zweifellos  aus 
Assyrien  entlehnt.  Die  berühmten  Inschriften,  die  Darius  I 
Hystaspis  (522 — 486  v.  Chr.)  in  den  Felsen  von  Bisutün  hat 
eingraben  lassen,  gelten  nach  dem  Zeugnis  des  Ktesias,  d.  h,  schon 
ein  Jahrhundert  nach  ihrer  Entstehung  als  ein  Werk  der  as- 
syrischen Königin  Semii-amis '".  Daher  ist  es  durchaus  möglich, 
daß  auch  das  Motiv  der  Königswahl  durch  einen  Vogel  aus 
Assyrien  nach  Persien  gewandert  ist. 

'  Nach  einer  Bckriftlichen  Mitteilung  Herzfelds. 

*  Darauf  hat  schon  Darmesteter  a.  a.  ü.  S.  237  Anm.  3  hingewiesen. 
Vgl.  Th.  Nöldeke  Geschichte  des  Artachsir  i  Päpakän  (Beiträge  zur  Kunde 
der  indogerman.  Sprachen  IV  1878)  S.  45, 

*  Yasht  XIV  18—21.  35  (Darmesteter  a.  a.  0.  S.  236.  241). 

*  Eduard  Meyer  Reich  und  Kultur  der  Chetiter.  Berlin  1914.  S.  36, 
Abb.  26.   27.  *  Diodor  11  13. 


40    Greßmann:  DieSagevon  d.  Taufe  Jesu  u.d.vorderoriental.Taubengöttin 

Ein  solches  Motiv  ist  aber  in  Assyrien  bisher  nicht  nach- 
■weisbar.   Das  Ursprungsproblem  kann  deshalb  nur  durch  einen 
umständlichen    "Wahrscheinlichkeitsbeweis    gelöst    werden.      In 
dieser  Hinsicht    ist  eine  verwandte  Nachricht  von  besonderem 
Interesse.    Bei  Aelian'  heißt  es,  Achaemenes,  der  Ahnherr  der 
Achaemeniden,  sei  von  einem  Adler  aufgezogen  worden.    Er 
erzählt  das    im  Anschluß    an    die  babylonische  Gilgamos-Sage, 
die    dasselbe    Motiv    enthält,    und  die    er   ausführlich    mitteilt, 
während    er    sich    bei  Achaemenes   mit  einer  kurzen  Notiz  be- 
•  gnügt,  vermutlich  weil  die  Sage  nichts  Eigenartiges  bot.    Daß 
in    diesem    Falle  Babylonieu    die  Priorität    gebührt,    ist    kaum 
zweifelhaft,    einmal    deswegen,    weil   das   Kind    vom  Adler    zu 
einem  Gärtner  gebracht,  von  ihm  an  Sohnes  Statt  angenommen 
und  auferzogen  wird,    um    dann    aus  einem  Gärtner  ein  König 
zu  werden;  denn  genau  dasselbe  erfahren  wir  aus  der  Findel- 
kindsage Sargons  von  Akkad^  (um  2870  v.  Chr).     Hier  fehlt 
allerdings  das  Adlermotiv,    Sargon  kommt  vielmehr  wie  Mose 
in  einem  Kästchen  geschwommen.  Zweitens  aber  gesellt  sich  zur 
babylonischen    Gilgamos-Sage   noch    die    assyrische    Semiramis- 
Sciicje.     Wie  Diodor  nach  Ktesias  überliefert  hat,   wurde  Semi- 
dem  peiicht  von  einem  Adler,  sondern  von  Tauben  aufgezogen.' 
des  huma nntnn^    liegt    daher  nahe,    daß    in  Assyrien   genau   so 
bezeichnete  rsien   neben    diesem  Motiv    auch  das  verwandte  von 
weiter,  daß  des  Königs    oder    der   Königin    durch    einen  Vogel 
yiiu.     eigentlic.  und  zwar  speziell  durch  eine  Taube.     Denn  die 

1  LQdera  verwe'^^^'8®''  ^^^S^^  ^^  ^^^  semitischen  Welt  und  dar- 

*  Das  Awesta  irt  tief  in  das  Mittelmeerbecken  hinein,  ver- 
giert, aber  die  Übei^j^j  ^uch  die  Fragen  nach  Existenz,  Alter 
der  Perser  damals  be      _,      ,  ..,.■       ^       ,  ,        •  i  ,  ..         i 

,  Yashtia  7  35     Taubengottin    heute    noch    nicht    genügend 

books  of  the  East  Bd.  e  umfassende,  wenn  auch  nicht  erschöpfende 
parted  from  the  hright  ^a  igt.  (Bobinß  folgt.) 

vnnghant,   in  the  shnpt 
Glory  etc.  XII  Sl. 

*  Dannesteter  erklber  bei  Greßmann  Mose  und  seine  Zeit.   Göttingen 

*  Nach  Nöldeke  iin        '  Diodor  II  4. 


Olympische  Studien 

Wann  wurde  die  erste  Olympiade  gefeiert? 
Von  Ludwig  Weniger  in  "Weimar 

xovs  iv.  xätv  oXvfiTiiovixmv  ccvayofiivovg 

I  Oxylos.   Iphitos.   Koroibos 

Nach  alter  Überlieferung,  der  heutigestags  nocli  die  meisten 
zustimmen,  wurde  die  erste  der  293  Olympiaden,  welche  bis  zum 
Jahre  393  n.  Chr.  in  der  Altis  gefeiert  sind,  im  Jahre  776  v.  Chr. 
veranstaltet,  und  zwar  zur  Vollmondszeit  am  14.  des  zweiten 
der  elischen  Monate,  welcher  ApoUonios  hieß. 

Die  genaue  Feststellung  eines  einzelnen,  nicht  an  ein 
astronomisches  Ereignis  geknüpften  Vorganges  in  so  ferner 
Vergangenheit  steht  einzig  da  in  der  Geschichte  der  Erden- 
völker und  widerspricht  den  Vorstellungen,  die  von  jener 
Zeit  sich  gewinnen  lassen.  Kein  Wunder,  daß  Zweifel  an  der 
Richtigkeit  der  Überlieferung  erwachten  und  in  unseren  Tagen 
immer  stärker  geltend  gemacht  sind. 

Wir  haben  über  die  Geschichte  der  Olympiadenrechnung  an 
verschiedenen  Stellen  unserer  olympischen  Aufsätze  in  der  Zeit- 
schrift 'Klio'  gehandelt,  ohne  doch  ein  Ergebnis  zu  erreichen, 
das  in  weiteren  Kreisen  Anerkennung  fand.  Die  Bedeutung 
der  Sache  ist  groß  genug,  daß  es  sich  lohnt,  die  früheren 
Untersuchungen  nochmals  aufzunehmen  und  soweit  als  mög- 
lich zu  einem  Abschlüsse  zu  führen. 

Immer  von  neuem  muß  betont  werden,  daß  das  Verständnis 
der  vielseitigen  Einrichtungen  des  olympischen  Heiligtums  nur 
dann  sich  erschließt,  wenn  man  sich  vergegenwärtigt,  daß  sie 
letzten  Grundes  alle  auf  dem  Gottesdienste  beruhen.  Es  mag  um 
die  Mitte  des  zweiten  Jahrtausends  gewesen  sein,  als  am  Süd- 
abhange  des  Kronoßberges  ein  Kultus  der  Erdgöttin  aufkam, 
wie  er  an  anderen  Orten,  namentlich  zu  Dodona  am  Abhänge 
des   Tomaros    und    zu   Pytho    auf   dem  Vorsprunge    des    Par- 


42  l^udwifT  Weniger 

nassos,   schon   länger  bestand.     Die  Orakelgebung,  welche   mit 
dem  Gaiadienst  am  Kronion  verbunden  war,  zog  Männer  und 
Weiber  aus  Nähe  und  Ferne  herbei.     Ausländer  brachten  ihre 
heimischen  Kulte  mit,   und  so  geschah  es,   daß   alhiiählich  am 
unteren   Rande   des   Berges   verwandte   Dienste   aufkamen,    die 
miteinander  gemein  hatten,  daß  sie  göttlichen  Frauen  gewidmet 
waren.   Von  dem  letzten  Abhang  am  linken  Ufer  des  Kladeos 
bis  zu  der  kleineren  Erhebung  weiter  nach  Osten,  wo  nachmals 
Stadion  und  Hippodrom  sich  berührten,  umsäumten  diese  Heilig- 
tümer den  Fuß  des  Berges,  an  dem  sie  vor  den  Überschwem- 
mungen der  beiden  Flüsse  gesichert  schienen,  während  auf  der 
anstoßenden  Flur  südlich  davon  starker  Baum  wuchs,  das  svösvöqov 
i%    'Akqiecf)  äJ.öog  (Pind.  0.  8,  9),  die  Beziehung  zu  den  unter- 
irdischen   Mächten    aufrechterhielt.      Ein    halbes    Jahrtausend 
haben  die  Frauenkulte  allein  dem  abgeschlossenen  Gelände  dort 
im    Winkel    zwischen    Alpheios    und    Kladeos    eine    Bedeutung 
verliehen,    die   es   über  das    umliegende   Gebiet   im   westlichen 
Peloponnes  weit  heraushob.    Die  Tatsache  steht  fest;  genauere 
Kunde   fehlt;   Einzelheiten   schimmern    durch.     Dann   kam   der 
Zeusdienst    in    den    heiligen    Bezirk.     Mau    wird    nicht   fehlen, 
wenn   man   sein  Erwachen   in   das  zehnte  Jahrhundert  ansetzt, 
ziemlich  gleichzeitig  mit  der  Entwicklung  dionysischer  Kulte. 
Der  eine  wie  die  anderen  sind  von  Aitolien  her  durch  die  Eleier 
in  das  Pisateugebiet  eingeführt.    Darf  man  den  Ursprung  ihrer 
Verehrung    des     Zeus     in     Dodona    suchen,    so    war    in    dem 
Heiligtum    am    Alpheios    doch    bereits   durch    thessalische   Ein- 
wanderung   ein    Grund    gelegt.'       Durch    diese    ist    der    Name 

•  Das  sind  die  'Achaier'  «lea  Kphoros  bei  Strabon  8,  367,  wo  es  von 
den  .\itolern  heißt:  TTctgalußBlv  ö^  xai  Ti]v  iTiiyiiXsiav  rov  hgov  zov 
OlviiTtiaatv,  t,v  ttxov  oi  'Axuioi.  Aus  Thessalien  soll  Kndymion  gekom- 
men Bein.  Nach  Autesion  war  Pclops  ein  Achaier  aus  Olenos.  Eine 
kleine  Schar  Achaier  soll  auch  Oxyloa  mitgebracht  haben  (Paus.  6,  4,  3). 
Wie  die  Bezeichnung  'OlvfiTtia  sc  jrmpa  oder  yf/,  so  zeugen  die  Orts- 
namen der  Gegend  auf  -ana,  -ina  von  thessalischer  Herkunft,  ebenso  wie 
die  Namen  Phrixa  und  Salmone.  Vgl.  Uberg  b.  Iloscher  u.  Salmoneus. 


Olympiscbe  Studien  43 

^Olympia'  für  das  Heiligtum  aufgekommen,  das  bis  dahin  viel- 
leicht bloß  mit  dem  althergebrachten  Namen  der  'Altis'  be- 
zeichnet wurde.^  Daß  aber  die  Olympien  zunächst  nur  eine  elische 
Nachahmung  der  pisatischen  Heraien  waren,  haben  wir  in  der 
Abhandlung  „Yom  Ursprünge  der  Olympischen  Spiele"  dar- 
zulegen gesucht.*  Das  Fest  war  ein  Kultakt  zu  Ehren  des  Zeus 
und  bildet  in  der  Vereinigung  von  Hochopfer  und  Agon  das 
Hauptstück  im  Dienste  des  Grottes.  Sein  wachsendes  Ansehen 
wirkte  später  zurück  und  schuf  die  Legenden.  Die  Aitoler 
waren  mit  den  Herakleiden  zu  den  Epeiern  gekommen  und 
hatten  auch  einen  großen  Teil  des  Pisatengebietes  eingenom- 
men. Sie  sind  es,  denen  die  Stiftung  der  Olympien  und  die 
erste  Einrichtung  des  Agons  zugeschrieben  wird.  Die  Feier 
blieb  fortan  in  den  Händen  der  Eroberer,   das   ist  der  Eleier.^ 

Die  ältere  Geschichte  von  Olympia  dreht  sich  um  drei,  zu 
Heroen  gewordene    Gestalten:  Oxylos,  Iphitos  und  Koroibos. 

Die  Einwanderung  der  Aitoler  und  mit  ihr  zugleich  die 
Verpflanzung  des  Zeusdienstes  ist  an  den  Namen  des  Oxylos 
geknüpft.  Der  Herkunft  von  Oxylos  rühmte  sich  der  elische 
Adel  bis  in  späteste  Zeiten.*  Daß  auch  der  Dionysosdienst 
mit  den  aitolischen  Einwanderern  in  das  Land  kam,  wird  durch 
die  Legende  erwiesen.  Die  elische  Thyiade  Physkoa  galt  als 
Braut  des  Dionysos,  wie  anderwärts  Ariadne,  Physkos  aber  als 
Sohn  des  Aitolos.^  —  Die   alten  Chronologen  rechneten  nach 

'  Der  Ausdruck 'Altis' ist  dem  Heiligtum  allein  eigentümlich.  P.  5, 10,1 
"AXtiv  in  itaXaiov  xaXovötv. 

-  Bh.Mus.LXKll,  1918,  Iff. 

^  Strab.  8,  354  AircoXol  yccQ  GvYxaxEXd'dvtss  tolg  'Hga^XslSais  (lEta 
'O^vXov  y.cil  cvvoiK'^aavrsg  'EneLOig  y.axk  evyyivBiav  'TtaXaiav  rivi,ri6av  rriv 
•AolXriv  HXlv  Kai  rf)g  rs  TlLeäriSog  acpslXovro  tcoXXtiv,  xal  'OXv(inia  vJt 
ixsivotg  iysvsro'  xai  dr)  6  ayav  Evgriiid  iariv  ixslvav  ö  'OXv^Ttianog,  xai 
Tccg  'OXv^üTtidöccg  rag  ■TtQmrag  iKsivoL  gvvsxeXovv. 

*  Eplioros  bei  Strab.  8,357  dia  dk  rrjv  xov  'O^vXov  cpiXiav  TCgbg  xovg 
'HgaKXsidag  avvo^oXoyrid-fjvat,  gaSiag  ix  Ttdvxcov  ftsO"'  oqkov  xrjv  'HXsiav 
isQCiv  slvat  xov  Ji6g.  —  Der  elische  Adel  und  Oxylos:  s.  m.  Artikel  Oxylos 
b.  Röscher  M.  L.  3,  1,  1236.  AlxoXbg  arrjp  heißt  der  Hellanodike  b.  Find. 
Ol.  3, 12.  *  Vgl.  m.  Artikel  Physkos  und  Physkoa  b.  Röscher. 


44  Ludwig  Weniger 

Geschlechtern  oder  Menschenaltern.  Drei  Geschlechter  machen 
100  Jahre  aus;  also  kamen  auf  eines  SS^/^,  auch  wohl  rund  ge- 
rechnet bloß  30.^  Oxylos  war  ein  Enkel  jenes  Thoas,  welcher  am 
Troischen  Kriege  teilnahm.  Von  Thoas  aufwärts  bis  Aitolos^ 
den  Sohn  des  Endymion,  zählte  man  sechs  Geschlechter,  das 
ist  200  Jahre.  Die  Inschrift  seines  Standbildes  auf  dem 
Markte  von  Elis  nannte  Oxylos  den  zehnten  Nachkommen  des 
Aitolos.^ 

Nach  der  Agonothesie  des  Oxylos  trat  eine  lange  Pause 
in  den  Olympischen  Spielen  ein,  bis  Iphitos.  Iphitos'  Be- 
deutung besteht  in  der  Einrichtung  des  Gottesfriedens.  Daher 
die  Gruppe  der  Ekecheiria,  die  ihn  bekränzt,  im  Pronaos  des 
Zeustempels.  An  anderer  Stelle  haben  wir  zu  erweisen  ge- 
sucht, daß  der  olympische  Gottesfriede  drei  Monate  umspannte, 
und  die  dort  angeführten  Gründe  möchten  schwer  zu  wider- 
legen sein.'  Über  die  Lebenszeit  des  Iphitos  sind  die  Meinun- 
gen der  alten  Chronologen  geteilt.'*  Nach  den  einen  war  er 
es,  der  jene  erste  gezählte  Olympiade  veranstaltet  hat,  in  welcher 
Koroibos  siegte,  und  die  auf  das  Jahr  776  v.  Chr.  anberaumt  wird. 
Andere  setzen  die  Stiftung  der  Ekecheirie  durch  Iphitos  27 
oder  28  Olympiaden  früher.  Wenn  Kallimachos  13  annimmt 
und  Koroibos'  Sieg  auf  die  14.  ansetzt,  so  bedeutet  das  Okta- 
eteriden  und  läuft  auf  den  gleichen  Zeitraum  hinaus.  Eine  Ent- 
scheidung zu  treffen  ist  unnütz;  denn  beide  Ansätze  sind  künst- 
lich ersonnen,  und  ihre  Richtigkeit  läßt  sich  nicht  erweisen. 

Auch  die  olympische  Epoche  des  Koroibos  beruht  auf 
einer  Neuerung  in  der  Festfeier.  Auf  der  Grenze  von  Elis 
und  Arkadien  zeigte  man  noch  zu  Pausanias'  Zeit  das  Grab 
des  Mannes.  Er  war  der  Nachwelt  zum  Heros  geworden  und 
als  solcher  zum  Grenzhüter  bestellt.    Die  Aufschrift  des  Denk- 

'  Herodot.  2,  142  yevial  yocg  TQtig  &viQ&v  ixazbv  Irtä  iati. 

*  Paas.  6,  3,  6.     Ephoros  b.  Strabon  10,463  gibt  den  Wortlaut. 
»  Ho(hfest\U,  Klio,  Heitr.  z.  A.  Gescb.  V  213f. 

*  Au.tfübrlich  darüber  Hochfest  lU,  a.  0.  186.  Vgl.  lo.  Artikel  Iphitot 
b.  Koscher. 


Olympische  Studien  45 

mala  bezeichnete  ihn  als  den  ersten  aller  Olympiadensieger. "^ 
Nach  Athenaios  soll  Koroibos  bei  Lebzeiten  ein  Mageiros  ge- 
wesen sein,  d.  h.  eine  vor  alters  ansehnliche  Stellung  unter 
den  elischen  Opferbeamten  innegehabt  haben,  und  davon  hatte 
sich  eine  Erinnerung  erhalten.^  Seine  Bedeutung  für  die  Ge- 
schichte der  Olympischen  Spiele  besteht  darin,  daß  von  seinem 
Sieg  im  Dromos  ab  die  Olympiaden  in  vierjährigem  Zwischen- 
räume wiederholt  wurden.  Regelmäßig  von  neuem  gefeiert, 
forderten  sie  zur  Zählung  auf.  Wurde  mit  Ol.  1  =  776  v.  Chr.  die 
Tetraeteris  (Pentaeteris)  in  Olympia  eingeführt,  so  übernahm 
man  auch  diese  Einrichtung  von  den  Heraien  (P.  5, 16,2).  Von 
nun  ab  zerlegte  man  die  alte  Oktaeteris  (Ennaeteris)  in  zwei 
Teile.  Diese  mußten  durch  die  Verteilung  der  drei  Schaltmonate 
unter  die  acht  Jahre  ungleich  werden;  sie  ersetzten  aber,  zu- 
sammengelegt, rechnerisch  das  oktaeterische  Größjahr,  Damals 
bestand  der  olympische  Agon  noch  in  dem  einzigen  Dromos; 
eben  weil  er  nichts  anderes  als  eine  Nachbildung  des  heräischen 
V^ettlaufes  der  Mädchen  war.'  Bekränzung  der  Sieger  soll 
zuerst  Ol.  7  (752)  eingeführt  worden  sein  auf  Weisung  von 
Delphi.  Da  bei  den  Heraien  gleichfalls  der  Olkranz  verliehen 
wurde,  läßt  sich  auch  in  dieser  Form  des  Siegespreises,  die 
mit  der  alten  Verehrung  der  Erdgöttin  zusammenhängt^,  eine 
Nachahmung  erkennen.  Bedeutung  gewann  der  olympische 
Agon  erst,  als  neben  dem  Dromos  andere  Kampfarten  aufkamen, 
vor  allem  Pentathlon  Ol.  18  (708),  Pferderennen  Ol.  25  (680), 
Pankration  Ol.  33  (648  v.  Chr.). 

Die  Olympiaden  wurden  von  der  ersten  im  Jahre  776  v.  Chr. 
ab  weiter  gezählt.    Aber  nicht  nur  alle  späteren  auf  Olympien 

*  Paus.  8,  26,  3   —    'HXetoi   db   rbv  Kogolßov  rdcpov   qpacl  rr]v  j^cogar 

öqptöiv  ogi^siv. xal  iexiv  i-jtiyQuyi^a  inl  rä  fivrjfiart,  aig  'OXv^ntiaeiv  6 

KoQoißog    ivly.r]GEv   avO-gäncov  Ttgärog,   Kai  ort  rfjg  'HXsiag  inl  rrä  Ttsgari 
6  tdctpog  ccvrä  nBTtoiriraL.  Vgl.  E.  Curtius,   Ol.  Erg.  1,  24. 

*  Athen.  8,  382.  14,  659  6£^vhv  rjv  j]  (layskQiKi^. 

*  Vgl.  m.  Abh.   Vom  Ursprünge  d.  Ol.  Spiele  a.  0.  S.  5. 

*  Vgl.  m.  Abh.  Der  heilige  Ölbaujn  in  Ol.    Progr.  Weimar  1895  S.  17 ff. 


46  Ludwig  Weniger 

bezosrenen  Ereignisse  der  erriech i sehen  Geschichte  führen  auf 
dieses  Jahr  zurück,  sondern  auch  die  Überlieferungen  der  Vor- 
zeit hat  man  dadurch  zeitlich  zu  bestimmen  gesucht.  So  bildet 
Ol.  1  das  Zentrum  der  alten  Chronologie.  War  das  von  jeher 
als  unbestrittene  Tatsache  hingenommen,  so  bleibt  es  doch 
eine  außerordentliche  Erscheinung,  und  man  darf  die  Frage 
nicht  leichthin  von  der  Hand  weisen:  deckt  sich  in  Wahrheit 
die  erste  Olympiade  der  Griechen  mit  dem  Jahre  776  v.  Chr.? 
Ist  es  sicher  oder  auch  nur  wahrscheinlich,  daß  man  bereits 
bei  Gelegenheit  jener  ersten  tetraeterischen  Feier  den  Beschluß 
gefaßt  und  fortlaufend  durchgeführt  hat,  die  Namen  der  Sieger 
des  noch  ganz  unbedeutenden  Agens  schriftlich  festzuhalten 
und  ohne  Unterbrechung  weiter  zu  zählen? 


'o 


II  Olynipiadenrechniing 

Unbedingte  Klarheit  über  die  Berechnung  der  Zeiten  in 
der  ältesten  Geschichte  von  Olympia  läßt  sich  nicht  gewinnen. 
Stehen  aber  menschliche  Einrichtungen  fest,  so  müssen  sie 
irgendeinmal  geschaffen  und  irgendwie  begründet  sein.  Welch 
unverdrossene  Mühe  die  alten  Völker  daran  gewandt  haben, 
eine  Ausgleichung  des  Sonnen-  und  Mondjahres  ausfindig  zu 
machen,  lehren  die  großartigen  Anlagen  einer  fernen  Vergangen- 
heit. Unter  den  Griechen  ist  Schaltung,  oktaöterische  und  da- 
nach tetraeterische,  soweit  wir  urteilen  können,  zuerst  in 
Olympia  angewandt  worden  und  hat  sich  dort  erhalten,  so- 
lange das  Hochfest  des  Zeus  bestand.  Von  Verbesserungen, 
gleich  den  anderwärts  durch  kluge  Männer,  wie  Meton,  Kallippos, 
Uipparchos,  vorgenommenen,  wird  nichts  berichtet.  Man  half 
sich,  so  gut  es  ging,  die  Jahrhunderte  lang  weiter  bis  zum 
Ende  des  heidnischen  Kultus.  Anmeldung  der  Panegyris  durch 
die  Spondophoren  hat  ärgerliche  Störungen  verhütet.  —  Die 
Bedeutung  der  Neunzahl  in  Sage  und  Gottesdienst  läßt  auf 
ein  hohes  Alter  der  Eunaeteris  schließen.  Vielleicht  hatte  man 
ihre  Kenntnis  aus  dem  hochentwickelten  Kreta  bekommen,  zu 


Olympische  Studien  47 

dem  früh  Beziehungen  nachweisbar  sind.  Kretische  Einwanderer 
haben  ihre  Spuren  zu  Olympia  im  Dienste  der  Muttergöttin 
hinterlassen,  ^ 

Die  Nachricht  von  der  Ermittelung  der  Tag-  und  Nacht- 
gleiche bietet  einen  Anhalt,  Wenn  es  bei  Pausanias  heißt: 
„Auf  dem  Gipfel  des  Berges  opfern  die  sogenannten  Basilen 
dem  Kronos  um  die  Frühlingsgleiche  im  Monat  Elaphios  bei 
den  Eleiern"^,  so  ist  damit  eine  Beobachtung  dieses  Jahres- 
punktes vorausgesetzt.  Die  Kalenderordnung  von  Olympia  wird 
den  Sehern  obgelegen  haben.  Dies  läßt  sich  daraus  schließen, 
daß  sie  jedes  Jahr,  sorgfältig  auf  den  Tag  achtend,  den  19.  Elaphios 
wahrnahmen,  um  im  Prytaneion  den  Herd  zu  fegen  und  die 
Asche  des  Jahres  auf  den  Hochaltar  des  Zeus  zu  übertragen.^ 
Wenigstens  einen  der  Jahrespunkte,  das  ist  eine  der  Wenden 
oder  der  Gleichen,  alljährlich  mit  Sicherheit  festzustellen,  war 
notwendig,  um  die  genaue  Berechnung  des  Zeitumfanges  eines 
Sonnenjahres  zu  ermöglichen.  Hatte  man  einen  erfaßt,  so 
waren  die  anderen  leicht  zu  finden :  denn  man  kannte  die 
Zwischenräume  aus  langer  Erfahrung.^  Zur  Ermittelung  der 
Tageszeit  half  man  sich  im  Alltagsleben  mit  dem  Schatten- 
maße des  eigenen  Körpers,  das  man  mit  den  Füßen  abschritt.^ 
Aber  das  genügte  nicht,  um  dabei  aus  der  mit  der  Sonnen- 
höhe  wechselnden  Länge   auch   die  Jahreszeit  nur  mit   unge- 


*  über  den  viel  besprochenen  Minos  evvsoqos  s.  Röscher  s.  t.  2,  2,  2995 
zu  Od.  19,  179.  Gruppe  Gr.  Myth.  253.  919.  957.  M.  Abb.  Dienst  der  Mutter- 
göttin Ol.  Forsch.  III  Klio  VII,  177.  über  die  Stiftung  des  pentaeterischen 
Agens  durch  den  idaiischen  Herakles  vgl.  die  Überlieferung  der  elischen 
Altertumsforscher  nach  P.  5,  7,  9. 

■^  P.  6,  20,  1  inl  roü  oqovs  t^  noQvcpy  Q-vovaiv  ol  Baeilai  xaXovfisvoL 
Töj  Kqovw  v.axa.  iaTiusgiav  rr,v  iv  xä  'Elacpico  (liivl  Ttagcc  'Hlsioig.  Vgl. 
Öl.  Forsch.  I,  Klio  vi,  65. 

'^  P.  5, 13,  8;  m.  Abb.  Seher  v.  OJ.  Archiv  f.  Rel.-W.  XVIII,  1915,  S.  106f. 

*  Die  Zeiträume  zwischen  den  Jahrespunkten  gibt  die  angebliche 
EvSo^ov  xixvT]  auf  einem  Papyros,  s.  Unger  Zeitrechnung  d.  Gr.  u.  i?.  in 
Iwan  Müllers  Hdb.  P  S.  745. 

*  Vgl.  Bilfinger  B.  Zeitmesser  d.  antHen  Völker,  Stuttgart  1886  S.  10  ff. 


k 


^g  Ludwig  Weniger 

fiihrer  Sicherheit  zu  erschließen.  Der  Gebrauch  von  Instru- 
menten, wie  Polos  und  Gnomon,  ist  verhältnismäßig  spät  auf- 
gekommen. Nach  Herodot  übernahmen  die  Hellenen  beide 
von  den  Babjloniern.  Den  Gnomon  hat  Anaximander,  geb. 
483  V.  Chr.,  oder  sein  Schüler  Anaximenes  eingeführt.*  Die 
Vorrichtung  bestand  in  einem  senkrecht  aufgestellten  Stab,  um 
dessen  Fuß  konzentrische  Kreise  gezogen  waren,  an  denen  sich 
sowohl  der  Mittagsschatteu  abmessen,  als  auch  der  Sonnen- 
stand bei  Auf-  und  Untergang  und  danach  das  Eintreten  der 
Wenden  oder  Gleichen  feststellen  ließ.  In  Olympia  wird  man 
sich  von  Anfang  an  lieber  an  das  von  der  Natur  Gebotene  ge- 
halten haben,  und  der  Berg  diente  als  brauchbare  Sternwarte. 
In  weiter  Umschau  konnte  man  von  dort  oben  am  Horizonte 
Marken  feststellen,  die  den  Sonnenstand  bei  Auf-  oder  Unter- 
gang am  längsten  und  am  kürzesten  Tag  und  bei  jeder  der 
beiden  Gleichen  angaben-,  und  von  einem  Jahrespunkte  bis 
zum  entsprechenden  des  folgenden  Jahres  die  Tage  zählen,  sei 
es  mittelst  eines  Parapegma,  auf  dem  Pflöcke  in  Löcher  für 
die   einzelnen  Tage   gesteckt  wurden,  oder  auf  andere  Weise. ^ 

'  Herodot. 2,  109.  Diog.  L.2,  1  von  Anaximander:  bvqs  Sk  xal  yvm^iovu 
TtoöiTog  xal  ?örj](jEV  i:Tl  räv  cxtoO^ijpmr  iv  Aansduifiovt,  Ka&ä  qprjct  i^aßcaQi- 
»os  iv  iiavrodaTtfj  iezogia,  tgondg  rs  xal  iarifisgiag  GTniccivorra,  xal  mQO- 
cnönia  xarsöxfi'-aöf.  Anaximenes:  Plin.  N.H.  2,187.  Vgl.  Vitruv.  1,  6,  6. 
O/.  Forsch.  I  a.  (>.  72 f.  fiinzel  Tldb.  d.  Chrono}.  II,  306. 

"  Auch  anderwärts  benutzte  mau  die  Berge  zu  gleicher  Beobachtung. 
Vgl.  Theophrast  fr.  VI,  1,  4.  W.r  8io  xal  äya'd^ol  yiyivrivtai,  xara  rö-KOvg 
Tivag  &OTQOv6noi  ivioi  olov  MarQitcizag  iv  Msd'inivf}  änb  rov  Astcbto^vov 
xal  Klfi'iarQUTog  iv  TtviSat  &nb  rfjg  "Idrig  xal  ^ativbe  'Ai^Tjvjiöiv  änb 
xov  Av*u{ir(ZTOv  tu  rrfpl  rüg  rpowa«;  avvtiSf,  Ttao'  ov  Minov  Scxavaag  zov 
tot)  ivög  StovTu  fixoöU'  iviuvrmv  cvrira^sv.  Über  Olympia  vgl.  die  An- 
gaben Rudolf  .Mengen  Ol.  Forsch.  I  a.O.70.  EbenderHelbe  schrieb,  daß  ihm 
auf  dem  Kreuzberg  in  der  Rhön  beim  Sinken  der  Sonne  von  einem 
Klosterbruder  gezeigt  Mvurde,  an  welcher  Bergspitze  sie  am  kürzesten  und 
an  welcher  sie  am  längsten  Tag  untergehe. 

'  JlagaTrrjyvvvat  ist  technischer  Ausdruck.  Über  die  in  Milet  ge- 
fundenen Bruchstücke  zweier  Parapegmata  aus  der  Zeit  um  200  v.  Chr.  vgl. 
Diels  und  Rehm  Sitzungsher.  d.  Berl.  Ak.  1904,  92fr.,  266  ff.  Wenn  die 
Wilden   aaf  Formosa  für  einen  bestimmten  Tag  eine  Versammlung  ver- 


Olympische  Stadien  49 

Kannte  man  einen  der  Jahrespunkte,  so  war  der  Ausgang  ge- 
geben und  der  Weg  zur  Nachbesserung  gewiesen.  Denn  da 
das  Mondjahr  aus  12  Monaten  bestand,  von  denen  sich  jeder 
durch  die  Phasen  des  Planeten  darstellte  —  Neumond  war 
immer  am  1.,  Vollmond  am  14.  — ,  so  mußten  die  Tage  der 
Wenden  und  Gleichen  in  den  Monatstagen  wechseln  und  da- 
durch den  Unterschied  zwischen  Sonnenjahr  und  Mondjahr 
kundtun.  Es  war  an  sich  das  Natürliche,  daß  man  die  Rege- 
lung der  Zeiten  mit  dem  ungeteilten  Großjahre  begann.  Spuren 
einstiger  Ennaeteris  in  Olympia  fehlen  auch  nicht.  Abgesehen 
von  jener  14.  Olympiade  des  Kallimachos  (o.  S.  44)  wiesen 
die  drei  Monate  der  Ekecheirie  darauf  hin,  welche  ursprüng- 
lich die  Schaltzeit  darstellten,  die  den  Unterschied  zwischen 
acht  Mondjahren  zu  354  Tagen  und  ebensoviel  Sonnenjahren 
zu  365  V4  Tagen  ausgleicht.  Auch  die  merkwürdige  Nachricht 
von  der  Erbauung  des  Heraion  acht  Jahre  nach  Oxylos  deutet 
darauf.^  Die  Einführung  des  Pentaeteris  geschah  aus  Gründen 
der  Zweckmäßigkeit.  Je  größeren  Anklang  die  Kirmes  einer 
Gottheit  fand,  desto  mehr  verlangte  die  Festgemeinde  nach 
baldiger  Wiederholung,  und  die  priesterliche  Verwaltung  war 
klug  genug,  nachzugeben.  Nach  acht  Jahren  ist  eine  Sache 
so  gut  wie  vergessen.^  Ol.  1  bedeutet  eine  Katharsis,  welche 
dauernde  Ordnung  in  dem  wichtigsten  Stücke  des  Gottesdienstes 
herstellte.  Ein  neuer  Anfang  war  geschaffen  und  dem  Ein- 
schlafen der  Feier  vorgebeugt.  Daß  solches  zu  befürchten 
war,  geht  aus  der  Überlieferung  hervor.^  Die  Frühlingsgleiche 
776  fiel  auf  den  29.  März,  der  dem  18.  Elaphios  entsprach, 
einbart  haben,  so  nehmen  sie  einen  Faden  und  knüpfen  in  diesen  für 
jeden  Tag  bis  zum  Versammlungstag  einen  Knoten.  (A.  Niesen  in  d. 
Greogr.  Gesellschaft  zu  Christiania.) 

1  Vgl.  Hochfest  III,    Klio  V  S.  195.     P.  5,  16,  1 ;    s.  u.  S.  69  Anm.  1 
In  Delphi  wurden  vor  Ol.  48,  3  die  Pythien  ebenfalls  ennaeterisch  gefeiert. 

-  Daher    diente    dieser   Zeitraum   auch   für   die    Blutsühne.     Es   war 
Gras  gewachsen  über  der  Missetat. 

'  P.  5,  8,  5:   iLsra  dh  "O^vlov  —  i^sXntsv  axQt  'Itpizov  xa.  'OXvfinia. 
Phlegon:  ixlmovzcov  xcöv  IIsXoTtovvriaiav  xriv  Q-griexsiav  XQ^^'P  ^t**^- 
ArohiT  f.  Eeligionswisaenschaft  XX  4 


50  Ludwig  Weniger 

Dieser  Tag  wäre  demnach  der  Ausgangspunkt  für  die  Olympien- 
zeit unter  Zurückzahlung  bis  zur  Winterwende  gewesen.'  Diese 
selbst  benutzte  man  zur  Beobachtung  nicht,  weil  das  Wetter 
selten  günstig  war.  Die  Festfeier  aber  wurde  im  achten  Mo- 
nate nach  der  Winterwende,  das  ist  im  zweiten  des  elischen 
Jahres,  veranstaltet,  wie  oben  angegeben  am  14.  Apollonios, 
der  776  v.  Chr.  unserem  22.  August  entsprach.  In  Athen  und 
Delphi  hat  man  den  Schaltmonat  in  der  Jahresmitte,  nach  dem 
sechsten  Monate,  der  in  den  Winter  fiel,  eingefügt,  und  der 
Jahresanfang  war  im  Sommer.  Dasselbe  ist  für  Elis- Olympia 
anzunehmen,  wo  sich  der  sommerliche  Jahresanfang  auch  aus 
anderen  Gründen  erschließen  läßt.  Die  Vorzüge  der  guten 
Jahreszeit  für  eilie  Panegyris  wurden  früh  erkannt.  Alle  großen 
Gütterfeste  waren  im  Hochsommer.  Wie  die  Olympien,  so  auch 
Karneien,  Pythien,  Nemeien,  Panathenaien,  die  Isthmien  etwas 
früher. 

Daß  nun  aber  die  Pentaeteris  der  Olympien  nicht  früher 
und  nicht  später  als  genau  im  Jahre  776  v.  Chr.  eingeführt 
wurde,  läßt  sich  nicht  erweisen.  Diese  Epoche  ist  eine  Er- 
findung christlicher  Chronographen,  ausgerechnet  auf  Grund 
der  Ansetzung  elischer  Altertumsforscher,  denen  man  mehr 
Glauben  geschenkt  hat,  als  sie  verdienen.  Den  Griechen  kam 
es  besonders  auf  Lykurgos  an,  der  nach  der  Inschrift  des  alten 
Diskos  im  Heraion,  welche  Aristoteles  las,  an  der  Neuerung 
des  Iphitos  teilnahm.  Die  Ansetzung  der  ersten  Olympiade  auf 
das  Jahr,  welchem  776  v.  Chr.  entspricht,  ist  das  Ergebnis  einer 
künstlichen  Hückwärtsrechnung  von  einem  späteren  Ausgangs- 


'  Vgl.  Schal.  rin<l.  ().  3,  'i'A  iidi}  yuQ  avröy  :rspi  tov  'j^qovov,  xa9'  ov 
&ytrta  rü  Olvunia  xoti^'  ixüorriv  OXv^Tiiäda,  Kw^iaQ^og  6  ru  tcbqI  Jllsioiv 
cvt^cf^as  qpr/cJ»'  oTtoj^'  '»pärov  fiiv  ovv  nuvrbg  ntglodov  cvviifriKS  JiBvzt- 
rrigida'  £p;|rftr  vovfiriviav  (iT^vög,  dg  ©wövi^täs  iv'IlXiöi  ovofiä^erai,  tciqI 
op  TQOTtal  T/Xiov  yivovxcii  jjft/ifptvai.  xal  ngüra 'OlviiTiia  äysrut,  tj  /xrjff. 
ivbs  Siovtog  iiafftgorrcov  ry  mgu  tu  ^kv  &QXÖ(isva  ffjg  önägag,  xu  Si  vn 
tcirbv  xov  &g%iovQov  .  Über  die  Herstellung  des  Textes  Hochfest  II, 
Kilo  V  S.  6  (32). 


Olympische  Studien  51 

punkte.  Schwerlich  haben  die  alten  Agonotheten  gleich  von 
dem  Laufsiege  des  Koroibos  an  die  Olympiaden  numeriert. 
Einen  Sinn  bekam  die  Zählung  erst  von  einer  Zeit  ab,  da  die 
Agone  als  etwas  Bedeutendes  galten.  Von  da  an  zählte  man 
die  neuen  Olympiaden  vorwärts  hinab  und  rückwärts  hinauf. 
Den  Anhalt  boten  die  Dromossieger,  von  denen  die  nächsten 
noch  bekannt  waren,  die  älteren  vermutet. 

Als  Ausgangspunkt  für  die  Berechnung  nach  rückwärts  er- 
scheint in  der  älteren,  aber  doch  bereits  heller  beleuchteten 
Zeit  der  olympischen  Geschichte  keiner  besser  geeignet  als  das 
folgenreiche  Jahr  nach  Ablauf  der  50.  Olympiade.  Ol.  51  würde 
nach  der  üblichen  Rechnung  auf  576  n.  Chr.  fallen.  Von  da  ab 
hat  man  rückwärts  50  Olympiaden,  das  ist  zwei  Jahrhunderte 
oder  sechs  Geschlechter,  angenommen  und  in  Rechnung  ge- 
stellt. Zählt  man  von  demselben  Ausgangspunkt  ein  Jahr- 
hundert oder  drei  Geschlechter  zurück,  so  kommt  man  auf 
Ol.  25,  vielmehr  01.26, 1  =  676  v.  Chr.^  Von  Ol.  25  ab  sollen 
die  Pferderennen  eingeführt  sein,  der  glänzendste  aller  Agone, 
der  den  olympischen  Spielen  erst  ihr  hohes  Ansehen  ver- 
schaffte und  die  Großen  der  Welt  zur  Teilnahme  bewog.  Und 
wenn  13  Olympiaden  lang  der  Dromos  die  einzige  Kampfart 
bildete,  so  bedeuten  diese  52  Jahre  rund  gerechnet  ein  halbes 
Jahrhundert.^  Mit  dem  Ausgange  von  Ol.  50  stimmt  ferner 
das  auffallende  Ergebnis,  daß  die  28  Olympiaden,  welche  von 
einem  Teile  der  alten  Chronographen  der  Olympiadenzahl 
über  OL  1  hinauf  nach  oben  zugerechnet  werden,  um  das  Zeit- 

'  Je  nachdem  man  den  terminus  a  quo  mitzählt  oder  nicht,  ergeben 
sich  unterschiede  von  1  mehr  oder  weniger,  die  nicht  in  das  Gewicht 
fallen.  Daher  ist  Ennaeteris  das  gleiche  wie  Oktaeteris.  So  verstehen 
wir  unter  8  Tagen  eine  Woche,  die  Franzosen  unter  quinze  jours  2  Wochen. 
Das  römische  lustrum  entsprach  ursprünglich  der  Tetraeteris  (Pentaeteris). 

*  Vgl.  Africanus  zu  Ol.  1  und  zu  Ol.  14.  —  50  Jahre  führen  auf 
726  v.Chr.  =  Ol.  13,  2.  Ähnlich  die  Eechnung  des  Kallimachos,  der  zwischen 
Iphitos  und  Koroibos  13  Oktaeteriden  setzt,  das  sind  drei  Menschenalter. 
Eigentlich  sollten  es  100  Jahre  sein;  aber  da  8  in  100  nicht  aufgeht,  so 
behalf  er  sich  mit  104.   Y  gl.  Hoch  fest  Hl,  Klio  V,  192,  1. 

4* 


52     *  Ludwig  Weniger 

alter  des  Iphitos  zu  gewinnen,  ennaöterisch  gezählt  224  +  776, 
d.  i.  1000  Jahre,  ausmachen  würden.  Man  sieht  auch  daraus: 
Ol,  1  =  776  ist  künstlich  konstruiert. 

Sichere  Daten  für  die  Zeitrechnung  bieten  die  bei  den  Ge- 
schichtschreibern erwähnten  Sonnenfinsternisse.  Die  Geburt 
Christi  wurde  von  den  Chronologen  auf  Ol.  194,  4  gesetzt. 
Wenn  Diodor  (20,  5,  5)  die  große  Finsternis  vom  15.  August 
310  V.  Chr.  in  das  Jahr  des  Archon  Hieromnemon  Ol.  117,  3 
setzt,  so  bedeutet  das,  von  Ol,  1,  1  an  gezählt,  466  Jahre.  Da- 
nach ist  810  4-  466  =  77().  Jene  Sonnenfinsternis,  welche  wäh- 
rend der  Schlacht  am  Halys  zwischen  Lydern  und  Medern 
eintrat,  die  Thaies  vorausgesagt  haben  soll  (Herodot.  1,  74),  war 
am  2S.  Mai  585.  Das  wäre  nach  der  üblichen  Rechnung  im 
vierten  Jahre  der  48.  Olympiade,  200  Jahre  nach  Gründung 
Roms;  nach  Eudemos  traf  sie  d^tpl  ri^v  nBVTrjxoßt'^v  öXt^nTticcda.^ 

Da  der  Ansatz  Ol.  1  =  776  für  die  Ereignisse  der  Geschichte 
im  ganzen  brauchbar  ist,  konnte  man  ihn  festhalten.  Danach 
ist  dann  allgemein  das  Verhältnis  der  überlieferten  Vorgänge 
geltend  geworden  und  mag  auch  in  den  meisten  Fällen  un- 
bedenklich scheinen.  Dennoch  darf  nie  vergessen  werden,  daß 
der  Boden,  auf  dem  die  ältere  Geschichte  Griechenlands  steht, 
der  Festigkeit  entbehrt.  Wann  die  erste  Olympiade  gefeiert 
worden  ist,  weiß  niemand. 

III  Die  Siegerlisteii 

Erst  um  die  Mitte  des  achten  Jahrhunderts  begann  man  in 
Griechenland  mit  der  Aufzeichnung  von  leitenden  Beamten, 
Priestern  und  Siegern.  Ob  solche  Aufzeichnung  bereits  776, 
vorausgesetzt,  daß  damals  der  erste  Agon  stattgefunden  hätte,  für 
den  Preisträger  in  dem  bescheidenen  Dromos  von  Olympia  und 
seine  Nachfolger  beliebt  wurde,  ist  mehr  als  zweifelhaft. 

Die  Frage   liegt  nahe,    in   welcher   Form    und   an   welcher 

'  Clem.  AI.  Strom.  354  P.  Plin.  2,  53.  —   Vgl.  Ginzel  2,  357    und  die 
Tafel  d.  Finsternisse  532  f. 


Olympische  Studien  53 

Stelle  der  heiligen  Anlagen  damals  Siegerlisten  hergestellt  sein 
konnten.  Von  Gebäuden  standen  in  dem  bewaldeten  Temenos 
noch  keine.  Die  durch  die  neuesten  Grabungen  entdeckteJi 
Ovalbauten  sind  vorgeschichtlich  und  unhellenisch.  Weder  sie, 
noch  das  sogenannte  Haus  des  Oinomaos  kommen  in  Betracht. 
Das  Heraion  war  noch  nicht  vorhanden.  Auch  würde  man  es 
für  Agonisten  des  Zeus  schwerlich  verwendet  haben.  Der  Tempel 
dieses  Gottes  ist  erst  in  der  Mitte  des  fünften  Jahrhunderts, 
das  Gymnasion  in  hellenistischer  Zeit  erbaut.  So  bliebe  nur 
übrig,  daß  man  die  Aufzeichnungen  im  Freien  unterbrachte, 
sei  es  auf  Tafeln  an  Bäume  gehängt  oder  auf  Stelen  von  Stein 
eingemeißelt.  Auch  konnte  man  sie  in  einer  Behausung  außer- 
halb, etwa  der  Wohnung  eines  der  Seher,  verwahren.  Später 
stand  das  Buleuterion  zur  Verfügung  und  noch  später  die 
weiter  südlich  ihm  entsprechende  Prohedrie.  Vor  allem  aber 
kamen  die  Wände  des  Zeustempels,  der  recht  eigentlich  zur 
Verherrlichung  der  Sieger  bestimmt  war,  in  Betracht. 

Hätte  man  776  beschlossen,  in  aller  Zukunft  die  Olympioniken 
schriftlich  der  Nachwelt  kundzutun,  so  lag  es  nahe,  eine  leere 
Tafel  herzustellen,  auf  welche  die  laufende  Olympiade  und  da- 
neben der  Siegername  geschrieben  wurde  und  Platz  für  die 
weiter  folgenden  zur  Verfügung  blieb.  In  Athen  waren  Solons 
Gesetze  auf  hölzernen,  zum  bequemen  Lesen  mit  einer  Dreh- 
vorrichtung versehenen  Tafeln  aufgezeichnet.  Denkt  man  sich 
Ahnliches  in  Olympia  eingerichtet,  so  konnten  solche  Tafeln 
im  Pantheion,  wo  vor  alters  die  Sieger  gekrönt  wurden,  auf- 
gestellt sein.  Wahrscheinlich  ist  das  nicht.  Die  athenische 
Vorrichtung  ist  erst  zwei  Jahrhunderte  nach  Ol.  1  geschaffen-, 
noch  zu  Plutarchs  Zeit  zeigte  man  im  Prytaneion  Reste  da- 
von. Sie  diente  anderen  Zwecken  und  sollte  jedem  Bürger 
der  Stadt  leicht  zugänglich  sein.  Später  schrieb  man  die 
Namen  der  Olympioniken  auf  eherne  Platten  von  bescheidener 
Größe.  Die  wohlerhaltene  Ehrentafel  des  Damokrates  aus  der 
ersten  Hälfte  des  dritten  Jahrhunderts,  die  nach  dem  Wortlaut 


54  Lndwig  Weniger 

am  Zeiistempel  angebracht  werden  sollte  und  südlich  von 
dessen  Südwestecke  gefunden  ist,  gibt  einen  Anhalt.  Sie  ist 
0,55  m  hoch,  0,24  m  breit  und  hatte  unten  drei  Zapfen, 
durch  die  sie  in  einen  Steinsockel  eingelassen  war.  ^  Das  einzige 
Stück  eines  Olympionikenverzeichnisses,  das  wenigstens  teilweis 
erhalten  ist,  gehört  der  Zeit  nach  400  an.  Gefunden  ist  es  im 
Nordosten  des  Zeustempels,  eine  Bronzetafel  mit  Nagellöchern 
zum  Aufhängen.  Da  das  Verzeichnis  möglicherweise  in  Kolum- 
nen geschrieben  war,  so  läßt  sich  die  ursprüngliche  Breite  nicht 
bestimmen.'  Von  Nutzen  war  die  Niederschrift  zunächst  für 
die  Hellanodiken,  die  den  Wortlaut  selber  hergestellt  hatten; 
sie  diente  aber  auch  den  Siegern  zum  Ausweis  über  die  viel- 
beneidete Ehre.  Ihre  Bedeutung  nahm  zu,  je  mehr  die  Zahl 
der  Agone  wuchs  und  neben  den  Sieger  des  Dromos  solche 
der  anderen  Kampfarten  zu  stehen  kamen.  Ol.  14  (724)  wurde 
der  Doppellauf  eingeführt;  dann  folgten  immer  neue.  01.50(580) 
waren  alle  wesentlichen  vertreten.  Ein  Schreiber,  ygocpavg, 
wird  in  einer  alten  llhetra  erwähnt^,  ein  ßcoXoyQcitpog  auf  der 
Damokratestafel.  Später  findet  sich  ein  yQu^i^azevg  unter  den 
Beamten  des  Theokols. 

Die  Zeitverhältnisse  konnten  auf  die  Herstellung  der  Listen 
nicht  ohne  Einfluß  bleiben.  Bei  S.  lulius  Africanus  sind  die 
Folgen  des  ersten  Messenischen  Krieges  aus  dem  Fehlen  "der 
vorher  reichlich  vertretenen*  messenischen  Sieger  von  Beginn 
der  Kämpfe  an  wahrnehmbar;  der  letzte  war  Leochares  Ol.  11 
(736).  Die  Tatsache  ist  wichtig;  ob  sie  aber  hinreicht,  um 
daraus  zu  folgern,  daß  bereits  in  so  früher  Zeit  Sieger  auf- 
geschrieben wurden,  bleibt  zweifelhaft.  Die  Namen  der  Preis- 
träger von  Ol.  3  bis  11  können  aus  messenischer  Überlieferung 
stammen.    Eine  von  Brinkmann  vorgenommene  Prüfung  zeigt, 

'  Y^].  Ol.  Erg.Y  n.  B9. 

*  Unten  und  rechts  ist  die  Platte  veratümmelt ;  s.  Ol.  Erg.  V  n.  17  mit 
Abbildung.     Den  Text  geben  wir  unten  S.  69.  ■  Ol.  Erg.  V  n.  2, 

♦  01.8.  4.  7.  8.  9.  10.  11,  in  der  Zeit  von  764-736  v.Chr. 


Olympische  Studien  55 

daß  die  lakedaimonisclien,  tliebanischen  und  athenischen  Namen 
auch  sonst  in  ihren  Ländern  übliche  waren,  und  führt  gleich- 
falls darauf,  daß  heimische  Überlieferung  vorlag.^ 

An  verschiedenen  Stellen  gedenkt  Pausanias  der  amtlichen 
Verzeichnisse  der  Eleier.  Er  nennt  sie  xa  ig  tovg  6Xvy.%iovCy,ttg 
''HXsiav  yga^iiura}  In  diesen  Aufzeichnungen  war  Olympiade, 
Name  und  Kampfart  angegeben,  also  nicht  bloß  das  'Stadion', 
d.  i.  der  Dromos.  Es  fanden  sich  darin  Abweichungen  von  dem, 
was  in  der  Heimat  des  Siegers  überliefert  war,  sogar  solche 
von  der  Aufschrift  in  Olympia  aufgestellter  Bilder.^  Die  Olym- 
piaden 8,  34  und  104  hatten  die  Eleier  für  ungültig  erklärt; 
wenn  trotzdem  bei  Africanus  ihre  Stadionsieger  genannt  werden, 
läßt  sich  annehmen,  daß  die  yQcc^nara  sie  verzeichnet  hatten. 
Nur  einmal  ist  dies  nicht  geschehen,  nämlich  bei  der  Festfeier 
des  Nero,  die  als  OL  211  nicht  im  ersten  Jahre  der  Tetraeteris 
stattfand,  sondern  zwei  Jahre  später,  67  n.  Chr.*  Da  es  nun  aber 
bei  Pausanias  von  den  drei  Anolympiaden  heißt,  daß  die  Eleier 
die  Sieger  in  dem  'Kataloge'  nicht  verzeichnen^,  so  ergibt  sich, 
daß  xardXoyög  und  ygäyi^axa  nicht  ebendasselbe  bedeuten.  In 
den   yQcc^nata  erkennen   wir  die   einzelne  Aufzeichnung  jeder 

1  Bh.  Mus.  LXX,  1915,  70  S.  14ff. 

'  P.  6,  13,  10  zu  Ol.  68;  6,  2,  3  zu  Ol.  90  (Lichas  betr.,  vgl.  Thuk. 
5,43);  3,21,1  zu  01.125  (nach  P.  10,  23,  14);  5,21,9  zu  01.178;  10,36,9 
zu  Ol.  211.     Dagegen  6,  22,  3  iv  KaraXoya  r&v  hXviLTtiüSav. 

'  Vgl.  P.  6,  13,  10  ov  (ir]v  rä  ys  i-ziygcc^i^ccri  xal  rä'HXsiwv  ig  tovg 
oXviiTtiovLicag  o^oXoyst  yQä(iiiara.  Vgl.  5,  21,  9  tovrw  rä  Xoyoi  didcpoQa 
ovra  SVQL011OV  rä  'HXeicov  ig  tovg  öXv^movixag  ygäfi^ara.  Pausanias  hatte 
also  die  yQuii^aza  gelesen;  es  stand  darin,  daß  Straten  aus  Alexandreia 
Ol.  178  an  einem  Tag  im  Pankration  und  im  Ringkampfe  Sieger  war; 
vgl.  1,  23,  5. 

*  P.  10,  36,  9  von  01.211:  avrr}  Sh  iv  rotg  'HXsiav  yga^fixcei,  nccgsirai 
liövT]  Ttaaäv  7]  oXv^Ttidcg.  Vgl.  Africanus.  Auch  sonst  wurde  die  Erinne- 
rung an  Nero  getilgt;  s.  E.  Curtius  Gesch.  v.  Ol,  Erg.  I  S.  60.  Auf  einer 
Inschrift  ist  sein  Name  ausgekratzt,  Ol.  Erg.  V  n.  287. 

^  P.  6,  22,  3  ov  6(päg  iv  ^ataXöya  r&v  oXv^ltclüScov  ygäfpovei.  Vgl. 
6,  4,  2  rrjv  rsrdcQTTjv  3h  oXv^middu  inl  rcüg  bxcctov  . .  .  ovk  avaygdcpovoiv 
Ol  HXstoi.    6,  9,  2  ov'HXatoi  cpaaiv  ov  yQatpfjvai,  (isrd  zebv  aXXoov.  Vgl.  6,  8,  3. 


56  Ludwig  Weniger 

(Olympiade,  das  Tafelverzeichnis  oder  die  SiegertafeL'  Der  Katalog 
daffegen  ist  eine  unter  Benutzung  der  Tafeln  hergestellte  Liste 
aller,  die  Arbeit  eines  heimischen  Fachmannes  später  Zeit,  der 
sie  bis  zur  eigenen  Lebenszeit  durchgeführt  und  ihre  Fort- 
setzung einem  Nachfolger  überlassen  hat.  Wann  jener  amtliche 
oder  halbamtliche  Katalog  der  olympischen  Sieger,  welchen 
Pausanias  einsehen  konnte,  angelegt  ist,  wissen  wir  nicht.  Daß 
er  bereits  um  Ol.  50  (580)  bestand  oder  damals  schon  her- 
gestellt wurde,  ist  nicht  anzunehmen;  denn  sonst  hätten  sich 
die  gelehrten  Sammler  ihre  mühsame  Arbeit  ersparen  können. 
Die  Tafelverzeichnisse  dagegen  reichen  in  alte  Zeit  hinauf,  viel- 
leicht bis  Ol.  50,  aber  schwerlich  viel  weiter,  schon  weil  es  an 
Gebäuden  fehlte,  wo  sie  verwahrt  werden  konnten.  Bei  Er- 
wähnung des  Iphitos  führt  Pausanias  die  ygun^ccTa  a:p;ifara  der 
Eleier  an.'  Es  scheint  also  auch  eine  Niederschrift  über  alter- 
tümliche Agone  vor  oder  um  Ol.  1  gegeben  zu  haben,  offenbar  ein 
Machwerk  späterer  Zeit,  im  wesentlichen  dem  entsprechend,  was 
Pausanias  selbst  (5,  7,  6 ff.),  sowie  die  Einleitung  bei  Africanus* 
und  Phlegon  bieten.  Ob  der  Ausdruck  dasselbe  bedeutet,  wie '/üTAet'oj/ 
ol  xcc  aQxoiiÖTuxu  fivr]iiov£vovr£g,  läßt  sich  nicht  entscheiden. 

Nach  jeder  Olympienfeier   stellten   die   llellanodiken   unter 
Benutzung   ihrer  auf  der   weißgefärbten   Tafel,  dem   Xevxcofia 
gemachten  Notizen,  die  man  mit  Recht  als  das  Trogramm'  der 
Spiele  bezeichnen  konnte,  den  endgültigen  Wortlaut  fest*,  überr 
gaben  ihn  dein  Herold  zum  Ausrufen  bei  der  Bekräuzung,  und 

'  Das  Wesentliche  sah  schon  M.  H.  E.  Meier  (Allg.  Encykl.  u.  Olym- 
piade) und  K.  0.  Müller  7>or.  1,  130,  danach  Gilbert  de  anagr.  Ol.  p.'df. 
Sie  dachten  sich  die  (irainmata  auf  einzelne  Säulen  verzeichnet.  Aber  von 
diesen  oder  auch  von  stcinemen  Tafeln  würden  sich  Reste  erhalten  haben, 
wie  von  den  Beamtenverzeichnissen  des  Prjtaneion;  über  diese  s.  u.  S.  67. 

'  P.  ö,  4,  C  TU  Sk  JiAsiav  ygäfifiaru  UQXula  ig  naxiga  öfiwvvnov  ävijye 

zbv  'IcplTOV. 

*  Kuscbios  Chron.  1,  A.  Schoene  1  p.  192  tibqI  Tfji  ^taecog  tov  äyöivoe 
x&v  'OXv(nti(ov.  Ans  derselben  Quelle  fließt  Schol.  Hat,  reip.  p.  466  D. 
Vgl.  Jüthner  Philostrat.  S.  66. 

*  Dio  Cü»a.79,i0  xuimgiv  rw  lst^xm(iaTi  Kul  tovto  to  ccd^lT^fia  nQoygdtpavtsg. 


Olympische  Studien  57 

der  Grammateus  sorgte  dann  für  Ausfertigung  auf  dem  yaXxovv 
yganficcrstov,  einer  ehernen  Platte.'  So  sind  die  Tafeln  entstanden, 
welche  unter  Angabe  der  Olympiadenzahl  alle  einzelnen  Agone  und 
deren  Sieger  enthielten,  wobei  der  Dromos  den  Anfang  machte. 

Um  eine  Vorstellung  solcher  Tafeln,  yga^^atsla,  zu  bekom- 
men, empfiehlt  es  sich,  die  Verzeichnisse  der  Opferbeamten  zum 
Vergleich  heranzuziehen,  von  denen  84  vollständig  oder  ver- 
stümmelt erhalten  sind.  Sie  standen  auf  Marmorplatten  und 
wurden  im  Prytaneion  aufbewahrt.^  Waren  die  ehernen  Sieger- 
tafeln ähnlich  abgefaßt,  so  konnte  daraus  auch  die  Einführungs- 
zeit neuer  Agone  ersehen  werden.  Begonnen  wurden  jene  Be- 
amtenverzeichnisse, wie  es  scheint,  erst  in  hellenistischer  Zeit. 
Das  älteste  ist  von  Ol.  186  (36  v.  Chr.),  am  besten  er- 
halten das  von  Ol.  189  (24  v.  Chr.);  vgl.  die  Abbildung  in  die- 
sem Archiv  XVIII  (1915)  S.  54.  Sie  mochten  nach  dem 
Muster  der  Siegertafeln  ausgeführt  sein;  uns  aber  verhelfen 
sie  zu  einer  Vorstellung  von  diesen.  Wären  sie  vollständis: 
erhalten,  so  ließe  sich  danach  ohne  Schwierigkeit  ein  Katalog 
der  Theokolen,  Exegeten  und  Seher  herstellen,  wie  ich  es  von 
den  letztgenannten  versucht  habe.  Die  Seher  selbst  müssen 
etwas  Ahnliches  gehabt  haben.  Dies  war  für  die  Zeit, 
da  mehr  als  ein  Klytiade  und  ein  lamide  des  Amtes  walteten, 
unbedingt  notwendig,  wie  beide  Sehergeschlechter  ja  auch  auf 
sorgfältige  Führung  eines  Stammbaumes  bedacht  sein  mußten, 
zumal  seit  manche  ihrer  Angehörigen  im  Auslande  weilten.^ 

Einen  Anhalt  für  die  Fassung  der  olympischen  Grammateia 
bieten  Siegerverzeichnisse  anderer  Orte.  Zu  Larissa  in  Thessalien 
hat  sich  das  Bruchstück  einer  Tafel  mit  folgender  Inschrift  er- 
halten.*     Ilolvzlsirog  AvxLökov.  —  avdgag  TCvyfi'tjv' 

*  Diesen  Ausdruck  braucht  Aelian  F.  H.  10,  7  von  der  astrologischen 
Tafel  des  Oinopides. 

*  Ol.  Erg.  Y  n.  48 — 141.  Man  benutzte  gelegentlich  auch  schadhafte 
Dachziegel  des  Zeustempels. 

ä  Vgl.  m.Abh.  D.Seher  v.  Ol,  Archiv  f.  Rel.-W.  XVIII,  1915  S.  53fF., 
darin  die  Seherliste  S.  55ff.  *  SIG^  610.  Vgl.  671— 675. 


58 


Ludwig  Weniger 


'ExLyevtjg  'OnyJQOv.  —  TtalSag  nccyxQariov  ^AQißxövovg  /dtjiiccQxov. 
—  TÖ  dh  rüv  avÖQcbv  TiayxQchiov  Uqov  lyBvexo.  —  äTCoßattxä 
/JLOvvöiog    Zi'jvcovos-  —  Ttj  ös  GwagCÖL  rov  anoßävtog'    Tiiia- 
öldsog  roQycoTia.  —  äcpfJinoÖQOiicc'  Zrjvodorog  'löiöotov.  —  to^c)' 
'AvTiy&vr]g  ^Aoiötoöi^iiov.  —  öxoTCät  l%nkcav  Ali^i'O^iaxog  TIoXv- 

i,^VOV.  —  ÖXOTtbv  7C£^G>V' KXBLTO^dxOV.  — 


QOV. 


Danach  läßt  sich  mit  Benutzung  eines  Stückes  aus  Phlegons 
dlv^TCLoviy.cdv  xal  xqovixüv  6xn'uyayi]  das  olympische  Sieger- 
verzeichuis  von  01.177(72  v.Chr.)  unter  Voranstellung  der  Kampf- 
art vor  den  Namen  des  Siegers  folgendermaßen  herstellen: 


ExdSiov 
'ExccTÖiivog  Mü.TqöLog. 

öiavkov 
6  avTÖg. 

döXixov 

'TtIfLxkfig  Uixvcöviog  (rdlog 

'Pco^atog)} 
Ttdvtad'lov 

^AgiOTo^vöag  Kuog. 

nccXrjv 

'löCdcoQog  'AXstai'ÖQSvg  [äjirco- 

tog  tceqCoöov). 

^Axvävug  IjinoxQdrovg 

AÖQCCHVTTTjVÖg.- 

nayxndriov 
UtpoÖQi'ag  ÜLXvävLog. 

jiaidoji'  örddiov 

2ko6iyivrig  Adiuvög. 

'  Römischor   Beiname,    wie   käafig   auch   in    den  Verzeichnisflen    der 
Opferbeamten.  Vgl.  E.  Curtiua  Gesch.  v.  Ol.,  Erg.  1,  58. 

*  Nach  Cicero  pro  Flacco  13,  31   homo  nobilis.     Daraus   erklärt  sich 
die  ausnahmsweise  Nennung  des  Vaters. 

•  Der   Artikel   zur  Unterscheidung   von   einem   Gleichnamigen.     Der 
Name  nicht  im  Genetiv,  weil  er  selber  sein  Viergespann  gelenkt  haben  wird. 


TiaCöcov  ndXrjv 
'AjcoXXcoqidvrjg  KvTtaQiGGisvg. 

naCdcov  7tv^ 
I^cjti^QiXog  ^HXelog. 

Tiaidcov  TtayxQdrtov 
KdXag  'HXslog. 

ÖTCXCttjV 

'Exato^vog  AIiXtjöloq. 

AQi(ix6Xo%og  6  'HXalog.^ 

yJXrjg 
'Ayt'j^ovog  'HXsCov. 

TiaXixhv  xid-QiTiTiov 
xov  avxov. 

TtaXLxi]  6i)voQCg 
KXrjxCa  'HXsiov. 

ncoXixog  xsXrjg 
KaXXC:tnov  'HXeCov. 


Olympische  Studien  59 

Herold  und  Trompeter  sind  nicht  genannt.  In  den  olympischen 
Originalen  werden  die  Namen  der  Väter  nicht  gefehlt  haben. 

Dem  Verzeichnisse  bei  Phlegon  entspricht  das  erhaltene  Stück 
des  Papyros  von  Oxyrhyilchos  aus  der  Mitte  des  dritten  Jahr- 
hunderts V.  Chr.,  welches  die  Sieger  von  Ol,  75  (480)  zur  Hälfte, 
von  Ol.  76  und  77  vollständig,  von  78  bis  auf  den  letzten  Namen, 
von  Ol.  81  den  größten  Teil,  von  Ol.  82  vollständig,  von  83 
bis  auf  die  zwei  letzten  Namen  enthält,  und  zwar  in  derselben 
Folge  wie  bei  Phlegon,  erst  Namen  und  Herkunft,  dann  die 
Kampfart.^  Auch  die  Reihenfolge  der  Wettkämpfe  ist  die  näm- 
"liche  wie  bei  Phlegon;  doch  fehlt  das  Pankration  der  Knaben 
und  fehlen  die  letzten  vier  Agone,  Spiele,  die  damals  noch  nicht 
bestanden. 

Das  einzig  erhaltene  Siegerverzeichnis  aus  Olympia  selbst 
ist  so  verstümmelt,  daß  es  zweifelhaft  bleibt,  ob  wir  darin  eine 
der  gewöhnlichen  Siegertafeln  sehen  dürfen.  Es  stand  auf 
der  oben   S.  54   erwähnten   ehernen  Platte   aus    der  Zeit  nach 

400  V.  Chr.:  'Evlxaöav  etcX |  va,  dayuoQyov j 

yiBÖsv  %oTB%E j  y,os  t'  olvyi^ia  \  AayinvQicov  'A | 

..•..    S;^ 

Ob  eine  Olympiadenzahl  angegeben  war,  oder  ob  man  sich 
mit  der  Nennung  des  Hellanodiken  begnügte,  der  als  Epony- 
mos  galt,  läßt  sich  nicht  erkennen. 

Wenn  nach  Ablauf  jeder  Olympienfeier  die  entsprechende 
Siegertafel  angefertigt  wurde,  so  macht  das  in  100  Jahren 
25  Stück,  in  der  Zeit  von  OL  50  bis  Christi  Geburt  nahezu 
150.  Im  Laufe  so  vieler  Jahre  mochten  viele  der  alten  Bronze- 
platten schadhaft  werden  oder  verloren  gehen.  Das  Erz  besaß 
einen  Wert  und  verführte  zum  Diebstahl. 

Als  die  geistige  Bildung  in  Griechenland  zunahm,  reizten 
die  Verzeichnisse,  zuverlässige  Urkunden  einer  in  den  Augen  jedes 

*  Grenfell-Himt,  Oxyr/i.  Pap.  II  n.  222  S.88ff.  Vgl.  Robert  Hermes  35, 
141  ff.    Diels  ebd.  36,  72  (mit  photograpliisclier  Wiedergabe). 

*  OlErg.Yn.n.    Blaß  bei   CoUitz   Gr.  Dial.  Inschr.  I  S.  332  n.  170. 


(jQ  Ludwig  Weniger 

Hellenen  hochbedeutenden  Sache,  zu  geordneter  Sammlung  um 
so  mehr  an,  als  man  erkannte,  daß  in  ihnen  ein  Mittel  zur  Be- 
festigung der  Zeiten  für  geschichtliche  Darstellung  geboten  war, 
und  daß  sich  Bemerkungen  über  andere  Vorgänge,  insbesondere 
zur  Geschichte  der  Agonistik,  anknüpfen  ließen.  So  wird  es 
verständlich,  daß  die  Herstellung  einer  vollständigen  und  zuver- 
lässigen Olyrapionikenliste  vom  Anfange  der  Spiele  bis  zur 
Gesrenwart  ein  Ziel  wissenschaftlicher  Arbeit  wurde. 

Einen  brauchbaren  Anhalt  boten  gelehrter  Forschung  neben 
den  noch  vorhandenen  Siegertafeln  die  Inschriften  auf  den 
Olympionikenbildern,  von  denen  eine  ganze  Anzahl  bei  den 
Ausgrabungen  entdeckt  worden  ist.*  Die  Sitte,  eine  Erinnerung 
an  die  Preisträger  durch  bildliche  Darstellung  lebendig  zu  er- 
halten, kann  auf  Nachahmung  der  Heraien  beruhen.  Wenn  von 
den  drei  Siegerinnen  im  Wettlauf  gemalte  Bilder  angefertigt 
wurden,  so  werden  sicherlich  auch  ihre  Namen  beigefügt  ge- 
wesen sein.  Indes  waren  nicht  von  allen  Olympioniken  Bilder 
aufgestellt.  Denn  die  Hellanodiken  sprachen  ihnen  wohl  das 
Recht  solcher  Ehrung  zu,  aber  für  die  Ausführung  hatten  sie 
selber  zu  sorgen.  Armut,  Todesfall  und  andere  Umstände  konnten 
die  Herstellung  verhindern.  Vereinzelt  kam  es  vor,  daß  fehlende 
Standbilder  in  späterer  Zeit  nachträglich  errichtet  wurden,  wie 
Ol.  80  (460)  das  des  Oibotas,  der  Ol.  6  (756y  im  Stadion  ge- 
siegt haben  sollte  (P.  7,  17,  6).  Von  den  zu  seiner  Zeit  noch 
vorhandenen  zählt  Pausanias  nur  solche  auf,  welche  ihm  merk- 
würdig schienen,  und  deren  waren  weit  über  200.  Ausdrücklich 
bemerkt  er',  es  sei  nicht  seine  Absicht,  einen  Katalog  der  sieg- 
reichen Athleten  zu  geben.     Übrigens  standen  weder  auf  allen 

'  Ol.  Erg.\  n.  142-248. 

'  6,  1,  l  T&v  di  vixTjaävTcav  'OlvfinlaCtv  oix  änävTcav  elclv  iOTTjxOTBg 
^(vdQiaiTSS,    ulXu    xal   Siicodet^äuBvoi,  Xuutiqu  h  "^ov  ((ycbvu,  oi  di  xal  in 
alXoig    {gycig,    Ofitos   oi)    Ttxvxi]%ar,iv    sixövtov.    rovrovg    iy.hl.tv6iv    Sccptivai 
(loi  u  Xoyoi,  ori  oi>  xuTÜXoyog  ioziv  &^Xr,x&v  onöooig  yiyövaetv  'OXvnJiiical 
vixai,  Stvaürjadtav  ii  ciXXtov  rt  xal  tixövav  ovyygutp^. 


Olympische  Studien  Q\ 

Bildern  Inschriften^,  noch  war  immer  die  Olympiadenzahl  an- 
gegeben. Von  den  meisten  wußten  die  Exegeten  die  Namen; 
ob  es  allemal  die  richtigen  waren,  steht  dahin.  Einen  Wider- 
spruch zwischen  den  elischen  yQ^iipiata  und  der  Aufschrift 
eines  siegreichen  Pferdes  erwähnt  Pausanias  (6,  13,  10)  bei  den 
Söhnen  des  Korinthers  Pheidolas  Ol.  68  (508).  Ursprünglich 
waren  nur  für  die  gymnischen  Agone  Bilder  gestattet,  von  den 
hippischen  bloß  solche  der  Rosse.^  In  der  ersten  Zeit  des 
Agones  aber  hat  es  überhaupt  noch  keine  gegeben,  weder  von 
Koroibos  noch  von  anderen.  Die  frühesten  waren  aus  Holz  ge- 
schnitzt wie  die  Kypseloslade,  den  Bauten  der  Urzeit  im  heiligen 
Walde,  dem  Hause  des  Oinomaos  und  dem  Heraion,  entsprechend. 
Hochaltertümliche  Stücke,  die  noch  Pausanias  gesehen  hat,  sind 
der  Faustkämpfer  Praxidamos  von  Aigina  (Ol.  59  =  544),  ein 
Schnitzwerk  aus  Kypressenholz,  und,  etwas  besser  gearbeitet, 
der  Pankratiast  Rhexibios  von  Opus  (Ol.  61  =  536)  aus  Feigen- 
holz. Beide  hatten  ihren  Platz  nicht  weit  vom  Oinomaoshause. 
Wenn  das  ältere  dieser  beiden  Werke  der  59.  Olympiade  an- 
gehört, so  wird  es  vor  Ol.  50  entweder  keine  oder  nur  wenige 
Olympionikenbilder  gegeben  haben.  Also  kam  diese  Quelle  für 
die  Herstellung  von  Siegerlisten  so  alter  Zeit  nicht  in  Betracht.^ 
Die  späteren  Olympionikenbilder  waren  von  Erz. 

Neben  den  in  Olympia  vorgefundenen  Aufzeichnungen  bot 
die  Überlieferung  der  Hellanodiken,  Theokolen  und  Spondopho- 
ren,  sowie  der  Seher  und  Exegeten,  auch  gewesener  Buleuten 
zuverlässigen  Anhalt  zur  Herstellung  des  Verlorenen  und   zur 


^  Dies  ergibt  sich  aus  P.  6,  3,  1  Jay,i6xov  6h  iyyvrara  sarriKev  ccvr]Q 
flßTis  dij,  t6  yccQ  ovoiioc  ov  XiyovGiv  in    ccvxä. 

'  Vgl.P.  6,  1,  1;  10,  8;  13,  9;  14,  4.  o/.  iV^.V  S.  239f.  Daher  heißt 
es  bei  Phlegon  'AyrjiLovois  'Hleiov  xe'Itjs,  ^ElXaviyiov  'HXsiov  avvaglg,  xov 
oci'Tov  TtaXiKov  zad'QiTtTtov  und  entsprechend  auf  dem  Papyros  von  Oxyrhynchos. 

'  P.  6,  18,  7.  Noch  älter,  nämlich  von  Ol.  38  (628)  Eutelidas  von 
Sparta;  s.  6,  15,  8  Man  äh  r,  rs  d-Kav  ccQxaia  xov  EvzsXiSa,  Kai  rä  inl 
TM  ßdd-Qca  ygäyLiLccxa  ayLvSQa  vno  xov  xqovov.  Das  steht  im  Wider- 
spruch zu  18,  7  {nQ&xai). 


ß2  Ludwig  Weniger 

Ausfülluug  von  Lücken.  Die  Eleier  waren  ein  priesterliches 
Volk,  und  keiner  lebte,  der  nicht  über  die  olympischen  Ver- 
hältnisse Bescheid  wußte.  Aber  auch  die  Farailientradition  der 
Sieger  von  auswärts  konnte  Auskunft  geben.  Ob  sie  freilich 
zuverlässig  war,  ist  zweifelhaft;  die  Ehre,  einen  Olympioniken 
unter  den  Vorfahren  zu  besitzen,  verlockte  zu  Fälschungen. 
Außerdem  benutzte  gelehrte  Arbeit  nicht  nur  alles,  was  bei 
anderen  Schriftstellern,  Geschichtschreibern,  Rednern,  Periegeten, 
Verfassern  eigener  Schriften  über  Feste,  Agone  u.  dgl.  geboten  war, 
sondern  auch  was  bei  Dichtern  sich  fand,  bei  Simonides,  Pindar, 
Bakchylides  und  ihresgleichen,  und  was  aus  Inschriften  auf 
Grabmalen  und  anderen  Stätten  sich  ergab.^  Vorbilder  lieferten 
und  Anregung  gaben  die  Verzeichnisse  der  Archonten  von  Athen^ 
der  Könige  und  Ephoren  in  Sparta,  der  Heresiden  von  Argos. 
In  der  Schrift  Uq£iui  Tijg  "HQccg  hatte  Hellanikos  eine  Liste 
dieser  Priesterinnen  hergestellt,  die  über  das  dritte  Geschlecht 
vor  den  Troika  hinauf  reichte.^  Thukydides  führt  (2,  2)  alle 
Zeitbestimmungen  an,  die  ihm  brauchbar  schienen:  die  Hera- 
priesterin  von  Argos,  den  eponymen  Ephor  von  Sparta,  den 
Archon  von  Athen,  Aber  Olympioniken  erwähnt  er  nicht, 
offenbar  weil  eine  Liste  noch  nicht  vorhanden  war.  An  den 
beiden  Stellen,  an  denen  er  Olympiensieger  nennt  (3,  8.  5,  49), 
gibt  er  keine  Olympiadenzahl  an  und  statt  der  Sieger  im 
Dromos  Pankratiasten.  Die  Zählung  der  Olympiaden  hat  offen- 
bar erst  spifler  begonnen,  wie  es  scheint,  durch  Timaios.  Auf 
Urkunden  begegnet  sie  zuerst  64  v.  Chr.,  Ol.  179.' 

'  In  l'hiffalia  z.B.  zeigte  iniin  eine  altertümliche  Figur  des  Arrhachion, 
der  Ol.  64  siegend  starb;  in  Aigion  hatte  man  eine  Stoa  des  Athleten 
Straten.  Vgl.  P.  8,  40,  1.  Philostr.  im.  2,  6.  Africanus.  —  P.  7,  23,  5  u.  o. 
S.  5ö  Anm.  3. 

»  Hellanikos  fr.  53  u.  Dionys.  A.  I{.  1,  22.  FUG  I  p  62.  Aus  dem 
hohen  Altf-r  erkennt  man  das  künstliche  Machwerk.  Plntarch  {de  mus.  3,  8) 
wußte  von  einem  Verzeichnisse  der  Dichter  und  Musiker,  die  in  den 
VVettkämpfon  zu  Sikyon  gesiegt  hatten,  das  nach  den  Jahren  der  Here- 
siden gcortlnt't  war. 

»  Vgl  Ol  Erg.Y n.  59. 


Olympische  Studien  ßg 

Der  erste,  von  dem  überliefert  ist,  daß  er  eine  Olympioniken- 
liste herausgegeben  hat,  war  der  übelberufene  Hippias  von 
Elis.^  Zu  seiner  Zeit,  d.  i.  um  400  v.  Chr.,  lag  noch  viel  vor, 
das  Pausanias  nahezu  sechs  Jahrhimderte  später  nicht  mehr 
sah.  Wahrscheinlich  las  Hippias  auch  noch  manche  der  älteren 
Tafeln  mit  Siegerverzeichnissen.  Aber  an  einem  fortlaufenden 
und  lückenlosen  Kataloge  von  Ol.  1  ab  fehlte  es  noch.  Daß 
Hippias  als  Eleier  mit  Unterstützung  guter  Freunde  unter 
seinen  Landsleuten  die  Arbeit  in  aller  Ruhe  daheim  und  in 
Olympia  auszuführen  vermochte,  war  ein  Vorteil,  den  er  vor 
anderen  voraushatte,  und  daraus  erklärt  es  sich  auch,  daß  er 
von  Auswärtigen  benutzt  wurde,  obgleich  er  nach  Plutarchs 
Zeugnis  kritiklos  gearbeitet  hat  und,  wie  wir  aus  Piaton  wissen, 
ganz  unzuverlässig  war.  Die  günstigen  Vorbedingungen  ver- 
anlaßten  aber  auch  nach  ihm  Männer  von  Elis  zu  crleichem 
Versuche. 

Ein  bei  Pausanias  als  Taraballon'  bezeichneter  Olympionike, 
dessen  Sohn  Lastratidas  im  Ringen  sowohl  zu  Olympia  wie  in 
Nemea  Siege  gewann,  suchte  bei  der  Nachwelt  Ehre  einzulegen 
dadurch,  daß  er  im  Gymnasion  von  Olympia  eine  Liste  der 
Siegernamen  stiftete,  offenbar  eine  umfangreiche  Inschrift  auf 
Stein  oder  Erz.^  Dies  ist  der  erste  amtliche  oder  halbamtliche 
Katalog,   von   dem    wir   wissen.      Eine    Zeitangabe   fehlt.      Da 

^  Plut.  Numa  1  rovg  iihv  oiv  XQovovs  i^a^Qiß&öat  xaXsitov  iari,  xal 
(läXtera  rovg  ix  x&v  oXv^niovix&v  ävayo^svovg,  av  ttjv  avayQaq)T}v  6i\)S 
cpaöiv  'Imciav  iy,Sovvai  xov  'Hlsiov,  an  ovSsvos  OQiimiisvov  avayxaiov 
TtQos  Tiiexiv. 

■  Paus.  (6,  6,  3),  nachdem  er  von  dem  Standbild  und  den  Siegen  des 
Lastratidas  geredet:  IlaQaßdXXovTt  Sh  rä  ÄccexQaziSa  tiuxqI  vTcfig^s  /i^v 
diccvXov  TcaQsXQ-siv  Sqo^w,  vtczXLtisxo  6h  xal  ig  fowg  Sitsixa  cpiXoxiiiiav, 
x&v  vixrieävxüiv  'OXv^iTciaai  xu  ovöiiaxa  avayQcc^ltag  iv  xä  yviLvaeio  xä> 
iv  'OXv(ntia.  Ob  das  Wort  IlaoaßdXXav  ein  Eigenname  ist,  seheint  zweifel- 
haft. Es  könnte  bedeuten,  daß  der  Vater  als  Sieger  dem  Sohn  an  die 
Seite  tritt,  und  der  Xame  des  Mannes  ausgelassen  sein.  Vgl.  was  Polyb. 
12,  11  Ton  Timaios  sagt:  6  yag  —  xovg  agxovxccg  xovg  'A&^vr}6t  xal  xäg 
i-SQtiag  xug  iv  "Agysi  -xaqaßdXlav  itgog  xoijg  oXvfmiovixag. 


64  Ludwig  Weniger 

Lastratidas  in  Nemea  siegte,  muß  er  nach  Ol.  51  gelebt  haben. 
Das  Gymnasiou  ist,  wie  wir  oben  bemerkten,  in  hellenistischer 
Zeit  erbaut.  'Paraballous'  Anagraphe  bedeutet  für  Olympia 
ein  ähnliches  Weihgeschenk  wie  der  von  Aristoteles  und  Kalli- 
sthenes  hergestellte  Pinai  der  Pythioniken,  den  die  delphischen 
Schatzmeister  auf  einer  Stele  im  Tempel  des  Apollon  aufstellen 
ließen.  Man  erkennt,  daß  Taraballon'  sich  an  Hippias'  Vorarbeit 
nicht  genügen  ließ.  Schwerlich  hat  er  sie  nur  durch  die  seit- 
dem zusrekomraenen  Sieger  ergänzt  und  sonst  unverändert 
gelassen. 

Von  Euanoridas  aus  Elis,  der  als  Knabe  im  Ringkampfe 
siegte  und  später  Hellauodike  ward,  berichtet  Pausanias,  daß  er 
gleichfalls  die  Namen  der  olympischen  Sieger  aufgezeichnet 
habe.     Die  Zeit  des  Euanoridas  ist  nicht  bekannt.^ 

Wenn  wir  hören,  daß  auch  Aristoteles,  Timaios,  Philochoros, 
Eratosthenes  u.  a.  sich  mit  Herstellung  von  Olympionikenlisten 
beschäftigten,  so  erkennt  man,  daß  das  Vorhandene  mangelhaft 
war.  A.  Körte  macht  darauf  aufmerksam,  daß  die  Bemerkungen 
in  dem  Bruchstücke  von  Oxyrhynchos:  bei  dem  Sieger  im 
Waflfenlauf  Ol.  76  (476)  ovrcog  KQccTtjg,  bei  dem  im  Pentathlon, 
01.78(468)  ovrcog  Olliörog,  bei  dem  im  Knabenringen  derselben 
Olympiade  ovrcjg  KaXXi6^ivi]g,  von  gleicher  Forscherarbeit  der 
Genannten  und  dem  Fehlen  einer  anerkannten  amtlichen  Sieger- 
liste zu  ihrer  doch  verhältnismäßig  späten  Zeit  zeugen.'  Und 
wenn  Sosibios  aus  Lakedaimon,  der  unter  Ptolemaios  II.  in 
Alexandreia  lebte  und  eine  Chronik   schrieb,   in   der  die   spar- 

'  P.  6,  8,  1  ItyQai^t  xal  ovrog  zu  6v6(iuTa  iv  'OXvy^itia  r&v  verixrjxoroji-. 
Das  %ui  bezieht  sich  wohl  auf  den  zwei  Kapitel  vorher  genannten  Vater 
dea  Liwtratidas.  —  Bei  Tolybios  (5,  94,  6;  vgl.  105,  «)  wird  für  Ul.  140,3 
(218 v.Chr.)  ein  hcr\-orragen<ler  Eleier  Euanoridas  erwähnt  Auf  demBruch- 
etück  einer  Basis  von  Olympia  {Ol.  Erg.Y  n.  299)  ist  der  gleiche  Name 
ergänzt. 

'  A.  Körte  Hermes  30,2.34;  d.  Nachweis  der  Namen  durch  Diels  ebd. 
36,  72  ff.  Auch  rhilostratoa  gijmn.\2,iZ  gibt  Beispiele  verschiedener  An- 
gaben zu  Ol.  18  und  41;  weiteres  Jüthner  S.  112. 


Olympische  Studien  65 

tanische  Königsliste  stand,  Ol.  1  in  das  34.  Jahr  des  Königs 
Nikandros  setzte,  Diodor  aber  in  das  10.  des  Alkamenes  und 
Africanus  in  das  letzte,  d.  i.  37.,  desselben  Königs,  so  zeigt  sich 
auch  darin,  wie  sehr  die  Ansichten  der  Gelehrten  auseinander- 
gingen.^ 

Als  Ergebnis  stellt  sich  heraus,  daß  weder  die  Siegertafeln 
der  Eleier,  noch  der  Katalog,  welcher  auf  ihnen  beruht,  in  die 
ältere  Zeit  der  Agone,  geschweige  denn  bis  776  v.  Chr.  hinauf- 
gereicht haben. 

IT  Die  Pisatenkriege 

Wenn  wir  behaupten,  Ol.  50  sei  der  Ausgangspunkt  für  die 
Berechnung  Ol.  1  =  776  v.  Chr.  gewesen,  so  bedarf  dieser  Satz 
der  Begründung. 

Die  Wahl  der  50.  Olympiade  hängt  mit  der  großen  Um- 
gestaltung der  Einrichtungen  des  Heiligtums  zusammen,  die 
nach  dem  in  schweren  Kämpfen  errungenen  Siege  der  Eleier 
über  die  Pisaten  erfolgt  ist. 

Die  Ilias  rechnet  die  Pisatis  zum  Gebiete  der  Epeier.^  Die 
acht  Städte  des  Landes  standen  miteinander  in  engem  Verbände. 
Die  größte  ist  Kikysion;  außerdem  nennt  Strabon  Salmone, 
Herakleia,  Harpina,  Dyspontion.  Die  übrigen  drei  werden 
Aleision,  Amphidoloi  und  Letrinoi  gewesen  sein.^  Dui'ch  Glauben 
und  Herkommen  war  die  Bevölkerung  mit  dem  alten  Dienste 
der  Hera  am  Südwestabhange  des  Kronosberges  auf  das  engste 
verbunden.  Auch  Skillus  hielt  zu  den  Pisaten;  Skilluntier  hatten 
das  Heraion  erbaut.  Gegen  sie  vornehmlich  ist  jene  Bestimmung 
gerichtet,  welche  Frauen  bei  Todesstrafe  verbot,  am  Hochfeste 
des  Zeus  den  Alpheios  zu  überschreiten.* 

^  Die  Belege  bei  Busolt  Gr.  Gesch.  P  S.  516f.  583,  1.  3. 

-  IL  2,  615 ff.  Vgl.  Od.  15,  297.  11,  757  betr.  Aleision.  Strab.  8 
341.  Vgl,  Africanus  Ol.  2  ' Avtiiiccxog  'HXnog  ix  /IvGitovxiov  axadtov. 
Partsch  Ol.  Erg.  I,  4  f. 

*  Strab.  8,  356.  341.    Busolt  Gr.  G.  1*,  288,  3.     Partsch  a.  0. 

*  P.  5,  6,  4  —  inl  zov  7toXey,ov  zov  Iliaaiav  TCgog  'HXsiovg  initiov- 
QOi  ra  Uiaalcov  ol  UkMovvtioi    xal  didcpogoi  tolg  'Hlsioig    rjoav  ix  tov 

Aiohiv  f.  BeUgioaawissenschaft  XS  5 


gg  Ludwig  Weniger 

Solange  sie  denken  konnten,  hatten  die  Pisaten  die  Altis 
als  ihr  Eigentum  angesehen,  Soll  nun  aber  die  1.  Olympiade 
bereits  776  stattgefunden  und  der  Eleier  Koroibos  gesiegt 
haben,  so  dachte  man'  sich  offenbar  die  Eleier  als  Agonotheten. 
Der  Zeusdienst  konnte  ihnen  einen  Vorwand  geboten  haben, 
sich  in  Olympia  einzunisten.  Die  Überlieferung,  daß  außer 
Iphitos  von  Elis  auch  Lykurgos  von  Sparta  und  Kleosthenes 
von  Pisa  den  Gottesfrieden  vereinbarten,  stellt  eine  Ver- 
mittelung  und  friedliches  Einvernehmen  dar.  Um  so  mehr 
fällt  es  auf,  daß  die  Pisaten  immer  wieder  neue  Versuche 
unternahmen,  nicht  nur  ihres  Landes  Herr  zu  bleiben,  sondern 
auch  den  aufblühenden  Zeusdienst  in  die  Hände  zu  bekommen, 
dessen  wichtigster  Teil  das  Hochfest  war.  Durch  eine  Zeit 
von  drei  Jahrhunderten  wird  von  Ei-hebungen  des  kleinen 
Volkes  berichtet,  welche  an  die  Freiheitskämpfe  der  Messenier 
erinnern.  Die  Überlieferung  Hießt  aus  elischer  Quelle  und  ist 
parteiisch. 

Der  erste  Versuch,  das  Joch  abzuschütteln,  ist  an  den 
Namen  des  Pheidon  von  Argos  geknüpft.  Von  ihm  schreibt 
Herodot  (6,  127),  daß  er  den  Peloponnesiern  die  Maße  schuf 
und  der  übermütigste  Tyrann  von  allen  Hellenen  war,  auch 
die  Agonotheten  der  Eleier  vertrieben  und  selbst  den  Agon 
in  Olympia  veranstaltet  habe.  Auf  Herodot  beruht  die  Dar- 
stellung des  F'ausauias  (6,  22,  2):  „Die  Pisaten  zogen  sich 
selber  das  Unheil  auf  den  Hals,  indem  sie  den  Bleiern  feind- 
lich entgegentraten  und  den  Anspruch  erhoben,  selbst  den 
olympischen  Agon  zu  veranstalten.  Denn  sie  riefen  in  der 
8.  Olympiade  den  Argeier  Pheidon  zu  Hilfe,  den  über- 
mütigsten   der    Tyrannen    unter    den    Hellenen,     und     veran- 

q>aveQOv,  x«l  (Kpüs  oi  'HXfloi  TovTtov  tVexa  inoii]6uv  ccvuGrärove  .  .  . 
7.  x«TU  dl  rrji'  fg  'Oh'(i7tlav  n86v,  ttqIv  fiiiaßf,vai.  ror  'AXtfhidv,  ienv  UQOg 
in  ^yLiXioxivroi  iQxn\iiv(o  nirgaig  v\i)tiXuli  tijrorofior.  «j'Ofia^trca  3h  Timuiov 
ro  Sgog.  xatu  rovto  rüe  ywuixag  'Illsiotg  terlv  öi9stv  v6fiog,  ffi>  qpwpa- 
%&Oiv  ig  rbv  &yä>va  ilyfovoui  t'ov  'OXvnTtixör  ;)  xai  oXag  iv  xalg  anBigr]- 
(itvaig  crpiciv  iifitgaig  diußäoai  rbv  '  AXtpuöv. 


Olympische  Studien  67 

stalteten  mit  ihm  gemeinsam  den  Agon."    Auch  die  Erzählung 
des   Ephoros   bei  Strabon   (358)   ist   von   Herodot    beeinflußt: 
„Pheidon  von  Argos,  der  10.  Nachkomme  des  Temenos,  über- 
ragte die  Zeitgenossen  an  Macht  und  vermaß  sich,  die  Agone, 
welche  Herakles  gestiftet  hatte,  selbst  zu  veranstalten,  so  auch 
den    olympischen.     Er    drang    gewaltsam    in     das    Land    und 
konnte  es  um  so  mehr  wagen,  da  die  Eleier  des  Gottesfriedens 
wegen  keine  Waffen  besaßen,  um  es  zu  hindern,  und  die  anderen 
die  Gewalt  hatten.     Die  Eleier  nahmen  aber  diese  Olympiade 
nicht  in  ihr  Verzeichnis  auf  und  verschafften  sich  fortan  auch 
Waffen,  um  sich  selber  helfen  zu  können.    Die  Lakedaimonier 
unterstützten  sie  dabei,  sei  es  aus  Eifersucht  auf  ihren  Wohl- 
stand   im    Frieden,    sei   es    um    sie   als  Bundesgenossen   gegen 
Pheidon    zu    bekommen,    der    ihnen    die    Hegemonie    über    die 
Bewohner    des    Peloponnes    genommen    hatte.     Und    so    ver- 
schafften sie  den  Eleiern  das  Pisatenland  und  Triphylien."    Der 
10.  nach  Temenos  bedeutet  das  Geschlecht  von  803  bis  770/69 ; 
denn  Ephoros  setzte  die  Rückkehr  der  Herakleiden  735  Jahre 
vor  Alexanders    Übergang  nach  Asien,    der  335/334   erfolgte^, 
also    auf    1070/69.      Rechnet    man     10    Geschlechter    zu    je 
33  Va   Jahren    voll,    so    ergibt    sich    737/36,    bei    nur    9    Ge- 
schlechtern aber  770/69.    Der  Durchschnitt  würde  zu  Ol.  8  =  748 
stimmen.     Nach    Pausanias    (2,   19,  2)    war    Meltas,   Pheidons 
Enkel,   der   10.  Nachkomme  Medons,  des  Enkels  des  Temenos, 
und  das  stimmt  zu  Ephoros.    Die  8.  Olympiade  voll  gerechnet 
bedeutet    32   Jahre,   d.  i.  rund  ein  Geschlecht,  nach  Ol.  1  und 
führt    auf  745/44;   Ol.  9    ist  744  v.  Chr.     Daß    nun    aber    die 
Agonothesie  des  Pheidon  in  Wahrheit  bereits  Ol.  8   stattfand, 
wird  mit  Recht  bezweifelt.     Africanus  erwähnt  nichts   davon. 
Dazumal  spielte  auch  der  bloß  im  Dromos  bestehende   Agon 
noch  keine  so  große  Rolle,  daß  der  Tyrann  Wert  darauf  legen 
konnte,  ihn  zu  leiten.     Herodot  bezeichnet  Pheidon  als  Zeit- 
genossen des  Kleisthenes  von  Sikyon,  und  dieser  lebte  zu  Be- 
^  Als  Euainetos  Archon  war,  Clem.  AI.  Strom.  1,  403 P. 


08  Ludwig  Weniger 

ginn  des  ß.  Jahrhunderts.  Um  jedes  Bedenken  zu  beseitigen, 
hat  man  die  Zahl  >/  bei  Pausanias  (6,  22,  2)  durch  xr]  ersetzt 
und  so  Ol.  28  =  668  gewonnen.  Das  würde  zum  10.  Geschlechte 
nach  Temenos  nicht  stimmen,  wohl  aber  zu  Africauus'  Angabe, 
daß  die  Pisaier  damals  den  Agon  leiteten.^  Das  genügt  nicht, 
die  Schwierigkeit  zu  beseitigen.  Fest  steht  nur,  daß  Ol.  8 
nicht  haltbar  ist. 

Hundert  Jahre  nach  Ol.  1  kam  es  zu  neuen  schweren 
Kämpfen,  die  sich,  durch  Ruhepausen  unterbrochen,  hinzogen, 
bis  die  Pisaten  unterlegen  waren.  Strabon  schreibt  (355): 
„Nach  der  26.  Ol.  nahmen  die  Pisaten  ihr  Heimatland  an  sich 
und  veranstalteten  auch  den  Agon,  dessen  Aufblühen  sie  sahen.^ 
In  der  Folijezeit  fiel  Pisatis  wieder  an  die  Eleier  und  damit 
zugleich  die  Agonothesie.  Die  Lakedaimonier  standen  ihnen 
nach  der  endgültigen  Bezwingung  der  Messenier  bei,  da  sie 
mitgekämpft  hatten,  im  Gegensatze  zu  den  Nachkommen  Nestors 
und  den  Arkadern,  die  zu  den  Messeniern  hielten,  und  ver- 
halfen ihnen  dazu,  daß  fortan  das  ganze  Land  bis  Messenien 
als  Elis  galt  und  so  bis  heute  geblieben  ist,  und  daß  sich  von 
Pisaten,  Triphyliern  und  Kaukonen  nicht  einmal  der  Name  er- 
halten hat."  Ol.  29  (664)  müssen  die  Eleier  wieder  die  Ober- 
hand gehabt  haben.  Denn  nach  Africanus  veranstalteten  die 
30.  Olympiade  (660)  und  die  folgenden  22  die  Pisaier.^  Das 
wäre  also  bis  Ol.  52  (576)  einschließlich  gewesen.  In  dieser 
Zeit  werden  auch  keine  elischen  Sieger  erwähnt  —  mit  Aus- 
nahme des  Polyneikes,  der  nach  Africanus  und  Pausanias 
(5,  8,  9)  im  Dromos  der  Knaben  den  Preis  erhielt  — ,  wohl 
aber  Ol.  52:  ^ Ayas  ' ID.eiog  öradiov.  Daß  in  dieser  langen 
Zeit   nicht    nur    die    Spiele    regelmäßig    gefeiert,   sondern   auch 

'  Ol.  28:  ravTTiv  jj^uv  Uiaatoi  'HXeiav  icaxoXoviiivwv  Stic  xhv  ngog 
dvfuclovg  n6Xtfiov. 

*  Ol.  2.5  (680)  war  das  Wa^ronrennen  mit  Viergespann  hinzugekommen. 

•  Africanus  Ol.  30:  Ilioaioi  ' Illtitov  ccnoOtävzBg  ruvrr]v  r'  ii^ctv  xai 
XU?  iifii  xß'.  —  Wenn  freilich  Paus.  (6,  9,  4)  Ol.  60  (580)  zwei  Ilellanodiken 
eingesetzt  werden   läßt,   so   liegt  darin  ein  Widerspruch   (s.  u.  V  S.  73). 


Olympische  Studien  ß9 

wichtige  Neuerungen,  wie  Pankration  und  Pferderennen  Ol. 
33  1.648),  sowie  Dromos,  Ringkampf,  Pentathlon  und  Faust- 
kampf der  Knaben  Ol.  37  (637),  38  (628),  41  (616)  eingeführt, 
auch  die  Sieger  aufgezeichnet  und  begonnene  Listen  ordentlich 
fortgesetzt  wurden,  geht  aus  Africanus  hervor.  Auffallend  ist, 
daß  die  gedachten  23  Olympiaden  von  den  Eleiern  nicht  als 
Anolympiaden  bezeichnet  und  nicht  im  Siegerkatalog  aus- 
gelassen wurden.  Indes  widersprechen  Pausanias'  weitere  An- 
gaben der  ungestörten  Leitung  durch  die  Pisaten  von  Ol.  30 
bis  52,  wenn  auch  ihr  zeitweises  Emporkommen  nicht  zu  be- 
zweifeln ist.  In  den  Anfang  dieses'  Abschnittes  wird  man  die 
Erbauung  des  Heraion  durch  die  Skilluntier  ansetzen  dürfen, 
als  Heiligtum  der  großen  Pisatengöttin  und  Webehaus  ihrer 
heiligen  Frauen.  Die  acht  Nischen  für  die  Weberinnen  ent- 
sprechen den  acht  Städten  des  Pisatengaus.  ^ 

Bei  Pausanias  (6,  22,  2)  heißt  es  dann  weiter:  „In  der 
84.  Ol.  brachten  die  Pisaier  und  ihr  König  Pantaleon  aus  den 
Anwohnern  ein  Heer  zusammen  und  veranstalteten  statt  der 
Eleier  die  Olympien.  Diese  Olympiaden  (8  und  34)  und 
außerdem  die  104.,  welche  die  Arkader  geleitet  hatten,  nennen 
die  Eleier  Anolympiaden  und  führen  sie  nicht  im  Olympiaden- 
katalog auf.''  Danach  wären  also  alle  anderen  richtige,  d.  h. 
elische,  Olympiaden  gewesen.  Nun  schreibt  Strabon  (362): 
„Im  zweiten  Krieg  hatten  die  Messenier  die  Argeier,  Arkader 
und  Pisaten  zu  Bundesgenossen  gewonnen,  wobei  die  Arkader 
Aristokrates,  den  König  von  Orchomenos,  als  Feldherrn  stellten, 
die  Pisaten  aber  Pantaleon,  den  Sohn  des  Omphalion."  Ferner 
(P.  6,  22,  4):  „In  der  48.  Olympiade  (d.  i.  588  v.  Chr.,  also 
56  Jahre  später)  erregte  Damophon,  Pantaleons  Sohn,  bei  den 
Eleiern  Verdacht,  auf  Abfall  zu  sinnen.  Als  sie  nun  bewaff- 
net in  das  Pisaierland  einrückten,  bewog  sie  Damophon  durch 

»  Vgl.  Wernicke  Arch.  Jb.  IX,  1894,  113.  Die  Erbauung  8  Jahre 
nach  Oxylos  (P.  5,  16,  1)  ist  unhaltbar;  aber  von  Ol.  28  bis  30  sind 
8  Jahre. 


70  Ludwig  Weniger 

Bitten   und    Eidschwüre   zur  Umkehr.     Als   aber   Pjrrhos,   der 
andere  Sohn  Pautaleons,  nach  seinem  Bruder  Damophon  König 

geworden   war\   erklärten   die  Pisaier   von   freien  Stücken   den  , 

Bleiern   Krieg.     Zugleich    mit   ihnen    fielen  die  Makistier    und  i 

Skilluntier   aus   Triphylien  von   den  Eleiern    ab   und    von    den  \ 

anderen  Umwohnern  die  Djspontier.     Diese   besonders  fülüten  j 

sich     als    Gaugenossen    der    Pisaier     und     bezeichneten    ihren  '• 

Gründer  Djsponteus  als  einen  Sohn  des  Oinomaos.    Die  Pisaier  i 

aber  und  ihre  Bundesgenossen  unterlagen  und  wurden  von  den  1 

Eleiern   vertrieben."     Früher  (5,  6,  4)    hatte    der    Perieget   bei  : 
Erwähnung    der    Ruinen    von    Skillus    geschrieben:    „Zu    den 

Städten    in    Triphylien    gehörte    auch    diese.     Im    Kriege    der  j 

Pisaier    gegen    die  Eleier   waren  die  Skilluntier  deren  Bundes-  i 
genossen  und  offenbar  den  Eleiern  feindlich,   und  deshalb  ver- 
trieben  die  Eleier  sie."    Sodann:  „Auf  dem  Wege  nach  Olympia 

vor   dem  Übergänge   über   den  Alpheios   liegt,   wenn   man  aus  i 

Skillus    kommt,    ein    Berg    mit    abschüssigem    Felsrücken;    er  ^ 

trägt  den  Namen  Typaion.    Von  diesem  werden  nach  elischem  j 

Gesetze    die    Frauen    hinabgestoßen,    wenn    sie    dabei    ertappt  , 

werden,  daß  sie  zum  olympischen  Wettkampfe  gekommen  sind  i 

oder  überhaupt  an  den   verbotenen  Tagen   den  Alpheios   über-  j 

schritten    haben".*     Endlich    heißt   es   (^6,  21,  1),    Demeter    sei  ! 
Chamyue  j^'euannt  vom  Aufbrechen  (;i;ai/£tf)  der  Erde  und  dem 
emporsteigenden  Wagen  des  Hades.     Nach  anderen  aber  solle 

ein   l'isaier  namens  Chamynos   von   I'antaleon,  dem  Sohne   des  ' 

Oniphalion  und  Tyrannen  von  Pisa,  als  er  den  Abfall  von  den  j 

Eleiern    plante,    getötet   worden  sein,   und   von  dem  Nachlasse  ' 

des   Chamynos   habe   man   der  Demeter  das   Heiligtum   erbaut.  , 

Die  Deutung  ist  unhaltbar;  denn  den  Beinamen  hat  die  Göttin  J 

aus    anderen    Gründen',    aber    entstanden    ist   sie   aus    der   Er-  | 

innerung  an  die  früheren  Erlebnisse  und  im  Hinblick  auf  den  J 

Bau   des  Zeustempels   aus    der  Pisatenbeute.      Ergänzend  tritt  \ 

'  Also  später,  etwa  um  Ol.  50.    —    ^  Der  Text  oben  S.  65  Anna.  4.      [ 
»  Vgl.  in.  Abb.  D.  heilige  Ölbaum  S.  20.  ' 


Olympische  Studien  'Jl 

hierzu  das  bei  Pausanias  vorher  Erzählte  (5,  16,  6):  „Als  Da- 
mophon  in  Pisa  Tyrann  war,  soll  er  den  Eleiern  viel  Unheil 
bereitet  haben.  Wie  er  aber  gestorben  war  und  die  Pisaier 
versicherten,  an  seinen  Übeltaten  ohne  Schuld  zu  sein,  hielten 
es  die  Eleier  für  klug,  das  Mißverhältnis  auf  friedlichem  Wege 
zu  beseitigen,  und  so  wählten  sie  aus  den  16  Städten,  die  da- 
mals noch  im  Eleierlande  bewohnt  waren,  je  eine  Frau,  um 
ihnen  die  Streitigkeiten  zu  schlichten." 

Das  Endergebnis  der  langen,  schweren  Kämpfe  war  der 
durchgreifende  Sieg  der  Eleier.  Das  Königtum  in  Pisa  wurde 
abgeschaift,  Pisa  zerstört,  das  Pisatenvolk  völlig  unterworfen, 
und  die  Eleier  durften  sich  als  unbeschränkte  Herren  von 
Olympia  betrachten. 

Nach  Pausanias  (5,  10,  2)  wurde  dem  Zeus  Tempel  und 
Goldelfenbeinbild  von  der  Beute  hergestellt,  als  die  Eleier  Pisa 
und  alle  Umwohner,  die  mit  den  Pisaiern  abgefallen  waren, 
bezwungen  hatten.  Dies  scheint  in  einem  um  die  Mitte  des 
5.  Jahrhunderts  nochmals  auflohenden  Kampf  im  Zusammen- 
hange mit  dem  3.  Messenischen  Kriege  geschehen  zu  sein.^ 
Noch  ein  letztes  Ringen  fand  Ol.  104  (364)  statt.  Es  kommt 
für  uns  ebensowenig  in  Betracht,  wie  jenes  vorletzte  im  5.  Jahr- 
hundert. Die  Pisaten  hatten  sich  mit  den  Arkadem  vereint. 
Es  kam  zur  Schlacht  in  Olympia  während  der  Panegyris. 
Sie  behielten  die  Oberhand,  mußten  aber  schließlich  für  immer 
nachgeben.^ 

V  Die  große  Reform 

Aus  dem  über  die  Kämpfe  nach  Ol.  48  (588)  Überlieferten 
ergibt  sich  der  Ausgangspunkt  für  die  Berechnung  von  Ol.  1, 
Pisas  Macht  war  vernichtet.     Nach    endgültiger  Unterwerfung 

'  Herodot  4,  148  .  .  .  Aetiqsov,  MdcKietov,  ^gi^ag,  UvQyov,  Novdiov 
rovTScov  dh  rag  TtUvvag  in'  ifiso  'HXetot,  inog^riGav.  Den  Nachweis 
führte  Urlichs;  vgl.  Verhandlgn.  d.  25.  Philol.  Vers.  i.  Halle  1868,  70ff. 
Blümner  zu  P.  5,  10,  2. 

^  Xenoph.  Hell.  7,  4,  28  ff.     Diod.  15,  78. 


72  Ludwig  Weniger 

seiner  Bevölkerung  richteten  sich  die  Eleier  in  dem  wieder- 
gewonnenen Olympia  auf  die  Dauer  ein  und  schufen,  alles 
überlegend,  tief  eingreifende  Neuerungen  zur  Sicherung  und 
zu  dauerndem  Frieden.  Dies  ist  die  große  Reform,  auf  der 
das  Gedeihen  des  Heiligtums  und  das  Aufblühen  des  Hoch- 
festes beruhte.^  Elis  nimmt  seit  der  Bezwingung  von  Pisa 
alle  Sacra  in  die  Hand  und  richtet  eine  völlig  neue  gottes- 
dienstliche Verwaltung  ein.  Die  als  notwendig  erkannte  durch- 
greifende Neuerung  ließ  sich  nicht  in  einem  Jahr  erledigen, 
sondern  erforderte  einen  längeren  Zeitraum,  auch  Verständigung 
mit  dem  Auslande  (Delphi,  Lakedaimon,  Athen).  Man  darf 
dafür  die  Zeit  von  Ol.  48  (588)  bis  über  Ol.  50  (580)  hinaus  in 
Anspruch  nehmen.  Um  Ol.  51  (576)  war  das  Wesentliche  erreicht. 
Wenn  das  Gewissen  ins  Spiel  kommt,  muß  die  Staats- 
gewalt nachgeben,  sonst  trägt  sie  den  Schaden.  Die  Eleier 
waren  klug  genug,  tief  eingewurzelte,  von  dem  Nimbus  der 
Heiligkeit  umgebene  Bräuche  nicht  auszureißen,  sondern  eine 
Vermittlung  zu  suchen,  bei  der  manches  Vorhandene  über- 
nommen wurde.  Um  Dauerndes  zu  erreichen,  bot  man  die 
Hand  zur  Versöhnung.*  Als  ein  äußeres  Zeichen  bestehender 
Einheit  von  Elis  und  Olympia  wurden  in  der  Altis  die  sechs 
Doppelaltäre  der  Hauptgottheiten  beider  Länder  errichtet:  Zeus 
Laoitas  und  Poseidon  Laoitas  (n.  3),  Kronos  und  Rhea  (n.  4), 
Hera  Laoitis  und  Athena  Laoitis  (n.  5),  Alpheios  und  Artemis 
(n.  9),  Apollon  und  Hermes  (n.  26),  Dionysos  und  die  Chariten 
(n.  36).'    Von  diesen  haben  Athena,  Poseidon,  Dionysos  und  die 

'  VAnp  kurze  Zuaammenst^'llnng  flor  Neuerungen  bietet  bereits  ni. 
Abb.  Hochfest  IT,  Klio  V,  191. 

*  Die  Zuziehung  «It-r  Krauen  zum  dtaXvtiv  tu  dtäcpoga  P.  5,  16,  5; 
vgl.  nnten  S.  73.  In  gleicher  Weise  verfuhr  man  auch  später,  als  um 
Ol.  104  (864)  die  Pisaten  sich  noch  ein  letztes  Mal  erhoben  hatten;  nach 
erlangtem  Frieden  wurde  der  Homonoiaaltar  (n.  27)  gestiftet  und  der 
große  Zeus  fuleiav  ntgl  öfiovolui  aufgestellt. 

'  Die  Zählung  der  Altäre  ii;uli  th-r  Folge  den  Monatsüpfers,  vgl. 
Klio  IX  FJ    294  tr.  \IV  S    398tf. 


Olympische  Studien  73 

Chariten  ihren  Hauptdienst  in  Elis,  die  übrigen  in  Olympia. 
Die  gleiche  Vereinigung  der  Gottesdienste  beider  Landschaften 
bekunden  auch  die  Monatsnamen  der  Eleier.  Bekannt  sind 
ApoUonios,  Parthenios,  Athanaios,  Thyios,,Thosythias',  Elaphios, 
Alpheioos,  deren  eponyme  Gottheiten  auch  in  den  sechs  Doppel- 
altären yertreten  sind.  Wohl  möglich,  daß  die  Benennung  der 
Monate  gleichfalls  um  Ol.  50  aufkam,  mochte  auch  ein  und 
der  andere,  wie  der  Elaphios,  schon  früher  seinen  Namen  be- 
sessen haben. 

Zeus  bildet  hinfort  den  Mittelpunkt  der  olympischen  Gottes- 
verehrung. Hera  und  die  anderen  Frauendienste  treten  zurück. 
Allmählich  kommen  neue  Kulte  auf,  aber  alle  spielen  eine 
Nebenrolle,  und  in  der  monatlichen  Opferung  erscheinen  ihre 
Götter  als  Gäste  des  Zeus.  Nun  erst  erhebt  sich  das  Hochfest 
und  die  große  Panegyris  zu  vollem  Glänze.  Gottesverehrung 
und  volkstümliche  Athletik  vereinen  sich  zu  einem  untrenn- 
baren Ganzen.  Dem  Endziel,  eine  Vermittlung  zwischen 
Eleiem  und  Pisaten  zu  schaffen,  entspricht  die  Anstellung 
eines  zweiten  Hellanodiken  Ol.  50,  Beide  wurden  aus  der 
Bevölkerung   des   ganzen  Landes,    d.  i.  Elis-Pisatis,  ausgelost.^ 

Um  die  gleiche  Zeit  nahm  man  eine  Neueinrichtung  der 
Heraien  vor.  Der  Frauendienst  der  großen  Göttin  wurde  ein- 
geschränkt, dabei  aber  doch  eine  Schonung  des  Überlieferten 
für  nötig  erkannt.  Aus  den  16  Städten  des  ganzen  Landes, 
nicht  mehr  bloß  den  8  der  Pisatis,  wurde  je  eine  angesehene 
Frau  erkoren,  um  die  Aussöhnung  der  beiden  Gaue  herzustellen. 
Daß  Hippodameia  das  Kollegium  gestiftet  habe  (P.  5,  16,  4), 
ist  Legende.  Das  Prachtgewand  mußte,  wie  bisher,  durch  die 
heiligen  Frauen  der  Göttin  alle  vier  Jahre  gewoben  werden; 
von  jetzt  ab  übernahmen  das  die  Sechzehn.  Ebendieselben 
leiteten  hinfort  auch  den  Laufagon  der  Mädchen,  den  man  aus 

^  P.  5.  9,  4  Ttsvtrjxooxy  3s  oXvfmiädi  ardquei  8io  i^  cc^dvrcov 
XaxovGiv  'HXtiwv  iTCSTQCcTCTi  TtoifiGat  XU.  'OXvfiTCia,  aal  stiI  tiXeIgtov  cctio 
ixcivov  diifisivB  xwv  aymvav  6  äQL&^ög  xwv  ovo. 


74  Ludwig  Weniger 

dem  tbyiadisclien  Festbrauch  übernommen  hatte.  Denn  mit 
dem  Heradienste  zugleich  versahen  die  Sechzehn  nunmehr  auch 
den  des  Dionysos  und  stellten  zwei  Festreigen  zu  Ehren  der 
Hippodameia  von  Olympia  und  der  Physkoa  von  Elis.  Die 
Schwesterschaft  der  Sechzehn  bildet  ein  Seitenstück  zu  dem  Kolle- 
gium der  Hellanodiken.  Ihr  Webehaus  wurde  nach  Elis  ver- 
legt in  die  Nähe  des  Hellanodikeon.'  Das  alte  Gotteshaus 
der  Hera  kam  immer  mehr  herunter  und  wurde  zuletzt  als 
Thesauros  für  Werte  von  Holz  und  Goldelfenbein  verwandt. 
Die  strengen  Bestimmungen  gegen  die  Anwesenheit  von  Frauen 
bei  den  Olympien  und  das  Verbot,  den  Oberstock  des  großen 
Zeusaltars  zu  betreten,  sind  gegen  die  Heradienerinnen  ge- 
richtet und  sollten  ein  Wiederaufkommen  ihres  Einflusses  ver- 
hindern. Aus  ähnlichen  Erwägungen  ward  der  merkwürdige 
Monatswechsel  der  Olympien  eingerichtet,  der  sich  allein  daraus 
erklärt,  daß  man  neben  der  Förderung  des  Zeusfestes  doch  auf 
die  Heraien  Rücksicht  nahm,  die  von  alters  her  im  dritten 
Monate  des  Jahres  gefeiert  wurden  und  der  Bevölkerung  ans 
Herz  gewachsen  waren.  Es  ist  wahrscheinlich,  daß  auch 
diese  Neuerung  um  Ol.  50  eingeführt  wurde.  In  welchem 
Monate  man  vorher  die  Olympien  gefeiert  hat,  ist  nicht  über- 
liefert. 

Wir  haben  früher  zu  zeigen  versucht,  daß  gleichfalls  um 
Ol.  50  der,  auch  in  Olympia  gepflegte,  Dionysosdieust  ganz 
von  dort  losgelöst  und  nach  Elis  übertragen  wurde,  wo  er 
fortan,  mit  dem  altelischen  vereint,  einen  der  Hauptkulte  bil- 
dete.* Wenn  die  Eleier  den  Bewobneru  von  Letrinoi  den 
Artemisdienst  ihrer  Elapbia  abtraten,  so  weist  dies  ebenfalls 
auf  die  Zeit  nach  dein  Unterliegen  der  Pisaten  um  Ol,  50. 
Man    darf    annehmen,    daß    Letrinoi    zu    den    pisatischen  Acht- 


'  I'.  6,  24,  10. 

'  I'.  6,  26,  1  9tmv  dk  iv  rote  \iüXiGTU  Jiövvaov  rJßov6i,v  'HXtioi. 
Näheres:  D.  ÄrtemisdicnM  in  Ol.,  Neue  Jahrb.  190",  I  S.  106.  Hochfest  U, 
Kilo  V.  32.  2. 


Olympische  Studien  75 

Städten  gehörte.  Um  so  auffallender  war  die  Freundschaft  mit 
den  Eleiern.^ 

Am  olympischen  Heiligtume  wirkten,  nachdem  die  über- 
lieferte Mantik  der  Erdgöttin  auf  den  Hochaltar  des  Zeus 
übergegangen  war,  die  zwei  Sehergeschlechter  der  lamiden 
und  der  Klytiaden.  Das  der  lamiden  ist  das  ältere  und  weist 
durch  die  Geschichte  seiner  Entstehung  zu  Doriern  und  Hera- 
kleiden in  das  Stromgebiet  des  Alpheios  und  nach  Pisatis. 
Das  der  Klytiaden  führt  nach  den  nördlichen  Gauen  des  Pelo- 
ponnes  und  nach  Elis.  Es  ist  wahrscheinlich,  daß  erst  zur 
Zeit  der  Reform  um  Ol.  50  die  Klytiaden  von  den  siegreichen 
Eleiern  den  lamiden  an  die  Seite  gestellt  wurden,  um  eine 
Sicherheit  zu  gewinnen,  daß  das  Seheramt  nicht  einseitig  in 
pisatischem  Dienste  wirksam  sei.- 

TJm  die  Zeit  nach  Ol.  50  mag  man  auch  die  staatliche 
Kommission  der  Theokolen  mit  Spondophoren  und  Spondorche- 
sten  geschaffen  haben,  die  au  Stelle  eigentlicher  Priester  fort- 
an  die  Opfer  an  allen  Altären  monatlich  zu  verrichten  hatte 
und  die  Bürgschaft  bot,  daß  der  ganze  olympische  Gottesdienst 
in  den  Händen  der  siegreichen  Eleier  blieb.'  Damit  hängt 
die  Anlage  des  Prytaneion  zusammen,  das  durch  den  Platz 
am  Berge  sich  den  alten  Heiligtümern  anschließt,  anderseits 
aber  auch  dadurch,  daß  es  aus  der  regelmäßigen  Abmessung 
der  Altis  herausspringt,  deutlich  eine  spätere  Herstellung  er- 
kennen läßt,  wie  sie  zur  Vermittlung  zwischen  Klerus  und 
Laien  erwünscht  war.  Seine  Weihe  bekam  das  Prytaneion 
durch  den  heiligen  Herd,  den  man  mit  dem  Hochaltare  des 
Zeus  so  eng  verbunden  hielt,  daß  seine  aufgesammelte  Asche, 
mit  Alpheioswasser  zu  Mörtel  angemacht,  bei  Aufhöhung  der 
großen  Opferstätte  Verwendung  fand.  Dies  geschah  Jahr 
für  Jahr  am  19.  Elaphios,  100  Tage  vor  Neujahr. 

1  P.  6,  22,  10.     Artemisdienst  i.  Ol.  a.  0.  S.  104. 

2  Vgl.  m.  Abh.  B.  Seher  v.  Ol,  Archiv  f.  Rel.  W.  XVIII  S.  77  ff. 
»  Vgl.  D.  monatl.  Opferung  in  Ol.  I,  Klio  IX,  301. 


76  Ludwig  Weniger 

Zur  gleichen  Zeit  wird  die  Einfriedigung  der  Altis  durch 
eine  hohe  Mauer  erfolgt  sein,  die  unverändert  bestanden  hat, 
bis  sie  in  römischer  Zeit  durch  jene  andere  mehr  umfassende 
ersetzt  wurde,  welche  Pausanias  bei  seinem  Besuche  Olympias 
vor  Augen  hatte.  Auf  der  Südseite  bildete  die  ältere  Mauer 
auch  weiter  noch  den  Abschluß  der  Terrasse  des  Zeustempels,* 

Auch  der  Nordbau  des  Buleuterion  scheint  eben  damals 
errichtet  zu  sein.  Das  Buleuterion  diente  gleichfalls 
zur  Vermittlung  zwischen  Klerus  und  Laien,  und  so  war  es 
zwar  außerhalb  der  Altis,  aber  nahe  beim  Eingange  gelegen, 
dort,  wo  sich  in  der  Richtung  nach  Norden  der  Seitenweg 
zum  Zugange  durch  die  Südmauer  von  der  heiligen  Straße 
abzweigt. 

Anderes  entzieht  sich  unseren  Blicken.  Ist  aber  von  dem 
Angeführten  auch  nur  der  größere  Teil  jenen  anderthalb  Jahr- 
zehnten von  Ol.  48  bis  etwa  52  (588—572)  zuzuschreiben,  so 
senüjrt    das    zu    der    Erkenntnis,    daß    eine   Umwälzung    statt- 

DD  '  "^ 

gefunden  hat,  welche  die  gottesdienstlichen  Verhältnisse  in 
ganz  neue  Bahnen  trieb  und  recht  eigentlich  das  Olympia 
schuf,  welches  wir  aus  der  Geschichte  kennen. 

Als  die  51.  Olympiade  gefeiert  wurde,  576  v.  Chr.,  waren 
gerade  200  Jahre  verflossen  seit  der  des  Koroibos.  Das  heißt 
aber  nichts  anderes  als:  von  damals  wurde  der  Ansatz  von  50 
vorausgegangenen  Olympiaden  oder  sechs  Menschenaltern 
entnommen,  und  so  ist  für  die  Nachwelt  Ol.  1=776  v.  Chr.  ge- 
worden. Wann  diese  Berechnung  aufgestellt  wurde,  wissen 
wir  nicht.  Man  muß  zugeben,  daß  der  Ausgangspunkt  der 
künstlichen  Zählung  gut  gewählt  ist.  Aber  es  ist  nicht  daran 
zu  denken,  daß  die  erste  wirklich  gefeierte  Olympiade  mit 
Agon  in  Wahrheit  gerade  auf  das  Jahr  776  v.  Chr.  fiel,  wenn 
man  auch  wohl  das  Ende  des  8  Jahrhunderts  oder  den  Anfang 
des  siebenten  als  die  Zeit  veranschlagen  darf,  in  der  die  Kir- 
mes des  Zeus,  zu  deren  Ausstattung  der  Laufagon  nach  dem 
'  Näheres  bei  W.  Dörpfeld,  Ol  Erg.  I  S.  71. 


Olympische  Studien  77 

Muster  der  Heraien  eingerichtet  ward,  als  wiederkehrende 
Feier  aufkam.  Die  Zeit  vor  Ol.  50  liegt  in  einem  Dunkel, 
das  um  so  dichter  wird,  je  weiter  man  zurückgeht.  Von  01.51 
abwärts  wird  es  hell  über  den  olympischen  Spielen  und  ihren 
Siegerverzeichnissen.  Von  da  ab  darf  man  an  eine,  nach  jeder 
Olympiade  amtlich  abgefaßte,  Zusammenstellung  der  Preisträger 
in  Dromos  und  den  anderen  Agonen  denken,  und  auf  diesem 
Grunde  haben  die  Forscher  ihre  Kataloge  hergestellt.  Die 
Namen  der  Sieger  rückwärts  bis  Ol.  1  wurden  aus  den  ver- 
fügbaren Hilfsmitteln  nachgetragen,  so  gut  es  ging.  Die  Kenner 
wußten,  daß  ihr  Werk  unvollkommen  war,  und  daraus  erklären 
sich  die  so  oft  wiederholten  Versuche  neuer  Ausgaben. 

Die  große  Reform  von  Olympia  steht  den  Neuerungen  zur 
Seite,  die  auch  anderwärts  zu  nahezu  gleicher  Zeit  vorgenommen 
wurden.  Es  ist  kein  Zweifel,  daß  diese  Eingriffe  in  das  Be- 
stehende untereinander  zusammenhängen.  Es  muß  eine  starke 
Bewegung  durch  die  griechischen  Lande  gegangen  sein,  welche 
darauf  zielte,  die  staatlichen  Verhältnisse  mit  denen  des  Kultus 
vereint  in  neue  Bahnen  zu  lenken.  Dazu  war  allerdings  eine  Zeit 
von  mehr  als  einem  Jahrzehnte  nötis. 

Den  Anfang  hat  Delphi  gemacht.  Der  heilige  Krieg  der 
Amphiktyonen  gegen  die  alte  Burgstadt  Krisa  bildet  ein  Seiten- 
stück zu  den  Kämpfen  gegen  Pisa  und  endete  gleichfalls  mit 
ihrer  Zerstörung.  Dies  geschah  um  Ol.  47,  3  (590).  Die  bis 
dahin  ennaeterisch  begangenen  Pythischen  Spiele  wurden  hin- 
fort pentaeterisch  gefeiert.  Pythias  1  ist  Ol.  48,  3  (586),  nach 
anderen  Ol.  49,  3  (582  v.  Chr.).  Nach  Pausanias  (10,  7,  4)  gab 
es  Pyth.  1  =  Ol.  48,  3  noch  gewöhnliche  Kampfpreise.  Der 
erste  örecpavCttjg  war  Pyth.  2  =  Ol.  49,  3.  Die  Pindarscholien 
zählen  die  Pythiaden  von  Ol.  49,  3  ab.  Zum  altüberlieferten 
musischen  Agon  wurde  nach  olympischem  Vorbild  ein  gymni- 
scher  und  ein  hippischer  gefügt  und  dazu  Stadion  und  Hippo- 
drom angelegt.  Die  Feier  fiel  in  den  delphischen  Monat  Bu- 
katios,  der  dem  elischen  ApoUonios  entsprach.    Die  delphische 


78  Ludwig  Weniger:  Olympische  Studien 

Archontenreihe  läßt  sich  bis  Ol.  47,  3  (590)  zurück  verfolgen.^ 
Auch  die  Verhältnisse  der  Amphiktyonie  wurden  damals  neu 
geordnet.  Die  Athener,  welche  an  dem  Kampfe  gegen  Krisa 
teilgenommen  hatten,  erhielten  Stimmrecht. 

In  Athen  wirkte  zur  gleichen  Zeit  Solon.  Seine  Reformen 
datieren  von  seinem  Archontat  Ol.  46,  3  (594/3)  oder  47,  1 
(592/1).  Er  soll  es  gewesen  sein,  der  die  Amphiktyonen  ver- 
anlaßt hat,  gegen  die  Krisaier  zugunsten  des  delphischen 
Heiligtums  einzuschreiten.  Auch  werden  Solons  Verdienste 
um  die  kalendarische  Zeitenordnung  der  Athener  gerühmt.^ 

Um  dieselbe  Zeit,  wie  die  olympischen  Reformen,  wurden  die 
Isthmien  (OL  50,  1  =  580)  und  die  Nemeien  (Ol.  51,  4  =  573)  neu 
eingerichtet.  Die  Panathenaien  der  Athener  sind  Ol.  53, 2  =  566/65 
gestiftet  und  waren  pentar-terisch,  auch  sie  offenbar  nach  olym- 
pischem Muster. 


'  Pomtow  bei  Pauly-W.  4,  2,  2589  f. 

*  Aristoteles  nach  Flut.  Solon  11.     Aischines  3,  108.  —  Vgl.  Ginzel, 
2,  379. 


Yolcanalia 

Von  A.  V.  Domasze'wski  in  Heidelberg 

Mit  welcher  Schnelligkeit  der  Germanenkrieg  Caracallas 
verlief,  erkennt  man  an  den  Acta  Arvalia.^  Am  11.  August 
opfert  die  Priesterschaft,  cruod  dominus  noster  —  ^^er  limiiem 
Raetiae  ad  hostes  extirpandos  barbarorum  [solumj  introiturus 
est,  ut  ea  res  ei  prospere  feliciterque  cedat.  Schon  am  6.  Oktober 
findet  das  Opfer  statt  ob  salute(m)  vidoriamque  Germanicam  — 
lovi  victori  —  et  Victoriae  —  Laribus  militaribus  —  Fortunae 
reduci.  Die  Lares  militares,  verbunden  mit  der  Fortuna  redux, 
zeigen,  daß  das  Heer  bereits  auf  dem  Rückmarsche  in  seine 
Standlager  begriffen  ist.^  Bedenkt  man,  daß  der  Kaiser  auch 
noch  die  Chatten  im  Taunus  bekämpft  hat^,  so  kann  er  sich 
in  Raetien  nur  wenige  Wochen  aufgehalten  haben.  Deshalb 
ist  es  durchaus  nicht  befremdend,  auf  einem  Denkmale  die 
Volcanalia  des  23.  August  als  den  Tag  dieser  Victoria  Ger- 
manica genannt  zu  finden.  Cagnat  ann.  epigr.  1910  n.  133 
(Intercisa,  Pannoniae  inferioris):  Pro  salute  et  victoria  Germ(a- 
nica)  Imp.  Caes.  M.  Aur.  Severi  Antonini  pi.  felic.  Aug.  Parth. 
max.  Brit.  max.  Germ.  max.  pontif.  max.  p.  p.  trib.  p)ot.  cos.  IUI 
Deo  patrio  Elagabalo  7nil(ites)  coh.  (miliariae)  Hem(esenorum) 
Anton,  dedicatum  opus  X  Kl.  Sept.  Messala  et  Sabino  cos.  a.  214. 
Gleich  Caesar  konnte  er  sagen  veni,  vidi,  vici.  Der  Sieg  war 
eben  wie  bei  Claudius'  britannischem  Feldzuge,  der  nur  16  Tage 
währte,  bis  ins  kleinste  vorbereitet. 

Durch  diese  Datierung  der  Victoria  Germanica  Caracallas 
auf  den  Tag  der  Volcanalia  erhält  eine  Angabe  Dios,  die  bis- 

# 
^  Dessau  Inscr.  sei.  451. 

*  Dessau  2311  reversus  ad  lares  suos. 

^  Heidelb.  Süzb.  1918,  13,  148.     Doch  stammt  auch  der  Sylla    aus 

der  echten  Überlieferung,  Dio  77,  13,  7. 


J^O  A-  V,  Domaszewski 

her  einer  sicheren  Erklärung^  sich  entzog,  eine  zwanglose 
Deutung.  Er  sagt,  daß  der  Brand  des  Amphitheaters  unter 
Macrinus'  Regierung  ein  ungünstiges  Omen  für  den  Kaiser  ge- 
wesen sei,  78,  25,  4  ort  xal  rr)v  l'jnio8 qo^Cuv  xcj  'HcpaLöxa 
xutsXeXvxsl.'  Macrinus  hatte  die  Circeuses  der  Siegesfeier 
Caracallas  aufgehoben.  Die  emesenischen  Kaiser  haben  sie 
wiederhergestellt,  und  so  erscheinen  sie  in  den  späteren  Ka- 
lendern. 

Volcanus  als  Gott  des  Sieges  ist  eine  altrömische  Vor- 
stellung. Daher  hat  auch  Augustus  auf  den  Münzen,  welche 
zur  Erinnerung  an  die  Zurückgabe  der  Feldzeichen  geprägt 
wurden,  Mars  idtor  und  Vulcanus  ultor  genannt.^  Aber  da 
Caracalla  die  Wahl  des  Siegestages,  wie  die  des  Siegesgottes 
vollkommen  freistand,  so  hat  dieser  gemeine  Legionär  auf  dem 
Kaiserthrone  vielmehr  mit  dieser  Datierung  seine  pannonischen 
Commilitones  ehren  wollen.  Denn  Volcanus  ist  der  römische 
Name  für  den  Hauptgott  der  Pannonier.*  Wie  diese  Wilden 
aus  den  Donauländern  ihren  Gott  zu  ehren  wußten,  zeigt  das 
Relief  der  Traianssäule,  wo  Weiber  nackte  gefangene  Römer 
mit  Fackeln  zu  Tode  sengen.  Dargestellt  ist  der  Schutzgott 
der  Pannonier  auf  dem  Steine  des  Genius  der  Pannonia  vere- 
darii.  Quilling  hat  in  der  kleinen  Figur  zu  Füßen  des  Ge- 
nius einen  Minotaurus  erkannt.^  In  eben  dieser  Zeit  ließ  Ca- 
racalla .sich  selbst  im  Lager  zu  Mainz  als  carthagischen  Sol, 
seine  Mutter  als  Tanit  verehren.*"'  Auch  in  der  Art  der  Ver- 
ehrung glich  er  so  dem  Gotte  der  Pannonier,  der  selbst  ein 
Sonnengott  gewesen  sein  wird.  Denn  an  dem  Tage  dieses 
pannonischen  Vulcanus  weihen  die  Hemesener  ihrem  Sol  den 
Tempel. 

'  MomnjRen  C.  I.  L.  V  p.  S'26 

'  Entstellt  bei  Hieronymas  a.  218  circcnsibus  Volcanaliorum  Eomae 
amphitheatrum  iyicrnsum. 

'  Kckhel  d.  n.  6,  96.  *  Bei.  d.  r.  H.  hb.  *  Minotaurus. 

•  llel.  d.  r.  E.  S.  72,  Ahh  z.  r.  R.  S.  148 


Volcanalia  81 

Doch  ist  die  Darstellung  des  Volcanus  der  Pannonier  als 
Minotaurus  eine  Interpretatio  Romana.  Dadurch  fällt  endlich 
Licht  auf  das  dritte  Fahnenbild  des  altrömischen  Heeres.  Nach 
Plinius  war  es  ein  Minotaurus/  Wie  wir  jetzt  sagen  können, 
dieser  Minotaurus  ist  das  Bild  des  Volcanus  als  Heeresgott. 
Man  verbrannte  ihm  die  Waffenbeute,  deren  Asche  ein  frucht- 
bringendes Zaubermittel  war^  als  dem  Gott  der  Sonnen- 
wärme.^  Deshalb  wird  der  "Hhos,  dem  nach  Lydus  de  mens. 
4,  155  das  Agonion  des  11.  Dezembers  gilt,  eben  Volcanus 
sein.  Er  tritt  dann,  wie  im  August'^,  in  nähere  Beziehung 
zu  dem  Consus  und  der  Ops  des  inneren  Festkreises  der  Sa- 
turnalia. 

Man  sieht  auch  an  dieser  neuplatonischen  Gleichung  des 
Lydus,  wie  der  Sol  der  Carthager,  der  Gott  der  Pannonier, 
der  Volcanus  der  Römer  zuletzt  in  dem  einen  "HXiog  aufgehen 
konnten. 


*  Bei.  d.  r.  H.  S.  118,  wo  ich  vergeblich  herumgeraten  hatte. 
■  Vgl.  die  Fordicidia  des  15.  April,  Abh.  z.  r.  B.  S.  177. 
=>  Abh.  z.  r.  B.  S.  172.  *  Abh.  z.  r.  B.  S.  172  f. 


Archiv  f.  KeligionawiBaenaohaft  XX 


über  Kalendae  lanuariae  nud  Martiae  im  Mittelalter 

Von  Fedor  Schneider  in  Frankfurt  am  Main 

Auf   die   folgenden    Untersuchungen    führten  mich  Studien 

über    die    eigenartige    Beseelung    des    italienischen   Mittelalters  ^ 

durch  die   im   stillen  fortwirkende  Antike.    Paganismen,  *heid-  i 

nische'  Kulte  mit  oder  ohne  christliches  Gewand,  wie    sie  be-  j 

sonders  im  stadtrömischen  Festbrauch  begegneten,  reizten  mich,  [ 

festzustellen,  was  aus  der  Überlieferung  quellenkritisch  zu  ent-  j 

nehmen    sei.     Auf    die    methodische     Hauptschwierigkeit     hat  ; 

Helm*  in  nachdrücklichster  Weise   aufmerksam    gemacht,   und  : 

'\ 
*  Altgerm.  Religionsgesch.l  (1913)  S.  91f.  Die  in  der  Praxis  oft  ver-  i 
nachlässipten  iirinzipiellen  Feststellunfjjen  sind  so  •wichticr,  daß  sie  hier 
im  wesentlichen  angeführt  sein  sollen:  „Der  Quellenwert  all  dieser  kirch-  ! 
liehen  Schriften  ist  .  .  .  oft  geringer,  als  man  zu  vermuten  geneigt  ist  .  .  .  ' 
Die  kirchliche  Literatur  beschränkt  sich  nun  aber  .  .  .  nicht  auf  die  Be-  I 
kämpfung  tatsächlich  vorhandener  Mißstände,  in  gewissem  Grade  be-  ' 
kämpft  sie  auch  einen  nur  angenommenen  (iegner.  Die  Verordnungen  .  ■  ■  ] 
wollen  ütfeiibiir  auch  Verhaltungsmaßregeln  geben  für  Fälle,  deren  Kin-  j 
tritt  sie  nur  in  den  Bereich  der  Möglichkeit  ziehen.  Das  wird  voll-  ' 
kommen  klar,  wenn  wir  sehen,  wie  die  Bestimmungen  von  einer  Schrift  ' 
in  «lie  andre  übernommen  werden,  manchmal  wörtlich  getreu,  gelegent- 
iifh  wenig  variiert;  originelle  Fassungen,  welche  zeigen,  daß  die  Ver-  ' 
Ordnungen  unter  dem  bestimmten  Kindnick  tatsächlicher  Vorkommnisse  : 
entstanden,  sind  selten.  Manche  der  Schriften  lassen  sich  sogar  zurück- 
führen auf  solche  Quellen,  die  außerhalb  des  germanischen  Geistes,  in  '< 
Italien  und  Südfrankreich  entstanden  sind,  also  sich  gegen  einen  ganz  1 
fremden  Volksaberglauben  wenden."  Helm  zitiert  die  Arbeit  von  Böse,  j 
die  gleich  zu  nennen  ist;  „.  .  .  so  ist  doch  hinter  manches,  was  wir  aus  | 
dieser  kirchlichen  Literatur  erfahren,  ein  kräftiges  Fragezeichen  zu  j 
setzen."  —  Die  kritiklose  Forschung,  die  aus  literarischen  Über-  ' 
liefcrungsreihen  tatsächliche  Zustände  erschließt,  verfährt  wie  jener  eng-  | 
lische  Oberrichter  Haie,  der  1665  die  Existenz  von  Hexen  aus  dem  Um-  ; 
stände  bewies,  daß  alle  Nationen  Gesetze  gegen  sie  erlassen  hatten:  j 
Buckle  Gesch.  d.Civilis.in  England,  übers. von  Arnold  Rüge  I '  314  Anm.50.  ! 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  83 

Nilsson^  wiederholt  neuerdings  den  Hinweis:  unsere  Gewährs- 
männer vermengen,  was  sie  noch  selber  gesehen  habeD,  mit 
ihren  literarischen  Kenntnissen.  Welche  Paganismen  zu  ge- 
o-ebener  Zeit  noch  in  Übung  waren,  hat  man  vielfach  für  den 
Einzelfall  mit  mehr  oder  weniger  Willkür,  oft  nicht  ohne  das 
in  den  verschiedenen  Lagern  waltende  Vorurteil  für  germani- 
schen, romanischen,  griechischen  usw.  Ursprung,  behauptet; 
eine  systematische  und  philologische  Behandlung,  wie  sie  durch 
die  Monumenta  Germaniae  historica  für  die  politische  Ge- 
schichte des  Mittelalters  seit  Generationen  zur  Regel  geworden 
ist,  fehlte  fast  gänzlich.  Nilsson  fordert  deshalb  mit  Recht 
als  Grundlage  weiterer  Forschung  einen  Indiculus  superstitionum 
mit  Parallelbelegen  für  alle  einzelnen  Paganismen:  diesen  zu 
geben,  hätte  mich  zurzeit  zu  weit  von  meinem  Thema  ab- 
geführt; doch  mein  Material  bewies  ein  starkes  Vorwiegen  der 
Kaiendenriten,  und  sie  gesondert  zu  betrachten,  lag  um  so 
näher,  als  sie  mit  der  Geschichte  des  Weihnachtsfestes  eng 
zusammenhängen,  die  ja  seit  Useners  berühmten  religions- 
seschichtlichen  Forschungen-  das  zentrale  Problem  für  Methode 
und  Erkenntnis  geworden  ist.  Die  folgenden  Blätter  waren 
fertig  niedergeschrieben,  als  Nilssons  gelehrte  Untersuchung 
erschien,  die  Ursprung  und  Ausbildung  der  Januarkaienden  in 
neues  Licht  rückte;  sie  erleichtert  wesentlich  das  Studium  der 
Nachgeschichte  jener  antiken  Bräuche  und  gestattet  mir,  in 
der  Hauptsache  erst  mit  Caesarius  von  Arles  einzusetzen. 

Sollte  es  sich  nachweisen  lassen,  daß  ein  gut  Teil  romanisch- 
paganistischen  Volksbrauches  im  Mittelalter  auf  antiken,  aus 
dem  Altertum  nicht  überlieferten  Kaiendenriten  beruht,  so 
wäre  das  Gesamtbild  altrömischen  Jahraufangskultes,  das  sich 
so  ergeben  würde,  für  die  römische  Religionsgeschichte  nicht 
ohne  Wert   und    müßte    dazu    einladen,  seinem   Sinn  und  Ur- 

'    Studien    z.  Vorgesch.  des    WeihnacMs festes,     in     dieser    Zeitschr. 
Bd.  XIX  108  f. 

^  Vgl.  den  Nekrolog  auf  Usener  von  A.  Dieterich    El.  Sehr.  S.  358. 

6* 


g4  Fedor  Schneider  •, 

i 

Sprung  nachzuspüren.  Als  Laie  auf  diesem  Gebiete  habe  ich  , 
nach  Möglichkeit  Vorsicht  und  Zurückhaltung  geübt^;  wenn, 
ich  zunächst  den  Leser  mit  einer  unvoreingenommenen  methodi- ' 
sehen  Quellenanaljse  ermüden  muß,  so  bitte  ich  um  Nachsicht:  i 
nur  so  kann  ich  mir  den  Weg  zu  einem  Urteil  über  den  Aus- 1 
sagebereich  der  Überlieferung  bahnen.  j 

Vielleicht  ist  der  vorgelegte  Einzelfall  von  paradigmatischer  ■ 
Bedeutung;  die  kritischen  Ergebnisse  für  den  Quellenwert  deri 
einzelnen  Zeugnisse  werden  für  das  Gesamtgebiet  des  mittel-; 
alterlichen  Paganismus  nachzuprüfen  sein,  Traditionsreihen  und' 
Bestandteile  der  Einzelquellen  werden  sich  ergeben.  Eine  Vor-! 
arbeit,  die  nicht  nur  für  die  antike  Religionsgeschichte  (ein-! 
schließlich  Synkretismus  und  Magie),  nein,  auch  für  die  ger-l 
manische^  erheblich  sein  wird,  der  wir  hier  durch  negative) 
Feststellungen  zur  Sicherung  ihres  Unterbaues  zu  dienern 
hofi'en.  i 

1  Kritik  der  frühmittelalteHicheu  Quellen  : 

über  Kalendae  laiiiiariae  \ 

Kein  antikes  Fest  kann  sich  in  seinen  Nachwirkungen  bis; 
auf  die  Gegenwart  mit  den  römischen  Kalendae  lanuariae^ 
messen.  Begehung  der  Kaienden  war  ursprünglich  allen; 
Monaten  gemeinsam^;  so  klingt  das  Wort  Kalendae  noch  auf, 
drei  Gebieten  in  unsere  Tage  hinüber.  Wenn  das  Vieh  aufi 
die  Weide  getrieben  wird,  ziehen  die  Kinder  der  Ladiner  in! 
Graubünden  am  I.März  mit  Kuhglocken  vor  die  Häuser  und! 
singen:   'Calonda   Mars,   Calond'  Avril'*;   ähnlich    ist  den    Mai-; 

*  Dankbar  l>ekenne  ich,    wieviel    freundliche   Belehrung  ich  meineni 
verehrten  KoUej^en  Wilhelm  Weber  (jetzt  in  Tübingen)  verdanke. 

*  Treffliche   Hilfsmittel  sind   die   Quellenübersichten  in  den  Mytho- 
logien von  fJrimra,   Klard  Hugo  Meyer,   Mogk »  (in  Pauls  Grundriß  Ul),; 
besonder«  bei  Helm  a.  a.  0.  j 

•   '  Treller-Iordan    Rom.  Mythologie*   1    156—168.    170.    178.    WiHHOwa. 
Religion  u.  Kulttts  d.  Jiömer*  103f.  186.  Nilsson  S.  67. 

*  W.  Mannhardt   Wald-   und  Fcldkulte  I:  Der  Uaumkultus  der  Ger-; 
manea  und  ihrer  Nachbarstämme'  640 f.  Deubner  Glotta  III  43  Anm.        , 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  g5 

liedern  anderer  romanischer  Völker  die  Bezeichnung  als 
^calendes  de  mais'  und  ^calendimaggio'  geblieben.^  In  weiten 
Bezirken  des  französischen  Sprachstammes  heißt  die  Weih- 
nachtszeit 'Calendes',  'Chalendes',  Tsalinde'  in  mannigfachen 
dialektischen  Abwandlungen;  der  Weihnachtsklotz  wird  danach 
als  'calendäou',  ^chalendal',  ^calignau'  usw.  bezeichnet.^  In 
der  von  Byzanz  abhängigen  Kulturwelt  des  Ostens  bis  tief  in 
die  später  abendländisch  gerichteten  Kreise  der  Westslawen 
hinein  heißt  sowohl  die  Weihnachtszeit  wie  das  Weihnachts- 
lied nach  den  Kaienden:  bei  den  Neugriechen  %a  hoXlccvtcc  der 
Weihnachtsabend,  davon  xöXiavtov  das  den  dabei  singenden 
Kindern  gespendete  Weihnachtsbrot;  ähnlich  bei  den  Albanesen, 
bei  den  Rumänen  die  Weihnachtslieder  'Kolind',  bei  den 
Magyaren  Weihnachts-  und  Neujahrsgeschenk  ^Koleda',  und  bei 
den  Slawen,  von  den  Bulgaren,  Serben,  Russen  zu  den  Winden, 
Slowenen,  Tschechen,  Polen  werden  Weihnachten  wie  die  Lieder 

^  Gaston  Paris  Les  origines  de  la  poesie  lyriqiie  en  France  (Journal 
des  Savants  1892)  sieht  in  den  Gesängen  der  'Kalendas  Mayas'  Elemente 
aus  vorchristlicher  Zeit,  vgl.  Alexandre  Bertrand  Nos  origines  [III:]  La 
religion  des  Gaulois  (Paris  1897)  p.  120  n.  1.  Über  die  italienische  und 
proven9ali3che  Sitte:  Francesco  Novati  Freschi  e  minii  del  Dugento 
Milano  1908)  p.  31.  Über  die  t  oscanischen  Calendimaggio :  Giov.  Villani 
Historie  Fiorentine  VII  c.  89  u.  a.  Stellen  bei  Alessandro  D'Ancona  La 
poesia  popolare  italiana  (1878)  p.  36 — 40,  vgl.  auch  desselben  Storia  del 
teatro  italiano  P  (1891)  p.  55.  Alfred  von  Reumont  Lorenzo  de"  Medici  I 
(1883)  S.  70.  Adolf  Gaspary  Gesch.  d.  ital.  Literatur  II  (1888)  S.  237  f.  668., 
Die  Arbeit  von  Borghi  li  maggio,  ossia  feste  e  sollazzi  popolari  italiani 
(Modena  1848),  nach  der  damals  Maiköniginnen  in  Bologna,  Ferrara 
Modena  usw.  gewählt  wurden,  kenne  ich  nur  aus  D'Ancona.  Der  Brauch 
lebt  bekanntlich  in  Italien  heute  noch  fort,  ja,  man  fördert  künstlich 
seine  Verbreitung;  ist  er  aber  nicht  proven9ali3cher  Import?  Ein  Hin- 
weis auch  bei  Nilsson  S.  104  Anm.  3.     Spanien:  s.  u.  S.  123  Anm.  2. 

2  Mannhardt  Bamnkultus^  224—228.  Wuttke  Der  deutsche  Volks- 
aberglaube^  (bearb.  von  Elard  Hugo  Meyer,  1900)  S.  82.  Arnold  Meyer 
Das  Weihnachts  fest,  seine  Entstehung  u.  Entwicklung^  (Tübingen  1913) 
S.  82.  Alex.  Tille  Die  Geschichte  der  deutschen  Weihnacht  (Leipzig  1893) 
S.  287.  Gustav  Bilfinger  Untersuchungen  über  die  Zeitrechnung  der  alten 
Germanen  II:  Das  germanische  Julfest  (Stuttgart  1901)  S.  86f.  (mit  viel 
Belegen). 


gß  Fedor  Schneider 

und  Geschenke  des  Festes  'Koleda',  'Kolenda'  u.  ä.  genannt. 
Schon  Alsso  bietet  als  Namen  des  böhmischen  Weihnachts- 
singens 'calendisatio',  was  ^Kolenda'  als  übliche  Bezeichnung 
voraussetzt.^ 

Nilsson-   zeigt,    wie   dem   altrömischen  Neujahr   der  Amts- 
antritt die  entscheidende  Bedeutung  lieh;  als  153  v.  Chr.  dessen 
Termin  vom  1.  März  auf  den  1.  Januar  überging,  wanderte  das 
Neujahr  mit.^    Weniger  bedeutete  der  Neujahrstag  als  Kalender- 
abschnitt.    Aus    beiden    Seiten,    die    sich   mit  der  öffentlichen 
und  privaten  Feier  zwar  nicht  decken,  aber  berühren,  ergeben 
sich   die   Omina   als   das   Charakteristische   des   Tages.*      Jedes 
Betrinnen    ist    für    den    Glauben    der    Menschheit    Schicksals-  : 
schwanger.    Zur  altlateinischen  Mantik  trat  im  Laufe  der  Jahr-  ■ 
hunderte    die    Astrologie,    besonders    die    Laienastrologie,    des  j 
Orients  und  gab  dem  Jahresanfang  die  entscheidende  Bedeutung  i 
für    das    Los    des    ganzen    Jahres.     Vorstellungen,    die    oft    in 
anderer   Umgebung   selbständig    auftreten,    schließen    sich,    als 
die  Kaiendenfeier    ihre    endgültige    Gestalt   ausgeprägt   hat,  an 
Janus  den  Öffner,  der  zum  Gott  des  Beginnens  wird;  er  führt 
die  Titel  ianitor  und  claviger,  die  später  auf  Petrus  übergehen^, 
ihn   fleht   man   um  Glück  und  Gedeihen  an.     Ein  großer  Teil 


'  Bilfinger  S.  88— 90;  daß  diese  Gruppe  auf  Byzanz  zurückgeht  (vgl.  ^ 
NilsBon  S.  94),  scheint  mir  die  nächstliegende  Annahme.  Alsso:  H.  Usener  i 
Christi.  FestbraucJi,  Religionsgesch.  Unters.  II  (1889)  S  46f.  Vgl.  über  das  ' 
Fortleben  des  Namens  Nilsson  S.  103 f.  —  Die  deutschen  Kaiendgilden  \ 
sind  klerikal,  s.  K.  Hegel  Städte  und  Gilden  18.  vi 

*  A.  a.  O.  I:  Kaleudae  lanuariae  S.  50 — 94.  i 
*S.  66— 68;   vgl.  Mommscn  Rüm.  Chronologie  8.  218  ff.    Rom.  Staats- 
recht I«699f.    H.  Usener   Ital.  Mytheyi,  Rh.  Mus.  XXX   (1876)  S.  213— 218  \ 
(-  Kl.  Sehr.  IV  125  ff.).    rrcllcr-.Tordan  I  861—365.  ; 

*  Vgl.  Nilsson   S    91 — 93,    Übersicht    über    die    Ergebnisse    der    den  i 
Kalendae    lanuariae    gewidmeten    Untersuchung.     Über  die   Abweichung 
von  seiner  Deutung  der  Tiermasken  b.  u. 

^  \V,  Köhler  Die  Schlüssel  des  Petrus.  Versuch  c.  religionsgeschichtl.  j 
Erklärung  von  Matth.  16, 18. 19,  in  die.^er  ZRit8chr.Bd.VIII(1905)  S.224— 226.  j 
Ov.  Fast.l  139  c/".  138  lanus  caelestis  ianitor  aulae;  v.  228  clavigerum;  \ 
dazu  V.  126—130. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  87 

der  Festsitten  hat  nach  Nilsson  als  ursprüngliches  Zubehör 
zweier  Vegetationsfeste  zu  gelten,  der  Compitalien  und  Satur- 
nalien,  die  ursprünglich  identisch  waren;  Vegetationsriten  sind 
ja  sonst  vielfach  mit  Anfangsbräuchen  verbunden^,  treten  aber 
in  unserer  antiken  Überlieferung  über  die  Kalendae  lanuariae 
zurück.  Ob  sie  teilweise  an  dem  alten  Neujahr  des  1,  März 
haften  blieben,  darüber  soll  uns  das  Mittelalter  Rede  stehen. 
Daß  unsere  literarischen  Zeugnisse  aus  dem  Altertum  ihrer 
Natur  nach  lückenhaft  sind,  ist  bisher  nicht  scharf  genug  be- 
tont worden.  Aus  den  Saturnalien  und  den  Vota  der  Com- 
pitalien entfaltete  sich  das  Narrentreiben,  indem  der  Narren- 
könig aus  dem  orientalischen  Neujahr,  die  Tiervermummung 
aus  keltischem  und  orientalischem,  die  Weiberverkleidung 
vielleicht  aus  Soldatenbrauch  hinzutrat.  So  ergaben  sich 
regionale  Unterschiede:  will  man  den  Gang  der  Entwicklung 
zutreffend  darstellen,  so  muß  man  —  Nilsson  betont  das 
richtig^  —  statt  der  Synthese  aus  dem  Zusammenhang  ge- 
rissener Quellenbrocken  viel  stärker  die  Analyse  der  Quellen 
betreiben.  Auch  für  die  Frage  nach  dem  Ursprung  der  Weih- 
nachtsbräuche, in  denen  ja  die  Nachgeschichte  der  Kaienden 
gipfelt,  für  die  Frage,  was  daran  römisch,  was  germanisch  sei, 
kann  das  Gebiet  der  von  germanischen  Gewohnheiten  möglichst 
unbeeinflußten  römischen  Kulturwelt  nicht  sorgfältig  genug 
ausgesondert  werden.  Daß  ein  großer  Teil  modernen,  auch 
germanischen  Neujahrs-  und  Weihnachtsbrauches  Kaiendenbrauch 
ist,  leugnet  auch  heute  niemand.^ 

Wenn  wir  die  Reihen  literarischer  Tradition  unterscheiden 
und  verfolgen,  so   beginnen  wir  mit  Fug  bei  Caesarius  von 

^  Vgl.  die  Vernichtung  der  Jahresalten,  Usener  a.  a.  0.  S.  182  —  229 
(Kl.  Sehr.  IV  93  flf.).  Nilsson  S.  106  findet  zwischen  dem  altitalienischen 
Brauche  und  Useners  Parallelen  nur  entfernte  Ähnlichkeit;  doch  ist  die 
Analogie  nicht  zu  leugnen,  s.  u. 

^  S.  109. 

'  Z.  B.  zuletzt  Nilsson  S.  120;  dazu  Tille  S.  4f.  10—22.  A.Meyer 
S.  81—89.     Bünger  (s.  u.  S.  91  Aum.  5)  S.  20 f.     Wuttke  »  S.  165. 


38  Fedor  Schneider  j 

Arles  (f  542)   als  dem  Urheber  der  wichtigsten.     Daß  er  der 

Verfasser   der  uns  angehenden  pseudoaugustinischen  Sermonen  j 

ist,   weiß   Bilfinger  nicht,   und   Nilsson  stellt  es  nur  als  wahr-  ! 

sclieinlich  hin;  doch  steht  es  fest:  hier  genügt  es,  auf  die  treff-  , 

liehen  Monographien   von  Arnold  und  Malnory  zu   verweisen.^  j 

*  Carl  Franklin  Arnold  Caesarius  von  Arelate  u.  d.  gall.  Kirche  s.  Zeit  j 

(Leipzig  1894)  S.  172  und  im  Initienverzeichnis  der  Caesarianischen  Ser-  ' 

monen  S.  436 ff.     A.  Malnory  Saint  Cesaire  cvcque  d' Arles  503 — 543  (Paria  ' 

1894)  p.  XII — XVIII.   Bilfinger,  der  überhaupt  nicht  quellenmäßig  arbeitet  , 

(vgl.  Nilsson  S.  50  Anm.),  redet  z.  B.  S.  67  von   den    Augustin    zugeschrie-  ' 

benen,    s.  VI — VII    in    Gallien    erschienenen    Homilien,    während    Nilsson  . 

S.  72  sie  wenigstens  als  Caesarius  „mit  Wahrscheinlichkeit  zugeschrieben"  ^ 

bezeichnet.     E.  Maaß  Jahresh.  d.  Österr.  Ärchüol.  histit.  X  (1907)  S.  108f.  , 

richtig  nach  Arnold.  Wie  Malnory  p.  XII — XIV  betont,  gehören  die  drei  in  | 

Frage    kommenden    Predigten    zu    der    Grup])e,     deren    Zuweisung    an  ' 

Caesarius  unter  anderem   auch    durch    die    direkte  Bezugnahme  der   Vita  ■. 
Caesarii  I  c.  55,   Mon.  Germ.  SS.  rer.  Merov.  III  479,    sichergestellt    ist. 

i 

Hierzu  treten  stilistische  Gründe.     Die  Vita  ,,absohiment  contemporaine' : 
Aug.  Molinier  Les  sources  de  Vhist.de  France  \  126  ur.  361.    Die  Bemer-  ; 
kungen  Kadermachers   Aus  altchristUcher  Predigt,  in  Beiträge  zur  Volks-  j 
künde  aus  dem  Gebiet  der  Antike,  SB.  d.  Kais.  Ak.  d.  Wiss.  in  Wien,  Phil.-  ' 
Hist.  Kl.   CLXXXVII  (1918)  3.  Abh.  S.  86—126  erschienen  erst,   nachdem  ! 
die  vorliegende    Untersuchung    abgeschlossen    und    im  Februar  1918    der  I 
Kedaktion    eingereicht  war;    ich    konnte    sie   nur  bei  der  Korrektur  ver- 
werten.   Sonst  hätten  gerade  sie  mich  zu  der  kritischen  Behandlung  der  i 
mittelalterlichen  Kaiendentradition  veranlaßt,  die  ich  im  folgenden  unter-  1 
nehme.     R.s  Versuch,  die  Kaiendenpredigten  des  Caesarius  (dessen  Ver-  ' 
fasserschaft  er  wie  Nilsson  nur  auf  die  .\utorität  der  Mauriner  hin.  ohne  ' 
Rücksicht  auf  die  moderne  Forschung,  hypothetisch  faßt)  zu  interpretieren, 
ist  weit    davon    entfernt,    das  Material    erschöpfend  zu    beherrschen  oder  ! 
die  literarischen  Zusammenhänge  zu  übersehen,  was  K.  nach  Bemerkungen 
S.  86  und    126   wohl    auch    kaum    l)ean8prucht.      Eine    Anzahl   veralteter 
Anschauungen    (so  S.  94   die   dem   Severian    von   Gabala    zugeschriebene  • 
Predigt;  S.  101  Anm.  1    da*«  Konzil   von    Houen  von    6601)    erledigt   sich 
wohl   ebenso    durch  die  folgenden  Ausführungen,  wie  seine  philologische  ( 
Behandlung  der  Caesariusstelle  von  den  Tiermasken  oder  der  Eligiusetelle.  1 
Das  S.  114 f.  besprochene  Artemisfest  zu  Syra'kus  ist  kaum  mit  Marx  den  ■ 
Kaienden    anzuglieileni,    also    dessen    durch  Artemis   wahrlich    genugsam  i 
erklärte  Hirschmaske  nicht  mit  der  bei  Caesarius  zu  vergleichen,  und  auch  ' 
der  Nilusbrief  S.  Ulf.  wird  nur  mit  Hilfe  einer  sehr  zweifelhaften  Deutung  | 
herbeigezogen.   So  kann  weder  der  erneute  Versuch,  griechischen  Ursprung 
zu  erweisen  (in  der  Hirschmaske),  gebilligt  werden,  noch  die  alte  Beziehung  ' 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  89 

Es  handelt  sich  um  die  Sermonen  129,  130  und  265,  deren 
entscheidende  Stellen  Nilsson  abgedruckt  hat^;  sie  finden  sich 
z.  B.  auch  in  der  Dissertation  von  Richard  Böse,  der  überdies 
eine  brauchbare  Zusammenstellung  der  ganzen,  auf  Caesarius 
zurückgehenden  Überlieferung  bietet.^  Vor  allem  ist  zu  be- 
achten, daß  nach  Caesarius  die  heidnische  Sitte  in  Arles  selbst 
aufo-ehört  hat  und  nur  bei  dem  Landvolk  fortlebt:  quia  deus 
placatus  vöbis  inspirare  dignatus  est,  ut  .  . .  ista  miserdbilis  con- 
suetudo  de  hac  civitate  in  integrum  tolleretur,  rogo  vos,  .  .  .td 
vobis  non  stifficiaf,  qiiod  ipsi  hoc  malum  .  . .  non  facitis^\  nur  das 
Augurium,  kein  Herdfeuer  zu  geben  und  nichts  auszuleihen,  und 
die  Sitte  der  strenae  werden  noch  von  den  Bürgern  beobachtet, 
aliqui  etiam  miseri  rustici  stellen  den  Gabentisch  auf.  Die 
Frommen  werden  aufgefordert,  den  christlichen  Wandel  vicinis 
vel  familiis  vestris  assidua  castigatione  beizubringen.^     Es  ist 

der  Jakresalten  auf  die  Kaienden.  Während  R.s  Gesamtergebnisse  in 
manchen  Punkten  (Märzkaienden,  Yegetationsfest)  unseren  2.  Teil  zu 
stützen  geeignet  sind  und  auch  die  gelehrte  Behandlung  der  hellenistischen 
Antike  vieKach  förderlich  ist,  dürfte  doch  unser  I.Teil  den  entsprechenden 
Darlegungen  R.s  durch  viel  eingehendere  Behandlung  den  Boden  entziehen. 

1  Migne  Patrologia  Latina  "KXXTX  col.  2001.  2003.  2239;  sermo  129. 
130  =  de  Kalendis  lanuariis  I.  II;  s.  265  gegen  Paganie  überhaupt. 

'  Superstitiones  Arelatenses  e  Caesario  colleetae  (Marburg  1909)  S.9 — 11. 
Auch  bei  Maaß  S.  109.  Die  Sammlung  der  Zeugnisse  bei  Chambers 
The  Mediaeval  stage  (Oxford  1903)  U  290fF.  (vgl.  Xilsson  S.  71  Anm.  1)  ist 
mir  zurzeit  nicht  zugänglich.  Yollständigkeit  aller  Anführungen  der 
Caesariusstellen  über  die  Kaienden  erscheint  in  diesem  Zusammenhange 
nutzlos.  Über  Böse  vgl.  Nilsson  S.  109  Anm.  1 ;  mit  dessen  kritischen 
Bemerkungen  sind  aber  die  Ausstellungen  an  Böses  Leistung  und  Arbeits- 
■weise  nicht  erschöpft.  Nicht  nur,  daß  er  —  -wie  seine  Nachfolger  —  von 
Literatur  Loening,  Hauck,  Yacandard,  Malnory  nicht  kennt  und  von 
Quellen  den  Regino  übersieht;  er  vernachlässigt  das  von  Arnold  S.440 
nachgeTviesene  Pastoralschreiben  des  Caesarius,  benutzt  die  Yita  Caesarii 
nach  Migne,  die  Y.  Eligii  zivar  nach  Kruschs  Ausgabe  Mon.  Germ.  SS.  rer. 
Merov.IV,  doch  oberflächlich;  S.  66 f.  ist  übersehen,  daß  die  ziüerte  Stelle 
des  Burchard  von  Worms  aus  Isidor  Eiym.YUI  9,  14—20  stammt,  usw. 

*  Ps.  Augustini  s.  129  §  3  col.  2002. 

*  Ib.  s.  130  §  2  col.  2004;  auf  beide  Stellen  weist  Malnory  p.  224  hin, 
ausführlicher  Arnold  S.  167. 


90  Fedor  Schneider 

das  niedere  Volk,  die  tniscri  oder  pagani  homines^]  und  wenn 
den  Männern  verboten  wird,  tunicis  muliebrihus  Miserere  mili- 
tarcs  lacerios',  so  denke  ich  bei  den  Armen,  die  das  Schwert, 
die  ^VafiFe  zu  führen  gewohnt  sind,  nicht  an  Soldaten,  sondern 
an  das  Landvolk.  Die  Stelle  darf  nicht  gepreßt  werden,  gleich 
darauf  folgen  jene  Worte,  der  beklagenswerte  (heidnische)  Brauch 
sei   in   der   civitas   ausgerottet.     Man    hat    vielfach  Stellen  des 

'  Daß  bei  Caesariua  viiseri,  -abiles  die  lleideu  bedeutet,  zeigt  Arnold 
S.  167 f.;  also  =  pagani  (das  Caesarius  synonym  braucht):  V.  Schultze 
Gesch.  d.  Untergangs  d.  griech.-röm.  Heidentums  I  (Jena  1887)  S.  316  Anm.2. 
II  (1892)  S.  105.  184.  .\rnold  S.  156,  Usener  Wethnachtsfest^  S.  302. 
Wissowa*  S.  100  Anm.  6.  Alb.  Dieterich  AI.  Sehr.  S.  531.  536.  Nach 
Caesarius  hängen  nur  die  Bauern  der  alten  Religiousübung  an,  die  Grund- 
herren lassen  sie  gleichgültig  gewähren:  Ps.  Augustin  s.  278  §5,  Migne 
XXXIX  col.  2271,  Tgl.  die  von  C.  P.  Caspari  Kirch enhistor.  Anecdota  I 
(Christiania  1883)  S.  215  —  224  herausgegebene  homiUa  ubi  populus  ad- 
moyiitur  des  Cod.  Eins^idl.  281  s.  VIII  (Incipit  Magnum  nobis  gattdiuni), 
die  dem  Caesarius  gehört,  Caspari  S.  222;  die  Stelle  wiederholt  Paul  Piper 
Superstitiones  et  paganiae  Einsidlenses  (in  Melanges  oiferts  ä  Emile 
Chatelain,  Paris  1910)  p.307,  ohne  Caspari  zu  kennen;  auch  mit  Caesarius,  der 
Literatur  über  ihn  und  über  die  Hs.  ist  P.  nicht  vertraut:  eine  ober- 
flächliche Publikation,  in  der  überhaupt  nur  Bekanntes  steht,  mit  dessen 
Nachweis  sich  der  Autor  nicht  aufgehalten  hat.  Über  die  Hs.:  P.  (iall 
Morel  Einsiedler  Hss.  d.  lat.  Kirchenväter  bis  z.  IX.  Jh.,  SB.  d.  Kais.  Akad. 
d.Wiss. [zuWien]  LV(1867)  S. 243  — 261.  P.Gabriel  Meier  Catal.codd.mss.qui 
in  biblioth.  mon.  Eiymdlensis  O.  S.  B.  serv.  I  (Lipsiae   1899)  S.  255—299. 

*  Ps.  Augustin  8.  129  §  2  col.  2002;  vgl.  Nil.H-son  S.  88 f.,  der  die  Alter- 
native stellt,  die  Militärmaxkerade,  die  in  der  Kaiserzeit  aus  dem  Orient 
in  die  Kaiendenfeier  eingedmngen  war,  habe  fortgelebt,  oder  es  sei 
literarische  t'bertragung  anzunehmen.  Eher  hat  sich  der  ursprünglich 
Boldatischo  Scherx  auf  andere  Volksschichten  ausgedehnt.  Literarische 
Reminiszenz  an  Maximus  von  Turin  liegt,  wie  Nilsson  andeutet,  daneben 
wohl  sicher  vor;  vgl.  Nil.Hson  S.  71  die  Stelle  des  Maximus.  Verkleidung 
in  Weiber  anch  sonst  kultisch;  so  im  Isiskult:  Apuleius  Met.lLl  8  alius 
aoccis  obauratis  inductus  serica  teste  mundof/ue  pretioso  et  adtextis  capite 
crinibus  incessu  perllxM  feminam  mentiebatur,  dazu  der  {laXaxög  des 
ägj-ptischen  Briefes  bei  Wilckcn  Chrestom.  Ml  (vgl.  Asterios  von  Ama«eia 
bei  Nilsson  S.  84  Anm.  1).  VV'.  Weber  Aeg.-griech.  Terrakotten  S.  164 
Anm.  4,  dessen  mündlichem  Hinweis  ich  diese  Analogien  verdanke,  macht 
noch  darauf  aufmerksam,  «laß  nach  Plutarch  änocp^.  'Pco/i.  66  an  den  Iden 
des  Januar  die  tibicines  Weibertracht  anlegen  durften.  Radermacher  S.  88. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  9I 

Caesarius  als  Zeugnisse  für  germanisclie  Religionsübung  heran- 
crezoffen:  daran  ist  nach  dem  Gesagten  nicht  zu  denken.^ 
Malnory*  läßt  die  meisten  der  von  Caesarius  berichteten  Pa- 
ganien  auf  die  altkeltische  Religion  zurückgehen;  das  ist  über- 
trieben, die  Masse  ist  römisch,  doch  ergibt  der  Vergleich  mit 
den  älteren  bezeugten  Kaiendensitten  eine  einzelne  hervorragend 
wichtige  keltische  Einsprengung.  Ganz  abgelehnt  ist  der  Ver- 
such von  Maaß,  die  auffallendsten  Punkte  auf  griechischen 
Ursprung  zurückzuführen.^ 

Zu  diesen  zählt  die  Tiermaskerade,  die,  schon  viel  früher 
in  Ländern  keltischer  Siedelung  erwähnt^,  bei  Caesarius  zum 
erstenmal  in  ihren  beherrschenden  Zügen  hervortritt  und  eine 
gewisse  literarische  Berühmtheit  erlangt  hat.  Caesarius  sagt 
allgemein:  sumunt  formas  adidteras,  siJecies  monstruosas  —  die 
von  Ambrosius  von  Mailand  und  Petrus  Chrysologus  von 
Ravenna  deutlicher  genannten  Tiermasken  ^  —  und  erklärt  das 
näher  als  solche,  qui  cervulum  facientes  in  ferarum  se  velint 
habitum  commutare;  alii  vestiuntur  peUibus  pecudum,  diu 
assumunt  capita  hestiarum^'^  in  einer  anderen  Predigt  nennt 
das  Caesarius  indui  ferino  habitu  et  capreae  aut  cervo  similem 
fieri  und  rät:  cervidiim  sive  <•  -yniculam  aut  alia  qiiaelibet 
portenta  ante  domos  vestras   venire  non  permittatis'' ]   in    einer 


^  Die  Germanen  Südfrankreichs  waren  sicher  keine  rustici,  sondern 
Grundherren. 

^  P.  227  suiv. ;  nur  „beaucoup  de  superstitions  secondaires  des 
Roviains^^. 

*  S.  113— 117;  dazu  Böse  S.  57— 62,     Nilsson  S.  78  Anm.  3. 

■*  Stellen  bei  Nilsson  S.  71f.     Radermacher  S.  87ff. 

^  Nilsson  S.  71.  81f. ;  die  von  Mai  gefundene  und  dem  Severian  von 
Gabala  zugeschriebene,  in  Wahrheit  dem  Petrus  Chrysologus  gehörende 
homilia  de  pythonibus  et  maleficis  druckt  auch  Migne  Patrologia  Graeca 
LXV  27  seq.  nach  Mai  Spicil.Eom.  X  (1844)  p.  222  seq.;  vgl.  auch  Bünger 
Gesch.  der  Neujahrsfeier  in  der  Kirche  (Göttingen  1911)   S.  14   Anm.  8. 

®  Ps.  Augustin  s.  129  §  2  col.  2001,  vgl.  col.  2002  quamvis  diversorum 
similitudinem  pecudum  exprimere  in  se  velint. 

'  Ib.  3. 130  §  2  col.  2004. 


92  Fedor  Schneider 

dritten  heißt  es  si  adhnc  agnoscatis  aliquos  illam  sordidissimam 
fiirpitudinem  de  hinnicula  vel  cervula  exercere.^ 

Um  die  hinnicula  ist  viel  gestritten:  an  der  ersten  Stelle 
ist  die  Überlieferung  korrupt,  als  Varianten  werden  annicidani, 
anulas,  agnicidam  angeführt.  Leider  bleibt  eine  kritische  Aus- 
gabe des  Caesarius  ein  pium  desiderium ;  nicht  einmal  die  hand- 
schriftliche Grundlage  seiner  Predigten  ist  genügend  erforscht*, 
und  ein  Hineinziehen  seines  Ausschreibers  Eligius  von  Noyon, 
wie  es  Maaß  und  Böse  versuchen,  scheint  methodisch  nicht 
statthaft.^  Wir  müssen,  solange  die  beste  Überlieferung  noch 
nicht  festgestellt  ist,  Caesarius  aus  sich  s.elbst  interpretieren: 
da  fällt  die  Parallele  cervulum  sive  <•  .'ynicidam  mit  de  hinni- 
cula vel  cervula  in  der  dritten  Predigt  auf.  Man  wird  nicht  mit 
Maaß  canicnlam  emendiereu,  sondern  hinnindam  lesen.*  Daß 
man  dabei  nicht  mit  Böse^  an  Jiinnus  'Maultier'  denken  darf, 
sondern  an  hinnidus,  -leus,  erscheint  bei  unvoreingenommener 
Prüfung  der  ganzen  Traditionsreihe  dieser  Yerkleidungsbrüuche 
sicher;  kurz  vorher  bezeichnet  Caesarius  die  gleiche  Sitte  mit 
caprrae  auf  cervo  similetn  fieri;  hinnicula  muß  demnach  ein 
Rehkalb    oder   Hirschkalb    sein",   die  Verbindung  mit  cervulns 

'  Ps.  Augustin  f.  266  §  5  col.  2239. 

*  Auch  die  -wertvollen  Mitteilungen  aus  Caesarius-Hss.  von  Arnold 
S.  451 — 467  führen  nicht  weiter;  jene  Variauten  hätten  nur  dann  Wert, 
wenn  Alter  oder  (iütc  ihrer  Hss.  irgendwie  feststünde,  und  es  ist  un- 
begreiflich, daß  man  sie  unbesehen  zur  GrundUige  des  Textes  nahm. 
Verdienstvoll  wäre  es,  wenn  ein  Kenner  der  patristischen  Überlieferung 
Näheres  über  die  Hss.  der  drei  Sermonen  129,  130  u.  265  gäbe. 

*  Zumal  Eligius  hier  seiner  Vorlage  nicht  wörtlich  folgt,  in  welchem 
Falle  er  handschriftlichen  Wert  haben  könnte,  sondern  in  der  stilistischen 
Fassung,  wie  wir  sehen  werden,  von  einer  Nebcnquelle  abhängt. 

*  Der  Archetyp  bot,  wie  die  Varianten  zeigen,  eine  Lücke,  die,  da 
niemand  an  das  im  Vulgärlatein  ungebräuchlich  gewordene  Wort  hinni- 
aila  dachte,  falsch  ausgefüllt  wurde,  wobei  man  z.  T.  an  die  Austreibung 
der  .lahresalten  dachte.  Die  I.A.  anviculam  ging  in  ihe  Epistola  canonica 
s.  X  (a.  u.  S.  113  Anm.  2)  über:  cerbolum  aut  anniculas  faciunt. 

»  S.  60  Anm.   1;  61. 

'  Diese  Möglichkeit  erwog  auch  Böse  S.  61 :  hinnula  =  Rehkalb 
Arnoh.  5,  39. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  93 

drückt  binomisch  dieselbe  Art  Masken  ans,  und  zwar  die,  von 
denen  es  in  der  ersten  Predigt  heißt  qui  cervidum  facientes  in 
ferarmn  se  velint  hdbitum  commutare.  Der  Ursprung  dieser 
Hirschmasken  ist  von  der  ernsten  Spezialforschung  immer  in 
der  keltischen  Religion  gesucht  worden;  wenn  Maaß,  der  die 
Epona  wegen  des  ihr  heiligen  Maultiers  in  den  Zusammenhang 
zieht,  daneben  an  eine  germanische  superstitio  denkt,  so  gibt 
er  keine  Gründe  an;  der  Hirsch  des  Aktäon,  den  Marx^  und 
Maaß  im  Auge  haben,  ist  eine  zu  weit  hergeholte  Hypothese. 
Malnory  spricht  von  Verkleidung  ^en  cerf  et  en  genisse'  ^ ;  Arnold 
hat  mit  Recht  bei  den  Tiermasken  unserer  Stelle  einen  Zu- 
sammenhang mit  dem  keltischen  hirschgehörnten  Gott  Cernunnos^ 
vermutet*,  und  Nilsson  hat,  ohne  Arnold  zu  nennen,  dessen 
Hypothese  erneuert.^ 


^  Ber.  d.  sächs.  Ges.  d.  Wiss.  Phü.-hist.  Kl.  LVIII  (1906)  S.  108  if.,  der  aber 
doch  wenigstens  unmittelbar  auf  Cernunnos  zurückgeht,  den  er  aus  der 
griechischen  Religion  ableitet;  ihm  folgt  Radermacher  S.  117  Tgl.  123; 
vgl.  Nilsson  S.  78  Anm.  3  zu  Böse  S.  61. 

^  S.  0.  S.  89  Anm.  4.  Nichts  bietet  E.  Vacandard  L'idolatrie  en 
Gaule  au  VIe  et  au  Vlle  siecle,  Rev.  des  quest.  bist.  LXY  (1899) 
P.  445 — 447,  wo  über  die  Kaiendenbräuche  gehandelt  ist. 

■'  Z.  B.  Bertrand  La  religion  des  Gaulois  p.  317  suiv.  mit  pl.  26. 
Cernunnos-Altar  im  Musee  de  Clugny;  nach  der  Abbildung  hat  Cernunnos 
ein  doppeltes  Hornpaar,  Hirsch-  und  Widderhörner.  Ob  Bertrand  p.  342 
suir.  mit  Recht  den  Cernunnos  auch  auf  dem  Altar  von  Reims,  wie  p. 
373  mit  pl.  30  auf  der  Silbervase  von  Gundestrup  findet  —  hier  ein 
sitzender  deus  cornutus,  widderköpfig  mit  Schlange  und  Torques  in  den 
Händen,  Hirsch,  Stier  und  wilden  Tieren  — ,  kann  hier  dahingestellt 
bleiben.  An  der  keltischen  Herkunft  des  Cernunnos  ist  nach  Bertrand 
nicht  zu  zweifeln.  Ch.  Renel  Les  religions  de  la  Gaule  avant  le  Chrisiianisme 
(1906)  p.  246  und  Titelbild.  Vgl.  auch  Mommsen  Eöm.  Gesch.  V  95.  Ihm  bei 
P  W.  -lll  1984.  Holder  AU-Celt.  Sprachschatz  I  993.  Das  archäologische 
Material  wird  Unverzagt  vorlegen. 

*  S.  174  „Sie  verkleideten  sich  als  Hirsche  und  Hindinnen  . . .  Wahr- 
scheinlich hing  dieser  Brauch  mit  dem  Kultus  des  altkeltischen  Gottes 
Cernunnos  zusammen";  vgl.  S.  172  Anm.  571. 

^  S.  77,  wo  er  sich  aber  durch  Caspari  nicht  hätte  verführen  lassen 
sollen,  Aldhelm  ins  Spiel  zu  bringen.  Dessen  Epist.  5  an  Ehfrid,  jetzt 
nicht    mehr  nach  Migne,  sondern  in  Ehwalds  textkritisch  verdienstvoller 


9^  Fedor  Schneider 

Auch  an  das  Kalb  hat  man  bei  diesen  Tiermasken  erinnert     ] 

und    die    Interpretation    mit    archäologischem    Material   zu   er-     j 

härten  gesucht.^     In  der  Tat  ergibt  sich,  wenn  man  die  Tier-     j 

Ausgabe  Mon.  Germ.  Auct  ant.  XV  489  zu  benutzen,  enthält  die  Worte  j 
prosatori . . .,  luridum  qiii  linffuis  celydnim  trmdcis  rancida  virulentaque 
vomentem  per  aevum  veneym  torrentia  tetrae  tortiotm  in  Tartara  trusit  et, 
ubi  pridem  eiusdem  nefandae  natricis  ermula  cervulusque  cruda  fanis  cole- 
hantur  stolidiiate  in  pro  fanis,  versa  vice   discipulorum   gurgiistia,  immo  ! 
almae    oraminum    aedes  architecti   ingenio  fahre   ccmduntur.     Die   Stelle 
ist  weder  „hoffnungslos  korrupt",   noch  ermidi  (so   Migne)  mit  Ducange  i 
in  hinnuli  'Maultiere'   zu    emendieren,    die    überhaupt,    wie  im  Text   be-  | 
merkt,  in  der  ganzen  literarischen  Kaiendentradition  ein  Unikum  wären.  < 
Der  Sinn  ist  durchaus  verständlich:  der  Schöpfer  (prosator)  hat  die  Gift-  j 
natter  des  Heidentums  in  die  Hölle  gestoßen  und  in  Britannien,  wo  einst  ! 
in  Tempeln    ermula    cervxdusq%ie    verehrt  wurden,    Hütten   der  Glaubens-  , 
boten  (Mönche)  und  Kirchen  entstehen  lassen.    Ehwald  verweist  auf  Thes.  j 
Gloss.  I  518   hermula   statna   sine   manibus;   irgendwie   hängt  damit  zu-  j 
sammen  Serv.  Aen.  VHI  138  hermos  vocamtis  quosdam  stitmdos  [lies  tumu- 
los]  in  modum  signonim  sine  manibus.     Prov.  Salomonis  26,  8  Vulg.  in  j 
acerrum   Mercurii;    Thes.   linguae  Lat.   s.  v,  acervus;   die   sog.   Glossae  i 
Isidori,   Corpus  gloss.   Lat.   V  604,  37    Mercurius   lapidum   congeries  in  i 
cacumine  coUium.     Preller-Robert    Griech.   Mijthol.   *S.  385  Anm.  6   über  j 
die  iQiiaxBg;  ein  altes   latein.-deutsches  Glossar  in:  Symbolae  ad  littera-  \ 
turavi    Teutotiicam    antiqiiiorem    (Havniae    1787)      In    acervo    Mercurii:  j 
Consuetudinem    hahebant   ambulantes   in  via,   ubi   sepultus  est  Mercurius, 
lapidrm  iactare  in  ipsius  unusquisque  honorem,  vgl.   Caspari  Martin   von  < 
Bracaras  Schrift   De  correctione  rusticorum  ((.'hristiania   1883)   S.  8.  16. 
Aldhelm   will   sagen,  in  den  Tempeln  seien  Statuen  und  Hirsche  verehrt  I 
worden;    für   Statuen  gebraucht    er    in    der   irischen,    gesucht   gelehrten  \ 
Manier  dieses  Briefes  den  Ausdruck  ermula,  den  er  aus  literarischer,  auf  , 
eine  griechische  Quelle   zurückgehender   Tradition  (wohl   durch  Vermitt- 
lung einer  Glosse)  kennt;  auch  der  cervulus  stammt,  wie  unten  ausgeführt  ^ 
wird,  aus   literarischer  Quelle.    Die  LA.  ermula  steht  durch  mehrere  Has.  < 
fest  und  ist  nicht  zu  emendieren;  J^hwald,  der  ja  ermula  richtig  aus  der  j 
Glosse  intcr]>rctiert,  hätte  die  Deutung  'ermulam  cerrulumque'  pro  vetula  ; 
ac   cervo   nccipio    besser   für    sich    behalten,    zumal    er    diese    Weisheit  ! 
lediglich   aus  Ducange    bezieht  und    die  neuere  Literatur  über  die  Tier- 
vermummungen  nicht  kennt.     Hülflos  B.'ulermacher  S.  98  (auch  nach  der  i 
veralteten  Lesung).  i 
'  Nilsson  S.  77f.    Von  den  beiden  (Göttinnen  auf  der  .Tupitersäule  zu  | 
Mainz    kann    die,    die    den    Fuß   auf  einen  Kalbs-    oder  Kindskopf  setzt,  j 
auf  die  Rindermaske  bezogen  werden,  nicht  die  andere,  die  Epona,  hinter  ! 
der    ein  Pferd    oder  Maultier  kniet;    hinnicula   ist    nicht   mit  Böse  S.  60  i 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  95 

maskerade  bei  Caesarius  ins  Auge  faßt,  neben  der  Verkleidung 
als  Hirsch  oder  Ret,  die  als  ungezähmte  Tiere  bezeichnet 
werden;  cervulum  facientes  in  ferarum  se  velint  habitum  com- 
mutare,  und  auf  die  sich  die  Mehrzahl  der  Stellen  bezieht,  daß 
auch  zahme  Tiere  dargestellt  wurden:  alii  vestiuntur  pellibus 
pecuduin]  also  Rindvieh,  das  hier  auch  ältere  Schriftsteller 
aus  dem  keltischen  Siedelungsgebiete  erwähnen.^  Die  übrigen 
Vermummungen,  die  Caesarius  anführt,  treten  in  der  späteren 
Tradition  zurück  und  können  kurz  abgemacht  werden.  Da 
sind  vor  allem  die  erwähnten  Verkleidungen  bärtiger  Männer 
in  Frauentracht:  viri  nati  muliebribus  vestiuntur  et  turpissima 
demutn  demutatione  puellaribus  figuris  virile  rohur  effeminant, 
non  enibescentes  tunicis  midiehribus  inserere  militares  lacertoSy. 
harbatas  facies  praeferunt  et  videri  feminae  nolimt^,  oder  an 
anderer  Stelle:  Quid  enim  est  tarn  demens  quam  virilem  sexum 
in  formam  midieris  turpi  liabitu  commidare?^  Wenn  darauf 
folgt:  Quid  tarn  demens  quam  deformare  fadem  et  vultiis  induere 
quos  etiam  daemones  expavescunt,  so  mag  man  an  die  Götter- 
masken denken,  die  uns  Petrus  Chrysologus  von  Ravenna  bei 
der  Kaiendenfeier  beschreibt,  die  tota  daemonum  pompa,  in  der 
Saturn,  Jupiter,  Herkules,  Diana  mit  ihrem  Jagdgeleit,  Vulkan 
{verbis  anhelantem  turpitudines  suasl)  dargestellt  werden,  und 
andere  Gestalten,  quormn,  quia  portetita  sunt,  nomina  sunt  ta- 
cenda,  quorum  deformitates  quia  natura  non  habet,  creatura  ne- 
scit,   fingere  ars   laborat.^     Der  Autor  unterscheidet  davon   die 

Anm.  1  auf  dieses  zu  beziehen  (vgl.  auch  Nilsson  S.  76),  sondern  aus  der 
Gesamtheit  der  Caesariusstellen  heraus  zu  interpretieren,  da  jeder  sichere 
Anhaltspunkt  für  Pferdemasken  u.  ä.  fehlt. 

*  Nilsson  S.  76  (vgl.  71.  81)  über  Maximus  und  Petrus  Chrysologus 
(jener  nennt  pecudes,  dieser  bestiae,  iumenta,  pecudes);  vgl.  auch  Maaß 
S.  115.  Nach  N.s  Nachweis  S.  71f.  76  findet  sich  die  Hirschmaske  schon 
um  390  bei  Ambrosius  von  Mailand  und  Pacianus  von  Barcelona. 

*  Ps.  Augustin  s.  129  §  2  col.  2002.  »  Ib.  s.  130  §  1  col.  2003. 

*  Mai  Spicil  Born.  X  222  sq.  =  Migne  PG.  LXV  27;  auch  das  Fol- 
gende -wichtig:  In  idoluni  transfiguratur  homo.  Et  si  ire  ad  iddla  crimen 
est,  esse  idoJum  quid  videtur?    Dann  wird  die  Technik   der  Verkleidung 


Qg  Fedor  Schneider 

Tier-  und  Frauenmasken.  Obwohl  nur  von  den  Tiermasken 
in  der  Literatur  nach  Caesarius  häufiger  die  Rede  ist,  werden 
sich,  wie  die  Geschichte  der  Karnevalsbräuche  schon  allein 
beweisen  dürfte,  auch  die  anderen  Vermummungen  aus  Römer- 
zeit erbalten  haben:  ein  Zeugnis  aus  Spanien  werden  wir 
kennen  lernen.  Wie  die  sakralen  Tiermasken,  die  an  sich  ja 
mit  den  römischen  Göltermasken  gleichbedeutend  sind,  sich  an 
die  Kaiendenbräuche  anfügen  konnten,  werden  wir  am  Schluß 
unserer  Untersuchung  vielleicht  genauer  erkennen;  immerhin 
versteht  man  schon  jetzt,  warum  die  Kirche  so  nachdrücklich 
crecren  die  Kalendenverkleidung  kämpft:  es  ist  der  heidnische 
Mummenschanz,  die  Heidengötter  wie  die  Tiermasken  bedeuten 
Dämonen;  Gott,  wie  Petrus  Chrysologus  sagt,  wird  durch  diese 
ungestalten  Verkleidungen  beleidigt,  weil  der  Mensch  sein  Ab- 
bild ist  (Exodus  20,  4  usw.).  Was  uns  Caesarius  weiter  von 
den  Kaletidae  lanuariae  erzählt,  die  angiiria,  besonders  kein 
Feuer  aus  dem  Hause  zu  vergeben  und  nichts  auszuleihen,  die 
strenae,  die  mit  Speisen  bedeckten  Tische,  die  in  der  Neujahrs- 
nacht zur  Vorbedeutung  für  das  Jahr  aufgestellt  werden,  das 
wird  uns  noch  in  der  Tradition  des  Mittelalters  begegnen;  es 
bezeugt,  daß  die  echte  altitalische  Volksreligion  sich  unter  den 
Provinzialen,  deren  alte  Sitte  nicht  vom  Firnis  der  hellenisti- 
schen Großstadtkultur  übertüncht  wurde,  bis  in  späte  Zeit  be- 
sonders rein  erhalten  hat. 

Von  Caesarius  ist  nun  eine  große  Gruppe  jüngerer  Quellen 
abgeleitet:  die  ihm  örtlich  und  zeitlich  noch  nahestehenden 
können  den  Brauch  selber  noch  kennen  und  bei  der  Polemik 
an  das  bekannte  Vorbild  anknüpfen;  später  und  auf  anderem 
Boden    beweisen    die   Zeugnisse   nur   literarische   Übertragung. 


karikiert:  carho  deficit  .  .  .  paleae,  pelles,  pannt,  stcrcora  toto  saeailo  per- 
quiruntur,  et  quidquid  est  confusionis  humanae,  in  enrum  facie  coUocatur. 
Die  Stelle  scheint  nicht  aus  literarischer  Tradition  abzuleiten.  Nilsson 
S.  81  f.  und  Radormacher  S.  94,  der  den  wirklichen  Autor  nicht  kennt; 
beide  weisen  gut  auf  dessen  Sermo  155  hin. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  97 

Zunächst  beeinflußt  die  Predigt  des  Caesarius  die  Kanones 
gallischer  Kirchenversammlungen.  Zwischen  573  und  603 
bestimmt  die  Synode  von  Auxerre  an  der  Spitze  ihrer  Be- 
schlüsse: Non  licet  Kalendas  lanuarii  vetolo  aut  cervolo  facere 
vel  strmcas  diabolicas  öbservare,  sed  in  ix^sa  die  sie  omnia  hene- 
ficia  trihuaniur,  sicut  et  reliquis  diebus.  Die  Überlieferung 
führt  übrigens  eher  auf  die  LA.  vetola  statt  vetolo}  Die  Ab- 
hängigkeit von  Caesarius  ergibt  sich  aus  dem  Passus  über  die 
strenae  und  das  Ausleihen:  Caesarius  sagt^:  ut  .  .  .  vel  aliud 
quodcumque  heneficium  ciiicumque  petenti  non  tribuant.  Diabo- 
licas etiani  strenas  et  ab  aliis  accipiunt  et  ipsi  aliis  tradunt.  So 
wird  man  auch  die  Worte  über  die  Tiermaske  inhaltlich  auf 
Caesarius  zurückführen  müssen,  obwohl  sie  formell  selbständig 
gefaßt  sind,  eine  Fassung,  die  bestimmenden  Einfluß  auf  die 
ganze  jüngere  Überlieferung  gewann.  Den  Grund  der  Formu- 
lierung erkennen  wir:  man  setzte  die  rhetorisch  gefärbte  Sermon- 
prosa des  Caesarius-'  in  die  dem  Volke  geläufige  Ausdrucks- 
weise um;  schon  Pacianus  (um  390)  sagt:  puto  nescierant 
cervulum  facere*;  also  ist  retolo  (vetola)  aut  cervolo  facere  die 
übliche  vulgärlateinische  Bezeichnung  für  die  bei  den  Kelten 
herkömmlichen  Formen  der  Tiermaskerade  gewesen,  und  nur 
aus  diesem  Grunde  darf  man  aus  dem  Kanon,  der  sonst  ledig- 
lich für  die  Einwirkung  des  Caesarius  auf  die  Nachwelt  beweis- 

^  Mon.  Germ.  Coric.  I  179  c.  1;  auch  Bruns  Canones  apost.  et  concU 
237  c.  1.  Nilsson  ö.  74  zitiert  das  Konzil  mit  ungenauer  Chronologie 
nach  der  veralteten  Ausgabe  von  Mansi.  Vgl.  E.  Loening  Gesch.  d. 
d.  Kirchenrechts  II  (Straßburg  1878)  S.  461  —  463.  Hauck  Kirchengeseh. 
Deutschi.  13-4  S.  126.  Vacandard  p.446.  Renel  p.  373.  Arnold  S.  174. 
Zu  vetolo,  das  in  keiner  Hs.  steht,  folgende  Varianten:  vecolo,  vetola  (der 
Herausgeber  Maaßen  setzt  ein  Fragezeichen),  vecola,  vaecola.  Eine  Hs. 
hat  cervola,  alle  anderen  cervolo.  Vgl.  Caspari  Hom.  de  sacril.  S.  56  Anm.  3, 
Es  ist  also  sehr  zweifelhaft,  ob  man  nicht  vetola  lesen  muß. 

«  Ps.  Augustin  s.  129  §  3  col.  2002,  vgl.  s.  130  §  3  col.  2004. 

*  Der  z.  B.  streng  auf  rhythmischen  Satzschluß  sieht.  Über  diesen 
bei  seinem  Lehrer  Julianus  Pomerius  s.  Wilh.  Meyer  Ges.  Äbh.  z.  mittel- 
alt. Rhythmik  II  278. 

*  Nilsson  S.  72. 

ArclüT  f.  BeUgions Wissenschaft  XX  7 


98  Fedor  Schneider 

kräftig  ist,  Rückschlüsse  auf  die  damaligen  Zustände  ziehen.* 
^lan  kannte  also  außer  der  Maske  des  Hirsches  die  des  Rind- 
viehes vorwiegend  in  Gestalt  des  Kalbes:  nur  so  sind  die  Worte 
zu  deuten,  wenn  man  sich  die  innere  Abhängigkeit  von  Caesarius 
vergegenwärtigt.  Da  die  Zusammenstellung  cervulus  et  vetula, 
die  fortan  ständig  wiederkehrt,  von  dem  Kanon  von  Auxerre 
herstammt,  dürfen  wir  sie  nicht  aus  jüngerer  Überlieferung 
interpretieren,  und  deshalb  ist  die  beliebte  Beziehung  auf 
die  Austreibung  der  Jahresalten*  (^vetula  soll  diese  Bedeu- 
tung haben)  abzulehnen:  vdolo  ist,  wie  man  längst  erkannt 
hat^  wenigstens  in  den  ältesten  Quellen,  von  denen  die  jüngeren 
abhängig   sind,  Vulgärlatein   für   vitulus.     Die   beiden  Masken 

'  So  richtig  die  oben  S.  97  Anm.  1  genannte  Literatnr  über  das 
Konzil  von  Auxerre. 

*  Die  Behiinptnng  von  Nilsson  S.  76,  das  zweite  Wort  der  Formel 
^verde  „gewöhnlich  von  der  Figur  eines  alten  Weibes  verstanden",  kann 
ich  80  nicht  ala  richtig  zugeben.  Das  ngärov  i\jbvSos  beging  Ducange. 
Von  namhaften  neueren  Forschem  kommen  wesentlich  nur  Uaener  Eeligions- 
yesch.  Unters.  I,  Das  Weihnachtsfest  *S.  218,  Maaß  S.  115,  Bilfinger  II 
82 tf.  in  Betracht.  Ober  die  Jahrcsaltc  (Anna  Percnna,  Befana,  das /;ruciar 
la  vecchia  usw.)  vgl.  Uscucr  Jtalinche  Mythen  a.  a.  O.  S.  182  —  209  (Kl. 
Sehr.  IV  93 ff.).  Preller-Jordan  1343—346.  Mannhardt  i'attwfcu/«  *S.  498f. 
Ders.  Antike  Wald-  und  Feldkulte  »S.  200.  Wissowa  »S.  147  f.  241  f. 
Dieterich  Sommertag,  Kl.  Sehr.  S.  336 f.  —  Freilich  können  die  jüngeren 
Abschreiber,  soweit  .-lic  nich  überhaujit  etwas  ilabci  dachten,  vetulii  miß- 
verständlich auf  tlie  ■lahrcsaite  bezogen  haben,  für  die  sich  jetzt  wieder 
Kadermacher  S.  91  ff.  erklärt. 

'  '/..  15.  Ca8]>ari  Kirchenhist .  Anecdoia  I  175  Anm.  2.  Vacandard 
1.  0.  p.  446.  Büngcr  S.  15.  Auch  Loening,  der  S.  462  allgemein  bemerkt, 
,,daß  sie  (die  ('bristen)  am  1.  Januar  alter  heidnischer  Sitte  gemäß  sich 
in  Tierhäute  steckten",  scheint  die  gleiche  Auffassung  zu  haben,  die 
NilsBon  S.  76  f.  hauptsächlich  im  Anschluß  an  Caspari  betont.  So  auch 
die  Literatur  über  die  Bußbücher  (s.  u.):  Friedberg  S.  25.  Schmitz  S.  311 
(schwankend).  Sprachlich  vgl.  zu  der  ganzen  Überlieferungsreihe  Caspiiri 
Pseudoang.  Ilom.  de  sncril.  S.  55  Anm.  3.  56  Anm.  3.  Vertauschung  <ler 
Vokale  i  und  e  im  gallischen  Vulgärlatein  der  Mcrowingeczeit  ganz  ge- 
wöhnlich, Beispiele  aus  der  Sprache  des  sog.  Fredegar  gibt  Krusch 
Neues  Archiv  VII  486  f.,  dazu  etwa  Fredeg.  III  9  p.  95  Kr.  (SS.  rer. 
Merov.  II)  bistea  =  bestia.  IV  20  p.  128  duodicem. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  f^9 

des  Caesarius  entsprechen  völlig  den  beiden  des  Kanons:  cervus, 
cervulus,  hinnicula,  caprea-.  cervolo;  pecudes:  vetolo} 

Nicht  unmittelbar  mit  Caesarius,  wie  es  in  der  Regel  ge- 
schieht', sondern  daneben  mit  dem  Konzil  von  Auxerre  zu 
verbinden  ist  Eligius  von  Noyon  (f  659),  bei  dem  die  in 
diesem  Zusammenhang  gewohnheitsmäßig  vernachlässigte  Über- 
lieferung zunächst  kurz  darzulegen  ist.  Die  als  sein  echtes 
Werk  z.  B.  von  Thijm  betrachtete  Schrift  de  reditiidine  catho- 
licae  conversationis  scheidet  aus :  Krusch  hat  sie  als  jüngere 
Sinderausgabe  desjenigen  Kapitels  der  Vita  Eligii  (II  c.  16) 
erwiesen,  aus  dem  sich  die  zusammengearbeiteten  echten  Pre- 
digten herausschälen  lassen.  Für  uns  kommt  also  nur  Vita 
Eligii  II  c.  16  in  Betracht;  leider  ist  seine  Biographie  nicht  in 
der  ursprünglichen  Gestalt,  wie  sie  Audoen  [^  683)  verfaßt 
hat,  auf  uns  gekommen,  sondern  nur  in  Überarbeitung  aus 
Karolingerzeit.*      Die    Überarbeitung    ist    jedoch,     wenigstens 


*  Die  von  Böse  S.  61  statuierte  Dyas  bei  Caesarius  deckt  sich  nicht 
mit  der  von  mir  bestimmten;  seine  Polemik  gegen  Caspari  über  die 
vetula  (S.  57  ff.)  ist  abzulehnen,  mit  Eligius  beweist  er  nichts.  —  Das 
Konzil  von  Tours  (567)  Mon.  Germ.  Conc.  I  126  sq.  c.  18.  23  —  vgl. 
Nilsson  S.  74,  L.  Duchesne  Origines  du  culte  chre'tien  ^275  n.  2  (die 
vierte  Aufl.  mir  zurzeit  unzugänglich)  und  die  oben  S.  97  Anm.  1  ge- 
nannte Literatur  —  bekämpft  die  Kaiendenfeier  nur  in  allgemeinen  Aus- 
fb-ücken,  geht  aber  wegen  des  Euhemeriamus  (s.  u.)  ebenfalls  auf  Caesarius 
zurück.  Das  IV.  Konzil  von  Toledo,  dessen  Kaiendenkanon  Nilsson  S.  74 
nicht  gefunden  hat,  ist  das  von  633;  im  11.  (nicht  10.)  c.  bei  Bnins  I  226 
heißt  es  nur  in  temporibus  quoque  rdiquorum  Kalendis  lanuartis,  quae 
propter  errorein  gentilium  aguntur,  omnino  Alleluia  non  decantabiU<r.  Bei 
der  wenig  prägnanten  Ausdrucksweise  muß  die  Beziehung  auf  Caesarius 
dahingestellt  bleiben.  Vgl.  die  Zusammenstellung  der  Januarkaienden 
in  Konzilien  bei  Böse  S.  41  f. 

*  S.  0.  S.  92. 

»  Ed.  Krusch  Mon.  Germ.  SS.  rer.  üferov.  IV  634—714;  vgl.  Watten- 
bach Deutschlands  GescMchtsquellen  I '  126.  Molinier  I  136  nr.  425. 
Hauck  DKG.  I  '^-'»S.  314.  327  und  in  PRE.  'V  301.  Thijm  in  KL. 
IV  375—377.  Vacandard  Vie  de  Saint-Onen,  eveque  de  Eouen  (1902)  und 
in  Rev.  des  quest.  hist.  LXIII  (1898)  469—480.  LXV  (1899)  243—246. 
Helm  I  89.    Maaß  S.  108f.    Die  Kontroverse  zwischen  Krusch-Vacandard 


1(30  Fedor  Schueider  ' 

soweit  es  uns  hier  angeht,  lediglich  formal  und  hat  den  Sinn  der  | 
Vorlage  kaum  verwischt.  Die  Stelle  über  die  Jauuarkalendeu  \ 
lautet*:  NuUiis  in  Kalendas  lanuarii  nefanda  et  ridiculosa,  \ 
vetnlas  aut  cenndos  vel  iotticos  faciat  iieque  fuensas  super  noctem  \ 
cnnponat  ncque  !>irenas  aut  hihitiones  superjhias  cxerceat.  Soweit  1 
die  Vita  auf  Predigten  des  Eligius  beruht,  zeigt  sich  engster  I 
Anschluß  an  Caesarius,  für  den  die  Edition  von  Krusch  zahl-  ■ 
reiche  Nachweise  erbringt;  ja,  diese  können,  wie  Hauck  richtig  j 
bemerkt,  noch  stark  vermehrt  werden.  Ferner  benutzt  das  \ 
Kapitel  gallische  Konzilskanones  und,  was  au  der  ausgehobenen  ■ 
Stelle  nicht  in  Betracht  kommt,  den  Martin  von  Braga.  Für  ! 
einzelne  merkwürdige  Stellen  ist  überhaupt  keine  Vorlage  nach-  ; 
weisbar.^  Das  Wort  iotticos  muß,  wie  auch  Krusch  annimmt,  \ 
mit  iocus  zusammenhängen^  und  die  von  Caesarius  neben  den  i 


und  Hauck  über  die  erhaltenen  Homilien  des  Kligius   wcheidct  hier  aus, 
da  sie   nichts    über   die  Paganien   enthalten;    die   Echtheit    der   Predigt,  ' 
die  Krusch  fand    und  1.  c.  p.  749—761  abdruckt,   zweifelt   Hauck  DKG   l 
I"— ^314  Aniu.  1  au.    Das  Verhältniß  der  Vita  zu  de  red.  cath.  conv.  und: 
den   Quelleuwei-t.  von    V.  El.  II  c.  16   erörtert  abschließend   Krusch  1.  c. 
p.  662  sq.    Ähnlich  wie  Krusch  (dem  Hauck  I  *-■•  328  Anni.  3  zustimmt)  j 
nimmt  Vacandard  als  Vorlage  eine  echte  Predigt  des  l^ligius  an.    Über- 
ftetzung  von    T'.    Kl.   II   c  16   hei    Vacandard   Jiev.   des  quest.  hist.    LXV 
443—446. 

•   V.  El.  II   c.  16  p.  714  Kr.     Diese   abHchließendc  Edition    erledigt  ^ 
vorab  das  unsichere  Herunita«ten  am  Text,  wie  es  Böse  S.  22.  80  versucht, 
der  auch  wie  Maaß  de  rect.  cath.  conv.  als  echt  behandelt. 

'  Böhc  arbeitet  mit  dem  Aligiie-Text  und  übersieht  Kmutii.s  Nach- 
weise über  (Quellen  und  libcrlicfcrung;  vgl.  S.  20  seine  Hypothese  eines 
später  aus  Caesarius  gefertigten  Index  der  Paganien.  Auch  die  Kon-  I 
struktion  ve;-lorener  Sermonen  des  Caesarius  über  das  Heidentum  in  j 
Arie»  ist  willkürlich  und  gänzlich  unbegründet.  Ich  stütze  mich  auf  eine . 
kritische  rntcrsuclning  des  ganzen  Ka]titels,  deren  Ergebnisse  hier  nicht  : 
im  einzelnen  auszuführen  sind;  vgl.  auch  die  von  Böse  S.  21 — 27  ziiHaniruen-  | 
gestellten  Caesariusparallelen  zu  de  rect.  cath.  conv.  i 

"  Krusch  1.  <•.  !>  714  nota  8;  die  LA.  ulerwticos  eines  C^odex  von  ' 
de  rect.  cath.  cnnr.,  mit  der  nf>ch  Böse  operiert,  war  durch  Krusch  ; 
bereits  Iteseitigt,  da  sie  in  der  älteren  und  besseren  Überliefening  nicht  j 
begegnet.  L)ic  LA.  iotticos  ist  vielfach  emendicrt  worden  (Maaß  S.  116  1 
catulos);  W.  Weber  denkt  an  .sewco«  (wegen  dee  auch  in  vetula  möglicher-  | 

\ 

'j 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  101 

Tiermaskeu  noch  berührten  anderweitigen  Vermummungen  zu- 
sammenfassen. Dann  ist  die  Komposition  der  Stelle  klar:  von 
mque  mensas  ab  folgt  der  Autor  formal  und  inhaltlich  dem 
Caesarius^,  inhaltlich  auch  vorher,  doch  ist  die  Zusammen- 
fassung durch  den  Kanon  von  Auxerre  beeinflußt:  vetulas  mit 
cermdos  .  .  faciat,  vgl.  vetolo  (vetola)  aut  cervolo  facere.  Höchstens 
könnte  man  annehmen,  daß  Eligius  ganz  entsprechend  wie  das 
Konzil  Kenntnis  des  Maskenbrauches  und  seiner  volkstümlichen 
Bezeichnung  hatte  und  bei  vetola  nicht  mehr  an  das  Kalb, 
sondern  an  die  Jahresalte  dachte;  ob  aus  Augenschein,  kann 
nicht  so  sicher  behauptet  werden,  da  uns  ein  übersehenes 
Zeugnis^  lehrt,  daß  später  die  Kirche  stellenweise  mit  Erfolg 
den  „heidnischen  Kaiendenunfug"  in  sogenannten  „christlichen 
Festbrauch"  umzubiegen  bestrebt  war.  In  einem  Leben  des 
Bischofs  Samson  von  Dol  (in  Armorica)^,  der  'zwischen  557 
und  567    starb,    wird   erzählt,    daß   der  Heilige    einst    veniente 

weise  vorliegenden  Mißverständnisses  'Jahresalte')  oder  ionicos;  doch 
möchte  ich  mich  der  Auffassung  eines  so  vorzüglichen  Kenners  des  Mero- 
wingerlateins  wie  Krusch  anschließen,  der  mir  gütigst  mitteilt,  er  halte 
die  Deutung  „Spaßmacher"  für  möglich,  oder  man  müsse  »diof  «cos  =  »"Msiccos 
konjizieren.  Radermacher,  der  wie  seine  Vorgänger  ohne  den  kritischen 
Text  arbeitet,  lehnt  zwar  S.  97  Anm.  1  die  Maaßschen  catulos  ab,  doch 
seine  eigene  Emendation  iorcos  befriedigt  auch  nicht. 

^  Zu  der  oben  S.  91  Anm.  7  angeführten  Stelle  tritt  Ps.  Augustiu 
s.  129  §3  col.  2002  Aliqui  etiam  rustici  mensulas  in  ista  nocte  quae  prae- 
teriit  plenas  multis  rebus,  quae  ad  manducanduni  sunt  necessariae,  coni- 
ponentes  tota  noete  sie  compositas  esse  volunt  etc.;  §  4  1.  c.  maximavi 
partem  hominum   diebus   istis  gulae  vel  luxuriae  deservire  et  ebrietatibus 

et  sacrilegis  saltationibus  insanire;  s.  130  §  1  coi.  2003  per  licentiam 
ebrietatis;  %  3  col.  2004  cjui  Kalendas  istas  pro  giila  et  ebrietate  sacrilega 
consuetudine  cohmt  und  vorher  über  die  strenae. 

^  Meines  Wissens  nur  von  Arnold  S.  175  in  diesem  Zusammenhang 
beachtet,  der  die  Stelle  anführt.  Dazu  jetzt  Radermacher  S.  110,  freilich 
ohne  kritische  Wertung. 

'  Hei,  Acta  SS.  0.  S.  B.  1 172  sq.,  vgl.  Molinier  1 129  nr.  382 :  nach  ihm 
ist    sie  vor  dem  X.  Jh.  abgefaßt  und  „ne  para'it  pas  fort  ancienne".    So 

auch  Krusch  nach  frdl.  Mtteilung,    der  keine  echte  Quelle,   sondern  nur 

Rückschluß  aus  dem  klerikalisierten  Brauch  annimmt;  höher  schätzt  Lot 

Mel.  d'hisi.  Bretonne  p.  97  die   Vita  ein. 


1()2  Fedor  Schneider 

per  annuam  vcrtigitiem  Kalcnda  lanuaria,  qua  homines  supra- 
diclne  insulac  (Resiae)  harte  nequam  solcmncm  .  .  .  consudiidhiem 
prne  ceteris  sane  celebrarc  consueverant,  dagegen  predigte  und 
sie  davon  abzustehen  bewog,  darauf  omnes  parvulos,  qui  per 
hisiilam  iUutn  oh  harte  nefariam  diem  discurrehnrU,  zu  sich  rief, 
ihnen  mercedem  vunimisniuncuU  auro  quod  est  mensura  schenkte 
und  ihnen  fürder  die  sacrücga  consuHudo  untersagte,  mit  dem 
Erfolg,  ut  nsquc  hodie  ibidem  sjnritales  loci  eins  solide  ac  caiholice 
remanserinl.  Es  handelt  sich  also  neben  den  Hauptriten,  die 
nicht  näher  erklärt  werden,  um  einen  Bettelumzug,  wie  er  in 
Kleinasien  und  durch  Caesarius  für  die  Kaienden  bezeugt  ist, 
hier  aber  als  Kinderumzug  erscheint.  Die  strenae  werden 
ständig  durch  Kinderbeseherung  mit  einem  Goldstück,  die  vom 
Klerus  ausgeht,  ersetzt:  selbst  wenn  man  die  Stelle  nur  für 
die  Entsteh ungszeit  der  Vita  verwendet,  liegt  doch  die  früheste 
Klerikalisierung  der  Kaiendenbräuche  vor. 

Die  weitere  Tradition  über  die  Kalendenmasken  auf  frän- 
kischem Gebiet  macht  nun  völlig  den  Eindruck,  literarisch  zu 
sein:  wenn  sich  auch  das  hergebrachte  Treiben  beim  Volke 
erhalten  hat,  der  Wortlaut  der  Zeugnisse  bietet  keinen  zwin- 
genden Reweis  dafür,  daß  die  Autoren  ihn  im  Auge  hatten. 
Zeitlich   zunächst   kommen   die   Bußbücher.*     Die  Reihe   der 

'  F.  W.  H.  Waaserschleben  Die  Bußordtiuvffcn  der  ahcndlfind.  Kirche 
(Halle  1851)  9.  1 — 80,  ge{?en  dessen  Feststellungen  der  Weihbischof 
llcrin.  .Jos.  Schmitz  Die  Bußhücher  u.  d.  BußdisvipUn  der  Kirche  (Mainz  1883, 
zitiert  als  Schm.  I>  mit  der  Annahme  nicht  rlurchgedrunjifcn  ist,  es  gäbe 
ein  selbständiges  I'önitcntiale  der  römischen  Kirche,  und  dieses  sei  ge- 
meinsam mit  den  angelsächsischen  Bußbüchern  Grun<llage  der  „fränkischen", 
zu  denen  er  auch  in  Italien  entstandene  wie  das  Böen.  Cummeani  rechnet. 
Vgl.  dcHüclben  Verf.  Die  Bußbücher  und  das  hanon.  Bußverfahren  (Düssel- 
dorf 1H98,  zitiert  als  Schm.  II)  und  zur  Kritik  seiner  Theorie  Friedberg 
in  PRE^IW  581.  Hanck  DKG.  P-^  S.  274  Anm.  3.  W.  v.  Hörmann  Buß- 
/>ttc/icr«eM</i>»i,Zeitflchr.  der  Sav.-Stiftung  Kan.  Abt.  I  (1911)  S.  201  Anm,  1. 
Vering  Beichthücher  in  KL.  II'  20'J  — 221,  von  katholischen  Autoren  z.  B. 
noch  .loh.  Bapt.  Sägmüllcr  Lehrbuch  des  kuth  Kirchenrechts*  1  163  —  166.  — 
Emil  Friedberg  Aus  deutschen  Bvßbüchern.  Ein  Beitrag  zur  deutschen 
Cnlturgesch.  (Halle  1868),  gibt  eine  brauchbare  Zusammenstellung  der  in 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  103 

fränkischen  Pönitentialien  entspringt  dem  Vorbild  der  irischen, 
das  insulare  Glaubensboten  auf  das  Festland  brachten.  Es 
enthielt,  wie  die  rein  angelsächsische  Gruppe,  keine  Bestimmung 
über  die  Januarkaienden;  auch  das  dem  Columba  von  Bobbio 
(f  615)  zugeschriebene  ^,  das  uns  jedenfalls  in  jüngerer  Form 
vorliegt,  berücksichtigt  wohl  Paganismen  ^,  nicht  aber  Neujahrs- 
bräuche, Auf  diese  geht  ein  Kanon,  der  in  einer  ursprüng- 
lichen ausführlichen  Gestalt  und  in  jüngerer  Verkürzung  einer 
ganzen  Reihe  fränkischer  Bußbücher  gemeinsam  ist,  ohne  daß 
man  eine  zwingende  Klassifikation  durchführen  könnte;  nur 
wird  die  Grundlage  von  einigen  schon  dem  VII.  Jahrhundert 
zugeschrieben,  und  die  Benutzung  durch  Pirmin,  die  gleich  er- 
wiesen werden  wird,  gibt  für  die  Aufnahme  des  Mummen- 
schanzes den  terminus  ad  quem  724 — 727,  während  die  Syn- 
ode von  Auxerre  den  terminus  a  quo  liefert.^ 

dieser  t5lDerlieferung  bekämpften  Volksbränche  und  Paganien,  ohne  sicL 
mit  der  Frage  nach  der  Tatsächlichkeit  der  Aussagen  oder  nach  dem  Kultur- 
kreis, dem  der  einzelne  Brauch  entstammt,  kritisch  zu  beschäftigen. 
W.  V.  Hörmann  S.  200 ff.  Allgemein  über  die  Gruppe:  Helm  I  87 f.  Über- 
sicht über  die  auf  die  Januarkaienden  bezüglichen  Stellen:  Böse  S.  50 — 53, 
Tgl.  Friedberg  S.  64;  auch  Nilsson  S.  74;  Bünger  S.  28  Anm.  1;  Rader- 
macher S.  91f.  geht  auf  die  Bußbücher  nicht  ein. 

^  Wasserschieben  S.  52— 57.  Schm.  1205—215.588—594.  11146—153 
spricht  das  Pönitentiale  dem  Columba  ab;  vgl.  aber  Hauck  DKO.  13—4 
S.  273  ff. 

*  C.  24  p.  600  Schm.  I. 

'  Schmitz  (vgl.  V.  Hörmann  S.  233)  rechnet  die  Gruppe  zu  dem  Kern 
seiner  römischen  Bußordnungen  und  nimmt  als  Objekt  der  auf  Paganie 
bezüglichen  Satzungen  heidnische  Gebräuche  in  Italien  an,  vgl.  Schm.  I 
167 ff.  II  138 ff.;  Arch.  f.  kath.  Kirchenrecht  LI  33—35.  Doch  auch  er  gibt 
fränkische  Zusätze  zu,  und  da  in  dem  Kaiendenkanon  ein  gallisches  Konzil 
Vorlage  und  —  will  man  für  seine  Aufnahme  nicht  lediglich  literarische 
Beweggründe  gelten  lassen  —  ein  gallischer,  wenn  nicht  alles  trügt,  Rom 
gänzlich  unbekannter  Brauch  Anlaß  war,  ist  für  ihn  die  Frage,  ob  es 
überhaupt  eine  römische  Bußordnung  gab,  gleichgültig.  Für  die  Alters- 
bestimmung scheidet  das  Poenitentiale  Cummeani,  das  man  mit  einem 
744  gestorbenen  Bobbieser  Mönch  hat  in  Verbindung  bringen  wollen,  aus, 
da  der  Kaiendenkanon  nur  in  der  jungen  interpolierten  Form  steht  (s.  u. 
S.  104  Anm.  2),  und  zwar  in  der  verkürzten  Fassung ;  die  echte,  von  Zet- 


^Q^  Ffdor  Schneider 

Saclilich  erfahren  wir  nichts  Neues:  Buße  schuldet,  si  quis, 
qnod  in  Kalcndis  Januariis  multi  facinnt,  quod  adhuc  de  pa{ja- 
nis  residit,  in  cervolum,  quod  dicitur,  aut  in  vecola  (sie!)  vadit . .; 
quia  hoc  daemonum  est-,  so  .heißt  es  in  der  ausführlichen  Fas- 
sung ',  oder  verkürzt  Si  guis  in  Kalendis  Innuarii  aut  in  ve- 
cola aut  in  cervolo  vadit..,  quia  lioc  daemonium  csl.^  Die  Ab- 
hängigkeit von  gemeinsamer  Vorlage  ist  für  beide  Fassungen 
und  die  mit  ihnen  übereinstimmenden,  soweit  sie  das  Mißver- 
ständnis vecola  haben,  deutlich;  einmal  wird  es  in  vehicula  zu 
emendieren  versucht.  Schon  VVasserschleben  ^  wies  auf  den 
Kanon  von  Auxerre  als  Quelle  hin,  nur  daß  retolo  (oder  vetola) 
aut  cervolo  facere  zu  in  v.  aut  in  c.  vadere  abgeändert  ist.  Auch 
die  jüngere  Reihe  fränkischer  Bußbücher,  die  zeitlich  und  der 
Tendenz  nach  schon  teilweise  mit  Pseudoisidor  zusammenfällt, 
weicht  nur  teilweise  ab.     Sachlich  erfahren  wir  nichts  Neues; 

tinger  gefundene  und  im  Arcit. /'.  katli.  Kirchenrecht  LXXXII  505 tf.  heraus- 
^'egebene  Form  kennt  ihn  nicht.  (Jber  die  Zusammengehörigkeit  der 
ganzen  (rruin»e  vgl.  die  neueste  Spezialliteratur  bei  v.  Hörmann  S.  2.SSff. 
\'\r\.  auch  die  Konkordanz  bei  Schni.  I  702. 

'  Pocn.  Merseh.  A  s.  IX  c.  32  p.  361  Sclim.  II  (vgl.  VVaaserschleben 
S,  67—60.  Schni.  I  697-705).  Foen.  Burg.  s.  VIII  c.  33  p.  322  Schm  II. 
Poen.  Vallicell.  I  s.  .\  c.  88  p.  311  i^'rhm.  I  ('nur  die  Wortutelhing  in  Un- 
ordnunix:  ••ii  qut.s  quod  in  Kai.  Jan.,  quod  m  fac.  adhuc  —  in  vetula  e.  q.  a.). 
!']ä  ist  dies  da.H  vornehnilichste  Poenitentiale  Romanum  von  Schmitz,  dessen 
•  Irnndlagen  (l  237f.)  noch  in  die  erate  Hälfte  des  VIII.  Jh.  gehören  sollen. 
Ähnlich  Poen.  Floriac.  <•.  31  p.  343  Schm.  II  {vehicula,  ohne  adhuc); 
Pocn.  Paris,  r.  26  |i.  329  Schm.  U  (ohne  quod  —  residit):  Pocn.  Rom.  bei 
llalitgar  v.  36  p.  479  Schm.  I  (Ph.  Korn.  VI  §  3  p.  368  Was«.). 

»  So  Poen.  Ps.  Cumnieani  VII  c.  9  p.  627  Schm.  II.  Si  quis  Kalendas 
lauuarias  in  cervolo  vel  vicola  vadit  Poen.  Bobiense  s.  VIII  c.  30  ]).  325 
Schm.  II ;  Poen.  Sangall.  c.  28  p.  347  Schm.  II  ebenso  (cervulo  aut  vetula). 
Cap.  iudic.  x.  VIII  (vgl.  Schm.  I  396.  II  377)  c  18  p.  237  Schm.  II  St  quis 
in  Calendas  lauuarias  consucludinc  j)aga}iorum  cum  ccrvula  aut  quahbel 
veaila  vadit  .  .,  quia  et  hoc  daemonum  est  (vgl.  Poe».  Vallicell.  II  c.  62 
p.  379  Schm.  I)  vennischt  die  kürzere  und  längere  Fassung;  es  ist  nach 
Schmitz  Kompilation  dreier  Gruppen. 

'  S.  59.  So  auch  Friedberg  S.  64  und  Schm,  I  311.  Beachten.swert 
ist,  daß  für  da«  Konzil  von  .\uxerre  einige  Codd.  vaecola,  vecola  haben: 
».  o.  S.  97  Anm.  1. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  105 


die  durchgehende  Verlesung  vecola^  beweist,  daß  lediglich 
literarische  Übertragung  vorliegt.  Aber  auch  jene  jungen  Texte, 
die  aus  dem  Rahmen  fallen,  sind  nicht  infolge  von  Rücksicht 
auf  noch  bestehenden  Brauch  abgeändert,  sondern  durch  die 
echte  Fassung  des  Caesarius  und  ihre  Ableitungen,  wie  sie  da- 
mals durch  die  Predigtliteratur  bekannt  wurden,  interpoliert.* 
Höchstens  kann  man  die  Möglichkeit  zugeben,  daß  die  ge- 
meinsame Vorlage  des  ausgehenden  VII.  oder  beginnenden 
VIII.  Jahrhunderts  die  Maskerade  kannte  und  aus  diesem  prak- 
tischen Grunde  den  Kanon  von  Auxerre  aufnahm;  notwendig 
ist  auch  das  nicht.  In  welcher  Gegend  aber  diese  Vorlage  ent- 
standen  ist,   bleibt  völlig  unsicher.^     Schottenmönche  werden, 

^  Zusauimengestellt  von  Caspari  Hom.  de  sacril.  S.  56  Äiun.  3.  Cum- 
tnean  hat  im  Titel  VII  vecla. 

■^  Poen.  Hubertense  c.  35  p.  336  Schm.  II  Si  quts  in  Kalendis  lanuarü 
cervoJam  vel  vetolam  observaverit,  quae  de  pagnnis  remansit.  C.  42  p.  337 
Si  quis  balationes  ante  ecclesias  sanctorum  fecerit,  seu  qui  faeiem  suam 
iransformavei'it  in  habitu  nmlieris  aiit  ferarmn  seu  mulier  in  liabitu,  viri 
.'aus  Ps.  Augustin  s.  129  §  2  col  2001  sq.  s.  265  §  5  col.  2239).  Ähnlich 
Poen.  Merseb.  B  c.  32  p.  432  Wass.  Si  quis  —  ecclesiam  fec.  seque  fac.  s.  — 
ferarum  seu  mulier  in  habitu  viri.  Poen.  Ps.  TJieodori  s.  IX  1.  XII  c.  19  p.  597 
Wass.  hat  zu  der  Cummean  entsprechenden  Fassung  die  Glosse  id  est  in 
ferarum  habitus  se  communtcant  (lies  commutant)  et  vestiuntur  pellibus 
pecudum  et  assumunt  capita  bestiarum;  qui  vero  taliter  in  ferinas  species 
se  transfoi-mant  (aus  Ps.  Augustin  s.  129  §  2  1.  c),  die  zeigt,  daß  der  Aus- 
druck in  cervulo  aut  vetula  vadit  (so  der  Text)  damals  unverständlich  ge- 
worden war.  Spät  ist  Poen.  Ps.  Bedae  qu.  33  p.  682  Schm.  II  Fecisti 
aliquid  paganias,  quae  in  Calendis  lanuarü  faciunt  in  cervulo  aut  in 
vegula?  Nach  Wasserschieben  S.  86  ff.  ist  es  jünger  wie  Halitgar,  vgl. 
Schm.  I  615  f.  Aus  Halitgar,  dessen  Bußbuch  in  die  Gruppe  der 
jüngeren,  durch  Kompilation  älterer  Formen  entstandenen  Pönitentialien 
gehört,  ging  der  Kanon  in  der  Form  Fecisti  aliquid,  quod  pagani  faciunt 
in  Kalendis  lanuariis  in  cervulo  vel  vegula?  in  die  große  Bußordnung  in 
Regiuo  de  syn.  cau^is  et  discipUnis  ecclesiasticis  1.  I  c.  304  j).  145  über, 
daraus  in  Burchards  von  Worms  Beer.  X  c.  5  §  20  u.  a.  kanonistische 
Sammlungen. 

*  Gerade  die  ausführlichere  Fassung  gehört  der  Gruppe  au,  die  als 
Poenitentiale  Romanum  bezeichnet  wird,  und  von  der  Schmitz  ein  Exem- 
plar als  im  X.  Jh.  in  einer  römischen  Kirche  gebraucht  nachwies;  daraus 
darf  aber  nichts  für  den  römischen   Ursprung  der    Pönitentialien    ge- 


lQ[y  Fedor  Schneider 

wie  bei  der  Einführung  der  Pönitentialien  in  Frankreich 
überhaupt,  so  auch  in  diesem  Einzelfalle  ausschlaggebend  ge- 
wesen sein.  Nur  als  fränkisch,  und  zwar  eher  nord-  wie  süd- 
gallisch, werden  wir  sie  ansprechen  dürfen. 

Nicht  viel  später  wie  das  Auftauchen  der  Bußbücher  be- 
ginnt im  fränkischen  Reich  die  Bekämpfung  der  Paganie  in 
den  Miss ionsp red  igten.  Hier  wie  dort  fehlt  ein  Passus  gegen 
die  Kaiendenfeier  nicht  oft,  hier  wie  dort  ist  die  Eimvirkung 
des  Caesarius  deutlich.  Wechselseitige  Beeinflussung  der  bei- 
den Gruppen  ist  kaum  von  der  Hand  zu  weisen;  aber  die  Pre- 
diger verfügen  über  theologisches  Wissen  und  kennen  außer 
Caesarius  noch  andere  bewährte  ältere  Schriften. 

Nicht  weiter  einzugehen  ist  auf  die  in  den  Predigtsamm- 
lungen des  VIH.  und  IX.  Jahrhunderts  beliebte  Gepflogenheit, 
Sermonen  des  Caesarius,  die  häufig  anonym  oder  unter  Augu- 
stins  Namen  umliefen,  wörtlich  oder  verkürzt  unter  jüngere 
zu  mischen;  so  ist  die  Kaiendenpredigt  im  sogenannten  Ho- 
miliar  des  ]3ischofs  Burkhard  von  AN  ürzburg  (f754)  vollständig 
der  Sermo  129  des  Caesarius.^  Dessen  Bekanntschaft  war  all- 
gemein und  ergibt  sich  aus  der  Art,  in  der  die  Polemik  nicht 

folpert  wprden,  Koiidorn  nnr,  d;iß  in  jünprcrcr  Zeit  (JX.  Jh.)  dicjonigc  Form 
di«'Her  fränkiHcln'ii  HuUbüchtir,  die  in  Koni  Fiin<^ang  fand,  vjThältnieniiißip: 
rein  und  ursprünglich  war.  Für  jüngere  Zeit  «ei  j«tzt  verwiesen  auf  Franz 
fhiutkai^pp  Il)er  die  alldeutschen  JSekhIrn  und  ihre  Beziehungen  auf 
Caesarius  von  Arlci^,  in  Forschungen  und  Fnnde,  herausgeg.  v.  F.  Jostes 
IV   Heft  5,  Münstr«r   1917. 

'  (bfr  da«  Hurkhard  zugeschriebene  Iloniiliar  (s.  VIII — IX)  vgl.  Nürn- 
berger Aus  d.  litterar.  Hinterlnssensch.  d.  hl.  Bonifatius  u.  d.  hl.  Burchar- 
duM  (NeiHse  188«)  S.  27 tf.  lf.8  — 165.  Morin  in  Rcv.  Bcncd.  XIII  (1896) 
p.  100;  über  die  Vorlagen  der  Predigh'n  Tlauck  DKG.  11-'*— 4  S  260f.  und 
Kose  R.  S6f.,  der  lluuck  übersieht.  Hier  liandclt  es  sich  nm  hnm.  III  de 
Kfd.  Inn.,  .1.  K.  Krrard  Commcniarii  de  rebus  Franciac  orientolis  I  (Wircah. 
1729)  887  sq.  Vgl.  die  alt«  Honiilienhs.  cod.  Einsidl.  199  fol.  431  — 526 
u.  cod  281  fol.  1  —  148,  8.  VIII— IX,  über  die  oben  S.  90  Anm.  1  Literatur 
angeführt  ist,  und  aus  der  Caspar!  mehrere  Predigten  des  Caesarius,  dar- 
unter die  hnviilia  übt  j)opulus  adwovilur,  femer  den  Pimiin  und  die 
hom.  de  saciilcgii.s  druckte. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  107 

nur  gegen  die  Januarkaienden,  sondern  auch  sonst  gegen  eine 
ganze  Reihe  heidnischer  Sitten  geführt  wird:  Beleg  dafür  ist 
die  große  Klasse  von  Homilien,  die  auf  die  karolingische 
Musterpredigt  zurückgeht.*  Mußten  wir  schon  für  das  Gallien 
der  Merowingerzeit  vorsichtig  sein,  aus  der  literarischen  Tra- 
dition über  Kaiendenbräuche  auf  deren  wirkliches  Weiterleben 
^u  schließen,  so  werden  wir  es  doppelt,  wenn  nun  aus  metho- 
disch völlig  analogen  Aussagen  auf  eine  Übung  jener  keltisch- 
römischen Festriten  durch  das  Heidentum  Deutschlands  ge- 
schlossen werden  müßte.  Mit  einer  gewissen  Freude  an  der 
Vollständigkeit  der  aufgezählten  heidnischen  Gebräuche  werden 
wir  bei  den  Missionaren  unter  allen  Umständen  rechnen;  daß 
die  Polemik  praktische  Ziele  verfolgte,  wird  zwingend  wider- 
legt durch  das  sklavische  Kleben  am  Wortlaut  der  Quelle,  das 
vielmehr  von  der  unsicheren  Gewissenhaftigkeit,  ja,  der  Bor- 
niertheit dieser  Leute  ein  wertvolles  Bild  gibt.  Hier  wird  die 
historische  Untersuchung  vollends  zur  textkritischen;  doch 
dürfen  wir  den  Umweg  nicht  scheuen,  wenn  wir  zu  einem 
sicheren  Urteil  über  den  Qaellenwert  unseres  Materials  ge- 
langen wollen.     Wie  nötig  das  ist,    erkennt  man,   sobald   man 


*  W.  Scherer  Eine  lat.  Musierpredigt  aus  der  Zeit  Karls  d.  Gr., 
ZDA.  XII  (1865)  S.  436-446,  vgl.  Helm  1  89;  von  ihr,  die  Scherer  in  ver- 
schiedenen Hss.  nachweist,  ist  Ps.  Bonifatii  s.  VI,  Migne  LXXXIX  col.  855 
abhängig  (über  die  Unechtheit:  Wattenbach  DGQ.  V  150  Anm.  2,  Hauck 
DKG.  13—4  462  zusammenfassend).  Mit  ihi-  berühren  sich  die  beiden 
von  Caspari  Kirchenhist.  Änecd.  I  193 — 202  und  202—212  herausgegebe- 
nen jüngeren  Predigten;  überall  die  stereotype  Wendung  et  multa  alia 
quae  enuinerare  longum  est,  vgl.  Ps  Augustin  s.  129  §  3  col.  2002  et  alia 
his  similia,  quae  longum  est  dicere.  Scherer  S.  446 f.  weist  eine  in  Italien, 
Frankreich,  Deutschland,  Spanien  verbreitete,  von  Regino  benutzte  Ad- 
monitio  nach,  die  Baluze  Leo  IV.  zuschrieb,  Scherer  in  die  Zeit  des  Boni- 
fatius  oder  wenig  später  setzt.  Sie  ist  älter  und  ein  Pastoralschreiben  des 
Caesarius:  Arnold  S.  440.  Kenntnis  der  Vorlagen  wird  noch  viel  Licht 
über  das  vorläufig  noch  recht  dunkle  Literaturgebiet  verbreiten.  Über  die 
von  V.  Eligii  II  c.  16  abhängigen  Predigten  (darunter  de  rect.  cath.  conv., 
8.  0.  S.  99  Anm,  3)  Krusch  1.  c.  p.  652  und  Hauck  13-*  S.  314  Anm.  1, 
473  Anm.  2. 


;[Qg  Fedor  Schneider 

beobachtet,  wie  häufig,  ja,  allgemein  üblich  es  ist,  die  Quellen- 
zeugnisse iler  gekennzeichneten  Gattung  als  einwandfreie  Be- 
weise für  die  tatsächlichen  Zustände  der  deutschen  Vorzeit 
zu  benutzen,  ja,  zu  Rückschlüssen  auf  Glauben  und  Treiben  der 
sermanischen  Urzeit  zu  mißbrauchen. 

Zunächst,  weil  zeitlich  und  örtlich  festgelegt,  steht  das 
Zeugnis  des  Abtes  und  Bischofs  Pirmin,  vielleicht  eines  Angel- 
sachsen, der  unter  Karl  Martell  nach  Alamannien  kam  (f  753 
oder  eher). '  In  der  paränetischen  Schrift  Pirmins  gegen  den 
Paganismus ',  die  sich  im  Titel  als  Exzerpt  aus  „kanonischen", 
d.  h.  kirclüich  anerkannten  Büchern  gibt,  heißt  es:  Cervulos  et 
veiculas  in  Kalendas  vel  aliiul  tempm  nolite  amhiäare.  Viri  vestes 
f'emineas,  femine  vestes  vir'dis  in  ipsis  Kfdandis  vel  in  alia  lusa 
t/uam  phiri^na  nolite  vestire.  Die  Überlieferung  gehört  noch 
dem  VIII.  Jahrhundert  an,  die  Abhängigkeit  von  einem  der 
früheren  irisch-fränkischen  Bußbücher  wird  durch  amhularc, 
das  statt  des  meist  gebrauchten  vadere  in  einem  Pönitentiale 
vorkommt,   augenscheinlich,   ja,   auch    die  sinnlose  Verderbnis 

'  ('her  l'iriuiii  vf,'I  Wattfiibaeh  DG(^>.  V  154.  dessen  flachn  Behand- 
lung durch  dio  r'indringendc  Darsttdlung  bei  Hauck  DKG.  I  3—4  S.  846 — 356 
trefflich  ergänzt  wird.  IL'lm  I  80:  „Dir  Dicta  abbatis  Pirminli  wenden 
sich  gegen  allt-rhand  Aberglauben,  aber  es  ist  nicht  «eher,  daß  er  damit 
immer  genide  Aberglauben  der  Bevölkening  meint,  in  der  er  lebte." 

-  Dicta  abhatis  Pirminii  de  singulis  libris  cannonnieis  scnrapsus  ed. 
»'aspari  KirdwtUnstor.  Anecdota  I  151—193,  die  St.dle  c.  22  S.  176.  Die 
alte  Ausgabe  von  Mabillon  Vet.  anal.  IV  App.  p.  669  sqq.,  nachgedruckt 
von  Oallandi  und  Migne,  IhI  neben  ('aH])ari  nicht  mehr  zu  gebi-auchen. 
Über  den  cod.  Kinsidl.  199  b.  VIII,  der  in  das  alte  Iteichenauer  Ilomiliar 
«gehört,  H.  o.  S.  90  Anm.  1  und  S.  106  Anm.  1,  bew.  Habriel  Meier  Cat. 
codd.  Ein-sidl.  I  155—159  (über  die  Dicta  Pirmütii  S.  158);  auch  Maassen 
Bibl.  Lat.  iuris  can.  ms8.,  SB.  d.  Kais.  [Wiener]  Ak.  d.  Wiss.  LVI  (1867) 
S.  201—205.  Morel  a.  a  0.  S.  243—261,  bes.  S.  246.  258.  260.  DaH  Wort 
ncarapsus  würde  auf  iriychen  Ursprung  Pinninx  führen,  was  in  dem  Zu- 
Haramenhang  der  Frage  nach  seiner  Herkunft,  .soweit  ich  sehe,  nicht  beachtet 
worden  ist;  doch  steht  dem  bekanntlich  entgegen,  daß  Pirmin  nach  der 
Benedictinerregel  lebte;  übrigens  findet  »ich  der  Ausdruck  auch  bei 
Angelsachsen. 


über  Kalendae  laiiuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  \QQ 

veicidas  statt  vecolas,  vefulas  findet  sich  in  der  gleichen  Gruppe.^ 
Da  die  einzige  erhaltene  Handschrift  aus  Einsiedeln  auf  die 
Reichenau  zurückgehen  dürfte^,  muß  Pirmin  sein  Werk  in  der 
Zeit  seines  Wirkens  auf  der  Bodenseeinsel,  also  etwa  zwischen 
724  und  727,  verfaßt  haben.  Wenn  damals  schon  in  den 
Bußbüchern  aus  der  ersten  Verlesung  veculas  die  Verballhornung 
vehicidas  geworden  war,  wird  man,  wie  oben  bemerkt,  das  erste 
Eindringen  des  Kaiendenkanons  in  ein  Pönitentiale  entsprechend 
früher  anzusetzen  haben. ^  Daneben  ist  Caesarius  benutzt/ 
Ebenfalls  in  einer  Einsiedler  Handschrift^  steht  eine  Predigt, 

'  Poen.  Floriacense  (Fleuiy  an  der  Loire),  s.  o.  S.  104  Anm.  1,  und 
Vallicellianum  11  c.  62  bei  Schm.  I  379  (s,  X?  vgl.  Schmitz  S.  342;  den 
Kern  der  Sammlung  will  Schmitz  S.  349  noch,  dem  YlII.  ^h..  zuschreiben). 
Es  stammt  aus  dem  monasterium  s.  Eiiticii:  Schmitz  S.  342,  also  aus  der 
Diözese  Norcia,  vgl.  Kehr  Italia  pontificia  IV  17.  Hier  lautet  der  Kanon: 
Si  quis  in  Kalendis  lanuarü  consuetudme  paganorum  cum  cervola  aut 
quolibet  velucido  ambulaverit. 

*  Einsiedeln  ist  um  die  Mitte  des  IX.  Jh  vom  Einsiedler  Meginrat 
gegründet;  über  die  Beziehungen  der  Bibliothek  zur  Reichenau  vgl.  nur 
die  Hs,  des  Anonymus  Einsidlensis  und  der  Inschrifteusammlung  cod. 
Minsidl.  326  s.  IX — X,  die  bekanntlich  aus  der  Reichenau  stammt,  aber 
aus  Pfäfers  nach  Einsiedeln  kam:  Literatur  bei  Wattenbach  DGQ.  F  280 
Anm.  4;  Beschreibung:  Gabriel  Meier  Cat.  codd.  Einsidi.  I  297 — 300. 
Meginrat  ging  aus  der  Reichenau  hervor:  Wattenbach  DGQ.  I'  285. 

*  Daß  etwa  Pirmin  die  Quelle  des  Archetyps  aller  Bußkanones  über 
die  Kai.  lan.  sei,  ist  durch  die  Textkritik  ausgeschlossen :  er  benutzt  ja  eine 
von  der  ältesten  abgeleitete  jüngere  Klasse.  Casparis  Emendation  vetulas 
verwischt  die  Textgeschichte. 

*  Zu  dem,  was  Hauck  S.  351  über  augustinische  Ideen  bei  Pirmin 
bemerkt,  vgl.  die  CaesariusparaUelen  zu  Pirmin,  die  Böse  S.  27 — 29  gibt; 
über  Caesarius  als  Xachahmer  Augustins  s.  Arnold  S.  126 — 129.  Minde- 
stens für  die  Polemik  gegen  die  Paganien  hat  Pirmin  den  Caesarius  be- 
nutzt, dessen  Predigten  neben  Augustinischen  u.  a.  auch  das  Reichenauer 
Homiliar  enthält.  Unmittelbare  Benutzung  ist  nicht  zu  erschließen,  aber 
auch  nicht  auszuschließen. 

^  Cod.  Einsidi  281  s.YIlI  fol.  149  (alt  101);  dieser  zweite  Teil  (fol.  146 
bis  237)  gehört  nach  Morel  und  Meier  (s.  o.  S.  90  Anm.  1)  nicht  zu 
cod.  199,  ist  also  kein  Bestandteil  des  alten  Reichenauer  Homiliars,  da- 
gegen ist  er  inhaltlich,  aufs  engste  mit  ihm  verwandt:  echte  Stücke  von 
Augnstin,  ein  Sermon  des  Caesarius  und  ein  Psalmkommentar  des  Augustin 


\1Q  Fedor  Schneider 

tue  denT'de\HunieliasanctiAgnstini  de  sacrilegiaiilhrinnd 
von  Caspari  herausgegeben  wurde.  Diese  höchst  interessante 
Predigt  eines  Heidenmissionars,  die  den  Caesarius  sparsam  be- 
nutzt, kommt  an  zwei  getrennten  Stelleu  auf  die  Neujahrs- 
Ijräuche  zu  reden;  das  erstemal  (§  17)  berührt  sie  sich  auch 
inhaltlich  nicht  völlig  mit  dieser  Vorlage,  der  sie  das  zweite- 
mal (§§  23 — 26)  in  engstem  wörtlichen  Anschluß  folgt.*  Aus 
dieser  zwiespältigen  Behandlung  wird  man  schließen,  daß  §  17 
nicht  ohne  Zwischenglied  auf  Caesarius  zurückgeht;  er  lautet: 
Quicumque  in  Kalendas  lenuarias  mensas  panibus  et  aliis  cyhis 
ornat  et  per  nocU'm  ponet  et  diem  ipsum  colit  et  auguria  aspicet 
vd  arnia  in  campo  ostendit  et  feclum  (fectum  cod.)  et  cervulum 
et  alias  miserias  vel  lusa,  qiic  in  ipso  die  insipientes  sölent  facere, 

und  Caesarius  (vielleicht  später  und  nicht  mit  dem  vorhergehenden  zu- 
sammengehörig; ob  es  der  Augustins  ist,  bleibt  zu  bestimmen,  vgl. 
Morel  a.  a.  0.  S.  246).  Klarheit  kann  nur  hs.  Untersuchung  bringen,  zu 
der  zurzeit  die  Möglichkeit  fehlt.  —  Ed.  Caspari  ZDA.  XXV  (1881) 
S.  314 — .S16  und  'Eine  Augustin  fälschlich  beigelegte  Ilomilin  de  sncri- 
/egüf.  Aus  e.  Einsiedeier  Hs.  des  VIII.  Jh.  herausgeg.  und  mit  krit.  u. 
sachl.  Anmerkungen,  sowie  mit  einer  Abhandlung  begleitet'  (Christiania 
1886)  S.  5  — 16;  die  Angaben  über  die  Hs.  S.  3—6  sind  nicht  voll  be- 
friedigend. Vgl.  Hauck  IJKd.  IIS— i  S.  404  Anm.  2.  Bardenhewer  Pafro- 
logie'^  S.  432.  Helm  I  89.  Über  KinHuß  Martins  von  Braga  s.  u.  S.  «21 
Anm.  1. 

'  §  17  p.  10  Casp.  (ich  zitiere  die  Buchausgabe  und  Casparis  fort- 
laufende Paragniphcnzählung);  §§  28 — 26  p.  12 — 16.  Caspari  S.  63—66 
zeigt,  daß  die  beiden  Abschnitte,  in  die  die  Predigt  formell  zerfallt 
(S.  46  — 48),  den  Vorlagen  ent,M])rechcn  :  zuerst  ein  bunter  Catalogus  pnga- 
nianim,  dann  Auszüge  aus  Caesarius  (h.  129  und  278  gegen  miguria). 
Der  erste  Teil  ist  aus  einer  oder  mehreren  älteren  Quellen  abgeleitet 
imd  berücksichtigt  außerordentlich  viele  verschiedene  heidnische  Bräuche. 
Auch  in  der  Ausdrucksweise  weichen  beide  Teile  ab,  der  erste  hat  ana- 
thematischc,  der  zweite  historische  und  paränetische  Form:  S.  61  f.  Vgl. 
die  CaesariusiJarallcicii  zu  unserer  Predigt  bei  Böse  S.  29 — 84  und  Caspari 
8.68.  Außer  diesen  Stellen  zeigen  nur  §§  2.  12.  14.  16  mehr  oder  weniger 
schwache  Anklänge  an  Caesarius,  die  bezügliche  Bemerkung  von  Caspjuri 
zu  §  23 — 26  ist  ungenau.  Der  Reihe  nach  werden  in  §§  23—26  aue- 
geschrieben Ps.  Augustin  H.  129  §  1  col.2001;  §  2  col.2001;  §  3  col.  2002; 
zum  Teil  wörtlich  aus  tj  17  wiederholt.  Zur  Erklärung  Caspari  Homilie 
S.  83f.  49. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  m 

der  Rest  gehört  nicht  mehr  hierher.  Das  Mittelglied  zwischen 
der  Predigt  und  Caesarius  erscheint  mit  Pirmin  identisch*: 
das  zeigt  der  Ausdruck  lusa.  Aber  die  Hiimelia  ist  reich- 
haltiger; eher  ist  eine  gemeinsame  Quelle  in  ihr  ausführlicher 
wiedergegeben,  bei  Pirmin  zusammengezogen.  Wir  werden, 
wenn  wir  mit  Caspari  die  Heimat  der  Predigt  aus  der  Über- 
lieferung erschließen,  dabei  doch  diesen  Zusammenhang  beachten 
müssen.  Beweisunkräftig  erscheinen  Casparis  Argumente,  das 
Werk  einem  fränkischen  Kleriker  in  den  nördlichen  Gegenden 
des  fränkischen  Reiches  zuzuschreiben*;  richtiger  schloß  dieser 
Forscher  in  seiner  ersten  Abhandlung,  das  Schriftstück  dürfte 
„seinem  Fundort  zufolge  aus  dem  alamannischen  oder  frän- 
kischen Kirchenkreise  stammen",^  Die  Abfassungszeit  bestimmt 
sich  durch  das  Alter  der  Überlieferung  auf  spätestens  die 
zweite  Hälfte  desVlH.  Jahrhunderts*,  doch  verbietet  nichts,  sie 
näher  zu  Pirmin  hinaufzurücken;  die  Heimat  dürfte  eher  Ala- 
mannien  als  das  eigentliche  Frankenreich  sein.  Caspari^  be- 
zeichnete das  Werk  als  eine  Art  Catalogus  sacrilegiorum  oder 
Indiculus  superstitionum  et  paganiarum\   der  „Prediger   spricht 

^  Die  Pönitentialien ,  an  die  Caspari  S.  49  der  Form  -wegen  mit 
Recht  erinnert,  kommen  hier  doch  nur  mittelbar  in  Betracht,  vgl.  Caspari 
S.  66—69.  Zu  feclum:  Caspari  S.  55  Anm.  3.  56  Anm.  3  (s.  o.  S.  105 
.\nm.  1). 

*  Besonders  wegen  der  im  §  17  genannten  dies  spuret,  aus  denen  im 
Anschluß  an  die  von  Äldhelm  de  virg.  c.  25  genannten  lustrationum 
spurcalia  ein  nordgermanisches  Schweineopfer  erschlossen  wird.  Die 
ganze  Beweisfühi-ung  entbehrt  der  quellenkritischen  Methode. 

*  ZDÄ.  XXV  313. 

*  Caspari  Homilie  S.  6f,  — 71;  ZDÄ.  XXV  313  f.  hielt  er  für  die 
Schrift  den  Ansatz  Mitte  des  VIII.  Jh.  für  möglich,  was  aus  inneren 
Gründen  nicht  unwahrscheinlich  ist.  Paläographische  Untersuchung  ist 
dringend  erforderlich.  Auch  das  Vulgärlatein  (Caspari  Homilie  S.52— 63, 
der  zu  den  Genetiven  soles,  viartes,  ioves,  veneres,  dann  lunes,  tnereures 
an  Jordan  Topogr.  d.  Stadt  Rom  im  Altertum  II  1 5  hätte  erinnern  können) 
warnt  vor  zu  spätem  Ansatz.  Caspari  ZDÄ.  XXV  313  „seinem  Sprach- 
charakter nach  aus  dem  VII.  Jh.  oder  aus  dem  Anfange  des  VIII.",  was 
richtiger  ist  wie  seine  späteren  Ausführungen. 

^  ZDA.  XXV  313. 


119                                           Fedor  Schneider  ' 

i 

von  allem  Aberglauben;  von  dem  er  gehört  und  gelesen  hat".  ^  j 

„Es  ist",  um  mit  Caspari  zu  reden-,  „nicht  glaublich,  daß  alle  j 
diese  (Paganien)  zu  seiner  Zeit  und  in  seiner  Umgebung  ge-  ; 
herrsclit  haben  sollten  und  er  sie  aus  eigener  Erfahrung  sollte  , 
kennen  gelernt  haben''.  Aber  wir  brauchen  uns  nicht,  wie  bei  \ 
so  vielen  anderen  wichtigen  Nachrichten  dieser  eigenartigsten  ; 
unter  den  Missionspredigten,  die  völlig  dunkel  bleiben,  mit  , 
einer  in  jedem  Einzelfall  problematischen  Untersuchung  ab-  | 
zuquälen;  nur  daß  man  artna  in  campo  ostcndit,  ist  neu*,  alles 
übrige  aus  Caesarius.  ' 
So  sehr  nun  —  Hauck*  hat  die  Parallele  im  einzelnen  ; 
durchgeführt  —  die  Humelia  de  sacrilegia  mit  dem  bekannten  i 
Indiculus  superstitionwn  et  paganiarum^  in  Verbindung  steht,  ' 
der  gewissermaßen  nur  die  Überschriften  zu  den  einzelnen  Ab-  j 
schnitten  der  Predigt  enthält,  so  fehlt  doch,  wie  schon  Hauck''  i 
bemerkt,  in  diesem  Schriftstück  der  Hinweis  auf  den  Neujahrs- 
brauch; er  mag  aus  Rücksicht  auf  die  Sachsen,  für  deren  ! 
Mission  der  Indicidus  diente,  als  diesen  fremd  beiseite  gelassen  ' 
worden   sein.     Immerhin   hat   man"    nicht   ohne   Berechtigung  | 

'  Hauck  DKG.  II 3-4  S.  405  Anm.  4.  ^  Homilie  S.  65. 

*  Darüber  weiter  unten.             *  S.  404 — 409.  • 

'  Mon.  Germ  Capit  I  222  uo.  108.    Auch  A.  Saupe  Der  Ind.  stip.  et  i 

pa<j.  (I'rocfr-  d.  Real^ymn.  Leipzi«^  1891;.     E.  Wadstein   Kleinere  altsäch^.  ' 

Sprachdenkmäler  (1899)  S.  66.    Grimm  DM.  *l\\  403.    \^\.  neben  Hauck  j 

a.  a.  0.    Hefele   Concilienge.<ich.  III  506.     Helm  I   94  mit  Literatur.     Böse  ' 

S.  34f.    Hauck  S.  404  Anm.  2  nimmt  richti«;  gemeinsame  Vorlage  mit  der  ! 

Homilio  (aber  nur  dem  ersten  Teile!)  an.                    *  S.  405  Anm.  7.  ; 

'  IJö.se  S.  62;  ob  man  in  incoatione  alic.  rci  mit  den  heneficia  in  \ 
oiuB  .setzen  darf,  die  Caesarius  (Ps.  Aufrustin  s.  129  §  3  col.  2002)  mit  \ 
dem  focum  de  domo  sua  tribuerc  verbindet,  das  muß  doch  dahinf^entellt  J 
bleiben;  eher  ist  an  Hurrhard  v.  Worms  XIX  c.  92  zu  denken,  s.u.  Teil  2.  ^ 
Ganz  abwejjif?  ist  die  Hypothc.se  von  Uösc  S.  35,  ein  aus  Caesarius  zu-  i 
sammengestcilter  Indiculus  der  Paganien  sei  hier  wie  in  anderen  kirch-  ', 
liehen  Schriften  gemeinsame  Vorlage;  gerade  die  durch  Caspari  heraus-  ] 
gearbeitete  Komposition  der  mit  dem  erhaltenen  Indiculus  so  nahe  ver- 
wandten Homilie  lehrt,  daß  die  Vorlage  des  allein  in  IJetrak-ht  kommen-  '. 
den  ersten  Teils  durchaus  nicht  in  der  Hauptsache  von  Caesarius  ab-  ; 
hängt.  1 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  113 

an  c.  17  De  ohservatione  pagmiorum  in  foco  vel  incoatione  rei 
cUicuius  erinnert:  aber  jedenfalls  fehlt  die  ausdrückliche  Be- 
ziehung auf  Neujahrsriten  oder  ein  anderes  Fest;  und  auch 
die  Homilie  hat  gerade  diese  Kaiendenbräuche  nur  in  dem 
aus  Caesarius  entnommenen,  dem  Indiculus  unbekannten  Ab- 
schnitt. 

Freilich  traf  der  hl.  Columba  um  600  unweit  der  späteren 
Reichenau,  im  Römerkastell  Arbon  am  Bodensee,  noch  roma- 
nische Bevölkerung  an.  ^  Im  VII,  Jahrhundert  mochte  noch 
Anlaß  sein,  die  Polemik  der  älteren  Väter  und  Konzilien  gegen 
die  Kaiendenbräuche  zu  wiederholen,  die  von  den  Resten  der 
Romanen  auch  den  Germanen  vermittelt  sein  mögen;  doch  aus 
der  an  Caesarius  anschließenden  Traditionsreihe  ergibt  sich 
außer  der  Tatsache  der  Wiederholung  kein  Beweis  für  ihr 
Fortbestehen,  wohl  aber  spricht  die  sklavische  Wiederholung 
aller,  auch  der  mißverstandenen  Termini  dagegen,  und  eine 
Predigt,  die  in  einer  Hs.  des  X.  Jahrhunderts  vorliegt 
und  fast  wörtlich  den  Caesarius  ausschreibt,  spricht  von  den 
Kaiendenbräuchen  im  Imperfektum.^ 

*  Wetti  Vita  s.  Galli  c.  35,   Mon.  Germ.  SS,  rer.  Merov.  IV  277,   dazu 
Hauck  13-4  S.  332. 

-  Cod.  Monac.  Lat.  6108  fol.  48 'f.  bei  Caspari  Hom.  S.  12  Anm.  6: 
Multi  etiam  rustici  multa  fantasmaticum  genera  observabant,  ita  ut  in 
Kalendis  lanuariis  foeum  de  domo  sua  —  non  tribuebant.  Aliqui  etiam 
rustici  in  ista  nocte  quae  praeterüt  mensulas  —  sie  compositaa  esse  volu- 
encnt,  credentes  —  perseverant.  Sed  haec  iam  favente  gratia  Dei  ex  parte 
magna  in  populo  Christiano  videntur  extincta.  Der  letzte  Satz  nicht 
wörtlich  aus  Caesarius,  aber  frei  nach  Ps.  Augustin  s.  129  §  3  col.  2002, 
vgl.  oben  S.  89.  Auch  das  Folgende  daher,  das  meiste  aus  der  Kaienden- 
predigt des  Maximus  von  Turin.  Ygl.  über  die  Predigt  Caspari  Hom. 
S.  63  Anm.  2.  —  Eine  Epistola  canoiiica,  die  Kard.  Mai  aus  einem  Vati- 
canus  s.  X  in  langobardischer  Schrift  und  einem  Barberinus  druckt, 
Script,  vet.  nova  coll.Yl  2  p.  101  (=  Migne  CXXXVIII  col.  443)  geht  wohl 
mittels  einer  Missionspredigt  auf  die  Caesariustradition  zurück  und  gibt  die 
falsche  LA.  anniculam  (o.  S.  92  Anm.  4)  wieder:  c.  5  De  his  presbyteris,  qui 
.  .  .  recipiunt  idola  colenies  vel  insipientes  homines,  qui  ad  fontes  atque 
ad  arbores  sacrilegium  faciunt  nee  non  dieslovis  acVeneris  propter  paga- 
norum  consuetudinem  observant  vel  cerbolum  aut  anniculas  faciunt,  hoc 

AicMy  i.  KeUgionswiBsenscbaft  XX  8 


]^j^4  Fedor  Schneider 

Wie  weit  haben  die  von  Caesarius  bezeugten  keltischen 
Maskensitten  am  Neujahrsfest  auf  den  britischen  Inseln  ge- 
herrscht? Ein  dem  Theodor  von  Tharsus  zugeschriebener  Be- 
leg ist  fränkisch-karolingisch.^  Auch  Aldhelm  scheidet  aus; 
denn  wenn  er  für  die  ehemalige  heidnische  Zeit  von  ermula 
cervulusque  spricht,  die  in  den  Tempeln  verehrt  worden  seien, 
so  schmückt  er  seine  Schilderung  mit  literarischen  Reminis- 
zenzen, um  den  rhetorischen  Kontrast  gegen  die  Gegenwart 
mit  ihrem  blühenden  Christentum  wirkungsvoll  zu  gestalten : 
man  verkennt  den  Aussagebereich  dieser  Stelle,  wenn  man  den 
vergeblichen  Versuch  macht,  ihrer  Interpretation  etwas  Tat- 
sächliches zu  entnehmen.  Außerdem  waren  die  Angelsachsen 
Heiden,  die  Briten  Christen,  und  gerade  diese  hätten  ja  die 
keltischen  Maskeraden  ausüben  müssen.  Wenn  viel  übrig- 
bleibt, dann  ist  es  Kenntnis  des  dciis  cornutus,  des  Cernunnos; 
aber  auch  diese  ist  unklar  und  ungewiß.*  Ein  drittes  Zeugnis 
steht  im  Bußbuch,  das  dem  Erzbischof  Ekbert  von  York 
(731 — 767)    zugeschrieben    wird.^     Sicher    kannte    dieses    eine 


est  suffitorcs  et  cornua  incantant  {vel  cerb.  —  ine.  fehlt  im  Barb.).  Die 
(UosHC,  die  nach  der  italienischen  Grammatikerschule  schmeckt,  zeigt, 
daß  die  Maskenbräuche  den  Lombarden  des  frühen  X.  .Ih.  unbekannt 
waren;  denn  in  diese  Zeit  und  Gefjend  f^'ehört  wohl  die  Schrift,  die,  wie 
Schultz  Atto  (s.  u.  S.  131  Anm.  1)  S.  68  zeif^t,  von  Atto  von  Vercelli  in 
seinem  nach  Schultz  S.  48f.  vor  946  geschriebenen  8.  Brief  (Migne  CXXXIV 
col.  115)  benutzt  wird. 

'  Das  früher  —  von  Ducange  und  seinen  Abschreibern  —  als  Zeug- 
nis für  Hritannion  verwertete  Poenitentiah  Ps.  Tlxeodori  (die  Stelle  oben 
S.  106  Anm.  2),  cd.  Wasserschlebeu  S.  566 — 622  ist  fränkisch  und  aus  dem 
IX.  Jh.:  WasHPrschlebeu  S.  13tf.  Schm.  II  161. 

'  Über  die  Stelle  s.o.  S.  98  Anm.  5,  über  Aldhelm ,:  Roger  L'enseigne- 
ment  drs  lettrcs  classiques  d'Ausonc  ä  Alcuin  (1906)  p.  288-^303.  Manitius 
Gesch.  d.lat.Lit.  des  MittelaUcrs  I  (1911)  S.  134— 141. 

»  Porn.  Kgh.  VIII  c.  4  ]..  668  Schm.  II  (=  Poen.  Ps  JTieod.  XXVII  c.  24 
p.  611  Wass.,  p.  681  Schm.  I).  Vgl.  Wasserschieben  S.  37  —  62  über 
die  Bußbücher  des  Beda,  Cummean,  Theodor,  Gildas  und  ein  dem 
des  Columba  entsprechendes  als  Quellen;  Bünger  S.  17  Anm.  2.  Schm.  II 
648  ff.  bestreitet  Ekberts  Autorschaft.    Die  Sammlung  geht  nach  Wasser- 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  115 

der  irisch -fränkischen  Sammlungen  etwa  von  der  Art  des 
Poemtentidle  Ciünmeani;  und  der  vage  Ausdruck  Kdlendas 
lanuarias  secundum  paganam  causam  honorare  wird  auf  eine 
kontinentale  Vorlage  zurückgehen.  Die  rein  angelsächsische 
Gruppe  der  Bußbücher  bietet  nichts  über  Kaiendenbräuche. 
So  sind  für  die  britischen  Inseln  der  keltische  Maskenbrauch 
und  die  Kaiendenfeier  nicht  bezeugt. 

Fassen  wir  nun  Spanien  ins  Auge.  Ahnlich  wie  die 
Stellung  des  Caesarius  als  des  berühmtesten  Vorkämpfers  gegen 
das  Heidentum  Galliens  war  dort  die  des  Bischofs  Martin  von 
Braga  (f  580),  der  jünger  wie  sein  Amtsbruder  in  Arles  und 
nicht  ganz  unabhängig  von  ihm  war;  an  ihn  knüpft  sich  eine 
ähnliche  Traditionskette  wie  an  diesen.^  In  seiner  Schrift 
gegen  den  Bauernglauben  sagt  er:  Sine  causa  autem  miser 
Jiomo  sibi  istas  praefigurationes  ipse  facit,  ut  quasi  sicut  in  in- 
troitu  anni  satur  est  et  laetus  ex  omnibus,  ita  Uli  et  in  toto  anno 
contingat.    Also  das  Neujahrsmahl  in  seiner  Bedeutung  als  Be- 


schleben  u.  Sclim.I  565 — 573  nur  indirekt  auf  Ekbert  zurück  und  ist  von 
Ps.  Theodor  ausgescbrieben.  Gerade  das  VIII.  Kapitel  ist  von  frän- 
kischem Material  abhängig.  Caspari  Hom.  de  sacr.  S.  46  Anm.  1  zitiert 
aus  Ducange  nach  einem  Poen.  mscr.  den  Satz  mit  der  Variante  paganiam 
für  pag.  causam.  Der  Kanon  von  Ronen  (s.  u.  Teil  2)  klingt  am 
nächsten  an. 

^  C.  P.  Caspari  Martin  von  Bracaras  Schrift  De  correctione  rusti- 
corum  zum  ersten  Male  vollständig  und  in  verbessertem  Text  herausgegeben, 
mit  Anmerkungen  versehen  und  mit  einer  Abhandlung  über  dieselbe  soicie 
■über  Martins  Leben  und  übrige  Schriften  eingeleitet  (Christiania  1883); 
die  zitierte  Stelle  c.  11  p.  15  sq.  Casp.  Vgl.  über  Martin:  Bardenhe-wer 
Pafr.*  S.  566.  Böse  S.  20,  der  die  Selbständigkeit  gegenüber  Caesarius  be- 
hauptet; doch  läßt  sich  zeigen,  daß  dem  Martin  mindestens  einige  Ser- 
monen des  Arelatensers  doch  vorlagen:  vgl.  z.  B.  Mart.  de  corr.  rust.  c.  16 
p.  29  Casp.  Nam  ad  petras  et  ad  arbores  et  ad  fontes  et  per  trivia  cereolos 
incendere  mit  Ps.  Augustin  s.  265  §  5  col.  2239  und  der  Homilia  übt  po- 
puliis  admonitiir  bei  Caspari  Kirchenhist.  Anecdota  I  222,  oder  c.  16  p.  32 
Casp.  Et  alia  multa,  quae  longum  est  dicere  mit  Ps.Augustin  s.  129  §  3 
col.  2002  et  alia  his  similia,  quae  longum  est  dicere,  vgl.  o.  S.  107 
Anm.  1.  Wattenbach  BGQ.V  92.  Hehn  I  90. 

8* 


11(3                                           Fedor  Scbneider  i 

standteil  des  Anfangszaubers.  ^     Wichtiger  ist  ein  Kapitel   der  j 

kanonistischen   Sammlung,   die   Martin   zwischen   561  und  572  j 

verfaßte;  dessen  literarische  Nachwirkung  ist  in  der  heortologi-  j 

sehen  Literatur  aus  Unkenntnis  der  kanonistischen  Quellen  nie  | 

vollständig   erkannt   worden:    Noti  liceat   iniquas  ohservationcs  j 

agere   Kalendarum    et   otiis   vacare   gcntilibus   neque   lauro   aui  j 

viriditate  arhorum   cingere   domos.^     Wenn   wir   auch  die  Vor-  j 

läge  dieses  Verbotes   nicht   kennen,   so    wissen   wir   doch,  daß 

die  Capitida  Martini  au^  älteren,  hauptsächlich  orientalischen  ^ 

Konzilien  exzerpiert  sind.    Diesen  Umstand  erklärt  die  Lebens-  1 

geschichte    Martins.'     In   Pannonien   geboren,   lebte   er  länger  | 

im    Orient   „und    erwarb    sich    hier    nicht    nur    Kenntnis    der  i 

.....  i 

griechischen  Sprache,  sondern  auch  eine  für  die  damalige  Zeit  ) 

bedeutende  Gelehrsamkeit".*    Es  ist  eine  ganz  grundlose  Hypo-  j 

these,   daß    sich    seine    Missionstätigkeit    neben     den    romani-  j 

sehen  Bauern  auch  auf  die  Sweven  Galläciens  gerichtet  habe;  ! 

'  Job.  Chrj-H.  ÄbiH.  in  Kai.  %  2,    Migne   Pa«r.  Graeca  XLVIII  col.  964  ' 

Noiil^ovöi,  sl  ri]v  vov^rjviav  rov  firjvög  rovrov  fisQ-'  riöovfig  xal  evcpQOövvris  \ 

i:tLrBXiatiav, xal  Tov  unavra  roiovzov s^siv  iviccvrov.  Caesarius — Pb. Augustin  j 
8.  129  §  3  col.  2002  rustici  meiisulas  . . .  componentes  . .  .  credentes,  quod  hoc 

Ulis  Kahndae  lanuariac  praestare  possint,  ut  per  totum  annum  convivia  '• 

illorum  in  tali  abumlatitia  perseverent.     Vgl.  auch  Nilsson  8.65 f.  ; 

*  Canones  er   Orient,  antiq.  pairum  synodis  a  ven.  Martino  ep.  vel  ab  ' 
omni  Bracarensi  synodo  exeerpti  c.  73,  Bruns  II  67.    'Für  die  Stelle  ist  ! 
kfine  Vorlage,  beu.  keine  eines  orientaliscben  Konzils,  bekannt;  der  Hin- 
weis auf  Laodic.  c.  37  (Br.  I  77)  erklärt  das  Qucllcnverhiiltnis  nicbt.     Der  ' 
von    Bruns   gegobone   Titel   ist   in-tümlicb  und  Ktammt  aus  der  Hispana. 
In  VVirklicbkeit  bat  die  Synode  von  Braga  uicbts  mit  dem  Werk  zu  tun, 
dessen    ecbter    Titel     Capitula    Martini    ep.    Bracar.    ist,     vgl.   Caspari 
S. XXX VII  —  XLI,  der  darauf  hinweist,  daß  neben  orientalischen  Kanones 
nur  in  untergeordnetem  Maße  abendländische  übernommen  sind.     Wenn 
er  S.  XL  aun   dom    Umsümde,   daß   für  c.  73—76  keine  Quellen  bekannt  : 
sind,   auf  Autorschaft    Martins   schließt,   so   ist   das  zu   kühn.     Er  würde  i 
dann    allerdings   beweisen,    daß    der  in  c.  73  verbotene,  allgemeiner  ver-  \ 
breitete  Kalendcnbniucb  damals  noch  in  Spanien  bestand.    Aus  l's.Isidor,  ', 
der  die  Capitula  Martini  aus  der  Hispana  aufnahm,  ist  dieser  Kanon  als  i 
eines    der   drei    Kalt-ndenvcrbote    in    das    offizielle   Kirchenrecht   geraten:  ; 
Gmtian  C.  26  q.  7  c.  13.  < 

»  Caspari  S.  I— XXII.                ♦  Ebenda  S.  U.  ^ 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  W-J 

Caspari  versucht  vergebens  darüber  hinwegzukommen,  daß 
Martin  nur  gegen  die  römisch -griechischen  Götter,  nicht  gegen 
die  germanischen  predigt,  und  seine  Voraussetzung,  unter  den 
rustici  Nordspaniens  seien  damals  Sweven  gewesen,  beruht  auf 
einer  älteren  unhistorischen  Auffassung  der  germanischen 
Siedelung  im  Römerreiche.  Grundherren,  nicht  rustici,  waren 
die  germanischen  Eroberer  in  Spanien  wie  in  Gallien  und 
Italien.*  Daneben  ist  nicht  einzusehen,  weshalb  die  arianischen 
Germanen  mehr  Reste  des  römischen  Heidentums  hätten  be- 
wahren sollen  wie  die  katholischen  Romanen.^  Hypothetisch 
ist  auch  Casparis  Ansicht,  unter  den  Capitula  Martini  bezögen 
sich  gerade  die  gegen  heidnische  Bräuche  gerichteten  auf  tat- 
sächliche Zustände^;  und  selbst  dies  zugegeben,  fehlt  jeder 
Anhaltspunkt,  daß  er  die  Zustände  bei  den  Sweven  und  nicht 
vielmehr  bei  den  Romanen,  wie  stets,  im  Auge  hat.    Es  steht 

^  S.IVff.  LXXXVI  Anm.  3:  (die  Schrift  de  corr.rust.)  „ist  nicht  bloß 
für  Sueven,  sondern  auch  für  Romanen  (für  romanische  und  suevische 
Bauern)  bestimmt.  Sie  richtet  sich  nicht  direkt  gegen  Sueven,  sondern 
enthält  eine  für  den  Bischof  (Polemius  ton  Astorga)  ausgearbeitete 
Predigt,  die  dieser  vor  romanischen  und  suevischen  Bauern  halten  soll." 
S.  XC — XCII  über  die  Sweven  in  Galläcien  und  ihre  Landnahme  nach 
Gaupp  and  Dahn;  über  die  Siedelung  der  Ostgoten  und  Langobarden  in 
Italien,  die  prinzipiell  nach  gleichen  Grundsätzen  wie  bei  anderen  ger- 
manischen Stämmen  vor  sich  ging,  vgl.  meine  BeichsverwaUung  in  Tos- 
eana I  (Rom  1914)  S.  147 f.  156  ff.  Alle  Germanen  siedeln  als  possessores, 
nicht  als  rustici.  So  ist  Casparis  Annahme,  die  Sweven  hätten  viel 
romanisches  Heidentum  angenommen,  methodisch  ein  Trugschluß  oder 
mindestens  überflüssig;  was  er  als  Belege  dafür,  daß  es  sich  bei  einigen 
Angaben  des  Martinus  um  germanische  Religionsbräuche  handle,  anführt 
(S.  XCII  Anm.  2),  ist  alles  petitio  principii,  und  bei  den  Belegen  bleibt 
die  literarische  Abhängigkeit  unberücksichtigt.  Nilsson  S.  107  f.  (vgl.  auch 
S.  124  über  germanische  Bräuche  bei  Martin)  sieht  zu  stark  durch  Cas- 
paris Brille,  wenn  er  auf  dem  indirekten  Wege  der  interpretatio  Bomana 
einzelne  mythologische  Namen  bei  Martin  auf  „einheimische",  d.  h.  nicht- 
römische Gottheiten  bezieht.  Die  interpretatio  Bomana  ist  bei  Martin 
durchaus  abzulehnen. 

*  Falls  Martin  wirklich  bei  den  Sweven  missioniert  haben  sollte, 
dürfte  sich  seine  Tätigkeit  gegen  den  Arianismus,  nicht  gegen  die 
Paganie  gerichtet  haben.  »  g  xL  Anm,  3,  vgL  o.  S.  116  Anm.  2. 


11^  Fedor  Schneider  ' 

nichts  Neues    oder  irgendwie   auffallend  Merkwürdiges  in  dem 

Kanon:  außer  dem  allgemeinen  Verbot,  die  Januarkaienden  zu     ■ 

feiern,  wird  insbesondere  der  Lorbeerschmuck  der  Häuser  unter- 

sacrt;    d.  h.  doch   wohl,    da   man  nicht  das   Haus    mit   Lorbeer 

umwinden  (lauro  cingere  donios)  kann,  das  Winden  von  Lorbeer-     j 

kränzen  um  die  Türen,  eine  für  das  Altertum,  besonders  gerade 

für    die    Januarkaienden,    gut    bezeugte    Sitte  ^:    nur    daß    hier     j 

neben  dem  Lorbeer  auch  anderes  Baumgrün  hervortritt.  ; 

.  .  1 

Die  Stelle  hat  eine  gewisse  Berühmtheit  als  locus  classicus  1 

.         .  ' 

für    den    Weihnachtsbaum    erlangt;    in    diesen   Zusammenhang  I 

stellte  sie  zunächst  Mannhardt',   der  sie  durch  Jakob  Grimms 

Vermittlung     aus    Burchards    von    Worms    Kanonessammluug 

kannte    und    einem    hypothetischen   Papst  Martianus  (so!  Bur-  1 

chard  hat  Martialis)  zuschrieb.     Da  die  Forschung  seit  Arnold  1 

Meyer  wohl  erkannte,  daß  Burchards  Quelle  Martin  von  Braga  j 

sei,    aber    nicht,    wie    die    Tradition   verlief    —   Arnold   Meyer  • 

hätte    als   tertium    comparationis    zwischen   Martin    von  Braga  j 

und  dem  Martialis  papq  bei  Burchard  nicht  an  Martialis,  den 

allbekannten    Heiligen    von    Limoges,    erinnern   sollen'   — ,   so  ! 

sei    dieser    Punkt     kurz     richtiggestellt.      Zunächst     gibt    die 

Hispana   die   Capitula  Martini  gewissermaßen   als    Bestandteil  ] 

oder  Anhang  der  IL  Synode  von  Braga^;   in   dieser   Form   be-  i 

'  Hier  f^onüf^ft  der  Hinweis  auf  Nilsson  S.  61f.     Neben  Libanius  vi;l.  i 

TertuUian  de  idolol.  c.  15  p.48  Keiff.-Wiss.  pZurcs  iam  invenias  ethnicorum  \ 

fores  sine  lucernis  et  laureis  quam  Christianorum.     Vgl.  auch   Biliinger  II  | 

62tf.  Caapari  S.  30  Anui.  6.     Radennacher  S.  105.  j 

*  Baumkult  "241  f.,  (xriinm  DM.^m  460  Martiani.  i 
"  Tille  S.  :U7  Anm.  zu  8.  244,  der  ebenfalls  an  den  Weihnachtsbaum 

«lenkt:    er    spricht    von   Lorbeer  und   „grünen    Bäumen"!     Martianus  sei  j 

einer  der  ersten  Päpste  des  Namens  Martinas.    A.  Meyer  S.  142  Anm.  160  ; 

za   S.  77.    Bilfinger  II  64   nach   Mannhardt.     Nilsson   S.  109f.  (vgl.  S.  107  . 

Amn.  3)  klärt  die  Tradition  gerade  des  c.  73  der  Capitula  Martini  nielit  ! 
auf,  da  er  von  der  Stelle  de  corr.  tust.  c.  16  (s.  u.)  ausgeht. 

*  Caspari    S.  XXXVIII    Anm.  1,    auch   über   die    Zitierweise    anderer 
kanonistischer  Sammlungen,   die    wir  hier  übergehen  können;  ex  decreto  \ 
Martiani   papae    kommt    vor,    eine     solche    Stelle    haben    wohl    Grimm  ; 
und  Mannhardt  im  .\uge.  ) 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  119 

nutzt  sie  Ps.Isidor  häufig  und  zitiert  sie  unter  dem  Namen 
Martialis  papa  (=  episcopus)  ^ ;  aus  ihm  schöpfte  Burchard  von 
Worms  in  seinem  Dekret.  Es  hätte  also  bei  diesem  Quellen- 
verhältnis sofort  klar  sein  müssen,  daß  Burchards  Quellen- 
angabe auf  die  Capüula  Martini  zurückgeht.^ 

Mit  Martins  Kanon  steht  in  Beziehung  eine  Stelle  in  seiner 
Sclirift  de  corr.  rust.:  Vulcanalia  et  Kalendas  observare,  mensas 
Omare,  lauros  ponere,  pedeni  observare,  effundere  in  foco  super 
truncum  frugem  et  vinum,  et  panem  in  fontem  mittere,  quid  est 
aliud  nisi  cidtura  diaholi?^  Neben  dem  uns  schon  bekannten 
Lorbeer  haben  wir  die  Gabentische,  die  wir  aus  Caesarius^ 
kennen:  es  handelt  sich  um  Speise,  die  die  ganze  Nacht  auf 
den  Tischen  stehen  soll  und  in  die  Geschichte  unseres  Weih- 
nachtstisches gehört.^  Wir  kommen  darauf  in  anderem  Zu- 
sammenhang zurück.  Ferner  wird  ein  Opfer  von  Wein  und 
Feldfrüchten  auf  einem  Klotz  erwähnt,  bei  dem  man  an  den 
späteren  Kalendenklotz  denkt:  in  der  Provence  wurde  früher 
zu  Weihnachten,  auf  welchen  Zeitpunkt  der  Kaiendenbrauch 
wanderte,  der  calendäou  beim  Anzünden  mit  Wein  und  Ol  be- 

^  Ed.  Hinschius  p.  432  c.  74  der  im  Zusammenhang  von  Ps.Isidor 
aufgenommenen  Capüula  Martini. 

*  Buch  X  c.  15  ex  decretis  Martialis  papae. 

^  C.  16  p.  30  Casp.  Der  Bernensis  läßt  in  foco  (Var.  focum,  focos)  aus: 
Caspari  S.  31  Anm.  1. 

■*  Ps.Augustin  s.  129  §  3  col.  2002,  s.  o.  S.  116  Anm.  1,  vgl.  Nilsson 
S.  123  Anm.  1,  mit  dessen  Behandlung  der  Tradition  ich  nicht  überein- 
stimme (s.  u.).  Von  Caesarius  hängt  V.  Eligii  II  c.  16  ab,  s.  o.  S.  101 
Anm.  1.   Auch  bei  Martin  dürfen  wir  hier  Einfluß  des  Caesarius  annehmen. 

''  Das  pedem  observare  ist  durch  Caspari  S.  30  Anm.  6  nicht  erklärt: 
die  von  diesem  verglichene  Burchardstelle  liegt  zeitlich  und  örtlich  ab. 
W.  Weber  danke  ich  folgenden  Hinweis :  aus  Weinreich  Antike  Heilungs- 
wunder S.  67  ff.,  bes.  69  mit  Anm.  3  und  70,  ist  klar,  daß  man,  wenn 
man  den  einen  Fuß  beobachtet,  Heilbringendes  (Glück)  von  ihm  erwartet; 
vgl.  die  lat.  Redensart  pes  secundus,  felix;  übrigens  spielt  im  Sarapiskult 
der  heilige  Fuß  eine  große  RoUe;  es  gibt  sehr  merkwürdige  Nach- 
bildungen von  Füßen  in  allen  Arten  von  Denkmälern.  Weinreich  jedoch 
denkt  einfach  an  das  Omen  des  Anganges  mit  dem  linken  Fuße,  vgl. 
Petron.  c.  30,  Apuleius  Met.  I  c.  5  u.  sonst  (nach  briefl.  Mitteilung). 


J20  Fedor  Schneider 

sprengt  und  ein  ursprünglicher  Neujahrssegen  dazu  vom  Haus- 
vater gesprochen.^  So  gibt  Martin  von  Braga  den  ältesten 
Beleg  für  den  Kaiendenklotz,  der  romanischer  Herkunft  sein 
muß  wie  aller  von  dem  Spanier  berichtete  Brauch;  ob  er 
keltisch  oder  römisch  ist,  muß  sich  später  ergeben.  Das  Brot- 
opfer an  der  Quelle  ist  unter  den  Kaiendenbräuchen  singulär; 
nicht  jedes  Quellopfer  braucht  germanisch  zu  sein,  es  könnte 
auch  keltischer  Kult  vorliegen;  doch  wissen  wir  weiter  nichts 
von  dieser  Sitte.  ^ 

'  Bilfinger  11  59,  der  mit  Recht  die  mit  dem  Kalendenklotz  zu- 
sammenhängenden Weihnachtsriten  als  ursprünglichen  Kaiendenbrauch  in 
Anspruch  nimmt  (S.  86 — 89,  vgl.  o.  S.  87  Anm.  3);  die  Einwürfe  von 
Nilsson  S.  103f.  scheinen  mir  zu  spitzfindig.     Radermacher  S.  100  Anm.  1. 

-  Über  die  Volcanalia  hat  Nilsson  S.  107 f.  gehandelt:  er  will  sie  wie 
die  von  Ambrosius  erwähnten  nicht  auf  das  am  23.  August  gefeierte 
römische  Fest,  sondern  auf  ein  Frühlingsfest  zurückführen.  W.  Weber 
weist  mich  auf  CIL.  VI  457  hin :  Augustus  macht  dem  Vulkan  a.  9  v.  Chr. 
eine  Weihung  ex  stipe  quam  populus  Born,  anno  novo  apsenti  contulit. 
Vgl.  die  Zusammenstellung  von  Kai.  lan.  und  Volcanalia  bei  Martin. 
Daß  Vulkan  in  Gallien  besonders  stark  verehrt  wurde,  hängt  wohl  mit 
Theokrasie  zusammen:  Wissowa*  S.  232.  Germanische  Herkunft  (die  N. 
streng  genommen  hier  auch  nicht  behauptet,  doch  s.  S.  124  für  die  Seelen- 
tische) ist  mit  der  Filiation  Mailand  -|-  Nordspanien  nicht  zu  erweisen, 
höchstens  keltische;  doch  Martin  benutzt  den  Ambrosius  hier  wie  sonst; 
dieselbe  Stelle  von  dessen  Gulaterkommentar  ist  Vorlage  von  de  corr.rust. 
c.  10  p.  12  f.  Casp.  ut  Kalendas  lamcarias  putent  anni  initium,  quod  om- 
nino  falsissimum  est.  —  Hier  sei  die  Bemerkung  gestattet,  daß  man  viel 
zu  sehr  im  Anschluß  an  Caspari  (s.  o.  S.  115  Anm.  1)  die  Schrift  de  corr. 
rust.  als  Missionspredigt  behandelt.  Caspari  S.  LXXXVI  Anm.  3  nennt 
sie  „eine  für  den  Rischof  (Polemius  von  Astorga)  ausgearbeitete  Predigt, 
die  tlieser  vor  romanischen  und  suevischen  Bauern  halten  soU";  damit 
erledigt  sich  schon  wenigstens  die  direkte  Missionstätigkeit  Martins.  Wir 
müssen  aber  den  Brief  an  Polemius,  der  über  den  Charakter  der  Schrift 
klari'  Auskunft  gibt,  genauer  analysieren:  c.  1  p.  1  Casp.  Polemio  episcopo 
Martinus  episcopus . .  .  I'^pintolam  tuae  sanctitatis  accepi,  in  qua  scrij)sisti 
ad  me,  ut  pro  castigatione  rusticorum,  qui  adhuc  pristina  paganorum 
isuperstitione  detcnti  cultum  renerationis  plus  daemoniis  quam  Deo  per- 
solvunt,  aliqua  de  origine  idolorum  et  sceleribus  ipsorum  vel  pauca  de 
multis  ad  te  scripta  dirigercm.  .Martin,  der  (infolge  seines  Aufenthalts 
im  Orient?)  otfenbar  über  mehr  Gelehrsamkeit  verfügt  wie  die  einheimi- 
schen Bischöfe,  soll  einem  von  diesen  die  theoretische  Grundlage  zu  der 


über  Kalendae  lanuaiiae  und  Martiae  im  Mittelalter  121 

Pirmin  hat  Martins  Schrift  über  den  Bauernglauben  stark 
benutzt;  so  auch  an  der  zweiten  Stelle,  an  der  er  neben  der 
schon  besprochenen  über  die  Kaiendenfeier  handelt.^  Auf  eine 
andere  Handschrift  Martins,  wohl  nicht  auf  Pirmin,  geht  eine 
spätere  Predigt  zurück,  die  in  der  Anlage  einen  gewissen  Zu- 
sammenhang mit  der  karolingischen  Musterpredigt  zeigt; 
vielleicht  enthielt  deren  reicheres  Prototyp  unseren  Passus,^ 

Wir  haben  neben  der  Kunde  von  heidnischen  Kaienden- 
bräuchen in  den  Akten  des  lY.  Konzils  von  Toledo  (633)  noch 
ein  späteres  Zeugnis  aus  Spanien,  das  des  Bischofs  Isidor  von 
Sevilla  (f  686).^  Neues  bringt  er  nicht,  sondern  er  folgt  in- 
Polemik gegen  den  Paganismus  liefern.  Nichts  von  tatsächlichen  Ge- 
bräuchen, weder  romanischen  noch  germanischen:  aliqua  de  origine  ido- 
lorum  et  sceleribus  ipsorum,  seine  literarische  Kenntnis  der  antiken 
Mythologie  soll  und  will  Martin  vermitteln.  Das  ist  die  erste  Position 
aller  aggressiven  Apologetik  der  Christen  und  stimmt  durchaus  mit  dem 
Inhalt  des  Werkes.  Wir  müssen  diesen  Gesichtspunkt  überall  bei  der 
theologischen  Literatur  dieses  Jahrhunderts  und  der  Folgezeit  scharf  im 
Auge  behalten:  den  Leuten  war  der  Volksbrauch  schon  fast  so  unYerständ- 
lich  wie  uns,  und  so  erklärt  sich  bei  ihnen  allen  der  Eifer,  mit  dem  sie 
sich  die  paar  tatsächlichen  Angaben  über  heidnische  Sitten  zu  eigen 
machen,  die  ihnen  literarisch  bekannt  werden. 

'  C.  22  p.  172  Casp.  Nam  Vulcanalia  et  Kalendas  observare,  laurum 
ohponire,  pedem  observare,  effundire  super  truncum  frugem  et  vinum,  et 
panem  in  fontem  mittere . . .,  ista  quid  aliut  nisi  cultura  diabuli  est?  nach 
einer  dem  Bemensis,  dem  in  foco  fehlt,  verwandten  Hs.  Aber  auch  die 
oben  S.  110  angeführte  Stelle  der  Humelia  de  sacrilegia  zeigt  in 
den  Worten  mensas  panibus  et  aliis  cybis  ornat  Martins  Einfluß  neben 
Caesarius:  also  ist  Martin  in  deren  mit  Pirmin  gemeinsamer  Vorlage  benutzt. 

*  Der  Sermo  II  bei  Caspari  Kirchenhist.  Anecd.  I  204  Vulcaria  (!)  et 
Kalendas  observare,  mensas  ornare,  lauros  ponere,  pedem  observare  et 
aquam  fundere,  in  focum  super  truncum  frumentum  et  vinum  mittere  et 
panem  in  fontem  ponere,  quid  est  aliud  nisi  cultura  dyabuli?  Vgl.  Cas- 
pari Martin  S.  31  Anm.  1.  Pirmin  ist  also  nicht  Vorlage.  Über  die 
karol.  Musterpredigt  s.o.  S.  107  Anm.  1. 

ä  Wattenbach  BGQ.  V  93—95.  Bardenhewer  Patrologie^  S.  568 
bis  571.  Manitius  I  52—70.  Schmekel  Fos.  Philosophie  II:  Isidorus  v. 
Sevilla,  s.  System  u.  s.  Quellen  (1914).  Zu  der  Liste  der  von  ihm  be- 
nutzten Quellen  bei  Manitius  I  62 — 65  (vgl.  das  Register  S.  746  oben) 
ist  nach  unseren  Ausführungen  Caesarius  nachzutragen.  Über  das  Zeugnis 
des  IV.  Konzils  von  Toledo  (633)  s.  o.  S.  99  Anm.  1. 


j[22  Fedor  Schneider 

haltlich  und  teilweise  wörtlich  dem  Caesarius:  aus  diesem 
erklärt  er  zunächst  den  lanus  euhemeris tisch,  dann  schreibt  er 
wörtlich  eine  der  uns  bekannten  Stellen  über  Tier-  und  Weiber- 
masken aus,  schließlich  ist  von  auguria  und  den  Tänzen  des 
Volkes  die  Rede.  ^  Immerhin  ist  aber  ein  Unterschied  zwischen 
einem  Gelehrten  wie  Isidor  und  naiven  Abschreibern  wie  Pirmin 
und  seinesgleichen.  Mag  Isidor  ein  Kompilator  ohne  selb- 
ständige Forschung  und  mit  geringer  kritischer  Begabung  ge- 
wesen sein*,  anerkannt  ist,  daß  er "  wenigstens  sonst  auf  die 
Landessitte  achtet.*  So  wird  er  seine  Gründe  haben,  aus  der 
Vorlage  gerade  das  Angegebene  zu  übernehmen,  die  Auf- 
stellung der  gedeckten  Tische,  die  Gelage'  und  die  strenae  zu 

*  De  eccl.ofj'.l  c.  41,  Mif^ie  LXXXIII  col.  775  §2  Tunc  enim  miseri 
homines  et,  quod  peius  est,  etiam  ßdeles,  suwentes  species  motistniosas,  in 
ferarum  habitu  transformantur ;  alii,  femineo  gestu  demutati,  virilem  vul- 
ium  effeminant.  NonnulH  etiam  de  fanatica  adhuc  consuetuditie  quibus- 
dam  ipso  die  ohservationum  auguriis profanantur ;  perstrepunt  omuia  saltan- 
tium  pedibus,  tripudiantium  plausibus,  qtiodque  est  iurpius  nefas,  nexis 
inter  se  utriusque  sexiis  choris  inops  animi,  furcns  vino  turba  miscetur. 
Neben  verschiedenen  Stellen  dea  Caesarius  über  heidnische  Tänze  (einiges 
bei  Arnold  S.  177)  ist  hier  im  letzten  Satz  Augustin  s.  198  de  Kai.  lan. 
II,  Migne  XXXVIII  col.  1024  — 1026,  dazu  wohl  Maxinius  von  Turin  be- 
nutzt; das  Vorhergehende  ist  meist  wörtlich  aus  Caesarius.  Das  Wort 
fanaticus,  das  auch  Aldhelm  de  rirg.  c.  25  p.  268  Ehw.  fanaticae  lustra- 
tionis  spurcalia  (s.  u.  im  zweiten  Teil)  hat,  stammt  aus  der  Mysterien- 
sprache  (Isis,  Bellona,  Magna  Mater,  s.  Wissowa*  Index)  und  bezieht  sich 
hipr  otFenbar  auf  orgiastische  Tänze.  Is.  1.  c.  §  3:  Daher  haben  die  Väter 
considerantes  maximam  partem  generis  humani  eodem  die  huiusmodi  sacri- 
hgiis  et  Inxuriis  inserrire  das  Neujahrsfasten  eingeführt;  wieder  fast 
wörtlich  aus  Caesarius.     Die  Stelle  auch  bei  Nilsson  S.  72. 

'  Trotzdem  ist  er  bekanntlich  eine  wichtige  Fundgrube  antiker  GJe- 
lehrsaink^'it;  ein  Philologe  wie  Böse  hätte  ihn  beachtfu  und  nicht  bei 
Burchard  X  c.  43,  der  großen  Etymologie  der  divini,  incantatores ,  arioli, 
arnspices,  augnres,  auspices,  sich  mit  hypothetischer  Zurückfi'Lhrung  auf 
Varro  begnügen  sollen  (S.  66) :  die  Stelle  ist  zunächst  wörtlich  aus  Isid. 
Etijm.  VI II  9,  14—20  übernommen.  Daß  Varro  eine  von  dessen  Haupt- 
quellen ist,  steht  fest,  wenn  er  ihn  wohl  auch  nicht  direkt  benutzte. 

'  Cber  den  Charakter  von  Isidors  literarischer  Tätigkeit:  Manitius  I 
62 f.;  Berührung  spanischer  Wörter  und  Sitten:  das.  S.  66. 

*  Anspielung  darauf  furens  vino  turba?  Caesarius  betont  die  ebrietas, 
Angustin  1.  c.  in  conviviis,  später  inebriaturus  te. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  123 

übergehen.  Die  Möglichkeit  des  Fortlehens  gewisser  Einzel- 
heiten der  Kaiendenfeier  in  Spanien  wird  man  nicht  abstreiten 
dürfen:  besonders  der  Anfangszauber,  die  öffentlichen  Masken- 
umzüge und  Tänze  ^  mag  Isidor  aus  der  Yolkssitte  gekannt 
haben.  Das  ist  beachtenswert,  weil  diese  dann  noch  nicht  auf 
andere  Termine  abgewandert  waren. 

Das  dürfte  in  der  Folge  geschehen  sein:  in  dem  Poenitentinle 
Vigilanum,  einem  wohl  im  YIII.  Jahrhundert,  sicher  vor  976 
entstandenen  spanischen  Bußbuch  heißt  es:  Qui  in  saltatione 
femineum  lidbitum  gestiunt  et  monstruose  se  fingimt  et  maias  et 
Orcum  et  pelam  et  Ms  similia  exercent,  I  annum  peniteant.^ 
Überhaupt  die  älteste  Stelle  für  einen  von  den  Kalendae  la- 
nuariae abgewanderten  Festbrauch.  Der  Kanon  geht  in  seiner 
ersten,  umfangreicheren  Hälfte  auf  Cummean  zurück,  in  der 
zweiten  bereichert  er  das  Poenitentiale  TJieodori  durch  Zusätze 
spanischen  Ursprungs.  Der  erste  Teil  des  Satzes  Qui  —  fingunt 
entstammt,  wohl  durch  ein  Zwischenglied,  aber  keins  der  uns 
bekannten  Bußbücher,  aus  Caesarius;  doch  ist  schon  hier  darauf 
hinzuweisen,  daß  die  Maskerade  nicht  als  Bestandteil  der  Neu- 


*  Die  dann  auf  Kirchenfeste  übergingen.-  Nilsson  S.  127  und  Cae- 
sarius (s.  0.). 

-  Poen.  Vigil.  c.  84  p.  533  Wass.,  dazu  Wasserschleben  S.  71.  Die 
Hs.  (cod.  Vigüanus)  ist  im  Jahre  976  geschrieben;  W.  gibt  dann  auf 
Grund  von  Mitteilungen  seines  Kollegen  Prof.  Dr.  Blanc  wichtige  Er- 
klärungen der  Stelle,  die  Schmitz  S.  711  übernimmt,  ohne  Neues*  hinzu- 
zufügen. Pela,  Pelo  ist  in  Spanien  ein  reichgekleideter  Knabe,  der  zu 
Fronleichnam  auf  den  Schultern  eines  Mannes  getragen  wird,  Maia  die 
Maikönigin:  Mannhardt  BaumJcidtus"  S.  344ff. ;  die  Göttin  Maia  gehört 
zu  Vulkan,  über  ihr  Opfer  am  1.  Mai  s.  Wissowa-  S.  229.  Mannhardt 
BanmJcultiis^  S.  338  und  Friedberg  S.  65  bieten  nichts  Neues.  Zu  dem 
Orcus,  den  schon  Ennius  mit  dem  Dis  pater  gleichsetzte  (Wissowa^  310), 
vgl.  noch  Y.  Eligii  II  c.  16  1.  c.  p.  705  Nullns  nomina  daevionum,  mit 
Neptiimim  aut  Orcum  aut  Dianam  mit  Hercidem  aut  Minervmn  aut  Ge- 
niscum  .  .  .  credere  mit  invocare  praesumat,  und  Mannhardt  BmtmhiUus- 
S.  110-112.  AiitiJce  Wald-  nnd  FeldJculte^  (=  Wald-  u.  Feldkulte  II) 
S.  99.  106  über  den  Berggeist  Orco  in  Italien  und  Südtirol.  Geniscus  wohl 
=  Genius. 


124  Fedor  Schneider 

Jahrsfeier  eingeführt  wird.  Der  Rest  ist  ein  höchst  wichtiges 
Zeugnis  für  spanischen  Volksbrauch,  der  sich  im  Orcus  und 
der  Mala  mit  dem  anderer  Romanen  berührt. 

Fassen  wir  zusammen,  was  sich  uns  aus  der  Untersuchung 
der  älteren  mittelalterlichen  Überlieferung  über  die  Januar- 
kaienden ergeben  hat.  Reste  davon  leben  in  Gallien  (KonzQ 
von  Auxerre)  und  Spanien  (Martin  von  Braga,  Tsidor)  fort; 
doch  die  allermeisten  Zeugnisse  erweisen,  scharf  interpretiert, 
nur  so  viel,  daß  ihre  Autoren  auf  literarischem  Wege  von  der 
Kaiendenfeier  Kunde  hatten;  deshalb  und  da  sie  großenteils 
die  Ausdrucksweise  ihrer  Vorlagen  nicht  mehr  verstanden, 
fallen  sie  als  Belege  des  tatsächlichen  Brauches  ihrer  Zeit 
völlig  aus. 

Zur  Beurteilunf;  der  Zustände  bei  den  Romanen  in  den 
Germanenreichen  ist  es  wichtig,  die  von  fremden  Einflüssen 
ungehemmten  Teile  des  Orhis  Homanus  ins  Auge  zu  fassen. 
„Im  byzantinischen  Reich",  sagt  Nilsson  S.  94,  „setzten  sich  die 
Kai.  lan.  bis  tief  in  das  Mittelalter  fort";  er  verweist  neben 
Theodor  Balsamon  (XIII.  Jh.)  auf  das  Trullanum  von  692.'  Hier 
finden  sich  besonders  Tänze:  öffentliche  der  Weiber  und  solche 
im  Namen  der  Götter,  die  von  Männern  und  Frauen  geübt 
werden.      Da    im    Zusammenhang    damit    Verkleidungen    der 


'  Trull.  c.  62,  Mansi  XI  972,  Bruns  I  65  Tag  ouroo  Xtyoiiivag  Ka- 
luvdag  Kai  tu  leyoftBvu  ßoru  y.al  tu  xuXovusva  Bgoviidlia  xal  ti]v  iv  rj 
ngärr,  roü  Muqziov  urjvog  Ti^iiga  ztXovfitvriv  nuv^yvQiv  Kud^äita^  .  . .  itsgi- 
uiQf9fjvui  ßovX6(it9u,  mä  ^iTjv  xal  rüg  xwv  ywaiatv  irifioölag  üp;jji7(r£ts 
.  .  .  frt  ^iTjv  xai  rag  6v6(iaTt  xüv  jrap'  "EI.Xt]6i  l^tvd&g  ovofiao^ivroav  Q-täv 
T\  i^  iivdQWV  T]  yvvaiKätv  ytvoyiivag  öpjjjjcftff  xal  rtXirag  xarä  zi  fO-og  Tta- 
'uii'ov  %ul  &'/.Xi)TQiov  Toü  rmv  XQioriavöiv  ßiov  &no7it(i7t6fis9'a,  OQi^ovTtg 
urtdivu  &.vdQU  yvruixuiup  CToXijV  ivStdroxkO^ai  i]  yvvaixu  TOig  uvÖqÜgiv 
ccnuodiov  •  &X).ü  ^Tjrt  TiQoawniia  xw/xtxa  ^  aaTVQfxä  f;  rpaytxä  vnodvta&ui, 
UTJTB  t6  toü  ßdtXvQov  Jtovvoov  Si'0(ia,  zT}v  GTatpvXijv  änoQ'XißovTag  iv  rolg 
Xrivoig,  inißaüv,  \ir\di  röv  olvov  iv  roig  xiO-oig  inixiovzag  yiXwra  ini- 
xivtiv,  &yvoiag  xqÖtka  ^  fiaTajdrrjri  xa  xfig  (luviadovg  Ttlävrjg  ivtQyovvrag. 
Vgl.  auch  Nilsson  S.  90  f.     Kadermacher  S.  109.  112.  124. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  125 

Männer  in  Weibertracht  und  umgekehrt  und  andere  Masken^ 
verboten  werden,  werden  wir  auch  an  Göttermasken  denken 
dürfen.  Altherkömmliche  seltsame  Weihen  oder  Riten  (raAftai) 
sind  mit  den  Tänzen  verbunden;  Dionysosfestbräuche  scheinen 
in  den  Neujahrs-  und  damit  Weihnachtskreis  zu  treten.*  Neben 
den  Märzkaienden,  die  wir  gesondert  behandeln  müssen,  wird 
mit  der  Neujahrsfeier  zusammen  die  der  Vota^  und  Bru- 
malia^  verboten;  von  den  Brumalia  haben  wir  auch  aus  dem 
Abendland  Kunde:  aus  Rom  (s.  u.),  in  der  Humelia  de  sacri- 
legia  aus  unbekannter  Quelle,  vielleicht  aus  Italien,  dem  das 
dritte  Zeugnis  aus  einem  karolingischen  Capitulare  um  800 
angehört.^ 

Am  wichtigsten  wäre  es,  wenn  wir  das  Weiterbestehen  der 
Kaiendenfeier  in.  ihrer  Heimat  Rom  feststellen  könnten,  zu  der 
sich  die  Untersuchung  nun  aus  dem  Kolonisationsgebiet  zurück- 
zuwenden hat.  Wie  schwer  hatten  die  Päpste  Roms  mit  Roms 
altnationalen  Festen  zu  ringen!  Eine  ganze  Reihe  von  ihnen 
war  unbesieglich  und  gab  dem  Sieger  das  Gesetz,  wie  einst  die 

*  Nilsson  S.  90  weist  richtig  nach,  daß  die  Dreiteilung  der  TtgoccoTtsta 
auf  antiquarischer  Gelehrsamkeit  beruht. 

2  Freilich  scheint  sich  die  Stelle  auf  die  Weinlese  zu  beziehen.  Der 
Dionysosbrauch  müßte  ursprünglich  zu  Epiphanias  gehört  haben;  doch 
leugnet  Karl  Holl  Der  Ursprung  des  Epiphanien festes,  SB.  d.  Kgl.  Preuß. 
Akad.  d.  W.  1917  S.  430  die  von  Arnold  Meyer  Weihnachtsfest  S.  90f.  und 
DLZ.  1915  S.  698  und  von  Wilh.  Bousset  Eyrios  Christos  S.  333  ver- 
fochtene  Ableitung  der  Epiphanie  von  einem  Dionysosfest. 

'  Vgl.  Tertullian  de  cor.  mil.  12  annua  votorum  nuncupatio  und 
andere  Stellen  beiWissowa-  S.  448.    Preller-Jordan  I  181  f.    Nilsson  S.  54. 

*  Wissowa*  443  Anm.  1.  Nilsson  S.  61  Anm.  1.  Tertullian  de  idoloL 
c.  10  p.  40  ReiflF.-Wiss.  nennt  die  Brumae,  c.  14  p.  40  neben  den  (Kalen- 
dae) lanuariae.  Bilfinger  11  11.  W.Weber  in  dieser  Zeitschr.  XIX  823 
Anm.  3. 

^  Conc.  Bomanum  a.  743  c.  9,  Man.  Germ.  Conc.  II  1  p.  15  Ut  nul- 
lus  Kalendas  lanuarias  et  Bromas  ritii  paganorum  agere  praesumat. 
Hum.desacr.  c.  17  p.  10  Casp.  (1886)  et  qui  brumas  colet  in  eigenartiger 
Verbindung  mit  den  Februarriten  (s.  u.).  Capitulare  Italicum  790—800, 
Mon.  Germ.  Capit.  I  202  n.  96  §  3  De  pravos  homines  qid  brunatiais 
colunt  (Beziehung  nicht  ganz  sicher).     Vgl.  Caspari  Eomilic  S.  38. 


126  Fedor  Schneider 

Gra€cia  capta  ferum  vidorem  cepit]  in  christlichem  Mantel 
schreiten  bis  heut  die  Cara  cognatio,  die  Ambarvalien,  Robiga- 
lien,  das  Amburbale,  besonders  der  Natalis  Solis  invidi.  Am 
bekanntesten  ist  der  Kampf  Gelasius'  I  gegen  die  Luperealien.' 
So  scheint  denn  auch  die  Kalendeufeier  in  Rom,  die  um  400 
durch  Symmachus  und  Prudentius  bezeugt  ist',  für  die  Mitte  des 
VIII.  Jahrhunderts  durch  Bonifatius  und  Papst  Zacharias  in 
einer  jeden  Zweifel  ausschließenden  Form  gesichert.  Uns  frei- 
lich, die  der  Gang  unserer  Untersuchung  an  rein  literarische 
Erklärung  auch  der  auf  den  ersten  Blick  völlig  einwandfreien 
Aussagen  gewöhnt  hat,  kommen  sofort  literarische  'Erinnerun- 
gen und  in  ihrem  Gefolge  kritische  Zweifel,  Avenn  wir  lesen, 
was  Bonifatius  an  den  neugewählten  Papst  Zacharias  zu  An- 
fang   des    Jahres  742    schrieb:    wenn   carnales   homines   idioie, 

'  Das  meiste  wie.f  bekanntlich  Usener  Das  Weihnachtsfest  grund- 
legend nach;  vollständigere  Quellenbelege,  die  hier  überflüssig  sind,  sollen 
iin  anderer  Stelle  geboten  vrerden. 

*  8ymm.  ep.  X  7.  15  p.  285.  291  Seeck.  Prud.  C07itra  Symm.  I  v.  237—244. 
Ein  altes  übersehenes  Zeugnis  steht  in  einer  Predigt,  die  in  dem  Monte- 
cassineser  cod.  11  s.  XII  p.  215  unter  Augustins  Namen,  anonym  in  einem 
Laurentianus  (Bandini  Catal.  codd.  hibl.  Mediceae-Laur.  Suppl.  I  620  nr.  17) 
überliefert  ist,  vgl.  Bibliotheca  Casinensis  I  (1873)  158.  162.  216;  ed.  Floril. 
Casin.  I  (Anhang  zu  Bibl.  Cas,  I)  131  seq.  Hier  scheint  der  Ort,  die 
wichtigsten  Stellen  der  Predigt  mitzuteilen,  über  die  ich  gern  Näheres 
von  den  Patristikern  erführe,  und  die  doch  wohl  vor  534  geschrieben  ist, 
da  Flavins  Decius  Paulinus  lunior  der  letzte  weströmische  Konsul  war- 
nach  dem  das  Abendland  post  consxüntuin  Taulini  zählte  {Fasti  Consu- 
lares  imp.  Rom.  von  Liebenam  1910  ji.  65  ad  ann.  534.  Ureßlau  Handbuch 
der  Urkundenlehre  in  Beutschld.  u.  Italien  I '  829.  Mommsen  Ges.  Sehr.  VI  335) : 
De  octava  nativitatis  domini.  Kalendas  lamiarias,  fratrcs  carissimi, 
Romanar  nrbis  co)isules  ac  magistratus  festis  annalibus  renovant,  ut  voca- 
bulis  con.<i}(lum  scries  renovetur  annorum  .  .  .  dies  isfe  qui  semper  consules 
rrcipit  .  .  .  (^lid  yinnc  mundana  letitia  fasces,  secures  atque  infulas  cetera- 
que  bonorum  ranissima  insign(i)a  plausibili  ambitu  ostentas?  Quid  laureas 
renovando  frondescis?  Quid  reciprocis  osculis  et  pecuniis  hunc  tibi  vendi- 
cas  diem?  .  .  .  qui  per  fora  mundi  lucra  celebratis.  Strenggenommen 
müßte  das  Stück  freilich  vor  die  zwischen  Rom  und  B5'7,anz  geteilte  Kon- 
sulproklamierung  gesetzt  werden.  Um  alles  als  rein  literarische  Reminis- 
zenz za  erklären,  scheinen  mir  die  Einzelheiten  zu  konkret. 


i 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  \21 

Älamanni  vel  Baioarii  vel  Iranci,  Sünden,  die  er,  Bonifatius, 
verbiete,  iuxta  Botnanam  urhem  sähen,  dann  hielten  sie  sie  für 
erlaubt,  Sicut  adfirmant  se  vidisse  annis  singulis  in  Romana 
urbe  et  iuxta  ecdesiani  sancti  Petri  in  die  vel  node,  quando  Ka- 
iende lanuarii  intrant,  paganorum  consuetudine  cliorus  ducere  per 
plaieas  et  addamationes  ritu  gentilimn  d  cantationes  sacrüegas 
cdebrare  et  mensas  illa  die  vel  node  dapibus  onerare  d  nullum 
de  domo  sua  vel  ignem  vel  ferramentum  vel  aliqiiid  commodi 
vicino  suo  prestare  velle.  Dicunt  quoque  se  vidisse  ibi  mulieres 
pagano  ritu  ßacteria  et  ligaturas  d  in  hradiiis  et  cruris  ligatas 
habere  et  publice  ad  vendendum  venales  ad  comparandum  aliis 
offerre^  Nun  zitiert  Bonifatius  Galat.  4,  10 — 11  und  als  Augu- 
stinus eine  Predigtstelle  des  Caesarius  über  Zauberer  und  Amu- 
lette '  und  schließt,  Zacharias  werde  sich  Dank  und  ihm  Erfolsr 
verschaffen,  si  istas  paganias  ibi  .  .  .  in  Romana  urbe  proliibuerit. 
Es  ist  kaum  erforderlich,  Wort  für  Wort  mit  den  Parallelen 
aus  Caesarius,  denen  die  Stelle  nachgebildet  ist,  zu  belegen;  sie 
stehen  nicht  alle  in  den  drei  auf  die  Kaienden  Bezugnehmenden 
Stellen,  aber  in  ista  node  qiiae  praeteriit ;  de  domo  sua;  fociim  .  .  . 
vel  aliud  quodcumque  beneficium  cuicumque  petenti  noti  iribuant^ 
bringen  uns  auf  bekannte  Spur,  auch  ohne  daß  wir  besonders 
betonen,  daß  Bonifatius  ja  im  Zusammenhang  den  Caesarius 
anführt;  Gesang  und  Tanz  werden  von  diesem  ebenfalls  öfter 
ganz   entsprechend  bekämpft*,    und   wir  werden   nun  auch  das 

^  S.  Bonif.  et  Lulli  epp.  ed.  Tangl  (Mon.  Germ.  Epp.  sei.  I  1916) 
p.  84  f.  mr.  50.  Vgl.  Bünger  S.  16  Amn.  8.  Nilsson  S.  63.  124.  Rader- 
macher S.  99. 

-  Ps.  Augustin  s.  278,  Migne  XXXIX  col.  2268 ;  der  Herausgeber  weist 
darauf  hin,  daß  der  Sermo  apokryph  ist:  nach  Arnold,  Caesarius  S.  437 
ist  Caesarius  der  Verfasser,  Justus  Lipsius  -v^ollte  den  Severian  als  solchen 
ansehen. 

=*  Ps.  Augustin  s.  129  §  3  col.  2202,  s.  o.  S.  97;  vgl.  s.  130  §  2  col. 
2004  in  diem  Kdlendarum  .  .  .  etiam  focum  dare  dissimulent. 

*  Einige  Stellen  über  Gesänge,  aber  nicht  alle,  bei  Arnold  S.  170 
Anm.  564;  eigentlich  nur  Ps.  Augustin  s.  303  §3  Migne  XXXTX  col.  2325 
hierher  gehörig,  ich  füge  hinzu  s.  266  §  4  col.  2241 ;  s.  277  §  4  col.  2268, 


128  Fedor  Schneider 

mensas  .  .  .  dapihus  onerare  auf  die  Caesariuspredigt  zurückführen, 
von  der  in  unserem  Text  das  Vorhergehende  und  Folgende 
abgeleitet  ist.  Da  das  Material  über  die  Gabentische  bei  Nilsson^ 
etwas  durcheinander  geraten  ist,  sei  es  hier  kurz  besprochen. 
Die  Grundlage  ist  die  bekannte  Caesariusstelle,  von  der  Eligius 
wie  die  Humelia  de  sacrilegia,  aber,  wie  wir  sahen,  auch  Martin 
von  Braga  literarisch  abhängig  sind.  Burchard  von  Worms  ist 
nicht  direkt  in  Beziehung  mit  dieser  älteren  Reihe  zu  setzen, 
wir  werden  die  Grundlagen  seines  Textes  kennen  lernen;  und 
daß,  wie  Nilsson'  behauptet,  Martin  von  Braga  hier  „sicher" 
auf  germanischen  Brauch  gehe,  haben  wir  aus  allgemeinen 
Gründen  wie  durch  die  Kritik  der  Einzelstelle  als  Irrtum  er- 
kannt. Nilsson  scheidet  die  Seelentische  vom  Kaiendenschmaus 
wie  überhaupt  von  römischer  Sitte  und  will  sie  zu  den  un- 
römischen Bräuchen  rechnen,  die  sich  im  Lauf  der  Zeit  mit 
jener  verschmolzen;  dieser  sei  gewiß  germanisch,  unsicher  sei, 
ob  auch  keltisch.  Wir  werden  ihm  um  so  weniger  folgen,  als 
wir  nicht  nur  die  Beziehung  seiner  Quellen  auf  alten  germa- 
nischen Glauben  widerlegen  können,  sondern  als  Grundlage 
seiner  Beweisführung  ein  argumentum  ex  silentio  erkennen 
müssen.  Warum  soUen  wir  die  Seelentische  des  romanischen 
Bauernglaubens    prinzipiell    von   dem   Festmahl   der   Kalenden- 

vgl.  B.  130  §  2  col.  2004;  h.  265  §  4  col.  2239.  Über  Tänze  die  Caesarius- 
Btellen  bei  Arnold  S.  177  Arnn.  584,  vgl.  zu  Isidor  oben  S.  122  Anm.  1. 
Zu  der  Stelle  über  Amulette  vgl.  außer  dem  von  Bouifatius  selbst  zitierten 
H.  278  (o.  S.  127  Anm.  2)  die  von  Arnold  S.  177  Anm.  583  gesammelten  Stel- 
len: Caesarius  sagt  öfter  phylacteria  und  characteres,  Eligius  1.  c.  hat 
ligamina.  Vgl.  auch  Böse  S.  69 — 71.  Übersehen  ist  die  wichtigste  Stelle 
de«  Caesarius,  die  auch  in  die  Predigten  übergegangene  Homilia  übt 
populus  iidmomtur,  Caspari  Kirchenhist.  Änecd.  I  222  FiJactiria  diaboUca, 
caracteres,  suctJios  et  herbas  nolite  vobis  et  vestris  adpendere.  S.  a.  Schm.  II 
307  und  die  Bußbücher. 

•  S.  122  —  132;  Stellen  S.  128  Anm  1.  Herbert  Mischkowski  Die 
heiligen  Tische  im  Götterkultus  der  Griechen  u.  Römer  (Königsberger  Diss. 
1917)  übergeht  in  der  Übersicht  über  die  b.  Tische  im  römischen  Kult 
S.  31  f.  die  des  .lanus. 

'  S.  124. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  129 

feier  trennen,  das  wir  doch  nur  in  einer  Gestalt  kennen,  die 
durch  die  verflachende  städtische  Kultur  ihres  wahren  Wesens 
entkleidet  ist?  Wir  wissen  doch  wirklich  nicht  genug  von  den 
römischen  Kaienden,  um  gerade  für  deren  privatsakrale  Feier 
sehr  apodiktische  Feststellungen  zu  machen.  Ist  nun  das  Fest- 
mahl, wie  stets,  der  Rest  eines  Opfers,  so  dürfen  wir  metho- 
disch die  Möglichkeit  nicht  leugnen,  daß  der  romanische  Volks- 
brauch der  Spätzeit  uns  den  Ritus  der  Kaiendenfeier  in  ur- 
sprünglicherer Gestalt  bewahrt  hat  wie  die  städtische  Kultur. 
Nur  müssen  wir  hei  Caesarius  als  einziger  sicherer  Quelle  zu- 
nächst mit  keltischer  Sondersitte  .  rechnen.  Vorläufig  ergibt 
sich  uns  aus  dem  Bonifatiusbrief,  daß  der  Apostel  der  Deut- 
schen bei  der  Ausmalung  der  ihm  nur  aus  mündlicher  Mittei- 
lung ungebildeter,  einfacher  Leute  bekannt  gewordenen  Kalen- 
denfeier  zu  Rom  dem  Caesarius  die  charakteristischen  Farben 
eatlehnt.  Daß  ihm  die  Tatsachen  selbst  auch  nur  aus  diesem 
bekannt  geworden  seien,  muß  uns  an  sich  unmöglich  erschei- 
nen und  wird  es  vollends,  wenn  wir  die  durch  ein  besonderes 
Glück  der  Überlieferung  erhaltene  Antwort  des  Papstes  Zacha- 
rias  danebenhalten.  Dieser  macht  keinen  Versuch,  das  römische 
Volk  gegen  die  Vorwürfe  zu  verteidigen;  nur  sich  selbst  will 
er  reinwaschen:  vom  ersten  Tage  seines  Pontifikats  ab  habe  er 
all  diese  Unsitten  beseitigt  und  sei  dabei  dem  Beispiel  seines 
Vorgängers  Gregors  III.  gefolgt.^  Die  prompte  Entschuldigung 
klingt  etwas  schuldbewußt;  doch  daß  bereits  Gregor,  aber  auch 
Zacharias  I.  schon  vor  dem  Empfang  der  Mahnung,  ilico,  gegen 

'  JEp.  Bon.  p.  90  sq.  nr.  51  Tangl:  De  Kalendis  vero  lanuariis  vel 
ceteris  auguriis,  filacteriis  et  incantationibus  vel  aliis  diversis  observationi- 
hus,  que  gentili  more  observari  dixisti  apud  b.  Petrum  apostolum  vel  in 
urbe  Borna  .  .  .  ;  er  zitiert  Levit.  19,  26.  Num.  23,  23.  Ita  et  nobis  ca- 
vendum  esse  censemus  .  .  .  Et  quia  per  instigatione  didboU  iteruin  pullu- 
labant,  a  die,  qua  nos  tussit  divina  dementia  .  .  .  apostoli  vicem  gerere, 
ilico  omnia  haec  amputavimus  .  .  .  Nam  et  sanctae  recordatiotiis  prae- 
deeessoj'is  atque  nutritoris  nostri  domtii  Gregorii  pape  constitutione  omnia 
haec  pie  atque  fideliter  amputata  sunt  .  .  .  Cuius  instai-  pro  illius  popuU 
Salute  dirigere  maturammus. 

Archiv  f.  KeligionswissenBcliaft  XX  9 


130  Ke>lor  Schneider 

den  Kaleudcnuufu^  eingeschritten  seien,  ist  wohl  keine  leere 
Ausrt'de:  nicht  von  Gregor  III.  freilich,  sondern  von  dessen 
Vorgänger  Gregor  II.  besitzen  wir  eine  Instruktion  für  Legaten 
nach  Bayern,  die  neben  Wahrsagerei  auch  die  Kaiendenfeier 
bekämpfen  sollen,  die  man  doch  sicher  nicht  als  besondere 
germanische  Ketzerei,  sondern  zu  Hause  kannte.'  Zacharias 
ging  weiter:  er  hielt  die  Kalemlac  Immariae  für  wichtig  ge- 
nug, um  noch  im  Jahre  743,  dem  sein  Schreiben  angehört, 
auf  einer  römischen  Synode  einen  Kanon  gegen  sie  zu  erlassen  *, 
und  wenn  er  dabei  im  ganzen  den  Wortlaut  des  Bonifati  us- 
briefes  benutzt,  so  wird  dieser  eben  das,  was  vorkam,  sachlich 
zutrefiFend  geschildert  haben;  denn  selbständige  Zusätze,  wie 
die  Brumae,  verbieten  es,  die  Quelle  ihres  tatsächlichen  Inhalts 
zu  entkleiden  und  nur  als  literarisch  abhängig  zu  werten.  Hier 
hebt  der  Papst  als  bestimmte  Züge  der  Kalendae  et  Brumae 
die  sedeckten  Tische  und  das  Volkstreiben  außer  dem  Hause 
mit  Gesang  und  Tanz  hervor. 

Was  ist  nun  aus  diesem  Quellenkomplex  für  den  Volks- 
brauch zu  Rom  zu  erschließen,  was  ist  von  Caesarius  abhängig? 
Davon,  daß  die  Gegenstände,  die  man  nicht  ausleiht,  besonders 
fcrramcnta  sind,  sagt  dieser  nichts;  daß  gerade  an  Neujahr 
Amulette  nicht  nur  getragen,  nein,  besonders  auch   feilgeboten 

'  Die  constitutio  (iregors  III.  ist  jedenfalls  nicht  erhalten,  doch  hat 
Gregor  II.  auf  dem  Konzil  von  721  c.  12,  Mansi  XII  264  das  Anathem  ver- 
hängt, st  qtiis  hariolos,  aruspices,  incautatores  observarerit  aut  phylacteriis 
usus  fuerit,  woran  man  immerhin  erinnern  kann;  vgl.  seine  MisBJons- 
ingtruktion  für  Hayern  716  Mai  15,  Jatfe-Kwald  Reg.  pont.  nr.  2153,  ed. 
Migne  LXXXIX  col.  634  c.  8  gegen  somnia  und  augtirin ;  c.  9  C/<  incantationes 
et  faslidiationes  (doch  wohl  richtige  LA.)  sive  diversae  Observationen  dierum 
Kalendarum,  quas  error  tradidit  pngannrum,  prohibeantur,  sicut  maleficia 
et  magoritm  prestigia  seu  climn  sortileyiinu  ne  divinuntium  observuiio 
ecsecrandd.     Zu  den  Synoden  vgl.  Helm  I  87. 

'  Zachnriae  Conc.  liom.  n.  743  c.  9  Mon.  Germ.  Couc.  II  1  p.  lö  sq. 
ut  ntälus  Kaiendns  lanuarias  et  Bromas  ritu  paganorum  colcre  praesum- 
pserit  aut  men.ias  cum  dapibus  in  domibus  pracparare  et  per  ricos  et  per 
plateas  cantationcs  et  chnros  ducere,  quod  mnxima  iniquitas  est  coratn  Deo; 
davon  existiert  auch  eine  kürzere  Fasi-imfr 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  131 

werden,  konnte  ebensowenig  aus  ihm  entnommen  werden, 
und  schließlich  nennt  Bonifatius  genau  den  Schauplatz  und 
Zacharias  bestätigt  seine  Angabe:  besonders  auf  Piazza  S.  Pietro 
fand  das  Kaiendenfest  damals  statt.  Zacharias  fügt  als  Einzel- 
zug die  Verbindung  der  Kalendae  mit  den  JBmmae  hinzu:  wir 
sahen,  diese  sind  für  Italien  und  den  Osten  charakteristisch. 
Die  Interpretation  der  Stelle  ergibt  also,  daß  Bonifatius  mit 
einer  hier  durchaus  angebrachten  Gelehrsamkeit  der  gewiß  un- 
gewandten Schilderung  seiner  Bayern  und  Franken  Farben  aus 
Caesarius  leiht,  daß  aber  das  Ganze  und  seine  meisten  Einzel- 
heiten von  Gregor  II.  und  Zacharias  beglaubigt  werden.  Man 
kannte  in  Rom  um  743  die  Neujahrssitte  des  mensas  dapibus 
onerare.  Sie  ist  keineswegs  germanisch.  Bisher  mußte  die 
Frage  offen  bleiben,  ob  sie  ein  sehr  ursprünglicher,  in  unserer 
literarischen  Überlieferung  bereits  verwässerter  sakraler  Brauch 
der  Römer,  oder  ob  sie  keltisch  sei.  Übertragung  von  den 
Kelten  auf  Rom  ist  nicht  denkbar:  die  Seelentische  sind  guter 
alter  römischer  Bauernbrauch. 

Zwei  Jahrhunderte  später  bestätigt  uns  Bischof  Atto  von  Ver- 
celli  (f  961)^  unseren  Schluß  und  zeigt  das  Weiterbestehen  jener 
Riten.  Dieser  für  seine  Zeit  hochgelehrte  und  scharfsinnio-e 
Lombarde,  der  in  einer  um  925  gehaltenen  Neujahrs-  oder 
vielmehr  Silvesterpredigt-  und  in  seiner  kanonistischen  Samm- 

*  Vgl.  Julius  Schultz  Ätto  v.  VercelH  (Göttinger  Diss.  1885).  Bünger 
S.  17f.  über  seine  Gelehrsamkeit  bes.  Götz  Über  Dunkel-  u.  Geheim- 
sprachen im  späteren  und  mittelalterlichen  Latein,  Ber.  d.  Sachs.  Ges.  d. 
Wiss.  zu  Leipzig  1896  S.  75—78.  Fulgentius  herausgeg.  v.  Lersch  (1844^ 
S.  90—95.  Wattenbach  DGQ.  I'  351.  481  Anm.  3.  Gerh.  Schwartz  Die 
Besetzung  der  Bistümer  Reichsitaliens  951 — 1122  (1913)  S.  134—136. 

"  Se'rmo  III  in  festo  octavae  domini,  Migne  CXXXIV  col.  835  Rune 
diem  semper  Kalendas  lanuarias  .  .  .  celebramus.  Sed  nobis  hoc  tacere 
non  convenit,  qiiod  qiudam  falsi  Christiani  tanti  diei  solemnitatem  sacri- 
lega  commistione  perturbant,  ita  ut  divina  officia  in  ecclesiis  videantur 
celebrare  et  variis  maleficiis  domi  non  desinant  inservdre.  Insuper  lania- 
nas  traditiones  gentiliumque  ritus  non  metuunt  observare;  qui  etiam  adeo 
a  se  charitatis  gratiam  expellunt,  ut  neminem  suam  domum  eodem  die  in- 
gredi  velint,   nisi   qui   cumulattis   oblaiionibus   advenerii;   aliquem   autem 

9* 


132  Fedor  Schneider 

lung'  die  Kaienden  bekämpft,  läßt  nicht  ohne  das  Selbstgefühl 
seiner  Zeitgenossen  Gunzo  von  Novara  und  Liutpraud  von  Cre- 
mona  seine  Gelehrsamkeit  leuchten,  die  er  wohl  der  Mailänder 
Domschule  verdankt.-  Reiches  Material  über  antike  Religion 
und  Astrologie  hat  er  zu  seinem  Thema  gesammelt,  aber  nur 
zur  Erklärung;  er  ist  viel  zu  wenig  typisch  mittelalterlicher 
Mensch,  um  die  üblichen  Gedankenreihen  zu  reproduzieren  mit 
dem  Anspruch,   ein   Gegenwartsbild    zu  bieten.     Er  beobachtet 

hospitio  se  susdpcrc  ahnegant  et  nihil  penitus  de  sua  domo  dare  aiit  com- 
modare  desiderant.  Im  Anschluß  daran  kommt  er,  wie  wir  sehen  werden, 
auf  die  Mürzkalendeu  zu  sprechen,  dann  gibt  er  eine  ebenfalls  in  anderem 
Zusammenhang  zu  würdigende  euhemeristische  Erklärung  von  Mars  und 
lanus;  deren  Kaienden  hätten  die  Alten  gefeiert.  Qui  error  in  tantum 
frequentando  crevit,  ut  pene  ab  omnibus  coleretnr  suhverais;  et  inde  existi- 
mo,  quod  hodieque  dural  in  i~nsticis.  Auch  in  den  nun  folgenden,  teilweis»' 
sehr  gelehrten  Ausfühi-ungen  über  Monatsnamen,  Tierkreis,  Sternbilder 
weiß  der  seltene  Manu  klar  zu  scheiden,  waa  er  aus  Hüchern  und  was, 
er  aus  dem  Leben  erfahren  hat. 

'  Copitulare  §  79  1.  c.  col.  43:  Ut  nulliis  Kalendas  lanuarii  et 
Bntmas  ritu  pngnnorxm  colere  jn-aemmat ;  si  quin  Kalendas  lanuarii  et 
Bnnnas  colere  pracsympserit  ant  mcni^as  cum  lampadibus  in  domibus 
praejmrare,  avt  per  ricos  et  plateas  cantionea  et  rhoroti  ducere  2iraesum- 
pserit,  quod  magna  itiiquita^  est  coram  JJeo,  anathema  sit.  Die  Quellen- 
angabe ist  nach  der  bei  Migne  col.  25  sq.  ahgednickten  Praefatio  von 
D'  Achery  Zusatz  der  Editoren.  Nürnberger  Neues  Archiv  d.  Ges.  f.  ölt. 
d.  Geschichtsk.  XIII  312  dnirkt  aus  der  kanoni.'ftischen  .Sammlung  des 
Cod.  Vat.  Lal.  l.!64  t«.  XIII  <*in  Stück,  Cl-a»  er  fiir  die  äll^-re,  im  Konzil 
von  743  etwas  abgeänderte  Verordnung  des  Zacharias  hält:  Zncharias 
)>npa.  Si  quis  Calendas  lanuarii  Htu  paganornm  colere  rel  aliquid  plus 
iiori  faore  proptfr  no\nim  annum  nut  mevsu.<<  cum  lampadibus  et  epidis 
in  domibus  suis  prneparare  et  prr  r^co.^  et  plateas  cantutiones  ri  choros 
ducere  jnaesumpserit,  annUiemn  si{.  Der  Herausgeber  kennt  flas  Quellen- 
Verhältnis  nicht;  daß  die  LA.  lampadibus  statt  dapibus  auch  bei  Atto 
steht,  ist  für  die  Kritik  dieser  Überlieferung  nicht  beachtet  worden;  und 
zwar  steht  sie  wohl  schon  in  Atto»  Vorlage,  s.  u.  Nicht  erschöpfend 
Hadermarher  S.  92  Anm.  1. 

'  Er  ging  aus  den  Mailänder  ordinarii  (adligen  I)omhen-en)  hervor. 
Mailand  hatte  im  XI.  Jh.  mehrere  Schulen  am  Dom,  darunter  zwei  Philo- 
Hophenschulen.  Sein  typischer  Vertreter  war  Anselm  von  Bisate,  der  in 
der  Bhetorimachia  ein  interessantes  Beispiel  seiner  an  Cicero  geschulten 
philosophisch-rhetorischen  Manier  bietet. 


über  Kalendae  lanuariae  and  Martiae  im  Mittelalter  233 

und  scheidet,  was  er  weiß,  scharf  von  dem,  was  er  sieht.^  Er 
sieht  maleficia,  die  den  christlichen  Festbrauch  des  Neujahrs- 
tages sacrilega  commistione  stören:  also  Paganien.  ^  Daneben 
bezeichnet  Atto  anderes  als  Janusbräuehe  und  heidnische  Ri- 
ten; was  er  darunter  versteht,  erfahren  wir  hier  nicht.  Aber 
eine  recht  ursprünglich  anmutende  Form  der  strenae  lernen 
wir  kennen:  nur  wer  cumulatus  dblationihus  kommt  (um  Glück 
zu  wünschen,  ist  offenbar  zu  ergänzen),  darf  das  Haus  betreten. 
An  bekannte  literarische  Vorbilder  klingt  allein  an,  daß  niemand 
etwas  aus  dem  Hause  geben  oder  ausleihen  darf  —  von  Feuer 
ist  nicht  die  Rede,  und  die  hinzugefügte  Weigerung  der  Leute, 
jemand  zu  beherbergen,  die  nur  hier  auftritt,  ist  nicht  litera- 
risch zu  erklären.^  So  zeigt  uns  Attos  Zeugnis,  das  im  gan- 
zen weder  formell  noch  sachlich  auf  bekannte  Quellen  zurück- 
geht, das  Fortleben  der  Januarkaienden  in  Italien  zu  seiner 
Zeit,  und  wir  werden  ihn  nicht  verdächtigen,  er  krame,  wo  er 
Tatsachen    zu   berichten    vorgibt,   gelehrte  Erinnerungen   aus.* 

*  Vgl.  Schultz  S.  51  f.  zu  46;  dieser  bestimmt  das  Datum  der  Predigt 
auf  etwa  925.  Albert  Dresdner  Kultur-  u.  Sittengesch.  d.  itdl.  Geistlich- 
heit  im  10.  u.  11.  Jli.  (1890)  S.  264  schließt  aus  lanianas  traditiones  in 
Verkennung  von  Attos  gelehrter  Phraseologie,  der  Dienst  des  lanua  sei 
noch  nicht  ganz  ausgestorben  gewesen.  Mit  gleichem  Recht  könnte  man 
das  noch  heute  behaupten. 

^  Für  die  technische  Bedeutung  von  sacrilegiutn  =  Paganie  genügt 
der  Hinweis  auf  die  Etimelia  de  sacrüegia  \im\  die  Gruppe  der  karolin- 
gischen  Musterpredigt. 

*  Atto  kennt  weder  die  Caesafiuspredigten  und  die  von  ihnen  ab- 
hiingige  Reihe,  noch  insbesondere  den  Briefwechsel  zwischen  Bonifatius 
und  Zacharias;  im  Kanon  der  römischen  Synode  von  743,  der  ihm  be- 
kannt ist  (s.  u.),  fehlen  gerade  die  Ausleiheaugurien.  Immerhin  kann  ich 
mich  schwer  entschließen,  in  der  Übereinstimmung  von  Caesarius  de  domo 
sua  und  Atto  de  sua  domo  an  der  Stelle  vom  Ausleihen  einen  Zufall  zu 
sehen. 

'  Um  so  mehr,  als  er  die  Predigt  für  sachlich  wichtig  genug  hielt, 
sie  in  seinem  Bistum  herumzusenden;  das  Begleitschreiben  emictis  fideli- 
bus  in  nostra  parochia  (=  Diözese)  constitutis  ist  erhalten:  Attonis  ep.  2, 
Migne  CXXXIV  col.  104  Niiper  in  vigilia  octavae  domini  quemdam  sermonem 
his  qui  praesentes  erant  deo  donante  retulimus,  quem  vohin  dirigere  neces- 


134     F-  Schneider:  (^ber  Kalendae  larmariae  und  Martine  im  Mittelalter 

Vielleicht  darf  man  aus  einer  anderen  Schrift  Attos  ergänzen, 
was  er  unter  den  Janusbräuchen  meint,  von  denen  er  nichts 
Näheres  sagt;  in  seine  kanonistische  Sammlung  nahm  er  den 
römischen  Konzilskanon  von  743  auf.  Nun  sammelte  er  zwar 
*  nicht  nur  solche  Satzungen,  die  noch  von  praktischem  Wert 
waren;  aber  gerade  seine  Zusätze  sind  bereits  mit  Recht  auf 
wirklich  bestehende  heidnische  Bräuche  bezogen  worden^, 
und  eine  kleine,  aber  wichtige  Textänderung  wird  die  Rück- 
sicht auf  eine  in  Italien  herrschende  Festsitte  zur  Ursache 
haben,  wenn  sie  auch  wahrscheinlich  schon  in  Attos  Vorlage 
stand:  statt  der  Tische  mit  Speisen  ((hipihiis)  verbietet  er  solche 
mit  Lampen  (lawpadihus)  aufzustellen.^  Wie  der  Laubschmuck, 
war  die  Illumination  allen  antiken  Festen  eigen,  also  auch  den 
Kalenden^;  aber  die  Lichter  auf  den  Tisclien,  die  wir  hier 
finden,  sind  etwas  Neues,  das  sehr  wirksam  für  die  Geschichte 
des  Weihnachtsbrauches  wurde;  unser  Christbaum  ist  ja  am 
letzten  Ende  eine  Vereinigung  zweier  ursprünglich  getrennter 
Kalendensacra,  der  laurns  Martins  von  Braga  und  der  Inmpadcs 
des  Atto  von  Vercelli.  (Schluß  folgt.) 


sarium  aestiuiainus.  Heu!  quia  sunt  mitlti  in  vestn's  partihus,  qui  divina 
servitia  contcmvunt  et  auguria  rel  codi  sigva  seil  vanas  praecavtationes 
intendunt  (folfjen  nur  noch  Bibolzitate,  darunter  auch  Gal.  4,  9 — 11). 

*  Schultz  S.  44  f.,  wo  aber,  wie  bei  Dresdner  S.  264  Arno.  2,  nicht  er- 
kannt ist,  daß  c.  79  auf  den  Kanon  von  743  zurückgeht.  §  48  über  Beten 
an  Bäumen  und  Quellen  gehört  in  die  Caesariustradition,  b.  S.  133  Anm.  3. 
Daß  Atto  die  Capituln  Martini  Brncarensis  (o.  S.  116  Anin.  2)  kannte 
und  im  Capilulare  zitierte,  Bei  bemerkt,  weil  Schultz  8.  68  mit  den  von 
Atto  im  8.  Briefe  erwähnten  „100  Kapiteln  der  orientalischen  Kirche" 
nichts  anfangen  konnte;  übrigens  hatte  Atto  sie  aus  Ps. Isidor  (s.  Schultz 
S.  67:  „unzählig  oft  benutzt"). 

'  Wenn  bloße  Verlesung  vorläge,  wäre  gerade  dieser  Text  nicht  im 
kanonischen  Recht  zur  unbedingten  Vorherrschaft  gelangt.  Freilich  dürfte 
Atto  einer  älteren  Vorlage  folgen;  Burchard  zitiert  den  Kanon  nicht  aus 
Atto,  sondern  aus  Zachariaa,  doch  in  der  auch  bei  Atto  vorliegenden 
Umarbeitung,  wie  auch  in  der  S.  132  Anm.  l  angeführten,  von  Burchard 
unabhängigen  Sammlung. 

'  NiläHon  S.  62f.     Nichts  Neues  bei  Bilünger  11  62-67. 


II  Berichte 


1  Griediische  nnd  römische  Religion  1911—1914 

Von  Lud"wig  Deubner  in  Freiburg  i.  B. 

Man  erwartet  vielleicht,  daß  dieser  durch  den  Krieg  ver- 
zögerte Bericht  nunmehr  gleich  bis  auf  das  Jahr  1920  aus- 
gedehnt werde.  Dies  geschieht  deswegen  nicht,  weil  ich  vom 
Jahre  1915  ab  nur  noch  die  römische  Religion  bespreche:  die 
griechische  übernimmt  dann  0.  Weinreich.  Für  die  bei  der 
Auswahl  der  vorgeführten  Literatur  maßgebenden  Grundsätze 
kann  ich  im  wesentlichen  auf  die  Bemerkungen  Wünschs  Archiv 
XIV  1911  S.  517  verweisen. 

Die  von  Wünsch  a.  a.  0.  517  f.  ausgesprochene  Hoffnung 
auf  eine  vollständige  volkskundlicbe  Bibliographie  ist  für  das 
Jahr  1911  annähernd  in  Erfüllung  gegangen.  Die  frühere  Zeit- 
schriftenschaü  der  Hessischen  Vereinigung  für  Volkskunde,  in 
die  jetzt  auch  selbständige  Werke  einbezogen  sind,  ist  unter 
Leitung  von  A.  Abt  in  neuer  Form  wiedererschienen.^  Das 
Material  wird  in  einen  einleitenden  und  einen  Hauptteil  ge- 
gliedert; der  erste  enthält  die  Unterabteilungen:  Bibliographie  der 
Volkskunde,  Geschichte  der  Volkskunde  und  Methode  der  Volks- 
kunde, der  zweite  zerfä'lt  in  die  Unterabteilungen:  Darstellungen 
allgemeinen  Inhalts  und  Einzeldarstellungen.  Jeder  dieser  beiden 
Teile  ist  wiederum  in  besondere  Abschnitte  zerlegt;  der  zweite 
enthält  die  Abschnitte:  Wohnweise,  Nahrung,  Körperpflege  und 
Kleidung,  Sitte  und  Brauch,  Volksglauben,  Volksdichtung  und 

'  Die  volkskundliche  Literatur  des  Jahres  1911,  ein  Wegweiser  im  Auf- 
trage der  Hessischen  Vereinigung  für  Volkskunde  und  mit  Unterstützung 
der  dem  Verband  deutscher  Vereine  für  Volkskunde  angehörenden  Ver- 
eine heransgeg.  v.  A.  Abt,  Leipzig  u.  Berlin  1913  (134  S.). 


136  Ludwig  Deubner 

Mundart,  die  ihrerseits  auch  wieder  mannigfache  Unterabschnitte 
aufweisen.  Zuweilen  wird  dem  Titel  der  betreflFeuden  Arbeit 
ein  kurzer  Hinweis  auf  den  Inhalt  zugefügt.  Am  Schluß  des 
Bandes  st'hen  Verzeichnisse  der  Abkürzungen  der  Zeitschriften- 
bezeichnungen, der  Verfasser  sowie  der  Orts-  und  Völkernamen. 
Es  ist  sehr  zu  bedauern,  daß  dieses  auch  für  den  Philologen 
wichtige  bibliographische  Hilfsmittel  infolge  der  Ungunst  der 
Verhältnisse  bisher  nicht  hat  fortgesetzt  werden  können,  —  Einen 
Bericht  über  einige  neuere  Arbeiten  auf  dem  Gebiete  der  grie- 
chischen und  römischen  Religion  bringt  V.  Beitran  im  Rahmen 
eines  Berichtes  über  die  gesamte  Religionswissenschaft.^ 

An  literarischem  Quelleumaterial  ist  vielerlei  neu  her- 
gerichtet, manches  neu  herausgegeben  worden.  —  Eine  Samm- 
lung der  Fragmente  der  griechischen  Kultschriftsteller  hat 
A.  Tresp  veranstaltet^  und  dabei  das  in  den  Fragm.  hist.  graec. 
vorliegende  Material  vervollständigt  und  um  38  Nummern  ver- 
mehrt. Auf  die  Fragmente  der  attischen  Kultschriftsteller  folgen 
die  der  nichtattischen  und  schließlich  die  Fragmente  ohne  lokale 
Beziehung.  Die  Texte  sind  nach  den  maßgebenden  kritischen 
Ausgaben  revidiert,  die  Parallelstellen  werden  verzeichnet,  zu 
den  Autorennamen,  den  Büchertiteln  und  dem  Sachinhalt  der 
Fragmente  wird  das  Nötigste  angemerkt  und  auf  die  einschlägic^e 
Literatur  verwiesen.  Die  Einleitung  gibt  eine  Übersicht  über 
die  Ausbreitung  und  Entwicklung  der  griechischen  Sakralliteratur 
und  berührt  auch  die  Frage  ihrer  Quellen  sowie  ihrer  Benutzung 
bei  späteren  Schriftstellern  und  Lexikographen.  Ein  Register 
der  Fundorte  der  Fragmente,  ein  Verzeichnis  der  Kultschrift- 
steller und  ein  Sachindex  schließen  die  Arbeit  ab,  die  als  ein 
Hilfe-  und  Nachschlagebuch  nicht  ohne  Nutzen  sein  wird.  — 
Für    das   Studium    der   hesiodeischen   Theogonie    bietet   der 


'  A.  Colunga  u.  V.  BeltrÜD  Boletin  de  ciencia  de  las  religiones,  Aub- 
tug  aus  Biblioteca  de  'La  ciencia  tomista'  XV.  XVII.  XX.,  Madrid  1918. 

'  Die  Fragmente  der  griechischen  Kultschriftsteller  gesammelt  v.  A.Treep, 
Rel.-Geach.  Vers.  u.  Vorarb.  XV  l,  Gießen  1914. 


^ 


Griechische  und  römische  Religion  1911—1914  137 

kurze  Kommentar,  den  W.  Aly  seiner  Ausgabe^  beigegeben  hat,  ein 
dankenswertes  Hilfsmittel.  Die  Voßsche  Übersetzung  von  Hesiods 
Dichtungen  hat  B.Kern  —  von  Hartmann  neu  herausgegeben.* 
Vorausgeschickt  ist  eine  gut  orientierende,  durch  ihre  selbständige 
Einfühlung  anziehende  Einleitung  über  Hesiod  und  seinen  Nach- 
laß. W.  A  bernetty  kom  mentiert  Plutarchs  Schrift  de  superstitione 
und  führt  sie  auf  Bion  als  Quelle  zurück.^  Einem  dringenden 
Bedürfnis  ist  J.  Garstang  entgegengekommen,  indem  er  den  (ins 
Englische  übersetzten)  Text  von  Lucians  Dea  Syria  mit  reichen 
sachlichen  Anmerkungen  herausgab.*  In  der  vorausgehenden  Ein- 
leitung wird  der  Kult  von  Hierapolis  einleuchtend  auf  hetti- 
tischen  Ursprung  zurückgeführt  und  eine  kurze,  durch  Abbildung 
einschlägiger  Monumente  belebte  Skizze  der  hettitischen  Religion 
gegeben.  Garstang  ist  als  Kenner  der  hettitischen  Kultur  be- 
kannt: so  lag  die  Sache  bei  ihm  in  besonders  guten  Händen. 
M.  Wellmann  verdanken  wir  eine  Ausgäbe  des  Buches  des 
Philumenos  über  Vergiftungen  durch  den  Biß  von  Tieren 
und  deren  Heilung.^  Das  von  Philostratos  verfaßte  Leben 
des  Apollonios  von  Tyana  hat  J.  S.  Phillimore  ins  Englische 
übersetzt.^  Die  wertvolle,  durch  ihren  Witz  ergötzende  Ein- 
leitung betrifft  hauptsächlich  die  literarhistorischen  Fragen.  Von 


*  Hesiods  Theogonie  mit  Einleitung  und  kurzem  Kommentar  ver- 
sehen V.  W.  Aly,  Kornmentierte  griech.  u.  lat.  Texte,  herausgeg.  v.  J.  Geffeken, 
Heft  2,  Heidelberg  1913. 

^  Hesiods  Werke  übers,  v.  J.  H.  Voß,  neu  herausgeg.  durch  Bertha  Kern 
—  von  Hartmann,  Tübingen  1911. 

*  Gualt.  Abernetty  De  Plutarchi  qui  fertur  de  superstitione  libello, 
Dias.  Königsberg  1911. 

*  The  Syrian  Goddess  heing  a  Translation  of  Lucian's  'De  dea  Syria', 
with  a  Life  of  Lucian  iy  Prof.  Herbert  A.  Strong,  edited  with  Notes  and 
an  Introduction  by  J.  Garstang,  London  1913. 

°  Philumeni  de  venenatis  animalibus  eorumque  remediis  ex  codiee 
Vaticano  primum  ed.  M.  Wellmann  {Corp.  medic.  graec.  X  1,  1),  Leipzig 
u.  Berlin  1908  (nachträgliche  Erwähnung). 

®  Philostratus  in  Honour  of  Apollonius  of  Tyana  translated  by 
J.  S.  Phillimore,  2  Bände,  Oxford  1912. 


138  Ludwig  Deubner 

der  Forst  ersehen  Lib  an  ios  ausgäbe  erschienen  Band  VI  und  VII. ^ 
Im  sechsten  verdient  die  22.  Deklamation,  eine  Rede  des  Demo- 
stheues  über  den  Altar  des  Eleos,  Beachtung.  Im  siebenten  die 
41.,  der  eine  Orakelangelegenheit  zugrunde  liegt.  Die  Aber- 
kiosvita  samt  den  Metaphrasen  des  zuerst  von  Boissonade 
veröfl'entlichten  Anonymus  und  des  Symeon  hat  Th.  Nissen 
ediert*,  die  Psalmenmetaphrase  des  Apolinarios  von  Laodikeia 
A.  Ludwich.^  Diese  beiden  Texte  führen  uns  schon  auf  christ- 
liches Gebiet. 

Ein  Stück  des  Pariser  Zauberpapyrus  (2441—2705)  hat 
R.  Wünsch  mit  gewohnter  Sorgfalt  und  Sachkenntnis  kritisch 
herausgegeben  und  erläutert.*  Drei  diesem  selbeu  Papyrus  ein- 
gelegte Hymnen  erklärt  B.  Küster.^  Das  erste  Heft  der 
papyri  landanae,  die  unter  Kalbfleischs  Leitung  von  seinen  Schülern 
herausgegeben  werden^,  enthält  einige  von  E.  Schaefer  bearbei- 
tete Stücke,  darunter  ein  Amulett,  in  dem  eine  Verwirrung  des 
Wortlauts  darlurch  entstanden  ist,  daß  ein  in  sechs  kurzen  Kolum- 
nen aufgesetzter  Text  (1.  ein  neutestamentlicher  Cento,  2.  ein 
Exorkismos   des  'Salomo')  durchlaufend   abgeschrieben  wurde. 

Die  Kenntnis  des  Kultes  der  Atliena  Lindia  wird  erweitert 
durch  die  von  Blinkenberg  veröflFentlichte  inschriftliche 
Tempelchronik',  die  ein  Verzeichnis  der  Weihgeschenke  und 

'  lAbanii  opera  rec.  R.  Foerster  VI,  VII,  Leipzig  1?11.  1913. 

*  S.  Abercii  vita  ed.  Th.  KiHsen,  Leipzig  1912.  Vgl.  Crünert  DLZ 
1918,  9-,i4f. 

'  Apolinarii  vielaphrasis  psnhnorum   rec.  A.  Ludwich,  Leipzig  1912. 

*  R.  WiiuBch  Atis  einem  griech.  Zauber pnpyrus,  Lietzmanns  Kl.  Texte 
84,  Bonn  1911. 

*  B.  Küster  De  tribus  carminibus  papyri  magicae  Parisinae,  Dies. 
König.sberg  1911. 

*  l'apyri  Jandanae,  cum  discijtuHs  edidit  C.  Kalbfleisch,  fasc.  I:  Vo- 
luminum  codicumrju/;  fragmenta graeca  cum  ajtiuleto  christiano  ed.  E.  Schaefer, 
Leipzig  1912. 

'  Chr.  Blinkenberg  La  chronique  <lu  templc  lAtidien,  Bull.deVAcad.  Ron- 
de  Danemark  1912,  Nr.  6—6.  Vgl.  dazu  Holleaux  jRci>.  deset.  gr  XXVI  191.'>, 
40ff.;  Gregoire  Wochenschr.  f.  khifis  J'hilol.  1913,  1299f;  Pfister  ebd.  1914, 
17.0 £F.  [Kb  Bei  gestattet,  im  Anschluß  hierao  gleich  die  in  der  nächsten  Be- 


Griechische  und  römische  Religion  1911  — 191-t  139 

ihrer  Stifter  von  den  mythischen  Zeiten  an,  sowie  eine  Auf- 
zählung der  Traumepiphanien  der  Göttin  und  der  damit  ver- 
bundenen Ereignisse  enthält.  Ihr  Wert  liegt  nicht  zum  wenigsten 
darin,  daß  zahlreiche  Belege  aus  der  damals  (Anfang  des  1,  Jahrh. 
V.  Chr.)  vorhandenen  lokalhistorischen  Literatur  angeführt 
werden,  die  einen  überraschenden  Einblick  in  den  großen  Um- 
fang dieser  Literatur  gewähren.  —  Wünschs  Auswahl  antiker 
Fluchtafeln  ist  in  zweiter  Auflage  erschienen.^ 

Das  2.  Hefe  der  Plasbergschen  Cicero  ausgäbe  enthält  die 
Schrift  de  natura  deorum}  Das  Argonautengedicht  des  Valerius 
Flaccus  ist  von  0.  Kramer  neu  herausgegeben  worden^,  Apu- 
leius'  Apologie  in  zweiter  Auflage  von  R.  Helm'*,  Festus' 
für  die  römische  Religion  so  außerordentlich  wichtiges  Lexikon 
von  W.  M.  Lindsay^,  die  für  den  Kaiserkalt  manchen  Aufschluß 
gebenden  panegi/rici  latini  von  W.  Baehrens.^  Mit  Freuden 
ist  zu  begrüßen,  daß  nunmehr  auch  der  zweite  Band  der  von 


richtsperiode  erschienene  editio  minor  anzuzeigen :  Die  Lindische  Tevipel- 
chronik,  neu  bearbeitet  von  Chr.  Blinkenberg  (in  Lietzmanns  Kl.  Texte  Heft 
131,  Bonn  1915,  Marens  u.  Weber.  Die  Inschrift  ist  neu  verglichen,  die  bis 
dahin  erschienene  Literatur  verarbeitet,  das  Material  auch  für  die  son- 
stige Hinterlassenschaft  des  Timachidas  beigegeben,  alles  mit  gewohnter 
Sorgfalt  und  Sauberkeit.  Hinzu  kam  seitdem  Keils  Aufsatz  Hermes  LI 
19t6  S.  49lff.,  Rostowzew  Klio  XVI  1919  S.  203flF.  (ini(pdvBiai),  H.  G. 
Broecker  De  Timachida  scriptore  lihodio,  Dies.  Berlin  1919.  Religiona- 
gescuichtlich  wichtig  ist,  daß  das  von  Wünsch  (dieses  Ai-chiv  XVI  1913^ 
634)  u.  a.  vorgeschlagene  i.ov[tQ]oTg  jetzt  als  gesichert  gelten  kann;  die 
ganze  Stelle  über  die  Selbstmordentsühnnng  des  Athenatempels  versuche 
ich  im  Hermes  1921  zu  erklären  (,, Blutgerichte  iv  vncci&Qof').  Weinreich.] 
'  Antike  Fluchtafeln,  herausgeg.  u.  erklärt  v.  R.  Wünsch,  2.  Aufl. 
Lietzmanns  Kl.  Texte  20,  Bonn  1912. 

*  M.  Tulli  Ciceronis  Paradoxa  Stoicorum  etc.  ed.  0.  Piasberg,  fasc.  11, 
Leipzig  1911. 

^  C.  Valerii  Flacci  Argonauticon  lihri  octo  ed.  0.  Kramer,  Leipzig  1913. 

*  ApuJei  pro  se  de  magia  Über  (apologia).  Herum  ed.  R.  Helm, 
Leipzig  1912. 

^  Sexti  Pompei  Festi  de  verborum  significatu  quae  supersunt  cum  Pauli 
epitome  Thewrewkißnis  copiis  usus  ed.  W.  M.  Lindsay,  Leipzig  1913, 

®  XII  panegyrici  latini,  post  Aemilium  Baehrensium  Herum  rec. 
Guilielmus  Baehrens,  Leipzig  1911. 


140  Ludwig  Deubner 

Kroll  und  Skutsch  besorgten  Ausgabe  des  astrologieclien 
Werkes  des  Firmicus  Maternus  erschienen  ist^;  er  enthält 
Praefatio  und  Indices.  Die  in  den  Zusätzen  zu  den  Schriften  des 
archiater  Theodorus  Priscianus  begegnenden  Zauberformeln, 
Amulette  und  sonstigen  volksmedizinischen  Rezepte  werden  von 
.1.  Fahney  in  einer  nützlichen  Arbeit^  gesammelt  und  erklärt. 
Mythologischen  Inhalt  haben  zum  Teil  die  von  Vollmer  neu 
edierten  Gedichte  des  Dracontius.'  Der  auch  für  die  Kennt- 
nis der  antiken  Religion  bedeutsame  apologetische  Dialog  des 
Minucius  Felix  liegt  in  zwei  neuen,  von  Waltzing*  und 
A.  Schoene^  besorgten  Ausgaben  vor.  —  Eine  kritische  Be- 
handlung zweier  spätlateinischer  Gebete  an  die  Mutter  Erde 
und  'Alle  Kräuter'  hat  E.  Norden  gegeben®. 

Sehr  geeignet  für  Vorlesungen  über  Römische  Religion  ist 
die  von  Fr.  Richter  veranstaltete  Auslese  lateinischer  Sakral- 
inschriften.'  Die  aufgenommenen  Stücke  enthalten  zum 
größten  Teil  Weihungen  an  römische  und  nichtrömische  Götter 
(Kap.  II — V),  voran  gehen  (Kap.  I)  leges  sacrae,  Kalenderproben 
und  Dokumente  von  Sodalitäten  und  Priestern. 

In  E.Lehmanns  nützlichem  Urkunden  bände  hat  K.  Zieg- 
ler  die  griechischen  und  römischen  Texte  ausgewählt  und 

'  Julii  Firmici  Matcrni  Matheseos  libri  VJIl  edd.  W.  Kroll  et  F.  Skutsch 
in  operis  societatcm  assumplo  K.  Ziegler,  fasc.  II,  Leipzig  1913. 

"  J.  Fahney  JJe  I'seudo-rhiodori  addüamcntis,  Diss.  Münster  1913. 

^  Poelae  Jatini  minores,  post  Aimilium  J!tiehrens  itcrum  rec.  Fr.  Voll- 
mer, vol.  V,  Leipzig  1914. 

*  M.  Minucii  Felicis  Octaüius  rec.  I.  P.  Waltzing,  Leipzig  1912. 

'  M.  Minucii  Felicis  Octavius  herausgeg.  v.  Dr.  Alfred  Schoene,  Leip- 
zig 1918.  Ich  erwähne  hier  kurz  die  Arbeit  von  F.  Feßler  Benutzung 
der  philosophischen  Schriften  Ciceros  durch  Lactanz,  Leipzig  u.  Berlin  1913, 
deren  Inhalt  im  Titel  ausgedrückt  ist.  Dazu  vgl.  W.  Harloff  Wochenschr. 
f.  khtss.  Philol.  1914,  40  f. 

*  E.  Norden  Über  zwei  spätlatcinische  precationes,  Festschrift  zur 
Jahrhundertfeier  der  Univ.  zu  Breslau,  herausgeg.  v.  Th.  Siebs,  Breslau 
1911,  517ff. 

'  Lateinische  Sakralinschriften,  ausgewählt  v.  Fr.  Richter,  Lietzmanng 
Kl.  Texte  68,  Bonn  1911. 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  141 

übersetzt.^  Im  literarischen  griechischen  Abschnitt  yermißt  man 
hellenistisches  Material,  z.  B.  Kallimachos,  Kleanthes:  nach  Aristo- 
phanes  stehen  hier  nur  noch  zwei  orphische  Hymnen.  Die  in- 
schriftlichen Texte  sind  den  literarischen  gegenüber  vielleicht 
etwas  zu  kurz  gekommen,  es  fehlen  so  wichtige  Stücke  wie  die 
Labyaden-  und  lobakchen-lnschrift;  nachchristliche  Inschriften 
sind  fast  gar  nicht  herangezogen.  Auch  auf  dem  römischen 
Gebiet  ist  noch  manche  Lücke  vorhanden.  Ich  vermisse  z.  B. 
Stücke  wie  die  Inschrift  von  Furfo  und  das  Haingesetz  von 
Spoleto;  Auguralwesen,  Privat-  und  Kaiserkult  verdienen  mehr 
Berücksichtigung,  die  Epitome  des  Festus  kann  stärker  aus- 
genutzt werden.  Man  hat  freilich  dem  Umstände  Rechnung 
zu  tragen,  daß  der  Verfasser  die  Arbeit  im  letzten  Augenblicke, 
statt  des  ursprünglichen  Mitarbeiters,  übernahm.  Daraus  erklärt 
sich  dieser  und  jener  Mangel,  der  bei  einer  neuen  Auflage 
zweifellos  ausgeglichen  werden  wird.  —  Eine  praktische  Zu- 
sammenstellung griechischer  und  lateinischer  Wundertexte 
liefert  P. Fiebig.'  —  Einige  antike  Geister-  und  Gespenster- 
creschichten  teilt  P.  Wendland  in  Übersetzung  mit.^ 

Eine  Anzahl  Arbeiten  literarhistorischen  Charakters  sei 
hier  gleich  angereiht.  Hedens  Homerische  Götterstudien* 
versuchen  zu  einem  Teil  die  von  Cauer  bezeichnete  Aufgabe 
zu  lösen,  Murch  Vergleichung  der  Art,  wie  da  und  dort  die 
Götter  wirkend  gedacht  sind,  ein  neues  Merkmal  zu  gewinnen, 
nach  dem  die  Schichtungen  des  Epos  geschieden  und  abgestuft 
werden  können'.  In  diesem  Sinne  behandelt  der  Verfasser  1.  Zeus 
und  die  allgemeinen  Bezeichnungen  göttlicher  Macht:  dsoC,  dsög^ 
öaCfioav]   2.  die  Gestalten  des  Seelenglaubens:  Keren,  Harpyien 

*  Textbuch  zur  Religionsgeschichte,  herausgeg.  v.  E.  Lehmann,  Leip- 
zig 1912,  297  ff. 

*  Antike  Wundergeschichten  zum  Studium  der  Wunder  des  Neuen  Testa- 
ments zusammengestellt  v.  P.  Fiebig,  Lietzmanns  Kl.  Texte  79,  Bonn  1911. 

'  P.  Wendland  Antike  Geister-  und  Gespenstergeschichten,  Festschrift 
für  Breslau  (a.  o.  S.  140  A.  6)  33  ff. 

*  E.  Heden  Homerische  Götter  Studien,  Uppsala  1912. 


142  Ludwig  Denbner 

und  Erinyen;  3.  das  Schicksal  und  sein  Verhältnis  zu  den 
Göttern.  Nun  gelingt  es  zwar,  eine  allmähliche  Verschiebung 
der  Vorstellungen  festzustelleUj  und  es  soll  auch  anerkannt 
werden,  daß  die  Ausführungen  des  Verfassers  in  manchem 
Punkte  klären  und  fördern,  aber  sichere  Kriterien  für  die 
Unterscheidunor  von  Schichten  werden  sich  auf  diesem  Wesje 
deswegen  schwerlich  gewinnen  lassen,  weil  relativ  junge  Ent- 
wicklungsphasen unter  Umständen  schon  den  ältesten  »Schichten 
angehören  können  und  statistische  Aufstellungen  über  die  rela- 
tive Häufigkeit  bestimmter  Vorstellungen  keineswegs  eindeutig 
sind;  der  Verfasser  selbst  hat  keine  Probe  auf  das  Exempel 
gegeben.  Ein  starkes  Bedenken  möchte  ich  auch  gegen  das 
Prinzip  geltend  machen,  daß  die  direkten  Reden  im  Homer  für 
den  Volksglauben  verwertet  werden  könnten,  während  die  er- 
zählenden Partien  die  freiere  Auffassung  des  Dichters  wider- 
spiegelten, um  so  mehr,  als  der  Verfasser  selbst  S.  18  f.  zugibt, 
daß  eine  strenge  Grenze  nicht  zu  ziehen  ist.  Beachtenswert 
ist  die  Gleichsetzung  der  Phineuskinder  mit  den  lIarpyien(S.  127). 
—  Auf  ähnlichen  Wegen  wie  Heden  versucht  sich  T.  Rei/bstein. 
Er  bemüht  sich  nachzuweisen,  daß  diejenigen  Partien  der  Ilias, 
in  denen  sich  die  Götter  unter  Menschen  mischen,  spätere  Zu- 
sätze sind.  —  Aufschlußreich  für  die  Nachwirkung  posidoni- 
scher  Lehre,  insbesondere  des  Timaioskommentars,  bei  Basileios 
und  Gregor  von  Nyssa,  sind  die  weit  ausgreifenden  Quellen- 
untersuchungen von  K.  Gronau.-  Hier  mögen  speziell  die 
Abschnitte  über  Seelenlehre  und  Eschatologie  erwähnt  werden 
(163ff).  —  B.  Schmidt  handelt  eingehend,  zum  Teil  in  Aus- 
einandersetzung mit  K.  Reinhardt  T>e  Oraecornm  tlieologia, 
über  Autorschaft,  Charakter  und  Quellen  des  theologischen 
Compendiums  des  Cornutus.     Er   kommt  zum  Resultat,   daß 


»  T.  Ileihntein  De  dein  in  Uiudc  inter  homines  apparentifnis.  Dies, 
Leipzig  1911. 

*  K.  Gronau  Poseidonios  und  die  jüdisch-christliche  Genesisexegese, 
Leipzig  and  Berlin  1914. 


Griechische  nnd  römische  Religion  1911 — 1914  143 

Cornutas  selbst  das  Büchlein,  wie  es  vorliegt,  für  einen  Schüler 
verfaßt  hat,^  —  M.  Hauck  will  das  Corpus  der  orphischen 
Hymnen  in  das  Eade  des  5.  Jahrh.  n.  Chr.  setzen.^  Die  Be- 
weismittel: Entlehnungen  aus  Nonnos  und  Proklos,  sowie  zahl- 
reiche spätgriechische  Wörter,  sind  trügerisch.^  Die  Über- 
einstimmungen mit  den  genannten  Dichtern  sind  keineswegs 
von  der  Art,  daß  sich  eine  Abhängigkeit  mit  Sicherheit  ergäbe; 
die  Möglichkeit  gemeinsamer  Vorlagen  wird  überhaupt  nicht  in 
Erwägung  gezogen*.  Der  Wortschatz  aber  gewährt  nur  ganz 
allgemeine  Eindrücke  und  gestattet  keine  genauere  Fixierung. 
Nichtsdestoweniger  werden  die  gesammelten  Materialien  für 
alle,  die  sich  mit  der  Sprache  der  Hymnen  abgeben,  ihren  Wert 
behalten.  —  Eine  lateinische  Schrift  des  4.  Jahrh.  n.  Chr.,  die 
in  den  Text  Vergils  neuplatonische  Gedanken  hinein  inter- 
pretierte, hat  Fr.  Bitsch  erschlossen.* 

Den  unschätzbaren  Wert  der  Denkmäler  für  die  Erforsch  uns: 
der  antiken  Religion,  der  besonders  darin  liegt,  daß  sie  Tat- 
sachen des  Kultes  und  Vorstellungen  von  Göttern  ungeschminkt, 
unreflektiert,  ungebrochen  widerspiegeln,  betont  Bulle  mit 
Recht  in  den  methodischen  Ausführungen  des  neuen  archäolo- 
gischen Handbuchs^  (vgl.  S.  48.  73).  —  Ein  wichtiges  Hilfs- 
mittel für  die  in  Rom  befindlichen  Denkmäler  der  antiken  Re- 
ligion stellt  der  Helbigsche  Führer  dar,  dessen  Neuherausgabe 
in  dritter  Auflage  Amelungs  bewährter  Kraft  im  Verein  mit 


^  Bruno  Schmidt  De  Cornuti  theologiae  graecae  compendio,  Dias. 
Hai.  XXI 1  (1912). 

-  M.  Hauck  De  hymnorum  Orphicorum  aetate.  Breslauer  philolog. 
Abh.  43,  Breslau  1911. 

^  Vgl.  auch  Norden  Agnostos  Theos  S.  158,  3. 

*  Vgl.  Weinreich  Athen.  Mut.  XXXVII  1912  S.  42  Anm. 

"  Fr.  Bitsch  De  Platonicorum  quaestionibus  quibusdam  Vergilianis, 
DisB.  Berlin  1911.     Dazu  vgl.  Ziegler  DLZ  1912  S.  2209. 

®  Handbuch  der  klassischen  Altertum swiss.  V[:  Handbuch  der 
Archäologie,  herausgeg.  von  H.  Bulle,  München  1913.  Bisher  ist  eine 
Lieferung  erschienen  1 1 — 184. 


144  Ludwig  Deubner 

E.  Reisch  und  F.  Weege  verdankt  wird.^  —  In  dem  von 
P.  Perdrizet  herausgegebenen  Prachtwerke  der  Bronzes  Fouquef^ 
ist  eine  nicht  unbeträchtliche  Anzahl  von  Götterdarstellungen 
veröffentlicht.  Die  ausführlichen  Erklärungen  des  Herausgebers 
sind  nicht  nur  durch  ihre  reichen  Literaturnachweise  wertvoll, 
sondern  enthalten  auch  wichtige  neue  Bemerkungen.  Vgl.  nament- 
lich S.  4  über  Aphrodite,  S.  8  über  die  Hermaphroditen,  S.  19 
über  den  geflügelten  Dionysos  und  Silen,  S,  28  über  Hermes 
mit  der  Feder,  S.  41ti".  über  Baubo  (S.  45  wird  ein  Lampen- 
griff aus  Terrakotta  publiziert,  der  eine  ihr  pudendum  zeigende 
BVau  über  einem  großen  Auge  darstellt:  klärlich  apotropäisch), 
S.  50f.  über  Votivohren,  S.  80 ff.  über  die  Bedeutung  des 
Frosches.  Unter  den  publizierten  Stücken  möchte  ich  speziell 
auf  einen  Alexanderkopf  hinweisen  (T.  XVI  unten  in  der  Mitte), 
der  mit  Strahlenkran/  und  Uräusschlantre  geschmückt  ist.  — 
Für  die  Kenntnis  kunstmythologischer  Typen  ist  wichtig 
die  Beschreibung  des  Gemäldes  im  Winterbade  zu  Gaza,  die 
Johannes  von  Gaza  verfaßt  hat.  Sie  ist  von  P.  Friedländer 
mit  einem  gelehrten  Kommentar  vorgelegt  worden.'  Es  kommen 
in  dieser  Beschreibung  vor:  Urauos,  Atlas,  Hesperos,  Selene,  die 
Winde,  Okeanos,  Eos  mit  den  Hören,  Ge,  Karpoi,  Thalassa, 
Cheimon,  Ombroi,  Iris,  Phosphoros,  Orthros,  Anatole,  Nyx  und 
andere  Typen.  Von  Interesse  ist  die  menschliche  Bildung  des 
Aion  (vgl.  Rom.  Mitt.  XX VU  1912,  17  ff.). 

Ich  schließe  hier  einen  Hinweis  auf  die  gesammelten 
Abhandlungen  Useners,  Dieterichs  und  des  Grafen  Goblet 
d'Alviella  an.     Useners  religionsgeschichtliche  Aufsätze,   unter 

'  W.  Heibig  Führer  durch  die  öffentlichen  Sammlungen  klassischer 
Altertümer  i»  ]\om,  dritte  Auflage,  lierausgeg.  unter  Mitwirkung  von 
W.  Amelung,  E.  Keisch,  F.  Weege.     2  Bände,  Leipzig  19J2.  1913. 

*  P.  Perdrizet  Jiroyizes grecs  d' Fgypte  de  la  collection  Fouquet,  Paris  1911. 

*  Johannes  von  Gaza  und  Paulus  Silentiarius,  Kunstbeschreibungen 
Justinianischer  Zeit,  erkl.  v.  Paul  Friedländer,  Leipzig  und  Berlin  1912. 
[Vgl.  dazu  jetzt  G.  Krahmer  De  tabula  mundi  ab  Joanne  Gazaeo  descripta. 
DisB.  Halle  1920,  mit  Htark  abweichendem  Kekonstruktionsversuch.    W.} 


Griechische  und  römische  Religion  1911  —  1914  j^45 

denen  mir  der  "^Keraunos*  methodisch  besonders  wertvoll  zu 
sein  scheint,  sind  in  der  Hauptsache  im  4.  Bande  seiner  Kleinen 
Schriften  vereinigt*,  den  Wünsch  redigiert  hat.  Doch  enthält 
auch  der  dritte  Band^  ein  paar  hierher  gehörige  Arbeiten: 
S,  74  ff.  die  'Beiträge  zur  Geschichte  der  Legendenliteratur' 
(I.  Das  Wachstum  der  Legende,  IL  Die  Akten  des  Timotheos, 
IIL  Legendenaustausch  der  griech.  und  röm,  Kirche),  S.  176  ff. 
'Eine  Hesiodische  Dichtung'  (Rekonstruktionsversuch  im  An- 
schluß an  den  Typhonaufsatz  von  A.  v.  Meß,  Rh.  Mus.  LVI  1901) 
und  besonders  S.  411  ff.  De  lliadis  carmine  guoclam  Phocaico, 
in  dem  die  Vorstellung  des  Todes  unter  dem  Bilde  des  Löwen 
aufgezeigt  wird.  —  Auch  A.  Dieterichs  Kleine  Schriften  sind 
von  R.  Wünsch  auf  das  sorgfältigste  gesammelt,  redigiert 
und  herausgegeben  worden.^  Zu  Bekanntem  neu  hinzugekom- 
men ist  ein  kleiner  Aufsatz  über  die  Verhüllung  der  Hände 
(ein  wahrscheinlich  im  Orient  wurzelnder  Brauch)  und  fünf 
Kapitel  zum  Untergang  der  antiken  Religion,  in  denen  die 
Zersetzung  durch  die  Philosophie,  die  Mystik,  die  orientalischen 
Religionen,  den  Aberglauben  sowie  die  Wundermänner  und  das 
Christentum  dargestellt  wird.  Von  den  früheren  Arbeiten 
Dieterichs  möchte  ich  als  Muster  großzügiger  Betrachtung  die 
Abhandlung  über  Wesen  und  Ziele  der  Volkskunde  heraus- 
heben, als  schönstes  Beispiel  einer  Einzeiuntersuchung  die 
Erklärung  der  Szene  in  den  Aristophanischen  'Wolken'.  — 
Graf  Gobi  et  d'Alviella  hat  seine  gesammelten  Abhandlungen 
selbst  in  drei  Bänden  vorgelegt.*  Band  I  enthält  Aufsätze  zur 
Geschichte  der  Religionen  (vgl.  S.  27  ff.  über  magische  Räder 
bei  den  Griechen),  Band  II  Methodologisches  und  Arbeiten  zur 

•  H.  üsener  Kleine  Schriften  IV:    Arbeiten  ztu:  Religionsgeschichte, 
Leipzig  u.  Berlin  1913. 

*  Arbeiten  zur  griech.  Literaturgeschichte,    Geschichte    der  Wissen- 
schaften, Epigraphik,  Chronologie,  ebd.  1914. 

^  A.  Dieterich  Kleine  Schriften,  Leipzig  und  Berlin  1911. 

■*  Comte  Goblet    d'Alviella   Croyances,   rites,  instiiutions,    3  Bände, 
Paris  1911. 

Archiv  LBeligioDSwissenschaft  XX  10 


146  Ludwig  Deubner 

Urgeschichte  der  Religion,  Band  III  behandelt  moderne  Pro- 
bleme. Eine  größere  Anzahl  dieser  Abhandlungen  ist  im  An- 
schluß an  neu  erschienene  religionsgeschicbtliche  Werke  ge- 
schrieben. Die  Leser  dieses  Archivs  seien  besonders  auf  die 
Diskussionen  urgeschichtlicher  Probleme  im  2.  Bande  hingewie- 
sen, die  für  die  Klärung  der  in  Frage  kommenden  Vorstellungs- 
gebiete von  Nutzen  sein  können.  —  Das  eigentlich  nicht  hierher 
gehörige  Buch  von  E.  Seilliere  über  Nietzsche  und  Rohde^ 
behandelt  die  Geschichte  dieser  Freundschaft.  Man  findet  darin 
das  überraschende  Urteil,  daß  Rohdes  Werke  'fein  und 
gewissenhaft'  gearbeitet  waren,  'trotzdem  sie  stets  von  einem 
etwas  engen  Horizont  begrenzt  und  durch  die  ihm  angeborene 
Zurückhaltung  beschränkt  werden'  (S.  151). 

Wir  betreten  das  Gebiet  der  griechischen  Religion  und 
erwähnen  zunächst  einige  Arbeiten,  die  den  Totenkult  und 
was  damit  zusammenhängt  betrefien.  Abzulehnen  ist  das  Er- 
gebnis von  0. Seifferts  Abhandlung  über  die  Totenschlange.' 
Er  nimmt  an,  daß  die  Schlange  nicht  deswegen  dargestellt 
werde,  weil  sie  ursprünglich  das  Bild  des  Toten  sei,  sondern 
daß  man  in  ihr  vielmehr  eine  chthonische  Untergottheit  zu  er- 
kennen habe,  deren  Gemeinschaft  mit  dem  Toten  auf  dessen 
Verbrüderung  mit  den  Mächten  der  Unterwelt  hindeute.  Das 
Gezwungene  dieser  Auflassung  kommt  in  der  weiteren  Folge- 
rung zum  Ausdruck,  daß  der  Tote,  der  die  Schlange  aus  dem  von 
ihm  gehaltenen  Kantharos  tränkt,  die  ihm  dargebrachten  Opfer- 
gaben raitdenchthonischen  Dämonen  teile.  —  Die  Tqixoxolxoqb«; 
hat  G.  Lippold  einleuchtend  als  die  'echten  Ahnen'  erklärt' 
(«afs  T()iToyfV7/5  =  waig  yvi^fjLos).  —  Eine  eingehende  Beschrei- 
bung euböischer  Gräber  aus  vormy kenischer,  my kenischer  und 


'  E.  Seilliere  Nietzsches  WafJ'enbrudcr,  Erwin  JtoMc,  Berlin  1911. 

*  0.  SeiflFert  Die  Totenschlangc  auf  lakonischen  Reliefs,  Breslau  1911. 

^  G.  Lippold  TQiTOTiazQBle,  Athen.  Mitt.  XXXVI  1911,  lOölf.  Eine 
sprachwiBsenBchaftlich»;  Bestätigung  gibt  P.  Kretschmer  Glotta  X  1919^ 
38  ff. 


Griechische  und  römische  Keligion  1911 — 1914  147 

'historischer'  Zeit  liefert  G.  A.  Papabasileios.^  Aus  der  inter- 
essanten Zusammenfassung  (89  ff.)  ist  hervorzuheben,  daß  für 
die  vormykenische  Zeit  keine  Verbrennung  nachgewiesen  wer- 
den konnte,  wohl  aber  für  die  mykenische  Periode  und  später. 
Die  nichtverbrannten  Toten  der  'historischen'  Zeit  blicken  in 
der  Regel  nach  Westen.  In  den  Kuppelgräbern  der  mykenischen 
Epoche  fanden  sich  außer  den  Beigaben  eine  Menge  Knochen 
von  verschiedenen  Tieren,  also  Überreste  von  Totenopfern. 
Die  'Charons'münze  begegnet  nicht  vor  dem  4.  Jahrhundert. 
Unter  den  angehäng-ten  Inschriften  ist  bemerkenswert  eine 
Weihung  der  Chalkidier  Tixa  eatfjQL  (S.  93,  der  Herausgeber 
vergleicht  Plut.  Tit.  16)  und  die  Dedikation  einer  QueUanlage 
an  Asklepios  aus  Styra  (S.  100).  —  Die  äußeren  Formen  der 
Kriegergrabstätte  des  Kerameikos  und  der  einzelnen  Krieger- 
gräber behandelt  die  sorgfältige  Diss.  von  S.  Wenz^,  deren  In- 
halt aus  dem  Rahmen  dieses  Berichtes  herausfällt.  Doch  merke 
ich  an,  daß  für  die  in  Betracht  kommenden  Grabreliefs  die 
Abwesenheit  jeglicher  Heroisierung  scharf  betont  wird  (591^ 
70  f.  105);  wie  es  scheint  mit  Recht.  —  Eine  umfassende  Klassi- 
fikation und  geschichtliche  Darstellung  der  statuarischen  Grab- 
plastik bietet  das  reich  ausgestattete  Buch  von  M.  Colli  gnon.^ 
Es  wird  gezeigt,  wie  einige  der  hauptsächlichen  Typen,  der 
Seelenvogel  und  die  Klagefrauen,  zunächst  als  Terrakottabei- 
gaben im  Grabe  auftreten,  um  dann  später  in  größeren  Ver- 
hältnissen auf  dem  Grabe  Verwendung  zu  finden.  Der  Seelen- 
vogel und  auch  die  anthropomorphe  Darstellung  des  Toten 
wird  vielleicht  richtig  unter  dem  Gesichtspunkt  betrachtet,  daß 
man  der  Seele  und  dem  Toten  ein  i'dog  habe  schaffen  wollen, 
um  sie  zu  bannen.  Die  Grabstatuen  der  archaischen,  klassi- 
schen und  hellenistischen  Epoche  werden   getrennt  behandelt. 

^  G.  A.  Papabasileios  Ilegl  xGiv  iv  Evßoia  uQ^aiav  rdtpav  (Bibliothek 
der  Athener  Archäologischen  Gesellschaft),  Athen  1910. 

-  S.  Wenz  Studien  zu  attischen  Kriegergräbern,  Diss.  Münster  1913. 
'  M.  CoUignon  Les  statues  funeraires  dans  Vart  grec,  Paris  1911. 

10* 


148  Ludwig  Denbner 

Aus  der  archaischen  sind  hier  neben  der  Sirene  besondersj 
Sphinx  und  Löwe  zu  nennen.  Jn  der  klassischen  Epoche  macht 
sich  ein  Überwiegen  des  künstlerischen  Prinzips  bemerkbar,  in, 
der  hellenistischen  mit  ihrem  ausgebildeten  Heroenkult  tritt 
das  religiöse  Moment  wieder  mehr  in  den  Vordergrund,  die 
Toten  werden  Göttern,  besonders  dem  Hermes  gleichgesetzt, 
Eros-  und  Thanatos-Typen  werden  beliebt,  allegorische  Genre- 
bilder wie  der  schlafende  Eros  kennzeichnen  die  Denkweise 
der  Zeit.  ,  ; 

L.  Malten  hat  in  einem  sehr  lehrreichen  Aufsatz^  nach- 
gewiesen, daß  die  Vorstellung  vom  Götterlande  Elysion  dem 
'karischen'  Volksstamm  angehört  und  vom  orphischen  Orte  der 
Seligen  ursprünglich  verschieden  ist.  Erst  später  verbinden 
tind  vermischen  sich  beide  Vorstellungen.  —  Eine  inhaltreiche 
Abhandlung  von  M.  Hostowzeff'  bietet  wichtiges  Material  für 
Jeuseitsvorstellungen  und orphischeleusinische sowie  chtho-] 
aische  Kulte  in  Südrußland.  Das  besprochene  Grab  zeigt  ein 
vergottetes  Mystenpaar,  im  Elysium  an  einem  Altar  beschäftigt J 
Im  Verlaufe  seiner  Ausführungen  kommt  der  Verfasser  auch 
auf  die  Serapisfragp  /u  sprechen  und  nimmt  gegen  Dieterich 
und  Schmidt  an,  daß  nicht  der  mythische  Norden,  sondern; 
ganz  bestimmte,  vor  Ptolemäus'  Zeiten  in  Sinope  gepflegte! 
syukretistische  Kulte  die  Zurückführung  des  Serapis  auf  diese' 

Stadt  veranlaßt  hätten.     Der  Greif,  den  11.  als  spezifisch  apoK 

i 

linisches  Symbol  betrachtet  (S.  7;  30,  2),  ist  Kennzeichen  der 
Apotheose  schlechthin.'  Dieterichs  Nekyia  ist  von  K  Wünsch 
neu    aufgelegt   and    mit   Nachträgen   (8  S.)   versehen   worden.* 

i 
'   Ii.  Miilten   l'Jlymon  und  Bhadamanthys,   Arch.  Jahrb.  XXVIII  1913, 

35  ff  I 

*  M.  IlostowzefF  BcKoJireibung  eines  Kertsch-cr  Grabes,  aufgedeckt  im\ 
■fahre  18!>1,  Somiprabdruck  auB  i\cr  Festschrift  zu  Ehren  des  Grafen  A.j 
A    Bobrinski,  Petersburj?  1911  (niHsiach)  | 

»  S.  Cumont  Her.  de  l'hist.  des  rel.  LXIV   1911  S.  164.  • 

*  A.  Dieterich  Xekyia,  Beiträge  zur  Erklärung  der  neuentdeckten] 
P^trusapokalypse,  2.  Aufl.,  Leipzig  und  Berlin  1913. 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  149 

Ehe  wir  zu  den  griechischen  Göttern  übergehen,  seien 
zwei  dankenswerte  Dissertationen  der  Kernschen  Schule  ge- 
nannt, die  im  Anschluß  an  frühere  analoge  Monographien  die 
Kulte  bestimmter  Landschaften  und  das  dazu  gehörige  Quellen- 
material zusammenstellen:  J.  v.  Keitz  behandelt  die  ätolischen 
und  akarnanischen  Kulte\  W.  Baege  die  mazedonischen.^  Unter 
den  von  Baege  am  Schluß  aufgeführten  Monatsnamen  sei  der 
Savdiüös  hervorgehoben,  in  den  die  Lustration  des  zum  Kampfe 
ausrückenden  Heeres  fiel.  Er  wird  vom  Verf.  einleuchtend  mit 
dem  Beinamen  iSlavd-iitög  des  Kriegsgottes  Ares  in  Verbindung 
gebracht  (225  f.).  —  Die  Kulte  von  Andros  werden  in  der  dieser 
Insel  geltenden  Publikation  von  Th.  Sauciuc^  besprochen. 

Für  das  gesamte  Ursprungs-  und  Verbreitungsgebiet  der 
griechischen  Götterwelt  ist  die  wertvolle,  auf  umfassenden  Samm- 
lungen aufgebaute  Arbeit  E.  Sittigs  über  die  theophoren 
Namen*  von  großer  Wichtigkeit.  Es  ergibt  sich  eine  ganze 
Anzahl  bemerkenswerter  Tatsachen:  Namen  mit  Zeus  sind  in 
Kleinasien  sehr  selten,  verhältnismäßig  wenige  Namen  sind  von 
Hera  abgeleitet,  Namen  mit  Bakchos  treten  gegenüber  solchen 
mit  Dionysos  in  Attika  stark  zurück,  Namen  mit  Ares  fehlen 
fast  ganz,  was  die  geringe  Volkstümlichkeit  dieses  Gottes  hell 
beleuchtet.  Ich  weise  ferner  hin  auf  die  Ausführungen  über 
die  Entwicklungsgeschichte  des  Apollon,  über  Hephaistos,  über 
Men,  über  den  Namen  Dionysos  (86 f.).  Da  bisweilen  Götter- 
und  Menschennamen  vom  selben  Wort  herkommen  können,  so 
ist  der  theophore  Charakter  eines  Namens  nicht  immer  ohne 
weiteres  festzustellen.  In  der  Scheidung  theophorer  und  nicht- 
theophorer  Namen  ist  der  Verfasser  umsichtig  verfahren.  Allein 
kann  das  Material  der  Namen  natürlich  keinen  Ausschlag  geben 

*  I.  de  Keitz  De  Aetolorum  et  Acarnanum  sacris,  Dias.  Halle  1911. 

-  W.  Baege  De  Macedonum  sacris,  Diss.  Hai.  XXII 1  (1913).  Nach- 
träge gibt  0.  Weinreich  DLZ  1914  S.  4ü2. 

'  Th.  Saucinc  Andros,  Untersuchungen  zur  Gesch.  u.  Topogr.  d.  Insel, 
Sonderschriften  d.  österr.  archäol.  Instituts  VIII,  Wien  1914,  S.  110—126. 

■*  E.  Sittig  De  Graecorum  nominibus  theophoris,  Diss.  Hai,  XXI  (1911). 


150  Ludwig  Deubner 

für  oder  gegen  die  Bedeutung  eines  Kultes,  Die  Statistik  be- 
hält ja  immer  nur  relativen  Wert.  Asklepios  stammt  anerkannter- 
maßen aus  Thessalien,  aber  alte  Namen  mit  Asklepios  sind  dort 
nicht  vorhanden.  Vorteilhaft  wäre  es  gewesen,  die  von  Festen 
abgeleiteten  Namen  von  den  theophoreu  zu  trennen,  da  jene  unter 
Umständen  mit  Göttern  nichts  zu  tun  haben.  Namen,  die  mit  Epi- 
theta vou  Göttern  zusammengesetzt  sind,  können  nicht  immer 
unbedingt  für  bestimmte  Götter  iu  Anspruch  genommen  werden. 
Der  Versuch  Mary  Hamilton  Swindlers,  kretische  Ele- 
mente im  Kult  des  ApoUon  nachzuweisen',  hat  die  Wissen- 
schaft nicht  gefiirdert.^  Die  Arbeit  ist  äußerlieh  und  ober- 
Hächlich  und  kennt  keine  recensio  der  Zeugnisse.  Es  ist  der 
Verfasserin  nicht  gelungen  glaubhaft  zu  machen,  daß  die  von 
Apollou  aufgesogenen  Sondergötter  Delphinios,  Amyklaios,  Hya- 
kinthos,  Smiutheus,  Agyieus  aus  Kreta  stammen,  und  gar  das 
von  Apollo  in  Besitz  genommene  delphische  Erdorakel  als 
kretische  Gründung  oder  wenigstens  als  kretisches  Einfluß- 
gftbiet  vorapollinischer  Zeit  erweisen  zu  wollen,  ist  ein  aus- 
sichtsloses unternehmen,  nicht  zu  reden  davon,  daß  an  Stelle 
dor  durch  Wilamowitz  mit  ganz  anderen  Mitteln  bewiesenen 
kleinasiatischen  Herkunft  des  ApoUon  ein  nebelhafter 'nordischer' 
ApoUon  gesetzt  wird.  Richtig  ist,  daß  Hyporchem  und  Paian, 
die  im  apollinischen  Kulte  eine  große  Rolle  spielen,  in  Kreta 
beheimatet  sind,  und  die  kathartisch  -  ekstatische  Bedeutung 
Kretas  ist  im  großen  und  ganzen  zutreffend  gezeichnet,  doch  auch 
hier  ist  gar  manches  falsch  oder  schief,  und  daß  die  delphische 
Kathartik  ihre  Wurzeln  in  Kreta  gehabt  habe,  halte  ich  eben- 
falls für  unrichtig,  so  wenig  die  Beziehungen  geleugnet  werden 
sollen,  die  ohne  Frage  zu  gewissen  Zeiten  zwischen  Kreta  und 
D'ilphi   bestanden  haben. 

'  Mary  Ilaniiltou  Swindlcr  Cretnn  Elements  in  the  Cults  and  Ritual 
nf  Apollo,  Bryv  Mavr  College  Monngraphs,  Monograph  Series  XIII,  Bryn 
Mawr,  l'eDDHjlvania,  1913. 

*  Vgl.  flie  ahlclinen*!*'  Kritik  Nüshotip    DLZ  1914,  981f. 


Griechische  und  römische  Religion  1911—1914  151 

W.  Qu  an  dt  stellt  in  einer  brauchbaren  Arbeit^  die  Zeug- 
nisse für  den  Kult  des  Dionysos  in  Kleinasien  seit  Alexander 
sorgfältig  zusammen  und  behandelt  in  einem  Schlußteile  die 
auf  die  Mysterien  dieses  Kultes  sich  beziehenden  Tatsachen. 
—  Auf  das  Fest  der  Lenäen  hat  Frickenhaus^  eine  größere 
Anzahl  zusammengehöriger  Vasen  bezogen,  die  uns  bestimmte 
dionysische  Kultszenen  vor  Augen  führen.  Den  Mittelpunkt 
bildet  ein  säulenförmiges  Idol,  das  mit  der  Maske  des  Gottes 
und  meist  auch  mit  einem  Gewände  ausgestattet  ist;  ringsum 
sieht  mau  ekstatisch  tanzende,  weinschöpfende  oder  mit  son- 
stiger sakralen  Hantierung  beschäftigte  Frauen.  Da  die  Häufig- 
keit der  Vasen  auf  ein  bekanntes  Fest  weist  und  der  Name 
der  Lenäen  m.  E.  mit  Recht  von  den  Mänaden  {Afjvai)  ab- 
geleitet wird,  so  scheint  mir  im  Gegensatz  zu  Robert^  minde- 
stens eine  starke  Wahrscheinlichkeit  für  die  Richtigkeit  der 
Frickenhausschen  Deutung  zu  bestehen,  während  die  direkte 
Ableitung  des  attischen  Kultes  von  dem  thebanischen  Dionysos 
Kadmos  allerdings  abzulehnen  ist.  —  Für  die  Kenntnis  vom 
Wesen  der  dionysischen  Dämonen  sind  die  Satyr-  und  Bakchen- 
namen  von  Wichtigkeit,  die  sich  häufig  auf  Vasenbildern  bei- 
geschrieben finden.  Sie  werden  von  Charlotte  Fränkel^  in 
einer  wertvollen  ^Bonner  Dissertation  gesammelt  und  nach  Mög- 
lichkeit erläutert. 

Die    Darlegungen    von    H.  Prinz ^,    der    eine    Gruppe    alt- 


*  Gail,  Quandt  De  Baccho  ab  Alexandri  aetate  in  Asia  minore  culto, 
Dias.  Hai.  XXI  2  (1913). 

-  A.FrickenhansieHäewüosen, 72. Berlin, Winckelmannsprogramm,1912. 

»  Gott,  gel  Anz.  1913,  366  ff.  Die  Tatsache,  daß  auf  der  Hieron- 
schale  (Flickenhaus  a.  a.  0.  S.  6  Nr.  11  A)  zu  beiden  Seiten  dei  Maske 
Trauben  dargestellt  sind,  scheint  mir  keinen  Schluß  auf  die  Jahreszeit 
des  Festes  zu  gestatten.  Der  Künstler  konnte  die  Trauben  zur  Charak- 
terisierung des  Gottes  aus  seiner  Phantasie  hinzutun. 

*  Charlotte  Fränkel  Satyr-  imd  Bdkchennamen  auf  Vasenbildern, 
Diss.  Bonn  1912. 

^  H.  Prinz  Ein  Miitzenidol  aus  Kreta ^  Festschrift  für  Breslau  (s,  o. 
S.  140  A.  6)  577  ff. 


152  Lndwig  Denbner 

kretischer  kegelförmiger  Tongebilde  als  kultisch  verehrte 
Mützen  der  Göttermutter  zu  erweisen  sncht,  vermögen  nicht 
zu  überzeugen.  —  Daß  Hephaistos  ein  ungriechischer  Gott  ist 
und  von  den  lykischen  Solymern  herstammt,  zeigt  in  einem  aus- 
gezeichneten Aufsatze  L.  Malten.'  — Wie  unbedeutend  der  Kult 
der  Hera  in  Attika  war,  geht  aus  der  Dissertation  W.  Scheuers 
deutlich  hervor.^  Die  Erörterung  der  Mythen,  in  denen  die 
Göttin  eine  Rolle  spielt,  gibt  für  das  Thema  nichts  aus,  obwohl 
sie  zwei  Drittel  der  Arbeit  einnimmt.  —  Von  Bedeutung  sind 
Frickenhaus'  Ausführungen  über  den  Herakult  in  Tiryns 
und  die  Entstehung  des  'Staatskultes'  eben  dieser  Göttin  aus 
mykenischem  Hauskulte.*  Daß  nicht  alles  außer  Zweifel  ge- 
stellt ist,  weiß  der  gedankenreiche  Verfasser  selbst  am  besten 
(vgl.  S.  42).  Insbesondere  die  kathartische  Erklärung  der  Ferkel 
und  Ferkelträgerinnen  aus  Terrakotta  (28  ff.)  scheint  mir  der 
genauesten  Nachprüfung  zu  bedürfen.  Aber  zweifellos  ist  allein 
dem  Versuche,  die  Entwicklung  eines  Kultes  auf  Grund  des 
gesamten  literarischen  und  archäologischen  Materials  darzustellen, 
ein  großes  Verdienst  beizumessen.  Als  besonders  bestechend 
hebe  ich  die  Vermutung  hervor,  daß  die  Fetischsäule  der  Hera 
mit  einer  der  alten  Herdsäulen  des  Tirynther  Megaron  identisch 
8ei(S.  39).  —  Das  Kerykeion  wird  von  K.  Boetzkes  zutreffend 
mit  dem  Zauberstabe  {(mßdos)  des  Hermes  identifiziert.*  — 
Vollkommen  wertlos  ist  die  russisch  geschriebene  Abhandlung 
A.  M.  Mironoffs  über  die  Nikedarstellungen  der  griechischen 
Plastik.^ 

Fr.  Hübner''   bemüht  sich  um  den  Nachweis,   daß  die  Ge- 

>  L.  Malten  Hephaistos,  Arch.  Jahrb.  XXVII  1912,  232 tf. 

*  Guil.  Scheuer  De  lunonc  Attica,  Dias.  Breslau   1914. 

*  Tiryns,  Die  P^rgebnisae  der  Auagrabungen  des  Instituts  (Athen 
1912)  I  1:  A.  Frickenbaua  Die  Hera  von  Tiryyin.  [Kritisch  aoeben  Robert 
Hermes  1920,  .STSff.  W.] 

*  R.  Boptzkos  Das  Kerykeion,  Dias,  von  Münster,  Gießen  1913. 

*  A.  M.  Mironoff  Die  J)arstellutigen  der  Siegesgöttin  in  der  griech. 
Plastik,  Kasan  1911.      Vgl.  Berl.  philol.  Wochenschr.  1912,  1260  ff. 

*  Fr.  Hübner  De  Pluto.  Dias.  Hai   XXIII  .'J  (1914). 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  153 

stalt  des  Plutos  nicht  der  griechischen  Volksreligion  angehöre. 
Die  Personifikation  des  Plutos  kommt  zum  erstenmal  bei 
Hipponax  vor;  für  die  Abstammung  von  Demeter  seien  die 
Verse  969  ff.  der  Hesiodischen  Theooronie  maßsebend  geworden; 
der  eleusitiische  Plutos  sei  eine  Metapher;  der  statuarische  von 
Kephisodot  erfunden.  Die  Erwähnung  des  Plutos  in  der  attischen 
Thesmophorienformel  wird  ohne  kritische  Äußerung  verzeichnet, 
obwohl  jene  Formel  die  wichtigste  Gegeninstanz  gegen  die  These 
des  Verfassers  bildet.  Hier  also  hätte  vor  allem  der  Beweis  ge- 
liefert werden  müssen,  daß  der  Plutos  irgendwie  künstlich  in 
die  alte  Götterreihe  jener  Formel  eingedrungen  ist.  Auch  das 
Verhältnis  zu  Pluton  und  TcXovtoöÖTrjg  ist  nicht  genügen  d  ge- 
klärt. Insbesondere  vermisse  ich  das  wichtige  Zeugnis  für 
einen  selbständigen  Sondergott  TlXovtoddtas  in  der  südruss  ischen 
Defixion  Arch.  Anz.  1907,  12 7 f.  xavoQvööo)  Savonevijv  xal  tä 
egya  Ssvoiievovg  xal  TCaldcav  t&v  lEjevofiEvovg  jvsqI  'Equ&v 
%d'6vL0v  xal  xap'  'Eon&v  Xd'oviov  xal  TCagä  Illovtoödzav 
Xd'övcov  xal  Traoä  IToa^iSCxav  yßtovlav  xal  %aqa  0£Q6s(p6vav 
l^oviav  xxl.  Vor  allem  aber  mangelt  dem  Schriftchen  eine 
abschließende  Zusammenfassung  der  zugrundeliegenden  Ge- 
danken. 

Eine  vortreffliche  Leistung  ist  die  unter  Otto  Kerns  Leitung 
entstandene  Dissertation  von  Joh.  Schaefer  über  denkarischen 
Zeus^,  in  der  die  Zeugnisse  für  diesen  Kult  gesammelt,  ge- 
ordnet und  besprochen  werden.  Von  dem  reichen  Inhalt  hebe 
ich  folgendes  hervor:  Zeus  Labrayndos  hat  seinen  Namen  nicht 
von  der  Labrys  (Doppelaxt),  sondern  von  der  Stadt  Labray  nda; 
diese  wurde  ihrerseits  nach  der  Labrys  benannt,  die  ursprüng- 
lich selbständige  göttliche  Verehrung  genoß  (355 f.).  Ebenso 
ist  der  Zeus  Chrysaoreus  von  der  Chrysaoris  genannten  Ort- 
lichkeit  abzuleiten  (435).  Die  Heimat  des  Gottes  mit  der 
Doppelaxt  ist  wahrscheinlich  Vorderasien  (Karer  oder  Het  titer), 

^  I.  Schaefer  De  love  apud  Gares  culto,  Diss.  HaL  XX  4  (1912).    Vgl, 
Nilsson  DLZ  1912,  3149  ff. 


J^54  Ludwig  Deubner 

vou  dort  kommt  er  nach  Kreta  (380  ff.)-  Der  2same  des  Zeus 
Askraios  kennzeichnet  ihn  als  Baumgott  (Hesych  äöxQW  ÖQvg 
ay.aQn:os)  und  ist  nicht  anzutasten  (406 tf).  Zeus  Panamaros 
und  der  Zeus  Kariös  des  Pjinamarensischen  Bundes  sind  iden- 
tisch (417  f.)-  Von  großem  Interesse  ist  die  sakrale  Prostitu- 
tion und  das  Nichtwaschen  der  P'üße  im  Kulte  des  Zeus  Lara- 
sios  in  Tralles  (461  tf.).  Die  Erklärung  der  Seiler  (11.16.  234f.) 
als  Inkubanten  (462  f.)  ist  wenig  wahrscheinlich.  Anfechtbar 
ist  auch  die  Beweisführung  für  die  Lichtnatur  des  kretischen 
Stiergottes  (S.  379).  —  In  einem  ausgezeichneten  Aufsatz  han- 
delt A.  Delatte  über  eine  Darstellung  des  Sonnengottes  und 
solarer  Symbole  auf  einem  magischen  Globus  des  Athener 
Museums.* 

Die  Zeugnisse  für  den  Kult  der  Kureten  und  Korybanten, 
für  ihre  Erscheinungsform  und  Funktion,  ihre  Vermischung 
untereinander  und  mit  anderen  Gottheiten  sowie  für  die  Deu- 
tungen ihres  Namens  bei  den  Alten  stellte  Poerner  mit  gutem 
Urteil  in  einer  fleißigen  Arbeit  zusammen",  die  durch  eine  be- 
sonnene Erörterung  der  modernen  Ansichten  vom  Wesen  jener 
Dämonen  und  der  neueren  Etymologien  beschlossen  wird.  Die 
dem  Kuretenmythos  zugrundeliegende  primäre  Tatsache  apo- 
tropäischer  Riten  wird  richtig  festgehalten.  —  P]ine  zusammen- 
hangende Behandlung  der  attischen  Heilgötter  (Heros  latros, 
Aristomachos,  Amynos,  Asklepios  und  Amphiaraos)  nebst  einer 
Sammlung  der  auf  sie  bezüglichen  Inschriften  und  Skulpturen 
bietet  F.  Kutsch.^  —  Herrlich  bespricht  in  einem  Programm 
über  antike  Wunderkuren*  zunächst  die  Beurteilung  dieser 
Kuren    in    der    modernen    Literatur:    ein    zweiter  Teil    haudelt 

'  A.  Delatte  lAudc  sur  In  lungic  f/r'C/uc  7.  Sphire  magique  du  Musie 
d'Athenes,  JiiiU.  corr.  hell.  XXXVII  1913,  •247  ir. 

-  I.  Poerner  JJc  (uretihm  et   Conjhnntihus,  Disb.  Hai.  XXII  2  (1913). 

■*  K.  KutBch  Attische  IleUgölier  und  ITcilheroen,  KelJgionBgesch.  Vers, 
u.  Vorarb.  XII  3,  Gießen  1913. 

*  S.  Herrlich  .UUif'e  WiDiderLureu,  Trogr.  dos  Humboldt- Gymn., 
Berlin  1911. 


Griechische  und  römische  Religion  1911—1914  X55 

über  Träume  und  Inkubation,  Als  bemerkenswert  verzeicime 
ich,  daß  auf  die  Ähnlichkeit  der  Schlaf  halle  von  Oropos  mit 
dem  'Abaton'  in  Epidauros  hingewiesen  wird  (271).  —  Ein 
lebensvolles  Bild  von  der  Religiosität  des  Asklepiosjüngers 
Aelius  Aristides  und  seiner  Zeit  entwirft  die  Hallenser  Antritts- 
vorlesung 0.  Weinreichs.^  —  Ein  ungarisch  geschriebenes 
Buch  von  J.  Hornyanszky*  behandelt  in  seinen  beiden  ersten 
Abschnitten  (Die  Medizin  in  Athen.  Religion  und  Medizin) 
u.  a.  die  Zusammenhänge  zwischen  Heilkunst  und  Kultus.  — 
Eine  zusammenfassende  Behandlung  der  auf  orientalischem  Ein- 
fluß beruhenden  d^eol  ant)y.ooi^  der  'erhörenden  Götter',  gibt 
0.  Weinreich.^  Man  stellte  auch  die  Ohren  von  Göttern  dar, 
um  in  sie  hinein  seine  Gebete  sprechen  zu  können.  Die 
äxoaC^  die  in  verschiedenen  Heiligtümern  erwähnt  werden, 
sind  nach  der  bestechenden  Erklärung  Weinreichs  (57  f.)  eben 
solche  plastische  Ohren;  doch  vergleiche  dazu  das  von  P.  Wolters 
Hermes  XLIX  1914  S.  151  geäußerte,  nicht  unbegründete  Be- 
denken und  dazu  Weinreichs  Antwort  Hermes  LI  1916  S.  624.  — 
Die  Zeugnisse  für  die  'Großen  Götter'  sammelt  Br.  Mueller 
in  einer  bei  Kern  gearbeiteten  Dissertation.*  Kap.  I  Die  Kabiren, 
Kap.  II  Die  große  Mutter,  Kap.  III  Die  übrigen  griechischen 
Götter,  Kap,  IV  Die  ägyptischen,  Kap.  V  Die  Zauberpapyri  und 
Defixionen,  Kap.  VI  Könige  und  Kaiser,  zuletzt  ein  Epimetrum 
über  poetischen  Gebrauch  in  Inschriften  und  Papyri.  Es  er- 
gibt sich,  daß  in  der  Regel  nur  nichtgriechische  Gottheiten, 
besonders  ägyptische,  die  Bezeichnung  'Großer  Gott'  aufweisen. 
Hervorzuheben  ist  die  Klarstellung,  daß  Kybele  die  große  Mutter 
ist,  Rhea  die  Göttermutter:  dann  tauschen  sie  infolge  der  gegen- 
seitigen Vermischung  auch  die  Beinamen  aus  (S.  302).  — -  Bei- 

^  0.  Weinreich  Typisches  und  Individuelles  in  der  Religiosität  des 
Äelius  Aristides,  Neue  Jahrb.  XXXIU  1914,  597  flP. 

-  J.  Hornyanszky  Die  Wissenschaft  der  grieeh.  Aufklärung.  Hippo- 
krates,  Budapest  1910,  vgl.  Räcz  DLZ  1911  S.  3258. 

^  0,  Weinreich  ©aol  inriMoi,  Athen.  Mitt.  XXXYII  1912,  Iff. 

*  B.  Mueller  Miya^  O^adg,  Diss.  Hai.  XXI  3  (1913). 


156  Ludwijr  Deubner 

trüge   zum  Kapitel  von  den  'Unbekannten  Göttern'  liefert 
Weinreichs  Habilitationsschrift.' 

Zum  griechischen  Kultus  leitet  ein  bemerkenswerter  Auf- 
satz H.  Pomtows^  über,  in  dem  die  delphischen  Tholoi  nach 
Analogie  anderer  Rundbauten  einleuchtend  als  Herd-  und  Speise- 
häuser der  Gemeinde  (Prytiineia)  gedeutet  werden  (in  Magnesia 
a.  M.  wurde  alljährlich  ein  ebensolcher  Rundbau  aus  Holz  zur 
Bewirtung  der  12  Götter  aufgeschlagen).  Ein  Herdhaus  ist  auch 
die  Tholos  des  Odysseus  und  die  von  Epidauros,  die  infolge 
dieser  Bestimmung  auch  Q-vuelrj  genannt  wird.  —  Über  antike 
Festreden  bei  der  Einweihung  von  Tempeln  und  ihre  Fort- 
setzung in  der  christlichen  Weihepredigt  handelt  Paul  Fried - 
laender  in  seinem  oben  S.  144  genannten  Buche  S.  97 ff.  — 
Beiträge  zur  Geschichte  sakraler  Tänze  liefert  die  wertvolle 
Dissertation  K.  Lattes^  in  Kapitel  111 — V.  Besonders  hervor- 
gehoben sei  der  Abschnitt  über  die  Pyrriche,  in  dem  auch  auf 
das  Wesen  der  Kureten  des  längeren  eingegangen  und  der  neue 
kretische  Hymnus  behandelt  wird.  —  Die  Verteilung  des 
Opferfleisches  bei  den  Griechen  untersucht  in  umsichtiger 
Weise  die  fleißige  Dissertation  Fr.  Puttkamraers.*  Es  wird 
hier  nicht  nur  eine  nützliche  Zusammenstellung  des  vornehmlich 
aus  den  Inschriften  gewonnenen  Materials  geboten,  sondern  auch 
nach  Möglichkeit  den  Gründen  der  Erscheinungen  nachgegangen. 
Die  allmähliche  Verweltlichung  der  Einrichtung  tritt  in  der  Dar- 
stellung gut  hervor.  —  Ein  großer  Teil  der  sogenannten  Toten- 
mahlreliefs   wird    von   Rhomaios   in   einer  anregenden  Studie 


'  0.  Weinreich  J)e  dis  ignotis  rjuaestümes  selcctae,  Halle  1914  =  Archiv 
XVIII  1915,  itr. 

*  H.  Pomtow    Die  große  Tholos  zu  Delphi  und  die  Bestimmung  der 
delphischen  liundhauten,    Klio  XII  1912,  179flF.    2JJlff.  S.  besonders  289ff. 

"  K.  Latte,  De  saliationibus  Graecorum  capita  quinque,  Religiousgesch. 
Vera.  u.  Vorarb.  XIII  8.  Gießen  1913. 

*  Fr.  Puttkammer   Quomodo   graeci  victimnrum   carnes  distribuerint, 
DiBB.  Königsberg  1912 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  X57 

Über  Reliefs  aus  Tegea^  als  Weihreliefs  an  Götter  und 
Heroen  in  Anspruch  genommen,  die  Bezeichnung  d-eo^svca  mit 
Recht  auf  die  Götterbe wirtuugen  beschränkt,  die  dem  aus  der 
Ferne  herbeigekommenen  Gotte  zuteil  werden.  —  Die  Frage, 
ob  man  in  Attika  für  einen  <pövos  dixaiog  rituelle  Reinigung 
verlangt  habe  oder  nicht,  erörtert  J.  W.  Hewitt  in  fördernder 
Weise.2  —  Mit  der  Schrift  des  Giraldi  (1479—1552)  über  die 
Symbole  des  Pythagoras  beschäftigt  sich  Fr.  Boehm',  der 
sich  um  das  Studium  dieser  Symbole  bereits  verdient  gemacht 
hat.  Er  analysiert  die  Arbeitsweise  des  Humanisten,  zeigt  seine 
weitgehende  Abhängigkeit  von  Erasmus  auf  und  macht  es  wahr- 
scheinlich, daß  Giraldi  in  dem  Schlußteile  seiner  Schrift  dem 
Pythagoras  Vorschriften  beilegte,  die  er  selbst  auf  Grund  seiner 
volkskundlichen  Kenntnisse  erfunden  hatte.  Für  den  Volks- 
glauben des  15.  und  16.  Jahrhunderts  bieten  die  in  die  Be- 
sprechung der  einzelnen  pythagoreischen  Symbole  eingestreuten 
Hinweise  Giraldis  auf  ähnliche  Bräuche  seiner  Zeit  eine  mit 
Vorsicht  zu  nutzende  Quelle  (vgl.  S.  19).  —  Eine  Enttäuschung 
bereitet  die  mit  vielversprechenden  Sätzen  anhebende  Arbeit 
von  A. Nawrath  über  die  griechischen  Hochzeitsdarstellungen 
auf  Vasen.*  Sie  enthält  nichts  Neues  von  Belang  und  ist  in 
Methode,  Zitierweise,  Literaturkenntnis  und  Darstellung  un- 
zureichend. 

In  einer  inhaltreichen  Abhandlung  bespricht  Fr.  H  e  i  n  e  v  e  1 1  er^ 
die  auf  mehreren  kleinasiatischen  Inschriften  erhaltenen  Reste 


*  K.A.  Rhomaios  Tegeatische  Reliefs,  Athen.  Mitt.  XXXIX  1914,  204  ff. 

*  J.  W.  Hewitt  The  Necessity  of  Eitual  Purification  after  Justifiable 
Homicide,  Transactions  of  the  American  Phüological  Association  XLI 
1910,  99ff. 

'  Fr.  Boehm  Die  Schrift  des  Giglio  Gregorio  Giraldi  über  die  Symbole 
des  Pythagoras,  Progr.  d.  Friedr.-Wilhelms-Gymn.,    Berlin  1913. 

*  A.  Nawrath  De  Graecorxtm  ritibus  nwptialibus  e  vasculis  demon- 
irandis,  Diss.  Breslau  1914. 

*  Fr.  Heinevetter  Würfel-  und  Buchsidbenorakel  in  Griechenland  und 
Kleinasien,  Festgruß  d.  archäol.  Seminars  zum  hundertjährigen  Jubiläum 
der  Univ.  Breslau,  Breslau  1912. 


]^58  Ludwig  Deubner 

von    Würfelorakeln,     die    verschiedene    Rezensionen    eines 
Originals  darstellen.^    Zugrunde   liegt   ein  Spiel   von   5  Astra- 
galen,  die  eine  Gesamtheit  von  56  Kombinationsmöglichkeiten 
ergeben.     Jeder  Kombination    entspricht  ein  Orakel.     Die  An- 
ordnung der  Orakeltexte  ist  die,  daß  mit  der  kleinsten  Summe 
besonnen  wird.     Jeder    Abschnitt    wird    eingeleitet    durch    die 
Angabe  der  Einzelwürfe  {AAAAA),  der  Gesamtsumme  {E)  und 
des   Gottes,   der   dem  Wurf  vorsteht  (..^^/tög  "OlvunCov)-^  darauf 
folgt  ein  Hexameter,  der  den  Wurf  bezeichnet  und  drei  weitere, 
die  das  Orakel  enthalten.    Nach  einigen  Bemerkungen  über  die 
Technik  der  Würfelorakel  geht  der  Verfasser  zu  den  Buchstaben- 
orakeln  über,   die   sich    vielleicht  aus   den   Würfelorakeln  ent- 
wickelt haben  und  deren  Technik  darin  bestand,  daß  man  sich 
aus    einer   Spruchreihe,   deren   Anfangsbuchstaben   alphabetisch 
geordnet  waren,  den  mit  dem  erlosten  Buchstaben  beginnenden 
Vers  als  Orakel  heraussuchte.    Im  Zusammenhang  damit  findet 
ein  interessantes  massives  Bronzedigamraa  des  archäologischen 
Museums    von   Breslau    seine   Erklärung,    das  zweifellos   einem 
solchen     Orakel     gedient    hat.     Merkwürdigerweise    steht    auf 
diesem  Buchstaben  das  Zahlzeichen  für  25   und  die  Aufschrift 
rivd-aieog.      Beides    hat    wohl    Beziehung    zum    Würfelorakel, 
wenn  auch  der  eigentliche  Sinn  dieser  Vermischung  noch  nicht 
<remi<ren(\  klar<iestellt  zu  sein  scheint.    Daß  das  Bronzedigamma 
in    der   Argolis    im    3.  Jalirh.   v.  Chr.    hergestellt    worden    ist, 
darf   als  gesichert  angesehen  werden.      V^on  dem  sonstigen  In- 
halte möchte  ich  noch  die  mit  Buchstaben  bedeckten,  aus  ver- 
schiedenem   Material    bestehenden    Polyeder    hervorheben,    die 
wahrscheinlich     ebenfalls     zu    Orakelzweckeii     gedient    haben. 
Vielleicht  privaten:   es   wäre   denkbar,   daß   den  Polyedern   lür 
den  Hausgebrauch  angefertigte  Orakelrepertorien  entsprachen.— 
Die  Verwendunii;  von  Orakel  und  Traum  in  der  dramatischen 


'    Ein     neues    FraKmenl,    das    einige    Lücken    füllt,    veröffentlicht 
H.  A.  Ormerod  Journ.  of  Hell  Stud  XXXII  1912,  270 If. 


Griechische  uud  römische  Religion  1911 — 1914  159 

Technik  behandelt  R.  Staehlin.^  —  Die  brauchbare  Tübinger 
Dissertation  von  K.  Steinhauser  über  das  Prodigienwesen 
in  Griechenland^  bespricht  im  ersten  Teile  das  Verhältnis  von 
Volk,  Bildung,  Wissenschaft  und  Kult  zum  Prodigienglauben 
und  gibt  im  zweiten  Teile  eine  Aufzählung  der  verschiedenen 
Arten  von  Prodigien.  Empfehlenswerter  wäre  folgende  Dis- 
position gewesen:  1.  Volksglaube,  2.  Kult,  3.  Stellung  von 
Wissenschaft  und  Bildung. 

In  einem  starken  Bande  (500  S.)  hat  P.  Foucart  seine 
früheren  Forschungen  über  die  eleusinischen  Mysterien 
zusammengefaßt.^  Er  vertritt  aufs  neue  seine  bekannte  Ansicht 
von  dem  ägyptischen  Ursprung  dieser  Einrichtung,  ohne  ernst- 
hafte Beweise  anführen  zu  können.  Weder  Funde  von  ägyp- 
tischen Skarabäen^,  noch  die  Danaossage,  noch  gewisse  Ana- 
logien im  beiderseitigen  Kultus  können  jene  kühne  Auffassung 
irgendwie  wahrscheinlich  machen.^  Aber  abgesehen  von  diesem 
seltsamen  Grundirrtum  wird  das  Buch  Foucarts,  das  nunmehr 
alle  Eleusis  betreffenden  Dinge  (soweit  literarische  und  epi- 
graphische Zeugnisse  in  Frage  kommen)  erschöpfend  und  um- 
sichtig behandelt,  als  Nachschlagewerk  jedem  Bearbeiter  des 
eleusinischen  Kultes  die  besten  Dienste  leisten.  Es  ist  bei 
unserem  äußerst  dürftigen  Wissen  von  dem  eigentlichen  Inhalt  der 
Mysterien  nur  natürlich,  daß  man  der  Hypothese  nicht  ganz  entraten 

'  R.  Staehlin  Da><  Motic  der  Mantik  im  antiken  Drama,  Relifious- 
gesch.  Vers.  u.  Vorarb.  XII  1,  Gießen  1912. 

-  K.  Steinhäuser  Der  Prodi gienglaube  und  das  Prodigiemresen  dtr 
Griechen,  Diss.  Tübingen  1911. 

*  Paul  Foucart  Les  my stires  d' Eleusis,  Paris  1914. 

*  Über  ägyptische  Funde  in  Griechenland  (u.  a.  in  Delphi  und 
Sunion)  s.  Bissing  Der  Anteil  d.  ägypf.  Kunst  am  Kunstleben  d.  Völker, 
München  1912,  67f.  (Nachweis  von  Karo). 

"^  Auch  die  Ausführungen  Aßmanns  über  Ägypter  in  Troja  und 
Böotien  Berl.  philöl.  Wochemchr.  1920,  16  ff.  können  Foucart  nicht  als 
Stütze  dienen,  selbst  dann  nicht,  wenn  sie  sich  in  vollem  Umfange  als 
stichhaltig  erweisen  sollten.  Vgl.  Bhsing  Berl  philol.  Wochenschr.  1920, 
405  ff. 


160  Ludwig  Deubner 

kann.  Doch  versteigt  sich  der  Verfasser  gelegentlich  auch  hier 
zu  allzu  vagen,  ja  unwahrscheinlichen  Aufstellungen,  so  wenn 
er  die  höheren  Weihen  der  Epoptie  mit  dem  Gotte  Dionjsos 
verbindet  (445 ff.).  Für  beachtenswert  halte  ich  die  Betonung 
der  rituellen  Bedeutung  des  ÖQco^svoVf  das  den  Raub  und  die 
Wiederfindung  der  Köre  darstellte  (464f.),  wenn  mich  auch  die 
S.  496  f.  gegebene  Erklärung  zu  abstrakt  anmutet.  Überhaupt 
scheint  mir  der  Verfasser  von  dem  Wesen  ritueller  Handlungen 
eine  etwas  blasse  Vorstellung  zu  besitzen,  womit  denn  auch 
Beine  übertriebene  Abneigung  gegen  Magie,  Folklore  usw.  in 
Zusammenhang  steht.  Gelegentlich  stößt  man  auf  eigentümliche 
Lücken  in  der  Literaturkenntnis.  So  vermißt  man  S.  379  bei 
dem  iQyaöäfisvog  der  eleusinischen  Formel  ein  Eingehen  auf 
Dieterichs  wichtige  Ausführungen  in  der  Mithrasliturgie  S.  125. 
S.  330  fehlt  Lippolds  aufschlußreicher  Aufsatz  über  die  Trito- 
patores,  s.  o.  S.  146.  Daß  es  außerhalb  des  eleusinischen  Kultes 
bei  den  Griechen  kein  sakrales  Fasten  gegeben  habe,  wird  durch 
die  in  meiner  Schrift  De  incuhatione  14  f.  angeführten  Belege 
widerlegt.  Was  über  lakchos  gesagt  wird  (110  ff.),  möchte  ich 
der  Aufmerksamkeit  des  Lesers  ebenso  empfehlen  wie  die  Ab- 
lehnung des  orphischen  Finflusses  252 ff'.* 

W.  GundeP  verfolgt  die  Entwicklung  der  Begriffe  Ananke 
und  Heimarniene  sowie  deren  Personifikation  von  Thaies  bis 
an  den  Ausgang  des  Altertums,  indem  er  hauiitsächlich  die  An- 
schauungen der  Philosophen  behandelt,  Anschauungen,  in  denen 
religiöse  Vorstellungen  eine  nicht  geringe  Rolle  spielen.  Auch 
die  Volksreligion  wird  berührt,  in  der  speziell  Ananke  die  Be- 
deutung einer  Todesgöttin  erlangt  hat. 

Die  Lehren  des  Hermes  Trismegistos  darzustellen  hat 
Josef  Kroll  unternommen*,   indem    er   .sie    in    die   Hauptteile: 

'  Vjyl  dazu  Kern   Orpheus  (Hcrlin  1920)  S.  14.  30.  .03. 

*  W.  CJiimlel  Jieitrüge  :ur  Kvtnickhaigfigciichichte  der  Begriffe  Ananke 
und  Heimnrniene,  Habilitationsschrift  Gießen  19 1 4. 

•  JoBef  Kroll  Die  Lehren  des  Ifertnes  Trismegistos,  Baeumkers  Beiir. 
z   Gesch.  d.  Philos.  d.  Mittelalters  XII  Heft  2—4,  Münster  i.  W.  1914. 


Griecbische  und  römische  Religion  1911 — 1914  IßJ 

Götfeerlehre,  Lehre  von  der  Welt,  Lehre  vom  Menschen,  Ethik 
und  Religion  gliedert.  Er  hat  mit  großem  Fleiß  viel  wert- 
volles Material  zur  Kenntnis  der  Hermetik  zusammengebracht 
und  für  das  einzelne  allenthalben  Zusammenhänge  mit  Posei- 
donios,  Philo,  den  Gnostikern  usw.  aufgezeigt.  Seine  spezielle 
Absicht,  im  Gegensatz  zu  Reitzensteins  Arbeiten  das  Ägyptische 
möglichst  auszuschalten  und  die  Fäden  aufzudecken,  die  zu 
griechischem  Denken  zurückführen,  hat  er  erreicht.  Die  eigent- 
liche Aufgabe  einer  zusammenfassenden  Darstellung  war  in 
dieser  Form  unlösbar,  denn  ^das  unsystematische  Gewirr  der 
hermetischen  Lehren'  (185  f.)  läßt  sich  nicht  systematisch  er- 
fassen, zumal  nicht  nur  die  verschiedenen  Quellen  voneinander 
abweichen,  sondern  gelegentlich  sogar  in  ein  und  dem- 
selben Schriftwerk  die  verschiedenen  Teile,  wie  das  Kroll  in 
bezug  auf  den  Dualismus  von  Gott  und  Materie  S.  120  an- 
gemerkt hat.  Durch  das  Aneinanderreihen  einer  überreichen 
Fülle  von  Einzelheiten  und  Parallelen  hat  das  Buch  etwas 
Formloses  bekommen,  das  der  Verfasser  nicht  imstande  war 
zu  überwinden,  trotz  allen  Bemühens,  die  historische  Linie  in 
diesem  Chaos  hervortreten  zulassen.  Es  wäre  vielleicht  richtiger 
gewesen,  die  Aufgabe  gleich  so  anzufassen,  wie  es  der  Verfasser 
selbst  am  Schluß  seiner  zusammenfassenden  Bemerkungen  S.  389 
andeutet:  zunächst  Interpretation  der  einzelnen  hermetischen 
Schriften,  Feststellung  ihres  Ideengehalts,  eventuell  Aufdeckung 
verschiedener  Schichten,  sodann  eine  vergleichende  Betrachtuns: 
der  verschiedenen  Schriften  und  endlich  eine  zusammenfassende 
Darstellung  der  gedanklichen  Einflüsse,  die  sich  in  dem  her- 
metischen Korpus  nachweisen  lassen,  dergestalt,  daß  Umfang 
und  Intensität  erkennbar  werden,  in  dem  und  mit  der  sich 
hier  frühere  Lehrmeinungen  geltend  machen.  Dazu  müßte 
eine  mehr  literarische  Untersuchung  über  die  äußere  Einkleidung 
treten  (vgl.  S.  387  Anm.),  die  dann  wohl  die  positiven,  konsti- 
tutiven Elemente  der  hermetischen  Schrift  stellerei  herauszu- 
arbeiten hätte.     Für   alle  diese  Forderungen   der  Zukunft  hat 

Archiv  f.  Religionswissensohaft  XX  JJ 


162  Ludwicr  Deubner 

der  Verfasser  —  das  sei  nochmals  ausdrücklich  hervorgehoben 
—  wertvollste  Vorarbeit  geleistet.  —  Verzeichnet  sei  in  diesem 
Zusammenhang  ein  Buch  Fr.  M.  Cornt'ords,  in  dem  der  Versuch 
gemacht  wird,  das  Fortleben  religiöser  Vorstellungen  in  den 
Theoremen  griechischer  Philosophen  nachzuweisen.* 

Das  Verhältnis  eines  Dichters  zur  Religion  schildert  C,  Pascal 
in  seinem  nicht  sehr  tief  greifenden  Buche  über  Aristophanes.' 
Es  wird  betont,  daß  manche  satirische  Darstellung  der  Götter  sich 
schon  in  der  Tragödie  vorbereitet, und  speziell  auf  die  Abneigung  des 
Dichters  gegen  alle  fremdländischen  Gottheiten  hingewiesen; 
doch  kann  hieraus  schwerlich  das  Verhältnis  des  Aristophanes 
zu  Dionysos  erklärt  werden  (S.  65).  Für  verfehlt  halte  ich  die 
chthonische  Deutung  der  Basileia  am  Schluß  der  Vögel ,  und 
auch  dem  für  die  Choen  erschlossenen,  mit  dem  Namen  des 
Orest  verknüpften  Lustrationsritus  (86  ff.)  stehe  ich  höchst 
skeptisch  gegenüber.  —  Die  Volkstümlichkeit  der  Götteranrufung 
und  des  Gebets  in  Aristophanes' Komödien  hebt  K. Ziegler  hervor.* 

Als  ein  Muster  von  Sagenanalyse  sind  die  lichtvollen  und  über- 
zeugenden Untersuchungen  Maltens  über  die  kyreuäischen 
Sagenüberlieferungen  hervorzuheben.*  Die  älteste  epicl)orische 
Fassung  wird  rekonstruiert  und  scharf  von  der  späteren  Um- 
bildung geschieden,  die  in  delphischem  Intere.sse  die  Handlung 
von  Kyrene  fort  nach  Thessalien  verlegt  und  mit  ApoUon  ver- 
bindet, auch  den  thessalisch-keischen  Fruchtbarkeitsgott  Ari- 
staios  und  den  Vorgebirgsgott  Antaiou  genealogisch  einbezieht. 

'  Fr.  M.  Cornford  From  Religion  tn  Philosnphy,  a  Study  in  thc  Ori- 
gins  of  WcRtern  Speculation,  London  1912  Vtrl.  Gmppe  Berl.  philnl. 
WocJientichr.  1913,  668  ff. 

•  C.  Pascal  Dioniso,  Saggio  sulla  religione  e  la  purodia  religiosa 
in  Aristofanc,  Catania  1911. 

'  K.  Ziegler  Die  altattischen  Komiker  und  die  Volksreligion,  Festschrift 
für  Breslau  (s.  o.  S.  HoA.  6)  44ötr. 

*  L.  Malten  Kyrene,  Sagenge-'Chtchtliche  und  historische  l  Untersuchungen, 
Philolog.  Unters,  lierausgeg.  v.  Kießling  u.  Wilamowitx  lieft  XX,  Berlin 
1911.  Zur  Beurteilung  der  bei  Herodot  vorliegenden  Überlieferung  vs]. 
.lacoby  Pauly-Wissmra  Suppl.  II  434  ff. 


Griechische  und  romische  Religion  1911  —  1914  ][g3 

Kyrene  selbst  erweist  sich  als  Ortsnymphe,  ohne  jede  weiter- 
reichende religiöse  Bedeutung,  im  Gegensatz  zu  Aristaios,  dessen 
Kult  nach  den  verschiedensten  Seiten  der  griechischen  Welt 
ausstrahlte.  Für  nicht  gelungen  halte  ich  die  Gleichsetzung 
der  Teichinen  mit  den  Hunden  des  Antaion  (91  f.):  es  ist  fast 
die  einzige  Stelle  des  ausgezeichneten  Buches,  wo  sich  ein 
Widerspruch  regt.  Der  zweite  Teil  legt  in  der  behutsamsten 
Weise  die  mannigfach  verwickelten  kyrenäisch-theräischen  Sied- 
lungssagen auseinander  und  zieht  mit  sicherem  Urteil  die 
Schlüsse  für  das  geschichtliche  Substrat.  Sie  gipfeln  darin, 
daß  Kyrene  zum  ersten  Male  vor  dem  Jahre  1000  vom  Pelo- 
ponnes  aus  durch  Stämme  besiedelt  wurde,  die  der  vordorischen 
Schicht  angehörten  und  sich  in  der  Heimat  mit  vordorischen 
Zuwanderern  aus  Thessalien  vermischt  hatten.  Um  631  v.  Chr. 
folgte  dann  eine  zweite  große  Siedlungswelle  aus  Thera,  und 
zwar  waren  es  diesmal  Dorer,  die  auf  dieser  Insel  mindestens 
seit  1000  V.  Chr.  gesessen  hatten.  Die  Kultstätten  Kyrenes  sind 
in  dem  topographischen  Abschnitt  201  ff.  besprochen.  —  Das 
neue  Material,  das  die  im  VII.  Bande  der  Ox.  Pap.  veröffent- 
lichten Reste  der  kallimacheischen  Aitia  für  die  Urgeschichte 
von  Keos  lieferten  (V.  56  ff.),  mußte  naturgemäß  zu  einer  Ge- 
samtbearbeitung der  ältesten  keischen  Sagen  und  Kulte 
reizen.  Sie  ist  von  K.  C.  Storck  in  einer  Gießener  Disser- 
tation unternommen  worden^  und  hat  da  und  dort  unsere  Er- 
kenntnis erweitert  und  geklärt.  Vor  der  Benutzung  der  Scho- 
llen zu  Ovids  Ibis  (^Storck  S.  21f.j  ist  zu  warnen,  vgl.  Teuffel- 
Kroll  Gesch.  d.  röm.  Lit.  II  107,  3  Abs.  2.  —  Die  wenig  über- 
sichtlichen Ausführungen  Vürtheims  über  die  Stelluno-  des 
Teukros  und  der  Teukrer  in  der  griechischen  Sagengeschichte ^ 


^  K.  Chr.  Storck  Die  ältesten  Sagen  der  Insel  Keos,  Disa.  Gießen 
1912.  —  Ich  verzeichne  dazu  P.  G.  Gunning  De  Ceorum  fahulis  I,  Amster- 
dam 1912. 

*  J.  J.  G.  Vürtheim  Teukros  u.  die  Teukrer,  Untersuchnng  der  home- 
rischen u.  d.  nachhomer.  Überliefening,  Rotterdam  1913. 

11* 


1(54  Ludwig  Denbner 

enthalten,  abgesehen  von  dem  Hinweise  auf  die  wahrschein- 
lichen Beziehungen  d<'r  Teukrer  zu  den  Lelegern,  nichts  Be- 
merkenswertes. 

Einige  Gruppen  von  Metamorphosensagen  hat  Bubbe  in 
seiner  Dissertation  zusammengefaßt.*  Zunächst  (Kap.  I)  solche 
Sagen,  die  von  einer  Verwandlung  in  ein  Tier  erzählen,  z.  B. 
lo,  Kallisto.  Sie  hängen  mit  altem  Tierkult  zusammen  und 
stellen  die  Verbindung  zwischen  diesem  und  entwickelteren 
anthropomorphen  Vorstellungen  her.  Ihnen  verwandt  sind  die 
im  IV.  Kapitel  vereinigten  Verwandlangen  in  Pflanzen:  denn 
auch  diese  dachten  sich  die  Griechen  von  göttlichem  Numen 
beseelt.  Die  Verwandlungen  in  Steine  (Kap.  II)  beruhen  im 
wesentlichen  auf  äußeren  Ähnlichkeiten,  die  in  Vögel  (Kap.  Ili) 
auf  deren  Gebaren,  das  in  mancherlei  Zügen  an  das  der 
Menschen  erinnert.  In  II  und  III  sind  die  volkstümlichen  und 
die  von  Dichtern  erfundenen  Sagen  getrennt  behandelt.  Die 
Arbeit  enthält  nicht  viel  mehr  als  eine  katalogartige  Auf- 
zählung.* Die  Darstellung  der  Sagenentwicklung,  die  besonders 
im  I.  Kapitel  geboten  wird,  würde  man  gerne  enthehren,  da 
sie  für  den  eigentlichen  Zweck  der  Schrift  nichts  ausgibt. 

Den-  Mythos  vom  Koreraub  lührt  Fr.  M.  Cornford  auf  die 
Bergung  des  geernteten  Getreides  in  unterirdischen  Vorrats- 
räumen zurück"'  und  erblickt  in  dem  Hervorholen  der  Saat  die 
Wiederkehr  der  Göttin.  Im  spätert-n  Altertum  scheinen  solche 
Gedanken  vorzukommen,  der  eigentliche  Sinn  des  Mythos  wird 
damit  schwerlich  getroffen.  —  Völlig  unkritisch  und  verfehlt 
ist    der   Versuch   J.   K    Harrisons    in    derselben    Festschrift^, 


'  ffualt.  Bubl)e  De  mctamorphosibus  Grnecorum  capita  selecta,  Dise. 
Hai.  XXIV  1  (1913).  —  Eiu  alle  Metamorphosen  umfassendes  Buch 
wird  vom  Verf.  auf  S    1  in  Anssicht  gostellt. 

'  Vgl.  auch  da»  Urteil  von  Magnus  IJLZ  1914  S.  1197. 

•  Fr,  M.  Cornford  The  dnaQxcci  and  the  Elcusinian  Mysieries,  Essays 
and  Sindifs  prescnUd  to  William   Kidgeway,    Cambridge  1914,  163  ff. 

*  I.  E.  Harrison  Sopli.  Ichn.col.  IX  I — /  and  the  dgmuEvov  of  Kyllenc 
nvd  the  Satyrs,  ebd    136  ff. 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  \fjPf 

die  Kylleneszene  der  Ichneutai  des  Sophokles  auf  ein  rituelles 
Frühlings-Dromenon  zurückzuführen.  Die  Hemmungslosigkeit 
der  vorgetragenen  Kombinationen  mag  durch  die  Tatsache  be- 
leuchtet werden,  daß  die  zum  Tode  verurteilte  Vestalin,  der 
nach  dem  Ausdruck  des  Plutarch  äiiaqyai  von  Lebensmitteln 
mitgegeben  werden,  mit  Köre,  d.  h.  dem  in  unterirdischer  Vor- 
ratskammer geborgenen  Korne,  in  Parallele  gesetzt  wird. 

Die    Volkstümlichkeit    der    Thanatosgestalt    betont    mit 
Recht    K.  Keinem ann,^     Neben    der    primitiven    Vorstellung 
erscheint   seit  der  Homerischen  Sarpedonepisode  der  veredelte 
Typus   des  Bruders   des  Schlafes,   und  noch   später  betrachtet 
man  den  Dämon  als  den  Erlöser  von  allen  Leiden.    Die  Home- 
rische Vorstellung  wird  von  der  bildenden  Kunst  aufgegriffen, 
die   den  Tod   immer  in  dem  Sarpedonschema  mit  dem  Schlaf 
gruppiert.     Das   starke  Wiederaufleben   dieses  Motivs   auf  den 
weißgrundigen  Lekythen  wird  einleuchtend  aus   der  Sitte  des 
k-xixdffio^  Adj^og  abgeleitet,  in  dem  der  Vergleich  mit  Sarpedon, 
insbesondere  für  die  in  der  Fremde  gefallenen  Krieger,  nahe- 
lag (73 f.);  dann  fand  die  Übertragung  auch  auf  andere  Tote  statt. 
Des  Apuleius  Märchen  von  Amor  und  Psyche  auf  einen 
orientalischen  Göttermythos  zurückzuführen  versucht  R.  R  eitzen- 
stein    in   einem   gedankenreichen    und    literarhistorisch   wert- 
vollen Büchlein.^     Wenn  ich  recht  verstanden  habe,   soll  der 
Mythos   von  der  Vereinigung  des  Gottes  Eros  mit  der  Göttin 
Psyche   in   mystischen  Kreisen  Prototyp  und  Garantie   für   die 
Vereinigung  der  Menschenseele  mit  der  Gottheit  geworden  sein 
(vgl.  S.  28).  Die  Grundlagen  für  jene  Auffassung  des  Apuleius- 
Märchens    bestehen  im  wesentlichen    aus    folgendem.     Einmal 
handelt   es    sich  um  zwei  Anweisungen  für  einen   durch  Eros 
zu  bewirkenden  Liebeszauber.     Es  soll  L  auf  einem  Stein  ein 

*  K.  Heinemann  Thanatos  in  Poesie  tmd  Kunst  der  Griechen,  Dies. 
München  1913. 

*  R.  Reitzenstein  Bas  Märchen  von  Amor  mid  Psyche  bei  Apuleiue, 
Leipzig  1912. 


166  Ludwig  Denhner 

Bild  der  Aphrodite  hergestellt  werden,  wie  sie  auf  der  Psyche 
reitet  und  ihre  Haare,  offenbar  in  quälerischer  Absicht,  hochzieht; 
gleichzeitig  soll  Psyche  von  unten  durch  eine  von  Eros  ge- 
haltene P^ackel  gesengt  werden.  Auf  der  anderen  Seite  des 
Steins  sollen  Eros  und  Psvche  voneinander  umschlungen  ab- 
gebildet  werden.  2.  soll  ein  bogenschießender  Eros  aus  Wachs 
gefertigt  werden,  bestimmt,  Psyche  zu  treffen.  In  beiden  Fällen 
wird  Eros  im  Zaubergebet  mit  einer  großen  Anzahl  von  Epi- 
theta und  Prädikaten  angerufen.  Ich  glaube  nicht,  daß  die 
vorgeschriebenen  Darstellungen  auf  eine  Erzählung  zurückgehen, 
wie  R,  meint  (S.  19  f.).  Es  scheint  sich  mir  einfach  um  Bilder 
der  gequälten,  zu  quälenden  und  glücklich  mit  Eros  vereinten 
Psyche  zu  handeln,  die  der  Verfasser  der  Zaubertexte  ohne 
allen  religiösen  Zusammenhang  kennenlernen  und  die  er  pas- 
seuderweise  als  Mittel  eines  Analogiezaubers  verwenden  konnte. 
Genaueres  wird  sich  erst  sagen  lassen,  wenn  alle  die  Bilder, 
deren  Anfertigung  die  Zauberpapyri  vorschreiben,  auf  ihre 
Vorlagen  untersucht  sind.  Die  Erzählung,  die  R.  aus  den 
Zauberbilderu  und  Apuleius  erschließt,  wird  von  ihm  als  helle- 
nistischer Göttermythos  bezeichnet.  Dann  muß  Psyche  eine 
Göttin  sein  (S.  21),  und  zwar  eine  orientalische,  die  später  ins 
Griechische  umgedeutet  wurde.  Eine  Spur  dieser  orientalischen 
Göttin  findet  R.  in  dem  von  Dieterich  im  Abraxas  behandelten 
Papyrus,  wo  Psyche  als  siebente  Gottheit  vom  Urgott  geschaffen 
wird.  Eine  solche  orientalische  Göttin  Psyche  scheint  es  tat- 
sächlich gegeben  zu  haben,  vgl  Keitzenstein  Hcidelh.  Sitz.  Ber.  1917 
Abb.  10,  einen  Zusammenhang  aber  zwischen  dem  Mythos  dieser 
Gfittin  und  dem  Märchen  des  Apuleius  halte  ich  nicht  für  er- 
wiesen.' Ebensowenig  vermag  ich  in  den  von  Reitzenstein  be- 
hand<*lteu  genrehaften  Eros-  und  Psychedarstellungen  der  ägyp- 
tisch-hellenistischen Kleinkunst*  eine  Nachwirkung  jenes  Mythos 

'  V^rl.  auch  R.  Helm  Neue  Jahrb.  XXX III  1914,  170 ff. 
*  K.  Reitzenstein    f'Jms   und    Psyche    in   der   ägyptisch -griechischen 
Kh,„l-uvsf.  Heidelb.  Sitz.  Bcr.  1914  Abb.  12. 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  167 

zu  erblicken.  Die  auf  diesen  Darstellungen  erscheinenden  Mo- 
tive (Lampe,  Flasche,  Kanne)  sind  trotz  Reitzenstein  a.a.O. 
S.  7,  3  nicht  auf  eine  Erzählung  zurückzuführen,  sondern  finden 
in  den  entsprechenden  Gegenständen,  die  mit  jenen  Darstellungen 
geschmückt  sind,  ihre  ausreichende  Erklärung. 

Die  Quellen  des  im  platonischen  Symposion  vorgetragenen 
aristophanischen  Mythos  von  den  runden  Doppelmenschen, 
die  wegen  ihrer  Hoffart  von  Zeus  zerschnitten  werden  und 
deren  Hälften  in  Erinnerung  an  den  Urzustand  sich  zu  ver- 
einigen streben,  untersucht  K.  Ziegler.^  Schon  andere  Ge- 
lehrte, z.  B.  Zeller  und  Bury,  hatten  auf  Anklänge  an  Empe- 
dokles  aufmerksam  gemacht,  die  sich  im  Symposion  finden; 
die  platonischen  Doppelmenschen  erweisen  sich  als  nahe  ver- 
wandt den  mit  doppeltem  Gesicht,  doppelter  Brust  und  mann- 
weiblicher Bildung^  ausgestatteten  Geschöpfen  der  zweiten 
Empedokleischen  Schöpfungsperiode.  Ziegler  schließt  aus 
diesen  und  anderen,  mir  weniger  durchschlagend  erscheinenden 
Parallelen  auf  enge  Beziehung  zwischen  Plato  und  Empedokles. 
Er  nimmt  dann  aber  weiteV  an,  daß  eine  Reihe  von  Zügen  des 
platonischen  Mythos  die  engste  Berührung  mit  der  orphischen 
Kosmogonie  aufwiesen.  Insonderheit  hält  er  die  Teilung  des 
orphischen  Welteis  in  Himmel  und  Erde  für  eine  wichtige 
Analogie  zur  Teilung  der  platonischen  Doppelmenschen.  Er 
erschließt  demzufolge  eine  orphische  Anthropogonie,  die  von 
Empedokles  und  Plato  benutzt  sei,  von  Plato  nicht  direkt, 
sondern  durch  eine  nicht  mehr  nachweisbare  Mittelquelle,  die 
Empedokles  mit  der  orphischen  Anthropogonie  kontaminiert 
habe.  Die  orphische  Anthropogonie  sei  ferner  von  babylonischen 
Vorstellungen  abhängig,  die  ihrerseits  auch  die  biblische  Schöp- 

^  K.  Ziegler  Menschen-  und  Weltenwerden,  ein  Beitrag  zur  Gesch.  ä. 
Mikrokosmosidee,  Neue  Jahrb.  XXXI  1913,  529  ff. 

^  In  Neuseeland  glaubt  man,  daß  vor  der  eigentlichen  Weltschöpfung 
im  Chaos  doppelgeschlechtige  Wesen  existierten,  vgl.  Archiv  X  1907, 
S.  542: 


168  Ludwig  Deubner 

fungsgeschichte  beeinflußt  hätten.  Die  Verbindung  der  Orphik 
mit  altbabylonischen  Vorstellungen  kann  zugegeben  werden, 
wenn  auch  über  das  Alter  dieser  Orphik  eine  genauere  Unter- 
suchung erforderlich  ist.  Die  Beziehungen  aber  des  platonischen 
Mythos  zur  Orphik  scheinen  mir  keineswegs  erwiesen.  Wir 
kommen  m.  E.  für  Plato  über  Empedokles  nicht  hinaus.  Und 
auch  hier  ist  vor  Überschätzung  der  aufgedeckten  Parallelen 
zu  warnen.  Ziegler  faßt  die  Rede  des  Aristophanes  bei  Plato 
als  eine  Parodie  auf  eine  damals  bekannte  Anthropogonie  auf.  Das 
ist  sehr  fraglich.  Das  Wesentliche  an  Aristophanes'  Erzählung, 
das  poetisch  Tiefste,  die  Erklärung  des  Eros  als  Sehnsucht  nach 
der  Ganzbeit,  hat  nirgends  eine  Parallele.  Wenn  Plato  zur 
Einkleidung  die.ses  Gedankens  Züge  aus  Empedokles  entlehnt, 
die  aus  der  Lektüre  in  seiner  Erinnerung  hafteten,  so  hat  das 
nur  eine  sekundäre  Bedeutung.  Die  ganze  Erzählung  des 
Aristophanes  ist  eine  einfache  und  folgerichtige  Entwicklung 
des  einen  Grundgedankens,  und  daß  diese  Einfachheit  eine 
Folge  zahlreicher  Umbiegungen  von  Einzelheiten  sei,  die  letzten 
Endes  aus  verschiedenen  Vorlagen  stammen,  wie  der  Verfasser 
meint,  will  mir  nicht  einleuchten.  Was  Plato,  der  Künstler, 
bieten  wollte,  war  nicht  eine  Zusammensetzung  von  Mosaik- 
stiften —  um  ein  Wort  Harnacks  zu  gebrauchen  —  und  über- 
haupt keine  durchgeführte  Parodie,  sondern  eine  Charakteristik 
des  genialen  Erfinders  Aristophanes,  der  wahrscheinlich  nicht 
lange  vorher  gestorben  war.  Daß  bei  der  Konzeption  dieses 
Stückes  empedokleische  Anregungen  von  Einfluß  waren,  ist 
wahrscheinlich,  mehr  aber  schwerlich. 

Nur  literarisch  ist  die  graziöse  Plauderei  Andrew  Längs  über 
den  Helen amythos*  zu  bewerten.  —  In  dem  für  weitere  Kreise 
verfaßten  populären  Büchlein  über  die  mythischen  und  wissen- 
Bchal'tlichen  Anschauungen  von  Entstehung  und  Untergang 


•  Andrew  Lang  Adventurcs  among  Hooks,  3.  Aufl.,  London  usw.  1912, 
287  ff. 


Griechische  und  römiscbe  Religion  1911  —  1914  lß9 

der  Welt  berührt  M.  B.  Weinstein^  auch  die  dahingehörigen 
Ideen  der  griechischen  Mythologie  und  Philosophie.  —  Be- 
herzigenswerte Bemerkungen  über  die  Freiheit,  mit  der  die 
epischen  Dichter  der  Griechen  ihre  mythischen  und  historischen 
Stoffe  verarbeitet  haben,  findet  man  in  einem  Aufsatze  W.  Krolls.- 
Wir  wenden  uns  den  Arbeiten  zu,  die  einzelne  Epochen 
der  griechischen  Religionsgeschichte  zum  Gegenstand 
haben.  Für  die  kretische  Kultur  enthält  das  dieser  Kultur 
gewidmete  Buch  R.  Dussauds^  eine  sehr  verdienstliche 
Zusammenfassung  des  religionsgeschichtlichen  Materials  in  dem 
5.  Kapitel  Cultes  et  mythes,  S.  193 — 273.  Es  werden  besprochen: 
die  Kultlokale,  Doppelast,  liorns  of  consecration  und  Schildfetisch, 
heilige  Bäume  und  Pfeüer,  Altäre  und  Libationsgeräte,  Idole, 
Schlangenfrauen,  Gesten  der  Adoration  und  des  Segnens,  Tier- 
Dämonen,  Zeus,  Rhea  und  andere  Götter,  ritueller  Stierfang  und 
Votive,  Totenkult  und  Grabbeigaben;  den  Beschluß  bildet  eine 
genauere  Analyse  des  Sarkophags  von  Hagia  Triada.  Nicht  sehr 
befriedigend  ist,  was  über  die  kretischen  Götter  vorgebracht 
wird  (246 ff.),  auch  daß  der  Sförmige  Schild  ebenso  mit  dem 
Donner  in  Beziehung  steht,  wie  die  Doppelaxt  mit  dem  Blitz 
(S.  207),  scheint  mir  sehr  fraglich.  Dagegen  ist  die  Deutung 
der  Schlangenfrauen  als  Priesterinuen  (S.  234)  zu  beachten.  Der 
Skepsis  des  Verfassers  gegenüber  manchen  zu  weitgehenden  reli- 
giösen Deutungen  des  glücklichen  Wiederentdeckers  von  Knosos 
werden  die  meisten  beistimmen.  —  Mit  altkretischer  Religion  und 
Mythologie  beschäftigt  sich  auch  ein  Kapitel  der  tango färben  einge- 
kleideten minoischen  Impressionen  Sir  Galahads*  (17ff'.).  „Reli- 


^  M.  B.  Weinstein  Entstehung  der  Welt  und  der  Erde  nach  Sage  und 
Wissenschaft,  Aus  Ivatur  und  Geisteswelt  223,  2.  Aufl.,  Leipzig  und 
Berlin  1913.  —  Ders.  Der  Untergang  der  Welt  und  der  Erde  in  Sage 
wid  Wissenschaft,  Aus  Natur  und  Geisteswelt  470,  Leipzig  und  Berlin  1914. 

*  W.  Kroll  Sage  und  Dichtung,  Neue  Jahrb.  XXIX  1912,  161  ff. 

^  R.  Dussaud  Les  civilisations  prehelJeniques  dans  le  bassin  de  la  mer 
egee,  Paris  1910;  2.  Aufl.   1914. 

*  Sir  Galahad  Im  Palast  des  Minos,  München  191 S. 


170  Ludwig  Deubner 

gere  bedeutet  verbinden*',  „(Religion)  bedeutet  Wiederverknüpfung 
des  in  Einzelleiber  auseinandergefallenen  Lebens  zu  unirdischer, 
unzerreißbarer  Geisterkette".  ^Labris',  Teplon',  'Hymation*  weist 
nicht  gerade  auf  Vertrautheit  mit  griechischer  Kultur;  ^enterdet", 
'völkerlang',  'narzißhafte  Verichung'  und  dgi.  mehr  überrascht 
unser  Stilgefühl.  Manches  ist  nicht  ohne  Witz,  das  meiste  gedunsen. 

Die  Frage  nach  dem  Einfluß  der  mesopotamischen  auf 
die  frühhellenische  (1500 — 1000  v.Chr.)  Religion  erörtert  LR. 
FarnelP  in  seiner  sorgfältigen,  weitblickenden,  unbestechlichen 
Art.  Er  kommt  zu  einem  rein  negativen  Resultat.  Mit  vollem 
Recht.  Vielleicht  erscheinen  Stoff  und  Darstellung  manchem 
etwas  umfangreich  im  Verhältnis  zu  dem  behandelten  Problem. 
Die  Beweislast  fällt  ja  überhaupt  dem  Gegner  zu.  Aber  das 
Buch  ist  auch  mehr  als  eine  polemische  Auseinandersetzung: 
es  bietet  eine  lehrreiche  vergleichende  Charakteristik  der  ge- 
nannten Religionen.  Eine  Schwierigkeit  liegt  bei  solchen  Be- 
trachtungen in  der  genaueren  Fixierung  dessen,  was  'hellenisch' 
ist.  Welche  Vorstellungen  haben  die  einwandernden  Hellenen 
mitgebracht  und  welche  waren  etwa  schon  vor  ihnen  da?  Ist 
die  hellenische  Religion  einheitlich?  Gibt  es  ethnographische 
Unterschiede?  Sind  diese  noch  faßbar?  —  In  einem  wertvollen 
Buche,  das  dem  Einfluß  der  orientalischen  Kunst  auf  die  archa- 
isch-griechische nachgeht,  zeigt  Fr.  Poulsen',  wie  auch  die 
Typen  griechischer  (Jötter  und  Dämonen  von  orientalischen, 
insbesondere  syrischen  Vorbildern  abhängig  sind.  Vgl.  z.  B.  die 
Behandlung  der  tiöxviu  7>i]Q(Öv  llSlf. 

Eine  Charakteristik  der  hellenistischen  Religion  enthält 
der  zweite  Band  von  M.  Wundts  Griechischer  Ethik'  (344(1".). 
Die  tiefdringende  Energie  seines  Denkens  erfaßt  die  Gegensätz- 

'  L.  R.  Farnell  Greece  and  Babylon,  a  Cowparative  Sketch  of  Meso- 
potamian,  Änatolian  nnd  Jlellenic  lieligions,  Edinburgh  1911. 

'  Fr.  Poulsen  Der  Orient  und  die  früh  griechische  Kunst,  Leipzig  u. 
Berlin  1912. 

'  Max  Wundt  Geschichte  der  priechischeu  Ethik,  Band  II:  Der 
Jlellenisvius,  Leipzig  1911. 


Griechische  und  römische  Religion  1911—1914  171 

lichkeit  dieser  Periode  zu  den  früheren  in  voller  Schärfe  und 
sucht  ihre  allgemeinen  konstitutiven  Faktoren  (Rationalisierung, 
Technisierung,  Individualisierung  der  Religion  usw.)  in  mög- 
lichster Geschlossenheit  herauszustellen,  nicht  ohne  jene  feine 
Vergewaltigung,  die  von  allem  philosophischen  Denken  un- 
zertrennlich bleibt.  Es  steht  z.  B.  nicht  so,  daß  im  Hellenismus 
alle  Götter  freizügig  werden  und  vorher  alle  Götter  wurzelhaft 
festsaßen.  Schon  der  missionierende  Kult  des  Apollon  ist  für 
die  frühere  Epoche  ein  durchschlagendes  Gegenbeispiel.  Auch 
jene  Herleitung  des  Herrscherkultes  aus  der  Tatsache,  daß  der 
Monarch  Vertreter  eines  normgebenden  Sittengesetzes  sei  (42 f.), 
entschwindet  in  allzu  abstrakte  Höhen.  Besonders  lesenswert 
sind  die  Ausführungen  über  den  Zusammenhang  zwischen  Stoa 
und  Volksreligion  (287 ff.).  Das  Dasein  der  epikurischen  Götter 
wird  vollkommen  zutreffend  als  Spiegelbild  des  Idealzustandes 
des  epikurischen  Weisen  aufgefaßt  (S.  201). 

Den  Einfluß  der  griechischen  Kultur  im  römischen  Nord- 
afrika weist  W.  Thieling^  auch  an  griechischen  Weih-  und 
Grabinschriften,  an  Fluchtafeln  und  Amuletten  nach.  Von  92 
afrikanischen  Fluchtafeln  sind  20  völlig  griechisch,  29  orie- 
chisch  und  lateinisch  abgefaßt,  41  zwar  lateinisch,  aber  viel- 
fach mit  einzelnen  griechischen  Buchstaben,  Formeln  oder 
Fremdwörtern  vermengt  (S.  45).  Von  den  Weih-  und  Grab- 
inschriften gibt  der  Verfasser  auf  S.  32  ff.  eine  erstmalige 
Sammlung  (80  Nrr.);  14  Amulettinschriften  folgen  weiter 
unten  S.  51  ff.  Außerdem  sei  auf  die  Liste  der  griechischen 
Personennamen  verwiesen,  die  aus  dem  Mythos  oder  Kultus 
abgeleitet  sind  (116  ff.). 

Das  gedankenreiche  und  anziehende  Buch  von  G.  Murray- 
behandelt  vier  Abschnitte  der  griechischen  Religions- 
geschichte:   die    primitive    Periode,    die    Olympier,    die    heUe- 


"  W.  Thieling  Der  Hellenismus  in  Kleinafrika,  Leipzig  und  Berlin  1911. 
'  G-.  Murray  Fot/r  Stages  of  Greek  Religion,  New  York  1912, 


172  Ludwig  Deubner 

nistische  Epoche  und  die  Reaktion  unter  Julian.  Im  Mittel- 
punkt des  ersten  Kapitels  stehen  Erörterungen  über  die  Ent- 
stehung der  Götter,  die  besonders  beachtenswert  sind,  soweit 
sie  den  Ritus  als  Ausgangspunkt  von  Göttervorstellungen  be- 
trachten. Zurückhaltender  wird  man  sich  der  Auffassung 
georenüber  zu  verhalten  haben,  daß  der  Medizinmann  oder 
Zauberkönig  der  erste  Gott  gewesen  sei  und  ein  wesentliches 
Teil  zur  Bildung  der  Gottesvorstellung  beigetragen  habe,  in- 
dem seine  gelegentlich  beobachteten  Mißerfolge  zu  einer 
Differenzierung  zwischen  ihm  und  dem  hinter  ihm  stehenden 
wirklichen  Gott  führten  ( S.  40).  Ebenso  fraglich  ist  es,  ob 
und  inwieweit  auf  griechischem  Boden  mit  der  Formel  Douttes: 
der  Gott  sei  le  dcsir  collectif  personnifie  gerechnet  werden  kann, 
und  auch  die  an  Miß  Harrisons  Arbeiten  anschließenden  Aus- 
führungen über  den  Jahresdämon  Kuros,  aus  dessen  Wieder- 
auferstebung  der  xgCxog  6(dt7]q  wie  mir  scheint  allzu  külm 
abereleitet  wird,  sind  mit  Vorsicht  aufzunehmen.  In  demselben 
ersten  Kapitel  findet  man  gute  Bemerkungen  über  heilige  Tiere 
und  ihr  mana^  sowie  über  die  Attribute  von  Göttern  und 
deren  im  Verhältnis  zur  Gottheit  ursprünglich  selbständige 
und  originale  Bedeutung;  auch  über  Tabu  und  Orakel  wird  ge- 
handelt. Das  zweite  Kapitel  schildert  die  olympischen  Götter. 
Sie  gehörten  dem  Nordvolke  an,  das  in  Griechenland  eindrang, 
und  tragen  den  Charakter  von  Eroberern  an  sich.  Durch  die 
ionischen  Säuger  umgebildet,  erhielten  diese  Gestalten  ihre 
Ausprägung,  vornehmlich  in  Athen.  Sie  haben  das  rohe  Ritual 
der  Vorzeit  in  den  Hintergrund  gedrängt  und  Ordnung  in  da* 
Chaos  relijiiöser  Vorstellungen  gebracht;  auch  waren  sie  ge- 
eignet, als  (j Otter  der  ndkitg  verehrt  zu  werden  und  kom- 
pensierten den  Mangel  an  reeller  Bodenständigkeit  durch  eine 
allgemein  menschliche,  symbolische  Bedeutsamkeit.  Das  dritte 
Kapitel  handelt  von  dem  Verfall  der  olympischen  Religion, 
dem  Aufkommen  der  Tycheverehrung  und  des  Schicksals- 
glaubens,   der   Verehrung    der    Planeten,    dem    Wiederaufleben 


Griechische  und  römische  Religion  1911  — 1914  173 

primitiver  Denkweise  sowie  von  den  Gestalten  des  Mittlers 
und  des  Erlösers  und  von  der  Vergöttlichung  der  Fürsten. 
Den  Kern  des  vierten  Kapitels  bildet  der  Katechismus  des 
unter  Julian  und  in  seinem  Sinne  schreibenden  Sallustius  neQl 
d's&v  xal  y.66^aov,  von  dem  anhangsweise  eine  Übersetzung  mit- 
geteilt wird.  —  In  seinem  warm  empfundenen  Reisebüchlein 
kommt  0.  Kern^  in  einer  auch  den  Fachmann  anregenden 
Weise  auf  Probleme  der  griechischen  Religionsgeschichte, 
(Zeus,  Olymp,  Musen,  Kabiren,  Fortleben  der  Kultformen  der 
eleusinischen  Mysterien  im  heutigen  Griechenland)  zu  sprechen. 

Dem  römischen  Totenkult  ist  ein  dänisch  geschriebenes 
Werk  J.  P.  Jacobsens  gewidmet.^  Der  erste  Band  behandelt 
das  gegenseitige  Verhältnis  von  Lebenden  und  Toten,  und 
überhaupt  die  grundlegenden  Gedanken  des  Totenkultus,  der 
zweite  das  Göttliche  im  antiken  Menschen  (Heroen,  Genius, 
Kaiserkult).  Ein  dritter  Band  soll  den  Toten-  und  Heiligen- 
kult der  römischen  Kirche  schildern.  Ihn  vorzubereiten,  ist 
der  Zweck  der  beiden  ersten  Bände,  die  gleichwohl  selb- 
ständige Bedeutung  besitzen. 

Eine  wertvolle  Monographie  der  Kulte  von  Ostia  verdanken 
wir  L.  Ross  Taylor,^  die  von  J.  B.  Carter  zu  diesem  Thema 
angeregt  wurde.  Es  war  ein  glücklicher  Gedanke,  die  durch 
die  neuen  Ausgrabungen  von  Ostia  gewonnenen  Funde  dem 
bereits  bekannten  Material  zuzuordnen  und  eine  Gesamtdarstel- 
lung zu  unternehmen.  Die  Verfasserin  gliedert  den  Stoff  in 
drei  Kapitel:  T.  Griechisch-römische  Gottheiten,  II.  Kaiserkult, 
III.  Orientalische  Gottheiten.  Das  hauptsächlich  epigraphische 
Material  setzt  nicht  vor  dem   1.  Jahrhundert  der  Kaiserzeit  ein 


'  0.  Kern  Nordgriechische  Skizzen,  Berlin  1912. 

^  J,  P.  Jacobsen  Manes,  Die  Toten  und  das  Menschenleben,  2  Bde, 
Kopenhagen  nnd  Christiania  1914.  1916.  Band  II  führt  den  Untertitel 
Der  große  Mensch,  Genius  und  Manes.  Einige  Mitteilungen  über  den 
Inhalt  des  mir  durch  seine  Sprache  unzugänglichen  "Werkes  verdanke 
ich  der  großen  Liebenswürdigkeit  meines  KoUegen  John  Meier. 

'  Lily  Ross  Taylor  The  Cults  of  Ostia,  Diss.  Pennsylvania  1912. 


j^74  Ludwig  Dcubner 

und  strömt  erst  im  zweiten  und  dritten  reichlicher  zu.  Der 
älteste  und  ehrwürdigste  Kult  ist  der  des  Volcauus,  wie  ins- 
besondere aus  dem  Titel  des  obersten  Priesters  der  Stadt 
pontifex  Volcani  et  aedium  sacrarum  hervorgeht.  Vom  2.  Jahr- 
hundert ab  macht  sich  ein  starkes  Eindringen  der  orientalischen 
Kulte  bemerkbar,  deren  ungewöhnliche  Expansion  nicht  nur 
durch  die  Kaufleute  des  Ostens  bedingt  wird,  sondern  vor 
allem  durch  die  große  Menge  von  orientalischen  Arbeitern 
in  den  Docks,  Speichern  und  Kaufläden.  In  der  späteren 
Kaiserzeit  befindet  sich  sogar  ein  Mann  senatorischen  Ranges 
unter  den  Priestern  der  Isis.  Die  Darstellung  der  dankens- 
werten Arbeit  ist  klar  und  ruhig.  Es  ist  ein  Vergnügen,  sich 
der  umsichtigen  und  sicheren  Führung  der  Verfasserin  an- 
zuvertrauen. 

Den  von  den  Römern  geübten  metonymen  Gebrauch  von 
Götternamen  zur  Bezeichnung  einer  Sache,  die  der  betreffen- 
den Gottheit  unterstellt  ist,  untersucht  0.  Groß'  in  einer 
fleißigen  Dissertation.  Es  ergibt  sich,  daß  jene  Art  Metonymie 
bei  den  Römern  liäufiger  ist  als  bei  den  Griechen,  was  S.  312 
richtig  aus  der  Tatsache  erklärt  wird,  daß  die  Römer  eine 
Gottheit  nicht  selten  durch  den  Namen  des  Gegenstandes,  in 
dem  sie  waltet,  bezeichneten  (Janus,  Vesta,  Terminus  u.  a.). 
Der  Hauptteii  der  Arbeit  besteht  einmal  in  der  historischen 
Verfolgung  der  besagten  Metonymien  durch  die  römische  Li- 
teratur, zum  andern  in  einem  alphabetischen  Katalog  der 
metonym  gebrauchten  Götternamen  mit  den  nach  verschiedenen 
Nuancen  gruppierten  Belegen.  Auch  griechische  Parallelen 
werden  diesen  Belegen  hinzugefügt,  um  die  häufige  Nach- 
ahmung griechischer  Metonymien  durch  die  Römer  zu  ver- 
anschaulichen. 

Die  Zeugnisse  (zum  größeren  Teil  griechische)  für  Ver- 
crleichung   oder  Gleichsetzung    der   römischen  Kaiser   mit  be- 

*  0.  Groß  De  mrtonymiis  sermonis  latini  a  deorum  nominibus  petÜis, 
DiB8.  Hai.  XIX  4  (1911). 


I 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  175 

stimmten  Göttern  und  ihre  Aufnahme  als  6vvvaoi  in  bereits  be- 
stehende Kulte  sammelt  und  bespricht  P.  Riewald^  in  einer 
gründlichen  Arbeit.  —  Über  Darstellungen  des  Tempels  des  Divus 
Augustus  und  des  Palatinischen  Apollo  auf  Münzen  und  die 
Lage  des  Augustustempels  handelt  0.  L.  Richmond.^ 

Der  salisehen  Priesterschaft  hat  R.  Cirilli  eine  um- 
fangreiche Monographie  gewidmet^,  nach  der  man  zu  schneller 
Orientierung  wohl  gelegentlich  greifen  wird,  da  sie  das  Material 
für  die  äußere  Geschichte  des  Kollegiums,  seine  Organisation 
und  Verwaltung,  seine  Attribute  und  Riten  bequem  vereinigt. 
Dazu  kommen  im  Anhang  die  inschriftlichen  und  literarischen 
Zeugnisse.  Die  Hauptsache  indessen,  die  religionsgeschichtliche 
Einordnung,  ist  völlig  verfehlt.*  Wenn  hier  die  Salier  von  den 
Kureten  abgeleitet  werden,  Mars  als  Blitzgott  gedeutet  und 
der  Waffentanz  als  Kampf  gegen  böse  Geister  aufgefaßt  wird, 
so  erscheint  gerade  diese  Arbeit  höchst  ungeeignet,  einen  Beleg 
dafür  zu  liefern,  daß  eine  fruchtbare  Betrachtung  der  altrömischen 
Religion  heutzutage  über  die  römisch-italischen  Grenzpfähle 
hinausblicken  müsse.  Dies  ist  nämlich  die  an  sich  nicht  un- 
richtige Ansicht  Toutains,  der  das  Buch  mit  einer  empfehlen- 
den Einleitung  versehen  hat,  in  der  die  Solidität  und  Gründ- 
lichkeit der  religions geschichtlichen  Methode  Cirillis  gerühmt 
wird.  Angesichts  der  Tatsache,  daß  z.  B.  die  Mamuralia 
und  das  Regifugium  ohne  jede  Hemmung  schlankweg  für 
identisch  erklärt  werden  (I33f.),  kann  man  zu  solchem 
Urteil  eines  Gelehrten  von  Ruf  nur  den  Kopf  schütteln.  — 
Mit  Problemen,  die  sich  an  die  Priestertümer  des  muni- 
zipalen Kaiserkultes  knüpfen,  beschäftigt   sich  die  ergebnis- 


^  P.  Riewald    De  imperatorum  Bomanorum  cum  certis  dis  et  compa- 
ratione  et  aequatione,  Diss.  Hai.  XX  3  (1912). 

*  0.  L.  Richmond  Tlie  Temples  of  Divus  Augustus  and  Apollo  Pa~ 
latinus  upon  Eoman  Coitis,  Ridgewayfestsclirift  (o.  164)  198  ff. 

*  R.  Cirilli  Les  pretres  da7iseurs  de  Borne,  Paris  1913. 

*  Vgl.  Wissowa  Berl.  pJiilol.  Wochenschr.  1915,  19  ff. 


176  Ludwig  Deubner 

reiche  und  in  ihrer  sorgfältigen  Knappheit  musterhafte  Arbeit 
Fr.  Geigers.^  Sie  gibt  Aufschlüsse  über  den  verschiedenen  Ge- 
brauch der  Termini  flameti,  sacerdos,  pontifcx,  weist  nach,  daß  die 
Bezeichnung  jlamcn  Angnslorum  nur  auf  gleichzeitig  regierende 
Herrscher,  nicht  auf  einen  lebenden  und  die  Gesamtheit  der 
konsekrierten,  bezogen  werden  darf,  daß  in  den  griechischen 
Bezeichnungen  des  Kaisernameus  bei  konsekrierten  Herrschern 
O'fjig  meist  an  der  Spitze  der  Reihe  steht,  bei  lebenden  an 
späterer  Stelle,  daß  der  jlamcn  perpetims  der  afrikanischen  In- 
schriften keine.swegs  ein  lebenslängliches  Amt  darstellt,  sondern 
einen  vermutlich  mit  dauernder  Würde  und  Abzeichen  ver- 
bundenen Ehrentitel  u.  dgl.  mehr. 

H.  F.  Soveri-  ordnet  die  bei  Tertullian  de  spectaculis  sich 
findenden  Nachrichten  über  die  römischen  Spiele  in  drei  Haupt- 
abschnitten: Namen,  Ortlichkeiten  und  Apparat  der  Spiele,  wo- 
bei die  Einzelheiten  ausfiihrlicli  erörtert  werden.  Am  Schluß 
sind  Tabellen  angehängt,  die  über  die  Verteilung  der  Spiele 
auf  das  Kalenderjahr  für  den  Anfang  des  1.  und  3.  und  die 
Mitte  des  4.  Jh.  n.  Chr.  einen  praktischen  Überblick  geben.  — 
Mit  der  Interpretation  der  4.  Ekloge  Vergils  beschäftigt  sich 
R.  C.  Kukula.^  Er  deutet  das  Gedicht  auf  Oktavian  und  be- 
trachtet es  'als  ein  offizielles  Präludium  der  für  39  v.  Chr.  ge- 
planten Säkularfeier'.  Die  Basis  für  diese  Auffassung  gewinnt 
der  Verfasser  dadurch,  daß  er  aus  dem  Gedichte  ein  vom  Dichter 
zitiertes  sibyllinisches  Orakel  herausschält  (V.  4 — 10;  18--45). 
Diesem  Orakel  werden  auch  die  Schlußverse  60 — 63  zugeteilt, 
die  zwischen  Vers  25    und   2()   gerückt  werden.     Da  nunmehr 

'  Kr.  (Jeiger  De  sacerdotibus  Augustontm  municipulihirs,  Disa.  Hai 
XXIIl  1  (1913).  Vocabulo  'niutticipalis'  non  solum  munidpia  profvie 
dicta  et  coloniw  Jionuinae  rtl  Latinac  covtjn'ehendutihir,  sed  ctiam  ciritutes, 
op).ida,  pagi,  gctilcs  indigenarum,  i.  e.  omnea  congrcgutiuncs,  qxuie  formani 
lei  public(ie  hiibcnt  (p.  1). 

*  H.  F.  Soveri  De  ludurum  memoria,  jyraecipue  Teriullianen,  Helsing- 
fors  1912. 

'  R.  C.  Kuknla  Bümische  Säkular poesie,  Leipzig  u.  Berlin  1911,  41  ff. 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  177 

die  Yerse  über  den  puer  und  seine  Geburt  insgesamt  im  Orakel 
stehen,  also  zeitlos  sind  und  nicht  notwendig  eine  Beziehung 
auf  die  Gegenwart  haben,  so  wird  es  möglich,  die  Worte  des 
Dichters  mit  dem  erwachsenen  Oktavian  zusammenzubringen, 
woraus  sich  dann  für  die  Einzelinterpretation  weitere  Folgerungen 
ergeben.  Ich  glaube  nicht,  daß  die  Umstellung  der  Schluß verse 
gerechtfertigt  werden  kann,  und  finde  nicht,  daß  sie  zwischen 
25  und  26  hineinpassen.  Ebensowenig  vermag  ich  den  Ge- 
dichten 16  und  17  des  Theokrit  eine  Bedeutung  als  Vorlagen 
der  Ekloge  zuzumessen,  wie  der  Verfasser  will.  Am  aller- 
wenigsten aber  dürfen  jene  Gedichte  und  die  4.  Ekloge  als 
Stützen  der  heute  doch  wohl  überwundenen  Theorie  von  der 
sakralen  Bukolik  verwendet  werden  (vgl.  S.  76). 

Die  Cacuslegende  untersucht  Fr.  Münzer  in  einer  sorg- 
fältigen und  klärenden  Arbeit.^  Besonders  für  die  StoJBPbehand- 
lung  Vergils,  der  Cacus  nicht  als  Menschen,  sondern  als  Un- 
geheuer schildert,  sind  hier  lehrreiche  Beobachtungen  zu  finden.  — 
Für  die  Abhängigkeit  der  römischen  Sagenbildung  von  grie- 
chischen Mustern  ist  die  eingehende  Analyse  der  Numafabel 
von  W.  Buchmann  zu  vergleichen,  der  für  die  Schilderung 
von  Numas  Persönlichkeit,  sein  Schülerverhältnis  zu  Pythagoras 
und  seinen  Verkehr  mit  Egeria  griechische  Motive  als  Vorlagen 
nachweist.  Von  speziellem  Interesse  ist  S.  50  fi".  die  Wider- 
legung der  Ansicht,  daß  die  Quellgöttinnen  nach  altrömischem 
Glauben  die  Gabe  der  Weissagung  besessen  hätten  (vgl.  Wissowa 
Bei.  u.  Kultus  d.  Bömer^  S.  221).  Auch  diese  in  der  römischen 
Literatur  vertretene  Auffassung  beruht  auf  griechischem  Einfluß. 

Warde  Fowler  veröffentlicht  20  Vorlesungen  über  die 
Religion  der  Römer  bis  auf  die  Zeit  des  Augustus.^  Die 
Vorlesungen  sind  in  Edinburg  gehalten  und  für  einen  weiteren 


^  Fr.  Münzer  Cacus  der  Einderhirt,  Basel  1911. 

*  Gull. Buchmann J)eiVt<»jaere<jf/s2?o/noMOrMw/a6tt?a,Diss.Leipzigl912. 
'  W.  Warde  Fowler   The  Tteligious  Experience  of  tlie  Roman  leople 
from  the  Earliest  Times  to  the  Age  of  Augiistus,  London  1911. 

ArchiT  f.  EeUgionswisseDSchaft  XX  12 


178  Ludwig  Deubner 

Zuhörerkreis  bestimmt.  Das  Buch  gibt  sich  also  als  populär 
und  verweilt  des  längeren  auch  bei  bekannten  Dingen.  Es 
erhält  seine  spezielle  Orientierung  durch  den  Versuch,  die 
Religiosität  der  Römer  herauszuarbeiten  und  zu  charakterisieren. 
Die  moralischen  Seiten  dieser  Religiosität  sind  für  den  Ernst 
der  englischen  Ethik  alten  Stils  besonders  anziehend.  In  diesem 
Sinne  ist  die  Darlegung  des  behandelten  Stoffes  durchaus  eng- 
lisch, und  es  liegt  für  den  Leser  etwas  Eindrucksvolles  darin, 
daß  der  Verfasser  in  diesen  Dingen  auf  unmittelbares  Ver- 
ständnis bei  seinen  Landsleuten  rechnen  darf.  Das  Buch  ist 
keineswegs  bloß  eine  ethische  Betrachtung.  Sein  wissenschaft- 
licher Wert  beruht  vor  allem  auf  der  Anwendung  des  ent- 
wicklungsgeschichtlichen Standpunktes,  auf  der  Scheidung  von 
Schichten.  Die  zweite  und  dritte  Vorlesung  beschäftigen  sich 
mit  jenen  Anfängen  der  Religion,  die  wir  heute  als  die  Epoche 
der  Magie  bezeichnen,  und  auch  über  die  Überreste  dieser 
Epoche  in  späteren  Entwicklungsstadien  finden  sich  wertvolle 
Bemerkungen.  Dagegen  vermag  ich  keine  Anzeichen  davon 
zu  erblicken,  daß  die  Staatsreligion  gegen  die  Magie  einen 
energischen  Kampf  gekämpft  habe.  Der  Unterdrückungsprozeß 
wird  vielmehr  ein  friedlicher  und  selbstverständlicher  gewesen 
sein,  und  wir  haben  ja  auch  genug  der  Fälle,  wo  der  offizielle 
Kult  alte  'magische'  Riten  konservierte,  Fowler  hat  sich  seit 
vielen  Jahren  mit  der  römischen  Religion  beschäftigt,  schon 
im  Jahre  1899  erschien  seine  wichtige  Bearbeitung  der  römi- 
schen Feste.  Es  ist  daher  von  großem  Interesse,  seine  Auf- 
fassung in  Bezug  auf  zweifelhafte  oder  strittige  Punkte  der 
römischen  Religion  zu  erfahren.  Daneben  findet  der  Leser 
eine  ganze  Reihe  von  neuen  anregenden  Bemerkungen,  so  über 
den  religiösen  Ursprung  der  toga  praetexta  (vgl.  Diels  Sibyll. 
Bl.  S.  70  Anm.),  über  das  Fortwirken  der  durch  den  Rex  ver- 
körperten Verbindung  von  politischer  und  religiöser  Macht  in 
der  Stellung  des  Pontifex  und  der  höheren  Magistrate,  über  die 
Identität  der  rituellen  Furche  bei  der  Stadtgründung  mit  dem 


ä 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  X79 

Pomerium,  über  die  reinigende  Bedeutung  des  Triumphbogens 
für  das  durchziehende  Heer  (dies  nach  van  Gennep  und  Ande- 
ren), womit  das  Durchschicken  des  besiegten  Feindes  durch 
ein  Joch  zusammengebracht  wird.  Schlagend  richtig  ist  die 
Betonung  der  Verwandtschaft  des  Flamen  Dialis  mit  den  ta- 
buierten  Magier-Königen,  nur  "wird  man  den  Flamen  nicht  von 
dem  Könige  von  Alba  ableiten,  sondern  lieber  annehmen,  daß 
die  Vorfahren  der  Römer  selbst  einen  solchen  tabuierten  König 
besaßen.  Erst  diese  Erkenntnis  macht  die  Bestimmung  ver- 
ständlich, daß  dem  Flamen  Dialis  der  Sitz  in  der  Kurie  zu- 
steht. Daß  der  König  bei  den  Römern  (oder  ihren  Vorfahren) 
frühzeitig  von  den  Tabus  befreit  wurde,  erklärt  sich  hinläng- 
lich aus  der  Kampfstellung,  in  die  dieses  Volk  durch  seine 
Geschichte  versetzt  wurde.  Fowler  zweifelt  mit  Wissowa  an 
römischen  Menschenopfern,  sieht  in  den  Argei  einen  Regen- 
zauber, hält  die  Laren  für  Flurgötter,  lehnt  die  Ottosche 
Auffassung  der  Juno  als  Erdgöttin  ab  und  sagt  Beherzigens- 
wertes gegen  eine  allzu  juristische  Behandlung  der  römischen 
Religion.  In  manchen  Einzelheiten  trage  ich  Bedenken  zu 
folgen.  Zweifelhaft  scheint  mir  u.  a.  die  Zuweisung  der  Lemu- 
ria  an  eine  ältere  Rasse,  die  Beschleunigung  der  Personifika- 
tion göttlicher  numina  durch  priesterlichen  Kult,  die  Ver- 
mehrung der  göttlichen  Kraft  durch  das  Opfer  (dynamische 
Opfertheorie),  die  Individualisierung  der  Religiosität  durch  den 
Kult  des  Juppiter  0.  M,  Besonderen  Wert  für  das  Verständ- 
nis echt  römischen  religiösen  Empfindens  mißt  Fowler  der 
Aeneis  Vergils  bei,  der  er  eine  ganze  Vorlesung  widmet. 
Doch  ist  der  romantische  Charakter  dieser  Poesie  gar  nicht  in 
Rechnung  gezogen.  In  einigen  Fällen  entstehen  Unklarheiten 
dadurch,  daß  der  Verfasser  sich  bemüht,  verschiedene  Ansichten 
zu  vereinigen.  So  betrachtet  er  die  Indigitamenta  als  eine 
Schöpfung  der  Pontifices,  nimmt  aber  an,  diese  Namenlisten 
seien  dadurch  hervorgerufen,  daß  das  Volk  von  jeher  eine 
Menge  von  namenlosen  Geistern  mit  allen  Phasen  seines  Lebens 

12* 


J^yQ  Ludwig  Deubner 

verbunden  gedacht  habe:  diese  «uw?««  hätten  die  Pontifices  später 
benannt  und  systematisiert.  Daß  die  Priester  Ordnung  in  diese 
Vorstellungen  brachten,  ist  sehr  wahrscheinlich,  dagegen  wird 
die  Benennung  jener  Geister  zweifellos  im  wesentlichen  ein  Werk 
des  Volkes  sein,  das  sich  diese  Geister  schuf.  Wie  sollte  man 
sich  auch  namenlose  Götter  in  größerer  Zahl  vorstellen? 

Mit  der  relipfiösen  Gesinnunf'  der  Römer  im  letzten  Jahrh. 
n.  Chr.  beschäftigt  sich  ein  zweites  weniger  umfangreiches  Buch 
Fowlers.^  In  sechs  Vorlesungen  wird  vornehmlich  die  Be- 
deutung des  Genius,  der  im  Juppiterkult  liegenden  monothei- 
stischen Tendenzen,  der  Fortuna  und  der  Apotheose  großer 
Männer  entwickelt,  worauf  zum  Schluß  der  Verfall  der  poly- 
theistischen Religion  geschildert  wird,  deren  Götter  schon  in 
der  augusteischen  Zeit  einen  nur  noch  symbolisch-oi-namentalen 
Wert  besitzen.  Es  liegt  in  der  Natur  der  Dinge  und  in  der 
Art  unseres  (^uellenmaterials,  daß  Betrachtungen  wie  die  von 
Fowler  angestellten  etwas  Vages  an  sich  haben,  nicht  zu  festen 
und  bestimmten  Resultaten  führen  können:  dem  subjektiven 
Empfinden  ist  ein  ziemlich  weiter  Spielraum  gestattet.  Indessen 
die  vorsichtige  Herausschälung  des  religiösen  Gebalts  der  be- 
handelten Epoche  erzeugt  doch  willige  Bereitschaft  zu  nach- 
fühlendem Verstehen,  und  die  ethische  Grundstimmung  des 
Buches  verleiht  dem  alten,  echten  Römertum  einen  warmen 
Schimmer.  Bedenklich  scheint  mir  die  Auffassung,  daß  bereits  der 
primitive  Jup])iterkult  einen  monotheistischen  Charakter  gehabt 
habe:  auch  den  folkloristischen  Analogien  des  einen  großen 
Gottes  bei  unkultivierten  Völkern  (70  ff.)  stehe  ich  nicht  ohne 
Skepsis  gegenüber. 


'  W,  Warde  Fowler  Roman  Ideas  of  Deity  in  the  Last  Century  befoir 
the  Christian  F.ra,  London  1914,  —  Ich  verzeichne  noch  J.  B.  Carter  Tlie 
Jicligious  Life  of  Ancient  Home,  a  Study  in  the  Development  of  lieligious 
Consciousness  from  the  Foundation  of  the  City  until  the  Death  of  Gregory 
the  Great,  London  1911  und  dazu  Wendland  Tlieolog.  Literaturz.  XXXVJI 
1912.  417f. 


1 


Griechisclie  und  römische  Religion  1911—1914  JgJ^ 

Von  J.  Toutains  großem  Werk  ist  der  zweite  Band  des 
ersten  Teiles  erschienen.^  Er  behandelt  die  Verbreitung  der 
orientalischen  Kulte  in  den  lateinischen  Provinzen  und 
ergänzt  somit  die  Darstellung  Cumonts  (s.  u.  S.  202)  in  er- 
wünschter Weise.  Auch  in  diesem  Bande  ist  der  Hauptwert 
darauf  gelegt,  das  geographische  und  soziale  Verbreitungsgebiet 
der  besprochenen  Kulte  nachzuweisen.  Es  ergibt  sich  dabei 
die  bemerkenswerte  Tatsache,  daß  die  orientalischen  Kulte  in 
den  Provinzen  mindestens  zu  einem  sehr  großen  Teile  auf 
äußere  Faktoren,  wie  vor  allem  auf  die  kaiserliche  Gunst,  zurück- 
zuführen sind.  Die  Vulgatvorstellung  von  dem  Einfluß  der 
orientalischen  Kulte  auf  das  religiöse  Leben  der  Kaiserzeit, 
die  für  den  Mithraskult  in  dem  vielzitierten  Worte  von  Renan 
ihren  Ausdruck  findet:  Wenn  die  Welt  nicht  christlich  geworden 
wäre,  würde  sie  mithreisch  geworden  sein,  bedarf  nach  den 
Ausführungen  Toutains  einer  ganz  erheblichen  Revision.  S.  216,1 
durfte  für  Apuleius  Magie  ein  Hinweis  auf  das  Abtsche  Buch 
nicht  fehlen. 

Ein  guter  Abriß  der  römischen  Religion  findet  sich  in 
dem  hübsch  illustrierten  Handbuch  der  römischen  Altertümer 
von  H.  Stuart  Jones.^  Wenn  auch  im  einzelnen  überwundene 
Auffassungen  begegnen,  wie  die  Gleichsetzung  des  Oktober- 
rosses  mit  dem  Korngeist  oder  die  Erklärung  der  Vestalinnen 
als  Töchter  des  Königs,  so  kann  die  Gesamtdarstellung  doch 
als  njp  to  date  bezeichnet  werden:  Fowlers  Keligions  Experience 
(s.  0.  S.  177)  lag  dem  Verfasser  bereits  vor.  —  G.  Wissowas  im- 
posantes Meisterwerk  ist  nach  zehnjähriger  Frist  in  2.  Auflage 
erschienen.^  An  äußerem  Umfang  um  80  Seiten  gewachsen,  hat 
es  vor  allem  in  den  Anmerkungen  reichen  Hinweisen  auf  die 
neueren  literarischen  Erscheinungen   Raum   gegönnt,  Erschei- 

^  J.  Toutain  Les  ciiltes  paiens  dans  Vempire  romain  I  2,  Paris  1911, 
vgl.  Archiv  XIV  1911,  S.  597. 

^  H.  Stuart  Jones  Comxanion  to  Vornan  History,  Oxford  1912. 

'  G.  Wissowa  Beligion  tincl  Kultus  der  Sömer,  2.  Aufl.,  München  1912. 


132  Ludwig  Deubner 

nungen,  die  zum  guten  Teil  durch  die  Erstauflage  dieses  Buches 
angeregt  wurden,  das  zum  ersten  Male  aller  Forschung  über 
römische  Keligion  sicheren  Boden  bereitete.  Die  Gesamtanlage 
des  Werkes,  das  eine  Darstellung  der  römischen  Staatsreligion 
geben  will,  ist  unverändert,  ohne  Zweifel  zu  seinem  Vorteil. 
Niemand,  der  sich  in  dieses  Buch  eingelebt  hatte,  konnte 
wünschen,  daß  es  seinen  Charakter  aufgebe.  Indes  die  ge- 
spanntere Position,  in  der  sich  Wissowa  früher  der  allgemeinen 
religionsgeschichtlichen  Forschung  gegenüber  befand,  ist  zu 
unserer  großen  Freude  einer  Auffassung  gewichen,  die  die 
Möglichkeit  gegenseitigen  Nehmens  und  Gebens  anerkennt,  wenn 
auch  mit  berechtigter  Reserve.  Die  Forderung,  daß  jedes  Stück 
einer  Beweisführung  zuerst  innerhalb  der  römischen  Religion 
und  Kultur  seinen  Platz  angewiesen  erhalten  müsse,  ehe  man 
ans  'Vergleichen'  geht,  wird  jeder  'Vergleicher'  unterschreiben, 
dem  seine  Arbeit  nicht  Spiel  ist.  Wer  aufmerksamen  Auges 
den  neuen  Band  durchblättert,  wird  nichtsdestoweniger  fest- 
stellen können,  daß  die  früher  ganz  in  den  Hintergrund  tretende 
Urgeschichte  der  römischen  Religion  jetzt  so  weit  zu  ihrem 
Recht  kommt,  wie  man  es  in  dieser  Darstellung  billigerweise 
nur  verlangen  kann.  Besonders  bezeichnend  für  diesen  Um- 
schwung ist  der  Abschnitt  über  den  Terminus,  der  früher  als 
Abspaltung  von  Juppiter  Terminus  galt,  nun  aber  in  sein  Recht 
als  selbständiger  Fetisch  eingesetzt  ist  (136 ff.).  Von  sonstigen 
Änderungen  ist  vor  allem  das  Kapitel  über  Juno  zu  erwähnen, 
die  dem  männlichen  Genius  gegenüber  die  empfangende  und 
gebärende  Funktion  der  jungen  Frau  (iuno :  iuvetiis)  verkörpert, 
aus  welcher  Urbedeutung  mit  Evidenz  die  mannigfachen  Kom- 
petenzen der  Göttin  hergeleitet  werden.  Wissowas  Werk  hati 
im  neuen  Gewände  an  Kraft  gewonnen.  Es  ist  reicher  und 
voller  geworden  und  wird  mehr  noch  als  in  der  ersten  Auf- 
lage der  zuverlässigste  Ratgeber  demjenigen  sein,  der  auf 
diesem  Gebiete  die  ersten  Schritte  tut,  und  ein  ernster  Mahner 
allen,   die   von  dem  einzelnen    und   national   Gebundenen    zum 


Griechische  und  römische  Religion  1911  —  1914  133 

allgemein  Menschlichen  aufzusteigen  den  Mut  nicht  verlieren 
werden. 

Ich  füge  eine  Reihe  von  Arbeiten  an,  die  sich  gleichzeitig 
auf  die  griechische  und  römische  Religion  beziehen.  — 
Die  Arbeit  von  C.  Hönn  über  die  Himmelfahrt  im  klassischen 
Altertum^  ist  in  ihrer  Allgemeinheit  wenig  förderlich.  Die 
Himmelfahrt  ist  von  anderen  Arten  der  Yergottung  nicht  ge- 
nügend geschieden.  Der  Nutzen  der  Hönnschen  Abhandlung 
liegt  in  der  zusammengetragenen  Literatur.  —  Der  Methode 
0.  Roßbachs  in  der  Erschließung  von  Todes-  und  Früh- 
lingsgottheiten*  vermag  ich  im  allgemeinen  nicht  zu  folgen. 
So  kann  ich  beispielsweise  in  der  Tatsache,  daß  Odysseus  in  der 
Odyssee  Xin  354  seine  Heimaterde  küßt,  keinerlei  tiefere  Beziehung 
auf  die  Erdnatur  des  Gottes  Odysseus  erblicken  (S.  30),  noch  in  dem 
Selbstmord  des  Aias  durch  das  Schwert  die  Selbstopferung  des 
Kriegsgottes  mittels  einer  uralten,  im  historischen  Griechenland 
abgekommenen  Hinrichtungsart  (S.  40).  Die  23  S.  umfassende 
Untersuchung  ist  in  eine  Anmerkung  zu  einem  Vortrage  über 
Henna  gepackt,  der  eine  populäre  Beschreibung  dieses  für 
den  Demeterkult  wichtigen  Ortes  gibt. 

Material  zur  Geschichte  des  antiken  Kultes  bieten  die 
Stiftungsur künden,  denen  B.  Laum  ein  zusammenfassendes 
zweibändiges  Werk  gewidmet  hat.^  Das  ganze  Stiftungswesen 
geht  überhaupt  Von  sakraler  Grundlage  aus:  man  will  einer- 
seits die  Götter  durch  derartige  Zuwendungen  günstig  stimmen, 
anderseits  seinen  eigenen  Totenkult  sicherstellen.  Das  erste 
findet  sich  schon  in  Babylon,  das  zweite  in  Ägypten.   Allmählich 

^  C.  Hönn  Studien  zur  Geschichte  der  Himmelfahrt  im  Mass.  Altertum, 
Programm  d.  Karl  Friedrichs-Gymn.,  Mannheim  1910. 

*  0.  Roßbach  Castrogiovanni,  das  alte  Henna,  in  Sizilien,  nebst  einer 
Untersuchung  über  griech.  u.  ital.  Todes-  und  Frühlingsgötter,  Leipzig 
und  Berlin  1912. 

'  B.  Laum  Stiftungen  in  der  griechischen  und  römischen  Antike,  ein 
Beitrag  zur  antiken  Kulturgeschichte.  Band  I:  Darstellung,  Band  II: 
Urkunden;  Leipzig  und  Berlin  1914. 


184  Ludwig  Deubner 

vollzieht     sich     dann     die    Säkularisierung     dieser     religiösen 
Einrichtungen.     Der  Verfasser   stellt  die  durch  Stiftungen  ge- 
ehrten Götter  zusammen  und  handelt  über  die  verschiedentlichen 
Opferbestimmungen,  Prozessionen,  Festmähler,  Götterbilder  und 
Weihgeschenke,   die  in  den  Urkunden  erwähnt  werden,   weiter 
über  die  Kaisergeburtstagsfeiern  des  Herrscherkultes,  die  in  der 
Kaiserzeit  die  griechischen  Kultstiftungen  ablösen,   woran  eine 
alphabetische  Liste  der  Städte  anschließt,  aus  denen  Stiftungen 
für  Götter  oder  Heroen  bekannt  sind.    Es  folgt  dann  eine  Be- 
sprechung der  Totenkultstiftuugen,  wobei  zunächst  die  umfang- 
reicheren Dokumente,  wie  das  Testament  der  Epikteta,  betrachtet 
werden.     Besonders   ausführliche   Bestimmungen  für  eine   um- 
fangreiche  Feier  zeigt  die   Aleximachosstiftung   von  Amorgos, 
deren   Ausführung   dem   Staat   übertragen   ist.     Neben  und  an 
Stelle  der  eigentlichen  Totenopfer  treten  in  der  Kaiserzeit  die 
mit  Gelagen  und  Verteilungen  verbundenen  Gedächtnisfeiern  in 
kleinerem   Kreise  (speziell  aus  Kleinasien   werden  Totengelage 
häufiger   erwähnt;   eine   Tabelle   römischer   Totengelage   bietet 
S.  77).     Agonale    und   soziale    Stiftungen,    die    vorher   zurück- 
treten, werden  in  dieser  Periode  zahlreich.    Die  Urkunden  der 
Totenkultstiftuugen    berichten    von    Opfern    und    Spenden,    von 
Statuen  der  Toten,  deren  J\einigung,  Salbung  und  Bekränzüng 
gelegentlich   ausführlich  angeordnet  wird,   von  Pflege  und  Be- 
wachung  der    Gräber,   sowie    ihrer   Schniückung   mit    Kränzen 
(s.   dazu    bes.    S.  83,  1)   und    Rosen.     Als   Empfänger  sakraler 
Stiftungen  erscheinen  Götter  und  Kultvereine;  die  Weihung  an 
die  Gottheit   hatte  nebenher   den   sehr  praktischen  Zweck,   die 
Unantastbarkeit    des    Stiftungsvermögens    sicherzustellen.     Für 
die  Totenkultstiftunj'en    bej]cründete    man   in   Griechenland    be- 
sondere  große  Familienvereine,  in  die  auch  Götter  hereingezogen 
wurden,   während    bei    den  Römern  die  Freigelassenen  der  Fa- 
milie   die    Stiftung    übernehmen.     Fluch-    und    Segensformeln 
sollen  dazu  dienen,  die  gewissenhafte  Ausführung  des  Willens 
des  Stifters  zu  gewährleisten.     Die  römische  Kultur  kennt  zu- 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  185 

nächst  keine  kultischen  Stiftungen.  Das  hängt  damit  zusammen, 
daß  Privat-  und  Staatskult  dort  so  fest  organisiert  war.  Erst 
die  Nachahmung  griechischen  Wesens  und  das  Eindringen 
fremder  Gottheiten  führt  hier  einen  Wandel  herbei.  — 
L.  Wengers  Darstellung  des  griechischen  und  römischen  Rechts 
in  der  Kultur  der  Gegenwart^  streift  nur  selten  das  religions- 
geschichtliche Gebiet,  so  wenn  von  den  Resten  sakralen  Rechts 
in  den  'Königlichen  Gesetzen'  die  Rede  ist  (168),  vom  Ver- 
hältnis des  Fas  zum  Jus  (184),  von  der  Adoption  zum  Zwecke 
der  Fortsetzung  der  Familiensacra  (204),  von  den  religiösen 
Wurzeln  des  Strafrechts  (276),  von  der  Deutung  der  Todes- 
strafe als  Opfer  an  die  Gottheit  (278 f.),  von  Religionsdelikten 
und  Zauberei  (281  f.),  von  der  Anwendung  des  Gottesurteils  im 
Strafprozeß  (289). 

Der  von  ü.  Wilcken  besorgte  erste  Band  der  monumentalen 
Chrestomathieder  Papyruskunde  ^  enthält  in  seiner  ersten  Hälfte 
S.  92  — 131  orientierende  Darlegungen  über  die  Religions- 
politik, sowie  über  die  Verehrung  griechischer,  römischer, 
ägyptischer,  orientalischer  und  synkretistischer  Gottheiten  in  der 
ptolemäischen  und  römischen  Periode  Ägyptens,  während  die 
zweite  Hälfte  S.  91 — 151  eine  sehr  instruktive  Auswahl  von 
religionsgeschichtlich  interessanten  Urkunden  bietet,  deren  Ver- 
ständnis durch  einleitende  Vorbemerkungen  und  Anmerkungen 
erleichtert  wird.  Ist  hier  allenthalben  das  Bemerkenswerte  der 
einzelnen  Stücke  hervorgehoben,  so  wird  in  der  zusammen- 
fassenden Darlegung  auch  auf  die  Lücken  der  bisherigen 
Forschung  aufmerksam  gemacht.  Die  betreffenden  Partien 
des  Werkes  werden  als  Einführung  in  den  Betrieb  der  helle- 
nistisch-römischen Kulte  Ägyptens  hervorragende  Dienste 
leisten.  — 


^  J.  Kohler  und  L.  Wenger  Orientalisches  Recht  und  Recht  der 
Griechen  und  Römer,  Kultur  d.  Gegenwart  11  7,  1,  Berlin  und  Leipzig  1914. 

^  L.  Mitteis  u.  ü.  Wilcken  Grundzüge  und  Chrestomathie  der  Papyrus- 
kunde, Band  I:  Historischer  Teil  (2  Halbbände),  Leipzig  und  Berlin  1912, 


285  Ludwig  Deubner 

H.  Aubert  erzählt  für  Schüler  die  antiken  Sagen.*  Voraus- 
geschickt ist  ein  Abschnitt  über  Götter  und  Göttinnen.  — 
Eine  zweckentsprechende  kurze  Darstellung  der  gesamten 
griechischen  und  römischen  Religion,  die  allerdings  der  Ver- 
tiefung fähig  wäre,  bieten  Pol  and  und  Wagner  in  einzelnen 
Abschnitten  der  reich  ausgestatteten,  verdienstlichen  Bücher 
über  die  hellenische  und  die  hellenistisch-römische  Kultur.*  — 
Vom  2.  Bande  der  Gercke-Nordenschen  Einleitung,  der  die 
von  S,  Wide  geschriebene,  gut  orientierende  Darstellung 
der  griechischen  und  römischen  Religion  enthält,  ist  die 
2.  Auflage  erschienen.^  Der  Umfang  des  Wideschen  Beitrags 
ist  um  fünf  Seiten  gewachsen,  wovon  nahezu  vier  Seiten  auf  den 
neuen  Abschnitt  'Gesichtspunkte  und  Probleme'  entfallen.  In 
diesem  wird  darauf  hingewiesen,  wie  die  Forschung  zurzeit 
besonders  auf  dem  Gebiete  der  primitiven  Vorstellungen  sowie 
der  Beziehungen  zwischen  griechischer  und  christlicher  Re- 
ligion tätig  ist.  Auch  die  Frage  nach  dem  Grade  der  Abhängigkeit 
Griechenlands  vom  Orient  wird  aufgeworfen.  —  Das  in  der 
Göschenschen  Sammlung  zum  vierten  Male  aufgelegte  Büch- 
lein von  Steuding*,  das  hauptsächlich  die  Götterlehre  und 
die  mythische  Dichtung  der  Griechen  und  Römer  behandelt, 
leistet  nicht  ganz,  was  in  diesem  Rahmen  heute  geleistet 
werden  könnte.  Insbesondere  behauj)tet  die  Naturmythologie 
noch  zu  sehr  das  Feld  (vgl.  z.  B.  S.  30  oben  über  Zeus).  Auch 
sonst  'findet  sich  niaoohe  anft.'chtbare  Auffassung.  In  dem 
knappen  Literaturverzeichnis  durfte  ein  Buch  wie  Nilssons 
Griechische  Feste    nicht    fehlen,    zumal    ein    spezielleres  Werk 


'  H.  Allbert    Lcs  legendes    mythologiques   de   la   Orice  et  de  Jiome, 

2.  Aufl.,  Paris  1911. 

*  Fr.  Baumgartcn,   Fr.  Poland,    R.  Wagner   Die   heUenische   Kultur, 

3.  Auflage,  Leipzig  1913.  —  Dieselben  Ute  hrllenistisch-römiscJie  Kultur, 
Leipzig  und  Berlin  191.S. 

*  A.  Gercke  und  E.  Norden  Einleitung  in  die  Altertumsicissenschaft, 
Band  II,  2.  Aufl.,   Leipzig  und  Berlin  1912,  167  ff. 

*  H.  Steuding    Griechische   und   römische   Mythologie,   Leipzig  1911. 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  137 

wie  Töpffers  Attische  Genealogie  genannt  wird.  —  Der  Abriß 
der  griechischen  und  römischen  Religion,  den  das  von  Söder- 
blom  neu  bearbeitete Tielesche Kompendium^  enthält,  beruht  auf 
wirklicher  Kenntnis  und  bietet  dem  Laien  auf  knappem  Raum 
eine  Fülle  wertvoller  Belehrung.  Nur  selten  hat  man  Anlaß, 
seine  Zustimmung  zu  versagen,  so,  wenn  es  heißt,  daß  Apollo 
ursprünglich  Heilgott  gewesen  sei  (S.  416),  oder  wenn  die 
Totenklage  als  ein  Hauptausgangspunkt  des  Dramas  bezeichnet 
wird  (S.  434).  Auch  von  der  Armseligkeit  der  römischen  Re- 
ligion (S.  465)  würde  ich  lieber  nicht  sprechen.  Die  groteske 
Schreibung  'Aiskhylos',  ^Khthonisch'  usw.  würde  besser  beseitigt. 
—  Einige  Bemerkungen  zur  griechischen  und  römischen  Reli- 
gion bietet  auch  die  für  den  evangelischen  Religionsunterricht 
bestimmte  Schrift  W.  Koppelmanns.^  Der  Verfasser  hängt, 
natürlich  ganz  von  einigen  Hauptwerken  ab.  Die  Einmischung 
von  allgemeinen  ^"erturteilen,  z.  B.  über  den  Kaiserkult  ^  er- 
klärt sich  wohl  aus  der  Bestimmung  der  Arbeit,  wäre  aber 
doch  besser  durch  historisch  vertiefte  Betrachtung  ersetzt 
worden.  Wieso  Tellus  neben  Juppiter  als  überragende  Gott- 
heit genannt  wird,  ist  unerfindlich.  —  Die  Darstellung  der 
griechischen  und  römischen  Religion  in  der  2.  Auflage  von 
Orellis  Religionsgeschiohte^  steht  keineswegs  auf  der  Höhe. 
Der  um  Pitys  werbende  Pan  erscheint  (nach  Max  Müller)    als 

^  Tieles  Kompendium  der  Beh'gionsgescMchte.  vierte,  völlig  um- 
gearbeitete Auflage  von  D.  JSathan  Söderblom,  Berlin  1912. 

*  W.  Koppelmann  Einführimg  in  die  BeligionsgeschicMe,  Hilfsmittel 
zum  evangelischen  ReKgionsunterricht,  begründet  von  M.  Evers  und 
F.  Fauth,  Heft  28,  Berlin  1914. 

'  S.  36  'die  allem  tieferen  religiösen  und  sittlichen  Empfinden 
Hohn  sprechende  Menschenvergötterung'.  Vgl.  dazu  Tiele  -  Söderblom 
Kompendium  der  Religionsgesch.:  S.  488  'öfters  bedeutete  die  Kaiser- 
verehrung vielmehr  eine  Würdigung  der  Reichsobrigkeit  und  der  Ein- 
heit als  eine  Menschenvergötterung.  Demnach  entbehrte  sie  nicht  sitt- 
lichen Wertes'. 

*  C.  V.  Orelli  Allgemeine  Religionsgeschichte,  2.  Aufl.,  Bonn  1911/13,11 
187  ff. 


188  Ludwig  Deubner 

'ein  liebenswürdiger,  gelinde  buhlender  Wind'  (S.  192),  ApoUon 
als  Lichtgott,  Poseidon  als  Abzweigung  des  Himmelsgottes 
(S.  198),  Hera  soll  ursprünglich  Vohl  in  der  Gegend  um 
Delphi"  besonders  verehrt  worden  sein  (S.  217),  die  Lahmheit 
des  Hephaistos  wird  '^auf  die  flackernde  Bewegung  des  Feuers, 
die  Zickzackbewegung  des  Blitzes'  gedeutet  (S.  226),  der  Name 
des  Prometheus  soll  auf  kluge  Vorsicht  weisen;  an  dem  Kapitel 
über  die  reimische  Religion  istWissowas  grundlegendes  Werk  ziem- 
lich spurlos  vorübergegangen,  wie  z.  B,  die  Erklärung  des  Janus 
als  eines  Sonnengottes  beweist.  Im  übrigen  macht  sich  auch 
die  theologische  Einstellung^  in  nicht  immer  erfreulicher  Weise 
bemerklich.  Dem  Stil  würde  die  Beseitigung  mancher  spieß- 
bürgerlichen Wendung  zum  Vorteil  gereichen.  —  Das  unver- 
hältnismäßige Überwiegen  der  römischen  Religion  gegenüber 
der  griechischen  in  dem  Handbuche  der  Religionsgeschichte 
von  N.  Turchi^  (einschließlich  eines  kurzen  etruskischen  An- 
hangs 101  gegenüber  G7  Seiten)  wird  mau  dem  italienischen 
Autor  und  seinem  Publikum  zugute  halten.  Dem  größeren 
Umfang  entspricht  auch  ein  reicherer  Gehalt.  Als  Einzelheit 
merke  ich  an,  daß  Turchi  die  Laren  wie  ISamter  als  Ahnen- 
geister faßt.  Toutains  ottima  idca,  daß  die  Todesstrafe  der  un- 
keuschen Vestalin  als  Sühnopfer  zu  betrachten  sei  (S.  506), 
hätte  ruhig  beiseite  bleiben  können.  Auf  dem  griechischen 
Gebiet  ist  die  Sicherheit  des  Verfassers  geringer:  die  Auf- 
fassung, daß  wir  in  Hera  speziell  eine  Göttin  des  Nachthimmels 
zu  erblicken  hätten  (S.  412)  und  daß  an  den  ländlichen  Dio- 
nysien  das  Leiden  und  die  Auferstehung  des  Dionysos  dar- 
gestellt worden  sei  (S.  434),  verrät  nicht  gerade  tiefgehende 
Vertrautheit  mit  den  betreflfenden  Kulten, 

Wir  gehen  nunmehr  zu  einigen  Völkern  und  Stämmen  über, 

'  Vgl.  I  21  'Wir  verlangen  .  .  .  das  Recht,  die  einzelnen  Religionen 
mit  dem  Lichte  zu  beleuchten,  welches  uns  die  höhere  Offenbarung 
Christi  an  die  Hand  gibt'. 

'  N.  Turchi  Manuale  di  storia  delJe  religioni,  Turin  1912. 


Griechische  nnd  römische  Religion  1911 — 1914  139 

die  im  Mittelmeergebiet  seßhaft  waren  und  in  mehr  oder  weniger 
nahe  Beziehungen  zu  den  Griechen  oder  Römern  getreten  sind, 
und  zwar  beginnen  wir  unsere  Übersicht  im  westlichen  Teile 
der  antiken  Welt,  um  sie  mit  den  orientalischen  Religionen  zu 
beschließen.  —  In  einer  etwas  diffusen  Abhandlung  bespricht 
A.  Reinach^  gorgonenartige  Bildungen  der  keltischen  Plastik, 
die  auf  einheimische  Analogien  zurückgehen,  aber  über  Etrurien 
durch  griechische  Gorgonentypen  entscheidend  beeinflußt  sind. 
Für  die  Gigantensäulen  Galliens  wird  ebenda  eine  neue  Deutung 
vorgetragen,  derzufolge  sie  das  Aufschlagen  einer  Quelle  durch 
den  himmlischen  Reiter  ausdrücken  sollen;  sie  wären  in  der  Nähe 
von  Quellen  errichtet  worden  (was  für  einen  Teil  der  Denkmäler 
zuzutreifen  scheint,  vgl.  S.  96),  um  Klarheit  des  Wassers  und 
Fruchtbarkeit  des  Feldes  zu  garantieren  (S.  102).  Das  Phan- 
tastische dieser  Auffassung  befremdet  nicht  weniger,  als  die  aus 
der  verstaubten  Rüstkammer  der  Wettermythologie  hervorgeholte 
Deutung  der  Gorgo  auf  den  Gewittersturm.  —  Von  Wichtigkeit 
für  die  gallo-römische  Religion  ist  der  von  Esperandieu  heraus- 
gegebene imposante  Katalog  der  gallo-rö mischen  Skulpturen,  von 
dessen  viertem  Bande  (Provincia  Lugdunensis)  uns  der  zweite 
Teil  vorliegt.'  Er  bringt  besonders  zahlreiche  Darstellungen  des 
Apollo,  Bacchus,  Hercules,  Mars,  Mercur,  der  Minerva  und  der 
mütterlichen  Göttin.  Jedes  Stück  ist  abgebildet.  —  Das  Ver- 
ständnis der  etruskischen  "^ Mumienbinde '  von  Agram  sucht 
G.  Herbig^  auf  Grund  neuer  Lesung  weiter  zu  fördern.  Die 
Natur  des  Materials  bringt  es  mit  sich,  daß  man  über  schwache 
Wahrscheinlichkeiten  nicht  hinauskommt.  Auch  die  Annahme, 
daß  wir  es  mit  einem  funerären  Texte  zu  tun  haben,  bleibt  zu- 

^  A.  Reinach  Le  Klapperstein,  le  Gorgoneion  et  V  Anguipede,  Extrait 
du  Bull,  du  Mus.  hist.  de  Mulhouse  XXXVII  1913. 

*  E.  Esperandieu  Recueil  general  des  has-reliefs,  statues  et  bustes  de 
la  Gaule  r omaine  IV  2,  Paris  1911. 

^  G.  Herbig  Die  etrusMsche  Leimvandrolle  des  Agramer  National- 
Museims,  Abh.  d.  Bayr.  Akad.  d.  Wiss.  XXV  4,  München  1911.  Vgl.  auch 
Lattes  Hermes  XLVIII  1913,  481  ff.;  XLIX  1914,  296ff. 


190  Ludwig  Deubner 

nächst  Hypothese,  wenn  auch  eine  naheliegende.  Das  hindert  nicht, 
daß  wir  die  entsagungsvolle  Geduld  des  Verfassers  bewundern. 
Die  sardische  Religion  behandelt  R.  Pettazzoni  in  einem 
gedankenreichen,  aber  etwas  zu  phantasievollen  Buche.^  Die 
positiven  Tatsachen  sind  spärlich.  Wir  hören  von  Inkubation 
in  den  sardischen  Heroenheiligtümern,  wir  lernen  sakrale  Kuppel- 
bauten kennen,  die  nicht  ohne  Wahrscheinlichkeit  mit  der  Ver- 
wendung von  Wasser  zu  Heil-  und  Ordalzwecken  zusammen- 
gebracht werden,  wir  erblicken  seltsame  Votivtigaren  von  Menschen 
mit  vier  Augen  und  vier  Armen,  die  nach  der  geistreichen,  aber 
zweifelhaften  Erklärung  des  Verfassers  den  Zustand  der  aus  dem 
Ordal  gerechtfertigt  hervorgegangenen  Menschen  veranschaulichen 
sollen.  (Wer  nämlich  Unrecht  hatte,  erblindete,  wer  im  Recht 
war,  sah  besser,  nachdem  er  die  Augen  mit  dem  heiligen  Wasser 
befeuchtet  hatte  [Solin  IV  7];  die  doppelten  Arme  sollen  das 
Kraftgefühl  des  Gerechtfertigten  ausdrücken.)  Der  Hauptgott 
ist  der  Sardiis  patcr,  über  dessen  Natur  wir  keine  näheren  Nach- 
richten besitzen.  Neben  ihm  wird  die  verwandte  Gestalt  des 
Jolaos  verehrt,  den  der  Verf.  mit  Wahrscheinlichkeit  als  Gott 
der  nach  Sardinien  eingewanderten  Karthager  anspricht.  Wie 
diese  Gestalt  gleichzeitig  als  mythische  Hypostase  des  Sardus 
pater  betrachtet  werden  kann  (S.  85),  ist  mir  nicht  ganz  ver- 
ständlich. Jolaos  besaß  nach  Solin  161  einen  Tempel  bei  seinem 
Grabe.  Schlüsse  auf  seine  Bedeutung  wird  man  daraus  nur  mit 
Vorsicht  ziehen  dürfen.  Unsicher  ist  auch  die  Verbindung  des 
Sardus  pater  mit  den  vorhin  erwähnten  Kuppelheiligtümeru. 
Von  der  Betrachtung  der  Einzelheiten  steigt  der  Verfasser  zu 
allgemeinen  Problemen  auf.  Er  stellt  die  sardische  Keligion 
hinein  in  die  Kultur  der  Mittelmeerländer  und  des  afrikanischen 
Kontinents  und  hebt  die  gemeinsamen  Züge  hervor.  Bedarf 
schon  hier  die  vorwärts  drängende  Synthese  des  Verfassers  eines 
starken  Zügels,  so  schweben  seine  Erörterungen  über  das  höchste 


'  R.  Pettaz/.oni  La  religione  primitiva  in  Sardegna,  Piacenza  1912. 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  191 

Wesen  der  Primitiven  und  die  Beziehungen  des  Sardus  pater  zu 
ihm  m.  E.  völlig  in  der  Luft.  Nichtsdestoweniger  gehört  dies 
Buch  zu  denen,  die  der  Wissenschaft  einen  Ruck  geben. 

Die  schwierigen  Fragen  der  sizili'schen  Kulte  und  Mythen 
erörtert  E.  Ciaceri  in  einer  ausführlichen  und  verdienstlichen 
Arbeit^.  In  5  Kapiteln  werden  die  einheimischen,  die  orienta- 
lischen und  die  griechisch-römischen  Götter  und  Heroen  ab- 
gehandelt, das  letzte  Kapitel  erstreckt  sich  auch  auf  die  Ge- 
stalten des  Mythos,  wobei  besonders  die  Aneassage  und  was 
dazugehört  in  den  Vordergrund  tritt.  Der  Verfasser  ist  eifrig 
bemüht,  für  die  griechischen  Kulte  den  Weg  zu  erschließen, 
auf  dem  sie  nach  Sizilien  gelangt  sind.  Bei  der  Dürftigkeit 
des  Materials  befindet  er  sich  naturgemäß  oft  auf  unsicherem 
Boden.  Mindestens  ebenso  schwierig  ist  seine  Lage  bei  der  Ab- 
grenzung der  alteinheimischen  Gottheiten,  da  diese  durch  die 
frühe  griechische  Kolonisation  so  stark  verdunkelt  worden  sind. 
Für  den  alten  vorgriechischen  Heros  Eryx,  den  C.  erschließen 
möchte,  ist  kein  Zeugnis  beigebracht,  er  scheint  seine  Existenz 
lediglich  der  hellenischen  Mythenbildung  zu  verdanken.  Be- 
sonders angelegentlich  bekämpft  C.  die  Ansicht,  daß  sich  in 
alter  Zeit  orientalische  Kulte  auf  der  Insel  festgesetzt  hätten, 
in  den  meisten  Fällen  sicher  mit  Recht;  doch  gerade  bei  der 
erycinischen  Aphrodite  scheint  die  Institution  von  Hierodulen 
gebieterisch  auf  orientalischen  Ursprung  hinzuweisen.  Daß 
das  religionsgeschichtliche  Urteil  des  Verfassers  der  methodischen 
Sicherheit  entbehrt,  ist  hier  und  dort  zu  bemerken,  so  wenn 
er  den  Phobos  der  bekannten  selinuntischen  Inschrift  einfach 
mit  Ares  gleichsetzt  (S.  175)  oder  wenn  er  mit  einem  leisen 
Befremden  dem  düster-fröhlichen  Doppelcharakter  der  Anthe- 
sterien  gegenübersteht  (S.  222).  Die  Annahme,  daß  der  Hund 
im  alten  Sizilien  die  Rolle  eines  Totemtieres  gespielt  habe 
(S.  133),    ist    ganz  unwahrscheinlich    und  ermangelt  jeder  Be- 


'  E.  Ciaceri  Culti  e  niiti  nella  storia  dell'antica  Sicilia,  Catania  1911. 


192  Ludwig  Deubner 

gründung.  Merkwürdig  berührt  es,  daß  für  das  Epidaurische 
Asklepieion  die  betreöende  Pausaniasstelle  zitiert  wird,  ohne 
daß  der  Ausgrabungsresultate  Erwähnung  geschieht.  Sehr 
dankenswert  sind  die  Hinwieise  auf  das  Fortleben  heidnischer 
Bräuche  und  Vorstellungen  in  christlicher  Zeit:  ein  besonders 
hübsches  Beispiel  ist  die  Sibylle  von  Lilybaeum,  deren  man- 
tische  Kräfte  bis  in  die  Gegenwart  weiterwirken  (56 f.). 

Über  apulische  Gräber  unterrichtet  uns  M.  Mayer  in 
seinem  großen  Apulienwerk.^  Etwa  vom  8.  bis  6.  Jahrh.  v.  Chr. 
finden  sich  in  Mittelapulien  (speziell  im  inneren  Teile  er- 
halten) Rundhügelgräber,  'Aufschüttungen  von  großen  und 
kleinen  Steinen  in  Gestalt  eines  niedrigen,  flachen  Kegels,  von 
kreisrundem  oder  auch  elliptischem  Grundriß,  über  der  Leiche, 
welche  in  geringer  Vertiefung  oder  direkt  auf  der  ebenen  Erde 
gebettet,  von  einigen  großen  Steinplatten  umgeben  und  wahr- 
scheinlich auch  irgendwie  bedeckt  war'  (S.  33).  Die  Toten 
sind  in  seitlicher  Hockerlage  beigesetzt,  Knochenreste  weisen 
auf  die  Sitte  des  Leichenmahles.  Das  übrige  Italien  kennt 
diese  Begräbnisweise  im  wesentlichen  nicht,  dagegen  ist  sie 
jenseits  der  Adria  im  illyrischen  Kulturkreise  stark  verbreitet. 
Dazu  stimmt,  daß  die  eisenzeitliche  Bevölkerung  Apuliens  aus 
eben  dieser  Gegend  eingewandert  ist.  Es  folgen  im  6.  uud 
5.  Jahrhundert  die  in  ganz  Apulien  auftretenden  Schacht-  und 
Kassettengräber,  die  sich  im  allgemeinen  nicht  zu  Nekropolen 
zusammenschließen,  was  mit  dem  lockeren  Gefüge  des  apulischen 
Siedlungswesens  zusammenhängt.  Vielfach  liegen  Gräber  in 
den  Wohnorten,  sozusagen  innerhalb  der  Stadt.  Wandgräber 
sind  sehr  selten,  in  Nordapulien  scheint  man  die  zugehörige 
Urnenbestattung  sj'mbolisch  beibehalten  zu  haben,  indem  man 
ein  größeres  Gefäß  mit  einem  darin  befindlichen  kleineren  in 
die  Gräber  stellte  (S.  56).  Das  Regelmäßige  ist  die  Bestattung, 
für  die  aus  dem  lebenden  Stein  Gräber  herausgeschnitten  oder 

'  M.  Mayer    Apulien    vor   und   während  der   Ilellenisierung  mit  be- 
sonderer Berücksichtigung  der  Keramik,  Leipzig  und  Berlin  1914. 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  193 

Platten  zusammengefügt  werden;  bisweilen  erscheint  das  Grab 
als  kunstlose  Steinkiste.  Die  beigegebenen  Gefäße  sind  ge- 
legentlich nach  bekannter  Sitte  mit  Absicht  zerbrochen  (S,  57). 
Auch  hier,  in  den  älteren  Schacht-  und  Kassettengräbern,  ist 
der  Tote  als  liegender  Hocker  beigesetzt.  Der  Verfasser  ist  der 
Ansicht,  daß  damit  die  Schlaflage  nachgeahmt  werde,  die  bei 
primitiven  Verhältnissen  durch  die  Enge  der  Wohnräume  be- 
dingt wird:  'der  Tote  soll  nur  zu  schlafen  scheinen',  man  wollte 
'das  Bild  des  langhinstreckenden  Todes  vermeiden'.  Ich  glaube 
nicht,  daß  durch  die  Annahme  eines  solchen  sepulkralen  Eu- 
phemismus das  vielbehandelte  Problem  seine  Lösung  findet, 
vielmehr  wird  der  Brauch  am  einfachsten  aus  dem  Gesichts- 
punkte der  Platzersparnis  erklärt,  und  was  dem  Lebenden  recht 
ist,  ist  dem  Toten  billig.  Bei  zunehmender  Kultur  —  vom 
5.  Jahrhundert  an  —  liegt  denn  auch  der  Tote  allmählich  be- 
quemer; die  Schachtgräber  nehmen  größere  Dimensionen  an; 
daneben  treten  die  platzreichen  Kammergräber,  in  denen  dann 
wieder  zuweilen  eine  in  den  Boden  eingetiefte  Bettung  für  den 
Toten  angelegt  wird  (S.  59).  Auch  in  dieser  Periode  kommen 
Gräber  von  elliptischer  Form  vor.  Auf  die  Grabesspende 
weisen  kugelförmige  Tassen,  an  denen  Spuren  von  Kohlen 
oder  Feuer  zu  sehen  sind,  und  die  auch  oben  auf  die  Deck- 
platte des  Grabes  gestellt  werden  (S.  61).  Leichenmahle  sind 
auch  hier  mit  Wahrscheinlichkeit  anzunehmen.  Stelen  und 
Cippen  sind  so  gut  wie  gar  nicht  vorhanden,  der  Verfasser 
denkt  an  die  Möglichkeit,  daß  man  Pfähle  oder  Bretter  ver- 
wendet habe.  Eine  dritte  Epoche  bezeichnen  die  prächtigen 
Kammergräber  aus  Canosa  (4.  u.  3.  Jahrb.),  von  deren  Inhalt 
die  schlauchförmigen  Tongefäße  ohne  Griffe  zum  Ausgießen 
erwähnt  seien.  Sie  hielten  vielleicht  aus  rituellen  Gründen 
eine  altertümliche  Form  fest,  die  aus  einer  Zeit  stammen  mag, 
wo  das  Herstellen  eines  Henkels  noch  Schwierigkeiten  bereitete 
(S.  311).  Das  letzte  Kapitel  des  Buches  (391  ff.)  beschäftigt 
sich  mit  apulischen  Kulten  und  Sagen.     Von  Interesse  ist  die 

Archiv  f. Keligions Wissenschaft  XX  13 


i94                                           Ludwig  Deobner  ] 

i 

Erwähnung  eines  Korridors  mit  eigentümlichen  Schallverhält-  ] 

nissen  bei  der  St.  Michele-Grotte  von  Putignano:  er  wird  auf 
eine  Orakelstätte  gedeutet.  Zu  dem  Wunder  von  Gnatia  und  ! 
dem  dortigen  Nymphenkult  (Hör.  Sat.  I  5,  97ff.)  vgl.  S.  393.  ! 
Überhaupt  scheinen  Wasser-  und  Flußgottheiten  bei  den  illy-  ; 
rischen  Völkerschaften  Apulieus  eine  Hauptrolle  gespielt  zu  \ 
haben  (S.  397).  Eine  merkwürdige  Darstellung  zeigt  ein  in  i 
der  Nähe  von  Bari  gefundener  Becher  des  5.  Jahrhunderts  l 
(393 f.):  ^ein  Jüngling  und  ein  Mädchen,  beide  nach  links  ge- 
wendet, der  Jüngling  bietet  mit  ausgestreckten  Armen  eine  i 
Blüte  und  eine  Frucht  oder  anders  gestaltete  Blume  dar;  das  ! 
Mädchen  mit  der  einen  Hand  ebenfalls  eine  Blüte  hinhaltend, 
hat  in  der  Linken  ein  Idol,  offenbar  ein  Anathem,  bereit.'  Vor  : 
ihnen  in  der  Höhe  befindet  sich  ein  kleiner,  oben  spitzer  Pfeiler  ; 
mit  Basis,  nach  Mayer  frei  schwebend  oder  aufgehängt;  doch  i 
macht  mich  Karo  mit  Recht  darauf  aufmerksam,  daß  in  dieser  ; 
Lage  die  Basis  unnatürlich  wäre;  vielmehr  sei  der  Gegenstand  \ 
im  Hintergrund  des  Feldes  zu  denken.  Der  Verfasser  erblickt 
in  dem  Pfeiler  ein  Kultobjekt.  Seine  Bedeutung  bleibt  unsicher.  ; 
Dasselbe  gilt  von  der  Beziehung  der  römischen  Pales  zu  ! 
Apulien  (S.  395)  und  der  Erklärung  der  schwarzen  'Maske',  die  > 
von  der  als  Griff  eines  Gefäßes  dienenden  Figur  Taf.  1  2 
getragen  wird  (S.  402).  Einige  Tongefäße,  die  mit  dem  Per- 
sephonekult  zusammengebracht  werden,  sind  S.  394  Fig.  80 — 82  i 
abgebildet,  vgl.  Taf.  XXXV  l  12  und  S.  248.  261,  4.  Im  An-  ^ 
Schluß  an  die  Vasen  mit  emporgestreckten  Händen  wird  S.  92  ff.  [ 
über  die  Bedeutung  von  Handdarstellungen  gesprochen.  Fast  j 
überall,  auch  bei  den  Vasen,  liegt  die  apotropäische  Be-  . 
deutuiig  zutage.  Eine  bestechende  Auslegung  erfährt  die  j 
von  Paus.  X  10,  6  ff.  erzählte  Geschichte  des  Phalanthos  aus  .; 
Sparta.  Das  Orakel  verkündete  ihm,  daß  er  Land  und  Stadt  i 
erwerben  werde,  wenn  er  merke,  daß  es  bei  heiterem  Himmel  i 
regne.  Er  geht  nach  Unteritalien  und  gewinnt  Tarent,  nach- 
dem  seine    Frau     ihm    beim   Lüusesuchen    mit    ihren    Tränen 


Griechische  und  römische  Eeligion  1911 — 1914  ]Q5 

den  Kopf  genäßt  hat.     In    Wahrheit   hängt    der   Orakelspruch 
nach  Mayer  mit  der  Tatsache  zusammen,  daß  an  der  apulischen 
Küste  die  Straßen  im  Winter  manchmal  plötzlich  wie  von  Regen  ge- 
näßt erscheinen;  'selten  daß  man  den  Nebel  als  niedrige  Wolke  von 
der  Seeseite  her  hereinwallen,  sich  verbreiten  und  auflösen  sieht.' 
M.    Rostowzeff^    sieht    in    den    thrakischen    Reiter- 
reliefs   Dokumente    einer   Verbindung    des    Mithraskultes    mit 
dem    der    großen    iranisch -semitisch -kleinasiatischen     Göttin. 
Seine    tiefgreifenden  Ausführungen^  sind  von  größter  Wichtig- 
keit, wenn  auch  das  letzte  Wort  damit  schwerlich  gesprochen 
sein  dürfte.    Insbesondere  scheint  mir  der  doppelte  Reiter,  den 
R.   als   einen  verdoppelten  Mithras  betrachtet,  noch  keine   ge- 
nügende  Aufklärung   gefunden   zu   haben.    —    In  einem  wert- 
vollen  Aufsatze   bespricht   derselbe   Gelehrte^  Votivreliefs    aus 
Ai  Todor  (Südrußland)  und  Olbia,  deren  Darstellungen  auf  die 
Existenz   thrakischer  Heiligtümer   an   diesen  Orten    hinweisen, 
und  betont  den  kulturellen  Zusammenhang  zwischen  Thrakien 
und  Südrußlaud. 

Wie  jüdische  Einwanderer  aus  Babylonien  im  phry- 
gischen  Apamea  auf  einheimische  Flutsagen  stoßen  und, 
durch  äußere  Umstände  angeregt,  die  Landung  der  Arche 
Noah  in  jene  Gegend  verlegen,  wie  dann  der  jüdisch-heidnische 
Synkretismus,  zuletzt  auch  noch  durch  das  Christentum  weiter 
befördert,  immer  mehr  ins  Kraut  schießt,  das  hat  A.  Reinach 
mit  einem  Übermaß  von  Kombinationsfreudigkeit  und  er- 
müdender Breite  dargestellt.^  Wenn  die  Dinge  so  unsicher 
sind,  sollten  sie  wenigstens  amüsanter  vorgetragen  werden.  — 

*  M.  RoetowzeflF  Die  Vorstellung  von  monarchischer  Gewalt  in  Skythien 
und  am  Bosporus,  Nachrichten  der  Archäolog.  Kommission  XLIX  1913 
(rassisch),  37  ff. 

*  Ders.  Das  Heiligtum  der  thrakischen  Götter  und  die  Inschriften  der 
Beneficiarü  in  Ai  Todor,  Nachrichten  der  Archäolog.  Kommission  XL  1911 
(russisch). 

*  A.  Reinach  Noe  Sangariou,  etude  sur  le  deluge  en  Phrygie  et  le 
syncräisme  judeo-phrygien,  Paris  1913. 

13* 


j  9(j  Ludwig  Deubner  : 

Der  orientalischen  Gedankenwelt  gehören  die  merkwürdigen 
lydisch-phrygischen  Inschriften  an,  die  Fr.  Steinleitner  ; 
in  einer  nützlichen  Arbeit  systematisch  besprochen  hat.^  Es  i 
handelt  sich  um  Aufzeichnungen  von  Leuten,  die  an  einer  ! 
Gottheit  oder  einem  Menschen,  gefrevelt  haben  und  dafür  von  j 
der  Gottheit  bestraft  wurden,  nach  Ablegung  eines  Sünden-  j 
bekenntnisses  aber  und  geleisteter  Genugtuung  Verzeihung  er-  j 
langten  und  schließlich  zum  Ruhme  der  Gottheit  und  ■ 
zur     Warnung     der     Mitmenschen     den     Hergang     kurz     auf     ' 

einer      Stele      niederschreiben      mußten,      die      in     dem     be-     ! 

I 

treffenden  Heiligtum  aufgestellt  wurde.     Typus  der  ersten  Art  j 

S.  40  Nr.  13:  HvTovla  'Avrc3viov  ^A'xdXXcovi  dsäi   Boti]Vcp   diä  I 

tö    avccßsßrjxevui    ^e    ItcI    xbv    %&qov    iv    QvnccQa    iTTsvdvTi], 

iio}M6rf£L6a    de    i^G}iiokoyr}(}Cci.irjv    jccct    äved-tjxcc    svXoyCav,     8Tt  , 

iy£vö^r,v  bloiclrjQog,  Typus  der  zweiten  Art  S.  34  Nr.  10:  insi  '. 

'EQ^ioyivTjg    D.vxavog     xal     Ninavlg    0t).o^Evov    iXoiöÖQrjöav  ; 

^AQXBuCddQOV    7t£Ql    Oivov,    'AQtf^iidoDQog   TtLxtdxLov   edojxsv.    6  1 

^ebg  exolä()£ro  (sie)  tbv  'EQiioyevrjv^  xal  ikdöSTO  rbv  d^sbv  xccl  \ 

ccTtb   vvv    ivdotsl.     Das    zweite    Beispiel    zeigt,    daß     der    ge-  '. 

schädigte   Nächste    dem    Gotte    ein    Klagetäfelchen    einreichte;  | 

vermutlich  nahm  es    der  Priester  entgegen.     Damit  hat  Stein-     , 

i 
leitner    passend   die   knidischen    Bleitafeln    zusammengebracht, 

die  nicht  bloß  wie  die  sonstigen  Verfluchungen  den  Wider-  ; 
sacher  den  Unterirdischen  überantworten,  sondern  die  Mög- 
lichkeit ins  Auge  fassen,  daß  er  einlenkt,  in  welchem  Falle 
ihn  die  Folgen  des  Fluches  nicht  treffen  sollen.  Die  Tafeln 
waren  also  im  Heiligtum  der  Demeter,  an  deren  Adresse  sie 
gerichtet  wurden,  aufgehängt  und  sollten  den  Schuldigen,  der 
sie  las,  zur  Umkehr  veranlassen.  Die  von  den  Sündern  in  den 
lydisch-phrygischen  Inschriften  bekannten  Verfehlungen  sind 
nur  äußerliche,  auch  den  Göttern  gegenüber  handelt  es  sich 
bloß  um  Übertretung  von  Vorschriften  des  Rituals.     Aber  das  j| 

'  Fr.  Steinleitner   Die    Beicht   im    Zusammenhange  mit  der  sakralen 
Rechtspflege  in  der  Antike,  Leipzig  1913. 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  197 

ist  richtig,  daß  mit  dem  verlangten  Sündenbekenntnis  die 
Möglichkeit  einer  sittlichen  Entwicklung  angebahnt  war,  für 
die  das  Griechentum  kein  Analogen  besaß. 

P.  Carolidis^  sucht  arische  Elemente  in  kleinasiatischen 
Sprachen   und  Kulten    nachzuweisen    und  diese  Elemente  zum 
griechischen    und    armenischen    Kulturkreis    in   Beziehung    zu 
setzen.     Die  Kabiren  von  Samothrake  sind  nach  ihm  von  den 
phrygischen   Kabiren    ganz  verschieden,    der  Name    im    ersten 
Falle    semitisch    (Kabir  =  groß),  im    zweiten    armenisch-klein- 
asiatisch (Wurzel  xov  =  sagen),    79  f.  S.  114:  'Wenn  nun  der 
von    Pontus    aus    Kleinasien    in    Ägypten    eingebrachte    Gott 
UaQUTtig  Pluto  oder  Orcus  ist,  kann  er  nichts  anderes  sein  als 
der   in   pontischen  Küsten  wie  in  Thrakien  als  Neptunus  ver- 
ehrte,   in   vielen    kleinasiatischen    Ländern    als    Lichtgott    be- 
kannte Sarpedon,  der  in  dem  mit  ihm  verwandten  armenischen 
Sandaraped  =    Orcus,   Dispater,    seine    erste    Eigenschaft    er- 
halten  hat.'     S.  139  ff.  findet    der  Heortologe  Materialien,    die 
ein  kleinasiatisches  Blumenfest  betreffen,  leider  nicht  übersicht- 
lich genug  geordnet.  Der  attische  'Av&aatr]QLc6v  entspricht  'ziem- 
lich dem  April'  (S.  176),    >c»j>    soll    eine    Personifikation    des 
Todes    sein,   nicht  die  Seele  selbst  (S.  177).    —    Ebensowenig 
befriedigen    die    nicht    gerade    durch  Klarheit    ausgezeichneten 
Darlegungen  desselben  Gelehrten-  über  armenische  Psycho- 
pompos- Gestalten;    doch    erregt    die  Zurückführung  des  Pla- 
tonischen Pamphyliers  Er  auf  den  armenischen  König  Ära,  der 
angeblich  vom  Tode  aufersteht  (14  ff.),  kein  geringes  Interesse. 
Die  Identität    der  Amazonen    und    Hettiter   vertritt  nach 
Anderen   W.  Leonhard^    indem    er    nachzuweisen    versucht, 

*  P.  Carolidis  Bemerlcungen  zu  den  alten  kleinasiatischen  Sprachen 
und  Mythen,  Straßburg  1913. 

2  P.  Carolidis  Anubis,  Hermes,  Michael,  ein  Beitrag  zur  Gesch.  d. 
religiös-philosophischen  Sijnlretisrrms  im  giiech.  Orient,  Straßburg  i.  E.  1913. 

^  W.  Leonhard  Hettiter  und  Amazonen,  Leipzig-Berlin  1911.  Vgl. 
dazu  A.  Reinach  Bev.  de  l'hist.  des  rel.  LXVII  1913,  277  fr.;  Casson 
Class.  Bev.    XXVII    1913,  163  ff. 


193  Ludwig  Deubner 

daß  das  Verbreitungsgebiet  der  Amazonentraditionen  und  der 
Münzen  mit  Amazonendarstellungen  gut  zu  der  Ausdehnung 
des  liettitischen  Reiches  passe  imd  daß  die  Kultur  beider 
Völker  eine  starke  Übereinstimmung  zeige.  Ich  gestehe,  daß 
ich  ein  Gefühl  der  Sicherheit  bei  den  Darlegungen  des  Ver- 
fassers nicht  gewonnen  habe,  doch  wird  die  Möglichkeit  ein- 
zuräumen sein,  daß  eine  Erinnerung  an  die  Hettiter  in  den 
Amazonensagen  zugrunde  liegt,  wenn  auch  jede  genauere 
Fixierung  und  insbesondere  eine  Verwendung  von  Amazonen- 
traditionen für  die  Rekonstruktion  hettitischer  Geschichte 
starken  Bedenken  unterliegt.  —  Nach  F.  M.  Bennett^  sind 
die  Amazonenüberlieferungen  in  der  Gedankenwelt  der  prä- 
hellenischen Kultur  entstanden  und  gehören  zu  den  Spuren 
alten  Matriarchats.  Die  Beweisführung  hängt  an  dünnen  und 
dünnsten  Fäden  und  die  Darlegungen  sind  von  reichlichen 
Ahnungslosigkeiten  durchsetzt.'  Jene  Verknüpfung  mit  dem 
Prähellenismus  ist  zweifellos  berechtigt  und  nicht  weiter  merk- 
würdig, nur  bedarf  das  eigentliche  Amazonenproblem  viel 
schärferen  Zufassens,  und  vor  allem  wäre  eine  eingehende 
Auseinandersetzung  mit  dem  der  Verfasserin  keineswegs  un- 
bekannten Werke  Leonhards  am  Platze  gewesen. 

In  2.  Auflage  erschien  die  kleine  deutsche,  von  Gehrich 
besorgte  Ausgabe  des  Cumontschen  Mithras-Buches.*  Die 
Anmerkungen  und  Abbildungen  sind  vermehrt,  ein  Ver- 
zeichnis der  Literatur  seit  1900  ist  beigefügt.  Auch  ein 
Anhang  über  die  mithreische  Kunst  ist  beigegeben  (=  I  213 
bis  220  des  Hauptwerkes).  —  Kluges  Darstellung  des  Mithras- 


'  Florence  Mary  liennett  Belirfious  Cults  associated  ivith  the  Amazons, 
New  York  1912. 

»  Vgl.  auch  Gruppe  Berl.  philol  Woctienschr.  1913  S.  1587. 

"  Fr.  Cumont  DU  Mysterien  den  Mithra,  ein  Beitrag  z.  Religionsgesch. 
d.  röm.  Kaiaerzeit,  autorisierte  deutsche  Ausgabe  von  G.  Gehrich,  2.  veno. 
und  verb.  Aufl.,  Leipzig  1911. 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  199 

kults*  im  'Alten  Orient'  genügt  einigermaßen  den  an  diese 
Sammlung  zu  stellenden  Ansprüchen,  könnte  aber  flüssiger 
geschrieben  sein  und  einen  bescheideneren  Titel  führen.  Die 
von  Dieterich  dem  Pariser  Zauberpapyrus  entnommene  'Mithras- 
liturgie'  wird  vom  Yerf.  als  solche  verwertet,  obwohl  gewich- 
tige Bedenken  dagegen  geltend  gemacht  worden  sind.* 

Von  Wichtigkeit  für  die  Frage  nach  der  Bedeutung  des 
Adlers  auf  svrischen  Grabdenkmälern  ist  ein  Aufsatz  von 
S.  Ronzevalle^,  worin  die  von  Cumont  gegebene  eschato- 
logische  Erklärung  jenes  Symbols^  angezweifelt  und  seine 
syrische  Herkunft  bestritten  wird.  Ronzevalle  erblickt  die 
Heimat  des  Grabadlers  vielmehr  in  Kleinasien  und  vermag 
allerdings  ein  so  wichtiges  Dokument  beizubringen  wie  den 
mit  zwei  symmetrischen  Löwen  vereinigten  Adler  auf  einem 
paphlagonischen  Grabe,  das  mehrere  Jahrhunderte  vor  Alexander 
anzusetzen  ist  (S.  47*).  Dieser  Adler  kann  wegen  der  Löwen 
schwerlich  als  Vehikel  der  zur  Sonne  aufsteigenden  Seelen 
aufgefaßt  werden.  So  wird  denn  das  Problem  des  syrischen 
Grabadlers  erneuter  Überlegungen  bedürfen. 

Zwei  Untersuchungen  zur  Geschichte  ägyptisch- grie- 
chischer Religion  legt  W.  Weber  vor.^  Die  eine  betrifft  die 
Gleichsetzung  des  Sarapis  mit  Helios,  die  zweite  die  des  An- 
tinoos  mit  Hermes.  Die  beachtenswerten  Gedanken  des  Ver- 
fassers   würden     bei     größerer    Klarheit     der    Linienführung 


^  Th.  Kluge  Der  Mithrcikult,  seine  Anfänge,  Entwicklungsgeschichte 
und  seine  Denkmäler,  Der  alte  Orient  XII  3,  Leipzig  1911. 

*  Vgl.  Dieterich  Mithrasliturgie^  225  ff. 

'  S.  Ronzevalle  L'aigle  funeraire  en  Syrie,  Sonderabdruck  aus 
Melanges  de  la  faculte  Orientale  Beyrouth  V  1912,  l*ff. 

*  Vgl.  Archiv  XIV  1911  S.  585,  wo  zu  lesen:  Eev.  de  Vhist.  des  rel. 
LXIV1911,  119ff.  S.  auch  Berl.  philol  Wochenschr.  1911,  1606f.;  Eöm. 
Mut.  XXVII 1912,  Iff. 

"  W.  Weber  Zxvei  Untersuchungen  zur  Geschichte  ägyptisch-grie- 
chischer Beligion,  Progr.  des  Heidelberger  Gymn.  1911.  Erweitert  um 
einen  dritten  Aufsatz  „Zwei  Formen  des  Osiris"  gleichzeitig  als  Heidelb. 
Habilit.  Schrift ;  Drei  Untersuchungen  zur  ägypt.-griech.  Beligion. 


200  Ludwig  Deubner 

zweifellos  zu  stärkerer  Wirkung  kommen,  manches  freilich 
scheint  mir  sehr  problematisch.  Die  Resultate  der  Arbeit  sind 
mitbenutzt  in  desselben  Gelehrten  Groninger  Antrittsrede  über 
ägyptisch-griechische  Götter  im  Hellenismus.*  Hier  wird  ein 
Überblick  über  die  Entstehung  der  alexandrinischen  Kulte  und 
über  ihre  Wirkung  im  griecliisch-römischen  Kulturkreise  ge- 
geben. Etwas  zu  stark  scheint  mir  der  Verfasser  den  Alexan- 
drinismus  der  ägyptischen  Kulte  außerhalb  Ägyptens  zu  unter- 
streichen. Das  führt  zu  dem  nicht  sehr  einleuchtenden  Schluß, 
daß  Differenzen  zwischen  ausländischen  Kulten  der  gleichen 
Gottheit  aus  der  Herleitung  dieser  Kulte  von  verschiedenen 
alexandrinischen  Mutterheiligtümern  zu  erklären  seien  (S.  35).  — 
Die  Ableitung  des  Sarapis  vom  memphitischen  Osiris-Apis 
hat  Sethe^  mit  starker  Wahrscheinlichkeit  vertreten.  Der 
babylonische  Sarapis  ist  endgültig  durch  ihn  abgetan;  die  Ge- 
schichtlichkeit der  Einholung  des  Plutonbildes  aus  Sinope 
scheint  unbestreitbar.^  Den  Nachweis  Sethes,  daß  die  xatoxoi 
des  Sarapeions  von  Memphis  weder  Inkubanten  noch  Klausner 
waren,  sondern  vielmehr  als  Häftlinge  zu  betrachten  sind,  und 
daß  diese  Haft  wahrscheinlich  nichtreligiösen  Charakters  war, 
hat  U.  Wilcken  Archiv  f.  Papyrus  f.  W.  184  ff.  alsbald  zu  er- 
schüttern versucht,  indem  er  an  der  religiösen  Bedeutung  der 
Institution  festhielt;  ihm  hat  Spiegelberg  BLZ  1914,  1114ff. 
zugestimmt.  In  einer  Besprechung  des  Wilckenschen  Auf- 
satzes, Gott.  ffd.  Anz.\^\^,  385  ff.,  nahm  dann  Set  he  noch- 
mals das  Wort  und  behauptete  siegreich  seine  Positionen.*  — 

'  W.Weber  Ägyptisch-griechische  Götter  im  HeUenismus,  Groninger 
Antrittsrede  1912. 

*  K.  Setbe  Sarapis  und  die  sog.  xütoxoi  des  Snrapis,  zwei  Pro- 
bleme der  griech.-ügypt.  ReUginnsgeschichtc,  Abbandlangen  d.  Gott.  Ges, 
d.WisB.  N.  F.  XIV  6,  Berlin  lai.S. 

'  Vgl.  dazu  jetzt  Weinreicb  Neue  Untersuchungen  zur  Sarapis- lieligimi, 
Tübingen  1919,  S.  8,  8. 

'  Einer  scbärferen  Interpretation  bedürfen  noch,  wie  mir  scheint, 
die  Pariser  Papyri  35  und  37,  Sie  bilden  zurzeit  den  Hpringenden  Pankt 
für  die  Austragung  der  Streitfrage. 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  201 

Auf  weitere  Kreise  ist  das  seinen  Zweck  erfüllende  Büchlein 
berechnet,  das  J.  Burel  über  den  Isiskult  im  römischen 
Reiche  verfaßt  hat.^ 

Über  heilige  Tätowierung^  in  den  Kulten  der  Magna 
Mater,  des  Dionysos  und  vielleicht  auch  des  Mithras  findet 
man  einiges  in  dem  die  Frage  der  altchristlichen  Taufbezeich- 
nung erörternden  Buche  Fr.  J.  Dölgers,^ 

Wie  stark  die  hellenistische,  aus  alten  orientalischen  Quellen 
gespeiste  Astrologie  auf  die  Bilder  der  johanneischen 
Apokalypse  gewirkt  hat,  zeigen  die  meisterhaften,  aufschluß- 
reichen Untersuchungen  Fr.  Bolls*,  die  eine  überwältigende  Fülle 
von  Motiven  des  Apokalrptikers  auf  Bilder  und  Vorstellungen 
jener  Disziplin  einleuchtend  zurückführen.  Als  ein  besonders 
glänzendes  Beispiel  dafür,  wie  wertvolle  neue  Erkenntnis  auf 
dem  Spezialgebiete  des  Verfassers  gewonnen  werden  kann,  sei 
die  schlagende  Deutung  der  apokalyptischen  Heuschrecken- 
dämonen aus  den  Skorpion  -  Kentauren  des  babylonisch  -  helle- 
nistischen Himmelsbildes  erwähnt  (68  ff.).  Von  Wert  für  die 
Formenlehre  der  Offenbarung  (die  Dieterich  einmal  schreiben 
wollte)  sind  die  Ausführungen  über  die  Typik  der  Offenbarung 
4  ff.  (Ekstase,  Verkehr  mit  Gott,  Buch,  kosmische  und  tellu- 
rische Vorgänge)  und  über  Könige  als  Offenbarungsträger 
176  ff.  Auch  auf  die  vierte  Ekloge  Vergils  fällt  neues  Licht 
(12  ff.).  —  Sechs  in  Amerika  gehaltene  Vorlesungen  über  die 
Astrologie  im  Altertum  veröffentlicht  Fr.  Cumont^:  das  Werk 


^  J.  Bnrel  Isis  et  les  isiaques  sous  l'empire  romain,  Paris  1911. 

*  Vgl.  Perdrizet  Archiv  XIV  1911,  54ff. 

'  Fr.  J.  Dülger  Sphragis,  Studien  zur  Gesch.  u.  Kultur  d.  Altert., 
herausgegeb.  v.  Drerup  usw.  V  3/4,  Paderborn  1911,  41flF. 

*  Fr.  Boll  Aus  der  Offenbarung  Johannis,  Hellenistische  Studien  zum 
Weltbild  der  Apokalypse  (in:  ZxoixBia,  Studien  zur  Gesch.  d.  antiken 
Weltbildes  u.  d.  griech.  Wiss.,  herausgegeb.  von  Fr.  BoU,  Heft  I),  Leipzig 
und  Berlin  1914. 

'■'  Fr.  Cumont  Astrdlogy  and  Religion  among  the  GreeJcs  and  Bomans, 
New  York  und  London  1912. 


202  Ludwig  Deubner 

eines  Kenners,  ebenso  elegant  wie  solide,  eine  vorzügliche 
Einführung  in  das  behandelte  Wissensgebiet.  Der  erste  Ab- 
schnitt bespricht  die  Entwicklung  der  Astrologie  bei  den  Chal- 
däern,  der  zweite  die  Wechselwirkungen,  die  zwischen  Babylon 
und  Griechenland  in  der  Auffassung  von  den  Sternen  be- 
standen und  die  Rolle,  die  der  dem  Sternglauben  entgegen- 
kommende Stoizismus  spielte  —  besonders  hingewiesen  sei  auf  die 
Betonung  der  Tatsache,  daß  die  '])latonische'  Epinomi.s  stark  unter 
dem  Einfluß  orientalischen  Sternkultes  steht  (S.  50).  Im  dritten 
Abschnitt  wird  eine  Übersicht  über  die  Ausbreitung  der  Astro- 
logie im  Okzident  gegeben,  der  vierte  und  fünfte  bieten  eine 
Darstellung  der  Sternenreligion  und  der  mit  ihr  verbundenen 
Mystik  und  Ethik,  der  letzte  behandelt  die  aus  dem  Stem- 
glauben  fließenden  eschatologischen  Vorstellungen,  die  Kate- 
gorien derer,  die  nach  ihrem  Tode  in  den  Sternenhimmel  ver- 
setzt  werden,  die  Vehikel  und  Etappen  ihres  Aufstiegs  und 
endlich  die  intellektuale  Seligkeit  der  Verklärten. 

Die GehrichscheUbersetzung  von Cumonts  ^Orientalischen 
Religionen'  ist  in  zweiter  Auflage  erschienen.*  Der  Text  hat 
nur  'unerhebliche  Änderungen  und  Zusätze  erfahren'  (S,  XXII), 
dagegen  sind  die  Anmerkungen  (93  Seiten  gegen  84  der  ersten 
Auflage)  auf  den  neuesten  Stand  des  Wissens  gebracht.  Auch  in 
der  Vorrede  ist  noch  auf  einige  neuere  Literatur  hingewiesen.  — 
Auch  in  der  Kultur  der  Gegenwart  hat  Cumont  den  Einfluß 
der  orientalischen  Religionen  auf  den  antiken  Okzident  mit  be- 
währter Kennerschaft  dargestellt.^  Insbesondere  sei  auf  den 
Schlußabschuitt  hingewiesen,  der  das  Verhältnis  zum  Christen- 
tum behandelt. 

Von    der    Aufdeckung    einer    aus    dem    1.   Jahrh.  v    Chr. 


'  Fr.  Cumont  Die  orientalischen  Religionen  im  röm.  Heidentum,  auto- 
risierte deutsche  Ausgabe  von  G,  Gehrich,  2.  verb.  u.  verm.  Auflage, 
Leipzig  und  Berlin  1914. 

*  D.  Kultur  d.  Gegenwart,  Teil  I  Abt.  III  1 :  Die  Religionen  des 
Orients  u.  d.  altgermnnische  Rel.,  Leipzig-Berlin  1913,  243  ff. 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  203 

stammenden     jüdischen      Synagoge      auf     Delos      berichtet 
A.  Plassart.^      Gewisse    Berührungen    mit   griechischen   Vor- 
stellungen in  der  Engellehre  der   griechischen  Apologeten 
hat  Fr.  Andres  aufgewiesen.'     In  der  Hauptsache  freilich  er- 
gibt sich  volle  Selbständigkeit  der  christlichen  Väter  bzw.  Ab- 
hängigkeit von  der  spät-jüdischen  Lehre,  deren  Verwandtschaft 
mit  hellenistisch -romischem    Glauben    auf  gemeinsame    orien- 
talische Quellen  zurückweist.    —  Wichtige  Bemerkungen  über 
die   Beziehungen  zwischen   christlichem   und  heidnischem  Ge- 
bet   stehen    bei    Reitzenstein    G'ött.  gel.  Ans.    1911,    550 f. 
564ff,   —    Useners  Weihnachtsfest   ist   von   H.  Lietzmann 
neu  aufgelegt  worden^,   unter  Zufügung  des  Usenerschen  Auf- 
satzes über  'Sol  Invictus',  einer  Abhandlung  des  Herausgebers 
'Über  das   Datum   der  Weihnachtspredigt   des  Johannes  Chry- 
sostomos'    und    eines  Registers.    —    Die    glänzenden  Vorträge 
von    Ed.   Schwartz    über    Konstantin    d.  Gr.*    zeichnen  die 
Entwicklung    des    römischen    Kaisertums    und    der  Kirche   bis 
auf    Konstantin,    um    dann    eine    lebensvolle    Schilderuns:    der 
Kirchenpolitik    des    Kaisers    zu   entwerfen,    die    in    dem    Satze 
gipfelt,    daß  es  Konstantin  vor  allem  darauf  ankam,    das  feste 
Gefüge  der  kirchlichen  Organisation  seiner  Universalmonarchie 
dienstbar    zu    machen.     Von   besonderem  Interesse  ist   die  ge- 
schichtliche   Betrachtung    der    Nicänischen    Bekenntnisformel 
(s.  namentlich  S.  147).  —  Einen  Zusammenhang  zwischen  dem 
Labar um  Konstantins  und  der  Labrys  (Doppelaxt)  aufzuzeigen 

*  A.  Plassart  La  synagogite  juive  de  Delos,  Separatabdmck  aus 
Melanges  Holleaux,  Paris  1913,  201  fF. 

*  Fr.  Andres  Die  Engellehre  der  griechischen  Apologeten  des  ziveiten 
Jahrhunderts  und  ihr  Verhältnis  zur  griech.-röm.  Dämonologie,  Forschungen 
zur  Christi.  Literatur-  u.  Dogmengesch.,  herausgegeben  von  Ehrhard  u. 
Kirsch  XII  3,  Paderborn  1914. 

^  H.  Usener  Religionsgeschichtliche  Untersuchungen  I:  Das  Weih- 
nachtsfest, 2.  Aufl.,  Bonn  1911. 

*  Ed.  Schwartz  Kaiser  Constantin  und  die  christliche  Kirche,  Leipzig 
und  Berlin  1913. 


204  Ludwig  Deubner.    Oriech.-n.  röm.  Religion  1911 — 1914 

ist  B.  Schremmer^  nicht  gelungen.  —  An  der  dornenvollen 
Kontroverse  über  das  Verhältuis  des  Urchristentums  zu 
den  Mysterienreligionen  beteiligt  sich  C.  Giemen  mit 
einem  beachtensvferten  Beitrag.'  Er  kommt  zu  dem  Resultat, 
daß  das  älteste  Christentum  von  jenen  Religionen  nur  in  ge- 
ringem Maße  beeinflußt  worden  sei.  (Scwuß  folgt.) 


'  B.  Schremmer  Labartim  und  Steinaxt,  Tübingen  1911. 

'  C.   Giemen    Der  Einfluß    der   Mysterienreligionen   auf  das  älteste 
Christentum,  Religionsgesch.  Vers.  u.  Vorarb.  XIII  1,  Gießen  1913. 


i 


2  Altgermanische  Eeligion 

Von  Fr.  Kauffmann  in  Kiel 

Unsere  Arbeitsgemeinschaft  hat  eines  ihrer  begabtesten 
und  tatkräftigsten  Mitglieder  yerloren:  Dr.  Axel  Olrik,  Pro- 
fessor für  nordische  Volkskunde  an  der  Universität  Kopen- 
hagen, ist  am  17.  Februar  1917  verstorben.^  Er  stand  im 
53.  Lebensjahr  und  hinterließ  sein  Lebenswerk,  die  dänische 
Heldensage,  unvollendet.  Vom  Volksleben,  von  der  Volkskunde, 
von  der  Lied-  und  Sagenforschung  war  er  zuletzt  immer  näher 
an  die  Religionswissenschaft  herangedrängt  worden.  Er  ist 
auch  als  Mythologe  Sagenforscher  geblieben,  zum  Religions- 
historiker nicht  ausgewachsen.  Aber  in  seiner  jüngsten  Leistung 
sahen  wir  ihn  diesem  Ziel  entgegenreifen.  Mit  zunehmender 
Konzentration  hatte  Olrik  eine  Stilgeschichte  der  mytho- 
logischen Überlieferungen  in  Angriff  genommen.  Sein 
opus  postumum  („Eddamythologie",  Neue  Jahrbücher  f.  d. 
klass.  Alt.  1918,  38—48)  hebt  mit  den  Worten  an:  „Mytho- 
logie kann  erzählende  Darstellung  sein  .  .  .  Mythologie  kann 
auch  die  Gottesverehrung  umfassen  —  ihr  Stoff  ist  dann  mit 
andern  Worten  die  Religion  — ,  zwischen  diesen  Zielen  schwankt 
die  Forschung  unserer  Zeit." 

Der  Verfasser  kennzeichnet  zuerst  die  erzählenden  Dar- 
stellungen der  Eddalieder.  Diese  Dichtungen  sind  nicht  naive 
Nacherzählungen  der  Volksüberlieferung  oder  des  volkstüm- 
lichen Mythus;  ihre  Dichter  gestalteten  den  ererbten  Stoff' 
nach  Maßgabe  ihrer  persönlichen  Stimmung,  ihres  religiösen 
Erlebnisses  oder  ihres  grübelnden  Denkens.    Ihnen  stellt  Olrik 

^  Es  gedachten  seiner  A.Heusler  Herrigs  Archiv  für  das  Studium  der 
neueren  Sprachen  136,  Iff.;  M.  Kristensen  Danske  Studier  1917,  Iff.  u.  a. 


206  ^r.  Kauffmann 

die  Skalden  gegenüber^,  deren  unpersönlich-geschnörkelter  Stil 
die  Grundtatsache  enthüllt,  daß  sie  es  waren,  die  die  Götter- 
erzählungen nicht  nach  ihrem  Herzen  oder  ihrem  Kopf  um- 
gießen, den  Stoff  —  J)orsmythen  wurden  in  den  Skalden- 
liedern, OJiiusmythen  in  den  Eddaliedern  bevorzugt  —  nicht 
selbständig  bearbeiten,  sondern  der  „ungebrochenen  Volks- 
religiosität" nahestehen.  „Skaldenlied"  und  „Eddalied"  ver- 
treten zwei  verschiedene  mythologische  Stile:  jenes  haftet  am 
volkläufigen  Stoff,  dieses  schmückt  ihn  mit  freierer  Ornamentik. 
Beiden  Gattungen  folgt  die  Edda  des  Snorri  Sturluson  und 
gibt  die  Mythen  der  Eddalieder  und  die  der  Skaldenlieder  mit 
der  besten  Erzählkunst  wieder,  über  die  die  Isländer  im 
13.  Jahrhundert  verfügten;  diese  Poetik  enthält  also  im  Sinn 
eines  Lehrbuchs  umstilisierte  Prosavarianten  der  beiden  Lieder- 
quellen. Alles  dies  und  noch  etliches  weniger  Bedeutsame 
faßte  Olrik  unter  dem  Begriff  „Eddamythologie'*  zusammen, 
die  er  von  der  Volksüberlieferung  um  ihrer  Stilform  und  ihrer 
Tendenz  willen  mit  Recht  unterscheidet.  Der  wichtigste  und 
allgemeinste  Grundgedanke  der  Eddamythologie,  in  dem  alle 
ihre  Vertreter  einig  gehen,  ihr  erster  und  ihr  letzter  Gegen- 
stand war  außer  dem  Gegensatz  der  Lebenden  und  der  Toten 
der  Kampf  der  „Götter"  und  der  „Ixiesen".  Von  ihm  aus  be- 
kommen wir  einen  Überblick  über  das  mythische  Weltbild  der 
Nordgermanen.  Die  von  den  Menschen  be\Yohnte  Erde  (hinter 
dem  Bollwerk  von  Midgard)  ist  der  Schauplatz,  auf  dem  die 
streitenden  Mächte  miteinander  sich  messen.  Im  Norden,  wo 
die  langen  Winternächte  drohen,  liegt  das  lleich  der  Toten 
mit  Grenzfluß  und  Gren/.schranke  und  dahinter  die  ungeheure 
Halle  für  die  Verstorbenen  und  ein  äußerster  Strand  am 
finstern  Meer,  wo  die  Missetäter  büßen.  Im  Osten  liegt  die 
Riesenwelt:  ausgedehnte  Landstriche,  ein  endloser  Wald,  ein 
reißender    Grenzstrom,    die    Heimat    der    kalten  Winterstürme, 

'  Vi,'l.   Olrik    Nordischem  Geistesleben   t»    heidnischer  und  frühchrist- 
licher Zeit.     Heidelberg  1908. 


Altgermanische  Religion  207 

wobei  die  Vorstellung  von  Osteuropas  großen  Wildnissen  mit 
tierisch-wilden  Völkerschaften  mitgewirkt  haben  möge.  Bald 
im  Süden,  bald  im  Westen,  in  einer  Licht-  und  Wärmezone 
suchte  man  die  Götterwelt  mit  der  umzäunten  Asenresidenz 
(hinter  dem  Bollwerk  von  Asgard)  durch  eine  Grenzwehr 
gegen  den  Sturmlauf  der  Riesen  gesichert  und  durch  eine 
Brücke  mit  der  Menschenwelt  verbunden.  Diese  Menschen- 
welt ist  der  Verkehrsraum  für  die  feindlichen  Gruppen.  Das 
Menschenleben  verläuft  unter  beständigem  Kampf  zwischen 
denen,  die  es  vernichten  („Riesen"),  und  denen,  die  es  schirmen 
wollen  („Äsen").  Dies  Grundverhältnis  verdichtete  sich  in  der 
Poesie  zu  einer  plastischen  Bildvorstellung.  Mitten  aus  der 
Welt  ragt  der  Weltbaum  Yggdrasil  auf:  unter  seiner  Krone 
tagen  die  Götter,  unter  seinen  drei  Wurzeln  hausen  die  Toten, 
die  Riesen  und  die  Menschen;  seinen  Stamm  begießen  die 
Nomen,  damit  er  immer  aufs  neue  wachse,  damit  der  Baum 
unter  den  Schädlingen,  die  er  beherbergt,  nicht  verkümmere. 
Auch  in  diese  Esche  fressen  unaufhörlich  verheerende  Kräfte 
sich  ein^,  aber  entgegenwirkende  Kräfte  erhalten  ihr  Leben. 
Und  so  sehen  wir  dieselbe  Auffassung  allerwege  wirksam : 
„Jedes  Ding  existiert  nur  kraft  eines  Kampfes."  Der  über  die 
Auswahl  der  dichterischen  Motive  und  ihre  Stilisierung;  ent- 
scheidende  Grundzug  der  Eddamythologie  ist  also  ein  allge- 
meiner Naturzustand:  die  Spannung  zwischen  den  fördernden  und 
den  vernichtenden  Gewalten,  die  für  das  Gemeinschaftsleben 
der  Menschen  Geltung  besitzen.  Der  Gesamtinhalt  ist  „Behaup- 
tung im  Kampf". 

Drohende  Vernichtung  spornt  die  fördernden  Mächte  noch 
stärker  an.  Es  ist  die  sogenannte  Götterdämmerunff  ge- 
meint.     Sie   hat   die   J)orsmythen   überhaupt   nicht  beschattet, 


^  Forstzoologißch  hat  Olrik  dies  Naturphänomen  behandelt  in  seinem 
letzten  Vortrag,  den  er  wenige  Tage  vor  seinem  Tod  in  Kopenhagen 
gehalten  hat  Yggdrasil:  Danske  Studier  1917,  49 ff.  (vgl.  auch  Arkiv  f. 
nord,  Filöl.  30,  112.  218). 


208  ^^-  Kauffmaan 

ist  also  nicht  ein  beherrschendes  Grundmotiv  der  Edda- 
mvtholoffie,  aber  es  bestätigt  sich  doch,  daß  die  Götter- 
dämmerung  (ragnarok  oder  raf/narQklr)  für  ihre  Mythen  wenig- 
stens den  Hintergrund  geliefert  hat.  Damit  war  ein  neuer 
Horizont  über  die  altnordische  Mythologie  gespannt  worden: 
das  Kampfmotiv  kam  unter  die  Perspektive  des  [Jntergangs, 
der  einmal  kommen  muß,  so  ständig  man  ihm  auch  entgegen- 
arbeitet. Das  Schlußbild  skandinavischer  Mythendichtung  ist 
also  dies,  daß  eine  jüngere  Idee  (im  Gefolge  der  Umwälzungen, 
die  die  Völkerwanderung  mit  sich  brachte)  das  herkömmliche 
Weltbild  durchwirkte  und  durchfärbte.  Diese  Idee  war  weder 
in  Edda-  noch  in  Skaldenliedern  zu  einer  plastischen  Bild- 
vorstellung gediehen.  Aber  daß  überhaupt  die  Mythologie  der 
Germanen  in  Skandinavien  im  Spiegel  der  „Götter- 
dämmerung'' aufgefangen  wurde,  das  ist  nicht  bloß  von 
literarhistorischer,  sondern  auch  von  religionsgescliichtlicher 
Bedeutung.  Es  wurde  dadurch  etwas  in  andern  A^olks- 
religionen  nicht  Erhörtes  geschaffen ,  und  der  altnordischen 
Mythenpoesie  ihr  Sondergepräge  verliehen. 

Gerade  dies  nordische  Motiv  übte  die  stärkste  Anziehungs- 
kraft auf  einen  so  spezifisch  nordischen  Menschen  wie  A.  Olrik 
einer  war.  Ihm  widmete  er  sein  mythologisches  Hauptwerk. 
Es  liegt  in  zwei  Teilen  vor  <)m  raffnarok:  Aarhoger  f.  nord. 
oldkyudifihcd  1902,  157 — 291  und  Bagnarokforestdllngernes  1 
udspring:  Danskc  slndirr  1913,  1 — 283  (zum  Teil  Neu- 
bearbeitung des  früher  erschienenen  Aufsatzes). 

Für  Olrik  war  ein  „Mythus"  im  letzten  Grund  nichts 
anderes  als  eine  „Sage".  Die  Spannkraft  seines  Denkens  richtete 
sich  auf  die  alle  volkstümlichen  Dichtungsgattungen  in- 
spirierenden Lebensverhältnisse,  deren  dichterische  Spie- 
gelungen Bild  Vorstellungen  sind,  die  er  wie  Plastik,  ja 
geradezu  als  plastische  Kunstwerke  gewertet  und  geschaut  hat. 
Mythus  als  „Religion"  interessierte  ihn,  wie  gesagt,  fast  so 
wenig    wie   der    Kultus.     Die  die  Yolksnatur  dichterisch    sym- 


Altgermanische  Religion  209 

bolisierenden  Bildwerke  unserer  religionsgeschichtlichen  Ur- 
kunden standen  für  ihn,  dem  Mythus  Poesie  von  der  Art  der 
Sage  war,  im  gleichen  Rang  mit  jeder  andern  epischen 
Gattung  (namentlich  mit  der  Heldensage).  Er  hat  sie  daher 
kurzweg  auf  epische  Motive  zurückgeführt  und  seit  seinem 
Erlebnis  mit  Moltke  Moe  die  Kompositions-  und  Stilgesetze 
dieser  volkstümlichen  Epik  (Mythus,  Sage,  Märchen)  erforscht.^ 
Eigentümlich  ist  ihm  die  Beziehung  der  epischen  Motive 
bzw.  der  plastischen  Bildvorstellungen  —  sie  sind  es,  nach 
denen  er  immer  zuerst  bei  jedem  Mythus  (Sage,  Märchen) 
fragt  —  auf  Naturmotive.  Um  die  Bildvorstellung  des 
Weltbaums  der  Eddamythologie  (Esche  Yggdrasil)  zu  ver- 
stehen, wandte  er  sich  um  Auskunft  an  die  Biologie  der  auf 
nordischem  Boden  da  und  dort  grünenden  Eschen.  Er  leitete 
ihr  mythologisches  Abbild,  und  weiterhin  dann  auch  dessen 
religiösen  Wert,  den  Kultus  der  Esche,  von  dem  natürlichen 
Dasein  dieses  Baumes  ab.  Diesen  Leitgedanken  halten  auch 
seine  Ragnarokstudien  fest:  die  plastischen  Bildvorstellungen 
wollte  er  in  Naturphänomenen  verwurzelt  finden.^  Epische 
Hauptmotive  der  Weltuntergangsdichtungen  sind  z.  B.  der 
Sonnenbrand,  der  das  Land  austrocknet,  und  das  Erdbeben, 
das  den  Boden  erschüttert  und  den  Himmel  zum  Einsturz 
bringt.  In  Skandinavien  ist  weder  Sonnenbrand  noch  Erd- 
beben   naturgemäß.^      Folglich    sind    diese    Motive,    die    sich 


*  Für  A.  Olriks  Persönlichkeit  nnd  wissenschaftlichen  Charakter 
ist  höchst  aufschlußreich  sein  dem  genannten,  1913  verstorbenen  Nor- 
weger gewidmeter  Nachruf  {DansJce  Studier  1915,  iff.). 

*  Die  Frage  nach  der  Entstehung  einer  Bild  Vorstellung  aus 
einem  Naturphänomen  hat  unsern  Forscher  nicht  ernstlich  beschäftigt; 
er  begnügte  sich  mit  der  landläufigen  Antwort  und  sprach  von  ,, Natur- 
beseelung" (Om  ragnarok  S.  283). 

^  Dieser  Satz  klingt  angesichts  der  vulkanischen  Ausbrüche  Islands 
verwunderlich ;  Olrik  meinte  wohl  mit  Skandinavien  das  Mutterland 
(vgl.  S.  123  f.),  die  Erlebnisse  in  der  Kolonie  fielen  ihm  wahrscheinlich 
in  eine  zu  späte  Zeit,  als  daß  sie  konstitutive  Faktoren  der  Mythen- 
dichtung hätten  werden  können. 

Archiv  f.  Eeligionawissenschaft  XX  14 


210  ^r«  Kauffmann 

daran  knüpfenden  Vorstellungen  und  Mythen  nicht  ein- 
heimisch, sondern  aus  Liindern  mit  Sonnenbrand  und  Vul- 
kanismus, aus  südöstlichen  Landstrichen,  zugewandert. 
Kommt  es  irgendwo  zu  einer  solchen  Wanderung  —  man  ge- 
denke der  aus  Indien  abwandernden  Tierfabel  —  so  lösen  sich 
die  Vorstellungen  von  den  Naturmotiven  ab,  es  beginnt  die 
ausmalende  Phantasie  ihr  Werk:  wir  haben  es  nun  nicht 
mehr  mit  reinen  Naturmythen,  d.  h.  Natursagen,  zu  tun.  In 
Skandinavien  ist  die  von  Natureindrücken  erzeugte  Ragnarok- 
vorstellung  („die  Welt  wird  untergehen")  von  dem  reichen 
epischen  Material  der  heimischen  Dichtung  umrankt  worden 
(Götterdämmerung).  Religion  war  daran  ursprünglich  nicht 
beteiligt.  Erst  in  der  Eddamythologie  sind  die  Götter 
Rollenträger  geworden,  so  daß  nunmehr  religiöses  Denken  mit 
dem  geophysischen  Material  in  Kontakt  oder  in  Zwiespalt  ge- 
riet (und  auf  den  Wegen  philologischer  Kritik  davon  ge- 
sondert werden  kann).  Wir  wollen  hier  mit  dem  Vertreter 
dieser  rationalistisch  angehauchten  Lehre  nicht  darüber  rechten, 
daß  die  geophysischen  Naturmotive  für  die  Mythologie  und 
gar  erst  für  die  Religion  eine  allzu  schmale  Basis  hergeben 
dürften,  fahren  vielmehr  fort,  darüber  zu  berichten,  daß  An- 
holm  (Danske  Studier  1904,  141),  Krohn  (Finnisch-ugrische 
Forschungen  1907,  129)  und  v.  d.  Leyen  (Prager  Studien 
1908,  1)  ihn  angeregt  haben,  für  eine  wichtige  Gruppe  der 
Götterdämmeruugsraotive  die  Heimat  im  Kaukasus  zu 
suchen,  während  er  sich  bisher  vornehmlich  im  Westen,  unter 
den  Iren,  danach  umgesehen  hatte  (Festskrift  til  Feilberg  S.  559; 
Danske  Studier  1913,  134).  Er  prüfte  die  sog.  Prometheus- 
und Antichristsagen  Kiiukasiens  auf  ihren  epischen  Grundstock 
und  auf  die  dominierende  Bildvorstellung,  den„gefesselten  Ri  e  8  en" 
(Danske  Studier  1913,  3ff.).  Das  Prometheusmotiv  ist  nach 
Griechenland  (S.  107  fif.),  das  Antichristmotiv  ist  zu  den  Juden ^ 

'  Der   „gebundene   Satan"  der  Bibel  {Handbuch  zum  Neuen  Testa- 
ment berausgeg.  von  Lietzmann  8,  2,  32  ff.). 


Altgermanische  Religion  211 

und  so  ist  der  gefesselte  Riese  nach  Skandinavien  gewandert^ 
Ist  er  dort,  so  ist  er  auch  hier  einheimischen  Sagen  be- 
gegnet: Loki,  der  gefesselte  Riese  des  Nordens,  wurde  eine 
aktive  Ragnarokfigur  (S.  121  ff.),  „det  fysiske  jordskoelfs 
ragnarok"  (S.  225)  sank  dagegen  zum  blinden  Motiv  herab. 
Eine  kaukasische  Dublette  zum  gefesselten  Riesen  ist  das 
gefesselte  Raubtier  (S.  51  ff.  140 ff.).^ 

Auch  diese  Bildvorstellung  haben  die  Skandinavier  ihrer 
Dichtung  einverleibt:  es  geht  darauf  einerseits  ihr  Hund 
Garmr  (S.  157),  anderseits  ihr  Wolf  Fmrir  zurück  (S.  159). 
Diese  beiden  Varianten  geben  das  vulkanische  Erdbebenmotiv 
nur  noch  andeutungsweise  oder  überhaupt  nicht  mehr  zu  er- 
kennen, diese  plastischen  Gestalten  sind  von  dem  Natur- 
phänomen abgelöst  rein  epische,  d.  h.  mythische  Werte  ge- 
worden (S.  255—56). 

Daß  das  nordische  „Raubtier"  synonym  mit  dem  gefesselten 
Riesen  und  ebenso  sicher  kaukasischer  Abkunft  sei,  das  ist 
von  Olrik  nicht  bewiesen,  kaum  wahrscheinlicher  gemacht,  als 
es  bisher  gewesen  war.  Wie  es  sich  nun  auch  damit  ver- 
halten möge,  es  ist  jetzt  eine  Nebenrolle,  die  Loki  in  der 
nordischen  Götterdämmerung  spielt,  aus  einer  Sondersage  ab- 
geleitet. Ich  kann  mich  mit  Olriks  Datierung  der  vom 
Schwarzen  Meer  nach  Skandinavien  abgelenkten  Zufuhr  nur 
einverstanden  erklären  (Völkerwanderungszeit  3.  bis  4.  Jahrh. 
n.  Chr.;  vgl.  Archiv  f.  Rehg.  15,  604 f.).  Denn  es  besteht  ein 
vollkommener     Einklang     mit     unsem     archäologischen     Er- 


*  Die  geschichtlichen  Voraussetzungen  der  Wanderung  hat  Olrik 
dadurch  aufklären  wollen,  daß  er  die  Goten  mit  den  benachbarten 
Tscherkessen  in  Verbindung  brachte  und  um  Vermittlung  ansprach 
{Danske  Studier  1913,  125f.  1914,  9.  20). 

*  Das  Urbild  glaubte  Olrik  in  der  bei  den  Persern  eine  große 
Rolle  spielenden  Schlange  nachgewiesen  zu  haben  (S.  ISöff.)  und 
darum  befngt  zu  sein,  Indien  und  Peraien  als  die  eigentlichen  Heim, 
statten  des  Naturmythus  vom  Weltuntergang  bezeichnen  zu  dürfen 
(S.  170flf.  u.  ö.). 

14* 


212  Fr.  Kanttmann 

fahrungen,  und  was  diese  fordern,  ist  auch  auf  mythologischem 
Felde  erfüllt:  wir  können  die  von  der  pontischen  Küste  ah- 
wandernden  Güter  nicht  bloß  von  Süden  nach  Norden,  sondern 
auch  von  Osten  gen  Westen  begleiten*  und  stoßen  dabei  auf 
eine  der  überraschendsten,  ja  verblüffendsten  Gleichungen,  die  die 
neuere  verarleichende  Sagenforschung  an  den  Tag  gebracht  hat. 

F.  V.  d.  Leyen  (Prager  Studien  8,  Iff.)  hatte  in  Panzers 
Beitrag  zur  deutschen  Mythologie  2  (1848),  56  einen  nieder- 
bayrischen Volksbrauch  entdeckt^:  Der  Schmied,  der  als  letzter 
der  Gesellen  vor  Feierabend  die  Werkstatt  verläßt,  macht 
einen  kalten  Schlag  auf  den  Amboß,  „dies  geschieht,  damit 
Luzifer  (der  gefesselte  Satan)  seine  Kette  nicht  abfeilen  kann, 
denn  er  feilt  immer  daran,  so  daß  sie  immer  dünner  wird. 
Am  Tage  nach  Jakobi  ist  sie  so  dünn  wie  ein  Zwirnsfaden, 
aber  an  diesem  Tage  wird  sie  auf  einmal  wieder  ganz ;  würden 
die  Schmiede  nur  einmal  vergessen,  den  kalten  Schlag  auf 
den  Amboß  zu  machen,  so  könnte  Luzifer  seine  Kette  ganz 
abfeilen",  v.  d.  Leyen  bezog  sich  auf  E.  Kuhn  (Zeitschr.  f. 
deutsche  Philol.  2,  374)  und  erinnerte  daran,  daß  bei  Arme- 
niern, Georgiern,  Tscherkessen  dieser  Brauch  ins  5.  Jahrh. 
unserer  Zeitrechnung  zurückverfolgt  werden  kann  („der  in  der 
Höhle  des  Elbrus  gefesselte  Unhold  hätte  längst  seine  Ketten 
durchbrochen,  wenn  nicht  die  Schmiede  durch  dreimaligen 
Hammerschlag  am  Gründonnerstiigmorgen  der  Kette  ihre 
frühere  Stärke  wiedergäben").  Man  lese  nun  nach,  welch 
prächtige  Fülle  ergänzender  Belege  Olrik  aus  reicher  Belesen- 
heit beizusteuern  vermochte  (S.  52,  55  ff.,  91  ff.),  um  die  Wan- 
derung dieses  Brauchs  und  dieser  Sage  uns  zu  veranschaulichen. 

Zu    solchem    Wandergut    rechnete    Olrik     nun    auch    den 

'  Eaukasiscbe  Zwergaagen  —  „schmiedende"  Zwerge  im  Berg  — 
berührt  A.  Lütjens  Der  Zwerg  in  der  deutschen  Heldendichtung  des  Mittel- 
aW'TS  S.  3 6  f.  86  f.  88  u.  a. 

'  Vgl.  aber  schon  Russische  Revue  23  (1883),  206;  diesem  Aufsatz 
von  V.  Miller  (Prometheisclie  Sagen  im  Kaukasus)  kommt  die  eigentlich 
grundlegende  Bedeutung  zu. 


Ältgermanische  Religion  213 

fimbulvefr  (Winterstrenge)  der  nordischen  Götterdämmerung, 
den  er  aus  Persien,  und  den  surtalogi  (Weltbrand),  den  er  aus 
Indien  abwandern  läßt  (S.  173.  204.  219  ff.);  denn  dort  ist  ein 
übermäßig  harter  Winter,  hier  der  Sonnenbrand  naturhaft. 
Gleicher  Abkunft  soll  das  Ragnarokmotiv  „Auflösung  der 
Rechtsordnung"  sein  (S.  261).  Im  einzelnen  beschäftigte  sich 
unser  Autor  noch  mit  dem  „Versinken  der  Erde  ins  Meer" 
(S.  259ff.),  mit  der  Völkerschlacht  auf  Vigri\>r  (S.  273 ff.)  und 
mit  der  auf  die  Katastrophe  folgenden  neuen  Schöpfung  (S,  270. 
279 ff.;  Om  ragnarok  S.  203.  262 ff.).  Aber  das  dominierende 
Hauptmotiv  „Die  Götter  sterben",  das  den  Sagenforscher  tief 
in  die  religionsgeschichtlichen  Probleme  der  Götterdämmerung 
hineingeführt  hätte  ^,  ist  von  ihm  nicht  tiefer  erfaßt  und  be- 
arbeitet worden ;  wir  rechnen  ihm  jedoch  zum  Verdienst  an, 
daß  er  wenigstens  von  der  jüngeren  eingewanderten  eine  ältere 
einheimische  Götterdämmerung  auszuscheiden  und  von  dem 
skandinavischen  Sonderbesitz  das  gemeingermanische  Erbe  ab- 
zuteilen begonnen  hat  (S.  231.  248 ff.  262).  — 

Haben  die  Nordleute  aus  dem  Südosten  Stoff  für  ihre 
Mythologie  bezogen,  so  spendeten  sie  aus  ihrem  Vorrat  mancher- 
lei ihren  in  bezug  auf  Mythus  und  Ritus  ärmeren  Nachbarn, 
den  Finnen  und  den  Lappen  (Arch.  f.  Rel.  15,  614).  E.  Reuter- 
ski öl  d  hat  in  einem  Buch  über  die  Religion  der  Lappen 
{De  nordiske  Lapparnas  religion.  Stockholm  1912  =  Populära 
etnologiska  skrifter  Ed.  V.  Hartman  Nr.  8),  dem  er  eine  Samm^- 
lung  der  Hauptquellen  vorausgeschickt  {Käüshrifter  tili  Lappar- 
nas mytologi.  Stockholm  1910),  die  Hauptpunkte  übersichtlich 
hervorgehoben.^  Er  berichtet  daselbst  in  Kürze  über  die 
Literatur  und  über  die  religionsgeschichtlichen  Stufen,  auf 
denen  wir  die  Lappen   einer-   und    die    Nordgermanen    ander- 


^  R.  Pestalozzi  Die  germanische  Götterdämmerung.  Neue  Jahrbücher 
f.  d.  klass.  Alt.  31  (1913),  706  ff. 

*  Ich  verweise  außerdem  auf  das  große  Sammelwerk  Norges  land 
og  folk  XX,  2,  216  ff. 


214  Fr.  Kauffmann 

seits  antreffen  (S.  45 ff.),  er  schildert  das  interessante  lappische 
Bärenfest,  dessen  ätiologische  Kultlegende  wichtig  ist  (S.  17 ff.) 
und   wendet   sich   sodann   zu    den  Einflüssen,    die  die  Lappen 
von  den  Norwegern  und  Schweden  erfahren  haben  (S.  71.  85  ff.). 
Wertvoll  sind  für  uns  namentlich  diejenigen  Entlehnungen,  die 
einem  unserer  literarischen  Überlieferung  vorausliegenden  Zeit- 
raum angehören  und  uns  in  den  Stand  setzen,  die  Eddamytho- 
logie   an    volkstümlichere  Vorstufen    zu   heften    (z.  B.   Nomen 
S.  79ff. ;  vojttir  S.  85ff.).    T.  E.  Karsten,  Germanisch-finnische 
Lehnwortstudien.     Ein  Beitrag  zu    der    ältesten    Sprach-    und 
Kulturgeschichte    der    Germanen.     Helsingfors  1915    =    Acta 
societatis    scicntiarum    fmnicae    XLV,  2)    hat    zwar    in    erster 
Linie  grammatische  und  etymologische  Interessen,  widmet  sich 
aber    auch    ausführlich    den    Problemen    der    altgermanischen 
Religionsgeschichte,      soweit      sie     durch     Entlehnungen    der 
Finnen  zu  fördern  sein  möchten.     Unter  den  zahlreichen  Ver- 
wandtschaften, die  sich  haben  anknüpfen  lassen,  ragt  die  Ent- 
sprechung  finn.   Pekko   =   anord.  Byfjgvir  hervor,   die    neuer- 
dings mit  Vorliebe  verwertet  worden  ist  (Norf/es  indskrifter  med 
de  O'ldre  runer   2,  666;    Arkiv  f.  nord.  fil.  33,  326;  Englische 
Studien  52,  165;  Nordisk  Tidskrift  [Lettnrst.  förenj  1918,  163). 
Mag   man  auch  gegen  Karsteiis  Ausweitung  der  finnisch-nord- 
germanischen   Lehnbeziehungen    ernste    Bedenken    hegen,     so 
wird  doch  die  besonnenste  Kritik  die  Erfahrung   nicht  Lügen 
strafen,   daß    der  Gesichtskreis   der  auf  dem  Felde  nordgerma- 
nischer   Mythologie    und    Religion    arbeitenden    Forscher    not- 
wendig  über  ganz  Skandinavien,    Lappland  und  Finnland  ein- 
geschlossen,   ausgedehnt    werden    muß.     An    diesem    Ergebnis 
haben  Gelehrte  schwedischer  und  finnischer  Nationalität  gleich 
verdienstlichen  Anteil.' 


*  Vgl.  die  Übersicht  im  hxdogermanischen  Jahrbuch  5  (li>17),  Iff  ; 
K.  N.  Setälä  Studien  ans  dem  Gebiet  der  Lehnbeziehungen.  V.  Thomaeu 
zum  70.  Geburtstag  gowidmet.  Helsingfors  -  Leipzig  1912  (=  Finnisch- 
ugrische  Forschungen  XII)   fand   die   sehr  schöne  Gleichung  finn,  raunt 


Altgermaniache  Religion  215 

Der  Norweger  M.  Olsen  hat  in  seinem  groß  und  vielseitig 
angelegten  Werk  über  die  in  norwegischen  Ortsnamen  stecken- 
den Kultüberlieferungen  {Hedenske  Kultminderi  norske  siedsnavne 
I.  Kristiania  1915  =  Videnskapsselskapets  shrifter.  Hist.  fil. 
Kl.  1914  Nr.  4)  diesen  erweiterten  Gesichtskreis  festgehalten 
(vgl.  z.  B.  Byggvir  S.  106  ff.).  Sehr  freigebig  bereichert  er  die 
herkömmlichen  Kultdarstellungen  und  bevölkert  den  west- 
nordischen Götterhimmel  mit  bekannten  und  unbekannten,  zu- 
verlässigen und  fragwürdigen  Namen.  Es  ist  ihm  nicht  daran 
gelegen,  die  Grenze  zwischen  Götternamen  und  Personennamen 
abzustecken  oder  die  Bedenken  zu  beschwichtigen,  die  aus 
unsern  allgemeinen  Erfahrungen  auf  dem  Gebiet  germanischer 
Ortsnamen  auftauchen.  Ich  bin  der  Meinung,  daß  erst  alle 
Mühe  daran  gewendet  werden  sollte,  einen  Ortsnamen  aus 
einem  Gelände-  oder  aus  einem  Personennamen  zu  erklären 
und  dabei  die  theophoren  Namen  nicht  bloß  in  ihrer  Voll-, 
sondern  auch  in  ihrer  Kurzform  auszunützen.  Was  die  Grund- 
wörter der  von  Olsen  behandelten  Ortsnamen,  die  zweiten 
Glieder  der  Komposita,  anlangt,  so  wird  man  selbstverständlich 
—  hof  und  —  Tiorg  und  —  vi  Vertrauen  schenken  (S.  163. 
273 ff.)  ^,  aber  doch  nur  unter  der  Voraussetzung,  daß  diese 
Bezeichnungen  von  der  Lokalforschung  erst  daraufhin  geprüft 
worden  sind,  ob  sie  nicht  etwa  mittelalterliches  Kirchen-  oder 
Klostergut  betreffen';  allgemeine  Benennungen  des  Tempel- 
oder Kirchenbesitzes  (akr,  vang),  denen  Olsen  ausführliche 
Kapitel  widmet,  müssen  strengster  Zurückhaltung  begegnen. 
Gerne  erkennen  wir  aber  an,  wie  viele  Fäden  er  neu  geknüpft 


—  anord.  regnir  (S.  39 ff.;  Karsten  S.  15.  22);  Loki  S.  62;  Baldr  S.  68 
{Dmiske  Studier  1912,  95).  Zu  v,  Unwerths  Aufstellungen  über  Bota 
{Arch.  f.  Bei.  15,  614)  vgl.  jetzt  Paul  und  Braunes  Beiträge  39,  213; 
Reuterskiöld  a.  a.  0.  S.  98 ff.;  ^öxx  und  Freyr  {Sonnenkult  nnd  Opfer- 
ivesen)  S.  104.  112.  122  ff. 

^  Wrindaici:  ÄrJciv  f.  nord.  fil.  29,  109;  horg  og  hof:  Nordisk  Tid- 
skrift  1916,  245. 

*  Asgard:  Banske  Studier  1914,  1. 


216  i""!.  Kauifmann 

und  wie  fleißig  er  unser  Quellenmaterial  gemehrt  hat;  zu- 
künftige Einzelstudien  werden  sein  Gespinst  kritisch  zu  sichten 
und  die  Spreu  vom  Weizen  zu  sondern  haben. 

Wollte  man  auf  Grund  von  Olsens  Buch  die  neueren  Schil- 
derungen altgermanischer  Religion  beurteilen,  so  müßte  man 
ihnen  allzu  viele  Lücken  vorwerfen;  aber  ich  habe  schon  ge- 
sagt, weshalb  ich  ein  solches  Verfahren  nicht  billigen  könnte, 
auch  wenn  ich  davon  absehe,  daß  jenes  Werk  noch  nicht  vor- 
lag, als  diese  auf  den  Markt  kamen.  A.  Heusler  hat  in  dem 
knapp  bemessenen  Rahmen  der  Teubnerschen  Kultur  der  Gegen- 
wart (1,  3)  eine  Skizze  „Altgermanische  Religion"  ausgestellt;^ 
J.  Negelein  hat  seine  „Germanische  Mythologie"  (Aus  Natur 
und  (Jeisteswelt  95)  in  2.  Auflage  (Leipzig  1912)  heraus- 
gegeben; E.  Mogk  hat  unter  Stichwörtern  (nach  dem  Alpha- 
bet) in  Hoops  Reallexikon  der  germanischen  Altertumskunde 
die  mythologischen  Namen  und  Sachen  verzettelt,  und 
0.  Seh  rader  hat  in  der  im  Erscheinen  begriff'enen  2.  Auflage 
seines  Reallexikons  der  indogermanischen  Altertumskunde 
(Straßburg  19170".)  seine  die  altgermanische  Religion  be- 
rührenden Artikel  aufzufrischen  begonnen.  Was  uns  angesichts 
dieser  Leistungen  vor  allem  not  tut,  das  ist  erstens  eine 
Chronologie  der  Quellen  (mit  Hilfe  der  Stilgeschichte)  und 
zweitens  die  Einordnung  dieses  auf  Grund  seiner  Stilformen 
neu  gewerteten  Quellenstoff's  in  die  großen  Zusammenhänge 
des  altgermanischen  Volkslebens.'  Ich  selbst  habe  der  von  mir 
geplanten  Mythologie  und  Religion  der  Germanen  zunächst 
eine  „Deutsche  Altertumskunde"  I  (München  1913)  voraus- 
geschickt und  andere  haben  für  das  gleiche  Ziel  sich  eingesetzt 
(G.  Steinhausen,  Germanische  Kultur  in  der  Urzeit,  3.  Aufl. 
Leipzig  1917  =  Aus  Natur  und  Qeisteswelt  75;  H.  P^ischer, 
Deutsche    Altertumskunde     2.  Aufl.     Leipzig    1917=Wissen- 

'  Vgl.    hierzu    Deutsche  lAfcraturzeitung  1916,   440f.  (Germanische« 
Heidentum  in  Skandinavien). 


Altgerm  anische  Religion  217 

Schaft  und  Bildung  40^).  Von  den  Rechtsbegriffen  kommt 
H.  Seh  reuer  her,  der  in  der  Zeitschrift  der  Savigny-Stiftung 
für  Rechtsgeschichte,  Germanist.  Abteilung,  N.  F.  34,  313 
über  altgermanisches  Sakralrecht  sich  ausläßt  („die 
Persönlichkeit  der  Götter";,  nicht  um  das  Recht  durch  die 
Mythologie  zu  beleuchten,  sondern  „um  die  Mythologie  juris- 
tisch zu  untersuchen  und  das  Zusammenleben  von  Göttern 
und  Menschen  vom  Rechtsstandpunkt  aus  zu  erfassen".  Die 
Götter  wollen  als  Naturgottheiten,  aber  auch  als  juristische 
Personen  angesehen  werden.  Ihre  Familienverhältnisse  und 
ihre  Versippung  mit  dem  Menschengeschlecht  hat  der  ge- 
lehrte Bonner  Rechtshistoriker  vorerst  zur  Darstellung  ge- 
bracht (Göttergeschlecht  S.  330;  Götter  als  Ahnen  des 
Menschengeschlechts  S.  341  [Götter  und  Menschen  sind  bluts- 
verwandt]; Gotteskindschaft  S.  365  [Adel]).^  Von  der  Völker- 
psychologie kommt  V.  Grpnbech  her,  der  den  kühnen  Wurf 
einer  Seelengeschichte  der  Sippen  und  Sippegenossen  gewagt 
hat  (Archiv  15,  607).  Im  2.  bis  4.  Band  seines  Werkes  werden 
die  einschlagenden  religiösen  Grundvorstellungen  der  Ger- 
manen entwickelt.^  Von  hohem  Standort  aus  zeigt  uns  ein 
geistreicher  Schriftsteller  die  Erde  und  das  Menschenleben 
(Midgard  og  menneskelivet.  Kobenhavn  1912  =VorFolkecet  i  old- 
tiden  II),  sofern  sie  an  das  Jenseits  grenzen  und  auf  Himmel 
und  Hölle  hinüberspielen  (Leben  S.  36  ff.  [Seele  S.  79  ff.],  Tod 
S.  161  ff).*     „Heiligkeit   und    Heiligtum"   lautet    der  Titel    des 

*  Unzulänglich  ist  L.  Wilser  Deutsehe  Vorzeit.  Einführung  in  die 
germanische  Altertumskunde.     Steglitz  1917. 

-  „Wo  die  christliche  Vorstellungsmasse  klar  durchbricht,  erscheint 
Odin  nicht  als  Vater  des  Menschengeschlechts  (Stammvater),  sondern 
als  Schöpfer",  S.  370;  die  Götter  (familienhaft  aufgefaßt)  sind  Volks- 
genossen, Rechtssubjekte,  juristische  Persönlichkeiten  S.  402  f. 

"  Als  interessante  Reaktionserscheinung  sei  erwähnt,  daß  Gr.  von 
Folklore  und  Volkskunde  den  vorsichtigsten  Gebrauch  zu  machen 
empfiehlt  (4,  110  ff.). 

*  Macht  des  Personennamens  S.  124  ff. ;  Analyse  des  in  der  Mytho- 
logie mißbrauchten  Begriffs  der  „Personifikation"  S.  40  ff. 


218  Fr.  Kanffmann 

3.  Bandes  {Hellighed  og  hdWjdom.  Kobenhavn  1912),  in  dem 
von  der  Symbolik  des  Schenkens  aus  der  Friedenszustand  ge- 
schildert vfird.  Wer  etwas  von  einem  andern  bekommen  und 
angenommen  hat,  ist  mit  ihm  in  seelischen  Kontakt  gesetzt, 
ihm  verpflichtet,  von  ihm  abhängig,  in  seine  Gewalt  geraten 
und  muß  ihm  danken,  lohnen  und  vergelten.  Das  sind  wich- 
tige religiöse  Grundbegrifl'e.  „Geschenke  waren  schicksals- 
schwanger" (Macht  des  Goldes  S.  8  ff.),  hatten  keineswegs  in 
einer  gemeinschaftbildenden  Funktion  ihren  Zauber  ausge- 
wirkt^; Geschenke  haben  Glück  ins  Haus  gebracht,  sind  als 
Heiligtümer  einer  Familie  liebevoll  bewahrt  worden,  man 
„glaubte"  daran  (vgl.  z.  B.  das  von  Odin  den  Weisungen  „ge- 
schenkte" Schwert).  Gegenseitiges  Beschenken  stiftete  einen 
Bund  oder  Friedensverband  (S.  60  ff.),  auf  dem  Boden  solch 
vertrauensvoller  Friedensgemeinschaft  keimte  und  gedieh  die 
„Liebe"  (Ehebündnis  S.  70).  Was  Frieden  stiftet  und  Glück 
bringt,  wird  zum  Heiligtum  (S.  141  ff.),  unter  dem  Friedens- 
gebot stehend,  ist  das  Heilige  das  Unantastbare  (außerhalb  und 
innerhalb  der  Religion  S.  149  ff.  z.  B.  Haarschmuck  als  Sitz 
der  Heiligkeit  S.  157  ff.).  Im  4.  Band  treten  Heiligkeit  und 
Heiligtum  in  das  zwischen  Göttern  und  Menschen  bestehende 
Verhältnis  üljer  (MenncsJcelivet  og  Gudcrnc.  Kobenhavn  1912) 
und  gewinnen  Bedeutung  für  den  Sippenkult  (Tempel 
S.  1;  Opfer  S.  14.  78;  Gebet  S.  38;  Festlichkeit  S.  64. 
97  ff.).  Hauptanliegen  ist  auch  bei  dem  Kultweseu  der 
Sippen  (der  Staatskult  bleibt  außer  Betracht)  das  Pathos  der 
„p]hre"  und  des  „Glücks",  Ziel  aller  Religion  ist  aber  Heilig- 
keit und  Seligkeit,  worunter  Gronbech  die  Erhöhung  der 
Lebenszustände  und  die  Sicherung  sowie  die  Steigerung  der 
Lebenskräfte  versteht;  Seelengröße  und  Seelenstärke  sind  auch 


•  Gaven  er  en  social  faktor  S.  7;  Med  Klenodict  folger  noget  over  fra 
den  forrige  ejer  S.  13;  Pfandsetzunp  ("Kbre  verpfänden)  S.  94 ff,;  Speiae- 
gemeinscbaft  (der  Gast  ist  heilig)  S.  117  ff. 


Altgermanische  Religion  219 

in  der   Religion    die    dominierenden  Ajffekte;    Gottesverehrung 
zweckte  auf  Lebenserneuerung  ab.^ 

Ideengeschichte  und  Begriffsgeschichte,  wie  Grßnbech  sie 
betreibt,  liegt  dem  philologisch  gesinnten  K.  Helm  und  seiner 
Altgermanischen  Religionsgeschichte  (1.  Band.  Heidelberg  1913 
=  Religionswissenschaftliche  Bibliothek  5  *)  fern.  Chronologisch, 
man  möchte  fast  sagen  annalistisch,  gliedert  er  seinen  Stoff  und 
breitet  ihn,  das  Zuständliche  schildernd,  mit  besonderem  Hin- 
blick auf  die  Kultentwicklung,  aktenmäßig  vor  uns  aus  (vor- 
geschichtliche Zeit,  vorrömische  und  römische  Zeit  [West- 
germanen bis  zur  Bekehrung,  Germanen  des  Nordens  2.  Bd.]). 
In  die  Prähistorie  führt  er  uns  mit  Hilfe  der  Archäologie  ein 
und  versucht  den  Totenkult  von  den  Grabbauten  abzulesen; 
auf  dem  Umweg  über  den  primitiven  Zauberkult  (S.  164  ff".) 
landet  der  Verfasser  bei  der  Naturverehrung  (S.  172 ff.).  Die 
frühgeschichtliche  Periode  hebt  mit  Cäsar  und  Tacitus  an,  es 
werdendiekeltisch-germanischen,römisch-germanischenundkelto- 
romanischen  Beziehungen  betont  und  stufenweise  werden  Seelen- 
glaube und  Totenkult  (S,  246),  Götterglaube  und  Wahrsagung 
(S.  255.  279)  und  schließlich  die  höheren  Kulte  (S.  286)  rubriziert. 
Es  wäre  zu  wünschen  gewesen,  daß  Helm  nicht  allein  auf  die  Chrono- 
logie der  Denkmäler  und  Quellenschriften,  sondern  auch  auf 
die  Chronologie  der  religiösen  Ausdrucksformen  ^  (Stilgeschichte 
der  Religion)  Bedacht  genommen  hätte,  es  wäre  dann  wohl  schon 
im   ersten  Band   seiner  Religionsgeschichte  neben  dem  archäo- 


^  Lebensstärkung  auf  "wirtschaftlicliem  Gebiet  bringt  die  altnordische 
Formel  til  ärs  ok  frijjar  zum  Aasdruck  (S.  41.  48 ff.);  hlöta  ndtrylcker 
menneskets  cevne  til  at  forvandle  en  gemtand  af  almindelig  helUghed,  so. 
at  den  fyldes  med  guddomskraft  og  formidier  styrken  overi  menneske- 
Verden  S.  78;  hlöta  vil  sige:  forhoje  egenskaberne  til  det  overordentlige,  ja 
til  guddommelige  S.  80. 

'  Vgl.  Jahrbuch  des  Freien  deutschen  Hochstifts  zu  Frankfurt  a.  M. 
1912  S.  26ff. 

^  R.  M.  Meyer  Ritus  und  Mythus.  Internationale  Monatsschrift  1914, 
9  51.     Fr.  Langer  Intellekiualmyihologie.  Leipzig  1916. 


220  ^^-  Kanffmann 

logisch-literarischen  Quelleuniaterial  die  altnordische  Dichtung 
und  Sage  sowie  die  neuere  Volkskunde  stärker  hervorgetreten.^ 
Auf  diesen  beiden  Gebieten  war  in  den  für  meinen  Bericht 
maßgebenden  Jahren  die  Einzelforschung  tätig.  Die  Namen 
der  nordischen  Götter  und  ihre  Ämter  sind  erneuter  Deutung 
unterzogen.*     Von   den  Wesen   der    sog.   niederen   Mythologie 


'  In  einem  selbständig  erschienenen  Buch  hat  V.  GrOnbech  seine 
Uetrachtungen  auf  das  frühchristliche  Zeitalter  ausgedehnt  (7?e- 
ligionsskiftet  i  Norden.  Kobenhavn  1913);  R.  Muuss  Die  altgermanische 
Religion  nach  kirchlichen  Nachrichten  aus  der  Bekehrungszeil  der  Süd- 
germanen. Diss.  Bonn  1914;  ich  verzeichne  außerdem  H.  Boehmer  Das 
germanische  Christentum  Theolog.  Studien  und  Kritiken  86  (1913),  165 
(„die  Geschichte  des  mittelalterlichen  Christentums  ist  zum  guten  Teile 
nichts  weiter  als  eine  Fortsetzung  der  germanischen  Religionsgeschichte" 
S.  229);  U.  Stutz  Eigenkirche.  Realenzyklopädie  f.  protest.  Theologie. 
3.  Aufl.  Ergänzungsbd.  Leipzig  1912;  G.  Pfeilschifter  Germanentum  und 
Kirche  im  Mittelalter.  Wissenschaftliche  Vorträge,  gehalten  in  Warschau 
(Berlin  1918)  S.  45 ff.;'  H.  v.  Schubert  Geschichte  der  christlichen  Kirche 
im  Frühmittelalter  I.  Tübingen  1917;  Die  Anfänge  des  Christentums  bei 
den  Burgundern.  Sitzungsber.  d.  Heidelb.  Akad.  d.  Wiasensch.  1911, 
Phil.  bist.  Kl.  3;  J.  Mansion  Lcs  origines  du  christiani.sme  chez  hs  Gots. 
Analecta  BoUandiana  33  (1914),  1.  Die  religiösen  Grundgedanken  ver- 
folgt auch  die  unten  S.227  A.  2  zu  neunende  Geschichte  der  althochdeutschen 
Literatur  von  G.  Ehrismann;  die  Geschichte  der  Kircheusprache 
Deutschlands,  mit  ihren  religionsgeschichtlich  bedeutsamen  Terminis 
(z.  B.  Geist,  heilig,  Ostern,  Weihnachten)  hat  neuerdings  W.  Braune  er- 
hellt {Beitr.  43,  380  ff.). 

*  A.  M.  Sturtevant  Ä  study  of  the  cid  norse  u-ord  regin  (=  „Macht"). 
.Tourn.  of  english  and  germanic  philology  15  (1916),  251;  Vanir:  E.  Brate 
Vanerna.  Stockholm  1914;  Festskrift  tillägnat  V.  Norström  (Göteborg  1916) 
S.  293;  ferner  Arkiv  f.  nord.  filologi  31,  153.  3-J,  299.  33,  97  (Baldr. 
Fjorgyn,  Hffnir,  Loki,  Njor{)r  u.  a.);  Loki:  Dun^ke  Studier  1912,  87.90, 
1913.  12G.  1914,  65;  Hanir:  Paul  und  Braunes  Beiträge  43  (1918),  210; 
Oftinn:  M.  Olsen  Kultminder  o.  S.  215  Beiträge  39,  216.  Arkir  34,  296. 
33,  320  (Fjolnir);  J,6rr:  Dnnske  studier  1915,  113  (jätten  ITymes  bägare). 
Mnal  og  Minne  1915,  80  (Tor  i  Irland;  dazu  K.  Meyer  Sitzungsber.  d. 
Berliner  Akad.  1918,  1030 ff.);  Tyr:  Norges  indskrifter  med  de  reldre  runer 
2,  603;  Uli:  M.  Olsen  Kultminder  o.  S.  215  Maal  og  Minne  1916,  107. 
Beiträge  43,  242.  247;  Frcyr:  Fornvännen  1913,  213;  Horn:  Namn  och 
bygd  1915,  57;  Skajii:  Aniikvarisk  tidskrift  20  (1914)  4,  1.  —  Iringes 
ueg:  Zeitschr   f.  d.  Alt.  56  (1918),  77. 


Altgermanische  Religion  221 

ist  in  Skandinavien  Volsi^  und  in  Deutschland  die  auf  den 
Kreis  der  Frau  Holle  und  Frau  Percld  entfallende  Volks- 
überlieferung bearbeitet  worden.  Wir  begrüßen  die  Material- 
sammlung, die  V.  Waschnitius  vorgelegt  hat  (Sitzungs- 
berichte d.  Wiener  Akad.  phil.  bist.  Kl.  174.  Bd.  7.  Abhandl. 
Wien  1915);  dankenswert  ist  die  räumliche  Gliederung  des 
Gebiets  auf  Grund  der  Siedelungsbezirke,  in  denen  Holda  oder 
JBerhta  volkläufig  geworden  sind,  fruchtbar  ist  namentlich  die 
Unterscheidung  des  alten  deutschen  Mutterlandes,  und  der  erst  im 
Verlauf  der  Völkerwanderung  kolonisierten  römischen  Pro- 
vinzen Süddeutschlands.  Leider  ist  aber  Waschnitius  den  im 
römischen  Reich  verbreiteten  Volksüberlieferungen,  die  an 
parcae-strigae,  epiplianiae,  Diana  —  Herodias  —  Ähundantia 
sich  hefteten,  zwar  nähergetreten,  aber  nicht  gründlicher 
nachgegangen.^  Seine  These,  Berhta  sei  ein  bayrisch-öster- 
reichischer Seelendämon  (S.  140),  Holda  ein  in  Mitteldeutsch- 
land beheimateter  Tegetationsdämon  (8,168),  kann  daher  nicht 
befriedigen  (Spinnstubenfrauen  S.  164  fi.).  Obwohl  er  den 
Namen  JBerhta  von  epiphania  nicht  zu  trennen  wagt  —  wenn 
er  ihn  auch  für  älter  erklärt  —  und  obwohl  er  ihr  Amt,  den 
Seelen  ungetauft  verstorbener  Kinder  das  letzte  Geleit  zu 
geben,  deutlich  erkannt  hat,  hält  er  trotzdem  den  Grundstock 
für  nicht-christlich  (S.  146).   Bei  der  mitteldeutschen  Frau  Holle^ 

^  Antikvarisk  tidskrift  20.  Norges  indskrifter  med  de  celdre  runer 
2,  648.  702  (Olsen  versteht  den  Fo?«  [Archiv  8,  126]  als  Phallos  eines 
Pferdes;  er  habe  den  Mittelpunkt  eines  der  Tierzucht  geltenden  Kults 
gebildet,  aus  dem  mit  der  Zeit  ein  Opfer  und  ein  „Gott"  hervor- 
gegangen sei).  Den  Volsa-pdttr  findet  man  jetzt  bei  F.  Jonsson  Skjalde- 
digtning  A  2,  219.  B  2,  237. 

*  Vgl.  einerseits  E.  Hoffmann-Krayer  Tante  Arie.  Zeitschr.  d.  Ver. 
f.  Volkskunde  1915,  116,  anderseits  Archiv  f.  Bei.  19,  122£F.  (K.  Holl 
Der  Ursprung  des  Epiphanienfestes.  Sitzungsber.  d.  Berl.  Akad.  1917, 
402)  und  die  durch  die  christliche  Festordnung  vorgeschriebene  Arbeits- 
ruhe (R.  Stiibe  Der  Himmelsbrief.  Tübingen  1918)  bzw.  Versündigung 
gegen  dies  kirchliche  Gebot. 

'  E.  Klingner  Luther  und  der  deutsche  Volksaberglaube  (Berlin  1912) 
S.  8.  50f.;  Waschnitius  S.  104. 


222  ^'-  Kauffmann 

wird  übrigens  zu  erwägen  sein,  ob  ihr  Name  und  ihr 
Wesen  nicht  auf  eine  ganz  andere  Grundlage  gestellt  werden 
muß,  wenn  man  geneigt  ist,  sie  mit  harre  (S.  109.  171)  und 
werre  (S.  103)  zu  vereinigen  und  das  Zaubermotiv  des  Ver- 
wirrens  der  Haarzöpfe  ^  in  den  Vordergrund  zu  schieben.  Mit 
dem  bekannten  Ahundantia -^oti\  des  in  den  Zwölften  ge- 
deckten  Tisches  tauchte  Holda  (regina  coeli  quam  dominam 
Holdam  vulgus  appellat)  in  einer  Breslauer  Handschrift  des 
Frater  Rudolfus  auf  (de  confessionis  discretione  c.  a.  1250) ; 
diese  interessante  Stelle  ist  von  J.  Klapper  veröffentlicht  und 
mit  höchst  schätzbaren  Anmerkungen  versehen  worden  (Mit- 
teilungen der  schles,  Gesellschaft  für  Volkskunde  17  [1915] 
19).  Er  meint,  altdeutscher  Volksglaube  sei  mit  römisch- 
antikem und  mittelalterlich  -  französischem  Volksglauben  ver- 
mengt und  eine  Dämonisierung  herbeigeführt  worden,  die 
quellenmäßig  verfolgt  werden  kann  und  gestattet,  dabei  auch 
der  Percht  zu  gedenken  (S.  42 ff.). 

Die  noch  recht  wenig  geklärten  Seelenvorstellungen  hat 
G^  Neckel  grundsätzlich  zu  definieren  unternommen  („die 
Lehre  vom  germanischen  Seelenglauben  bedarf  einer  gründ- 
lichen Revision"}',  das  eigentliche  Thema  seines  Buches  (Wal- 
hall. Studien  über  germanischen  Jenseitsglauben.  Dortmund 
1913)  sind  jedoch  die  mythologischen  Überlieferungen,  die  die 
Toten  fortleben  und  mit  besonderer  Auswahl  eine  Aristokratie 
in  VallioU  einziehen  lassen  {Alfohr  mun  hj6l>a  iil  sin  honnngum 
olc  jqrhim  epa  oprutn  rilcismonnum  Snorra  Edda  1,  128; 
Kauffmann,  Bai  der  S.  229  ff.).  Es  wäre  von  Nutzen  gewesen, 
wenn  der  Verfasser  sich  in  der  befreundeten  Welt,  zumal  im  Ely- 
siura  derGriechen,  Römer  undOrientalen  etwas  genauer  umgesehen 


'  {hiren  Mab   (Ackermann  Seelenglaube   bei  Shakespeare   S.  96  f.)  < 
Abundantin? 

*  Ältere   Abhandlungen    hat   Feil  her  g    unter   dem   Titel  SJcelclro. 
Kobenharn  1914  (Danmarke  Folkeminder  10),  versammelt. 


Altgermanieche  Religion  223 

hätte. ^  Denn  die  Auslese  der  Toten  („ein  Auserwählter  war 
es  jedesmal,  der  das  ferne  Götterland  erreichte"  S.  71)  ge- 
bietet, nicht  nur  das  Jenseits  der  Walhalle  (got.  waliso', 
Neckel  S.  2)  von  dem  unterirdischen  Reich  der  Hei  räumlich 
zu  entfernen  (S.  52f.  62),  sondern  auch  das  himmlische 
Fortleben  der  um  ihr  Yolk  und  ihr  Land  verdienten  Kriegs- 
helden (einherjarj  zur  Diskussion  zu  stellen.  Ich  hätte  auch 
gewünscht,  daß  Neckel  dem  religiösen,  genauer  gesagt  kultischen 
Gehalt  von  Jcjosa  (:  Jceusch  DWb  5,  653 f.)  einige  Aufmerksam- 
keit geschenkt  hätte,  nachdem  er  mit  ausgezeichnetem  Scharf- 
sinn zwischen  den  Yolksüberlieferungen  von  den  Waffentoten, 
die  dem  OJ)inn  zum  Opfer  fallen,  und  der  Valholl-^ljth.ologie 
einen  scharfen  Trennungsstrich  gezogen  (S.  27ff.)^  und  erkannt 
hat,  daß  „zwei  verschiedene  Walhallbilder,  die  verschiedener 
Herkunft  sein  müssen",  von  den  alten  Mythographen  und  den 
neueren  Mythologen  verwechselt  worden  sind.  Das  ist  eine 
so  einfache  Erklärung  für  den  Doppelsinn  von  valr  und  für 
die  widerspruchsvollen  Zahlen  der  in  ValhoU  weilenden  Ein- 
herjer,  daß  sie  sofort  einleuchtet  (sekundär  ist  jedenfalls  das 
Ragnarqk-^lotiy)  und  daß  man  der  Vermutung  zuneigt ,  auch 
für  valkyrja  werde  doppelter  Ursprung  anzusetzen  und  die 
männermordende  Kriegsfurie  (ein  gespenstisches  Unterwelts- 
wesen) von  der  Epiphanie  einer  himmlischen,  den  einher  i  ein- 
holenden Götterbotin  (eines  gefiederten  Orakelwesens)  zu  unter- 
scheiden sein.^ 


'  Ich  kann  mich  jetzt  kurzerhand  auf  E.  Xorden  P.  Vergilius  Maro 
Äeneis  Buch  VI  (2.  Aufl.  Leipzig  1916)  S.  34.  '257.  272 ff.  295 ff.  berufen; 
vgl.  Neckel  S.  65;  Olrik  Daiiske  Studier  1913,    191  f.  198. 

-  ValhoU  ist  ein  als  Halle  stilisiertes  Schlachtfeld,  das  Haus  der 
Hei  ist  ein  stilisiertes  Grab  (S.  52). 

*  Die  Begriffe  vom  Leben  in  Walhall,  die  in  unsem  Quellen 
herrschen,  sind  zusammengewachsen  aus  hauptsächlich  zwei  ursprüng- 
lich ganz  verschiedenen  Vorstellungsmassen:  1.  Der  gefallene  Krieger 
lebt  weiter  in  der  ValhoU,  blutend,  mit  zerschossener  Brünne  unter  einem 
Dach  von  Speeren  und  Schilden.  2.  Der  Fürst,  der  diese  Erde  verläßt, 
wird   in    die   Reihe   der  Einherjer   aufgenommen,    um  bei  Odin  in  Ehre 


224  *"'•  Kauffmann 

Einen  umfangreichen  Sonderdruck  der  Zeitschrift  für  ver- 
gleichende Rechtswissenschaft  (Bd.  33,  333.  34,  1)  widmete 
H.  Schreuer  dem  Recht  der  Toten  (Heft  I :  Die  Rechts- 
persönlichkeit des  Toten;  Heft  11:  Das  Personenrecht  des  Toten. 
Stuttgart  1916).  Für  den  Aberglauben  ist  der  Tote  manchmal 
ein  recht  lebendiges  Wesen  (Archiv  11,  122),  es  bewirkt  der 
Tod  zuweilen  geradezu  eine  Steigerung  an  Wissen  und  an 
Können  —  und  das  ist  für  den  Walhallglauben  zu  berück- 
sichtigen^ — ,  folglich  ist  die  Aufgabe  des  Juristen,  nach  der 
Rechtspersönlichkeit  der  Götter  (o.  S.  217)  auch  die  der 
Toten  zu  erforschen  und  für  beide  nach  einer  gemeinsamen 
Wurzel  zu  suchen.  Im  Altertum  lag  der  Schwerpunkt  nicht 
auf  dem  Fortleben  der  Seele  des  Toten,  es  lebte  vielmehr  auch 
sein  Körper  fort :  am  Anfang  der  Entwicklung  steht  nicht  ein 
Dualismus  von  Leib  und  Seele,  sondern  die  individuelle  Einheit 
des  lebenden  Körpers  vor  und  nach  dem  Tode  („Der  lebende 
Leichnam"  S.  343 ff;  Leichenkult,  nicht  Seelenkult  S.  353;  vgl. 
z.  B.  Das  Haupt  des  Mimir  S.  368).  Die  Persönlichkeit  und 
das  Recht  des  Toten  ist  aber  nicht  ausschließlich  an  den 
Leichnam  gebunden,  es  bleibt  von  dem  Verstorbenen  noch 
sein  Erinnerungsbild  zurück  (S.  371f.);  mit  Recht  dünkt 
dem  Verfasser  dies  Erinnerungsbild  eines  der  wesentlichste^j 
7.w^e  in  dem  Glauben  an  das  Fortleben  des  Toten  zu  sein, 
Ausgangspunkt  ist  aber  nicht  eine  „Seele",  sondern  die  „Er- 
scheinung'" des  Toten  beruht  auf  dem  Erinnerunjrsbild  des  leib- 
haften  Toten,  das  von  seinem  Leichnam  sich  abli)ste.  Je  mehr 
das  physische  Substrat,  das  der  Zerstörung  verfiel,  dahin- 
schwand, desto  mehr  trat  die  „Leiche"  zurück,  wurde  das  real 


nnd  Freude  zu  leben  und  einst  dem  Gotte  gegen  den  Wolf  streiten  zu 
helfen  (S.  73).  Zu  1  jjehörten  urHprün^lich  auch  die  spiitor  unter  die 
einherjar  und  chifnjur  versetzten  iralkyrjen  (blutsaugerische  Kampfhexen 
S.  74ff.)  und  vielleicht  auch  die  auf  der  Walstatt  Gefallenen,  unter  den 
Männern  kämpfenden  Weiber,  die  zu  Freyja  kamen  (S.  87  f). 

'  Zu  Neckela  Bach  nimmt  Schreuer  II,  2  f.  113  Stellung. 


Altgermanisclie  Religion  225 

geschaute  Bild  des  Toten  der  Träger  seiner  Persönlichkeit 
(Leichenkult  >  Ahnenkult,  Grab  >  Jenseits).  Das  Erinnerungs- 
bild des  Toten  blieb  aber  auch  für  das  Zeitalter  des  Seelen- 
glaubens in  Herrschaft  (Stufenreihe  der  Seelenvorstellungen 
S. 394ff. :  Stoffliche  und  stofflose  Seele;  Leichenbestattung  und 
Leichenverbrennung).  Erst  das  Christentum  hat  den  ToteTn 
spiritualisiert,  nun  ist  seine  Seele  und  seine  Rechtspersönlich- 
keit nicht  mehr  von  dieser  Welt  Vom  Rechtsleben  des  Toten 
in  den  verschiedenen  religionsgeschichtlichen  Epochen  wird  im 
IL  Heft  ausführlicher  gehandelt  (Familienrecht  S.  5  ff.  [Sippen- 
und  Hausgemeinschaft,  Schwurbrüderschaft  und  Gefolgschaft, 
Bestattungsgebräuche  und  Totenkult],  Strafrecht  S.  154  ff.  [der 
Tote  nimmt  Blutrache;  Wergeid  und  Totenopfer]). 

Arch.  19,  196  ist  bereits  über  den  ägyptischen  Fund  be- 
richtet worden,  der  unserem  vaterländischen  Orakelwesen  die 
Seherin  Waluburg  hinzufügte;  K.  Helm  ist  in  Paul  und 
Braunes  Beiträgen  43,  337  genauer  darauf  eingegangen.  Eine 
oelegentliche  Lesefrucht ^  hat  R.  Meißner  veranlaßt,  die  alt- 
germanische  und  altnordische  Divination  (einschließlich  des 
Losorakels  und  des  seipr)  zu  erörtern  und  in  einer  gut  ge- 
ordneten Abhandlung  die  einschlagenden  Zeugnisse  sachkundig 
zu  interpretieren  {Ganga  til  frettar  Zeitschr.  d.  Ver.  f.  Volks- 
kunde 1917,  S.  1.  97).^  Auch  das  verwickelte  Problem  der  Gottes- 
urteile hat  einen  neuen  Bearbeiter  gefunden  (H.  af  Trolle  Om 
ordalierna  hos  de  germanslca  FoTken.  Stockholm  1916).  Das 
Runenwesen  und  der  Runenzauber  ist  in  dem  von  M.  Olsen 
fortgesetzten  norwegischen  Inschriften  werk  {Norges  indskrifter 
med  de  celdre  runer  II.  Christiania  1917)  eingehend  berück- 
sichtigt worden  (Magische  Runenzeichen  S.  599,  gandr  S.  615, 


'  Fret,  früh  in  Schottland  nnd  auf  den  Hebriden  setzt  anord,  fre 
(nicht  ags.  freht)  voraus;  vgl.  mengl.  frete. 

*  M.  Olsen  Varßlokkur.  Maal  og  Minne  1916,  1;  L.  Weniger  Loos- 
orakel  hei  Germanen.  Sckrates  5  (1917),  433;  P.  Petsch  Über  Zeichen- 
runen  und  Verwandtes.    Zeitschr.  f.  deutschen  Unterricht  31  (1917),  433. 

Archiv  f.  EeligiongwisSenBchaft  XX  15 


226  l*!".  Kautfmann 

Trylleruner  S.  670,^  zauberkräftige  Runeomeister  [gudja]  schützen 
die  Gräber  und  die  Toten  S.  624  ff.)l  E.  Goldmann  (Archiv  11, 
120)  setzte  seine  interessanten  Studien,  wie  Zauberbrauch  in  den 
Ri'chtsbrauch  eingegangen  ist,  forf^;  Hexenprozesse  hat  B.  Ga- 
delius  ausgeschöpft  (Tro  och  öfvertroi  gäugna  tider.  Stoc]<- 
ft)lm  1912—  13),  dem  bekannten  norwegischen  Sammelwerk  Bangs 
hat  nunmehr  F.Ohrt  (ÜanmarksTrylleformler  Kobenhavn  1917) 
ein  dänisches  Gegenstück  angereiht.  Die  althochdeutschen  Zauber- 
sprüche findet  man  jetzt  am  bequemsten  bei  E.  Steinmeyer, 
Die  kleineren  althochdeutschen  Denkmäler.    Berlin  1916. 

Bei  der  Quellenkunde  gedenken  wir   in   erster  Linie  der 
taciteischen  Germania^,   der  Eddalieder^  und  der  Sagaliteratur.^ 

*  Edda  5  (Kristiania  1916),  S.  1.  225  (Magische  Alphabete  u.  a  vgl. 
H.  Gering  Hermes  61,  632). 

"^  S.  Feist  Zur  Deutung  der  deutschen  Eunenspangev.  Zeitschr.  f.  d. 
Phil.  47,  1;  V.  d   Leyen  Zeitschr.  d.  Vcr.  /.  Volksk.  'Ib,  236.  26,  M. 

•''  Der  Andehing.  Gieikes  Untersuchungen  zur  deutschen  Staats-  und 
Rechtsgeschichte.  Heft  111.  Breslau  191:i  (Kesselhakeu  und  Herd  kette 
in  Glaube,  Brauch  und  Recht  der  Vorzeit  S.  28ff. ;  daß  andelavg  Kessel- 
hakeu bedeute,  kann  ich  nicht  zugeben).  Cartam  leimre  Mitteil.  d. 
Instit.  f.  Österreich.  Geschichtsforschung  35  (1914),  Iff.  Dingo  oder  Ter- 
sonen  werden  bei  einem  Rechtsgeschäft  auf  die  Erde  gelegt,  um 
ihnen  die  Dauerhaftigkeit  der  Mutter  Erde  zaubermäßig  zu  verschatfeu 
(Confortarc  durch  die  Zauberkraft  der  Erde  S.31.  43  ff.).  Über  Zauber 
mit  der  Fuß-spur  vgl.  Datiske  studier  1912,  102.  196.   1914,  193f. 

*  Zur  Ausgabe  von  Gudemann  vgl.  G.  Winsowa  Göti.  gel.  Avz. 
191f),  656.  Derselbe  Jnterpretatio  rnmano  (römische  Götter  im  Barbaren- 
land), Archiv  19,  1.  ist»  Sutborum:  Helm  Paul  und  Braunes  Beiir.  43, 
627;'waldkiilt:  E.  Norden  Agnostos  Theos  S.  92.  116-117;  C.  Giemen 
Ehein.  Museum  1918,  155.  —  F  Hertlein  Die  Jahres: eitensockel  an  den 
Juppitersäulen,  KurreHpondenzbl.des  Gesamtvereins  d. deutschen  Geschichts- 
und  Altertumsvereine  1916,  1.  G.  Wissowa  Juno  auf  den  Viergöttersteinen. 
Korreapondenzbl,  d.  römisch  -  germanischen  Kommission  19i7,  175. 
Matroneninschriften:  H.  Lehner  Die  antiken  Sieindcnkmäler  des  Prov.- 
Museums  in  Bonn.  Bonn  191«;    Alafcrhuine:  Zeitschr.  f.  d.  All.  54,  172. 

•  Voluspä:    Arkir  f.  nnrd.   fd.   30,   43.    129;     Hymcskrijjn:     Danske 
studier    1915,  H-'i;    Söhnt jöp:    Skrifter    titgit    of    videnskapsselskapet 
Kristiania  1914.    Fil.  bist.  Kl.  II  nr.  7;    Edda  6  (1916)    139. 

•  G.  Wenz  Die  Fridpjofstigu.  Halle  1914;  F.  R.  Schröder  Hul/- 
danarsaga  Eysteinssonar.  Halle  i917  (Beziehungen  der  Saga  zum  Märchen). 


Altgermanische  Religion  227 

Altnorwegische  Balladen  sind  von  K.  Liestol  in  ausge- 
zeichneter Weise  bearbeitet  und  ihre  mythologischen  Reste 
sachverständig  beurteilt  worden  (Norske  tryllevisor.  Kristiania 
1915)  Unter  den  altdeutschen  Quellen  sind  es  die  Merseburger 
Zaubersprüche^  und  das  Muspilli^,  die  der  Deutung  harren  und 
zu  neuen  Lösungen  ihrer  Rätsel  verlocken.  Die  religiöse  Volks- 
kunde des  Mittelalters  hat  die  Forschung  noch  nicht  im  selben 
Maße  zu  fesseln  vermocht.^  Um  die  Voiksüberlieferungen,  die 
in  unserer  mittelhochdeutschen  Literatur  stecken,  bemühten 
sich  H.  W.  Puckett  (Elementargeister  as  literary  char acters  in 
the  middelhigli-german  epic.  Journ.  of  english  and  germanic 
phüol.lb,  177)  und  A.  Lütjens  (Der  Zwerg  in  der  deutschen 
Heldendichtung  des  Mittelalters.  Breslau  1911  =  Germanist. 
Abhandlungen  38).*      Mit   Luther    betreten    wir    den    neuereu 


Übersetzungen:  Thule  Altnordische  Dichtung  und  Prosa,  herausgeg. 
von  F.  Niedner.    Jena  1911  ff. 

^  Zeitschr.  f.  d.  Alt.  55,  148;  Bayr.  Hefte  f  VoUslcunde  1,  270; 
Sitzungsher.  d.  Berl.  Akad.  1915,  278.  R  Tb.  Christiansen  Die  finnischen 
und  nordischen  Vananten  des  2.  Merseburger  Spruches.  Helsingt'ors  1915 
(Folklore  fellows  Communications  18). 

"  DansJce  Studier  1913,  196.  202;  Faul  und  Braunes  Beiträge  40, 
349.    425.  41,    192;     Sitzungsber.   d.   Berl.  Alad.   1918,    414;    vgl.    auch 

E.  Peters  Quellen  und  Charakter  der  Paradiesvorstellungen  in  der 
deutschen  Dichtung  vom  9.  bis  12.  Jahrh.  Breslau  1915.  (Germanist.  Ab- 
handlungen 48.) 

*  G.  Ehrismann  Geschichte  der  deutschen  Literatur  bis  zum  Ausgang 
des  Mittelalters    I.Teil:    Die   althochdeutsche  Literatur.    München  1918. 

F.  Hautkappe  Über  die  altdeutschen  Beichten  und  ihre  Beziehungen  zu 
Caesarius  von  Arles.  Münster  1917;  Zur  Literatur-  und  Quellenkunde 
der  Bußbücher:   Oberbayrisches  Archiv  52,  156.  54,  249;  Frater  Rudolfus 

0.  S.  222):  A.  Franz  Theolog.  Quartalsschrift  88,  411.  (Klapper  S.  28 ff.; 
er  nennt  u.  a  S.  36.  49.  51  eine  Art  von  Hauskoholden  [steteivaldinj, 
mit  denen  R.  Hahn  Mitteil.  d.  Gesch.  und  Altertum sv er.  zu  Liegnitz  5, 1 
sich  beschäftigt).  Eine  Fülle  von  Material  schüttet  K.  Buidach  aus 
in  seiner  Ausgabe  des  ,,Ackermann  aus  Böhmen^'  (Berlin  1917);  vgl.  z.  B. 
über  den  Tod  als  mythologische  Figur  S.  243  ff. 

*  Weitlos  ist  F.  Kondziella  Volkstümliche  Sitten  und  Bräuche  im 
mhd.  Volksepos.  Mit  vergleichenden  Anmerkungen.  Breslau  1912  (Wort 
und  Brauch  8). 

15* 


228  ^r-  Kautfmann 

Zeitraum.^  .,Überreste  altgermanischen  Heldentums''  sind  auch 
bei  Shakespeare  sehr  dünn  gesät  (A.  Ackermann,  Dei- 
Seelenglaube  bei  Shakespeare.  Frauenfeld  1914).  Die  folk- 
loristische Literatur  kann  hier  nicht  ausführlicher  berück- 
sichtigt werden.^  Allzu  groß  ist  die  Schar  gut  gemeinter, 
auch  mehr  oder  weniger  gut  geschriebener,  aber  für  die 
Wissenschaft  überflüssiger  Kompilationen.^  Erst  in  den  An- 
fäncren  steht  die  wissenschaftliche  Bearbeitung  des  durch  den 
Weltkrieg  erweckten  Volks-  und  Soldatenaberglanbens.* 


'  E.  Klingner  Luther  und  der  deutsche  Volksaberglaube.  Berlin  1912 
(Palaestra  56):  Teufelsglaube  S.  18,  Dämonen  S.  47,  Nigrotnantie  S.  65, 
Alchemie  und  Astrologie  S.  100,  Hexen  S.  74,  Omina  und  andere  von 
Luther  bekämpfte  Volkebräuche  S.  92.  112. 

-  F.  V.  d.  Leyen  Die  deutsche  Volkskunde  in  „Deutsche  Abende" 
(Berlin  1916)  Nr.  5;  J,  Weigert  Das  Dorf  entlang.  Freiburg  1916: 
H.  Bächtold  Die  Gebräuche  hei  Verlobung  und  Hochzeit.  1.  Basel  1914. 
W.  Manz  Volkshrauch  und  Volksglaube  des  Sarganserlandes.  Basel  1916 
(Schriften  der  schweizer.  Gesellsch.  f.  Volkskunde  XI — XII).  P.  Sartori 
Sittr  und  Brauch.  Leipzig  1910 — 14  (Handbücher  zur  Volkskunde 
V— VIII).  E.  Fehrle  Deutsche  Feste  und  Volksbräuche.  Leipzig  1916 
fAuB  Natur  und  Geisteswclt  518).  E.  Kück  und  H.  Sohnrey  Feste  und 
Spiele  des  deutschen  Lnndrolkes.  2.  Aufl.  Berlin  1911.  —  Beiträge  zur 
Rdigionstciosenschaft,  herausgeg.  von  dor  religionswissensch.  (tesellsch. 
in  Stockholm.     Leipzig  1912  ff. 

'  Ich  gebe  einige  Beispiele:  J.  Bcudel  ZurVoVskundederDaitschen 
im  Böhmerualde.  Derselbe  Zur  Volkskunde  der  Deutschen  im  östlichen 
und  nördlichen  Bohnen.  Wien  und  Prag  1916.  M.  Höller  Volk-s- 
medi:inische  Botanik  der  Germanen.  Wien  19f^8;  E.  Lemke  Äspliodelos 
und  anderes  aus  Natur-  und  Volt'-kundc.  Allenstein  1914  („diese  kleine 
Sammlung  wird  nur  in  vereinzelten  Füllen  einen  bescheidenen  Beitrag 
aufweiten,  der  dem  Volkskundeforscher  unbekannt  geblieben  war"); 
K.  Knortz  Amerikanischer  Aberglaube  der  Gegenwart.  Ein  Beilrag  zur 
Volkskunde.  Leipzig  1913;  Derselbe  Hexen,  Teufel  und  Blocksbergspuk. 
Annaberg  o.  J. 

•  H.  Bächtold  Aus  Leben  und  Sprache  des  Schweizer  Soldaten. 
Hanel  1916  (Schutzbriefe);  Derselbe  Deutscher  Snldatenbrauck  und 
Soldaten  glaube.  Straßburg  1917  (herausgcgeb.  vom  Verband  deutscher 
Vereine  fiix  Volkskunde),  auf  S.  42  ff.  findet  man  ein  Literaturverzeichnis 
und  auf  S.  46  ff.  den  Fragebogen.  R.  Stube  Der  Himmehhrief.  Tübingen 
1918. 


Alfcgennanische  Religion  229 

Das  Hauptmagazin  gelehrter  Sagen-  und  Märchenforschung  ^ 
ist  nun  fast  vollendet:  J.  Bolte  und  Gr.  Polivka,  Anmer- 
kuncren  zu  den  Kinder-  und  Hausmärchen  der  Brüder  Grimm. 
Neu  bearbeitet.  1.  bis  3.  Band.  Leipzig  1913 — 18.  Nach  diesem 
monumentalen  Regestenwerk  ist  das  dringendste  Bedürfnis,  daß 
die  stofflich  gesichtete  Masse  stilgeschicbtlich  geordnet  werde. 
Künftige  Stiluntersuchungen  (Archiv  15,  605;  o.  S.  209)  werden 
auf  alle  Gruppen  und  Gattungen  volkstümlicher  Dichtung  sich 
zu  erstrecken  haben  (K.  Spieß,  Das  deutsche  Volksmärchen. 
Leipzig  1917  =  Aus  Natur  und  Geisteswelt  587;  M.  Moe, 
Episke  love.  Edda  2,  1.  233;  vgl.  Danske  Studier  1915,  71. 
1916,  45).^ 

^  Deutscher  Sagenschats,  herausgegeb.  von  P.  Zaunert.  Jena  1917if. 
[G.  Goyert  und  K.  Wolter  FZämiscÄe  Sagen  1917).  H.  Plischke  Die  Sage 
vom  wilden  Heer  im  deutschen  Volke.  Diss.  Leipzig  1914  (Percht-Holle 
S.  47 ff.);  V,  Schweda  Die  Sagen  vom  wilden  Jäger  und  vom  schlafenden 
Heer  in  der  Prov.  Posen.  Diss.  Greifswald  1915  (dazu  Archiv  9,  201; 
Oskoreidi  Maal  og  Minne  1912,  80).  Die  Märchen  der  Weltliteratur, 
herauageg.  von  F.  v.  d.  Leyea  und  P.  Zaunert.  Jena  I912ff.  Die  neue 
Ausgabe  der  von  den  Brüdern  Zingerle  gesammelten  Kinder-  und  Haus- 
viärchen  aus  Tirol  (Regensburg  1916)  ist  kein  vollwertiger  Ersatz  der 
editio  princeps.  Aus  den  Sammlungen  der  Schweizer.  Gesellschaft  f. 
Volkskunde  hat  H.  Bächtold  Schweizer  3Iärchen  veröffentlicht  (Basel 
1916),  daneben  verdienen  die  als  wissenschaftliche  Beilage  zum  Jahres- 
bericht des  Vereins  f.  bayr.  Volkskunde  1914  erschienenen  Märchen  aus 
Bayern  besondere  Hervorhebung. 

*  Hinter  den  Erwartungen  bleiben  zurück:  W.  Bruinier  Die  ger- 
manische Heldensage.  Leipzig  1915  (Aus  Natur  und  Geisteswelt  486). 
R.  Petsch  Das  deutsche  Volksrütsel.  Straßburg  1917  (Grundriß  der 
deutschen  Volkskunde,  herausgegeb,  von  J.  Meier  I);  vgl.  Paul  und 
Braunes  Beiträge  41,  332  ff. 


III  Mitteilungen  und  Hinweise 


Zum  altägypfischen  Sternglanben 

In  seinen  eingehenden  Studien  zum  antiken  Sternglauben,  Leipzig. 
1916  hat  Pfeiffer  die  im  alten  Griechenland  volkstümliche  Vorstellung 
besprochen,  daß  atmosphärische  Erscheinungen  nicht  nur  zeitlich 
jnit  himmlischen  Vorgängen,  mit  dem  Auf-  und  Untergang,  dem 
Sichtbarwerden  usf.  von  Gestirnen  zusammenfielen ,  sondern  von 
diesen  Gestirnen  unmittelbar  veranlaßt  werden.  Bei  einer  Unter- 
suchung der  Frage,  inwieweit  ähnliche  Gedankengänge  im  alten 
Ägypten  herrschten,  muß  man  von  einer  Heranziehung  der  Haupt- 
sonnengötter Rä  und  Horus  absehen.  Diese  waren  beim  Einsetzen 
der  schriftlichen  Überlieferung  bereits  völlig  zu  menschen-  oder 
tiergestaltigon  Wesen  geworden,  welche  Götter  und  Menschen  be- 
herrschten und  die  Sonne  nur  als  ein  Organ  benutzten,  vermittels 
dessen  sie  ihre  Tätigkeit  ausübten.  Der  Sonnengott  konnte  sich 
von  dem  Gestirn  loslösen,  auf  dem  Herrscherthrone  sitzen,  umher- 
gehen, auf  Erden  den  künftigen  Pharao  erzeugen,  ohne  daß  darum 
die  Sonne  ihren  Platz  verließ.  Anders  lag  die  Sache  bei  dem 
Gotte  Atnn,  „Sonnenscheibe*',  dessen  Verehrung  Amenophis  IV.  dem 
ganzen  Volke  aufzuzwingen  suchte.  Dieser  Aten  war  und  blieb 
das. Gestirn  selbst.  Ohne  daß  eine  Anthropomorphisieruug  stattge- 
funden hätte,  beherrschte  dieses  die  Welt,  spendete  Licht,  Wärme 
und   alles   (lute. 

Auffallend  gering  war  in  der  ägyptischen  Religion  die  Bedeu- 
tung des  Mondes  Es  gab  zwar  einen  Sondergott  desselben  Aäb, 
doch  wird  dieser  nur  selten  als  einzelstehende  Gottheit  genannt, 
lieber  verschmolz  man  ihn  mit  anderen  Göttern  zu  Mischgestalteii, 
wie  Aah-Tlioth.  Noch  häufiger  übernahmen  andere  Götter,  wie 
Tlioth  und  <  hunsu,  ohne  solche  Verschmelzung,  zu  ihrer  sonstigen 
Tätigkeit  auch  die  des  Mondes  und  ließen  ihn  hierdurch  seine  selb- 
ständige Persönlichkeit  einbüßen.  Es  machte  sich  bei  dieser  Über 
tragung  ein  Bestroben  geltend,  welches  sich  in  zahlreichen  Fällen 
in  der  Geschichte  der  ägyptischen  Religion  feststellen  läßt.  Man 
suchte  im  Laufe  der  Zeit  alte  Sondergottheiten  mit  beschränktem 
Wirkungskreise  durch  Gottheiten  von  umfassenderer  Bedeutung  zu  er- 
setzen  und  diesen  die  Funktionen  der  einstigen  Sondergottheiten  als 


Mitteilungen  und  Hinweise  231 

Nebentätigkeit  zu  übertragend  Freilich  wurde  dieser  Gedanke  nicht 
systematisch  durchgearbeitet  und  führte  nicht  zum  Verschwinden  der 
alten  Sondergötter,  welche  ohne  weiteres  neben  den  ihre  Tätigkeit 
übernehmenden  großen  Gottheiten  fortbestehen  konnten. 

Die  Verbindung  mit  großen  Göttern  trat  auch  bei  einigen  der 
Planeten,  welche  alle  als  männlich  galten,  ein.  Juppiter,  Saturn  und 
Mars  verknüpfte  man,  wie  ihre  Namen'  und  auf  sie  bezügliche  Texte 
zeigen,  mit  einem  Horus,  welcher  vermutlich  mit  dem  Sonnengotte 
Horus  im  Zusammenhang  stand.  Merkur  und  Venus  hielten  sich 
selbständiger,  wenn  auch  letztere  gelegentlich  zu  Osiris,  Merkur 
ganz  vereinzelt  zu  Set  in  Beziehung  gebracht  wurde.  Von  den  Fix- 
sternen verbindet  sich  der  für  Ägypten  wichtigste,  die  Sothis^  der 
Sirius,  nicht  selten  bereits  in  früher  Zeit  und  von  da  an  ständig 
mit  Isis.  Es  ist  daher,  auch  wenn  Sothis  allein  genannt  wird,  im 
Einzelfalle  kaum  möglich  zu  entscheiden,  ob  man  unter  ihr  den 
Stern  selbst  oder  die  sich  in  ihm  offenbarende  Isis  zu  verstehen 
hat.  Bei  andern  Sternbildern'*  tritt  die  Verbindung  mit  großen 
Gottheiten  mehr  gelegentlich  auf^  So  wird  das  weibliche  Nilpferd 
vereinzelt  mit  Isis,  der  Stierschenkel  mit  Set  verbunden",  meist 
gelten  aber  diese  Gestirne  als  selbständige  Wesenheiten. 

Von  meteorologischen  Erscheinungen,  welche  ein  Sternbild  be- 
gleiteten, ist  nur  selten  die  Rede,  und  dann  ist  es  meist  unklar,  ob 
der  Ägypter  annahm,  daß  das  Gestirn  die  Erscheinung  noiet  und 
nicht  nur  arjfiuLvsi.  Daß  man  erstere  Ansicht,  welche  sich  mit  der 
Auffassung  des  Äten  durch  Amenophis  IV.  deckt,  bereits  etwa 
3  00  Jahre  vor  dessen  Reform  hegen  und  glauben  konnte,  daß  ein 
Stern  selbst,  nicht  eine  in  ihm  sich  offenbarende  Gottheit  der  Ver- 

• 

^  Verdrängung  der  alten  Monatsgötter  Wiedemann  Orient.  lAt.  Zeit.  6. 
Sp.  3 ff.;  der  sog.  4  Totengenien  Sphinx  16  S.  52 f.;  von  Totengöttern 
Theol.  Lit.  Zeit.  36.  Sp.  131. 

^  Für  die  ägyptischen  Planeten  vgl.  Brugsch  Tliesaurus  Inscript. 
Aegypt.  I  S  63 tf.;  Die  Ägyptologie  S.  335 ff.;  Lepaius  Die  Chronologie  der 
Ägypter  S    84ff. 

*  Das  Material  für  Sothis  am  vollständigsten  bei  Röder  Sothis  in 
Röscher,  Lex.  der  griech.  Myth.  4.  Sp.  1273 ff.;  zahlreiche  Denkmäler- 
angaben für  Isis- Sothis  als  Stern  bei  Brugsch  Thesaurus.  I. 

*  Ein  tatsächlicher  Sternkult  wird  in  den  ägyptischen  Texten  sehr 
selten  erwähnt;  vgl.  Wiedemann  Bec.  de  Trav.  rel.  ä  VEgijpt.  17   S.  12, 

"  Auf  einem  Denkmal  im  Louvre  (D.  37;  Brugsch  Thesaurus  I  S. 
179ff).,  welches  vermutlich  aus  Saft  el  Hine  stammt  und  aus  der  Zeit 
etwa  Neetanebus  1.  herrührt  (vgl  den  Naos  von  Saft  el  Hine  bei  Naville 
Goshen  London  1887,  und  den  von  dort  nach  El  Arisch  verschleppten 
Naos  bei  Griffith  The  Antiquities  of  Teil  el  Ydhndiyeh  S.  70  ff.)  werden 
die  Sternregenten  von  Tagesdekaden,  welche  btürme,  Regenschauer,  den 
Tod,  usf  veranlassen,  mit  dem  Gotte  Sepd  des  Nomos  Arabia  ver- 
schmolzen. 

^  Stellen  bei  Brugsch  Thesaurus  I.  S.  121  ff.,  128;  Ägyptologie  S.  343  f. 


232  Mitteilaugen  und  Hinweise 

• 

anlasse!-  eines  meteorologischen  Vorganges  sei,  beweist  eine  im 
offiziellen  Auftrage  hergestellte  Inschrift  Thutmosis'  111.  In  seiner 
sog.  poetischen  Stele^  heißt  es  von  diesem  Herrscher,  die  liewohner 
des  Ostlaodes  sähen  ihn  „wie  den  8eschet- Stern  (mit  Krokodil 
determiniert*),  der  ausstreut  (das  AVort  ist  mit  dem  Sämann  deter- 
miniert) seine  Hitze  in  Flainmenglut,  der  gibt  seinen  Tau''  Leider 
läßt  sich  nicht  feststellen,  inwiefern  derartige  Vorstellungen  in 
weiteren  Kreisen  des  ägyptischen  Volkes  Verbreitung  gefunden  ha- 
ben, üas  aus  dem  Niltal  erhalten  gebliebene  roligionsgeschichtliche 
Material  ist  für  eine  diesbezügliche  Untersuchung  allzu  einseitig. 
Es  beschäftigt  sich  mit  den  Geschicken  des  Verstorbenen  und  mit 
dem  Tempelkulte  der  großen  Götter;  Volksvorstellungen,  und  zu 
diesen  würden  derartige  Ausgestaltungen  des  Sternglaubens  zu  rechnen 
sein,  finden  nur  in  Ausnahmefällen  Erwähnung. 

Bonn  A.  Wiedemann 

Die  „Traditio  pev  terram'*  im  griecliischeu  Rechtsbrauch. 

Es  ist  im  altgermanischen  Kechtsbrauch  wohlbekannt,  daß  bei 
dem  Verkauf  oder  Überlassung  eines  Grundstücks  der  Gegenstand 
des  Rechtsgeschäftes  durch  eine  Scholle,  ein  Rasenstück  oder  etwas 
Erde  von  dem  Grundstück,  die  dem  Käufer  übergeben  wurde,  kör- 
perlich vergegenwärtigt  wurde.  Das  hieß  hadere  per  tcrrarn  vel 
herham  oder  cum  cacspUc  und  kam  nicht  nur  beim  Kaufgeschäft, 
sondern  auch  bei  der  Investitur  eines  Lehensträgers  vor.  Li  den  skan- 
dinavischen Sprachen  wird  die  Zeremonie  mit  den  Wörtern  (schwedisch) 
sküta  (Verb)  und  .sÄ:ö7ww// (Substantiv)  bezeichnet,  weil  etwas  Erde  dem 
Empfänger  in  den  Schoß  geworfen  wurde.  Die  Wörter  sind  in  das 
mittelalterliche  Latein  einfach  übernommen  worden  in  den  Formen 
scotare  und  scutatio^  die   überall   in   den   Urkunden   begegnen.^ 

'  Tietzte  VerößFentlicliung  mit  Litcratnrverzeicbuis  Lacau  Stiles  du 
Nourcl  Empire  (Kut.  Kairo)  S.  17  0".  Tat.  7.  -  Der  betretfeude  'i  eil  des 
Textes  wurde  später  wörtlich,  unter  {gleicher  Determinieruug  des  Stern- 
nameng  mit  dem  Krokodil,  auch  für  Seti  I  verwendet  (Charapollion  Not. 
manuscr.  II  ri.  'Jd;  Maspero  Genre  cpLstolaire  chez  les  anciens  Eflijpiicn.s 
S.  90;  GuieysHC  Rec.  Trav.   11.  t?.  64). 

*  Welctier  Stern  unter  Sesched  zu  verstphen  ist,  ist  unbekannt.  Die 
AuffasHunKen  als  Gestirn  (Bnigsch  Wörteibuih  S  1319;  Suppl.  >.  11 36 f.), 
circling  star  (Ureasted  Ancient  Rrcords  o/  Kpypt  II.  H.  '264).  Tlauet 
(Maspero  Genre  ejiistolairc  S.  88 1,  Sirius  (Wiedemann  Z.  I).  M.  G.  3U. 
S  151),  Canopus  (Maiiette  Not.  du  Musee  de  Jioulaq,  6.  Aufl.  S  106; 
IJmgHch  Grsvhivhte  Äfiyptens  S.  3.t.  )  ,  feuriger  Stern  wie  ein  Komet 
Birch  Arihneoloyid  28  S,  aH7),  Sternsebnnppo  (Lefebure  ^dcs  du  Congrds 
des  Orientalistes  Ali;ier  II.  4.  ö.  16),  Solstioium  E.  de  Roug«5  liev.  <  rch. 
Nouv  Sür.  4.  S.  209  f.)  wind  alle,  gelc^;entlich  U' ter  Verwertung  eines 
Wortsinns  von  soched,  welches  u.  a.  „sich  im  Kreise  bewegen"  bedeutet, 
geraten. 

»  '.  Grimm  Deutsche  Hecht baltertümer  I',  163fr.,  bes.  167 ff. 


Mitteilangea  und  Hinweise  233 

In  Rom  kam  derselbe  Brauch  vor  im  Prozeßverfahren,  profedi 
slmul  in  agrum  (der  Kläger  und  der  Beklagte),  de  quo  Utigahatur, 
terrae  aliquid  ex  eo,  uti  unam  glebam,  in  ins  in  urhem  ad  praeforem 
deferrent  et  in  ea  gleha  tamquam  in  toto  agro  vindicarent,  Gellius, 
N.  A.  XX,  10.  Man  hat  daraus  piit  vollem  Recht  geschlossen,  daß 
einmal  auch  beim  Kaufgeschäft  das  Grundstück  durch  eine  Scholle 
vergegenwärtigt  wurde.  Es  gibt  ein  Zeugnis  dafür,  daß  der  Sinn 
dieses  verschollenen  Rechtsbrauches  dem  Volke  noch  im  Anfang 
der  Kaiserzeit  lebendig  war.  Sueton,  Vesp.  5  erzählt:  cum  aedilem 
cum  (den  Vespasian)  C.  Caesar  succensus  cur  am  verrendis  viis  non 
adUhitam  Mo  iussisftet  oppleri  congesto  in  praetextae  sinum,  non 
defuerunt  qui  interpretareniur  quandoque  proculcatam  desertamque 
rem  publicam  civili  aliqua  periurbatione  in  tutelam  lius  ac  velut  in 
gremium  deventuram.  Die  Auslegerweisheit  des  Sueton  können  wir 
auf  sich  beruhen  lassen.  Wieviel  einfacher  und  handgreiflicher 
wird  das  Omen,  wenn  man  sich  an  die  alte  Bedeutung  der  traditio 
per  terram  hält!  Der  Kaiser  übergibt  etwas  Erde  seines  Landes 
dem  jungen  Ädilen,  das  heißt  aber,  daß  er  das  ganze  Land,  was 
er  sein  nennt,  ihm  übergibt. 

Die  bekannte  persische  Sitte,  Wasser  und  Erde  als  Zeichen  der 
Unterwürfigkeit  zu  verlangen,  beruht  auf  dem  nämlichen  Rechts- 
brauch. ^  Ob  sich  sonst  einige  Spuren  davon  bei  den  Persern  finden, 
ist  mii-  leider  unbekannt. 

Es  ist  längst  und  öfters  bemerkt  worden,  daß  der  Mythus  den- 
selben „Symbolismus"  auch  für  Griechenland  bezeugt.^  Da  aber 
das  wichtigste  Zeugnis  m.  W.  nicht  hervorgezogen  worden  ist,  dürfte 
es  nicht  überflüssig  sein,  einmal  eigens  auf  den  interessanten 
Brauch  zurückzukommen.  Besonders  ist  er  in  Verbindung  mit 
der  viel  diskutierten  Gründungssage  Kyrenes  erwähnt  worden.^ 
Li  Libyen  an  der  Mündung  des  Tritonissees  erhält  Euphamos  von 
dem  Triton  oder  vom  Sohne  des  Poseidon  Eurypylos  als  Gabe  eine 
Erdscholle.  Nach  dem  Sinn  der  alten  Sage  bildet  diese  den  Rechts- 
titel der  Kolonistea  zum  Besitz  der  libyschen  Erde.  Nachher  ist 
dieses  Sagenmotiv  in  die  verwickelte  Gründungsgeschichte  Kyrenes 
verflochten  worden.  Medea  wahrsagt,  daß,  wenn  Euphamos  die 
Scholle  bewahrt  und  in  dem  Erdschlund  am  Tainaros  niedergelegt 
hätte,  seine  Nachkommen  im  vierten  Glied  anstatt,  wie  es  ge- 
kommen ist,  im  siebzehnten  Kyrene  besiedelt  haben  wüi-den.     Nun 

1  Die  Belegstellen  a.  a,  0.  S.  167. 

»  Z.  B.  A.  Gercke  Hermes,  XLI  1906,  4  55,  A.  1;  S.  Eitrem  Beitr.  zur 
griech  Religions'gesch.  111  (Ges.  d  Wiss.,  Kristiania,  1919,  II,  Nr  2)  S.  24 
Ä.  2  und  die  in  den  beiden  folfjenden  Noten  anijefübrten  Stellen. 

»  Find.  Pyth  IV;  Apoll.  Rh.  IV  I549if.  K.  0.  Müller  Die  BorierlSö. 
Vgl.  Studniczka  Kyrene  105  ff.,  L.  Malten  Kyrene  (Fhilol.  Unters.  Xä.)  121. 


234  Mitteilungen  und  Hinweise 

wurde  die  Scholle  aber  nacli  Pindar  bei  Tbera  über  Bord  gespült 
oder  nach  Apollonios  Rhodios  ins  !Meer  geworfen;  daraus  entstand 
die  Insel  Tbera,  von   wo  aus  später  Kyrene  besiedelt  wvirde. 

Der  zweite  Mythus  betrifft  den  korinthischen  König  Aletes.' 
Die  Parömiograpben  erwäbnei;i  öfters  ein  Sprichwort  öixstcct  nat 
ßäXov  ^Akrjxt^g^,  inl  rä)v  aTtavza  ngbg  to  Kgehrov  iY.ÖE'fpiiivoiv ,  wie 
es  erklärt  wird.  Es  ist  ein  Hexameterschluß  und  dürtte  wohl  also 
aus  irgendeinem  alten  Epos  stammen.  Die  Erzählung  lautet,  daß 
Aletes  aus  Korinth  vertrieben  wurde  und  nach  Befragung  des 
Orakels  zurückzukehren  versuchte.  Als  er  in  das  korinthische  Land 
kam,  traf  er  einen  Rinderhirten,  den  er  um  etwas  Essen  bat.  Dann 
heißt  es  bei  Pseudo-Plutarch:  6  8\  ßCoXov  iy.  Tijg  nrjQag  «Qcc^evog 
köiSov.  6  61  ^A.  löi^aro  ol(oviodf.uvog  vial  simov  xrX.  tK  xTjg  m']Qag 
ist  selbstverständlich  ein  Autoschediasma,  das  in  den  anderen  Quellen 
nicht  erscheint.  Nicht  viel  besser  sind  die  erklärenden  Worte,  die 
bei  Diogenianos  und  Apostolios  hinzugefügt  sind:  (xQavxcc  8e  ßäXov 
äovvai  avrco  üg  tov  /iiog  '(')vxa.  Das  einzige,  worauf  es  ankommt, 
ist,  daß  Aletes  durch  das  Ergreifen  einer  Scholle  des  Landes  von 
diesem  Besitz  ergreift. 

In  diesen  Mythen  braucht  nun  nicht  mehr  als  ein  leicht  ver- 
ständlicher Symbolismus  zu  liegen,  wie  in  der  vorwandten  Erzählung 
bei  Herodot  VIII  188  von  Perdikkas,  dem  der  makedonische  König, 
bei  dem  er  diente,  statt  des  Lohnes  den  durch  den  Rauchfang  hin- 
einfallenden Sonnenschein  gab.  iNichts  mehr  lehrt  eine  dritte,  auch 
von  K.  0.  Müller  a.  a.  0.  zitierte  Erzählung.  Nach  vielen  Wande- 
rungen kamen  die  Anianen  in  das  Land  um  Inachos.  Die  Ein- 
wohner hatten  ein  Orakel  erhalten,  daß,  wenn  sie  das  Land  mit 
jemandem  teilten,  sie  das  Ganze  verlieren  würden,  die  Änianen,  daß 
sie  in  den  Besitz  des  Landes  kommen  würden,  wenn  sie  es  frei- 
willig erhielten.  Also  begab  sich  ein  angesehener  Aniane  Temen 
als  Bettler  verkleidet  zu  den  Inachiern.  Zum  Spott  gab  ihm  der 
König  eine  Srholle;  er  steckte  sie  in  seinen  Ranzen  und  entfernte 
sich,  ohne  um  etwas  mehr  zu  bitten  Die  Altesten  des  Volkes 
sahen  nun  den  Irrtum  ein  und  versuchten  Temon  zu  ergreifen.  Das 
gelang   nicht,    und  die  Anianen    kamen    in    den  Besitz  des  Landes. 

Die  wichtigste  Erzählung  steht  kurz  nachher,  Plut.  qu.  gr.  22. 
Sie  betrifft  die  Besiedelung  Euböas  durch  die  loner.  Die  Söhne 
des  Xuthos,  Kothos  und  Aiklos,  kamen  nach  Euböa,  das  damals 
von  Aolern  bewohnt  war.  Kothos  hatte  ein  Orakel  erhalten,  daß 
es   ihm  Wohlergehen   würde,    wenn    er   das    Land  kaufte.     An  dem 

'  Plut  Prnverb.  48.  Diopenianos  II  38,  ZenobioB  III  22,  Schol.  Pind. 
Nem.  V'Ii  am  Ende,  wo  'las  Orakel  ans  Do'lona:  zÖti-  xpaTr/Cf«»»,  ort  rif 
iä  ßcbXov  y^g,  ans  der  P>rzähliing  geholt  ist.  lleeych  und  öuidas  bieten 
nicbta  als  da^i  Sprichwort  und  seine  Bedeutung. 


Mitteilungen  und  Hinweise  235 

Ufer  traf  er  eiuige  spielende  Kinder,  denen  er  viele  fremdartige 
Spielsachen  vorzeigte.  Da  die  Kinder  die  Spielsachen  gern  haben 
mochten,  wollte  er  sie  nicht  hergeben,  wenn  sie  ihm  nicht  etwas 
Erde  gäben.  Die  Kinder  nahmen  etwas  Erde  von  dem  Boden  und 
gaben  sie  ihm,  worauf  sie  sich  mit  den  Spielsachen  entfernten. 
Da  die  Äoler  das  Geschehene  erfuhren,  steinigten  sie  im  Zorn  die 
Kinder. 

Hier  ist  es  ganz  deutlich,  daß  ein  Kaufgeschäft  in  aller  Ord- 
nung stattgefunden  hat.  Die  Aoler  können  es  nicht  einmal  rück- 
gängig machen,  sondern  müssen  sieh  begnügen,  ihren  Zorn  an 
den  armen  Kindern  auszulassen,  die  gesteinigt  werden.  Die  Geschichte 
erinnert  an  die  Art,  wie  europäische  Kolonisten  in  vergangenen 
Jahrhunderten  um  glitzernde  Glasperlen  und  allerlei  Tand  den 
Kothäuten  und  den  Schwarzen  wertvolle  Grundstücke  und  Land- 
striche abgekauft  haben.  Mancherlei  solches  mag  in  der  Zeit  der 
Koloniengründung  erzählt  worden  sein.  Ein  bekanntes  Beispiel  ist 
die  Sage  von  der  List  mit  der  Rindshaut  bei  der  Gründung  Karthagos 
Der  Wert  des  erzählten  Mythos  besteht  darin ,  daß  er  klar  zeigt, 
daß  ein  rechtsgültiges  Kaufgeschäft  durch  das  Übergeben  von  etwas 
Erde  bei  den  Griechen  wie  bei  den  alten  Germanen  einmal  ab- 
geschlossen   wurde. 

Freilich  ist  dieser  Rechtsbrauch  noch  vor  dem  Anfang  der  ge- 
schichtlichen Kachrichten  abhanden  gekommen;  die  Sage  hat  aber 
dieses  wie  so  viele  andere  Überbleibsel  älterer  Kulturzustände  be- 
v/ahrt.  Diese  Sage  zeigt,  daß  auch  die  übrigen,  hier  angeführten 
Sagen  sich   auf  denselben  alten  Rechtsbrauch  beziehen. 

Da  dieser  Brauch  sich  bei  vielen  indo- europäischen  Völkern 
wiederfindet,  würde  man  vielleicht  geneigt  sein,  in  diesem  einen  Rest 
der  gemeinschaftlichen  Urzeit  zu  erkennen.  Ich  glaube,  Vorsicht 
ist  geboten,  da  das  indo -germanische  Urvolk  sicher  ein  wanderndes 
Volk  gewesen  ist.  Leist  meint,  daß  der  Liegenschaftsprozeß  sich 
als  eine  spätere  Gestaltung  erweist,  der  Prozeß  über  Fahrnis,  der 
Gegenstände  der  Haushaltsordnung  umfaßt,  Frau,  Kinder,  Hörige, 
Tiere,  leblose  Sachen,  ist  das  Ältere^.  Die  traditio  per  terram  ist 
eine  so  leichtverständliche  Form,  daß  sie  sich  sehr  leicht  von 
selbst  ergeben  kann.  Sie  kommt  auch  im  fernen  Osten  vor.  In 
China  geschah  die  Investitur  eines  Lehensträgers  dadurch,  daß 
ihm  eine  Scholle  übergeben  wurde,  die  vom  Altar  des  Gottes  des 
Erdbodens  genommen  wurde. ^ 

Lnnd  Martin  P.  Nilsson 


'  W  Leist  Altarisches  Jus  civile  TI,  292  J0F. 

-  P.  Chavannes  Le  dien   du  sol  dans  la  Chine   antique,  Annales  du 
Musee  Guimet,  Bibl.  des  etudes  XXI  438  f. 


236  Mitteilungen  uud  Hinweise 

Noch  einmal  Karkinos 

(Zu  Archiv  XIX   S.  553) 

Weder  0.  Crusius,  Untersuchungen  zu  den  Mimiambeu  des 
Herondas  1892  S.  84 fi".  noch  A  Nairn  in  seinem  Kommentar  des 
Herondas  (Oxford  1904)  S.  50  haben  eine  plausible  Erklärung  für 
die  Worte  der  Kynno  im  ]V.  Mimiambus  V,  44  i'orrjxf  ö'  cTg  ;*' 
oQevaa  nagKL^v^ov  fii^ov,  wodurch  die  träge  Magd  Kydilla 
charakterisiert  werden  soll,  vortragen  können,  und  weder  Büchelers 
Übersetzung  '^immo  achtat  intucns  mc  caitcro  grandius^  noch  Crusius' 
Wiedergabe  in  seiner  Übersetzung  (Göttingen  1}'93)  "^Und  glotzt 
mich  größer  an  wie  ein  Taschenkrebs!'  können  befriedigen.  Es  er- 
ledigt sich  jede  Schwierigkeit,  wenn  wir  auch  hier  an  das  Krebs- 
gespenst Karkinos  denken,  dessen  Erwähnung  in  einem  Mimus  gewiß 
nicht  auffallend  ist. 

Halle  (.-^aale)  Otto  Kern 

Eiu  Mithrasdenkinal  ans  Makedonien 

Bei  meiner  archäologischen  Keise  im  südwestlichen  Makedonien 
im  Jahre  191 8  konnte  ich,  dank  einem  Hinweis  des  Herrn  Leutnant 
N.  Tschilev,  ein  bis  jetzt  unbekanntes  Mithrasdenkmal  besichtigen. 
Nordwestlich  von  Prilep,  unter  der  aus  dem  Mittelalter  stammenden 
Festung  Markovi-Kuli  (Markusburg)',  befindet  sich  eine  kleine 
Höhle,  gebildet  von  kolossalen,  vom  Berge  abgestürzten  Felsblöckon; 
auf  dem  rechts  vom  Eingang  liegenden  Block  ist  eine  halbkreisförmige 
Flüchp,  hoch  0,32,  breit  0,39  m,  geglättet  und  mit  einem  ziemlich 
verwitterten  Relief  verseben:  Mithras  Tauroktonos,  in  gewöhnlicher 
Kleidung  und  phrygischer  Mütze,  tötet  den  Stier;  gegen  die  Wunde  zu 
springt  ein  Hund  und  windet  sich  eine  Schlange.  Unter  dem  Relief, 
wieder  auf  einer  geglätteten  Fläche  sieht  man  Spuren  einer  griechi- 
schen Inschrift  (^Buchstabenhöhe  0.02  m),  von  der  ich  nur  folgendo.'; 
lesen  konnte:  ^^^     ^^,^      ,^^ 

I  AO              AC    .  TO 
TOr 
XO     All 
Soviel     wir    wissen,     war    bis    jetzt    kein    Mithrasdenkmal    aus 
Makedonien  bekannt;    aurh  Cumont   in  der  neusten  Auflage  seines 
Werkes    TjCS  mystercs  dr  Mithra  (III  ed.  1913)  verzeichnet  keines. 
Sofia  Qawrii  Kazarow 

Zu  Cyprian  dem  Mafijier 

Ich  habe  in  dou  Nachrichten  d  Gesel'sch.  d.  Wissensch.,  Göttingen 
1917   S.  38  ff.  Zahns   Untersuchungen  fortführend  rrwinson.  daß  de)- 

'  Über  diese  Festnns?  vgl.  P.  Milükov  Mut.  den  rus-i.  urtli.  Inatil.  m 
Konstant inojjd  IV,  1,  S.  121  flg.  (russ.). 


Mitteilangen  und  Hinweise  237 

heilige  Cyprian  von  Antiochia  seine  Verehrung  lediglich  einer  christ- 
lichen Novelle  von  einer  Asketin  Justa  (Justina)  verdankt,  die  um 
350  n.  Chi-,  zu  Erbauungszwecken  gedichtet  ist.  Alle  Figuren  der 
Erzählung  tragen,  wie  ich  damals  schon  (S.  48)  bemerkte,  Namen 
aus  der  Literatur,  Aidesios,  ihr  Vater,  den  des  neuplatonischen  Philo- 
sophen, der  Bischof  Anthimos  den  eines  Märtyrerbischofs  von  Niko- 
medien:  Optatus  stammt  aus  den  Perpetua -Akten,  Cyprian,  der 
Zauberer,  der  später  Bischof  wird,  kann  nur  dem  berühmten  Cyprian 
von  Karthago  den  Namen  verdanken.  Den  besten  Beleg  für  diesen 
Schi-iftstellergebrauch,  Athenaios,  ließ  ich  mir  damals  entgehen  und 
werde  erst  durch  die  fleißige  Studie  eines  früheren  Schülers  K.  Mengis. 
Die  schriftstellerische  Technik  im  Sophistenmahl  des  Athenaios,  1920, 
S.  29  ff.  darauf  geführt,  obwohl  Kaibel  schon  die  Hauptsache  klar- 
gestellt hatte.  Ich  verzichte  darauf,  Einzelheiten  hervorzuheben: 
Heide  und  Christ  verwenden  genau  die  gleiche  Technik  für  ihre 
Phantasiegebilde.  Man  wird  aufhören  müssen,  in  der  zierlichen 
Novelle  irgendwelche  Reste  einer  Tradition  zu  suchen.  Von  Ver- 
wechslung zweier  Cypriane  kann  nicht  mehr  die  Rede  sein. 

R.  Reitzenstein 

Das  „examen  in  mensuris*^ 

Meinen  Studien  über  Ordale\  zu  denen  ich  in  gelegener  Zeit 
weiteren  Stoff  zu  bringen  gedenke,  möchte  ich  im  folgenden  eine 
neue  hinzufügen.  In  seinem  Buche  über  die  „Kirchlichen  Be- 
nediktionen im  Mittelalter"  teilt  Franz  auch  zwei  Formeln 
mit  über  ein  nur  selten  auftretendes  Verfahren  unter  dem  Titel 
..cxamen  in  mensuris",  von  denen  eine  noch  ungedruckt  war'^  Seine 
Erklärung  dieser  Texte  läßt  aber  eine  Reihe  von  Fragen  offen  und 
ist  außerdem  in  Einzelheiten  sicher  nicht  richtig. 

Da  es  sich  um  kurze  Texte  handelt,  wird  es  gut  sein,  sie  zui- 
nähern  Untersuchung  hier  im  ganzen  zu  wiederholen,  um  an  der 
Hand  des  genauen  Wortlauts  die  zutreffende  Deutung  zu  geben. 

Der  erste  Text  ist  schon  von  Roziere*  und  Zeumer*,  freilich 
mit  Fehlern,  die  Franz  verbessert  hat,  abgedruckt  worden.  Er  stammt 
aus  der  Handschrift  306  von  Montpelher,  datiert  aus  dem  9.  Jahr- 
hundert, und  lautet: 

Quidam  fideJes  fro  viVibus  causis  mdicii  faciunt  examcn  in  men- 
suris. Ad  lioc  etiam  rite  peragendum  devota  intentionc  opus  Jiaheni 
divinum  praesidium.    In  primis  oratio  dominica   et  simlotum  cum 

»  Vgl.  Archiv  Xlil,  525ff.  XVI,  122ff.  XVIII,  585 ff. 
-  Freitiurg  1909,  II,  390  ff. 
•■  Rtcmil  Nr.  625,  II,  883. 

*  Monumenta  Germaniae  Historica,  Legum  Sectio  V  Formulae  Merov. 
et  Karol.  aevi  639. 


238  Mitteilungen  und  Hinweise 

letania  chcantcnt,  dcindr  psahnos:  ..Exaudi,  ilrus,  orutioni'm  mcam. 
cum  dcprccor"  (63).  „Levavi"'  (120).  „Ad  te  levavi"  (122).  „JDominc, 
t^audi^^  (142).  Evangdmm  Icgiinr  snundum  Lucum:  .yEstote  ngo 
miscricordes"  Hsquc  ,.rnncfi('tur  vohis''  (Luc.  6,  36 — 38). 

Dcus  omnipotvns  Sahaoth,  qiä  crlontm  conihtrns  ihronos  H  dbyssos 
iniucris,  domine,  rex  rvgum,  t/iii  onnem  creaturam  in  mmsurasi  irHuali 
et  ponderr  dlvino  disposiiisti,  qui  furtum  Achan  irope  Hiericho  prr 
soiiis  iudifia  Josuc  revvlasii  (Jos.  7,  13-25);  qui  JcsediieU  pro- 
l)hrfar  Urnen  angelormn  (=  argulorum)  calamo  mensuraniem  /  er  lati- 
ludinem,  hngiludinem,  subJimiiaiem,  profunditalcm  [oslcndistij  (Ez. 
40,  3 — 40),  qrii  verbuw  aposioli  concordantnn  demonsirasÜ  (Eph  3, 
1 8),  exaudi  nos  propicius  j,er  gratiam  sancti  sjiiritus  et  per  sanctar 
crucis  virtutem  et  sanctae  dei  genitricis  virginisque  Mariae  et  othnium 
aanctorum  tnornm  intercessionem,  qvicnuid  in  liac  quaesituri  sumus 
min^uruj   nrissimi  cxaminis  tili  pt'ohatione  declara. 

Der  zweite,  längere  Text  ist  der  Sankt  Gallener  Handschrift 
932  p.  521  entnommen,  die  aus  dem  15.  Jahrhundert  stammt.  Er 
lautet: 

Ordo  indicii  in  mensnra.  Qjiidcnu  fideles  pro  Jerilms  caiisis 
iudicii  faciunt  examcn  in  mensuris  etc. 

1.  Dens  omnipotens  Sabaoih,  qui  celorum  continens  etc. 

!2.  Adiuratio  mensure.  Coniuro  te,  gcnus  mcnsure,  per  patrim. 
ifui  cum  filio  .<tanctoque  cooporante  .<ijnritu  in  principio  mundum  in 
rerbo.  wrnsitra  rt  jiondere  dispo.<iuit  (Sap.  11,  21),  «/,  .s/  homo  iste 
/traenofali  fitrti  sit  innocens,  sibi  datutum  tcrminum  non  excedas,  si. 
iiutem  obiecte  sibi  cause  reus  est,  tcrminum  e.rcedere  [debeas],  ut  et 
voci  creatoris  tui  obedias  et  nomen  eius  benedicat,  qui  rivit. 

3.  Item  atia.  Duminr  Jesu  Christe,  qui  liberasti,  antcqnum  in- 
carnatus  esses,  Ahralioni  de  IJr  Chatdcorum  (Gen.  11,  31)  et  treu 
jiueros  de  caminu  ignis,  quique  incarnatas  crucis  patibultim  [pro  salutr 
humanij  (jener is  ascendisti  et  ad  inferos  descendens  electos  teciim  n- 
duxisti,  impios  vero  ilaustris  tnirbareis  dimisisti:  iudica  causam, 
quesumus,  i.ftius  mensure  secimdum  iudicinm  iustitiae  tue,  qui  cum 
/tatre. 

ühor  das  anzuwendende  Verfahren  fehlen  alle  Anweisungen.  Man 
muß  sich  also  mit  dem  Katen  helfen.  Schon  Z  cum  er  dachte  an 
eine  Losprobe*.  Franz  deutet  den  ersten  Text  auf  Grund  der 
richtigen  Lesart  ,, Achan"  für  die  Koziere'sche  „arcam",  die  auch 
Zeumer  übemoinnifn  liatte,  von  hier  aus  gleichfalls  in  diesem  Sinne. 
Es  sei  auf  die  gröli^re  oder  gt-ringere  Länge  der  dabei  verwendeten 

'  a.  a  0  6.'J*j:  Hoc  „examcn  in  mensuris"  ud  iudicium  sortis  spcciure 
nidetur.  Q»od  ideo  fortasse  ita  appelluri  potuü,  qnia  calauius  extractus 
mensurabaiur,  ntrutn  lovgior  an  tirertor  esset. 


Mitteilungen  und  Hinweise  239 

Stäbchen  angekommen.  Zu  dieser  Annahme  scheine  die  Erwähnung 
des  Engels  zu  berechtigen,  der  nach  der  Vision  Ezechiels  die  ein- 
zelnen Teile  des  neuen  Tempels  nach  Länge,  Breite  und  Höhe  mißt. 
-Man  könne  demnach  an  ein  Verfahren  denken,  wie  es  nach  der  Lex 
Frisonum  tit.  XIV^  bei  einem  Mord  angewendet  wurde,  nur  daß 
bei  dem  examen  in  mensuris  ungleiche  Länge  der  Stäbchen  vor- 
gesehen sei. 

Ln  Geg-msatz  dazu  stehe  die  andere  Formel.  Sei  die  erste  ein 
ixamen  in  mensuris,  so  enthalte  die  zweite  eine  adiuratio  n.ensure 
und  sie  rubriziert:  ordo  indicii  in  mensura.  Sie  sehe  also  nur  einen 
Maßstab  vor.  Dieser  soll  sich  beim  Unschuldigen  nicht  verlängernj 
dagegen  über  die  rechte  Länge  hinausgehen,  wenn  der  Schuldige 
gemessen  wird.  Das  sei  ein  Gegenstück  zum  Wägen  der  Hexen. 
Näheres  ergebe  sich  aus  den  Texten  nicht,  aber  das  Verfahren  habe 
sich  demnach  im  Laufe  der  Jahrhunderte  geändert.     Soweit  Franz. 

Ist  diese  Beweisführung  nun  richtig?  Ohne  Frage  stimmt  eins: 
es  muß  sich  um  ein  Los  mit  Stäbchen  handeln,  wie  man  das 
2.  Mos.  28,  30;  1.  Sam.  14,  41  ff.  (Septuaginta  y.uxu-AXriQOvv )  vor- 
aussetzt und  wie  sie  zum  Orakeln  auch  Hosea  4,  1 2  ( Iv  Qccßöoi-g  avrov 
aTCijyyslov  avro))  und  Ezech  21,  26  (avaß^aaui  Qaßdia)  erwähnt 
werden.  Aber  Franz  hat  übersehen,  daß  es  sich  in  beiden  Formeln 
um  das  Gleiche  handeln  muß  und  der  Unterschied,  den  er  finden 
\vill,  in  Wii'klichkeit  gar  nicht  besteht.  Zwar  lesen  wir  am  Be- 
ginn der  ersten  Formel:  examen  in  mensuris,  am  Ende  des  Gebets 
aber:  quicqnid  in  hac  (juesituri  sumus  mensura,  und  in  der  zweiten: 
als  Rubrum:  ordo  iudicii  in  mensura,  im  Folgenden  aber:  quidam  . . . 
faeiunt  examen  in  mensuris  Li  den  Texten  wird  also  w  cnsura  neben 
mensurae  ohne  Unterschied  gebraucht.  Der  Grund  dafür  muß  wohl 
darin  zu  suchen  sein,  daß  man  das  Verfahren  bald  bei  einem  ein- 
zelnen, bald  bei  mehreren  Verdächtigen  anwendete  und  daß  in  jedem 
Falle  mindestens  zwei  Losstäbchen  oder  ein  Maßstab  und  ein  eigent- 
licher Losstab  zur  Verwendung  kamen,  die  gleiche  Länge  aufwiesen, 
denn  nur  so  ließ  sich  ennitteln,  ob  der  Losstab  in  der  Hand  des 
Schuldigen  gewachsen  sei  oder  sich  verlängert  habe  {statutum  ter- 
minum  exccderc).  Bei  dieser  Auffassung  läßt  sich  der  Wechsel  der 
Einzahl  und  Mehrzahl  von  mensura  ungezwungen  erklären. 

Das  seltsame  Verfahren  hat  seine  Wurzel  wohl  in  Überlegungen, 
wie  sie  uns  in  der  jüdischen  Überlieferung  der  Achan-Geschirhte 
begegnen.  „Als  Josua  den  Achan  durch  das  Los  bestrafen  wollte, 
da   sagte   dieser   (nämlich  Achan):     ;,Wie  kannst  du  dich  auf  das 

^  Man.  Germ.  Wstor.  Legg.  III,  667.  Man  versah  ein  Stäbchen  mit 
einem  hrpuz,  die  Verdächtigen  mußten  ihre  Stäbchen  mit  der  Hausmarke 
zeichnen  und  dann  auf  den  Altar  legen,  worauf  sie  gezogen  -wurden. 
Vgl.  auch  W.  Golther,  Handbuch  der  german.  Myth.  (1895),  ö36. 


240  Mitteilungea  und  Hinweise 

Los  verlassen?  Wirf  Lose  zwischen  zwei  Unschuldigen,  so  wird  das 
Los  auf  einen  fallen!"  Da  war  Josua  sehr  betrübt.  Er  blickte  in 
die  zwölf  Steine  auf  der  Brust  des  Hohenpriesters.  Es  war  die 
Überlieferung  verbreitet,  daß,  wenn  ein  Stamm  gesündigt  habe,  der 
Stein  dieses  Stammes  farblos  war,  sonst  aber  glänzend.  Hier  ver- 
dunkelte sich  die  Farbe  des  Stammes  Jehuda.  Da  erkannte  Josua, 
daß  der  Sünder  aus  dem  Stamme  Jehuda  sei,  und  zwar  Achan  "^ 
Das  Gleiche  geschah  auch  bei  Saul,  als  er  Jonathans  Sünde  auf- 
deckte (l.  Sam  14,  41).  Beide  Fälle,  Achan  und  Jonathan,  stehen 
auch  nebeneinander  in  einem  Gebet  eines  examen  cum  ferro  ignito: 
„(JMJ  furtum  Äclian  et  transgressionem  Jonathae  sorfe  demonstrasti^^^. 
Das  übliche  Loswerfen  mit  ungleichen  Stäbchen  war  also  zu  leicht 
angreifbar;  mit  einem  Ordal  sollte  schon  eine  handgreifliche  Wunder- 
wirkung, ein  unverkennbares  Eingreifen  Gottes  verbunden  sein.  Auf 
diesem  Gedankengang   beruht   wohl   auch   das  examen  in  mensuris. 

Die  Deutung  auf  gleich  lange  Stäbchen,  die  den  Verdächtigen 
in  die  Hand  gegeben  wurden  in  der  Erwartung,  daß  durch  ein 
göttliches  Wunder  das  Stäbchen  in  der  Hand  des  Schuldigen  wachsen 
und  so  den  Schuldigen  verraten  würde,  gewinnt  aber  die  höchste 
Wahrscheinlichkeit  nichtnur  durch  den  Wortlaut  der  Formeln,  sondern 
auch  durch  ein  Cberlebsel  des  Ordals.  Wuttke  erzählt'*:  „Wenn 
in  Masuren  ein  Hausgenosse  sich  des  Diebstahls  verdächtig  gemacht 
hat.  läßt  der  Hausvater  die  Leute  zusammenkommen  und  verteilt 
unter  sie  Strohhalme  von  gleicher  Länge;  nach  einer  Viertelstund«" 
werden  die  Halme  wieder  untersucht,  wo  dann  der  Halm  des  Diebes 
gewachsen  sein  soll.  In  einem  Falle  sei  der  Dieb  auch  gefunden 
worden,  weil  er  aus  Furcht  vor  Entdeckung  ein  Stück  von  dem 
Strohhalme  abgebissen  habe'V  Hier  haben  wir  noch  das  alte,  ge- 
suchte Verfahren,  das  den  Formeln  entspricht,  aber  der  begleitenden 
kirchlichen   Zeremonien  entkleidet. 

Ijuxemburg  Adolf  Jacoby 


'  Ard'iv  XVII,  134. 
'  Zeumer  a.  a.  0.  640,  B  II,  I. 
Deutschem-  Volksabcr glaube^  239. 


(Abge8ohlo«*CD  am  6.  Dezember  19i0. 


1  Abhandlungen 

Die  do-ut-des-YoimQl  in  der  Opfertlieorie 

Von  Gr.  van  der  Leeuw  in  Groningen 
Unter  dem  Worte  „Opfer"  wird  seit  langem  in  der  Reli- 
gionsgeschichte  nicM  mehr  eine  einheitliche  Größe  verstanden. 
Es  kann  ja  geradezu  eine  Sache  der  bloßen  Bequemlichkeit 
scheinen,  daß  man  so  verschiedene  Handlungen  noch  mit  dem 
einen  Namen  andeutet.  Es  gibt  erstens  das  Geschenkopfer,  wo 
man  allerdings  wieder  unterscheiden  muß  nach  Opfern,  wobei 
die  Gabe  magisch  auf  den  Gott  wirken  soll,  andere  wo  sie  eine 
Huldigung  oder  eine  Tributsdarbringung,  wieder  andere,  Ivo 
sie  eine  Bestechung  des  Gottes  bezweckt.  In  zweiter  Linie 
sind  die  Speiseopfer  zu  erwähnen,  die  sicher  nicht  ohne  weiteres 
eine  Nuance  der  Geschenkopfer  darstellen.^  Dann  kämen  die 
mehr  oder  weniger  sakramentalen  Opfermahlzeiten,  wobei  man 
das  Essen  des  Gottes  scheiden  muß  von  dem  Essen  mit  dem 
Gotte.     Und  endlich  die  Sühnopfer. 

Also  kann  die  do-tit-des-F ormel  als  Erklärung  des  Opfers 
im  allgemeinen  von  vornherein  keinen  Anspruch  auf  Geltung 
erheben;  auch  als  Beschreibung  der  seelischen  Verfassung  des- 
jenigen Opferers,  der  seinem  Gotte  Geschenke  bringt,  ist  sie 
längst  als  fehlerhaft  und  einseitig  rationalistisch  erkannt  worden. 
Es  kann  ja  leicht  sein,  daß  das  Distichon  des  Ovid: 

Mimer a^  crede  mihi,  capiunt  Jiominesque  deosque, 

Placatur  donis  luppiter  ipse  datis 
die  Stimmung  vieler    Opferer  richtig  wiedergibt,  wie  sie  auch 
auf  die  unsrige  manchmal  zutreffen  möchte,   wenn  wir  unsere 


^  Vgl.  die  Bemerkungen  von  Ada   Thomsen  Der   Trug  des  Prome- 
theus, in  diesem  Archiv  12,  1909  S.  480. 

Archiv  f.  Beligionswisseu  Schaft  XX.  S/i  16 


242  ^-  ^ä^^  d^^*  Leeuw 

Freunde  zu  Abend gesellsctiafteu  einladen  oder  ihnen  Geschenke 
verehren.  Daß  sie  aher  kein  richtiger  Ausdruck  ist  für  die 
seelische  Keguug  desjenigen,  der  zum  erstenmal  Geschenke 
machte,  anders  gesagt,  für  d^s  psychische  Phänomen,  welches 
dem  Geschenkaktus  zugrunde  liegt,  das  bedarf  jetzt  Avohl  keiner 
weitläufigen  Erörterung.  „Diese  Theorie  .  .  .  mutet  uns  zu,  zu 
glauben,  daß  die  Religion  zum  Geschäft  gemacht  werden 
konnte,  bevor  ein  Geschäftswesen  bekannt  war;  daß  Religion 
besteht  oder  ursprünglich  bestanden  hat,  nicht  im  Tun  des- 
jenigen, was  angenehm  ist  in  den  Augen  Gottes,  sondern  im 
Bestechen  der  Götter;  daß  die  relativ  späte  Mißdeutung  die  ur- 
sprüngliche und  wahre  Meinung  des  Rituals  ist;  mit  einem 
Wort,  daß  in  der  frühesten  religiösen  Kundgebung  keine  Re- 
ligion war."^  Ich  habe  diesen  Bemerkungen  Jevons'  nichts 
hinzuzufügen. 

■*  Es  ist  aber  vielleicht  dennoch  möglich,  die  Formel  do-ui- 
des  so  zu  interpretieren,  daß  sie  einen  guten  Sinn  bekommt. 
Es  ist  dies  auch  wünschenswert.  Denn,  wie  das  Jevons  tut, 
alle  Erwägungen,  welche  sich  auf  eine  Erwiderung  oder  Loh- 
nung der  Opfergalje  beziehen,  als  sekundäre  Entartung  zu  be- 
zeichnen, geht  doch  nicht  an.  Es  hieße  das  u.  a.  das  ganze 
Gelübdewesen  aus  dem  Bereiche  der  eigentlichen  Religion  aus- 
schalten. 

Ich  versuche  im  folgenden  einen  solchen  Sinn  zu  finden. 
Vielleicht  daß  dann  auch  herauskommt,  daß  sich  von  einer 
richtig  verstandenen  do-ut^tlcs-F ormoi  Wege  finden  lassen 
zum    Verständnis  der  übrigen  Opferformen. 

Wenn  ein  Mensch  auf  primitiver  Stufe  einem  anderen 
Menschen  oder  einem  Gotte  ein  Geschenk  macht,  so  bedeutet 
dies  etwas  anderes,  als  wenn  wir  dasselbe  tun.  Das  Geschenk 
soll  beim  Beschenkten  nicht  nur  irgendwelchen  Einfluß  üben 
—   dieser  Einfluß    ist    auch   sicher  berechenbar,  d.  h.  magisch. 


'  F.  B.  JnvonH   The  Idea  of  God  in  earhj  religions.     Cambridge  1913 
p.  69  sq. 


Die  do-ut- des -Formel  in  der  Opfertheorie  243 

Das  Opfer  soll  den  Gott  zwingen.^  Es  ist  dies  aber  wohl  noch 
nicht  die  primitivste  Auffassung. 

Man  hat  neuerdings  eino-esehen,  daß  bei  magischen  oder 
religiösen  Handlungen  der  Glaube  an  „Götter"  keine  not- 
wendige Voraussetzung  bildet.  Die  unpersönliche  Kraft,  welche 
man  ziemlich  allgemein  mana  nennt,  vertritt  in  manchen  Vor- 
stellungen der  Primitiven  und  auch  der  Halbkulturvölker  das- 
jenige, was  wir  Gott  nennen.  Es  gibt  eine  gewisse,  dem 
elektrischen  Strome  zu  vergleichende  Kraft,  weiche  sich  überall 
manifestiert  und  welche  unter  Umständen  bei  gewissen  Per- 
sonen oder  an  gewissen  Orten  solche  Dimensionen  annehmen 
kanu,  daß  wir  sie  übernatürlich  oder  göttlich  nennen  würden. 
Der  primitive  Mensch  sieht  aber  nur  eine  Steigerung  der  all- 
gemeinen Kraft  in  seinen  außergewöhnlichen  Menschen  und 
Objekteu,  während  wir  uns  gewöhnt  haben,  Gott  und  das 
Göttliche  als  etwas  vom  übrigen  Gegebenen  prinzipiell  Ver- 
schiedenes zu  betrachten.  Es  gibt  im  primitiven  religiösen 
Denken  noch  nicht  zwei  Regionen:  die  göttliche  und  die 
menschliche;  es  gibt  bloß  Leben,  im  gewöhnlichen  Maß  als 
das  Eigentum  jedes  Menschen  und  jedes  Dinges  kaum  beachtet; 
in  gesteigertem  Maß  als  das  Vorrecht  der  außergewöhnlichen 
Menschen  und  Dinge  auffallend  und  entsprechend  gewertet; 
immer  aber  begleitet  von  Gefühlen,  die  wir  nicht  umhin  können 
religiös  zu  nennen. 

Von  hier  aus  fällt  Licht  auf  einen  Umstand,  welcher  der 
Opfertheorie  viele  Schwierigkeiten  gemacht  hat:  wie  kann 
unter  Umständen  der  Gott,  dem  geopfert  wird,  ganz  fehlen 
und  das  Tier,  welches  geopfert  wird,  als  Gott  oder  göttlich  be- 
trachtet werden?  Ich  denke  an  die  sakramentalen  Opfer.  Das 
Problem  sieht  auf  einmal  ganz  anders  aus,  wenn  man  sich 
vergegenwärtigt,  daß  das  Opfer  nicht  mit  Notwendigkeit  per- 
sönlich gedachte  Götter  zur  Voraussetzung  hat,  um  es  in  Emp- 
fang zu  nehmen,  daß  vielmehr    das    Opfer    eine  Operation  be- 

*  Siehe  W.  Wundt  Völkerpsychologie  VP  iJ  S.  467. 

16* 


244  Gr-  ^^^  ^^^  Leeuw 

zweckt  in  betreff  des  „Gott-Stoffs",  der  un])ersöiiliclien  Kraft, 
nämlich  diese  Kraft  an  einem  bestimmten  Orte,  in  einem  be- 
stimmten Mensclien  oder  Stamme  zu  verstärken  und  zu  steigern. 
Es  braucht  dazu  nicht  immer  „Götter",  d.  li.  mit  vielem  Maiia 
versehene  Mächtige;  die  Lebenskraft  kann  sich  ebensogut  im 
zu  Opfernden  konzentriert  habend  Auch  kann  beides  zu 
gleicher  Zeit  stattfinden.  Es  entsteht  dann  eine  Art  Wechsel- 
wirkung zwischen  dem  Mana  des  Gottes  (in  unserem  Sinne) 
und  dem  Mana  des  göttlichen  Oj)fers.  Das  zweite  soll  das 
erstere  verstärken,  damit  der  Gott  in  der  Lage  sei,  seine  Ver- 
ehrer mit  Mana  zu  versehen,  und  diese  wiederum  ihn^  usw. 

Eine  solche  Wechselwirkung  sehe  ich  angedeutet  in  der 
römischen  Opferformel  iuacte  esto}  Diese  Formel  kann  wohl 
nichts  anderes  bedeuten  als:  Heil  sei  dir  durch  diese  Opfer- 
gaben, die  ich  dir  bringe,  sei  stark  durch  diese  meine  Gaben, 
Ein  solcher  Zuruf  in  vcrhis  certis  ist  aber  nie  eine  willkür- 
liche Floskel.^  Es  hat  gewiß  einmal  die  Anschauung  ge- 
herrscht, daß  die  Götter  nur  durch  ständige  Nahrung  ihrer 
Kraft  zum  Kraftspenden  fähig  seien.  Der  Betende  wird  so, 
nach  dem  Worte  Nietzsches,  wirklich  zum  Segnenden.  Er 
kann  nichts  erhalten,  bevor  er  etwas  gegeben  hat.     So   opfert 

'  Der  Begriff  „Gott"  hat  ja  durch  die  Entdeckung  des  mana  -über- 
haupt eine  unerwartete  Ausdehnung  und  Biegsamkeit  erhalten.  Gott  (in 
unserem  Sinn),  Kraft,  Seele  (der  ägypt.  Ka  z.  B),  Schutzgeist,  Schicksal, 
Weltgesetz  (Hamingja,  Tao  usw.),  das  liängt  alles  zusammen  und  ist  zum 
Teil  nicht  einmal  immer  zu  unterscheiden.  Siehe  meine  Abh.:  „E.xiervnl 
Sou'",  Schutzgeist  u.  der  ägypt.  Ka  in:  Zeitschr.  f.  äg.  Spr.  64,  1918 
S.56  tr.  u.  Process  and  Drama  in:  Constructive  Quart.  8,  1920  S.  281  sqq. 

'  Ein  Beispiel  aus  vielen:  Cato  Agri  cultura  132:  lupjriter  dapalis, 
inarte  ütace  dnjjr  polhiccnda  esto,  niacte  vvw  infcrio  esto.  [Daß  mactiis 
ursprünglich  heißt  „gemehrt,  gestärkt",  dann  „geehrt",  erwies  Wünsch 
m.  Mus.  69,  1913,  127ff.,  vgl.  Diels  Site.  Ber.  BcrJ.  Ähad.  1921,238.  W.] 

'  Zu  vergleichen  ist  das  altgermanische  Ordheill,  Wortglück,  der 
Zuruf,  der  entweder  Segen  oder  Unglück  mit  magischer  Gewißheit  aus- 
wirkt, 8.  V.  Grönbcch  Vor  Folien  et  i  OUUidcn  I.  Kopenhagen  1909  S.  170. 
Im  3.  Bande  dieses  wichtigen  Buches  lese  man  jetzt  auch  Interessantes 
über  den  bindenden  Charakter  des  Geschenks,  S.  60  ff. 


Die  do-ut- des -Formel  in  der  Opfertheorie  245 

ja  der  Römer  auch  dem  Herde,  der  Vesta,  und  wirft  kleine 
Gaben  ins  Feuer,  während  er  zu  gleicher  Zeit  ganz  von  diesem 
Herdfeuer  abhängig  ist  und  es  verehrt  als  Inbegriff  der  gött- 
lichen Lebensfülle. 

Es  hat  die  Schwierigkeit  des  Opferproblems  nicht  unerheb- 
lich vergrößert,  daß  man  sich  das  Verhältnis  des  Opfernden 
zum  Göttlichen  fast  immer  nach  unserer  Weise,  d.  h.  als  ein 
Abhänsigkeitsverhältnis  vorausgesetzt  hat.  Dazu  stimmte  dann 
natürlich  das  Sakramentale  und  das  Totemopfer  nicht.  Aber 
ebensowenig  das  Gabenopfer  im  hier  umschriebenen  Sinne,  wo 
ja  weit  eher  ein  Wechselverhältnis  zugrunde  liegt:  do  nt  des, 
aber  keineswegs  in  der  alten  rationalistischen  Bedeutung,  viel- 
mehr in  der  einer  mystischen  Abhängigkeit  des  Menschen  von 
Gott,  Gottes  vom  Menschen.  Der  Mensch  gibt,  damit  Gott 
gebe.  Gott  gibt,  damit  der  Mensch  gebe.  Es  ist  dies  von 
Beiden  aber  nicht  ein  willkürlicher  Akt,  eine  Bezeugung  der 
Gnade  oder  der  Liebe,  der  Untergebenheit  oder  der  Ergeben- 
heit. Dazu  ist  die  ganze  Sache  zu  magisch  gedacht:  beider- 
seits wird  ein  opus  operatum  zustande  gebracht.  Mechanisch 
schenkt  der  Gott,  wenn  ihm  geopfert  ist:  sein  gesteigertes 
Mana  fängt  zu  wirken  an.  Und  ebensowenig  kann  der  ge- 
stärkte Mensch  es  unterlassen,  vom  Erworbenen  wieder  abzu- 
geben. 

Es  ist  diese  ganze  Darstellung  übrigens  nicht  so  fremd- 
artig und  ausschließlich  primitiv,  wie  es  manchem  wohl  scheinen 
möchte.  In  der  Mystik  kehren  diese  Gedanken  mit  größerer 
oder  geringerer  Konsequenz  wieder.  Segond  beschreibt  das 
(mystische)  Gebet  als  eine  „deniande  d'avoir  de  quoi  donner": 
„Aussi  la  priere,  qiii  etait  „deniande  d'avoir  de  quoi  donner", 
devient-elle  don  de  ce  que  Von  avait  aussi  deniande,  ä  celui-lä- 
meme  qui  Va  donne:  „Seigneur,  je  voiis  donne  toid".'^^  Das  ist 
ja  ein  vergeistigtes  do  ut  des  von  genau  derselben  Art,  wie  es 
uns  bei  den  Primitiven  begegnet,  die  das  Leben  nicht  nach 
^  J.  Segond  La  Friere.     Paris  1911  S.  135  ss.  138. 


246  ^-  ^^^  ^^®^"  Leeuw 

Geist  und  Materie  diiiereuziereu.  —  Uud  auch  außerhalb  der 
eigentlichen  Mystik  lebt  der  Gedanke  einer  Wechselwirkuno;  — 
wenn,  auch  ohne  die  Vorstellung  der  magischen  Folgerichtig- 
keit der  Handlung,  in  weiten'  Kreisen  fort.  Ich  erinnere  an 
das  Gerhardtsche  Lied: 

Ich  komme,  bring'  uud  schenke  dir, 
Was  du  mir  hast  gegeben. 

Segond  führt  Pascal  an:  „C'est  mon  af faire  que  ia  conversion; 
ne  crains  pomty  et  prie  avec  confiance  comme  pour  moi^\  und  „11 
a  ete  fait  pcclie  par  moi.  11  est  plus  abomindble  que  moi,  et, 
hin  de  w'  ahhorrer,  il  se  tient  honore  que  faille  a  lui  et  le  se- 
coure"  Mit  Recht  zieht  Segond  die  verwandten,  wiewohl  pri- 
mitiven Vorstellungen  heran  des  Haonia,  des  himmlischen 
Lebens,  welches  wächst,  dank  sei  den  Lobpreisungen  der  Men- 
schen.^ Auch  der  Gedanke  eines  himmlischen  Thesaurus,  der 
wächst  durch  unsere  guten  Werke  uud  Gebete,  wie  es  uns  aus  dem 
Parsismus  und  dem  Christentum    geläufig  ist,    gehört    hierher. 

Also  hat  nicht  nur  Gott,  auch  der  Mensch  etwas  zu  geben. 
Deshalb  soll  der  geben,  der  am  meisten  hat:  dem  Hausvater 
oder  dem  König  oder  dem  Priester,  überhaupt  demjenigen,  der 
das  meiste  Maua  hat,  wird  das  Opfern  überlassen. 

Es  existiert  übrigens  ein  enger  Zusammenhang  zwischen 
Opfer  und  Gebet.  Beide  sind  ja  analoge  Erscheinungen.  Das 
Huldiguug.sopfer  entspricht  dem  lluldigungsgebet,  der  Lob- 
preisung; das  rationalistisch  gefaßte  dO'Ui-des-0])ieY  dem  Bitt- 
gebet: das  Gelübde  i.st  die  Form,  welche  Opfer  und  Gebet  ver- 
einigt." Dem  sakramentalen  Opfer  im  Sinne  der  oben  beschrie- 
benen Wechselwirkung  entspräche  das  mystische  (iebet:  „Vidcn- 
tite  foncicre  de  la  „demande"  et  de  la  „rqwnse''.'^^  Auch  in  der 

'  Segond,  a.  a.  0.  p.  144  u.  A.  2. 

*  Dem  Opfer,  bei  dem  man  irgendein  Tier  für  einen  Menseben  — 
eigentlich  eich  selbst  —  substituiert,  könnte  man  die  Selbsthingabe  im 
Gebet  vergleichen. 

*  Segond,  a.a.O.  p.  140. 


Die  do-^lt- des -Formel  in  der  Opfertlieorie  247 

Mystik  ist  ja  das  gewölinliclie  religiöse  Abhäugigkeitsveriiältnis 
nicht  vorhanden.  Unter  Umständen  kann  auch  Gott  vom 
Menschen  abhängig  sein.  Man  denke  an  den  cherubinischen 
Wandersmann.  Und  Zweck  des  mystischen  Gebets  ist  die 
Identifizierung  mit  dem  Höchsten,  worin  Gott  und  Mensch 
kaum  mehr  zu  unterscheiden  und  die  Rollen  vertauscht  werden 
können. 

Genau  wie  wir  —  bei  aller  Vieldeutigkeit  des  Ausdrucks  — 
das  eine  Wort  „Opfer"  beibehalten,  für  das  Geschenk  wie  für 
das  Sakrament  — ,  bleiben  wir  auch,  und  mit  Recht,  bei  dem 
einen  Ausdruck  ,.Gebet",  obwohl  anscheinend  das  Bitt-  und  Ge- 
sprächsgebet mit  demjenigen  der  mystischen  Versenkung 
wenig  zu  tun  hat.  In  beiden  aber  existiert  die  Wechselwir- 
kung zwischen  der  Kraft  im  Menschen  und  der  Kraft  außer 
dem  Menschen.  Der  Irokese,  wenn  er  betet,  „legt  sein  orenda 
nieder",  weil  das  Verlangen  nach  etwas  voraussetzt,  „daß  man 
sein  orenda  niederlegt,  um  sich  gleichsam  einem  fremden 
orenda  zu  unterwerfen".^  Man  könnte  sich  auch  denken,  daß 
die  eigene  Kraft  niedergelegt  wird,  um  die  fremde  zu  ver- 
stärken. Einerlei  —  Kraft  muß  im  Gebet  wie  im  Opfer  be- 
zeugt werden;  so  fordert  die  Chorführerin  in  den  Choephoren 
den  Chor  auf,  für  Orestes  „des  Gebetes  Kraft"  zu  zeigen: 

Eiev,  cpiXiav^  df-icotösg  otKcov, 
Ttore  di]  öto^dzoiv 

öei^Ofxev  iayhv  £7t'  'OqiGxiy^ 

Die  göttliche  Tätigkeit  wird  erst  durch  die  menschliche  aus- 
gelöst.  Es  soll  —  durch  Opfer  oder  durch  Gebet  —  Kraft  im 
Universum  losgemacht  weiden.  Dazu  ist  eine  Betätigung- 
eigener  Kraft  erforderlich.  Auch  diese  Kraft  ist  aber  wieder 
von   der  Kraft  von  außerhalb  gewirkt.     Es  gibt  viele  orendas, 


^  J.  N.  B.  Hewitt  Orenda  and  a  Definition  of  JReligion.  American 
Anthrop.  N.  S.  4,  1902  p.  33.  K.  Betb  Eeligion  und  Magie  hei  den  Natur- 
völkern.    Leipzig  1914  S.  159. 

^  Aischylos  Choephoren  719  sqq. 


248  G.  vau  dor  Leeuw 

schließlich  sind  sie  aber  alle  orcnda.  Wir  beten,  aber  der 
Geist  betet  in  uns.  Spreche  ich  mit  Gott  oder  spreche  ich 
mit  mir  selber?  Schließlich  ist  das  dem  Mystiker  gleich.^ 
Ist  er  doch  selbst  Teil  Gottes,  seine  Kraft  ist  Gottes  Kraft. 
Und  alle  Mystiker,  wenn  sie  zu  spekulieren  anfangen,  sind  darin 
einig,  daß  man  mit  Gott  nicht  verkehren  kann  außer  durcli 
Gott:  et  quod  videtur  et  quo  videtur.  Golt  ist  dann  im  Men- 
schen Subjekt  und  Objekt  geworden;  umgekehrt  wird  die  Seele 
selbst  das  Absolute,  indem  sie  das  Absolute  denkt.'  Man  kann 
es  auch  moderner  sagen: 

War'  nicht  das  Auge  sonnenhaft, 

Die  Sonne  könnt'  es  nie  erblicken; 

Lüg'  nicht  in  uns  des  Gottes  eigne  Kraft, 

Wie  könnt'  uns  Göttliches  entzücken? 
Die  Kraft  zirkuliert  von  Gott  zu  Mensch,  von  Mensch  zu  Gott, 
von  innen  nach  außen,  von  außen  nach  innen.  Die  Gebets- 
wie  die  Opferhandlung  sind  das  Ingangsetzen  einer  Zirkulation, 
das  Drehen  des  Hebels.  Frau  Guyon  beschreibt  ihren  Umgang 
mit  Fenelon:  „il  sc  faisait  im  ccoidement  presque  continuel  de 
Dieu."^     Der  Strom  durchfloß  sie  beide. 

Wir  sind  hier  mitten  im  Reiche  der  Mystik.  Mit  dem  Ge- 
spräch mit  einem  persönlichen  Gotte,  mit  dem  Abtreten  irgend- 
eines Teuern  an  einen  geliebten  Herrn  haben  dieses  Gebet  und 
di'.'ses  Opfer  nichts  zu  tun.  Hier  ist  alles  unpersönlich,  und 
auch  das  magische  Element  ist  oft  noch  gut  bewahrt. 

'  So  besonders  in  der  raoderneu,  pantbeistisch-monistiBclien  Mystik, 
vgl.  W.  H.  Myers  If  we  ask  to  irhotn  7ce  xiray,  the  anstver  (strangely 
e»ou(jh)  niust  be  that  thal  docs  not  much  maWr.  Das  Gebet  ist  bier  in  der 
Tat  eine  Operation,  das  Ingangsetzen  eines  geistigen  Prozesses,  es  „ope- 
ratcs".  S.  W.  James  27«;  Varicties  of  reliyious  Jixjcriencc**.  London  1911 
p.  467.  Diese  Art  des  Gebets  ist  natürlich  grundverscbieden  von  dem 
neuerdings  von  Heiler  als  „prophetiscb"  charakterisierten. 

'  S.  die  Ausführungen  von  G.  Siedel  Die  Mystik  Taulers.  Leipzig 
1911  S.  22  ff.  über  Tauler  und  Thonaas.  Über  R^ckhart  in  dieser  Be- 
ziehnng:  A.  Lasson  Meister  Kckhnrt.     Berlin  1860  S.  86 ff. 

'  M.  Masson  Fenelon  et  Mine  Guijon.     Paris  1907  p.  XXX VJL 


Die  do-ut-des-FoTme\  in  der  Opfertheorie  249 

Das  „Losmachen^'  nämlich  irgendeiner  Lebenskraft  setzt 
magische  Vorstellungen  voraus;  allgemeiner  und  besser  gesagt 
mit  Levy-Brühl:  prälogische  Vorstellungen.^  Es  gibt  für  den 
primitiven  Menschen  Zusammenhänge  zwischen  den  Dingen, 
von  welchen  wir  Modernen  nur  noch  dann  etwas  verstehen, 
wenn  wir  Dichter  oder  Mystiker  oder  Kinder  sind.  Das  Ma- 
gische liegt  darin,  daß  die  Art,  iu  welcher  auf  etwas  mit  Er- 
folg eingewirkt  wird,  sich  von  unserem  zweckmäßigen  Handeln 
durchaus  unterscheidet.  Ich  weiß  nichts  Besseres,  als,  anstatt 
der  allbekannten  Beispiele  aus  der  Primitivität,  ein  Fragment 
von  Novalis  hierhinzusetzen,  welches  ja  auch  zeigt,  wie  all- 
gemein menschlich  das  Magische  immer  noch  ist.  „Über  so- 
genannte gefährliche  Gedanken.  Nähern  sich  etwa  manche 
Gedanken  der  magischen  Grenze?  Werden  manche  ipso  facto 
wahr?  Alle  Bezauberung  geschieht  durch  partielle  Identi- 
fikation mit  dem  Bezauberten,  den  ich  so  zwingen  kann,  eine 
Sache  so  zu  sehen,  zu  glauben,  zu  fühlen,  wie  ich  will."  Wir 
haben  hier,  was  man,  wenn  es  Gott  betrifft,  ein  zwingendes 
Gebet  nennen  könnte:  das  Wort,  der  bloße  Gedanke,  in  Wahr- 
heit aber  die  Kraft,  welche  dahinter  steht,  zwingt  neue  Kraft. 
Es  wohnt  dem  Menschen  ein  Prinzip  inne,  das  zu  herrschen 
und  zu  zwingen  vermag,  das  seine  Kraft  hingibt,  damit  Kraft 
hingegeben  werde:  do  ut  des. 

Nun  ist  aber  nicht  bloß  das  Verfahren  des  magisch  Beten- 
den oder  Opfernden  prälogisch;  auch  die  Beziehungen  zwischen 
den  Menschen  und  Gegenständen  unter  sich  sind  eigentüm- 
licher Art.  Das  Bewußtsein  der  festen,  unerschütterlichen  Iden- 
tität fehlt.  Es  gibt  keine  Grenzen.  Wir  berühren  hier  Levy- 
Brühls  „loi  de  participation"^  Die  Bororos  sind  Araras 
(Papageien).  Sie  werden  keine  Papageien  nach  ihrem  Tode, 
sie   sind   auch   keine   verwandelten   Papageien,   nein,   sie   sind 

'  L.  Levy-Brühl  Les  fonctions  mentales  dans  les  societes  inferieures. 
Paris  1910  p.  6S  ss. 

^  Levy-Brühl  a.  a.  0.  p.  76  ss. 


250  ^-  '^^^  ^^^'  Leeuw 

■wirklich  uud  wahrhaftig  Araras.  Ein  Meusch  ist  ein  Mensch; 
unter  Umständen  aber  auch  •  ein  Wolf,  ein  Werwolf.  Mein 
anderthalbjähriger  Sohn  besitzt  ein  Bilderbuch,  in  dem  ein  Pferd 
abgebildet  ist.  Er  nennt  jetz^t  alle  Bilder  uud  Bücher  Pferde. 
Zu  gleicher  Zeit  weiß  er  aber  ganz  genau,  was  ein  Pferd  ist, 
uud  erkennt  es  als  sokhes,  wenn  ihm  auf  der  Straße  eins  be- 
gegnet. Alles  fließt  über  in  alles.  Alles  hängt  zusammeu. 
Alles  kann  zu  allem  werden,^  Es  herrscht  ein  geheimnisvoller 
—  Levy-Brübl  sagt:  mystischer  —  Zusammenhang  vor  zwischen 
dem  Menschen  und  seinem  Totem.  Dasselbe  Verhältnis  kann 
aber  zwischen  allen  möglichen  Sachen  oder  Personen  bestehen. 
Denn  in  allen  zirkuliert  ja  dieselbe  Lebenskraft.  Man  kann 
diese  Kraft  „losmachen",  in  Gang  setzen  in  einem  Gegenstand 
mittels  einer  Operation,  welche  man  mit  einem  anderen  Gegen- 
stand vornimmt.  Das  Verbrennen  des  Opfers  hat  die  Steige- 
rung der  (göttlich  gedachten)  Lebenskraft  zur  Folge.  Das 
mystische  Gebet,  d.  li.  die  bis  ins  Unaussprechliche  fortgesetzte 
Steigerung  der  Konzentration  auf  das  Selbst,  bewirkt  das  Zer- 
fließen der  Grenzen  zwischen  Selbst  und  Gott.  Man  wird  Gott, 
indem  man  immer  mehr  man  selbst  wird.  Man  kann  den  Satz 
auch  umkehren.  In  den  Worten  eines  ganz  modernen 
Dichters; 


'  Vgl.  was  H.  Oldenberg  Die  Lehre  der  L'panishaden  Göttingen  1916 
S.  20,  aif  Levy-Brühl  fußend,  über  Indien  aosführt:  Das  Opfer  ist  das 
Jahr,  das  Opfer  ist  Hede,  ist  Vieh.  Das  Auge  ist  Wahrheit.  Und 
zwar  nicht  in  dem  Sinne,  worin  wir  sagen:  der  Halbmond  ist  der  Islam, 
tlcT  Lorbeer  ist  der  Kulim,  sondern  vielmehr  im  Sinne  des  frommen 
Katholiken:  das  lirot  ist  der  Leib  Christi.  Das  Sakrament  des  Altars 
ist  in  der  Tat  das  wichtigste  und  augenfälligste  überbleibsei  dieser  prä- 
logischen Denkweise.  —  In  Ägypten  ist  das  Opfer  zu  gleicher  Zeit  das 
Horuaauge  oder  auch  die  Schenkel  der  Feinde  des  Gottes,  die  ihm  dar- 
gebracht werden.  Eine  Metai>her  ist  nicht  gemeint.  —  Der  Priester 
wird  zum  Gott  durch  die  Maske,  welche  er  beim  Tanz  oder  sonstiger 
heiliger  Handlung  anlegt.  Man  kann  ein  anderer  sein:  Thurnwald  sah 
seinen  Wirt  krank  im  Freien  sitzend;  es  stellte  sich  heraus,  daß  nicht 
er  eigentlich  krank  war,  sondern  seine  Frau.  Beth  lieligion  und  Magie 
^.  104  ff. 


Die  do- Mi -des -Formel  in  der  Opfertheorie  251 

When  to  tlie  neio  eyes  of  thee      To  each  other  l'mked  are, 
AU  tlnngs  hy  immortal  poiver^      That  thou  canst  not  stir  a  flotver 
Near  or  far,  WitJmd  troubling  of  u  star} 

Hiddenly 
Oder,  wiederum  mit  einem  von  Novalis'  Fragmenten:  „Alles 
Sicht^bare  liaftet  am  Unsiclitbareu,  das  Hörbare  am  ünliörbaren, 
das  Fühlbare  am  Unfühlbaren/'  Man  sieht,  wie  sich  Urprimi- 
tives und  Hochmodernes  berührt:  Namen  und  Gegenstände 
haben  gewechselt,  das  Verfahren  ist  dasselbe  geblieben.  Am 
eindringlichsten  wurde  dies  ausgeführt  für  die  indische  Ge- 
dankenwelt von  Oldenberg:  die  primitive  Prälogik,  der  es  keine 
Schwierigkeit  macht  „dieses  und  zugleich  etwas  anderes  zu 
sein",  hängt  unmittelbar  zusammen  mit  der  raffinierten  Speku- 
lation des  tat  tvam  asi.'^ 

Um  zum  Opfer  zurückzukehren:  im  allgemeinen  kann  man 
sagen,  daß  in  ihm  Lebenskraft  zum  Besten  des  Opfernden  in 
Bewegung  gesetzt  wird.  Es  ist  dabei  zunächst  ziemlich  gleich- 
gültig, ob  diese  Lebenskraft  in  einem  Gotte  wohnt  und  — 
mittels  der  heiligen,  lebenskräftigen  Speise  —  durch  den  Opfern- 
den zu  zirkulieren  genötigt  wird,  oder  ob  die  Lebenskraft  im 
Opfer  selbst  liegt  und  direkt  vom  Opfernden  als  Speise  ge- 
nossen wird,^  Ursprünglich  wird  wohl  die  Nahrung,  auf  welcher 
das  Leben  beruhte,  genossen  sein  im  religiösen,  d.  h.  nach  spä- 
teren Begriffen,  sakramentalen  Sinn.  Jede  Mahlzeit  war  ein 
Sakrament,  wie  ja  auch  die  Vorratskammer  bei  manchen  Völ- 
kern heilig  gehalten  wurde  (Ägypten;  Uom-.penus).  Dann  wurde  die 
primitive,  altehrwürdige  Speise  (Milch  und  Honig^)  zur  Götter- 
nahrung   oder    zur  Speise    des    Götterlandes.     Sie  konnte  aber 

*■  Francis  Thompson. 

^  Oldenberg  a.  a.O  S.  126. 

*  Man  könnte  auch  sagen:  der  Strom  des  Lebens  geht  von  Gott  aus 
durch  das  Opfer  zum  Opfernden  und  umgekehrt;  so  kommt  ja  auch  der 
Gedanke  des  „int&jinediaire",  von  Hubert  und  Mauss  einseitig  betont, 
zu  seinem  Recht;  Melanges  d'Histoire  des  Beligions.    Paris  1909. 

*  H.  Usener  Bhein.  2Ius.  1902  S.  177  ff.  =  Kl.Schr.lY  Z^%^. 


252  ^-  '^^^  ^^®^  Leeuw 

auch  selbst  als  göttlich  betrachtet  werden:  dann  wird  die  Mahl- 
zeit ein  Opfer.^ 

Sowohl  bei  dem  Bescheuken  der  Götter  (mit  Speisen  oder 
anderen  das  Leben  erhöhenden  Sachen)  als  bei  der  sakra- 
mentalen Mahlzeit  liegt  aber  die  Vorstellung  der  Wechsel- 
wirkung —  des  do  ut  des,  aber  ganz  unpersönlich  gedacht  — 
zugrunde.  Sogar  das  Sühnopfer  könnte  von  hier  aus  Licht  er- 
halten, indem  es  als  eine  Wiederfestmachung  des  zu  Unrecht 
Losgemachten,  als  ein  Versuch  der  Wiederherstellung  der  Lebens- 
zirkulation aufzufassen  wäre. 

Am  großartigsten  und  konsequentesten  hat  sich  diese  Auf- 
fassung des  Opfers  in  Indien  entwickelt,  während  bei  den  Se- 
miten die  Idee  der  Huldigung  oder  auch  der  Selbsthingabe, 
aber  dann  mehr  persönlich,  hervortrat.  In  Indien  wurde  das 
Opfer  zu  einem  mit  automatischer  Bestimmtheit  vor  sich  gehen- 
den Prozeß:  „Man  erfaßt  das  Geschehen,  wie  es  in  primitivster 
Form  schon  jene  vorgeschichtliche  Weltauffassung  getan  hat, 
als  beruhend  auf  dem  Spiel  von  Kräften,  die  das  Universum 
durch  walten,  und  deren  Wirkungsweise,  von  fern  der  Natur- 
gesetzliclikeit  des  modernen  Weltbildes  vergleichbar,  der  Ken- 
ner zu  berechnen  und  wie  er  will  zu  lenken  weiß.  Dieser 
Kenner  aber  ist  man  selbst."*  Das  Opfer  ist  hier  im  eigent- 
lichen Sinne  zum  Weltprozeß  geworden.  Der  Mensch  versteht 
es  zu  beherrschen.  Das  Zentrum  der  Lebenskraft  liegt  in  ihm 
selbst,  er  ist  der  Durchgangspunkt  der  Kräfte,  welche  die 
Welt  bewegen.  Götter  sind  da  ebenso  überflüssig,  wie  sie  es 
auf  der  primitiven  Stufe  waren. 


'  Auf  ilcr  IIülio  der  Myfltik  findet  bisweilen  eine  Rückkehr  zur  pri- 
mitiven Auffassung  des  einen,  nicht  in  göttlich  und  menschlich  oder 
geistig  und  fleischlich  differenzierten  Lebens  statt.  Von  Nikolaus  von 
der  Flue  und  Catharina  von  Siena  wird  erzählt,  daß  t,ie  längere  Zeit 
vom  Genuß  des  Sakramentes  im  l)uchstäblichen  Sinne  Igjjten.  S.  J.  Görrea 
Die  christliche  Mystik*  I.  Kegonsburg  1879  S.  372  ff, 

*  Oldenberg  a.a.O.  S.16f. 


Die  do-ut- des -Formel  in  der  Opfertheorie  253 

Die  Welt,  sie  war  nicht,  eh'  ich  sie  erschuf; 

Die  Sonne  führt'  ich  aus  dem  Meer  herauf; 

Mit  mir  begann  der  Mond  des  Wechsels  Lauf; 

Auf  meinen  Wink,  in  jener  ersten  Nacht, 

Entfaltete  sich  aller  Sterne  Pracht.^ 
Die  Formel  do,  ut  des  ist  gewiß  nicht  sehr  zutreffend.    Sie 
hat  aber  das  Verdienst,  diese  Selbstwirksamkeit  des  Menschen 
im  Opfer  den  Mächten  der  Welt  gegenüber  zu  betonen. 

^  In  diesem  Sinne  konnte  Amiel  sogar  in  Schleiermachers  Mono- 
logen magisches  Gefühl  finden:  „L'indomptable  liherte,  l'apotheose  de 
l'individu  s'elargissant  jusqu'ä  ne  reconnaitre  rien  d'etranger,  ni  aucune 
limite,  se  fortifiant  jusqu'ä  reeommencer  la  creation,  tel  est  le  point  de  vue 
des  Monologues." 


I 


Scliuld  und  Sünde  in  der  griechischen  Eeligion 

Vou  Kurt  Latte  iu  Münster 

I 
Aus  der  vollblütigen  Juoendliisehe  des  homerischen  Men- 
sehen  quillt  all  sein  Handeln,  Gutes  und  Böses.  Dieselbe  jäh 
aufwallende  Leidenschaft  zeugt  die  noch  von  späten  Geschlech- 
tern gepriesene  Heldentat  und  den  Avilden  Frevel,  dessen  die 
Sage  mit  Schauder  gedenkt.  Der  selbstherrliche,  freie  Mann 
macht  im  stolzen  Gefühl  seiner  Stärke  auch  vor  dem  von  Sitte 
und  Brauch  anerkannten  Rechte  des  anderen  nicht  halt,  wenn 
Zorn  und  Begierde  ihn  treiben.  Eine  unbedingte  Verurteilung 
solcher  Gewalttat  liegt  der  honierischeu  Gesellschaft  fern;  selbst 
in  die  Äußerungen  der  Mißbilligung  mischt  sich  Bewunderung 
für  die  ungezügelte  Kraft  dessen,  der  vor  nichts  zurückschreckt, 
ßii]i  y.ul  nÜQxai  ely.cov  (0  139.  v  143).  Fast  alle  Worte,  mit 
denen  das  Epos  dieses  Überschreiten  des  eigentlichen  Macht- 
bereiches, den  „Uber"mut  bezeichnet,  werden  gelegentlich  auch 
auf  den  rühmlich  heldenhaften  Trotz  augewandt.'  Über  Wert 
oder  Unwert  menschlichen  Handelns  entscheidet  letzten  Endes 
allein  der  Erfolg.  Scheitert  ein  solcher  Übergriff  auf  fremdes 
Gebiet  an  dem  überlegenen  Willen  des  Gegners,  folgt  ihm  die 
Vergeltung,  so  erzwingt  sich  die  Erkenntnis  Kaum:  die  Tat 
war  Unrecht.     Und    in    raschem  Umschlag    der  Stimmung    er- 

'  M.  Wundt  Gesch.  d.  gricch.  Ethik  I  13.  Mart.  Hoffmaun  Die  eth. 
Terminologie  bei  Rom.,  Hcs.  «.  d.  alt.  Elegikeni  u.  Jamhngr.  TiibiDgen 
1914,  1 1  ff .  Ein  bcBonflers  klares  Beispiel  ist  ößQi^notgyos,  dem  Wort- 
sinne nach  nur  der  Vollbringer  gewaltiger  Taten,  daa  aber  durchweg 
TOD  Tadelnswertem  gesagt  wird  (Uotrinann  a.  a.  O.  61).  Auf  der  anderen 
Seite  findet  sich  selbst  tträod'aXos  ganz  abgeschwächt  für  „streitlustig" 
{N6U.  h.  Apoll.  67.  h.  Ib,  ü). 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechischen  Religion  255 

scheint  jetzt  als  Antrieb  nicht  mehr  dias  eigene  Wollen,  son- 
dern eine  unselige  Yerbleudung,  eine  wesensfremde  Macht,  die 
den  Unglücklichen  fortgerissen  hat  zu  Werken  des  Wahnsinus, 
für  die  er  nun  büßen  muß;  es  sind  äijövla  egyu^,  die  er  voll- 
bracht hat,  ein  Dämon  muß  ihn  dazu  verleitet  haben. ^  Wie 
Freud  und  Leid  den  Menschen  beschieden  sind  nach  der  Himm- 
lischen Ratschluß,  für  den  mau  Gründe  weder  weiß,  noch  sucht 
1^187.  (?  132),  so  nimmt  man  auch  die  eigenen  Taten  und 
ihre  Folgen  als  etwas  Gegebenes  hin,  ohne  je  die  Frage 
aufzuwerfen,  ob  es  möglich  gewesen  wäre,  anders  zu  handeln. 
Die  Götter  machen  den  Menschen  besonnen  oder  töricht  (^  11), 
sie  haben  Klytaimestras  Fall  bestimmt  {y  269),  wie  den  Frevel 
des  Alexaudros  (Z  356)  oder  den  Raub  der  Briseis  (r270). 
Das  eigentliche  Wort  für  solche  „Schickung"  ist  atr]^-^  in  ihm 

^  al'evXa,  arfivXa  gehört  zu  ai.  yätü,  Zauberei,  böser  Geist.  Bechtel 
Lexü.  15. 

*  Vgl.  zur  Erklärung  von  daifioviog  Ameis-Hentze-Cauer  zu  |  443. 

*  Die  Literatur  bei  Havers  Z.  Semasiologie  v.  griech.  arri  (Z.  f.  vgl, 
Sprachw.  43,  1910,  225 flf.).  Dazu  Boieacq  Dict.etym.  96.  Bechtel  XciCiV.  3, 
der  mit  Recht  betont,  daß  die  von  den  Etymologen  angesetzte  Grund- 
bedeutung „Wunde"  nirgends  nachzuweisen  ist.  Auch  der  Versuch  von 
Havers  (a.a.O.),  den  von  ihm  angenommenen  ursprünglichen  Sinn  , .Schlag 

"(des  Dämons)"  IT 805  und  abgeschwächt  ü  480  aufzuweisen,  überzeugt 
nicht.  Tov  8'  axr\  cpQevag  alXs  11805  kann  man  nicht  gut  anders  verstehen 
als  sonst  döat,  adöd'at  (pQsvag  (Buttmann  iexiZ.  I  *  224.  Bechtel  a.a.O.  13), 
muß  also  ,, Verblendung"  übersetzen,  nicht  ,, Ohnmacht".  Sl  480  wird 
das  Unglück  des  Priamos  mit  der  Xot  des  flüchtigen  Totschlägers  ver- 
glichen, der  plötzlich  zu  aller  Erstaunen  am  fremden  Herde  schutz- 
heischend auftaucht.  Das  Gleichnis  malt  die  Stimmung  bei  beiden  Teilen, 
aber  von  Stupor,,  wie  Havers  (a.  a  0.  242)  nach  Ebeling  {Lex.  Hom.  189) 
übersetzt,  kann  keine  Rede  sein;  das  Staunen  ist  auf  selten  der  Zu- 
schauer (v.  482),  urr}  heißt  hier  Unglück.  Von  dieser  Bedeutung  scheint 
das  Wort  überhaupt  ausgegangen  zu  sein.  Wenigstens  ist  der  Sinn 
„schuldhafte  Tat"  nur  bei  Homer  und  in  der  von  seiner  Diktion  be- 
einflußten Literatur,  wie  bei  den  Tragikern,  nachzuweisen.  Die  Prosa 
der  dorischen  und  nordwestgriechischen  Dialekte  kennt  es  nur  als 
„Schaden,  Buße"  (Belege  b.  Havers  238),  ebenso  Herodot  I  32  (argco 
VII  223  scheint  durch  düs  homerische  Vorbild  veranlaßt)  und  Epicharm 
frg.  78  Kaib.     Dieselbe  Bedeutung  liegt  bei  Hesiod  durchweg  vor  (auch 


256  K"rt  Latte 

liegen  eigene  Tat  und  unverschuldeter  Schaden  genau  so  un- 
getreunt  beieinander,  wie  im  Denken  der  homerischen  Zeit, 
und  jeder  Versuch  der  Scheidung,  zu  dem  die  Übersetzung 
gezwungen  ist,  wird  der  Eigenart  der  dahinter  stehenden  Vor- 
stellung nicht  gerecht.  Die  rasche  Tat  der  Leidenschaft  ist 
arrj  (^412.  7115  u.  s.),  das  Handeln  unter  dem  Zwange  des 
Weines  (A  61.  (p  295)  und  der  sinnlichen  Triebe  (h.  Ven.253); 
aber  auch  bloße  Nachlässigkeit  (J537),  mangelnde  Wachsam- 
keit (x  68)  heißen  so,  und  selbst  wo  jeder  Gedanke  an 
persönliche  Schuld  wegfällt,  wird  das  Unheil  mit  art]  bezeich- 
net [Sl  480.  /i  372.  o  2'6'd).  Es  wäre  verfehlt,  wollte  man 
darin  eine  deterministische  Ablehnung  der  Verantwortung  für 
das  eigene  Tun  erblicken.  Nicht  der  individuelle  Anlaß,  son- 
dern einzig  die  Tat  selber  ist  maßgebend  für  die  Folgen.  Der 
Totschläger  muß  landfiüchtig  werden,  mag  er  auch  vrJTCios^ 
ovx  id^sXav  ('<P'88)  gehandelt  haben,  der  Falscheid  ist  so  gut 
inCoQXog  wie  der  Meineid  {K  332).  Jeder  Mißerfolg  bringt 
Schande  {kXayxiii]),  einerlei,  ob  man  ihn  verschuldet  hat  oder 
nicht  (/i  285.  z/  171.  >F342).'  Rechtliches  und  sittliches 
Empfinden  begreifen  auf  dieser  Stufe  Verantwortlichkeit  aus- 
schließlich unter  der  Deukform  der  Erfolgshaftung:  die  Tat 
und  nicht  ilire  Gründe  sind  es,  für  die  der  Mann  einzustehen 
hat;  sie  allein  bestimmt  das  Urteil.^ 

Der  Vermenschlichung  der  Götter  entspricht  es,    daß  Ver- 
gehen   gegen  sie  qualitativ  gar  nicht   anders   gewertet  werden 

an  den  beiden  von  Scherer  l^e  Graec.  &TT]g  votione,  DisB.  Münster  1858,  16 
für  mala  insoUntia  illata  beigebrachten  Stellen  op.  216.  231).  So  dürfte 
bei  Homer  eine  Sonderentwicklung  des  EpoB  vorliegen,  psychologisch 
zn  erklären  ans  der  im  Text  dargelegten  Auffassung  von  Schuld  als 
„Schaden". 

'  Wenn  M.  Hofruiimn  a.  a.  U.  38  (ebenso  48)  darin  nur  einen  Mangel 
„terminologischer"  Scheidung  erblickt,  so  legt  er  den  Maßstab  unserer 
modernen  Denk-  und  Ausdrucksweise  an,  statt  den  der  einheitlichen 
Bezeichnung  entsprechenden  einheitlichen  Begriff  der  homerischen  Zeit 
zu  suchen. 

»  Parallelen  gibt  es  zahlreich,    z.  B.  Oldenberg  Reh  d.  Veda^  295 ff. 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechischen  Religion  257 

als  solche  gegen  Sterbliche.  Auch  die  Sprache  kann  beides 
mit  denselben  Worten  bezeichnen.  Das  trotzige  Hohnwort 
des  eben  aus  höchster  Todesnot  entronnenen  Aias  ist  atTj 
(^503^  der  Bruch  des  beschworenen  Vertrages  vTCs^ßccöCr]  (PiOV), 
so  gut  wie  der  Streit,  den  Eurytion  bei  der  Hochzeit  des  Peiri- 
thoos  vom  Zaune  bricht  (g>  295)  oder  das  Gebaren  der  Freier 
(y  206.  V  193  u.  s.).  Freilich ,  während  Menschen  oft  Unbill 
ungerächt  hingehen  lassen  müssen,  erreicht  die  Macht  der 
Olympier  den  Frevler  mit  unbedingter  Sicherheit.  Wer  klug 
ist,  wird  darum  den  Zorn  der  Götter  „beachten",  „vermeiden '' 
{ö:xC^a6d-ai,  ccXsvaöd-cci),  und  noch  viel  eindringlicher  als  sonst 
erscheint  zurückschauender  Betrachtung  derartiges  Tun  als  Tor- 
heit oder  als  Irrtum,  als  „Fehl".  So  nennt  man  die  gegen  die 
Götter  gerichtete  Untat  vorwiegend  Verblendung,  Wahnsinn; 
anderseits  hat  sich  ein  Wortstamm,  der  ursprünglich  etwa 
einen  Mangel,  ein  Versäumnis  bedeutet  haben  muß,  bei  Homer 
an  den  meisten  Stellen  und  später  fast  ausschließlich  zur  Be- 
zeichnung des  religiösen  Frevels  verengt,  nämlich  aXitslv  und 
seine  Sippe.^  Zwar  werden  diese  Ausdrücke  auch  von  Ver- 
gehen gegen  Menschen  gebraucht  (I  375),  Athene  nennt  Zeus, 
der  ihren  Willen  kreuzt,  im  Unmut  ahtQÖg  (0  361),  ja,  in 
der  Odyssee  begegnet  das  V\'ort  sogar  einmal  für  den  abge- 
feimten Fuchs,  der  sich  nicht  leicht  hinters  Licht  führen  läßt 
{e  182),  eine  Verwendung,  die  anscheinend  der  Volkssprache 
angehört  (Semon.  7,  7.  Ar.  Ach.  907).  In  der  Regel  jedoch 
richtet  sich  das  äXirelv  gegen  die  Götter,  so  daß  wir  in  ihm 
das  eigentliche  Wort  der  epischen  Sprache  für  religiöse  Ver- 
gehen zu  erblicken  haben. 

^  Auf  die  hier  angenommene  Grundbedeutung  fühvtriXiroiirivis  T118, 
das  sich  formal  von  älixtiv,  ccXsirrig,  äXLZQog  nicht  trennen  läßt  und 
semasiologisch  mit  ihnen  nur  auf  diesem  Wege  zu  vereinen  ist.  Des- 
halb wird  sich  die  Verbindung  mit  lat.  lis  ("Walde  s.  v.),  ahd.  leid  (Boi- 
sacq  42)  nicht  aufrechterhalten  lassen.  Hes.  cclizoiiaQ'Jtov  ^araiörtiivov, 
rjXit6(t,rivi,g'  6  iiäxr\v  iyxaXäv  könnten  spätere  Neubildungen  nach  fiXir6y,r]vO'i 
eein  und  bleiben  daher  besser  außer  Betracht. 

Archiv  f.  KeligionswiBsensohaft  XX,  3/4  17 


258  Kurt  Latte 

Der  Kreis  der  Haudlungen,  die  nach  homeriseber  Anschau- 
ung der  Götter  Zorn  erregen,  ist  noch  ganz  eng  umgrenzt. 
Vornehmlich  ist  es  direkte  Beleidigung  der  Himmlischen 
(s  108  u.  s.  Fiusler,  Homer  P  248);  dazu  gehört  natürlich, 
kultische  Vernachlässigung  (E  177. 1  534.  M  6),  soAvie  der  Mein- 
eid, der  den  Gott  als  Bürgen  und  Riicher  aufruft  (T265, 
W  595).  Darüber  hinaus  steht  wenigstens  in  den  jüngeren 
Teilen  der  llias  und  in  der  Odyssee  das  Gastrecht,  die  not- 
wendige Ergänzung  der  Recht-  und  Friedlosigkeit  des  Stamm- 
fremden in  jeder  noch  unentwickelten  Gesellschaftsordnung,  unter 
Zeus'  besonderem  Schutze;  seine  Verletzung  gilt  als  Verstoß 
gegen  das  Gebot  des  Himmelsherrn  (5^570. 157.  ^207.  ^283j.  Ab- 
gesehen von  dieser  einen  Ausnahme  trifft  also  der  Unwille  der 
Götter  nur  Handlungen,  die  sich  unmittelbar  gegen  sie  selbst 
richten;  dabei  ist  aber  genau  wie  hei  Unrecht  gegen  Menschen 
die  böse  Absicht,  das  subjektive  Verschulden,  ganz  unwesent- 
lich. Oineus  hat  der  Artemis  keine  Opfer  gebracht,  ?)  Xdd^tr' 
tJ  ovx  ivor/öev  {I  bSl)]  dennoch  trifft  ihr  Zorn  ihn  nicht  minder 
hart  als  den  böswilligen  Götterverächter.  Aus  dem  Fehlen 
dieses  subjektiven  ^Moments  ergibt  sich  ferner  ohne  weiteres, 
daß  Sünde  für  den  homerischen  Menschen  Tatbestand  ist,  nicht 
Schuldbewußtsein.  Erst  das  Unheil  Aveckt  in  ihm  das  Emp- 
finden, sich  vergangen  zu  haben.  Aus  dem  widrigen  Geschick 
schließt  er  auf  den  Groll  der  Götter,  die  er  gereizt  haben 
muß,  selbst  wenn  ihm  jedes  Gefühl  einer  \  erfelilung  abgeht 
{(P  83.  d  377.  ^  36B.  x  74).  Der  homerische  Sündenbegriff 
stimmt  darin  genau  mit  dem  anderer  alter  Religionen  überein.  So 
bezeichnen  beispielsweise  auch  die  Israeliten  Sünde  und  Unheil 
mit  dem  gleichen  Wort  und  sehen  in  dem  Tatbestand,  nicht  der  Ge- 
sinnung, das  konstituierende  Element  der  Sünde;  auch  bei  ihnen  ist 
sie  wesentlich  „Strafverhängnis,  nicht  Schuldbewußtsein"  (Gunkel 
in   Schiele -Zscharuacks   Rel.  in  Gesch.  u.  Gegenwart  V  9901".). 

Unbekümmert   in  Taten    und  Leiden,   trotz    des  lebendigen 
Gefühles    der   Abhängigkeit   von    einem    unberechenbaren,    als 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechisclien  Religion  259 

persönliche  Willkür  höherer  Mächte  empfundenen  Schicksal,  lebt 
die  homerische  Yfelt  dahin.  Nur  hin  und  wieder  klingt  in 
den  Gedichten  ein  fremder  Ton  an,  der  Vorbote  einer  anderen 
Zeit.  Ein  vereinzeltes,  aber  sicher  echtes^  Grleichuis  der  Patro- 
klie  (77  384  ff,)  schildert,  wie  Zeus  in  Zorn  ob  Rechtsbeugung 
und  unbilligem  Spruch  den  strömenden  Herbstregen  sendet, 
der  die  Ackerkrume  vom  Felsen  spült  und  des  Landmaunes 
Arbeit  zunichte  macht.  Ergänzend  malt  die  Odyssee  das  Ge- 
deihen von  Volk  und  Land,  das  die  (jiötter  zum  Lohn  für  den 
Schutz  der  svdiüCtj  verleihen,  und  nennt  den  Herrscher,  der 
solches  tut,  „gottesfürchtig"  (■d-£ovd}ig  x  109).  Das  Wort  be- 
gegnet erst  in  der  Odyssee;  die  in  ihm  liegende  Rücksicht  auf 
die  Gottheit  als  ein  dauernd  das  Handeln  bestimmendes  Gefühl 
ist  etwas  Neues,  das  ebenso  bedeutsam  auf  die  folgende  Ent- 
wicklung vorausweist  wie  die  von  Zeus  geforderte  Gerechtiy;- 
keit.  Im  übrigen  decken  sich  die  Äußerungen  der  Gottesfurcht 
mit  den  uns  bereits  geläufigen  Anschauungen;  ^iovh]%  ist,  wer 
den  Göttern  reichliche  Opfer  bringt  (r  364)  und  wer  den 
Schutzflehenden  schont  (^  121.  -ö-  576  u.  s.).  Auf  das  Pietäts- 
verhältnis zwischen  Schutzheischendem  und  Schirmherrn,  das 
sich  auf  die  Nachkommen  vererbt^,  wendet  die  Odyssee  auch 
den  neuen  Begriff  der  Frömmigkeit  (bßi)])  an.  Mit  dem  gleichen 
Wort  (ovx  ööCrj)  bezeichnet  Odysseus  es  als  Sünde,  ob  der  Er- 
schlagenen zu  jubeln  (v  412)  —  in  sehr  fühlbarem  Gegensatz 
zu  den  Sitten  der  Ilias,  trotzdem  er  anders  als  deren  Helden 
in  einem  ^Tcidijuiog  Tiöls^og  (7  64)  obgesiegt  hat.  Er  fährt 
fort:    Diese  bezwang    der  Götter  Schickung  und    ihre    eigenen 


^  Daß  die  Stelle  singulär,  aber  dem  Stile  dieser  Partie  gemäß  ist,  hat 
Finaler  (Hom.  I*  252)  hervorgehoben.  Vgl.  jetzt  über  die  Gleichnisse 
der  Patroklie  v.  Wilamowitz  Ilias- u.  Homer  134.  161. 

*  7t  423.  Die  Beziehung  der  Worte  auf  die  Pflichten  des  ixettj? 
gegen  seinen  Wohltäter  verdanke  ich  einer  liebenswürdigen  Bemerkung 
H.  Schoenes  unter  Hinweis  auf  Cauer  z.  d.  St.  Vergleichbar  ist  die  Sage 
von  Ixion,  die  die  Pflichten  des  Schützlings  gegen  seinen  Wirt  einschärft, 
V.  Wilamowitz  Hom.  Unters.  203,  4. 

17* 


260  K^t  Latte 

frevek'u  W  erke:  deshalb  fuhren  sie  in  ihrem  Übermut  elend 
dahin.  Das  Los  der  Freier  erscheint  hier  als  göttliches  Straf- 
gericht, das  der  Mensch  sich  nicht  jubelnd  als  eigenen  Erfolg 
zurechnen  darf,  will  er  durch  solchen  Triumph  nicht  den  Zorn 
höherer  Mächte  auf  sich  lenken.^ 

Der  nur  an  diesen  beiden  Stellen  bei  Homer  auftretende 
Begriff  der  ödCrj  und  der  verwandte  des  ayvöv  sind  nun  wesent- 
lich als  eine  Abwesenheit  ihres  Gegenteils,  der  Befleckung 
{äyog)  zu  verstehen.  Es  ist  der  uralte,  allen  primitiven  Reli- 
gionen eigene  Begriff  des  Tabu,  der  Sünde,  Krankheit  und  son- 
stigen Unsegen  als  eine  äußerliche,  durch  geheimnisvolle  Kräfte 
bewirkte  Befleckung  auffaßt  (Fehrle,  Kult.  Keuschheit  R.  G.Y.V. 
VI  430".  Scheftelowitz,  Arch.  Rel.  W.  17,  1914,  353ff.).  Bei 
Homer  begegnet  diese  Anschauung  nur  in  einzelneu  Spuren 
(Nilsson,  Gr.  Feste  99):  die  Achäer  werfen  nach  der  Pest  die 
Ivßuru  ins  Meer  (A  314),  Odysseus  reinigt,  als  er  die  Freier 
erschlagen  hat,  sein  Haus  mit  Schwefel  (i  494).  Im  ganzen  je- 
doch spielen  solche  Vorstellungen  im  Denken  der  homerischen 
Gesellschaft  keine  Rolle  (Rohde,  Psyche-  1  272.  H  71,  1);  nie- 
mand scheut  sich,  des  Totschlägers  Hand  zu  fassen;  das  sicherste 
Zeichen  für  diese  Stellung  der  epischen  Gedichte  ist  die  Tat- 
sache, daß  das  Wort  ayog  in  ihnt-n  überhaupt  nicht  vorkommt. 
Der  animistische  Begriff,  der  zu  dem  anthropomorphen  Götter- 
glauben dieser  Kreise  nicht  paßte,  wird  wohl  ganz  bewußt  ge- 
mieden sein.  Denn  es  kann  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß 
dieser  ganze  Vorstellungskomplex  schon  um  seines  primitiven 
Charakters  willen  in  älteste  Zeit  zurückgeht,  obwohl  das  Dunkel, 
das  über  dieser  Periode  der  griechischen  Religionsgeschichte 
liegt,  uns  die  genauere  Kenntnis  verhüllt.  Deshalb  müssen 
auch  Zeugnisse  einer  jüngeren  Epoche  zur  Verdeutlichung 
herangezogen  werden. 

'  In  der  Stimmung  vergleichbar  ist  das  bekabnte  Wort  des  The- 
mistoklea  bei  Herodot  (VI II  109),  daß  der  Sieg  über  die  Perser  nicht 
das  Werk  der  lebenden  Hellenen,  sondern  der  Götter  und  Heroen  ist. 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechischen  Religion  261 

"Ayog,  iila6^a^  ^vöos  bezeicbnen  jeden  Zustand,  der  den 
Menschen  von  seinesgleichen  sondert  und  irgendwie  in  Ver- 
bindung mit  den  unbekannten  Mächten  bringt,  die  alles  wunder- 
bare Geschehen  im  Dasein  veranlassen.  Die  Berührung  mit 
dem  Tode  ebenso  wie  die  Vorgänge  des  Geschlechtslebens 
machen  unrein,  einerlei  auf  welche  Art  der  Mensch  zu  ihnen 
kommt  (Eur.  I.  T.  380).  Die  Trauer  um  den  verwandten  Toten 
ist  ein  ^laCvsö&ai  (l.G.  Xll  5,  593,  25),  die  Grabklage  eiu  ayog 
(Aesch.  Choe.  155),  obwohl  sie  gebotene  Pietätspflicht  ist.  Das 
technische  Wort  iür  das  Totenopfer,  ^vayC^stv,  trägt  die  Be- 
ziehung zu  ayog  im  Stamm.^  Erwin  Rohde  hat  zuerst  mit 
aller  Schärfe  betont,  daß  individuelle  Verantwortung  oder  gar 
ein  Bewußtsein  subjektiver  Schuld  hier  völlig  ausgeschaltet 
sind  (Psyche  TP  74 ff.).  Wer  seinen  Feind  in  gerechter  Not- 
wehr erschlägt,  ist  unrein  und  bedarf  der  xad^agiioC  (Aesch. 
Sept.  680).  Anderseits  ist  überall,  wo  eine  direkte  Berührung 
des  Täters  mit  seinem  Opfer  nicht  stattfindet,  auch  kein  ayog 
vorhanden.  Kreon  erklärt,  da  er  Antigone  dem  sicheren  Tode 
im  Grabgewölbe  preisgibt,  rjfislg  [ihv  äyvol  xovtiI  trjvds  ti]v 
jcÖQTjv  (Ant.  889).  Er  ist  nur  für  die  Einschließung  verant- 
wortlich; mag  aus  ihr  werden,  was  will;  das  Weitere  geht  ihn 
nichts  an.  Gewiß  soll  der  Hörer  nach  Sophokles'  Willen  die 
Worte  als  Ausflucht  empfinden,  aber  daß  sie  für  die  Anschau- 
ung der  älteren  Zeit  keineswegs  ein  bloßes  Sophisma  sind, 
lehrt  das  Verhalten  des  Pontifex  Maximus,  der  der  unkeuschen 
Vestalin  noch  einige  Lebensmittel  in  ihr  Grab  mitgab.     Noch 

'  Das  dazu  gehörige  Substantiv  steht  an  einer  meist  geänderten 
Stelle  der  Labyadeninschrift,  die  otorvSttv  in  den  Straßen  verbietet,  bis 
der  Leichenzug  zum  Grabe  gekommen  ist,  rrivsi:  6'  Svayog  ^ffrto  (C  37). 
Gewöhnlich  schreibt  man  mit  Blaß-Bechtel  d{h  ^rid)iv  ayog.  Aber  ein 
ayos  bleibt  die  rituelle  Grabklage  an  jedem  Ort,  nur  eben  hier  ein  ge- 
botenes. So  wird  man  'ivayog  als  Synonym  des  späteren  ivayia^ög 
fassen  müssen.  Sobald  man  entsprechend  der  im  Text  angeführten 
Choephorenstelle  das  ozorvSav  als  wesentlichen  Teil  des  Totenkultes 
anerkennt,  das  sehr  wohl,  wie  dort  mit  ayog,  so  hier  mit  hayog  be- 
zeichnet werden  konnte,  ist  die  Überlieferung  verständlich. 


2ß2  Kurt  Latte 

Euthyplirou  wird  von  den  Verwandten  entgegengehalten,  sein 
Vater,  dem  ein  Sklave  in  der  Grube,  in  die  er  ihn  hatte  werfen 
lassen,  durch  Hunger  und  Kälte  umgekommen,  liabe  diesen  ja 
gar  nicht  „getötet"  (Plat.  Euthyphr.  4d).  Kausalität  wird  in 
dieser  Periode  nur  ganz  primitiv  materiell  erfaßt. 

Die  lange  Zeit  zäh  festgehaltene  Vorstellung  von  der  kör- 
perlichen Xatur  der  Befleckung  erklärt  auch,  wie  sie  sich  durch 
Berührung  einem  ganz  Unbeteiligten  anheften  kann.  Die  Chro- 
nik  von  Milet  berichtete  die  Geschichte  einer  Königin,  die  sich 
selber  den  Tod  gibt;  ihr  Gemahl  ag  ivayi]g  7iaQBxäQi]6£  0qv- 
yCdi  xfis  ccQxng  (Arist.frg.  556  R.^  Parthen.  14,  2).  Noch  Pia- 
ton ordnet  an,  wer  mit  einem  wegen  Mißhandlung  der  Eltern 
Verurteilten  zusammengeweilt  habe,  müsse  sich  reinigen,  vo^C^ojv 
xsxoLvcovijXBvac  äXitriQiädovg  Tii;^7;s  (legg-  ^^  881  e).  Überaus 
häufig  begegnet  der  wohl  auf  eine  alte  liturgische  Formel 
zurückgehende  Wunsch:  der  Sünder  möge  mir  nicht  Freund 
noch  Hausgenosse  sein.'  Eine  ganze  Stadt,  ein  Volk  kann 
die  Befleckung  in  solcher  Weise  mit  treflen.  Darum  muß  man 
ihren  Träger  fortjagen,  rb  ccyog  iXavvsiv,  wie  die  stehende 
Wendung  heißt  (Thuk.  I  126  u.  s.).  -Vermag  doch  schon  der 
bloße  Anblick  des  Fluchbeladenen  Verderben  zu  bringen  (Soph. 
('.  C.  1482.  Eur.  1.  T.  1229).  Anderseits  kann  mau  durch 
ei"-enes  Tun  einem  anderen  ein  solches  uiuaua  mitteilen.  So 
drohen  die  Dauaiden,  sich  au  den  Altären  von  Argos  zu  er- 
hängen und  damit  Pelasgos  ein  solches  üyog  zu  schaß'en  (Aesch. 
S.  pt.  375,  aus  der  gleichen  Anschauung  ist  noch  Plut.  Cic.  47,  6 

'  Ae8cb.  Og.  303  N».  Soph.  Ant.  b":^.  Plat.  legg.  111  6i>6b.  Calliui. 
Cer.  116  (vgl.  Aesch.  Choe.  291.  Plat.  legg.  IX  881c)  wi.'derholeu  mit 
leichter  Umformun^f  die  gleiche  "Weuthing,  die  wohl  aus  dorn  Kultritual 
8t;immt.  Sie  wirkt  uoch  auf  liellenistiscben  Fluclitafelu  nach  (Audollent 
Defix.  iah.  212,  lö;  LG.  XIV  644;  vgl.  Audollent  u  ib  23.  2a  16.  la  6. 
7  b.  8,  9).  Bei  Eur.  frg.  862  N.*,  Hör.  c.  111  2,  6  ist  damit  die  gemein- 
same Schiffahrt  kombiniert.  Ans  dem  gleichen  «trnnde  findet  angeb- 
lich der  Mordprozeß  unter  freiem  Ilimmel  statt:  die  Richter  sollen  nicbt 
mit  dem  Unreinen  unter  eint-m  Dache  weilen  (Ant.  6,  11),  8.  Weinreich 
Blutgerichte  h  inai^goi  (Hermes  56,  1921,  32611.). 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechischen  Religion  263 

zu  verstehen).  Auch  der  Fluch  ist  im  Grunde  nichts  anderes 
als  solch  ein  magischer  Akt.  Deshalb  kann  die  Fluchformel 
lauten  avtbv  iv  xüi  aysi  aväx&öd-ai  (Hdt.  VI  56)  oder  uvoöCja 
■Fol  ysvotrv  (Solmsen,  Inscr,  Gr.^  4,  29).  Diese  Vorstellung 
von  einer  automatisch  eintretenden,  ganz  äußerlichen  religiösen 
Unreinheit  entbehrte  ihrem  Thesen  nach  zunächst  jeder  Be- 
ziehung zu  dem  inneren  Leben  des  Menschen  und  überhaupt 
jeder  Wer^betoutheit.  Wen  eine  Befleckung  trifft,  der  muß 
sich  durch  bestimmte  Zeremonien  und  Opfer  reinigen;  er  weiß 
genau,  was  er  zu  tun  hat,  oder  kann  es  durch  Priester  und 
Orakel  erfahren.  Damit  hat  er  aber  dann  seiner  Pflicht  ge- 
nügt; er  ist  wieder  rein  (Aesch,  Eum.  445),  mehr  fordern  weder 
Menschen  noch  höhere  Mächte  von  ihm. 

Eine  Weiterentwicklung,  die  den  Begrifl:'  den  fortgeschritte- 
neren religiösen  und  sittlichen  Anschauungen  anpaßte,  wurde 
erst  möglich,  als  der  Glaube  an  persönliche  Götter  ihn  in 
seinen  Bereich  zog.  In  dem  alten  Amphiktyonendekret  über 
das  Gebiet  von  Krisa,  das  Aischines  (3,  110)  zitiert,  heißt  die 
eben  angeführte  Fluchformel  mit  bedeutungsvoller  Wandlung 
ivayrjs  eörco  rov  'A^öXXcovog  nah  rfjg  AtjTOvg  xal  xfis  'A^xi- 
liidog  'Aui  Tfjg  A&rjväs  r^g  ÜQOvuCag  nah  ^r^Ttora  böCcog 
d-v6sisv  x&i  'A:i6ll(ovi  xxL  Im  Grunde  widerspricht  die  Be- 
schränkung des  cr/og  auf  einen  bestimmten  Gott  dem  Vv^esen 
der  ursprünglichen  Vorstellung.  Darin  kündigt  sich  das  Ein- 
dringen einer  entwickelteren  Auffassung,  das  Verblassen  des 
animistischen  Grundgedankens  an.  Selbstverständlich  hielt  sich 
das  Alte  noch  sehr  lange,  starb  wohl  in  den  niederen  Schichten 
des  Volkes  nie  ganz  aus,  bis  der  vom  Orient  beeinflußte  helle- 
nistische Dämonenglaube  mit  leichter  Umformung  diese  Ge- 
danken von  neuem  zur  Herrschaft  brachte  (unten  S.  295).* 
Schwerlich  ist  es  ein  Zafall,  daß  gerade  in  Delphi,  das  man 
so  vielfach    um  Sühnuug   von  Unheil  befragte,    zuerst  uns  die 

^  Beide    Vorstellungereihen   stehen    auch    in    den  Yeden    nebenein- 
ander, Oldenberg  Bei,  d.  Veda-  294 IF. 


264  ^""^^  Latte 

Umbieeruus  entcrefjentritt,  daß  Sünde  nicht  mehr  Unreinheit 
schlechthin,  sondern  Unreinheit  vor  Apollon  ist^  und  es  un- 
möglich macht,  dem  Gott  genehme  Opfer  zu  bringen.  Wir 
erfassen  hier  wenigstens  noch  in  einem  Punkt  den  Einfluß, 
den  das  Pjthische  Orakel,  schon  weil  es  den  Fragenden  in  der 
Regel  Opfer  an  bestimmte  Götter  gebot,  auf  die  Entwicklung 
der  Sündenvorstellung  ausgeübt  haben  muß.  Erst  auf  dieser 
Stufe  ist  eine  Wortbildung  wie  ad^sog,  „der  sich  um  die  Götter 
nicht  kümmert",  zur  Bezeichnung  des  Sünders  möglich.^  Sünde 
ist  nunmehr,  was  die  Himmlischen  tadeln,  ßin  iv^svqjis,  wie 
es  das  Gottesurteil  von  Mautinea  bezeichnet^,  im  Gegensatz 
zu  dem  Zustand,  da  die  Gottheit  gnädig  (JXaog)  ist.  Zum  ersten- 
mal ist  in  solchen  Wendungen  die  Entscheidung  über  Wert 
und  Unwert  menschlichen  Tuns  den  Göttern  anheimgestellt; 
wie  die  Befleckung  ihre  Strafe  herabruft,  so  wird  nun  auch 
umgekehrt  jeder,  der  ihren  Zorn  erregt  hat,  ävayvog,  dvööLog. 
Damit  war  der  Weg  gewiesen,  auf  dem  alle  Gebote,  die  unter 
göttlichem  Schutz  standen,  mit  diesem  SündenbegriÖ'  in  Ver- 
bindung gesetzt  werden  konnten;  die  Bahn  für  die  Weiterent- 
wicklung war  frei. 

Inzwischen  hatte  sich  auch  inhaltlich  der  Kreis  der  Hand- 
lungen, die  man  als  Sünde  empfand,  erweitert.  Hesiod  nennt 
neben  der  Vernachlässigung  der  Opfer,  die  er  als  „Torheit" 
bezeichnet  (op.  135),  auch  mangelnde  Ehrerbietung  gegen  die 

*  Ähnlich  redet  die  Tragödie :  Polyneikes  hat  ein  a'yog  Q-Bäv  TtatQmiav 
anf  sich  geladen  (Aeech.  Sept.  1017),  Oidipns  ist  ^x  9Emv  &i>ayvos  (Soph. 
O.R.  1383). 

»  Pind.  J'ijth.  4,  ICl.  Aesch.  l'ers.  808.  Eiim.  151.  540.  Soph.  O.B. 
1360.     El.  124.      Tmch.  1030 

*  /.  G.  V  2,  522.  Die  religiöse  Bedeutung  des  Wortes  hat  Danielsson 
Ernnos  2,  1897,  27  erkannt,  der  noch  auf  Aesch,  Ag.  145  dt^iu  uhv 
KUTcc(ioy,rfu  3i  (fäcnuTU,  Chor.  830  i:tiiio^rpos  aza  ,  Soph.  Ai.  180  hätte 
verweisen  können.  I'ie  von  den  bisherigen  völlig  abweichende  Deutung 
der  Inschrift  durch  Comparetti  Ann.  della  Scuola  nrch.  rUAiene  I,  1914,  1  ff. 
wirkt  schon  wegen  der  schweren  sprachlichen  Anstöße  (xa  als  Modal- 
partikel im  Arkad.,  öpivrr/p  als  nom.  ag.  zu  öpiroj)  wenig  überzeugend. 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechischen  Religion  265 

Eltern  (op.  185.  331)  als  unmittelbare  Beleidigung  der  Götter, 
während  bei  Homer  nur  der  Fluch  und  die  ihn  vollstrecken- 
den Eriuyen,  also  dem  Wesen  nach  ein  Akt  magischer  Selbst- 
hilfe, begegnet,  mit  dem  die  Eltern  frevle  Angriff^  des  eigenen 
Blutes  rächen  (Finaler,  Homer  I"  249).  Es  sind  die  beiden 
Grundpfeiler  hellenischer  Sittlichkeit,  die  solchergestalt  religiöse 
Weihe  erhalten.  Mit  dem  Gebot,  den  Göttern  zu  opfern  und 
die  Eltern  zu  ehren,  begannen  die  „Ermahnungen  Chirons" 
(Find.  Pyth.  6,  22  u.  SchoL),  und  noch  in  hellenistischer  Zeit 
sieht  man  in  beiden  die  wesentlichen  Äußerungen  der  Frömmigkeit 
(Theophr.ap.Stob.  III  3,  42p.  207, 16H.;  frg.152  Wimmer.  Polyb. 
36,  9,  15.  Porph.  ad  Marc.  14,  vgl.  noch  Diels  zu  Syll.^  1268). 
Dazu  tritt  als  Drittes  die  uns  bereits  aus  Homer  geläufige  For- 
derung, sich  nicht  an  dem  schutzlosen  Fremdling  zu  vergreifen. 
Auf  Verstöße  gegen  diese  drei  Vorschriften  folgt  die  göttliche 
Strafe  (Dieterich,  Nekyia  163  ff.).  Ergänzend  faßt  den  ganzen 
Kreis  der  anerkannten  religiösen  Ethik  eine  Stelle  der  Erga 
zusammen,  die  überdies  noch  Ehebruch  mit  des  Bruders  Frau 
und  Gewalttat  gegen  Waisen  mit  dem  Zorne  des  Zeus  bedroht 
(op.  327  ff.).  So  erfährt  der  Sündenbegriff  auch  in  der  Folge- 
zeit in  dem  Maße,  in  dem  sich  die  sittlichen  Vorstellungen 
erweiterten,  eine  stetige  inhaltliche  Bereicherung.  Am  bedeut- 
samsten ist  vielleicht,  daß  auch  Hochverrat  jetzt  unter  den 
religiösen  Freveln  erscheint,  ein  Ausfluß  der  kraftvollen  Be- 
tonung  des  Staatsgedankens  in  den  hellenischen  Republiken, 
der  indes  schwerlich  älter  ist  als  die  Perserkriege. ^ 

^  Die  Belege  bei  Dieterich  Nekyia  I67f.,  dazu  jetzt  Ziehen  L.S. 
117,  10,  wo  dem  TtQoSorrig  das  Betreten  des  Tempels  untersagt  wird. 
ügodidovai,  das  bei  Homer  und  Hesiod  fehlt,  muß  dem  Wortsinne  nach 
ursprünglich  vom  Preisgeben,  Ausliefern  eines  einzelnen,  des  Sippen- 
genossen, Freundes  oder  Schutzbefohlenen  gebraucht  worden  sein.  So  ist 
TiQodcoGsrciiQov  in  dem  attischen  Skolion  Ar.  rep.  Äth.  19,  3  gesagt,  nur 
in  dieser  Bedeutung  verwenden  Theognis  und  Pindar  {frg.  1(30)  den 
Stamm.  Die  Übertragung  auf  den  Verrat  an  der  Gemeinde  ist  vermut- 
lich erst  ei folgt,  als  Leute  wie  Ephialtes  und  Arthmios  von  Zeleia  die 
Griechen  dieses  Verbrechen  in  seiner  ganzen  Schwere  empfinden  lehrten. 


266  I^"it  Latte 

Viel  ei uscb neidender  als  solch  allmälilicher  Zuwaclis  ein- 
zelner Untaten  war  es  für  die  Entwicklung  des  SündenbegriÜes, 
daß  Zeus  der  Schirmherr  des  Rechts  schlechthin  wurde.  Be- 
reits in  der.llias  legt  eine  vereinzelte  Stelle  (s.  S.  259)  davon 
Zeugnis  ab,  und,  wie  bekannt,  bildet  der  Glaube,  daß  alle  Un- 
gerechtigkeit Sünde  ist,  aus  persönlichstem  Erleben  des  Dich- 
ters erwachsen,  den  Angelpunkt  der  Hesiodischen  „Werke". 
Faßt  diese  Zeit  dabei  noch  vornehmlich  den  unbilligen  Spruch 
des  iiichters  ins  Auge,  so  empfindet  man  bald  auch  jede  ein- 
zelne ungerechte  Tat  als  religiösen  Frevel.  Mau  spürt  die 
leidenschaftliche  Energie,  mit  der  dieses  Geschlecht  um  den 
Gedanken  der  Gerechtigkeit  gerungen  hat,  in  der  unbehilflichen 
Symbolik  der  Kypseloslade,  auf  der  Dike  dargestellt  war,  die 
Adikia  würgend  und  mit  der  freien  Hand  auf  sie  einschlagend 
(Paus.  V  18,  2,  nachgebildet  Masner,  Kat.  d.  ant.  Vas,  d.  öst. 
Mus.  u.  319).  In  adixstv  hört  der  Hellene  fortan  stets  auch 
das  Vergehen  gegen  den  Willen  der  Götter,  und  die  uner- 
schütterliche Überzeugung,  daß  alles  Unrecht  Sünde  ist  und 
früh  oder  spät  seine  Strafe  linden  wird,  klingt  durch  die  Jahr- 
hunderte hellenischer  Kultur  hindurch.  In  ergreifender  Schlicht- 
heit tönt  sie  bei  Archilochos  aus  der  Klage  des  Fuchses,  dem 
der  Adler  die  Jungen  geraubt  hat:  Zeus,  Vater  Zeus,  Dein  ist 
die  Macht  im  Himmel,  Du  schaust  auf  alles  Menschenwerk 
herab,  auf  Bös  und  Gutes,  und  der  Tiere  frevle  und  gerechte 
Taten  stehn  in  Deiner  Hut  (frg.  88  Bgk.*).  Selon  verkündet 
in  seiner  irroßen  Elegie  den  Glauben,  daß  unrecht  Gut  nimmer 

DO  ' 

gedeiht,  und  daß  Zeus  einmal  i)lötzlich  Gericht  hält,  wie  ein 
Gewittersturm  über  die  Lande  dahinbraust  (frg.  13,  16),  und 
noch  Demosthenes  verwendet  den  Gedanken  in  eindrucksvoller 
Rhetorik  (2,  10.  18,  227).  Die  zentrale  Stellung,  welche  die 
Platonische  Philosophie  der  Gerechtigkeit  anweist,  wurzelt  tief 
in  hellenischem   Fühlen. 

So  sind  die  Götter  zu  Hütern  der  Rechtsordnung  geworden; 
jeder  Verstoß   gegen    diese   ist   zugleich    religiöser  Frevel  und 


Schuld  uud  Sünde  in  der  griechischen  Religion  267 

zielit  ihre  Ahndung  nach  sich.  Freilich,  Gottes  Mühlen  mahlen 
langsam  und  oft  stirbt  der  Sünder  dahin,  ohne  gebüßt  zu 
haben.  Aber  dann  trifft  die  Rache  die  kommenden  Geschlechter, 
und  der  Nachfahre  muß  für  des  Ahnen  Schuld  leiden.^  Hält 
man  sich  vor  Augen,  daß  auch  das  irdische  Kecht  eine  Ge- 
sa in  thaftung  der  Familie  für  die  Taten  ihrer  Angehörigen,  eine 
„ Solidarität ■  des  Geschlechtes"  kennt .^,  so  wird  man  in  dieser 
Gemeinsamkeit  der  Verantwortung  zunächst  den  Ausdruck  einer 
festgeschlossenen  Gesellschaftsordnung  sehen,  die  den  einzelnen 
nur  als  Glied  der  Gemeinschaft  gelten  läßt.  Auch  relio-iös  ist 
ja  jeder  an  dem  Fortbestand  der  Familie,  auf  dem  cPer  Toten- 
kult ruht,  noch  über  das  Grab  hinaus  beteiligt  (Rohde,  Psyche 
II  ^  200,  1).  Es  ist  die  Zeit  des  Geschlechterstaates,  tiie  solche 
Anschauungen  hervorgebracht  hat.  Sie  erhielten  sich  in  der 
Folgezeit  unter  dem  Eindruck  der  Unmöglichkeit,  in  die  ge- 
gebenen Tatsachen  des  Lebens  ein  Gleichgewicht  zwischen  in- 
dividueller Schuld  und  Strafe  hineinzudeuten.  Es  ist  bezeich- 
nend, daß  ein  Gedicht  der  theognideischen  Sammlung  (731) 
bereits  an  der  Gerechtigkeit  dieser  Vergeltung  zweifelt,  aber 
die  Tatsache  derselben  als  unbestritten  hinstellt.  Noch  der 
Theaetet  nennt  unter  dem  Stadtklatsch,  um  den  der  Weise 
sich  nicht  kümmert,  die  Frage,  welch  Unheil  jemand  durch 
der  Ahnen  Schuld  betroffen  habe,  tC  xcql  xuxov  ysyovsv  sx 
TtQoyovcov  (Theaet.  173  d),  und  an  anderer  Stelle  schildert  Pia- 
ton das  Treiben  der  Bettelpropheten,  die  sich  erbieten,  mit 
Sühnzeremonien  Sünden  der  Vorfahren  so  gut  wie  die  eigenen 
abzulösen  (rep.  II  364  b). 

Ungerechtigkeit  haben  die  griechischen  Götter  seit  alters 
verdammt;  freilich,  was  sie  unter  dem  AVort  verstanden,  hat 
sich  im  Laufe  der  Jahrhunderte  mehr  als  einmal  geändert. 
Die    ältere    Zeit    sieht    darin    in    erster    Reihe    listigen    Betrug 


1  ßohde  Psyche  II-  228,  1  vgl.  etwa  noch  Hom.  y  301.     Sol.  12,  29. 
Theogn.  205.  Aesch.  Sept.  742.    Soph.  Ant.  593.    Lys,  12,  S6.  Dem.  57,  27. 
^  G.  Glotz  La  soUdarite  de  famille,  These  Paris  1904. 


268  Kurt  Latte 

(Hes.  op.  323.  352.  Sol.  13,  7.  Find.  Pyth.  4,  247)  und  offene  Ge- 
walttat.   Offenbart  sich  darin  bereits  eine  völlig  veränderte  Ein- 
stellunt;  des  Denkens  gej^enüber  dem  homerischen    Preise   des 
Autolvkos,    der    unter    den    Menschen    hervorrayft    durch    Dieb- 
stahl    und   listige  Eide  (t  395),   so  erführt  der  Begriff  der  Ge- 
walttat, der  Hybris,  in  der  Folge  eine  noch  viel  tiefergreifende 
AVandlung.     Zunächst  hört  mau,    im  Anschluß  an  homerische 
Anschauuncren,    in    dem   Worte   lediojlich    den   Übergriff   über 
den  eigenen  Machtbereich  hinaus,  der  freilich  jetzt  in  steigen- 
dem Maße    nicht   allein    den  zunächst  Verletzten,   sondern  die 
Gesamtheit  auf  den  Plan  ruft  und  den  Zorn  der  Götter  weckt. 
Aber   durchweg,    bei  Homer  und  Hesiod,   wie  bei  Mimnermos 
und    Solon     bezeichnet    Hybris    eine    Handlung,     ein    dvi]Q 
vßQi6ri]g   ist,  wer  frevle   Taten   verübt.^     Zuerst    Solon    stellt 
daneben    den    Q-vfibs    ccXitqös,    den    Zeus    früher    oder   später 
straft  (frg.  13,  27),  Theognis  verbindet  das  Wort  mit  avuLdsir] 
(291)  und  stellt  es  in  Gegensatz  zu  6cog)Qo6vvrj  (379).     Wenn 
bei  ihm  noch,  entsprechend  dem  älteren  Sprachgebrauch  xoQog 
vßgiv  T^xT£t  (153),  das  satte  Gefühl  des  Wohlstandes  die  übermütige 
Tat  erzeugt,  so  kann  Pindar  die  Hybris  umgekehrt  Mutter  des 
xooog  nennen    (Ol.  13,  10,    vgl.  Hdt.  111  80).     Die   beiden  Be- 
griffe sind  also  im  Laufe  des  6.  Jh.  synonym  geworden,  Hybris 
bezeichnet  nicht  mehr  ausschließlich  die  Tat,  sondern  auch  die 
ihr  zugrunde  liegende  Gesinnung.    Äußerte  sich  die  homerische 
„Gottesfurcht"  noch  vorzugsweise  in  Handlungen  (o.  S.  259),  so 
gewöhnt  man  sich  jetzt,  bereits  den  dahinter  stehenden  Willen 
ethisch    zu    bewerten.     Sünde   ist   aus  einem   nur  äußeren  Ge- 
schehen   zu    einem    auch    seelischen    Vorgang    geworden.      Es 
dauerte  noch  lange,  ehe  diese  Anschauung  sich  so  weit  durch- 
gesetzt hatte,   daß  mau  lehrte,  die  Götter  sehen  ausschließlich 
auf    die    Gesinnung,    aber    die    Bahn    war    beschritten,    die    zu 

'  Heg.  op.  134.  2i;jff.  Mimn.  1»,  4,  vf,'l.  z.  d.  St.  Jacoby  Herrn.  63,  1918, 
273 tf.  Mit  ö;jErA«a,  xaxä  Iq-/ic  zusammengestellt  Hes.  op.  146.  191.  238. 
Sol.  4,  8.  8.   13,  16. 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechischen  Religion  269 

diesem  Ergebnis  führen  mußte.  Dem  Wandel  der  Anschau- 
ungen, der  die  Bedeutungsentwicklung  von  (5/3^ts  vielleicht 
mehr  gefühlsmäßig  als  klar  bewußt  vollzogen  hatte,  gibt  Simo- 
nides mit  vollem  Verständnis  für  seine  Tragweite  Ausdruck: 
jeden  will  er  loben,  der  nicht  vorsätzlich  Frevel  begeht; 
kämpfen  doch  wider  die  Notwendigkeit  nicht  einmal  die  Götter  an 
(frg.  5,  20,  vgl.  V.  Wilamowitz,  Sappho  und  Simonides  172).  Der 
Unterschied  zwischen  sxäv  und  äxcov,  den  das  Recht  seit  Drakon 
gewonnen  hatte,  macht  sich  auch  in  der  religiösen  Ethik  geltend. 
Etwas  anderes  kam  hinzu,  um  den  Begriff  der  Hybris  zu 
vertiefen.  Unter  dem  Eindruck  jähen  Wechsels  und  plötz- 
lichen Zusaminenbruchs,  an  denen  die  Geschichte  des  7.  und 
6.  Jh.  so  reich  ist,  prägte  sich  den  Hellenen  ein  tiefes  Gefühl 
für  die  Unbeständigkeit  alles  Irdischen  ein.  Simonides  (frg.  32.  39) 
und  Pindar  (Ol.  13,  147.  Pyth.  2,  90.  164.  3,  106.  8,  135  u.s.) 
kommen  immer  wieder  auf  diesen  Gedanken  zurück.  Alle 
Größe,  jedes  Übermaß  birgt  die  Gefahr  des  Umschlags,  deshalb 
ergeht  an  den  Menschen  die  Mahnung,  sich  zu  bescheiden;  er 
soll  nicht  „um  Aphrodite  freien'^  (Alcm.  Parth.  17,  vgl.  Diels, 
Herm.  31,  1896,  346)  oder  den  Himmel  zu  stürmen  versuchen, 
wie  es  im  Sprichwort  heißt  ^  und  wie  es  die  Sage  von  den 
Frevlern  Otos  und  Ephialtes  oder  von  Bellerophon  erzählt. 
In  solchem  Sinne  verkündet  der  Pythische  Apollon  das  Gebot 
der  Selbsterkenntnis,  lehrt  sein  Prophet  Pindar  zu  bedenken, 
oiag  si^isv  aL6ocg  (Pyth.  3,  69).  Jn  zahlreichen  Geschichten 
dieser  Zeit    bekundet    sich  die  Angst  vor  allzu  großem  Glück. 

1  Alcm.  a.a.O.  Find.  Pyth.  10,  41.  Isthm.  7,  64.  Verwandt  IstJim.  5,  14 
fiT]  ^idtBVB  Zsvg  yeveadat,,  Pyth.  3,  61  ^lr|,  cpUa  ipvxcc,  ßtov  cc&ävarov 
Git&vds.  So  sagt  noch  das  Versorakel  von  Adada  (Sterret  The  Wolfe 
exped.  437,  23)  ^pccvoe  ri-s  äargcov  tnmoQ'&v  SiiOifäXri.  Einer  Zeit,  die 
diesen  Schauder  zu  fühlen  verlernt  hat,  ist  „den  Himmel  berühren" 
sprichwörtlich  für  die  höchste  Glückseligkeit  und  das  höchste  Können : 
Crusius  Unters,  zu  Serond.  96,  wo  das  für  die  Deutung  der  Herondasstelle 
wichtige  Apophthegma  des  Apelles  (Piut.  Demetr.  22,  3)  nachzutragen 
ist.  Heinze  zu  Hör.  c.  I  1,  36.  Außerdem  Udt.  Hl  30  und  caelum  digito 
attingere,  Otto  Sprichic.  d.  Rom.  63,    10;  hinzuzulügen  Gaius  inst.  lU  98. 


270  ^^^^  Latte 

Ein  dumpl'es  Graueu  vor  dem  Unberechenbaren,  übergewal- 
tigen in  dem  Wesen  der  Gottheit,  das  allen  Denkens  spottet, 
prägt  sich  in  solchen  Erzählungen  aus.  Der  Versuch,  dafür 
einen  adäquaten  Ausdruck  aus  der  menschlichen  Sphäre  zu 
finden,  blieb  freilich  roh  genug;  eine  naive  Psychologie  suchte 
in  dem  Neide  der  Götter  auf  alles  Große  die  erklärende  Formel 
für  die  Wechselfälle  des  Lebens  zu  finden.  Einzelne  über- 
ragende Naturen,  wie  Aischylos  (Ag.  750 j,  mochten  in  dieser 
Vorstellung  bereits  eine  Lästerung  erblicken,  die  große  Masse 
hielt  zäh  daran  fest,  und  nicht  nur  Herodot  (Jacoby,  Art. 
Herodot  in  K.E.  Sp.481),  sondern  selbst  Pindar  (Pyth.  10,  21) 
redet  gelegentlich  so.  Die  Sprache  wahrt  in  der  Verwendung 
für  izCffd-ovog  für  verderblich  durch  alle  Zeiten  ein  Zeugnis 
für  die  Macht  dieser  Anschauung.  Sogar  Aischylos,  der  doch 
den  Gedanken  selbst  ablehnt,  vermag  sich  dem  Einflüsse  dieses 
Wortgebrauches  nicht  zu  entziehen;  er  nennt  der  Erinyen  ver- 
derbenbringenden Tanz  i7ti(fd-ovoi  öf)xriöuoC  (Eum.  870)  und  läßt 
Artemis  den  Adlern,  welche  die  trächtige  Häsin  zerfleischen, 
knlff^ovoi  sein  (Ag.  135).  Noch  in  der  Kaiserzeit  wird  das 
Wort  mit  lebendigem  Gefühl  für  den  ihm  zugrunde  liegenden 
Glaubeu  verwandt.^  Von  dem  reichen  Hipponikos  erzählten 
sich  die  attischen  Weibei-  schaudernd,  er  habe  eine  Art  splrüas 
familiaris,  einen  uhn\QLOi  im  Hause  (Andoc.  1,  130),  in  dem 
die  VolksanschauuuiX  das  über  ihm  schwebende  Verderben 
verkörpert  sah.  Aus  solchem  Empfinden  heraus  erscheinen 
Hybris  und  das  gleichwertige  xÖQOi  als  ein  Ilinausgreifen  über 
die  dem  Menschen  gesetzten  Schranken  überhaupt.  Die  Untat 
wird  nun  Sünde,  weil  die  in  ihr  zutage  tretende  Nichtachtung 
des  Rechts  als  Überhebuiig  und  Verstoß  gegen  die  von  den 
Göttern  gesetzten  Daseiusformen  erscheint,  mit  denen  die  Men- 

'  Ein  besooders  Hcbüner  IJelt'<,'  iet  das  Edikt  des  Germanicns,  der 
die  ihm  erwiesenen  überschwenglichen  Ehren  mit  den  Worten  zurück- 
weist ziii  iTiifpd^ovovi  ifioi  y.al  iood'eovs  ixtpcov^osig  vfimv  .  .  tzuqui- 
rovuui  (Sher.  IJerl.  Ak.  1911,  797.  31,  vgl.  v.  Wilamowitz  z.  d.  St.  a.a.O. 
819,  1;. 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechischen  ßeiigion  271 

sehen  sich  abfinden  müssen.  &vi]rä  (pQovstv,  sein  Handeln 
und  Denken  in  demüticrer  Einsicht  in  die  Vergänglichkeit  alles 
Irdischen  zu  mäßigen,  so  lautet  die  Mahnung,  die  noch  So- 
phokles einzuschärfen  nicht  müde  wird  (Aesch.  Pers.  820.  Soph. 
Ai.  760.  frg.  321.  531.  Eur.  frg.  76^).  Der  Gipfel  der  Macht 
verführt  zur  Hybris  (Pind.  Pyth.  11,  55.  Isthm.  3,  2),  das  Über- 
maß vernichtet  die  Hoffnung  auf  Aveiteres  Gedeihen  (Pind. 
Pyth.  1,  82),  so  ist  Tantalos  ins  Verderben  geraten  (Pind.  Ol. 
1,  55).  Selbst  den  Preis  des  Glückes  bricht  Pindar  gelegent- 
lich mit  dem  Hinweis  auf  die  drohende  Gefahr  der  Überhebung 
ab  (Pyth.  8,  32.  Nem.  10,  20).  Die  Götter  hassen  den  ver- 
messenen Sinn,  aus  dem  die  Freveltat  entspringt  (Aesch.  Sept. 
502.  Suppl.  80.  528),  Zeus  straft  schon  Gedanken  und  Worte, 
die  von  dieser  Gesinnung  zeugen  i^Aesch.  Pers.  827.  Soph.  Ant. 
127).  Seinen  reinsten  Ausdruck  findet  dieser  Glaube  in  dem 
zweiten  Stasimou  des  König  Oidipus,  das  als  Antwort  auf  die 
Hohnworte  lokastes  über  Sehertrug  und  täuschende  Wahr- 
sprüche Apollons  des  Dichters  Absage  an  solche  sündigen 
Anschauungen,  wie  sie  damals  bereits  in  Athen  im  Schwange 
waren,  in  mächtigen  Worten  verkündet:  Fromme  Reinheit  sei 
allzeit  mein  Teil.  Denn  Hybris  macht  zum  Tyrannen,  sie 
lockt  den  Menschen  zu  unwegsamen  Höhen  und  zum  jähen 
sicheren  Sturz.  Hier  ist  der  rücksichtslose  Maehtwille,  dessen 
Streben  keine  Grenze  achtet,  zur  Sünde  gestempelt,  die  Staat 
und  Gesellschaft  bedroht  und  an  den  Schranken  der  göttlichen 
Weltordnung  unfehlbar  scheitern  muß. 

Dieses  tiefe  Gefühl  für  die  eugen  Grenzen,  die  allem  mensch- 
lichen Wirken  gezogen  sind,  wird  ergänzt  durch  eine  Vorstel- 
lung von  der  Gottheit,  die  das  Unerforschliche,  Geheimnisvolle 

^  Die  Baccheu  verkünden  das  gleiche  Gebot:  ro  cocpbv  d'  ov  aocpicc 
rö  TS  (i7j  %vrira.  qjoovblv.  ßga-^vg  aicov  i:tl  tovzcol  6s  rig  av  ^byä).u 
ötäxcav  zä  TtuQovr'  ovxl  cpegoi  (395).  Der  „schrille  Hohn",  der  das  ganze 
Lied  durchzieht,  wird  hier  besondera  deutlich,  wo  die  fromme  Mahnung 
an  die  Grenzen  der  Menschheit  in  die  Aufforderung  zum  Genüsse  des 
Tages  umgebogen  ist. 


07-^  Kurt  Latte 

ihrer  Natur  stark  betont.  Ihre  Wege  sind  dunkel  und  der 
Gedanke  eines  Gleichgewichts  zwischen  Schuld  und  Strafe, 
also  einer  Beurteilung  ihres  Waltens  vom  Standpunkt  mensch- 
licher Einsicht,  kann  gar  nicht  aufkommen.  Bereits  Hesiod 
klagt  einmal,  wie  schwer  es  für  den  Sterblichen  sei,  den 
wandelbaren  Sinn  des  Zeus  zu  erraten,  der  auch  dem  frommen, 
fleißigen  Manne  die  Ernte  verdirbt  (op.  483).  So  ergibt  man 
sich  darin,  daß  die  Himmlischen  entscheiden,  was  gut,  was 
unheilig  ist,  auch  wo  das  eigene  Empfinden  anders  urteilt. 
Man  mag  durch  eine  Tut  Ehre  vor  den  Menschen  erwerben, 
die  doch  ein  Vergehen  gegen  die  Götter  ist  (Ibjk.  frg.  24  Bgk.^), 
und  umgekehrt  schaöt  der  über  allem  Geschehen  stehende 
x'ü/uog  Gewalttat  zu  Recht,  ötxaiäv  xb  ßiaiöraTov  vTtaoxäxai, 
X^iqC  (Piud.  frg.  169,  vgl.  v.  Wilamowitz,  Piaton  II  96.  0.  Schroe- 
der,  Philol.  74,  1917,  195).  Es  ist  im  Grunde  die  alte  Wer- 
tung des  Erfolges  als  einer  Entscheidung  höherer  Mächte,  die 
uns  hier  religiös  vertieft  entgegentritt.  Sie  konnte  um  so 
leichter  beibehalten  werden,  als  die  Volksanschauung  fortgesetzt 
nach  der  Handlung,  nicht  nach  ihren  Beweggründen  urteilte, 
mochte  die  Rücksicht  auf  die  Gesinnung  sich  auch  bereits 
geltend  machen.  Dabei  war  es  gleichgültig,  in  welcher  Weise 
der  Sterbliche  die  Rache  der  Ewigen  auf  sich  gelenkt  hatte. 
Nur  in  den  seltensten  Fällen  wird  ein  kühner  Frevler  ihnen 
mit  voller  Absicht  trotzen.  So  bezeichnet  man  die  Sünde  vor- 
zugsweise mit  \Vorten,  die  ein  Verfehlen  des  Zieles,  ein  Ver- 
sehen bezeichnen,  wie  u[i7c).uxCa,  ühuqxCu^  in  ihnen  fehlt  jede 
Riicksicht  auf  Vorsatz  und  Willen;  lediglich  der  objektive 
Tatbestand  wird  damit  festgehalten,  und  der  darin  liegende 
Tadel  geht  nicht  sowohl  nach  der  sittlichen  Seite  als  nach  der 
intellektuellen;  es  ist  der  Vorwurf,  den  Ausgang  nicht  vorher- 
gesehen    zu    haben.'       Tausendfältig,     heißt     es     bei     Pindar, 

'  Zum  Belegf".  Haß  Bul)jektives  Verscbulden  durchaus  nicht  in  dem 
Worte  liei,'t,  vergleiche  man  beiBjiielaweise,  wie  es  bei  Theognis  baltl 
die    schuldhafte    Verfehlung   (204y,    bald   den   bloßen  Irrtum   bezeichnet 


Schuld  und  Sünde  in  der  griecMschen  Religion  -  273 

schweben  dn^XaxCai  um  des  Menschen  Sinn,  tovto  d'  äiidxccvov 
£VQStVy  ort  vvv  iv  xal  teXbvx&i  (pEQxatov  dvÖQi  txiyßlv  (OL 
7,  24).  In  gleichem  Sinne  sagt  Sophokles,  alle  Menschen 
könnten  fehlen  {kla^aQxdvaiv),  aber  wer  nicht  ein  dvi]Q  aßovXog 
ist,  muß  sich  durch  den  Erfolg  belehren  lassen  (Ant,  1023). 
Dementsprechend  hat  sich  auch  die  alte  Bezeichnung  des  Fre- 
Yels  als  Torheit,  als  Wahnsinn  in  dieser  Epoche  erhalten,  mag 
darin  auch  vielfach  nicht  mehr  als  der  Einfluß  der  Homerischen 
Sprache  auf  alle  spätere  Literatur  zutage  treten.  Dem  eid- 
brüchigen Lykambes  muß  jemand  den  Sinn  „verwirrt"  haben 
(Arch.  frg.  94  Bgk.),  Augeias  war  „übel  beraten",  da  er  Herakles 
betrog  (Find.  Ol.  10,  49).  Es  ist  die  seit  Homer  geläufige  An- 
schauung, daß  alle  Leidenschaft  und  Sünde  etwas  Fremdes, 
außerhalb  der  Menschennatur  Liegendes,  eine  Einwirkung  von 
Dämonen  (Tambornino,  De  antiqu.  daemonismo  R.G.V.V.  VH 
3,  55  ff.)  ist,  die  hier  fortlebt.  So  sagt  man,  daß  die  Schuld 
dem  Menschen  „folgt"  (Theogn.  327),  drohend  ihn  umgibt 
(ß.ug;t  (pQaölv  annXaxiai  XQS^avrai  Find.  01.7,24).  Die  Erinyen 
sinsren  bei  Aischvlos  von  dem  Amt,  das  ihnen  die  Moira  ver- 
liehen,  den  Menschen  zu  verfolgen  tolöiv  avtovQylai  ^vfi- 
iCEGaöiv^  ^dtatoL  (Aisch.  Eum.  337),  wo  denn  mit  Iv^TtCTtrsiv 
die  Tat  so  scharf  als  möglich,  als  etwas  vom  Willen  des  Täters 
Unabhängiges  bezeichnet  wird. 

Je  mehr  die  Sünde   als  Unglück,    als  der  Seele  und  ihren 
Trieben  fremde  Macht  empfunden  wird,  desto  lebendiger  prägt 

(404).  Pindar  sagt  von  der  Untreue  der  Koronis  a^TtlaKiai,  cpQtv&v 
{P'jth.  3,  24)  fast  gleichbeoeutend  mit  a(fQ06vvr\.  Bezeiclinend  für  die 
intellektualistische  Nuance  Ol.  1,  104  d  6h  Q'sbv  cc^Tiq  ttg  UTterai  ri 
Xad'd^Bv  ^qScov,  aiiccgrävst. 

*  avtovQyiuLg  ^v[L7cd6%a6iv:  verb.  Turneb.  Etium  scelera  üla  v.ara. 
fioLQuv  accidunt  bemerkt  v.  Wilamowitz  zu  der  Stelle.  Paläographisch 
näher  läge  übrigens  ^vintl.eaei ,  so  daß  das  eTiovrai  der  angeführten 
Theognisstelle  durch  das  Bild  vom  Schiff  und  seiner  Sündenfracht  (Aesch. 
Ag.  1005.  Sept.  769)  ausgeführt  wäre.  Daß  die  Anwesenheit  des  Schuld- 
beladenen das  Schiff  gefälyrdet,  ist  geläufig  (Aesch.  Äe^Jt  602.  Enr.  £"?.  1335. 
Ant.  5,  82.    [Lys.]  6,  19.     Xen.  Cyrop.  VIII,  1.  25.     Theophr.  Chuv.  25,  2). 

Archiv  f.  Religionswissenscliaft  XX.  3/i  18 


0^4  Kurt  Latte 

sich    die  Überzeugung   aus,    daß  auch  sie,  wie  alles   Gute  und 
Böse    auf  Erden,    von    den    allmächtigen  Göttern   verhängt  ist. 
Nach  Zeus'  Willen  sind  die  Menschen  berühmt  und  ungenannt, 
heilig   und  Frevler  (uQQijroi),    so    verkündet    der  Eingang    der 
Ersa.    Ein  Gedicht  der  Kataloge  führte  die  Untaten  der  Töchter 
des  Tyndareos  auf  Aphrodites  Zorn  zurück  (frg.  117  Rz.).   Die 
Götter  senden  Sinnesbetörung  so  gut  wie  materielle  Not  (Arch. 
frg.  56,  5).    Auch  in  der  Folgezeit  herrscht  diese  Anschauung. 
Wohl  wendet  sich  Herakleitos,   hier   wie    sonst   ein  Verächter 
der  Menge  und  ihrer  Meinungen,  gegen  den  Volksglauben,  der 
alles  Menschenschicksal  in  Tuten  und  Leiden  auf  höhere  Ein- 
flüsse zurückführt  {y.aTu   dcd^ovag   xal  xviuv  ndvTcc  ßQotolöiv 
kxtalBlxui  Diagoras  frg.  2),   mit    dem    scharf  pointierten  Satze 
ri^og   ocv^QcoTCOL   öaCynov  (vgl.  Rohde,   Psyche  11-316,1),  aber 
dieser  Gedanke    findet   zunächst  keinen  Widerhall.     Wie   man 
zu   den  Göttern   um  Besonnenheit    und    ein   reines  Herz   betet 
(Aesch.Choe.  142.    Eur.  Med.  635.  Plat.  Phaedr.  279b),    so    ist 
auch   alle    Schuld    ihr  Werk.     Apollon   befiehlt    bei  Aischylos 
den  Muttermord,  der  doch    in  den  Augen  des  Chors  eine  knC- 
tioucpog  Uta  selbst  in  dem  Augenblick  ist,  da  er  den  Jüngling 
zur    Tat    ermuntert    (Choe.  830).     Die    Opferung    Iphigeniens 
wird  von  Artemis  gefordert  und  dennoch  als  Sünde  empfunden 
{(pQEvog  dvööeßijg  roonulu  ävayvog  avUgog  kg.2\^).  Aischylos 
hat  sogar  gesagt,  daß  Gott  den  Menscheji  in  Schuld  verstrickt, 
wenn  er  ein  (Je.schlecht  vernichten  will  (frg.  156),  und  in  den 
Persern   ist  von    der  ccTLätr]  &iov  die  Rede,    von  Ate,   die  den 
Sterblichen    schmeichelnd    ins   Netz    lockt,  aus   dem    es   keine 
Rettung  gibt  (93fr.,  vgl.  Ar.  Nub.  14080").     Selbst  angesichts 
der  Untat  Klytaimestras  gibt  der  Chor  zu  rC  yccQ  ßgorolg  avav 
zii'og  TflBiTci;    rl  rcbx'<y  ov  ^söxgavröv  iöriv  (Ag.  1487).  Und 
doch   weist   er    den  Versuch    der  Verbrecherin,    sich  damit  zu 
entlasten,   sofort  zurück    (Ag.  1505).     Die    Verantwortung   für 
die    eigenen  Taten   nimmt   dieser  Glaubenden  Menschen   nicht 
ab,    schon    weil    er    von    der    alten  Erfolgshaftung    herkommt. 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechisclien  Religion  275 

Das  Problem  der  Willensfreiheit  spielt  für  das  6.  und  5.  Jh. 
keine  Rolle;  die  Überzeugung,  daß  der  Mensch  letzten  Endes 
für  sein  Tun  einzustehen  hat,  gleichviel,  wodurch  es  veranlaßt 
ist,  steht  auch  Aischylos  fest  (Kranz,  Sokrates  8,  1920,  132). 
Nicht  an  die  Unfreiheit  des  Willens,  sondern  an  die  unermeß- 
liche Übermacht  des  Göttlichen  über  alles  Planen  und  Streben 
der  Menschen  denkt  man  bei  solchen  Aussprüchen.'  Der  in- 
brünstige Glaube  an  die  Allmacht  des  Zeus,  der  mühelos,  durch 
einen  bloßen  Gedanken,  alle  Anschläge  durchkreuzt,  und  dessen 
geheimnisvollen  Willen  niemand  erraten  kann,  bricht  bei  Aischy- 
los gelegentlich  mit  einer  Gewalt  hervor,  vor  der  ihm  die  Kraft 
der  Formung  versagt  (Suppl.  86 ff.;  ähnlich  Diagoras  frg.  1). 
Die  nüchterne  Überlegung,  daß  derselbe  Gott,  der  die  Schuld 
sendet,  auch  die  Strafe  verhängt,  tritt  gegenüber  der  Stärke 
des  religiösen  Erlebnisses  in  den  Hintergrund,  und  wie  die  hier 
zutage  tretende  Spannung  sich  in  des  Dichters  Seele  ausglich, 
lehren  die  Verse,  die  sich  bedeutungsvoll  in  die  Erzählung  von 
Iphigenie  hineinschieben.  In  Anlehnung  an  die  traditionellen 
Formen  des  Kultliedes  ^,  aber  inbaltlich  doch  ganz  Ausdruck 
der  persönlichen  Religiosität  des  Aischylos,  heben  sie  an  mit 
dem  Preise  des  Zeus,  der  alle  Gewalten  der  Yorwelt  bezwang 


*  Wie  auch  die  Prädestinationslehre,  soweit  sie  der  Religion  und 
nicht  rational  philosophischen  Erwägungen  entspringt,  in  solchem  Ge- 
fühl wurzelt,  hat  Rudolf  Otto  dargelegt  {Das  Heilige.  Über  das  Irratio- 
nale in  der  Idee  des  Göttlichen  und  sein  Verhältnis  zum  Rationalen. 
2.  Aufl.     Breslau  1918,  97 ff). 

*  Der  berühmte  Eingang  Zevs,  oazis  tiqt'  iariv,  si  röd'  uvt&i  cpiXov 
x£x>l7jfi£Vcoi,  xovxo  viv  TtQoßsvveTca  entstammt  zunächst  dem  traditionellen 
Hymnenstil,  was  die  neueren  Erörterungen  der  Stelle  meist  übersehen: 
Plat.  Crat.  400 e  mOTtsg  iv  xatg  tvxcüs  vouog  iarlv  riiiiv  t'u;^c-(jO-o:i,  oi'tivdg 
TS  v.ul  ojcöQ'sv  xaiQOvOv  övoiia^oasvoi,  ravra  kccI  Tj^äg  avrovg  y.uXclv. 
Das  bedeutet  doi-t  natürlich  nicht  mehr  als  luppiter  0.  31.  sive  quo  alio 
nomine  te  appellari  volueris  Serv.  Aen.  II  251,  vgl.  Appel  De  Born,  precat. 
R.G.V.V.  VII  1,  76 £F.  Bei  Aischylos  dagegen  ist  es  der  Ausdruck  des 
Monotheismus,  wie  frg.  70  lehrt  (vgl.  Norden  Ägnostos  Tlieos  248,  1). 
Es  ist  methodisch  wichtig,  wie  verschiedene  Religiosität  sich  hinter  den 
gleichen  Worten  bergen  kann. 

18* 


276  ^'^'^*'  Latte 

und  nun  iu  Ewigkeit  herrscht.  Er  führt  durch  Leid  die  Men- 
schen zur  Eliusicht;  nimmer  ruhen  läßt  sie  der  Gedanke  an 
das  über  alle  Schuld  verhängte  Unheil.  So  lernt  auch  der 
Widerstrebende  sich  zu  bescheiden.  Und  doch  —  gnädig  sind 
die  Ewigen,  die  gewaltsam  der  Welt  Steuer  lenken  (Ag.  160). 
Aischylos  war  ein  zu  tiefer  Denker,  um  auf  die  Gegensätze  nicht 
wenigstens  hinzudeuten,  welche  die  Stärke  seiner  religiösen 
Empfindung  zu  überbrücken  vermochte.  Die  Choephoren  ge- 
stalten den  Konflikt  zwischen  der  gottgewollten  Tat  und  der 
Stimme  des  eigenen  Herzens  zu  ergreifenden  Szenen.  Anderen 
genügte  der  überkommene  Glaube  der  Väter,  der  sich  mit 
ehrfürchtigem  Schauer  vor  dem  Uuerforschlichen  beugte.  In 
solchem  Sinn  hat  Sophokles  die  Geschichte  vom  König  Oedipus 
dramatisiert  (v.  Wilamowitz,  Herrn.  34,  1899,  55  ff.).  Nur  an 
einer  Stelle  des  Dramas  deutet  er  an,  wie  auch  ihn  der  Welteu- 
lauf nicht  beirrt  in  dem  Vertrauen  auf  das  planvolle  Walten 
der  Götter;  unmittelbar  nach  der  Katastrophe  steigert  sich  die 
Klaffe  des  Chors  zu  dem  Wunsche:  Hätt'  ich  dich  nie  ge- 
sehen;  aber  daran  schließt  das  Bekenntnis:  Doch  in  Wahrheit, 
dir  dank'  ich  die  Rettung,  dank'  ich  den  ruhigen  Schlummer 
(0. 11.1220).  Gewiß  ist  grauenvoll,  was  über  Oedipus  schuld- 
los hereingebrochen  ist,  aber  seine  Tat  hat  Theben  befreit.^ 
Fast  schroffer  noch  als  in  diesem  Drama  formuliert  der  Dichter 
seinen  Glauben  in  dem  großen  Liede  der  Antigone,  das  ein- 
drintrlich  schildert,  wie  Götterwille  Leid  und  Schuld  im  Labda- 
kidenhause  häuft  bis  zum  Untergange  des  ganzen  Geschlechts 
Unvermittelt,  in  gewollt  schneidendem  Kontrast  zu  dem  düsteren 
Bilde  menschlichen  IClends  malt  die  nächste  Strophe  die  AU- 
niacht  des  Zeus  droben  im  lichten  Glänze  des  Himmels;  nie- 
mand steht  so  hoch,  daß  er  sich  vermessen  könnte,  ihm  zu 
trotzen;  in  alle  Ewigkeit  gilt  das  Gesetz,  daß  niemand  ganz 
ohne    Schuld    (ära)    durch    das    Leben    geht.     Voll    Hoffnung, 

*  über  verwandte  Gedanken  iu  den  anderen  Dramen  Rohde  Psyche 
II  236. 


Schuld  und  Sünde  in  der  griecbischen  Religion  277 

nichtsahnend,  lebt  der  Mensch  dahin,  bis  ihn  das  Verderben 
ereilt.  Mit  dem  alten  Wort,  daß  Gott  des  Menschen  Sinn  ver- 
blendet, wenn  er  ihn  in  Unglück  stürzen  will,  schließt  das 
Lied,  das  ohne  jede  Milderung  bekennt:  Schuld  und  Leid  kom- 
men über  die  Menschen  nach  dem  unerforschlichen  Ratschluß 
der  Götter.  Erst  rückblickend  ermißt  man  ganz  den  tiefen 
Sinn  des  Eingangs :  nur  wer  svdccC^wv  ist,  wem  es  die  Gnade 
der  Ewigen  verleiht,  bleibt  xccjcäv  aysvörog^  Wie  lebendig 
diese  Auffassung  im  5.  Jh.  noch  war,  lehrt  die  Geschichte  vom 
Ausgange  des  Miltiades,  die  Herodot  berichtet.  Bei  der  Be- 
lagerung von  Faros  verleitet  eine  parische  Priesterin  den  athe- 
nischen Feldherrn,  zu  irgendeinem  für  uns  nicht  klaren  Zweck 
frevelnd  in  das  Heiligtum  der  Demeter  Thesmophoros  einzu- 
dringen. Er  verstaucht  sich  dabei  den  Schenkel,  und  das  wird 
der  Anlaß  zu  dem  Abbruch  des  Feldzuges  und  damit  zu  seiner 
Verurteiluno-  in  Athen.  Als  die  Parier  die  Priesterin  wegen 
ihrer  Verbindung  mit  dem  feindlichen  Führer  richten  wollen, 
wehrt  ihnen  das  Delphische  Orakel:  sie  treffe  keine  Schuld, 
dXXa,  delv  yocQ  MiXndösa  xsXevxäv  ^r)  av,  (pavfjval  ol 
r&v  xax&v  y.arrjys^ova  (Hdt.  VI  135,  3).  Also  das  Verderben 
des  Miltiades  ist  von  den  Göttern  bestimmt;  irgendeine  Schuld 
seinerseits  kommt  nicht  in  Frage,  und  doch  veranlassen  sie 
ihn  zu  Freveln,  die  seinen  Untergang  herbeiführen.  Ahnlich 
redet  Herodot  öfter:  der  Athiopenkönig,  der  Ägypten  besetzt 
hat,  sieht  im  Traum  einen  Mann,  der  ihm  rät,  alle  ägyptischen 
Priester  zu  töten.  Da  meint  er,  die  Götter  zeigten  ihm  dieses 
Gesicht,  damit  er  wider  das  Heilige  frevle  und  danach  von 
Göttern  oder  Menschen  Unheil  befahre  (Hdt.  II  139).  Die  Er- 
zählung von  der  Schandtat  des  Kandaules  an  seinem  Weibe 
wird  mit  den  Worten  eingeleitet:  XQW  T^Q  KavdavX)]i  ysvsöd^ai, 


^  Daß  Kaxöv  hier  nicht  Sünde,  sondern  Unheil  bedeutet,  hat  Dirichlet 
De  vet.  macarismis  R.  G.  V.V.  XIV  4,  14  f.  gegen  Bruhn  z.  d.  St.  erwiesen. 
Freilich  ist  nicht  zu  übersehen,  daß  für  diese  Anschauung  Schuld  und 
Unglück  fast  synonym  sind. 


278 


Kurt  Latte 


y.ccxäs  (lldt.  1  8,  vgl.  uocli  II  120).  Noch  im  4.  Jh.  hören  wir 
gelegeutlich  ähnliche  Äußerungen  (Aeschiu.  3, 117.  Lyc.  Leoer.  92). 
So  heißt  alle  Schuld  iu  volkstümlicher  Rede  avn(fOQd,  aTvp]}ici 
(Hdt.  I  35.  Ar.  Ran.  699.  Dem.  23,  70).  Die  üherkommene 
Auffassung  des  Verbrechens  als  einer  Torheit,  anfangs  im 
Sinne  einer  intellektualistischen  Ethik  gemeint,  wandelt  sich 
unter  dem  Druck  dieser  Anschauungen  in  eine  gottgewollte 
Verblendung,  ^aoßlußaCi]  (Hdt.  I  127.  III  137,  4),  die  den 
Menschen  seinem  Verhängnis  entgegenführt  (Soph.  Ant.  1272. 
O.e.  367.  Eur.  HippoL  241*).  Rein  äußerlich  betrachtet,  könnte 
scheinen,  als  wäre  diese  Anschauung  nächstverwandt  der  helle- 
nistischen von  dem  Walten  der  Heimarmene.  Aber  die  müde 
Resignation  jenes  Determinismus  hat  in  den  kraftvoll  auf- 
strebenden Generationen  dieser  Jahrhunderte  keine  Stätte.  Das 
Gefühl,  frei  zu  sein  und  verantwortlich  für  seine  Taten,  stand 
ungebrochen  neben  der  demütigen  Ehrfurcht,  die  in  allem 
Erdenschicksal  den  persönlichen  Willen  höherer  Mächte  ver- 
spürte (vgl.  Kranz,  Sokrates  8,  1920,  143'.  In  solchem  Glau- 
ben fand  das  lebendige  Empfinden  für  den  unermeßlichen  Ab- 
stand zwischen  den  ewigen  Göttern  und  dem  Menschen,  der 
eines  „Schattens  Traum"  ist  (Find.  Pyth.  8,  95),  seinen  Aus- 
druck, Die  begrifflich -rationale  Unvereinbarkeit  beider  Vor- 
stellungen beirrt  keine  echte  Religion,  weil  sie  gar  kein  aus- 
schließlich rationales  Gebilde  ist. 

Der  erweiterte  und  vertiefte  Sündenbegriff  dieser  Zeit  ging 
neben  den  altüberlieferten  «^'oj- Vorstellungen  her,  mit  denen 
er  sich  mannigfach  berührte,  ohne  doch  je  völlig  mit  ihnen 
zusammenzufallen.  Wo  ayog^  fivöog  und  die  verwandten  Aus- 
drücke bei  den  Tragikern  vorkommen,  liegt  zwar  bereits  ein 
Werturteil  darin,  aber  stets  handelt  es  sich  um  Fälle,  in  denen 
gleichzeitig  eine  wirkliche  „Befleckung"  vorliegt.  Wenn  Aischy- 
los  einmal    die   ungerechte   sündige  Tat   mit   nCvog  X^O^^  ^^' 

•  Besonders  charakteristisch  ist  die  Betonung  dieses  Moments  bei 
dem  Fanatiker,  der  [Lys.]  6  verfaßt  hat  .19.  22.  27). 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechischen  Religion  279 

zeichnet  (Ag.  776\  so  wird  man  darin  eher  eine  durch  den 
Stil  des  Chorliedes  bedingte  Übertragung  als  ein  Zeugnis  für 
die  Erweiterung  des  Begriffes  zu  erblicken  haben.  Umfassen- 
der ist  der  Gebrauch  von  ccvööiog,  das  sowohl  den  Unreinen^ 
wie  den  Gottlosen  (Aesch.  Sept.  611.  Soph.  O.C.  281.  Eur.  Herc. 
853.  Hec.  790.  Bacch.  613)  und  Ungerechten  (Eur.  Phoen.  493) 
bezeichnet,  weil  man  darin  die  Verletzung  der  Frömmigkeit 
hört.  Diese  sprachlichen  Tatsachen  lehren,  daß  die  beiden,  zwei 
verschiedenen  Schichten  der  Religionsentwicklung  entstammen- 
den Vorstellungsreihen  (vgl.  Rohde  Psyche  P  312  f.)  auch  im 
Empfinden  dauernd  getrennt  wurden.  Zu  einem  offenen  Gegen- 
satz kam  es  indessen  nirgend,  solange  die  Ehrfurcht  vor  dem 
Glauben  der  Väter  mächtig  genug  war,  die  Kontraste  zu  ver- 
schleiern und  zwischen  den  auseinanderstrebenden  Anschau- 
ungen zu  vermitteln.  In  einem  Punkte  mußte  der  Wider- 
spruch zuerst  hervortreten,  in  der  Frage  nach  der  Sühnbarkeit 
der  Sünde.  Eine  Religion,  die  Reinigungszeremonien  für  jede 
Befleckung  in  Bereitschaft  hatte,  vertrug  sich  schlecht  genug 
mit  dem  alten  Grundsatz  der  Talion,  dem  dQ<x6avti  nad'Blv 
und  mit  der  Erfahrung,  daß  alle  Sühnungen  nicht  immer  vor 
der  Strafe  zu  schützen  vermochten.  Aischylos  hat  das  Problem 
empfunden;  den  entsühnten  Orestes  verfolgen  die  Erinyen 
weiter,  und  ob  die  Lösung,  die  ihm  die  überlieferte  Gestalt  der 
Geschichte  aufzwang,  ihn  selbst  vöUig  befriedigt  hat,  darf  als 
zweifelhaft  gelten.  So  taucht  in  dieser  Zeit  der  Gedanke  an 
unsühnbare  Schuld  auf.  Platou  nennt  es  ein  altes  Priester- 
wort, daß  es  für  Verwandteumord  keine  Verzeihung  gibt  (Plat. 
leg.  IX  872  6;  vgl.  Aesch.  Sept.  682);  die  unverbrüchliche  Heilig- 
keit, die  damit  den  Banden  des  Blutes  zugesprochen  wird, 
weist  diese  Anschauung  wohl  in  das  6.  Jh.  hinauf,  in  die  Zeit 
des    ausgebildeten    Geschlechterstaates.      Die    Unzulänglichkeit 


^  Von  schuldloser  Befleckung  dur^jh  gräßliches  Unglück  z.  B.  Soph. 
Ant.  1071.  Eur.  Herc.  .S23,  von  Blutschuld  Soph.  O.B.  353.  O.C.  946. 
Eur.  El.  683. 


2gQ  Kurt  Latte 

aller  Sühne,  mit  welcher  der  Mörder  dem  Groll  des  Toten  die 
Rache  abkaufen  möchte,  formuliert  der  Chor  angesichts  der 
Anstrengungen  Klytaimestras,  sich  von  den  Folgen  ihrer  Tat 
durch  Beschwichtigungsopfer'  zu  lösen:  Gibt  es  denn  Sühne 
für  vergossenes  Blut?  (Choe.  48).  Oft  erreicht  der  Götter  Ge- 
richt den  Frevler,  bevor  es  ihm  gelungen  ist,  seine  Schuld  zu 
sühnen  (tö  ayog  ix&vöaö&ca  Hdt.  VI  91).  Die  Angst  vor  der 
Strafe  läßt  den  Sünder  nicht  los,  trotz  aller  kultischen  Zere- 
monien. So  schrickt  Klytaimestra  aus  wirren  Träumen  mit 
lautem  Schrei  empor  (Aesch.  Choe.  31.  Stesich.ap.  Plut.  ser.  num. 
vind.  555a),  den  König  Pausanias  treibt  das  an  einem  Mädchen 
aus  Byzanz  begangene  Verbrechen  ruhelos  umher  (Plut.  Cim. 
6,  4.  ser.  num.  vind.  555c.  Paus.  III  17,  7).  Kleidet  sich  in 
diesen  Geschichten  das  Schuldbewußtsein  in  die  mythische 
Form  der  Furcht  vor  dem  Geist  des  Toten,  so  spricht  Aischy- 
los  schlechthin  von  dem  qualvollen  Gedanken  an  bevorstehende 
Leiden  {i.ivr]6Lm'i{iCJv  ^ovog  Ag.  180)  und  nennt  Pindar  die 
Sünde  (psQ£7iovog  (Pyth.  2,  55).  Das  diü'erenziertere  Seelen- 
leben dieser  Zeit  lernt  in  der  Furcht  vor  der  unausbleiblichen 
Strafe  zuerst  die  schwere  Bürde  der  eigenen  Taten  empfinden.* 
Man  piag  das  Reue  nennen,  muß  sich  aber  dabei  vor  Augen 
halten,  daß  weder  von  Zerknirschung  noch  von  Sehnsucht  nach 
Heiligung  bei  den  Hellenen  des  5.  Jh.  die  Rede  ist.  Den 
Abstand  zwischen  Gott  und  Mensch  empfindet  diese  Zeit 
dynamisch,  nicht  moralisch.  Noch  der  greise  Kephalos 
schildert  dies  Gefühl  durchaus  als  Furcht,  bereits  im  Hinblick 
auf  die  Vergeltung  im  Jenseits;  einen  Einfluß  auf  das  weitere 

'  Vgl.  Syll."  980  ui'T&i  iv  väi  icGetrai,,  woranf  mich  Weinreich  auf- 
merkaam  macht.  Mit  Hilfe  ilhnlicher  rJedanken  erweist  spilter  die  stoische 
Popularphiloflophie  das  Glück  desSimders  als  scheinbar.  Wendland  I'hilos 
Schrift  üb.  d.  Vorsehung  65,  2.  Schon  Theophrast  (Porph.  abst.  II  29) 
sagt,  das  Bewußtsein  der  Schuld  mache  den  Täter  dvOKokog.  In  der 
Folgezeit  wächst  dieses  Gefühl  an  Intensität:  frigida  mens  est  criminihus 
tficitaque  sndnnt  prnecordin  culpa  (.luv.  I  16).  Eine  religiöse  Beziehung 
braucht  freilich  nicht  darin  zu  liegen. 


Schuld  uml  Sünde  in  der  griechischen  Religion  281 

Verhalten  übt  es  liöchstens  so  weit  aus,  als  man  sich  bestrebt, 
vor  dem  Hinscheiden  „seine  Rechnung  zu  begleichen'"  (Plat. 
rep.  330d).  Aus  den  letzten  Worten  des  Sokrates  spricht  das- 
selbe Empfinden  (v.  Wilamowitz,  Piaton  I  176, 1)^ 

Seit  der  Glaube  an  die  unbedingte  Wirksamkeit  der  her- 
gebrachten Riten  zu  schwinden  begann,  lastete  auf  den  Men- 
schen, zumal  in  Zeiten,  da  schwere  Schicksalsschläge  von  dem 
Groll  der  Ewigen  vor  aller  Augen  zu  zeugen  schienen,  der 
dumpfe  Druck  der  Angst.  Nicht  Sühnzeremonien,  nicht  Frömmig- 
keit und  unsträflicher  Wandel  vermochten  vor  dem  Unheil  zu 
sichern.  Der  Staatskult  konnte  ihnen  die  Gewißheit  göttlicher 
Gnade  nicht  bringen,  das  religiöse  Bedürfnis  einer  erregten 
Epoche  suchte  nach  anderen  Wegen.  Aus  solchen  Stimmungen 
haben  wir  das  Auftreten  der  orphischen  Mystik  im  6.  Jh.  zu 
verstehen  gelernt  (v.  Wilamowitz,  Hom.  Unters.  215.  Diels, 
Herakleitos  ^  2).  Sie  bringt  den  Menschen  die  furchtbare  Lehre, 
daß  drunten  im  Hades  aller  ein  gerechtes  Gericht  wartet,  daß 
die  Frommen  eingehen  zu  ewiger  Seligkeit,  die  Frevler  zu 
ewiger  Verdammnis  (Dieterich,  Nekyia  163  ff.).  Dieser  Ge- 
danke, den  wir  zuerst  im  jüngsten  Teile  der  homei-ischen  Nekyia 
finden,  hat  das  Denken  der  Hellenen  fortan  weit  über  die 
engen  Kreise  der  Orphiker  hinaus  beherrscht;  Pindar  (frg.  133. 
Ol.  2,  105)  und  Aischylos  (Suppl.  230.  414.   Eum.  340)  haben 

*  Auch  bei  (iEraii£lo(iai,  (israiieXtiu  denkt  die  klassische  Zeit  ledig- 
lich an  den  Wunsch,  anders  gehandelt  zu  haben.  Bei  Piaton,  der  dieses 
Gefühl  zuerst  als  Milderungsgrund  bei  der  Beurteilung  gelten  läßt 
{Phaed.  114  a.  Leg.  IX  866  e),  taucht  die  Verwendung  für  eine  das 
fernere  Leben  beherrschende  Reue  auf,  die  vor  ähnlichen  Taten  zurück- 
hält (Gorg.  471b.  Phaed.  114  a,  vgl.  Demoer.  frg.  43  D.).  Aber  diese 
"Worte,  ebenso  wie  [Lczävoiu  behielten  sehr  lange  eine  intellektualistische 
Nuance.  Noch  Kaiser  Marcus  (VIII  10)  sagt  i]  [ikzävoiä  iönv  STclXrjipi^ 
TIS  Euvrov  03S  %Qi]ani6v  ti  ÄaßiixoTog.  Für  eine  dauernde  Sinnes- 
änderung, wie  im  Neuen  Testament,  steht  iiarccvostv  m.  W.  zuerst  in  dem 
Brief  Attalos  IL  an  Amiada:  QsoQmv  ovv  v^äg  (inravsvorixörag  xs  inl 
rotg  7CQoriiiaQrrnievoi,g  kuI  tu  sxiGrM.OLvtvu  v<f>'  rjumv  Ttgod'v^cog  inwc- 
lovvxag  (Ditt.  Or.  Gr.  751,  9),  Vgl.  Norden  Agn.  Theos  134 flF.  Jäger 
G.G.Ä7iZ.  1913,  589  £F. 


2<^2  Kurt  Latte 

sich  zu  ihm  bekannt.  Damit  war  ein  Ausweg  aus  dem  Kon- 
flikt gegeben,  in  den  das  tatsächliche  Glück  des  Sünders  mit 
dem  Vertrauen  auf  die  gerechte  Vergeltung  der  Götter  geriet: 
Unerklärt  blieb  dagegen  noch  immer  das  plötzlich  den  Un- 
schuldigen treffende  Unheil.  Auch  hier  fand  die  Orphik  eine 
Lösung  in  der  Entstehung  des  Menschengeschlecbtes  aus  der 
Asche  der  wilden  Titanen,  die  Dionysos  Zagreus  zerrissen 
haben.  Daher  haftet  allen  Menschen  eine  Schuld  au,  nicht 
mehr  Sünde,  sondern  Reinheit  ist  ein  Ausnahmezustand,  der 
nur  um  besondere  Anstrengungen  feil  ist.  Die  Auötg  TiQoyovcjv 
dd-s^((jrcov^  ist  die  Aufgabe  des  Menschen  geworden.  Alle 
irdische  Existenz  ist  Strafe  für  eine  frühere  Schuld,  gleichviel 
worin  diese  besteht  (Plat.  Cratyl.  400  c).  Zum  ersten  Male  ist 
der  Begriff  der  Erbsünde  in  die  hellenische  Welt  hineingestellt, 
freilich,  soweit  unsere  karge  Überlieferung  ein  Urteil  verstattet, 
als  Resultat  theologischer  Spekulation,  nicht  aus  spontanem 
religiösen  Gefühl  heraus.  Alle  Menschen  sind  nach  dieser 
Lehre  sündig,  außerstande,  sich  aus  eigener  Kraft  zu  der  ge- 
forderten Heiligkeit  emporzuläutern.  Die  Gnade  des  Dionysos 
Lyseus  gewährt  die  Erlösung  denen,  die  ein  „heiliges"  Leben 
führen,  den  Geboten  der  Orphiker  folgen  (Kern  a.  ().).  Die 
Forderungen,  die  dieser  Glaube  an  seine  Bekenner  stellte, 
waren  wesentlich  äyrsua,  Iieinheitsvorschriften,  vor  allem  dau- 
ernde Enthaltung  von  aller  Fleischnahnmg  {(povav  äniisöd^ai 
Ar.  Wim.  1032);  gilt  es  doch,  alles  zu  meiden,  was  die  Seele 
fester  mit  ihren  irdischen  Banden  zu  verknüpfen  vermöchte. 
Mit  Notwendigkeit  werden  deshalb  fiir  diese  Kreise  „sündig" 
und  „fromm"  im  weiteren  Sinne  gleichbedeutend  mit  „geweiht" 
und  „ungeweiht"  (Dieterich,  Nekyia  G7),  nur  der  Gläubige 
kennt  ja  d(^u  Wt-g,  auf  dem  er  das  Erl)teil  sündiger  Ahnen 
in  sich  abzutöten  vermag.  Das  sind  fremdartige  Vorstellungen, 
die    schlecht   genug   zu   dem    lebensfrohen   hellenischen  Volks- 

'  Orph.   frg.  20«    Abel    bei    Olynip.  Phucd.  \^.  87,   U>    Norvin,     dazu 
Tannery  Ret: 'de  Phil.  23,  1899,  126ff     0.  Kern  Orpheus  46. 


Schuld  und  Sünde  in  der  griecbisclaen  Religion  .    283 

glauben  zu  passen  scheinen.  Und  doch  weist  die  Auffassung 
der  Sünde  als  etwas  im  Menschen  vorhandenen  Körperlichen 
auf  die  materielle  Natur  der  Befleckung,  verallgemeinert  der 
Gedanke  einer  Erbsünde  nur  den  Glauben  an  sich  fortpflanzen- 
den Geschlechtsfluch.  Schon  um  dieser  Parallelen  willen 
müßte  man  die  ganze  Lehre  in  das  6.  Jh.  hinaufrücken,  auch 
wenn  nicht  ein  bekanntes  Fragment  Anaxim anders  (frg.  9 
Diels)  ihre  Spiegelung  in  der  philosophischen  Spekulation 
zeigte.  Jedoch  blieb  sie  im  allgemeinen  auf  die  engen  Kon- 
ventikel  der  Orphiker  beschränkt,  ohne  Wirkung  auf  die  Yolks- 
religion,  bis  Piaton  sie  aufgrifl"  und  ihr  zu  Ansehen  verhalf.^ 
Im  5.  Jh.  vertritt  Empedokles  ähnliche,  nur  durch  die  Seelen- 
wanderuncfslehre  modifizierte  Gedanken.  Ihm  ist  das  Ein- 
gehen  in  die  Körperlichkeit  die  Folge  eines  Sündenfalles 
seliger  Geister:  dreißigtausend  Jahre  aus  dem  Kreise  der  Himm- 

O  I  CD 

lischen  verbannt,  müssen  sie  zur  Strafe  eingehen  in  die  mannig- 
fachsten Formen  von  allem,  was  da  lebt  auf  der  vergänglichen 
Erde  (frg.  115  D.,  vgl.  frg.  1.21,  125).  Auch  er  fordert  zur  Er- 
lösung vor  allem  Enthaltsamkeit  (frg.  136  ff.);  damit  die  vom 
Leibe  befreite  Seele  wieder  aufsteigen  kann  zu  den  Göttern 
(frg.  146).  Gebote,  die  anfänglich  die  animistische  Dämonen- 
furcht eingegeben  hatte,  sind  in  diesen  Kreisen  in  eine  Abkehr 
von  allem  Irdischen  umgedeutet  worden. 

Als  diese  Lehren  in  Sizilien  vor  der  aufhorchenden  j\Ienge 
verkündet  wurden,  war  dem  griechischen  Sündbegriff  bereits  in 
der  rationalistischen  Philosophie  des  5.  Jh.  ein  furchtbarer 
Gegner  erwachsen.  An  dem  Widerstreben  der  Lyssa,  die  nach 
Heras  Gebot  Herakles  heimsuchen  muß,  der  doch  sein  Leben 
lang  wider  die  Götterverächter  gekämpft  hat,  bringt  Euripides 
dem  Hörer  die  bittere  Ungerechtigkeit  solchen  nach  Götterrat- 
schluß verhängten  Leidens  zum  Bewußtsein  (Herc.  f.  846  if.). 
Dem  ungezügelten  Individualismus  der  Sophistik  lag  fromme 
Ergebung  in  ein  unbegreifliches  Verhängnis  ebenso  fern  wie 
*  Die  orphisclie  Erbsünde  kehrt  leg.  IX  854  b  wieder. 


2g4  Kurt  Latte 

der    Glaube    an    ererbte    Schuld.     Vor    allem    aber    gegen    die 
äußerliche  Gebundenheit  des  uyog  richtet  sich  nun  die  schärfste 
Kritik.     Wie    sollte   Befleckung    durch  Menschenwerk    an    die 
unnahbare   Hoheit   der    Götter   heranreichen  (Soph.  Ant.  1044. 
Eur.  Her.  1232),  wie  sollte  des  Freundes  Unheil  den  hilfreichen 
Freund  mit  verderben  können  (Eur.  Herc.  1234)?  Warum  unter- 
sagen die  Götter   dem  Menschen,    der  ihnen  naht,  jede  Berüh- 
rung  mit   dem  Tode    und  verlangen  doch  blutige  Opfer  (Eur. 
I.  T.  380;?     Mit  welchem  Recht  weisen  sie  die  Gabe  des  Blut- 
befleckten   zurück   und  nehmen    sie  von  verruchten  Heuchlern 
entgegen?   Im  Orestes  hat  Euripides  diesen  Gegensatz  in  einem 
Gespräch  zwischen  dem  Helden  und  dem  scheinheiligen  Bieder- 
mann Menelaos  herausgearbeitet.     Auf  des  Menelaos  Vorwurf, 
Orest   könne    keine  Opfer  bringen,    da    er    durch    Bluttat    be- 
fleckt  sei,   fragt   dieser  zurück:  Aber  Du?     Gewiß,   lautet   die 
Antwort,    meine  Hände    sind  rein.     Aber  nicht  der  Sinn,    ent- 
gegnet   Orestes   (Eur.  Or.  1602 ff.).     Dieser  Rückgriff   von   der 
Handlung  auf  die  dahinterstehende  Gesinnung  war  längst  durch 
die    EntwicklunfT     einer    verfeinerten    Sittlichkeit    vorbereitet. 
Jetzt    trat    ein    ausschließlich    rational    gerichtetes    Denken   in 
offenen  Gegensatz  /u  den  überlieferten  kultischen  Begriffen. 

Obwohl  es  sich  nicht  bündig  beweisen  läßt,  werden  wir  der 
Wirkung  dieser  Polemik  einen  wesentlichen  Anteil  daran  zu- 
schreiben müssen,  daß  nun  die  Rücksicht  auf  Absicht  und  Ge- 
danken des  Täters  auch  in  der  offiziellen  Religion  sich  geltend 
macht.  Daß  die  Not  in  der  zweiten  Hälfte  des  Peloponnesi- 
schen  Krieges  neue=!  intensiveres  religiöses  Leben  erweckte 
(v.  Wilaraowitz,  Griech.  Tragödien  HI  293),  mag  dabei  mit- 
gewirkt haben.  Man  ermißt  den  Absland  von  den  Anschau- 
ungen noch  der  Aischjleischen  Zeit,  wenn  es  in  dem  Peephisma 
des  Demophantos  (Herbst  410)  heißt,  der  Tyrannenmörder 
ööiog  edTco  xal  (vayi'jg  und  die  Bürger  sich  durch  einen  Eid 
verpflichteten,  ihn  für  kultisch  rein  zu  erachten  (Andoc.  1,  96  f., 
vgl.  die   Inschrift   von   Kyme  B. CIL  37,    1913,  157  mit  ahn- 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechischen  Religion  285 

lieber  Formel).  Bei  Thukydides  hören  wir,  im  Gegensatz,  zu 
der  geläufigen  Sitte  (Eur.  Ion  1314.  Polyb.  IV  35,  3),  daß  die 
Altäre  nur  für  d%ov6ia  aaaQxt)^ata  Schutz  gewähren  (Thuk. 
IV,  98,  6).  Die  aus  dem  Ende  des  5.  Jh.  stammende  Laby- 
adeninschrift  macht  zu  der  herkömmlichen  Formel  der  Selbst- 
verfluchung beim  Eide  den  bezeichnenden  Zusatz  al  d'  ecptoQ- 
xeoiiiL  [-Fslxchv  (Solmsen,  LG.  adinl.  diaL  sel.^39  A  17  nach  der 
Revision  Bourguets  Rev.  Et.  Gr.  26,  1913,  106);  also  nur  der 
beabsichtigte,  mit  freiem  Willen  geleistete  Meineid  fällt  unter 
den  Flucb.  „Verzeihlich  ist,  was  im  Kriege  und  im  Zwange 
der  Not  gescbiebt,  aucb  vor  Gott"  (Thuk.  IV,  98,  6).  Bald 
treten  solche  Unterscheidungen  sogar  im  Rahmen  von  Kulto"esetzen 

O  CD  O 

auf  (A.  Wilhelm,  Ost.  Jh.  14,  1911,  201  ff.)-  Der  Mystenchor 
der  Fröscbe  stellt  den  Ungeweihten  und  den,  der  unreinen 
Sinnes  ist,  nebeneinander  (Ar.  Ran.  355).  Am  Eingang  des 
in  der  erste a  Hälfte  des  4.  Jh.  erbauten  Heiligtums  von  Epi- 
dauros  las  Theopbrast  die  Inschrift  ayvevsiv  iövl  cpQovalv  oßiu 
(Theophr.  ap.  Porph.  de  abst.  II  19)^,  ein  Thema,  das  die  Epi- 
gram matik  der  Folgezeit  nicht  müde  wird  zu  variieren  (0.  Wein- 
reich, Sber.  Heidelb.  Ak.  1919,  no.  16,  64).  Damit  ist  Sünde 
in  erster  Linie  zu  einem  Febl  der  Gesinnung  geworden  und 
so  die  Kluft  überbrückt,  die  den  ethischen  und  kultischen 
Scbuldbegriff  trennte,  seit  der  erstere  an  Stelle  der  Erfolgs- 
haftung eine  Wertung  der  Motive  gesetzt  hatte.  Naturgemäß 
wirkten  auch  hier  die  alten  Vorstellungen  noch  mannigfach 
nach,  nicht  nur  in  gedankenlos  weitergefülirten  sprachlichen 
Wendungen  oder  bei  Leuten,  wie  dem  dsiatdaCacov  Theophrasts 
(Char.  16,  9).  Ja,  es  bildete  sich  in  den  Kultgesetzen  sogar 
eine  peinlich  genaue  Kasuistik  aus,  die  nach  der  Schwere  der 
Befleckung  die  äyvEiai  abstufte.     Eine  Anspielung  des  Aristo- 


^  Urlichs  Zeitschr.  f.  d.  hayer.  Gymnasialiv.  28,  1892,  582  hat  gesehen, 
daß  das  von  Theophrast  gelesene  Epigramm  durch  den  Xeubau  des 
Hieron  von  Epidauxos  datiert  wird.  Über  seine  Zeit  die  Literatur  bei 
Fränkel  zu  I.  G.  IV  p.  338. 


286  ^"^^  Latte 

pliaues  im  Frieden  (162  f.)  berechtigt  uns,  derartige  Vorschriften 
bereits  für  das  5.  Jh.  vorauszusetzen,  obwohl  inschriftlich  er- 
haltene erst  seit  dem  2.  Jh.  vorliegen.^  Auch  in  ihnen  macht 
sich  bezeichnenderweise  immer  stärker  eine  Berücksichtigung 
des  ethischen  Momentes  geltend,  in  der  Unterscheidung  zwi- 
schen ehelichem  und  außerehelichem  Geschlechtsverkehr  i^SylL' 
982,4;  Syll.=*  983,  14.  Keil  -  Premerstein,  3.  Reise  n.  154,  4. 
0.  W.inreich,  Sber.  Heidelb.  Ak.  1919,  16,  60  i?  92)  und  in 
dem  liäufig  vorangestellten  Gebot,  einzutreten  x^^Q^S  ^c^t- 
yvco(ii]v  y.ad-agovs  xccl  vyislg  xai  ^rjÖev  ccvrolg  ösivbv 
öwsLÖÖtag  (Sjll/983,  4,  ähnlich  LG. IP  1665,  26.  Iü66,  12. 
Bull.  Ac.  Dan.  1914,  67,  vgl.  Lobeck,  Aglaoph.  15). 

II 

Der  alte  Sündbegriff  in  allen  seinen  Formen  war  durch 
rationale  Vorstellungen  ersetzt,  Sünde  ein  subjektives  Ver- 
schulden geworden,  für  das  der  Täter  die  Verantwortung 
trug.  Aber  noch  immer  sah  man  darin  wesentlich  die  Folge 
mangelnder  Einsicht;  jetzt  eben  machte  die  Philosophie,  Demo- 
krit  (frg.  93 D.)  so  gut  wie  Sokrates  und  seine  Schüler,  diese 
Auffassung  zum  Eckpfeiler  ihrer  wissenschaftlichen  Ethik.  Da- 
bei kam  jedoch  die  für  religiöses  Schuldgefühl  so  wesentliche 
Erkenntnis  zu  kurz,  daß  Leidenschaft  alle  vernünftigen  Er- 
wägungen überwältigt  (Eur.  Med.  lOT'J.  flipp.  380 ff.).  Die  Er- 
fahrung, daß  Einsicht  und  Verstand  doch  nicht  die  siegreiche 
Kraft  besaßen,  den  menschlichen  Willen  gegen  Versuchung 
und  Anfechtung  zu  stählen,  machte  sich  in  immer  höherem 
Maße  bei  einem  Geschlechte  geltend,  das  mit  der  Erbschaft 
einer  reichen  Kultur  auch  die  Verfeinerung  des  Seelenlebens 
überkommen   hatte,    die    der  Ausprägung  starker  Wiüensmen- 


'  Eine  Liste  Keil  -  Preraeratein  Ber.  üb.  e.  :J.  Reise  usw.  (Denkschr. 
Wien.  Ak.  54  [1911]  2)  S.  83.  Nachträge  ds.  Her.  üb.  r.  3.  Reise  (Denkschr. 
Wien.  Ak.  57  [1915]  1)  103.  Dazu  noch  Merlin  CR.  Ac.  Inscr.  1916,  265 
(mir  nicht  zugänglich). 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechisclien  Religion  287 

sehen  nicht  günstig  zu  sein  pflegt.  So  mußte  Sünde  aus 
einem  Irrtum  des  Verstandes  zu  einer  Schwäche  des  Willens 
werden.  Mit  voller  Deutlichkeit  zeigt  sich  diese  Verschiebung 
des  Akzentes  an  dem  Wort  a^ua^tCa.  Noch  in  dem  mann- 
haften Bekenntnis  zur  unterlegenen  Politik,  das  die  Athener 
den  bei  Chaironeia  Gefallenen  aufs  Grab  setzten,  ist  es  in  dem 
älteren  Sinne  (oben  S.  272)  gesagt:  {irjösv  anaQtsiv  eötl  Q^s&v 
xal  Tccivxa  naroQd-ovv  (Dem.  18,  200).  Aber  wenn  die  helle- 
nistische Zeit  das  hier  zugrunde  liegende  Sprichwort  avd-QOTtog 
hv  i]}iaQrov  zur  Entschuldigung  erotischer  „Fehltritte"  im 
Munde  führt  (Herond.  5,  27.  Petron.  130,  1,  vgl.  49,  6,  ähnlich 
vielleicht  schon  Men,  frg.  493  K.),  so  spricht  daraus  die  läß- 
lichere Auffassung  einer  Zeit,  die  nicht  mehr  den  Mut  und 
die  Kraft  hatte,  unbedingt  zu  den  eigenen  Taten  zu  stehen 
und  sich  deshalb  gern  hinter  der  allgemeinen  Schwäche  der 
Menschennatur  verschanzte.  In  welchem  Grade  die  intellek- 
tuelle Färbung  dem  Wort  cciiUQtdvsiv  verloren  ging,  zeigt  die 
„Friedenskundgebung"  Euergetes  II,  die,  um  eine  umfassende 
Wendung  für  alle  Delikte  zu  gewinnen,  ayvo}]^ara  gerade 
durch    äiiuQTri^aTd,    ergänzt.^     Freilich,    der    ethische    Intellek- 


1  P.  Teb.  I  5,  3.  zuletzt  P.  M.  Meyer  Jur.  Pap.  69,  wo  Parallel- 
stellen und  Literatur  zusammengestellt  sind.  Ob  man  freilich  nach 
diesem  Erlaß  eine  Einteilung  der  Delikte  des  Ptolemäiachen  Strafrechts 
in  ayvorniaTu  und  änaQxrjfiara  vornehmen  darf  j  wie  R.  Taubenschlag 
Straf)-,  im  Rechte  d.  Pap.  7  nach  Vorgang  Wengers  Arch.  Pap.  II  484 
versucht  hat,  läßt  das  seit  Wengers  Aufsatz  vermehrte  Material  über 
ayvostv,  das  Taubenschlag  nicht  berücksichtigt  hat,  als  sehr  fraglich 
erscheinen.  ccyvosZv  ist  zivilrechtlich  durchweg  Unkenntnis  der  die 
Rechtswidrigkeit  bedingenden  Tatsache,  sowohl  bei  Privaten  (P.  Ox.  II  25 
col.  8,  36.  P.  Ox.  VII  1027,  11)  wie  bei  Behörden  (P.  Ox.  IX  1188.  B.  G.  U. 
n  619,  4).  Die  Unkenntnis  kann  fahrlässig  sein,  aber  in  dem  Wort 
liegt  an  sich  viel  eher  eine  Milderung  und  Enfschuldigung;  so  ist  es 
an  der  m.  W.  einzigen  Stelle  außer  dem  Amnestieerlaß  gebraucht ,  die 
es  in  Gegensatz  zu  äaaQrUc  stellt:  P.  Ox.  VIII  1119,  wo  ein  a^icpoSoyQu^' 
ILccTsvg  unberechtigt  Antinoiten  zu  einer  Liturgie  hat  heranziehen  wollen 
und  sich  nun  entschuldigt  ärrl  r^g  äuajprt'a?  äyvoiag  TtQOffaoiv  vtcotsi- 
(i7}6d(isvog.   Als  technische  Deliktsbezeichnung  begegnet  es  nirgends.  Des- 


288  K\iit  Latte 

tualismus  lag  zu  tief  im  Charakter  des  hellenischen  Denkens 
begründet,  als  daß  die  alte  Bedeutung  gänzlich  hätte  schwinden 
können  (vgl.  z.  B.  Polyb.  II  7,  2);  noch  bei  dem  Valentiniauer 
Heiakleon  ist  die  Natur  des  Teufels  Irrtum  und  Nichtwissen 
(frg.  44  Brooke). 

Die  Götter  des  ^'olksglaubens  rücken  in  hellenistischer  Zeit 
in  unendliche  Ferne  und  verblassen.  Nicht  nur,  daß  strengere, 
vernunftgemäß  Iconstruierte  Yorstellunj^en  vom  Wesen  des 
Göttlichen  ihren  Gestalten  die  naive  Bestimmtheit  nahmen,  die 
sie  früheren  Jahrhunderten  vertraut  gemacht  hatten,  —  die 
Menschen  verlernten  es,  ihr  persönliches  AVirken  in  allem  Ge- 
schehen sinnfällig  zu  erleben,  seit  die  Fortschritte  der  Wi.ssen- 
schaft  dazu  geführt  hatten,  dem  natürlichen  Zusammenhang 
der  Erscheinungen  nachzugehen.  Es  ist  mehr  als  die  Redens- 
art feiler  Schmeichler,  wenn  es  in  dem  Liede  auf  Demetrios 
Poliorketes  heißt:  Die  anderen  Götter  weilen  fern  oder  hören 
uns  nicht,  vielleicht  auch  gibt  es  sie  gar  nicht  oder  sie  küm- 
mern sich  nimmer  um  uns  (carni.  pop.  46,  15  Bgk.,  Athen. 
VJ,  253 e,  vgl.  den  verwandten  Ausspruch  des  Demokies,  Athen. 


h;ilb  wird  man  in  dem  Erlaß  des  Enf^rfjrete.s  eher  einen  möpflichst 
umfassend  frewilhlteu  Ausdruck  für  alle  strafljaren  ITandlunfren  als  eine 
dem  materiellen  Recht  entsprechende  J^inteilunj^  erblicken  müsBcn.  Sehr 
charakteristisch  ist  eine  lydische  Inschrift  Keil -Premerstein  JJenkschr. 
Wien.  Ak.  54,  1911,  2  nr.  "JOS;  Stoinleitner  U.  Beicht,  DisH.  München 
1913  nr.  3:  Hermofifenes  hat  eine  Garantie  für  Schafe  übernommon 
{■/Ev6(itvog  tixavodÖTi]g,  zur  IJedeutunfj  v^l,  Mitteis  zu  /'.  Leipz.  32,  16 
=  P.  Sfraßh.  41,  51,  sowie  B.G.  U.  IV  11H9).  Offenbar  bei  einem  Prozeß, 
ob  er  zur  Leistunj?  aus  diesem  Rechtsverhältnis  verpflichtet  ist,  wird  er 
vernrteilt,  einen  Kid  zu  leisten,  (li)  nnodsdcoKcvs  rä  TTgößara  .  .  .  &yvo- 
i)r,ag  ovv  ö  'Epfioytir/g  Mitoasv  toi-  9<6v  (Z.  5).  llermorrcnes  mußte 
wissen,  ob  er  sich  etwas  hatte  zuschulden  kommen  lassen,  was  als 
Nichterfüllung  seiner  Pflicht,  sich  um  die  Schafe  zu  kümmern,  anzu- 
sehen war.  F^in  fahrlässiger  Falscheid  kommt  also  nach  der  Sachlage 
nicht  in  Frage;  in  äyro-qöug  li<^gt  lediglich  ein  psychologisch  begreif- 
liches, aber  unberechtigtes  Bestreben,  die  Schwere  seiner  Schuld  in  dem 
Augenbücke,  du  er  sie  renig  bekennt,  herabzumindern,  genau  wie  bei 
dem  Distriktsschreiber  der  Oxyrrbynchos-Papyri. 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechischen  Religion  289 

YI  250a).  Bei  Menander  (Epitrepontes  544,  vgl.  frg.  759 K.) 
und,  freilich  etwas  anders  gewandt,  bei  Kerkidas^  kommen 
ganz  ähnliche  Stimmungen  zu  Wort,  und  die  Götterlehre  Epi- 
kurs  findet  dafür  den  philosophischen  Ausdruck.  Selbst  die 
Durchschnittsmenschen  der  neuen  Komödie  weisen  gelegentlich 
die  Berufung  der  Ratlosigkeit  auf  himmlische  Hilfe  mit  einem 
kurzen  „Torheit"  ab  (Plaut.  Bacch.  638a.  Ter.  Heaut.  1038), 
ohne  daß  sie  dadurch  besonders  als  Gottesleugner  charakteri- 
siert werden  sollen.  Der  blinde  Zufall,  die  Tyche,  regiert  alles 
Geschehen  auf  Erden  (Wendland,  Hell.-röm.  Kultur»  104,  2). 
Unberechenbar  und  sinnlos  wie  ein  Würfelspiel  erscheint  den 
Menschen  das  Geschick,  das  heute  erhöht  und  morgen  stürzt. 
Die  Aufgabe  des  Mannes  kann  gegenüber  den  Ereignissen  des 
Lebens  nur  sein,  sich  die  innere  Unabhängigkeit  zu  wahren; 
im  Unglück  eine  Strafe  der  Götter  zu  erblicken,  fällt  niemand 
bei.  Eine  Abgrenzung  der  Macht,  die  Tyche  im  Dasein  ein- 
nimmt, so  gut  wie  eine  Ablehnung  der  alten  Gleichung  von 
Unheil  und  Schuld  klingt  aus  den  Worten  des  aufgeklärten 
Dichters:  tö  d'  atvx^lv  r)  tö  ^ij  dsbg  dCdcoöiv,  ov  tqoxov  VO"' 
^ciiaQtCa  (Men.  IV  197,  1  M.,  425  K.,  vgl.  IV  189,  2  M.,  187  K.). 
Der  Rausch  der  ersten  Diadochenzeit,  der  kräftigen  Naturen 
unbegrenzte  Wirkungsmöglichkeiten  zu  geben  schien,  verflog; 
immer  fühlbarer  wurde  der  wirtschaftliche  und  politische  Nieder- 
gang. Der  einzelne  rang  vergebens,  von  neuem  in  enge  Kreise 
gebannt,  wider  die  Not  des  täglichen  Daseins,  und  hoffnungs- 
lose Resignation  bemächtigte  sich  der  Herzen.  So  war  der 
Boden  für  die  Aufnahme  der  von  Babylon  her  siegreich  vor- 
dringenden astrologischen  Religion  bereitet.  Die  launische 
Tyche  wandelt  sich  zur  unerbittlichen  sl^aQiisvrj,  zu  einem 
ehernen  Gesetz,   nach  dem  das  Geschick  der  Menschen  so  gut 

^  1,  13  V.  Wilamowitz  Berl.  Sber.  1918,  1154  [i^noT'  ovv  6  rag  JUag' 
öqpO-aXftog  aTt£6Tialäv.(otai,  .  .  .  xai  ©e/iig  a  Intaga.  -Kaxuxlvatai;    n&g  Icxi 
dai(iovsg    ovv    toi    fiTjr'  axovav  fiT^r'  OTCav  Ttsna^dvoi;    32  Xmiov  (is&ensv 
tcsqI  rovrcov  totg  (isrewQoöocpiaralg.     Vgl.  Pasquali  Orazio  lirico  219f. 

Archiv  f.  BeligionawiSBenBchaft  XX.  3/4  19 


290  *^^^*  J'-^tte 

wie  der  Gang  der  Gestirne  abrollt.  Nicht  Opfer  noch  Gebet 
■vermögen  das  Verhängte  /u  wenden  (Sen.  JN7f/.  quaest  II  36. 
Yett.  Val.  V  9  p.  220,  28  Kroll).  Als  Dienerinnen  der  sl^aQ^i^vrj 
walten  zwei  Mächte  im  Leben,  ^ElTcCg  und  TvxV-^  Während 
die  eine  trüglich  jedem  lacht  und  doch  bei  niemand  verweilt, 
erhebt  und  vernichtet  die  andere  in  jähem  Wechsel;  betrogen 
und  enttäuscht  von  beidem  müssen  sich  die  Menschen  dein 
Schicksal  fügen;  aussichtslos  ist  jeder  Versuch,  ihm  zu  ent- 
rinnen. In  blindem  Gehorsam,  wie  ein  Soldat,  die  Befehle  des 
Schicksals  hinzunehmen,  ist  das  einzige,  was  uns  bleibt  (Vett. 
Val.  a.  0.  219,  26ff.Kr.).  Mit  grausamer  Folgerichtigkeit  läßt 
dieser  Glaube  auch  die  Sünde,  wie  überhaupt  den  Charakter, 
determiniert  sein.  Das  Zusammenwirken  von  Saturn,  Mars 
und  Merkur  macht,  daß  die  Menschen  elg  dsovg  ßXaöipmiovöiv 
tJ  enioQxoi  xal  ä&aoi  y.ad-Cötavtat  (Vett.  Val.  I  22  p.  44,  4  Kr.). 
Von  den  Planeten  kommen  überhaupt  die  ihrem  Wesen  ent- 
sprechenden Laster  (Serv.  Aen.  VI  714,  vgl.  Reitzenstein,  Poim. 
53.  77,  2.  231.  J.  Kroll,  D.  Lehren  d.  Hermes  Trismegistos 
IBeitr.  z.  Gesch.  d.  Phil.  d.  Mittelalters  12,  1914J  297  fl'.).  Die 
durch  das  rjanze  Mittelalter  herrschende  Auswahl  der  7  Tod- 
Sünden  und  ihre  Verbindung  mit  den  Gestiruen  geht  auf  diese 
Anschauungen  zurück  (M.  Gothein,  Arch.  Rel.-Wiss.  10,  1907, 
416).  Wollte  man  eine  Begründung  dafür,  daß  trotzdem  alle 
Schuld  ihre  Strafe  fand,  so  blieb  nur  die  Rückkehr  zu  dem 
objektiven  Sündenbegriff  in  seiner  schroffsten  Form :  non  rcfert, 
scdus  unäe  radit,  scelns  osse  fatendum  est  formuliei-t  es  Mani- 
lius  (JV  117)  nach  stoischer  Lehre.  Aber  dieser  Glaube  war 
überhaupt  der  Entwicklung  eines  starken  Schuldgefühls  nicht 
günstig;  in  dem  unfiiitrinnbaren  Zwange  lag  eine  Entschuldi- 
gung,   die    mit    der  Freudigkeit    zum  Entschluß   auch  das  Be- 


'  'Einig  und  Tvxt]  als  die  betörenden  Mächte  des  äußeren  Lebens 
auch  in  der  Epipratnmatik  A.  P.  IX  49.  Si^cs  tu)d  Necessitas  begleiten 
die  Fortuna  des  Horaz  c.  I  35,  17  ff.  Vettius  V.alens  führt  also  einen 
der  hellenistischen  Zeit  geläufigen  roTtog  ans. 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechischen  Religion  291 

wußtsein  der  Verantwortung  ertötete.  Der  Ruf  nach  Erlösung 
von  der  Heimärmene,  der  fortan  die  treibende  Kraft  der  helle- 
nistischen Religiousentwicklung  ist,  gilt  viel  mehr  der  Befrei- 
ung von  Übeln  der  Umwelt  als  von  der  eigenen  Sünde.  Nicht 
die  Menschen,  sondern  die  Elemente  klagen  in  der  Köqtj 
xöö^ov  vor  dem  höchsten  Gott  über  Verunreinigung  durch 
das  sündige  Treiben  der  Welt  und  fordern  Entsühnung  (Stob,  I 
p.403,  15  W.,  vgLBousset,  Arch.  Kel.-Wiss.  18,  1915,  166f.). 
Wenn  diese  Epoche  dennoch  von  einem  steigenden  Gefühl  der 
eigenen  Sündhaftigkeit  durchdrungen  ist,  so  liegt  der  Grund 
dafür  in  der  veränderten  Stellung  zu  Gott  uiid  Welt,  welche 
die  Menschen  gewonnen  haben. 

Ein  starker  Intellektualismus,  verbunden  mit  der  aus- 
gesprocheneu Diesseitigkeit  der  hellenischen  Volksreligion,  hatte 
die  Sündenvorstellung,  wie  wir  sahen,  voEstäudig  auf  das 
ethische  Gebiet  hinübergedrängt.  In  den  Beziehungen  zu  den 
Mitmenschen,  nicht  in  der  unmittelbaren  Beleidigung  Gottes, 
sieht  mau  in  erster  Linie  die  Auswirkung  irreligiösen  Sinnes. 
Sehr  bezeichnend  für  diese  Richtung  sind  die  kürzlich  ge- 
fundenen Satzungen  eines  Privatheiligtums  in  Philadelphia 
(Svll.3  985.  0.  Weinreich,  Sber.  Heidelb.  Ak.  1919,  16).  Die 
neuen  Gebote,  die  der  Stifter  von  Zeus  selbst  empfangen  hat, 
und  denen  gegenüber  die  bisherigen  Opfer  und  Reinheitsvor- 
schriften kurz  abgetan  werden  (Z.  12),  sind  ausschließlich  sitt- 
licher Natur:  vor  dem  Eintritt  in  das  Heiligtum  schwören  die 
Kultgenossen,  weder  Giftmord  noch  Zauberei,  weder  Totschlag 
noch  Raub  begangen  zu  haben.  Dazu  kommen  sehr  strenge 
Keuschheitsgebote,  die  dem  Mann  sogar  den  Umgang  mit  der 
verheirateten  Sklavin  untersagen  (16  ff.}.  Gewiß  ist  die  Ethik 
hier  in  die  religiöse  Sphäre  gerückt ;  nicht  ein  autonomes 
Sittengesetz,  sondern  der  ausgesprochene  Wille  Gottes  drückt 
der  Tat  ihren  Stempel  auf:  6  dsbg  yccQ']  tavxa  ov  ßovXerat, 
yivsöd-ai  ß^jd^a^ag  (Z.  45  .  Aber  im  Grunde  kam  doch  das 
eigentlich   religiöse  Leben  bei  solchen  Anschauungen  zu  kurz, 


o 
19  = 


292  ^"'^  Latte 

Religion  erscheint  fast  zu  einem  bloßen  Antrieb  irdischer  Sitt- 
lichkeit  herabgedrückt. 

In  Philadelphia  haben  einmal  griechische  Gedanken  eine 
orientalische  Gemeinde  hellenisiert;  der  Kult  gehörte  ursprüng- 
lich der  Agdistis  (Z.  50.  Keil-Premerstein,  Deukschr.  Wien.  Ak. 
57,  1,  19).  In  der  Regel  waren  es  jedoch  umgekehrt  die 
orientalischen  Religionen,  die  den  hellenischen  Kultformen 
neuen  Inhalt  gaben.  Hatte  in  Griechenland  der  ethische  Schuld- 
begriff den  kultischen  zu  sich  herübergezogen,  indem  die  schuld- 
lose Tat  auch  kultisch  rein  geworden  war  (S.  284),  so  fehlte 
dem  Orient  eine  selbständige  Ethik  überhaupt.  Vergehen  aus 
ganz  verschiedenen  Stufen  der  religiösen  Entwicklung  waren 
hier  zu  einer  Einheit  zusammengefaßt,  Verstöße  gegen  Tabu- 
vorschriften und  sittliche  Verbrechen  machten  in  gleicher  Weise 
unfähig,  Gott  recht  zu  dienen,  und  riefen  seine  Strafen  auf  die 
Schuldigen  herab.  Eine  kasuistische  Scheidung  zwischen  un- 
sühnbarer  und  läßlicher  Sünde,  von  der  wir  gelegentlich  hören 
(z.  B.  Porph.  abst.  IV  10  p.  244,  24 N.-),  war  wohl  unter  grie- 
chischem Einfluß  von  den  Priestern  vollzogen  und  auf  die 
breite  Masse  ohne  Wirkung.  Vor  allem  aber  war  die  Auffas- 
sung der  Sünde  als  einer  körperlichen  Befleckung  in  ihnen 
niemals  entschieden  überwunden  worden,  entsprechend  der  viel 
geringeren  Vergeistigung,  welche  diese  Kulturen  erfahren  hatten. 
Völlig  unberührt  von  epekulativen  Elementen  begegnen  uns 
solche  Anschauungen  bei  den  wegen  ihres  Köhlerglaubens  be- 
rufenen Kleinasiaten  (Dio  Prus.  34,  5  p.  317,  16  Arn.)  noch  im 
2.  Jh.  der  Kaiserzeit  auf  den  sogenannten  „Beichtinschriften". ^ 
In  ihnen  legt  der  Sünder  reumütig  ein  öffentliches  Geständnis 
seiner  Schuld  ab,  um  dadurch  der  Gnade  der  Gottheit  wieder 
teilhaftig  zu  werden.  Ein  ganz  primitiver,  „objektiver"  Sünd- 
begrifi"  liegt  hier  vor.    Selbst  die  erzwungene  Tat  heischt  ihre 

'  rfegammelt  bei  St>-inleitner  Die  Beicht  im  Zuaammenhavge  mit 
der  sakralen  Rechtspflege  der  Antike.  Diss.  Münclien  1913.  Nachträge 
0.  Weinreicb  L.Z.  19U,  2Gf.    Latte  Heiliges  Hecht  82,57. 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechischen  Religion  293 

Sühne  (Steinleitner  a.  a.  0.  n,  22),  so  gut  wie  die  unabsichtlicli 
(xttT  äyvoiccv  n.  14)  oder  unbewußt  (^|  sid6r(ov  xal  fiij  sldörcov 
n.  11)  begangene,  Meineid  (n.  3,  vgl.  oben  S.  288A.,  n.  6.  8)  oder 
Schmähung  eines  Menschen  (n.  10)  und  Gewalttat  (n.  9)  rufen 
die  göttliche  Strafe  ebenso  herab  wie  bloße  kultische  Ver- 
gehen (n.  13.  26.  29).  Ungesühnte  Schuld  vererbt  sich  auf 
die  kommenden  Geschlechter  (n.  6.  7).  Jeglicher  Wertunter- 
schied zwischen  den  einzelnen  Vergehen  ist  unbekannt;  der  in 
Unglück  und  Krankheit  sich  offenbarende  Götterzom  stempelt 
sie  alle  gleichermaßen  zu  religiöser  Schuld.  Darin  liegt  bei 
aller  Verwandtschaft  mit  dem  ältesten  griechischen  Sünden- 
begriff ein  fundamentaler  Unterschied;  der  Abstand  zwischen 
Mensch  und  Gott  ist  kein  Machtunterschied,  wie  bei  den  Hel- 
lenen, sondern  wird  als  Gegensatz  zwischen  der  Heiligkeit  der 
Ewigen  und  dem  sündhaften  Sterblichen  erlebt.  Demgemäß 
bringt  die  Sünde  nicht  mehr  vermöge  ihrer  Natur  als  be- 
fleckende schädliche  Substanz  Verderben,  sondern  weil  sie  die 
reinen  Götter  beleidigt.  Animistische  Denkformen  wirken  wohl 
in  den  einzelnen  Reinheitsvorschriften  nach,  aber  das  Bewußt- 
sein bezieht  alle  Schuld  durchaus  auf  eine  persönliche  Gott- 
heit. Nicht  zufälliff  geht  von  Kleinasien  in  hellenistischer 
Zeit  auch  der  Wandel  der  Fluchformeln  aus,  der  die  alten 
magischen  Wendungen  endgültig  durch  ein  „er  soll  sündig 
sein  vor  den  Göttern"  (anuQraXbs  eöxco)  und  ähnliches  ersetzt 
(Latte,  Heiliges  Recht  77).  Die  Institution  der  Beichte,  die 
durchaus  unhellenisch  ist^,   lehrt  ferner,    daß    man  ein  starkes 

^  In  Griechenland  kennt  man  den  Zwang  zum  Geständnis  der 
Schuld  nur  als  Demütigung  unter  den  Höllenstrafen  (Plut.  Ser.  num. 
vind.  566  f.),  ähnlich  in  dem  Ordal,  dem  der  tote  Arespriester  einer  un- 
bekannten Gegend  bei  dem  Paradoxographen  P.  Ox.  II  218  col.  2  unter- 
worfen wird.  Hierher  gehört  auch  der  rachsüchtige  Wunsch  auf  kni- 
dischen  FluchtafeLn,  der  Schuldige  möge  nsTtQTjuevog  it,ayoQtvzi,v  (Au- 
doUent  Bef.  tob.  no.  2.  4.  14),  den  Steinleitner  a.  0,  61  f.  irrtümlich  hier- 
her gezogen  hat.  Beichtinschriften  treffen  wir  dagegen  in  Ägypten 
(G.  Röder  Urk.  z.  ägypt.  Bei  [Rel.  Stimmen  d.  Völker  IV]  67  f.),  Sünden- 
bekenntnisse   bei  den  Babyloniern  {Jastrow  Bei.  Bab.  II  71  ff.),  Mandäen. 


294  Kurt  Latte 

Gefühl  der  eigenen  Schuld  hat.     Mißwachs  und   Seuchen  wer- 
den in  diesen  Kreisen  schlechthin  als  ti^coqCu  bezeichnet',  jedes 
Unheil   ist    göttliche  Züchtigung,  xolaöis  (Steinleitner  a.  a.  0. 
passim ),  wie  man  in  allem  Unerwarteten  das  Wirken  der  Götter 
erblickt  (Artem.  onir.  I  6  p.  13,  17  H.).    Darum  quält  den  Un- 
glücklichen,   abgesehen    von    allem  körperlichen  Schmerz,    das 
Gefühl    seiner   Sünde.      „Laß    mich'',   so    spricht   bei    Plutarch 
(superst.  168c)    der    in    solchem    Glauben    Befangene,    „meine 
Strafe    erleiden,    ich    bin    gottlos,   verflucht,  allen  Göttern  und 
Dämonen  verhaßt,"  Das  durch  die  Strafe  geschärfte  Gefühl  des 
eigenen    sittlichen    Unwerts    tritt    in    Gegensatz    zu   der   gött- 
lichen Heiligkeit  und  wird  als  Hindernis  empfunden,  der  Gott- 
heit   überhaupt   zu   nahen.     Neue  Formeln    stellen  sich  neben 
die  althergebrachten  für  religiöse  Schuld,  um  diese  veränderte 
Einstellung    zum    Ausdruck    zu    bringen.      Man    erkennt    die 
Mischung  beider  Elemente,  wenn  die  Ehebrecherin  bezeichnet 
wird  als  ^ivöuiyg  ifKpvUov  TthJQrjs  y^l  ävu^la  ösßaöd-aL  tbv 
&sbv  tovzov  [ßyW  985,36).^     Auf  dem  Boden  solcher  An- 
schauungen   mußte    ein    Sündonbewußtsein    von    ganz    anderer 
Kraft   erwachsen,    als    es    der  fivriöinri^cov  Tcövog  der  Hellenen 

(Brand  Mavd.  Schriften  106),  Manichäern  (Le  Coq  Chnastiianift ,  Abb. 
Herl.  Ak,  1911,  4,  11)  n.  s,  Sie  mögen  ursprünglich  aus  dem  Glauljen 
entstanden  sein,  daß  Aussprechen  vor  dem  reinigenden,  Unheil  bannen- 
den Licht  des  Tages  von  dorn  Bösen  befreit,  wie  man  in  Hellas  schlimme 
Träume  der  Sonne  erzählt  (Soph.  El.  425.  Knr.  I.  T.  43  u.  s.).  So 
beichtete  niiin  in  Peru  der  Sonne  zugewandt  (Molina  Falles  and  liitrs 
ofihe  Incas  22.  Später  wurde  die  Selbsterniedrigung  vor  (iott  als  ihr 
Zweck  empfunden  und  durch  das  äußere  Auftreten  der  Bei<  htenden  ge- 
steigert (Men.  IV  102,  4  M.  544  K.).  Die  in  Samothrake  üidiche  Beichte 
(Plut.  apnpth.  Lac.  217  d.  229 d)  wird   nicht  griechischen  Ursprungs  sein. 

'  B.C.II.  11  (1H87)  381,  ao  Kuirot  tov  xaipov  Ttigl  tovs  nagnovs 
yiüvrag  xal  ntgl  tu  &).la  temo^giav  f;i;oi'Tos  (Stratonikeia  in  Karien, 
unter  Marc  Aurel).  Der  Gedanke  ist  auch  stoisch;  vgl,  Hierokles  b. 
Stob.  I  p.  64  W.  Trächter  lUerohJes  d.  Stoiler  27,  Wendkiul  Jliilos. 
Schrift  üb.  d.  Vorsehung  56, 

5  Man  vergleiche,  wie  [Dem.]  ö9,  86  den  Ausschluß  der  Ehebrecherin 
von  den  Tempeln  im  wesentlichen  mit  ihrer  Befleckung  begründet. 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechischen  Religion  295 

(oben  S.  280)  gewesen,  eine  Reue,  die  nicht  mehr  Furcht  vor 
der  Strafe,  sondern  Trauer  über  den  Verlust  der  göttlicheu 
Gnade  ist.  Demgemäß  gilt  es  als  erste  Pflicht  des  Sünders, 
die  Gottheit  zu  preisen  (evXoysiv),  wenn  ihre  freie  Güte  seine 
Buße  annimmt  (Steinleitner  a.  a.  0.  n.  2.  3.  5.  10.  19  u.  s.); 
eine  mechanisch  wirkende  Reinigung  existiert  nicht  mehr. 

Beinahe  sämtliche  Gedanken,    aus    denen    der    griechische 
Sündenbegriff   seine  Nahrung    zog,    erscheinen    in    der  helleni- 
stischen Mystik   zu    einer  in  sich  widerspruchsvollen  Synthese 
zusammengefaßt.    Die  alte  Vorstellung,  daß  Sünde  etwas  Frem- 
des, durch  irgendwelche  äußeren  Kräfte  Veranlaßtes  sei,    wird 
von    einem    ausgeprägten  Dämonenglauben    ins  Kosmische    ge- 
steigert; sie  ist  zu  einer  widergöttlichen  Macht  geworden,  von 
der  .das   Böse   im    einzelnen    nur  ein  Teil  ist.     Gott  allein  ist 
gut  (Corp.  herm.  6,  3  p.  50,  11  Parthey.   Stob.  I  275,  22  W.), 
der  natürliche  Mensch    aber  durch    seinen    irdischen  Ursprung 
den  Lastern  verfallen,  mögen  diese  nun  ganz  sinnlich  als  Glie- 
der gefaßt    werden  (Reitzenstein,  Hell.  Mysterienrel.-  121,  37), 
als  Anhängsel  (^tQoaagrrj^uta,  Basileides  bei  Giern.  Alex.  Strom. 
II  20  p.  174,  6  St.\  oder  mehr  vergeistigt  als  ein  von  Dämonen 
in  die  Seele    gelegter  Keim  (z.  B.  Corp.  herm.  9,3  p.  62,  1  P.). 
Die  Gottlosigkeit   gibt    diesen   unreinen  Geistern  Gewalt   über 
die  Seele;  sie  verstricken  sie  rächend  in  stets  neue  und  schwere 
Schuld  (Corp.  herm.  1,23.  10,21.      J.  Kroll,  Lehren  d.  Herm. 
Trism.  83 ff.'.     Auch  das    ist   altüberkommene    mystische  Vor- 
stellung   'Z.B.  Polyb.  XXIII  lOff.),    aber    dieselbe  .Stelle    des 
hermetischen  Corpus  (10,  20^  lehrt,  daß  sie  in  diesen  Kreisen 
lediglich    ein  Bild    dafür   war,  daß    die  Qual   und  Unruhe  des 
Schuldbewußtseins  ihre  Strafe  in  sich  trägt  (vgl.  oben  S.  280,  1). 
Jedoch  der  Mensch  unterliegt  diesem  Zwange  wehrlos.    Nicht 
die  eigene  Kraft,   sondern  die  Gnade  der  Gottheit  erweckt  die 
Auserlesenen  zu  wahrem  Leben  und  läßt  sie  das  eine,  was  not 
tut,    erschauen.     Ein    Mangel    an    religiöser   und  sittlicher  Ini- 
tiative haftet  diesen  Vorstellungen  einer  alt  gewordenen  Welt 


296  Kurt  Latte 

an,  die  den  echt  hellenischen  Glauben  an  die  eigene  Tatkraft 
verloren  hatte.  Der  Mensch  erscheint  durchaus  als  der  weib- 
liche empfangende  Teil.  „Entweder  Götter  oder  Dämonen  faßt 
die  Seele  in  sich"  (Porph.  ad  Marc.  21),  sie  ist  wie  ein  Wirts- 
haus am  Wege,  in  dem  rücksichtslose  Bewohner  ihre  Spuren 
hinterlassen  (^Valentinos  b.  Clem.  Alex.  Str.  II  20  p.  175,  3  St.). 
„Aufnehmen,  in  sich  Raum  geben"  (xagelv),  sagt  die  helleni- 
stische Mvstik  besonders  gern  von  der  Vereinigung  mit  Gott 
(Reitzenstein,  Poim.  Index  s.  v.  ;^£D()£i>).  Auch  wo  der  Ver- 
gleich mit  dem  Soldaten  begegnet  (Reitzenstein,  Hell.  Mysterien- 
rel.^  71),  denkt  man  wohl  mehr  an  den  blinden  Gehorsam  als 
an  die  tätige  Mitarbeit  des  „Streiters  Gottes",  aus  der  das 
Gleichnis  ursprünglich  empfunden  war;  das  beweist  der  Soldat 
der  Heimarmene  bei  Vettius  Valens  (oben  S.  290).  Sich  vor- 
bereiten ist  das  einzige,  was  der  Mensch  tun  kann;  wonach 
Tausende  in  heißem  Ringen  vergeblich  streben,  das  wirft  die 
Gottheit  dem  Erwählten  mühelos  in  den  Schoß:  in  der  Gnosis, 
der  religiösen  Gewißheit,  die  unmittelbar  erlebt  wird  und  eben 
darum  jedem  logischen  Beweise  überlegen  ist,  empfängt  der 
Mensch  auch  die  Befreiung  von  der  Gewalt  des  Schicksals 
und  des  Bösen  (Herrn,  b.  Cyrill  in  lul.  IV  p.  701b).  Damit  hat 
über  ihn  die  Sünde  ihre  Macht  verloren  (Corp.  herm.  13,  8  p. 
342,  16  Reitz.,  vgl.  J.  Kroll  a.  a.  0.  82  ff.  362).  Ein  Strahl  des 
göttlichen  Lichtes  vernichtet  alle  Dämonen  in  der  Seele  (Corp. 
herm.  16,  16  p.  853,  10  Reitz.).  Selbst  wenn  er  im  irdischen 
Dasein  noch  der  Verfehlung  unterworfen  bleibt,  berührt  all 
das  doch  sein  wahres  Wesen  nicht  (Corp.  herm.  12,  7  p,  103,  6 
Parthey,  vgl.  Valentinos  Epiph.  Pan.  XXXI  7,  8  p.  397,  10 
HoU,  vgl.  z.  d.  St.  De  Faye,  Gnostiqxrs  et  Gnosticisme  45,  2. 
Iren.  I  6,  2  u.  s.).  Es  ist  nur  folgerichtig,  wenn  in  den  her- 
metischen Schriften  gelehrt  wird,  es  gebe  überhaupt  nur  eine 
Sünde,  die  Gottlosigkeit.  „Denn  alles  andere,  was  die  Men- 
schen unternehmen,  aus  Irrtum  oder  Übermut,  aus  Zwang, 
den  man  Schicksal  nennt,  oder  Unwissenheii  sehen  die  Götter 


Schuld  und  Sünde  in  der  griechischen  Religion  297 

nicht  an,  nur  die  Gottlosigkeit  erhält  ihre  Strafe"  (Corp,  herm. 
16,  11  p.  352,  l2iF.  Reitz.).  Wie  allein  das  mystische  Erlebnis 
der  Vereinigung  mit  Grott  genügt,  den  Menschen  von  aller 
Schuld  zu  reinigen,  so  kennt  diese  Religion  im  Grunde  nur 
eine  einzige  Sünde,  die  Abkehr  von  ihm,  den  Unglauben: 
xaxCa  ilfvx7}s  äyvcoöCa  (Herrn,  ap.  Stob.  I  417,  8  W.,  vgl.  Corp. 
herm.  XI  21\* 

Aber  der  Gott,  den  es  zu  erfassen  gilt,  steht  außerhalb  der 
sichtbaren  Welt  und  im  Gegensatz  zu  ihr;  er  fordert  die  Ab- 
kehr von  allem  Irdischen.  Die  Erdgebundenheit  des  natür- 
lichen Menschen  an  sich  ist  die  Sünde,  die  das  Erleben  der 
göttlichen  Gnade  hindert  (Corp.  herm.  10,  8.  G.  P.  Wetter,  «Jög, 
e.  Untersuchung  üb.  heUen.  Frömmigkeit  [Skrift.  utg.  af.  hum. 
vetensk.  samfundet  17,  1,  Upsala  1917]  31);  in  der  Askese 
sucht  man  sich  von  der  Sinnenwelt  zu  lösen.  So  gilt  nicht 
mehr  die  Verletzung  ethischer  oder  religiöser  Normen,  sondern 
schlechthin  jede  Bejahung  des  Lebens  als  Sünde.  Solche  Strö- 
mungen werden  immer  mächtiger,  je  mehr  aus  dieser  Zeit  die 
Freude  an  der  Umwelt  entschwand.  Gewinnt  doch  jetzt  die  orphische 
Lehre  wieder  Kraft,  daß  der  Mensch  überhaupt  als  Strafauf- 
enthalt der  Seele  für  einen  früheren  Sündenfall  geschaiffen  ist 
(Stob.  I  p.  379.  398,  7  W.).  Die  Materie  an  sich  ist  das  Schlechte, 
die  individuell  moralische  Schuld  verschmilzt  mit  ihr  zu  einer 
großen  Einheit,  die  der  übersinnlichen  Welt  des  Guten  und 
Heiligen  gegenübersteht.  Die  Gleichung  von  vli^  und  xaxov 
ist  in  der  Philosophie  zuerst  von  den  Neupythagoreern  aus- 
gesprochen (E.  Schröder,  Plotins  Abh.  nö&sv  tä  xaxd,  Diss. 
Rost.  1916,  50).  Wie  wir  sahen,  gelangte  auch  die  religiöse 
Entwicklung  zu  einer  ähnlichen  Ausweitung  des  Begriffs;  beide 
trafen  sich  in  der  Geringschätzung  des  Diesseits  und  damit 
auch    aller    tätigen  Moral,     djiixov   aal    Kvxiypv  ist  das  Leit- 

•  Nur  gelegentlich  wird  daneben  auch  das  eigene  sittliche  Handeln 
betont:    Corp.  herm.  10,  19   ccywv   tvaeßsiag  rb   yv&vai   &e6v   xal   fn^deva 


298     ivnrt  Latte     öcbukl  und  Sünde  in  der  griechischen  Religion 

motiv  dieser  Jahrhunderte,  mag  auch  die  alte  hellenische  Lebens- 
freudiirkeit  unter  dem  Einfluß  des  Poseidonios  oder  bei  Plotin 
noch  selecjentlich  anklingen.  Gerade  Plotin  wird  durch  seinen 
Glauben  an  die  alleinige  Existenz  des  Guten  in  der  Welt  da- 
zu gedrängt,  die  Materie,  die  7Aigleich  auch  das  Schlechte  ist, 
zu  einer  bloßen  Negation  herabzudrücken  (Ennead.  J  8,  3). 
Diese  weltflüchtige  Stimmung  mußte  mit  aller  Freude  au  ak- 
tivem Handeln  auch  den  Antrieb  zu  einem  selbständigen  Kampf 
mit  der  allgewaltigen  Macht  des  Bösen  ersticken.  Das  Christen- 
tum  übernimmt  zunächst  die  Stellung  zu  der  Welt  und  in 
seiner  Theologie  auch  die  dogmatischen  Folgerungen  für  den 
Sündenbegriff.  Aber  indem  vor  allem  bei  Paulus  eine  aus- 
schließlich moralische  Sündenvorstelluug  sich  klar  von  allem 
übrigen  Unheil  sondert  und  der  göttliche  Gnadenakt,  der  die 
menschliche  Schuld  und  Schwäche  bedeckt,  in  den  Vorder- 
grund rückt,  wird  die  Erlösung  von  dem  Übel  in  erster  Linie 
zur  Vergebung  der  Sünde.  In  diesem  Sinne  ist  sie  bei  den 
meisten  Gnostikern  so  gut  wie  in  der  Großkirche  das  zentrale 
Problem.  Trotz  aller  Ansätze  hatte  das  Heidentum  eine  klare 
Ausprägung  dieses  Gedankens  nicht  erreicht.  Die  neue  Reli- 
gion verdankte  ihm  einen  wesentlichen  Teil  ihrer  werbenden 
Kraft. 


Der  Krieg  in  der  griecliisclieii  Keligioii 

Von  Friedrich  Sehweiin  in  Grüstro^ 

I   Der  heilige  Speer 

Von  den  Gewalten  übersinnlicher  Art,  die  im  Kriege  auf 
das  Schlacbtenlos  von  Einfluß  sein  können,  gibt  uns  eine  un- 
scheinbare Notiz  bei  Plutarch  Kunde:  die  thebanischeu  höch- 
sten Beamten  hätten  stets  ein  ööqv  bei  sich  geführt,^  Man 
könnte  das  für  eine  Übertragung  aus  der  Kriegszeit  in  den 
Friedenszustand  halten,  als  Ausdruck  dessen,  daß  der  büro-er- 
liehe  ccQxcov  bei  dem  „Volk  in  Waffen''  zugleich  Heerführer 
war.  Erinnert  man  sich  indessen,  daß  der  Stab,  den  Könio-e 
und  Herolde  trugen,  einst  religiöse  Bedeutung  hatte ^,  so  wird 
man  geneigt  sein,  auch  in  dem  heiligen  Speer  der  Thebaner 
einen  ähnlichen  Sinn  zu  suchen.     Wie  ist  das  möglich? 

Der  religiöse  Wert  einer  Waffe  kann  nur  auf  ihrer 
Menschen  vernichtenden  Kraft  beruhen.  Damit  wird  sie  zu- 
nächst von  einem  Einzelnen  magischen  Zwecken  dienstbar 
gemacht:  bei  seiner  Waffe  legt  der  griechische  Krieger  gleich 

^  Freilich  ist  bei  dem  Wort  Söqv  Vorsicht  anzuwenden,  da  es  in 
einem  anderen  von  Tümpel  PTFII  6J8  angezogenen  Falle  und  bei 
Paus.  IX  40,  11  allem  Anschein  nach  nur  „Balken"  bedeutet.  Wenn  öoqv 
ursprünglich  „Baum",  „Balken"  bedeutet  (vgl.  i/.  II 135;  III 61;  OdVI167; 
VIII  507  u.  a.,  verwandt  mit  dgvg  und  ögyrö^iog  =  Holzhacker),  so 
braucht  das  6y.T]ixrQov  des  Zeus  durchaus  nicht  als  Waffe  aufgefaßt  zu 
werden.  Vgl,  Diels  Die  Scepter  der  Universität  Berl.  Rektoratsrede  1905 
S.  11.  —  Doch  wird  Plutarch  a.  a.  0  bei  dem  thebanischen  66qv  ent- 
sprechend der  damals  all  gemein  üblichen  Bedeutung  des  Wortes  wirk- 
lich an  eine  Waffe  gedacht  haben.  —  Über  den  ganzen  Gedankenkreis 
vgl.  H.  Usener  Götternamen  285;  de  Visser  Die  nicht  menschengestaltigen 
Götter  d.  Grüxhm,  1903;  Deubner,  d.  Archiv  VIII  1905  Beiheft  72  ff. 
Auch  K.  Tb.  Preuß  Die  geistige  Kultur  d.  Naturvölker  1911,  S.  26. 

2  Diels  a.a.O.  S    6 ff. 


300  Friedrich  Schwenn 

dem  barbarischen  den  Eid  ab.  Durch  eine  bedingte  Selbst- 
verfluchung* wird  die  Lanze,  die  wohl  für  unser  Gefühl,  aber 
nicht  für  das  des  Primitiven  nur  ein  Werkzeug  in  der  Hand 
ihres  Trägers  ist,  magisch  genötigt,  in  einem  bestimmten  Fall 
ohne  oder  gar  gegen  den  Willen  ihres  Besitzers  einem  Menschen 
den  Tod  zu  bringen.  „Was  wird  beim  Eide  zum  Pfände  ge- 
setzt? Nicht  die  Waffen  selbst,  so  daß  sie  nun  etwa  ver- 
fallen wären  —  sondern  der  Dienst  der  Waffen.  Sie  ver- 
bleiben dem  Besitzer,  aber  als  sein  Verhängnis."*  Hier  be- 
kommt die  Lanze  also  durch  den  Fluch  dämonische  Kraft. 

Anders  liegt  der  Fall,  wenn  noch  in  historischer  Zeit 
Alexander  von  Pherä  die  Lanze,  mit  der  er  seinen  Oheim  ge- 
tötet hatte,  aufrichtete,  um  ihr  göttliche  Ehren  zu  erweisen.' 
Psychologisch  ist  seine  Handlungsweise  wohl  klar:  er  er- 
wartete von  dem  verderblichen  Gerät,  das  ihm  einmal  den 
Erfolg  verschafft  hatte,  in  Zukunft  weitere  Siege."*  Solch 
Denken  ist  doch  heute  noch  lebendig.  Mancher  Schriftsteller 
glaubt  mehr  oder  weniger  heimlich,  nur  mit  dem  bisher  er- 
folgreich benutzten  Federhalter  auch  ferner  gute  Gedanken 
auf  das  Papier  zu  bringen:  weil  der  Gegenstand  mir  bis  jetzt 
nützlich  war,  wird  er  es  auch  künftig  sein.  Was  ursprüng- 
lich falsche  Erkenntnis  der  Kausalzusammenhänge  war,  wurde 
später,    als    das  Denken    reifer  sich  entwickelte,    aber  alte  An- 

>  0.  Schrader  Beallex.  1  167f.;  Deubner  a.a.O.  72. 

»  R.  M.  Meyer,  d.  Archiv  XV  1912,  441. 

'  Plutarch  Feh  29;  mythisches  Beispiel:  Schol.  Apoll.  Rhod.  I  67; 
Schol.  A  II.  I  264.  —  Vt,'].  ferner  Tacitus  Germ.  14:  exigunt  enim  principis 
sui  WieraUtate  Hlum  hdlatorem  equum,  illnm  cruenlam  victricemque  fra- 
meam,  also  eine  schon  bewährte  Waffe.     Vgl.  noch  Plin.  XXVIII  33. 

♦  Marett  Folk-Lore  XV  1904,  140 ff.  (abgedruckt  in  dem  mir  nicht 
zagänglichen  The  Threshold  of  Behgion*  1914,  42ff.)  erklärt  die  Hei- 
ligkeit der  Waffe  anders:  der  primitive  Mensch  wirft  im  Zorn  einmal 
den  Speer,  dessen  Wirkung  ihm  bekannt  ist,  in  der  Richtung,  in 
der  ein  Feind  steht;  stirbt  dieser  bald  darauf,  so  schreibt  der  An- 
greifer dem  Speer  als  solchem,  also  auch  ohne  Berührung  des  Gegners, 
tödliche  Wirkung  zu.  —  Kommt  es  aber  so  häufig  vor,  daß  ein  Mensch 
stirbt,  gegen  den  man  eine  Waffe  geschlendert  hat,  ohne  zu  treffen? 


Der  Krieg  in  der  griechisclien  Religion  301 

achauungen  und  Gewohnheiten  noch  nicht  überwinden  konnte, 
als  übersinnlich,  d.  h.  als  magisch  oder  nach  dem  Vergleich 
mit  anderen  Geistern  als  dämonisch  angesehen. 

Die  Handlung  des  Alexandros  hat  selbstverständlich  nicht 
vereinzelt  dagestanden;  so  wie  er  konnte  jeder  Stadtkönig 
denken.  Die  ererbte  Lanze,  die  sein  Vater  und  Großvater  mit 
Erfolg  im  Streite  geführt  hatten,  nahm  an  Ansehen  zu,  je 
älter  sie  wurde;  denn  das  Jahr  übt  eine  heiligende  Kraft. 
Nicht  allein  er  verehrte  sie,  auch  seine  Krieger  beugten  sich 
ihr  und  setzten  sie  den  mächtigen  Geistern  gleich,  deren  Hilfe 
sie  sonst  im  Kampf  anriefen.  Schon  der  Umgang  mit  der  Waffe 
erhöhte  ihren  Besitzer,  und  er  trug  sie  nun  immer  bei  sich  — 
so  übernahm  in  Theben  ein  Beamter  von  seinem  Vorgänger  den 
Speer,  den  er  als  Zeichen  der  Würde  stets  bei  sich  führte.^ 

Diese  Entwicklung  mag  bei  den  Indogermanen  schon  in 
proethnischer  Zeit  sich  vollzogen  haben,  da  wir  bei  Römern 
und  Germanen  ähnliche  religiöse  Vorstellungen  finden.  In 
der  Regia  zu  Rom  wurde  die  heilige  Lanze  aufbewahrt,  die 
nach  Varros  Zeugnis^  eine  Verkörperung  des  Mars  war 
Andere  Schriftsteller^  erwähnen  die  Sitte  der  Fetialen,  beim 
Kriegsausbruch  als  Kampfansage  eine  in  Blut  getauchte, 
eiserne  oder  im  Feuer  gehärtete  Lanze  über  die  Grenze  zu 
werfen.  Beidemal  ist  es  die  alte  Wunderwaffe,  die  uns  aus 
Boiotien  bekannt  ist,  nur  daß  zwei  andere  Phasen  aus  ihrer 
Geschichte  zu  festen  Bräuchen  erstarrt  sind.  Die  Lanze,  die 
der  Fetiale  zur  Kriegserklärung  benutzt,  soll  dem  Gegner 
Verderben    bringen,    weil   sie  es  bisher  immer  getan  hat.     Sie 

^  Die  Wunderwaffen  sind  auch  in  die  Sage  übergegangen;  der 
Bogen  des  Philoktetes,  der  in  Herakles'  Hand  seine  Kraft  gezeigt  hat, 
ist  allein  imstande,  den  Untergang  Trojas  zu  veranlassen.  Auch  die 
Individualisierung  der  Waffe  (Schwert  des  AchilleB  oder  Siegfried,  Aias- 
schild)  gehört  hierher. 

»  Bei  Clem.  Alex.  Protr.  IV  46  p.  35  Stähl.    Arnob.  adv.  nat  VI  11 
Plut.  Ro7n.  29.     Trogi  epit.  43. 

ä  Bei  Wissowa  Rel.^  564. 


3Q2  Friedrich  Schwenn 

braucht  unmittelbar  niemand  zu  verletzen,  sie  wird  schon 
durch  ihre  ,,Kraft"  nachher  im  Kampfe  die  Macht  der  Feinde 
vernichten.  Geht  sie  einmal  verloren,  so  kann  sie  durch  eine 
neue  ersetzt  werden;  dann  naturgemäß  verliert  sich  allmählich 
der  Glaube,  daß  nur  die  bestimmte  Lanze,  die  ihr  „Glück" 
gezeigt  hat*  magisch  wirksam  sein  kann;  statt  dessen  rückt 
die  Tatsache  in  den  Vordergrund,  daß  überhaupt  ein  Geschoß 
seo-en  den  Feiud  sreworfeu  wird.^  Die  neue  Waffe,  die  man 
benutzt,  muß  wenigstens  äußerlich  der  alten  Lanze  gleichen; 
darum  wird  sie  in  Blut  getaucht,  um  der  früheren  Lanze,  die 
vom  FeindL'sblut  gefärbt  war,  im  Aussehen  zu  gleichen.  Als 
der  Ritus  erstarrte,  waren  Metalle  noch  selten;  die  Lanze  des 
Fetialen  konnte  deslialb  noch  eine  im  Feuer  gehärtete  Spitze 
haben.-  —  Weiter  fortgeschritten  sind  die  religiösen  Ideen, 
aus  denen  die  Lanze  des  Mars  hervorgegangen  ist.  Diese  ist 
nicht  identisch  mit  der  eben  besprocheuen,  aber  sie  hat  einen 
ähnlichen  Ursprung.  Für  gewöhnlich  wird  sie  im  Amtsge- 
bäude des  Pontifex  Maximus,  der  Regia,  aufbewahrt,  also  nicht 
in  einem  besonderen  Tempel,  doch  der  Oberpriester  nimmt  sie 
auch  mit  ins  Feld.  Denn  wenn  es  auch  nicht  ausdrücklich 
gesagt  ist,  so  dürfen  wir  sie  doch  wohl  dem  telum  gleich- 
setzen, auf  das  sich  nach  Befehl  des  Pontifex  der  römische 
Bürger  oder  Feldherr  bei  der  Devotion  stellte,  und  dessen  Ver- 
lust durch  Suovetaurilia  gesühnt  werden  mußte.'  Sie  soll  das 
Heer  beschützen,  wie  auch  andere  Völker'*  ja  heilige  Gegen- 
stände,  die   von  göttlicher  Kraft  erfüllt  sind,   zum  Schutz  der 

'  Liv.  I  .32,  16  hastam  fcrratam  mit  praeustnm:  es  gab  also  keine 
bestimmte  Lanze,  flie  immer  -wieder  zu  diesem  Zwecke  benutzt  wurde 
(was  ja  vor  allem  bei  dem  fingierten  Stück  Feindesland  in  Rom  —  Wis- 
sowa  a.a.O.  —  sehr  gut  möglich  gewesen  wäre);  darum  kann  sie 
natürlich  der  Lanze  in  der  Regia  nicht  gleichgesetzt  werden. 

»  WisRo^va  a.a.O.  654;  Holbig  AGG  N.  F.  X  3,  40. 

••'  Liv.  VIII  y.  5;    10,  14. 

*  Schwally  Semit.  Kiiegsnlteiiümer  I  16.  Für  die  (Jermanen  vgl. 
besonders  Tac.  Girm.  1  (dazu  Scliweizer  -  Sidlor);  /(!«<.  IV  2-_',  für  die 
Römer  noch  (Adler  des  .luppiterl)  Marquardt  Staatsvcrw .  11425. 


Der  Krieg  in  der  griechischen  Religion  303 

Kriegsmannschaft  bei  sich  haben.  —  Xoch  später  wird  die 
hasta  dem  KrieQfgcpott  Mars  angeschlossen,  und  die  manischen 
Eigenschaften,  die  sie  bisher  an  sich  besessen  hat,  gelten  nun 
als  das  Wirken  des  Gottes.  Der  römische  Antiquar^  aber  er- 
zählt, die  Alten  hätten  Mars  unter  dem  Bilde  einer  Lanze 
verehrt.^  Ahnlich  wird  die  Entwicklung  bei  den  Germanen 
verlaufen  sein.  Auch  diese  kannten  den  Speerwurf  beim  Be- 
ginne eines  Kampfes  '  und  gaben  deshalb  eine  solche  Waffe 
dem  Kriegsgott  Wodan  in  die  Faust.^ 

Entsprechende  Bräuche  finden  wir  nun  auch  bei  nichtindo- 
germanischen Völkern,  so  daß  die  zugrunde  liegende  Vorstel- 
lung in  den  Kreis  jener  von  Bastian  so  genannten  „Mensch- 
heitsgedauken"  zu  gehören  scheint.  Bei  den  Israeliten  schießt 
Joas  einen  Pfeil  gegen  die  Syrer"*;  das  Instrument  ist  hier  ein 
anderes,  die  beherrschende  religiöse  Idee  dieselbe  wie  bei  den 
vorhin  genannten  Bräuchen.  Es  wird  ursprünglich  ähnliche 
Bedeutung  gehabt  haben^  wenn  Josua  seinen  Speer  gegen  die 
Stadt  Ai  so  laiige  ausgestreckt  hielt,  bis  sie  erobert  war,^ 
Eine  besondere  Gottheit  ist  aus  diesen  in  der  Sage  als  ein- 
malige Handlung  überlieferten  Riten  nicht  entstanden,  der 
jüdische  Monotheismus  nahm  sie  in  sein  System  auf,  indem 
er  sie  mit  Befehlen  Jahves  begründete.  —  Ein  mexikanischer 
König  ließ  vor  dem  Angriff  nach  allen  Seiten  Pfeile  entsenden.® 

^  S.  0,  S.  301  A  2. 

^  Nun  wird  sie  auch  ein^elügt  in  einen  Ritus,  durch  den  die  Feinde 
mit  aller  ihrer  Habe  dem  Untergang  geweiht  werden.  Die  von  mir 
RGW  XIV  3  S.  142  ff.  gemachten  Darlegungen  bedürfen  hiernach  einer 
kleinen  Änderung. 

*  Weinhold  Sitz.-Ber.  Beil.  1891,  560 fi.  u.  a.  —  Als  es  ehrenvoll  ge- 
worden war,  zu  Wodans  Gefolge  zu  gehören,  ritzte  man  sich  zur 
Weib  11  ng  mit  dem  Symbol  des  Gottes,  dem  Speer,  ,,um  dem  Strohtod 
zu  entgehen". 

*  Reg.  II  13,  U— 17;  Schwally  a.  a.  0.  22. 
"  Ex.  17,  9. 

^  S.  Schwally  a.  a.  0.  23.  —  Bei  der  letzten  Königski önung  in  Un- 
garn berichteten  die  Zeitungen  von  Schwerthieben,  die  der  neue  Herr- 
scher   nach    den    vier  Himmelsrichtungen    austeilte;    vielleicht  hat  sich 


3Q^  Friedrich  Schwena 

So  sind  aus  einfachen,  aber  falsch  aufgefaßten  Tatsachen 
magische  Bräuche,  dann  bei  einigen  Völkern,  darunter  den 
Griechen,  Sonderdämonen  nach  psychologisch  verständlichen 
Vorgängen  aufgekommen.^ 

II   Die  Eideshelfer  im  Kriege 

Neben  diesen  übersinnlichen  Gewalten,  die  ausschließlich 
den  Bedürfnissen  des  Krieges  dienen,  steht  nun  die  große 
Menge  der  Dämonen  und  Geister,  die,  ursprünglich  mit  allge- 
meiner Wirksamkeit  begabt,  in  die  Verhältnisse  des  Krieges 
mehr  oder  weniger  künstlich  hineingezogen  wurden  und  unter 
Umstünden  zu  Hütern  der  Kämpfer  im  besonderen  wurden. 

So  konnten  etwa  die  Mächte,  unter  deren  Schutz  der  Eid- 
Bchwur  stand,  für  den  Ausgang  eines  Waffenstreites  von  Be- 
deutung werden.  —  Ganz  kurz  sei  dabei  zunächst  Bekanntes 
wiederholt.' 

Homer ^  erzählt,  um  einen  Fall  für  viele  zu  nennen,  wie 
beim  Vertrag  der  Troer  und  Achäer  die  schwörenden  Fürsten 
die  Opfertiere  töten,  Wein  ausgießen  und  unter  Anrufung 
des  Zeus,  der  Sonne,  der  Erde,  der  Ströme  und  der  Unter- 
weltsgeister den  Meineidigen  verfluchen:  gleichwie  der  Wein 
zur  Erde  rinnt,  soll  das  Gehirn  des  Frevlers  herabrinnen. 
Deutlich    sind    hier  Zauberspruch  und  Zauberhandlung    zu  er- 

aucb  darin  eine  magische  Handlung,  ähnlich  der  oben  besprochenen, 
erhalten.  Über  PfcilscliüBee  (in  anderem  Sinne"»  s.  Samter  (lehxirt,  Hoch- 
zeit und  Tod  41  f.  Vielleicht  ist  manches  davon  in  firiechenland  auf 
den  bogenai)annenden  ApoUon  Alexikakos  (Weinreich  Athen.  Mi't. 
XXXVIII  62fiF.),  der  ja  auch  die  Feinde  abwehrt,  übergegangen. 

'  Eine  I'arallele  zu  der  DämonenentMtelmng  aus  Zaubergegenstän- 
den  findet  sich  z.  H.  in  dem  oben  angeführten  Auf.«atz  von  R.  M.  Meyer 
446:  ,,Au9  den  angelöteten  Schwurringen  wuchs  ein  Dämon  hervor,  der 
weibliche  Dämon  Unn,  Welle,  der  männliche  Ullr,  der  Herrliche". 

»  Über  den  Eid  s.  allgemein  Ziebarth  l'WW  2076  ff.;  Hirzel  Der 
Eid  1902;  Lasch  Der  Eid  1908;  R.  M.  Meyer  a.  a.  0.  über  die  an- 
gerufenen Gottheiten  vgl.  A.  Dieterich  Mutter  Erde*  bi;  Lasch  a.a.O. 
30;  R.  M.  Meyer  a.a.O. 

'  II.  III  103  fi.,  246  ff. 


Der  Krieg  in  der  griechischen  Relif,^ion  305 

kennen.  Was  mit  dem  Wein  geschieht,  soll  mit  der  Sicher- 
heit, welche  die  Magie  geben  kann,  das  eidbrüchige  Volk  er- 
leiden. Dies  Unheil  kann  an  sich  zu  einer  beliebigen  Zeit 
unter  einer  beliebigen  Verkettung  der  Umstände  eintreten, 
aber  im  Krieg  nimmt  man  natürlich  an,  daß  die  Strafe  in 
der  Niederlage  besteht  und  durch  das  feindliche  Volk  nach 
dem  Willen  der  Götter  vollzogen  wird.  Tatsächlich  wollte 
ja  auch  in  unserem  Falle  der  Dichter  mit  dem  hinterlistigen 
Bruch  des  Vertrags  den  Unter;2ang  Trojas  ethisch  recht- 
fertigen.^ 

Die  Gewalten  also,  die  beim  Eid  angerufen  werden,  helfen 
den  Krieg  entscheiden:  neben  den  Unterweltsgeir-tern,  die  so 
gern  den  Lebendigen  in  iiir  dunkles  Eeich  hinabziehen,  die 
zunächst  noch  unpersönlichen  Ströme,  die  durch  Überschwem- 
mung Segen  und  Unheil  bringen  können,  Sonne  und  Erde, 
und  an  erster  Stelle  Zeus,  der  alte  Gott  der  Himmelserschei- 
nungen, Torab  des  Gewitters,  Sie  alle  stehen  dem  Krieg 
ihrem  eigentlichen  Wesen  nach  fern,  erst  der  Zauoer  zwingt 
sie,  im  Falle  eines  Eidbruches,  zur  Parteinahme.  Werden  sie 
häufig  dazu  herangezogen,  ein  Versprechen  zu  verbürgen,  spe- 
ziell einen  Kriegsvertrag  zu  garantieren,  so  muß  das  notwen- 
dig Einfluß  auf  die  Vorstellung  von  ihnen  haben.  Zeus  z.  B. 
war  als  Herr  der  Fruchtbarkeit  spendenden  Regenwolken  schon 
von  Anfang  an  sicherlich  ein  hoher  Gott.  Die  Gewohnheit 
aber,  ihn  bei  Staatsverträgen  anzurufen,  von  seinen  Donner- 
keilen einen  Bund  sichern  zu  lassen,  stellte  ihn  über  die 
mächtigen  noXiov^oi  der  Kontrahenten  und  trug  viel  zu  seiner 
Würde  als  Götterkönig  bei.^ 

In  Rom  geht  die  Beziehung  eines  alten  Schwurdämons 
auf  den  Krieg  sogar-  noch  weiter.  Im  Tempel  des  Juppiter 
Feretrius   oder  Juppiter  Lapis  wurden    beim  Staatsvertrag    die 

>  Finder  Hermes  XLI  1906,  243;  Bethe  Homer  I  216 flF. 
'  Ein  weiteres  Motiv   für  das  Emporsteigen  des  Zeus  zum  obersten 
der  Götter  bei  0.  Kern  Av fange  d.  hellen.  Eeligion  231 

ArchiT  f.  Beligionswitsenschaft  XX.  3/4  20 


306  Friedrich  Schwerin 

Opfertiere  vou  den  Fetialen  mit  einem  alten  heiligen  silex  ge- 
schlachtet;  der  Stein  wurde  nach  der  Tötung  der  Tiere  weit 
weggeworfen.^  An  dieser  Stätte  aber  stand  auch  das  ferdrum, 
auf  das  die  spolia  opima,  das  Beste  der  Siegesbeute,  gehängt 
wurden.  Der  silex,  dessen  Funken  beim  Schlagen  als  Abbilder 
des  Blitzes  aufgefaßt  werden,  deutet,  wenn  wir  Useuer^  folgen 
wollen,  auf  einen  alten  Gewitterdümon^  hin.  So  verkörpert 
der  Stein  den  Blitz;  wird  also  ein  Opfertier  von  ihm  getötet, 
so  bedeutet  das:  der  Blitz  soll  mich  treffen  wie  dies  Gerät 
das  Lamm,  wenn  ich  meineidig  werde.  Eine  gefährliche  Kraft 
wohnt  in  dem  Kultgerät,  und  selbst  der  Priester  fühlt  sich 
nicht  stark  genug,  si6  zu  ertragen;  darum  wirft  er  den  Stein  von 
sich.  Mit  diesem  Zeremoniell  wurden  nun  hauptsächlich  oder 
gar  ausschließlich  Staatsverträge  abgeschlossen;  die  erst  all- 
mählich zum  persönlichen  Gott  entwickelte  Naturkraft  des 
Blitzens,  die  in  den  lapis  gebannt  ist  (daher  später  Juppiter 
Lapis),  wurde  so  zur  Beschirmerin  der  zwischenstaatlichen 
Verträge,  und  das  Volk,  das  etwa  von  dem  Bund  abwich, 
oder  wenigstens  seine  Führer  waren  dem  rächenden  Strahl 
aus  des  Himmels  Höhen  geweiht.  Eigentlich  mußte  nun  alles, 
was  dem  Blitzdämon  verfallen  war,  in  seinen  Tempel  gebracht 


>  Deubner  Neue  Jahrb.  XXVII  lull,  33.Sf.;  Wissowa  BeV  117  f. 
Ale  zuverlässif^öte  Quelle  hat  zu  gelten  Liv.  I  24,  7.  Die  Zeremonie  wurde 
ursprünglich  wohl  nur  für  Staatsvertriige  angewandt;  darauf  weist  bei 
den  au8  späterer  Zeit  überlieferten  privaten  Eidschwüren  in  diesem 
Heili^'tum  (riellius  I  21,  4;  Apuleius  de  dco  Socr.  5;  Festus  Pauli 
p.  tf-i  und  112;  Plut,  Sulla  10;  vgl.  Polyb.  III  25,  6)  di.;  Formel  hin: 
ai  seien.i  fallo,  tum  me  Diespiler  salva  urhe  arceque  (also  Trennung  des 
Schwörenden  von  der  Stadt)  bonis  eiciat  (auch  das  Wegwerfen  de» 
Steines  ist  zum  Zauberbrauch  geworden)  vt  ego  hunc  lapidem  (Paul.  112). 

»  Kl.  Sehr.  IV  4H6ff. 

•Juppiter  Elicius  und  Fnlgur  (Wissowa  121  f.)  sind  Parallel- 
erscheinungeu  des  J.  Lapis.  Wenn  die  alte  Überlieferung  Elicius:  ab 
eUciendi'<  fulmivibus  ableitet,  so  möchte  ich  gegen  Wissowa  a.a.O. 
daran  festhalten.  Das  Hervorlocken  der  Blitze  ist  ein  Regenzauber; 
es  braucht  übrigens  nicht  etruskisch  zu  sein,  oder  sollen  wir  etwa  den 
Blitzgott  J.  Lapis  auch  für  eiueu  Etrusker  halten? 


Der  Krieg  in  der  griechischen  Religion  307 

"werden;  man  begnügte  sich  aber  wenigstens  später  damit,  nur 
die  wertvollsten  Stücke  auf  das  feretruni  zu  hängen.^  Hatte 
man  häufiger  Gelegenheit  gehabt,  ihm  die  spolia  zu  über- 
bringen, so  lag  es  nahe,  in  ihm  den  besonderen  Schutzherrn 
der  Römer  zu  sehen,  im  Krieg  wie  bei  anderen  Gelegenheiten ; 
man  glich  ihn  dem  alten  Himmelsgott,  den  die  Italiker  aus 
ihrer  indogermanischen  Urheimat  mitgebracht  hatten,  dem 
Yater^  Dieus,  Juppiter,  an  und  ehrte  ihn  mit  Festspielen  und 
anderen  Zeremonien.  Als  sein  Kult  aus  politischen  Gründen^ 
höhere  Bedeutung  gewann,  errichtete  man  ihm  als  dem  Opti- 
mus  Maximus  auf  dem  Kapitol  einen  neuen  Tempel.  Der 
Adler  aber,  der  am  höchsten  steigende  Vogel,  der  dem  Him- 
melsgott besonders  nahe  zu  sein  schien,  wurde  später  —  wohl 
durch  das  Fortleben  der  kriegerischen  Eigenschaften  des  Fere- 
trius  —  das  Feldzeichen,  das  die  römischen  Legionen  zu 
Kampf  und  Sieg  führte.  Das  Wesen  des  Schwurgottes  jedoch 
ffino-  über  auf  zwei  neue,  Ton  dem  alten  Dämon  loso-elöste 
Gottheiten,  den  Dius  Fidius  und  die  Fides,  von  denen  die 
letztere  in  nächster  Nähe  des  Juppitertempels  hauste  und  ihren 
Kult  durch  den  Priester  des  Juppiter,  den  flamen  Dialis,  erhielt. 
So  weit  wie  in  Rom  können  wir  die  Entwicklung  des  Eides- 
helfers bei  den  Griechen  nicht  verfolgen.  Daß  aber  auch 
ihnen  ähnliche  Gedankengänge  nicht  ferngelegen  haben,  be- 
weist die  häufig  erwähnte  Errichtung  von  sogenannten 
xQÖnuLu^:  wertvolle  Beutestücke  wurden  an  einem  Baum  oder 
dgl.  auf  freiem  Felde  aufgehängt,  niemand  vergriff  sich  daran; 

^  Vgl.  S.  Reinach  Ciiltes,  Mythes,  ReUgions  III  237 ff.;  ferner  RGW 
XIV  3,  145  ff. 

*  ,, Vater"  ist  ursprünglich  die  Anrede  des  (z.  B.  durch  Regen)  be- 
fruchtenden Gottes  im  Gegensatz  zur  „Mutter  Erde",  später  auch  auf 
andere  Gottheiten  übertragen. 

-  Wissowa  a.  a.  0.  125  ff. 

*  Woelcke  Bf.iträge  z.  Gesch.  des  Tropaiovs,  Diss.  Bonn  1911  (Bon- 
ner Jahrb.  120).  Später  faßte  man  solche  Tropaia  als  Weihgeschenke 
an  Zeus  und  andere  Götter  auf  und  opferte  vor  ihnen  (Woelcke  a.  a.  0. 
S,  23);  mit  altem  Baumkult  (Bötticher  71  ff.)  haben  sie  nichts  zu  tun.  —  Et- 

20* 


3Q3  Friedrich  Schwenn 

der  Besitz  des  Feindes  war  durch  irgendwelchen  Zauber  oder 
vielleicht  auch  wegen  eines  Eidbruches  verflucht  und  den 
Göttern  verfallen,  aber  begreiflicher  Egoismus*  ließ  den  Sieger 
bis  auf  einen  kleinen  Rest  das  Gewonnene  behalten.^ 

ITT  Die  Götter  als  Partoi  im  Kriosre 

Werden  durch  den  Eideszauber  Götter,  die  eigentlich  dem 
Kriege  fernstehen  oder  ihrem  Wesen  nach  neutral  sind,  auf 
dio  eine  oder  die  andere  Seite  getrieben,  so  gibt  es  auch 
wieder  Dämonen,  die  von  vornherein  geneigt  sind,  der  einen 
Partei,  und  nur  dieser,  beizustehen. 

Aus  dem  Alten  Testament  ist  ja  bekannt,  wie  Jahwe,  so- 
langre  er  nicht  erzürnt  ist,  seinem  Volk  unter  allen  Umständen 
hilft,  selbst  wenn  Israels  Sache,  ethisch  betra<hlet,  die  schlech- 
tere ist.'   Ahnlich  lagen  die  Verhältnisse  im  alten  Griechenland. 

Hier  galten  besonders    die  Geister   der  Ahnen   und  Heroen 

was  Besonderes  ist  es,  wenn  bei  den  Gormaneu  erbeutete  feindliche 
si  ina,  d.  h.  Güttersymbolc,  in  heüipfcn  Hainen  auff^eliiin.G:t  wurden 
(Tac. *4nn.  I  59) :  die  dämonische  Kraft,  die  natürlich  auch  nach  der 
Bezwingung  ihrer  Schützlinge  noch  in  ihnen  wirksam  ist  und  den  Sie- 
gern schaden  könnte  (vgl.  die  Bundeslade  bei  den  Philistern  I.  Sam. 
4 — 7),  soll  in  die  Hut  der  eigenen  Götter  gegeben  werden,  die  sich 
im  Kampfe  als  die  stärkeren  erwiesen  haben;  auch  erhalten  sie  wohl  an 
der  neuen  Stätte  Verehrung. 

'  Vgl.  z.  B.  bei  dem  entsprechenden  jüdischen  Cherem  die  Unter- 
schlagung Achans  (Jusua  7)  und  Sauls  ('.  Sam.  15,  9). 

'  R.  IJeinach  meint  a.  a.  0.,  ur^prünulich  habe  man  auch  jeden 
fremden  Menschen  für  heilig  gehalten  nnd  sich  gescheut,  iliu  zu  töten; 
die  Zeremonien  beim  Kriegabeginn  (s.  auch  unten)  hätten  also  in  erster 
Linie  Schädigungen,  die  von  den  Getüteten  ausgiug'^n,  fernhalten  sollen. 
Gewiß  hat  solche  Absicht  auch  bestanden,  aber  auf  sie  läßt  sich  durch- 
aus nicht  alles  zurückführen;  gerade  die  I  id<  szeremonie  verrät,  «iaß  man 
von  den  Göttern  auch  positives  Eingreifen  erwartete.  Im  allgemeinen 
gilt  heute  die  Tötung  eines  Stamuiriemden  bei  den  Primitiven  für  er- 
laubt; H.  Weule  Der  Krieg  »n  d  Tiefen  d.  Menschheit  1916,  34.  Vgl. 
noch  Robertson  Smith  Die  Religion  d.  Semiten,  übers,  von  Stube  1899, 
2o8fiF. 

»  Schwally  a.  a.  0.  6  tf.  Besonders  lehrreich  1.  lieg.  20,  23  und 
U.  Reg.  3. 


Der  Krieg  in  der  griechischen  Religion  309 

als  Schützer  ihres  Volkes.  Sie,  die  vielfach  im  Kampfe  den 
Heldentod  gefunden  hatten,  die  als  gewaffnete  Krieger  fort- 
lebend und  wirkend  gedacht  wurden,  mußten  ihre  Nachkom- 
men in  Kriegsnot  wie  in  jeder  anderen  Gefahr  schirmen.  Die 
Literatur  führt  genügend  Beispiele  dafür  an:  als  die  Perser 
gegen  Griechenland  heranzogen,  standen  ihnen  zwei  Hopliten 
von  übermenschlicher  Größe  gegenüber,  die  von  den  Delphiern 
als  die  ^Qcosg  kmxiOQioi  Phylakos  und  Autonoos  bezeichnet 
wurden^;  vor  der  Schlacht  bei  Salamis  riefen  die  griechischen 
Feldherren  unter  anderen  Göttern  auch  die  Heroen  Aias  und  Tela- 
mon,  die  Heroen  von  Aigina,  an  und  entsandten  ein  Schiff  nach 
dieser  Insel.^  Die  Geister,  die  auf  einem  abgegrenzten  Gebiet 
Verehrung  finden  und  nach  dem  Glauben  des  Volkes  dort 
einst  gelebt  und  gestritten  haben,  sorgen  für  dies  Stück  Land. 
Right  or  wrong,  my  country. 

Hauptsächlich  aber  ruft  man  natürlich  die  großen  Götter 
zum  Beistand  im  Krieg  an  Zum  Dank  für  Opfergaben  und 
Verehrung  spenden  sie  Sieg  über  den  Gegner,  der  sich 
weniger  um  sie  gekümm.ert  oder  überhaupt  nicht  von  ihrem 
Namen  gewußt  hat  {Q-sol  äyvcoöroil).  Die  älteste  Auffas- 
sung ist  darin  freilich  nicht  ausgedrückt,  oder  wenigstens  für 
sehr  viele  Fälle  nicht.  Eine  frühere  Zeit,  die  den  Gott 
meistens  nicht  durch  Bitten  und  'Jeschenke  überredete,  hat 
ihn  durch  Zauberriten  zur  Hilfe  gezwungen.  Im  Kommunions- 
opfer^,  im  Blutbund  und  ähnlichen  religiösen  Sitten  machte 
man   ihn   wie   einen   sterblichen  Menschen   zum  Teilhaber   der 

^  Lerodot  VIII  38 f.     Weniger,  d.  Archiv  X  230ff. 

*  Plnt.  Ärist.  II,  :^.  —  Vgl.  im  ;)]1gemeinen  Rohde  P-^ydie  I  182 ff. ; 
Szymanski  Sncrificia  Graeco  tim  in  bellis  militari'!,  Diss.  Marbnrg  1908; 
Kern  Krieg  und  Kult  b.  d.  Helle  e:',  Rektoratsrede  Halle  1917,  16  f.  — 
Das  Mo.iv  vom  Eingreifen  himmlischer  Helfer  in  den  Streit  findet  sich 
in  mittelalterlichen  Kampfschilderungen  (Schlacht  auf  dem  Lechfelde, 
Eroberung  Jerusalems)  oft.  Wie  jeder  andere  erhält  der  Gott  nun  auch 
seinen  Anteil  an  der  Beute,  den  ,, Zehnten"  —  ein  Gedanke,  der  sich 
mit  dem  des  Tropaions  gekreuzt  hat. 

'  Robertson  Smith,  a.  a.  0.  243. 


310  Friedrich  Schwenn 

Genossenschaft,  der  ebensowenig  wie  irgendein  anderes  Mit- 
glied von  dem  Bund  zurücktreten  konnte.^ 

Ein  Abglanz  dieser  Zustände  liegt  über  unserer  ältesten 
literarischen  Quelle,  der  Ilias. ,  Hier  sind  die  Götter  mit  Leiden- 
schaftlichkeit in  zwei  Parteien  gespalten,  die  den  Angreifern 
oder  Verteidigern  kraftvoll  beistehen.  Die  Dichter  der  Ilias 
freilich  und  mehr  noch  ihre  Nachfolger,  die  sich  an  die 
Spuren  jener  Großen  anschließen,  haben  dies  Verhalten 
durch  die  bekannten  Mythen  von  der  Beleidigung  ApoUons,  dem 
Parisurteil  usw.  menschlich  zu  begründen  versucht.  Das  darf 
uns  nicht  täuschen,  wie  es  einst  Niese*  getäuscht  hat,  zu- 
mal doch,  von  Apollon  abgesehen,  der  echte,  alte  Homer 
keinen  Grund  für  die  Parteinahme  der  übrigen  Götter  in  dem 
Streit  um  Troja  angibt.  Diese  muß  vielmehr  in  den  Tat- 
sachen des  Kultus  oder  der  Sage  begründet  sein.* 

Von  den  sechs  großen  Gottheiten,  die  das  Land  des  Pria- 
mos  beschirmen,  scheidet  von  vornherein  Athena  aus.  In 
der  Rolle  als  Helferin  der  Troer  erscheint  sie  nur  an 
einer  einzigen  Stelle,  und  diese  ist  von  Bethe*  mit  über- 
zeugenden (Jründen  als  ein  später  Einschub  nachgewiesen 
worden.  Es  ist  eine  Reminiszenz  an  einen  anderen  Ort, 
vielleicht  Athen  selbst,  wenn  sie  als  Burggöttin  gedacht  ist 
und  von  den  troischen  Frauen  mit  einem  Peplos  beschenkt 
wird.^ 

Aphrodite  ist  in  demselben  Augenblick  zur  Troerin  ge- 
worden, in  dem  man  ihren  Sohn  Aineias  unter  die  Troer  auf- 
nahm.^    Eine    Aphrodite  Aineias    wurde    im   Westen   der   grie- 

'  Über  flie  (löfcter  der  liiBtorischen  Zeit  ah  Kiiegshelfer  s.  Kern 
a.a.O.  8 ff. 

'   hnlvichlun'j  d.  Homer.  Poesie,  104. 

*  lledun  Homerische  Götterstudie»,  Dias.  Upsala,  1912,  34ff. ;  Bethe 
Homer  I  104. 

*  a.  a.  0.  228  ff. 

*  Diiinmler  PW  II  1946;  anders  Gruppe  ^'r.  Myth.  26. 

*  So  auch  Bethe  a  a.  0.  364. 


Der  Krieg  in  der  griechischen  Religion  311 

■chischen  Welt  verehrt^;  wenn  auch  direkte  Zeugnisse  für  ihre 
Yerehriing  in  Altgriechenland  fehlen,  so  muß  sie  doch,  schon 
weil  sich  aus  dem  Beinamen  eine  selbständige  Persönlichkeit 
entwickelt  hat,  eine  altachäische  Göttin  gewesen  sein.*  Wann 
und  wo  Aineias  zum  Kampfgenossen  Hektors  gemacht  wurde 
"und  mit  ihm  seine  göttliche  Mutter  auf  die  Seite  der  Troer 
trat,  muß  allerdings  dahingestellt  bleiben.  —  Mit  Aphrodite 
ist  im  Epos  der  „Kriegsgott"  Ares  eng  verbunden,  ein  Freund 
der  Troer  wie  sie.'  Auch  in  Wirklichkeit  war  er  an  ver- 
schiedenen Orten  Griechenlands,  besonders  in  dem  achäischen 
Thessalien  und  Boiotien,  ihr  Kultgenosse.*  Ein  Dichter,  der 
<3ie  Beziehungen  des  Ares  zu  Aphrodite  kannte,  durfte  beide 
nicht  voneinander  trennen  und  machte  daher  auch  Ares 
zum  Troer. 

Der  wichtigste  Schützer  Ilions  ist  Apollon,  der  Sohn  der 
Leto,  Bruder  der  Artemis,  die  ebenfalls  der  Stadt  beistehen. 
Keinem  Troerhelden  persönlich  verbunden^,  beschirmt  er  das 
ganze  Reich  des  Priamos  und  gebietet  auch  in  den  umliegen- 
den Ortschaften.^  Kein  anderer  der  Himmlischen,  beinahe  der 
Vater  der  Götter  und  Menschen  selbst  nicht,  ist  innerlich  so 
bedeutend  aufgefaßt  wie  er;  ohne  viel  Reden,  aber  mit  unheim- 
licher Tatkraft,  in  etwas  finsterer  Männlichkeit,  straft  er  Be- 
leidiger, steht  er  Schutzbefohlenen  bei;  mit  vornehmer  Geste, 
ohne  sich  irgend  etwas  zu  vergeben,   meidet  er  den  aussichts- 


^  Dion.  Halic.  ant.  I  50 ;  53 ;  Curtius  Hermes  X  243 ;  Imhoof-Blumer 
Wiener  Numismat.  Zeitschr.  X  133. 

*  Über  Achäer  in  Unteritalien  s.  Hoffmann  Gesch.  d.  griech.  Sprache 
I,  36. 

'  JZ.  V  354 ff.  (Aphrodite,  von  Diomedes  verscheucht,  bittet  ihren 
xaöiyvrirog  Ares  um  seine  Pferde,  damit  sie  zum  Olymp  kommen  kann). 
XXI  416 f.  (der  von  Athena  besiegte  Ares  wird  von  Aphrodite  getröstet); 
über  Od.  VIII  266  ff.  s.  u.  320. 

*  S.  u.  S.  320. 

*  Betbe  a.  a.  0.  364;  Bethes  Folgerung  daraus  (nach  Niese)  lehne 
ich  aber  ab. 

«  Wernicke  PTF  II  81f.;  v.  Wilamowitz  Hermes  38,  575  ff. 


f^l2  Friedrich  Schwerin 

loseu  Kampf  gegen  seine  Genossen  und  verläßt  die  Stadt,  als 
ihr  Schicksal  unabwendbar  geworden  ist.  Der  Dichter  erspart 
ihm  die  Schmach  der  Niederlage;  man  möchte  meinen,  Homer 
hat  noch  den  wahren  Glauben  an  ihn  gehabt,  der  ihm  bei 
den  anderen  Himmlischen  schon  in  beträchtlichem  Maße  ge- 
schwunden war.  Es  ist  eine  ähnliche,  nur  gewaltig  gesteigerte 
Anschauung,  wenn  der  Schöpfer  des  Homerischen  Hymnus  die 
übrigen  Götter  vor  ihm  erzittern  läßt  ---  ein  Versuch,  den 
Gott,  der  auf  der  Inselwelt  die  erste  Stelle  einnahm,  selbst  dem 
Zeus  gegenüber  zu  steigern,  eine  Art  Opposition  der  Apol- 
londiener  gegen  den  höchsten  Gott  des  Epos.  Wenn  iliu  die 
Dichtung  zum  Hauptgott  der  kleinasiatisch -äolischen  Städte 
machte,  so  war  das  Lokalkolorit,  mag  er  nun  diese  Rolle 
schon  vor  der  Einwanderung  der  Griechen  in  Troja  selbst  ge- 
spielt haben ^  oder  durch  die  Griechen  oder  gar  erst  durch 
Homer  dorthin  übertragen  sein.  War  er  dort  heimisch  ge- 
worden, so  mußten  ihm  Artemis  und  Leto,  die  im  Gebiet  des 
Agäischen  Meeres  häufig  seine  7t('Qsd{)0i   waren,  nachfolgen. 

Daß  noch  der  Skamandros  und  sein  Nachbar  Simoeis  auf 
Seiten  der  Belagerten  stehen^,  bedarf  keiner  l)esonderen  Be- 
gründung. Flußgötter  erhielten  ja  auch  in  der  Wirklichkeit 
des  religiösen  Lebens  Verehrung^;  warum  sollten  sie  nicht 
auch  in  den  Krieg,  mit  dem  sie  eigentlich  ihrem  Wesen  nach 
nichts  zu  tun  hatten,  eingreifen  können? 

Der  Götterapparat  der  ilias  beruht  also  nicht  insofern  auf 
Kulttatsachen,  daß  etwa  nur  Götter,  die  im  historischen  Troja 
verehrt  sein  mögen,  auch  im  Epos  dorthin  gestellt  wurden. 
Vielmehr  hat  die  dichterische  Phantasie,  deren  Ausgangspunkte 
wir  noch  einigermaßen  feststellen  können,  mit  den  gegebenen 
Kulten  ziemlich  frei  geschaltet.  Für  die  («riechen  würde  eine 
ähnliche  Untersuchung  entsprechende  Resultate  ergeben. 

'  V,  Wilamowitz  a.  a.  0. 

'  IJ.  XXI.  »  Stengel  G riech.  Kultusallertümcr'  136. 


Der  Krieg  in  der  griechischen  Religion  313 

IV   Palladion 

Die  kriegerischen  Göttergestalteu  und  ihre  Tätigkeit,  die 
wir  bisher  kennen  gelernt  haben,  sind  den  Griechen  mit  man- 
chen anJi  ren  Völkern  gemeinsam.  Der  Welt  des  Agäischen 
Meeres  eigentümlich  aber  sind,  soweit  ich  sehe,  die  Dämonen, 
die  durch  die  sogenanuten  Palladien^  verkörpert  werden. 

Sie  gehören  schon  der  kretisch-mykenischen  Kultur  an  und 
sind  vieileit:ht,  weun  wir  auf  diesem  unsicheren  Gebiete  Ver- 
mutungen wagen  wuütif,  den  , .karischen"  Ureinwohnern  Grie- 
chenlands und  der  Inselwelt  zuzuschreiben.  Furtwängrler  ^ 
zählt  ihrer  drei  aus  der  kretisch  mykenischen  Zeit  auf:  auf 
einem  Goldring  aus  Mykene^  steht  neben  einer  Adorations- 
szene  und  relioriöseu  Symbolen  in  der  Luft  eine  Menschen- 
gestalt  mit  deutlich  erkennbarem  Kopf  und  Extremitäten, 
deren  Leib  durch  einen  großen  Schild  verdeckt  wird,  während 
die  Hand  eine  Waffe  trägt;  ein  „frühmykenischer"  Pinax  aus 
Mykena^  btelit  ein  ähnliches  Idol  dar,  das  auf  beiden  Seiten 
von  je  einer  weiblichen  Person  angebetet  wird;  eia  Goldring 
aus  Knossos^  zeigt  eine  in  der  Luft  schwebende  Figur  mit 
Lanze,  aber  ohne  Schild,  dahinter  eine  Säule  und  eine  Ein- 
friedigung, die  von  Baumzweigen  überragt  wird.  —  Solche 
„Palladien*',  wie  sie  nun  auch  in  der  Literatur  genannt  werden, 
finden  sich  noch  in  späterer  Zeit  in  Griechenland,  in  Argos, 
Athen  und  an  mehreren  Orten  im  Westen  der  griechischen 
Welt.6 

Man    darf  vermuten,    daß    ihre    älteste  Form    sehr    einfach 
war:    ein  Pfahl,    darauf  ein  lielm   gesetzt,    ein  „mykenischer" 

^  f. 'ardner  JHS  XUI  21flF.;  Furtwängler  Ähtike  Gemmen  IIT  38; 
Evans  JHS  XXi  170  EF.:  Sieveking  b.  Röscher  Lex.  III  130  Itf.  —  Vgl. 
Chavannes  De  Palladü  r  iptu  Burl.  Diss.  18^1. 

*  a.  .^  0.  II;  38.         ••  Furtwängler  a.    .  0.  Taf.  II  20. 

*  'Ecprifi.  ccQx.  1887,  Taf.  X  2,  Rodenwaldt  Athen.  Mut.  37,  129flF., 
Taf.  VllJ. 

^  Furtwängler  a.  a.  0.  III  36  Fig.  13. 
«  Chdvannes  a.a.O.  34fF.,  38ff.,  57£F. 


3J^^  Friedrich  Schwenn 

Scliild  und  eine  Lanze  angelehnt;  dann  wurden  Gesicht  und 
Gliedmaßen  roh  angedeutet.  Der  hochberühmte  Gott  von 
Amyklä,  einst  Hjakintlios\  später  Apollon  benannt,  war 
noch  in  dieser  Art  aus  Erz  gebildet;  der  Schild  freilich  fehlte, 
zu  der  Lanze  aber  war  noch,  vermutlich  um  den  aoyvQotö^og 
Apollon  zu  kennzeichnen,  ein  Bogen  hinzugefügt,  der  Körper 
glich  einer  Säule.  Die  beiden  zuerst  genannten  mykenischen 
Bilder  könnten  ebenfalls  diesen  Typus  darstellen,  was  auch 
die  steife  aufrechte  Haltung  nahelegt.  Natürlich  aber  geht 
die  Entwicklung  darauf  hinaus,  das  alte  ^öuvov  immer  mensch- 
licher darzustellen,  und  sie  läuft  bis  zu  dem  Höhepunkt,  den 
die  Athena  Parthenos  des  Phidias  darstellt;  denn  die  Bewaff- 
nung der  Athena  mit  Helm,  Schild  und  Lanze  darf  wohl 
wenigstens  mittelbar  auf  das  alte  Palladion  zurückgeführt 
werden*,  um  so  mehr,  als  die  Sage  das  angeblich  troische  Pal- 
ladium als  Kultbild  der  Athena  ausdrücklich  bezeichnet.' 

Man  hat  sich  die  Frage  vorgelegt,  ob  der  alte  Palladion- 
dämon  männlich  oder  weiblich  gedacht  war.*  Mir  scheint, 
die  Fracrestellun<>;  ist  unrichtig.  Männliche  und  weibliche  Da- 
monen  werden  gewiß  schon  seit  alter  Zeit  auf  verschiedenen 
Gebieten,  z.  B.  in  der  agrarischen  Religion^,  unterschieden, 
aber  nicht  überall.  War  der  Speer,  den  wir  oben  kennen 
lernten,  männlich  oder  weiblich?  Sicherlich  hat  niemand  dar- 
über nachgedacht.  Von  dem  Speer  ging  eine  göttliche  „Kraft" 
aus,  die  man  wenigstens  in  der  Frühzeit  nicht  allzu  anthroporaorph 
dachte.  Und  das  dürfte  auch  für  das  älteste  Palladium  gelten. 
Erst    der    weiteren    Entwicklung,    bei    der   die    Meuschen    die 


>  Tff].  über  das  Kultbild  usw.  Tsuntas  'Ecpr,(i.  änx-  1892,  Iff.;  Evnns 
a.  a.  0.  120  f. 

'  Dümraler  JMT  II  1905  führt  die  ganze  Gestalt  der  Athena  auf 
den  alten  Palladiondämon  zurück.  Es  könnte  aber  auch  eine  Typen- 
öbertragung  vorliegen. 

'  Chavanne-t  a.  a.  0.  27. 

*  S.  Evans  a.  a.  0.  170,  dazu  Sieveking  a.  a.  0. 

*  Z.  B.  durch  Vergleichung  des  Säens  mit  dem  Zeugen. 


Der  Krieg  in  der  griechischen  ßeligion  315 

Dämonen  immer  mehr  nach  ihrem  eigenen  Bilde  umwandel- 
ten, blieb  es  vorbehalten,  den  mit  magischer  Kraft  begabten 
Pfahl ^  zum  göttlichen  Mann  oder  Weib  fortzubilden.  Wie 
das  im  einzelnen  geschehen  ist,  entzieht  sich  unserer  Kennt- 
nis; allgemein  aber  dürfen  wir  wohl  sagen,  daß  das  alte 
Palladion  sich  meistens  an  die  Hauptgottheit  eines  Ortes,  die 
männlich  oder  weiblich  war,  angelehnt  und  von  ihr  das  Ge- 
schlecht angenommen  haben  oder  ganz  in  sie  aufgegangen 
sein  wird.  Auf  dem  Goldring  aus  Mvkene  z.  B.  sehen  wir 
das  Palladion  neben  dem  Doppelbeil  —  und  den  noch  unper- 
sönlichen Figuren  von  Sonne,  Mond  und  Meer  —  oberhalb 
einer  Göttin,  die  durch  die  Blumen  in  der  Hand  und  den 
heiligen  Baum  hinter  ihr  wohl  als  Yegetationsgottheit  gekenn- 
zeichnet wird.  Sollten  hier  nur  die  Hauptdämonen,  die  man 
verehrte,  von  der  Hand  des  Künstlers  zusammengestellt  sein 
oder  sollten  diese  nicht  vielleicht  auch  an  einem  einzigen  Ort 
gemeinsam  ihren  Kult  gefunden  haben?  Im  alten  Tempel 
der  Akropolis  fand  sich  alles  mögliche  zusammen,  das  adog 
der  Göttin,  der  heilige  Ölbaum,  die  Schlange,  später  auch  der 
Altar  des  Hephästos,  und  für  die  kretisch-mykeuische  Epoche 
ist  Ahnliches  vorauszusetzen.  Lokalisierte  man  das  Palladion 
in  der  Nähe  einer  weiblichen  Gottheit,  so  konnte  die  letztere 
leicht  die  Formen  des  Palladions  annehmen,  also  als  bewaff- 
netes Weib  geschaut  werden.  Auf  diese  Weise  kam  ebenso- 
wohl die  mit  Helm,  Schild  und  Lanze  bewehrte  Athena^  wie 
etwa   eine    gerüstete    Aphrodite    in    Sparta^    auf.      An  anderen 


^  Tb  TlalXccdLov,  also  weder  männlich  noch  weiblich,  doch  begann 
die  Unterscheidung  nach  dem  Geschlecht  schon  in  mykenischer  Zeit. 

*  Auch  in  Mykene  scheint  das  als  weiblich  erkennbare  Palladion 
in  Athena  aufgegangen  zu  sein,  vgl.  Roden  wald  a.  a.  0.  136.  Im  übrigen 
vgl.  Chavannes  a.  a.  0.  —  Der  Kult  in  Argos  ist  wohl  tatsächlich,  wie 
Kallimachos  in  seinem  Hymnus  (v.  5  —  12,  23  —  30)  andeutet,  eine 
Lustration  des  durch  den  Krieg  befleckten  ^öavov  gewesen  (Chavannes 
S.  40  f.). 

'  Paus.  III  15,  10. 


3  16  Friedrich  Scbwenn 

Orten  wurden  unter  entsprechenden  Umstünden  die  Palladien 
zu  männlichen  Göttern.  Die  so  geschaffenen  Typen  konnten 
natürlich  nun  wieder  wandern  und  auf  die  Vorstellung  von 
anderen  Gottheiten  übertragen  werden. 

Von  dem  alten  Pfahl,  der  sich  gelegentlich  zum  Dionysos 
oder  Kadnios  entwickelte,  ging  eine  übersinnliche  Kraft  aus, 
ohne  daß  iliese  besonders  ausgeprägt  und  individuell  gewesen 
wäre.^  Gab  mun  ihm  Wafi'en,  so  mag  sein  alter,  allgemeiner 
Zweck  noch  geblieben  sein,  mit  Notwendigkeit  mußte  er  sich 
jedoch  nun  mehr  und  mehr  spezialisieren,  er  mußte  die  Waf- 
fen gegen  die  Feinde  seines  Voliies  verwenden.  Ja,  man 
mochte  den  Dämon  dieses  Idols  für  den  einzigen  Schützer 
seiner  Stadt  halten  und  Glück  und  Wohlergehen  des  Landes 
eng  mit  ihm  verknüpfen.  Diese  Steigerung  seines  Wertes  ist 
an  sich  psychologisch  begreiflich;  sie  konnte  mit  verursacht 
■werden  durch  ein  aus  dem  Märchen  oder  der  Sage  bekanntes 
Motiv,  wie  etwa  das  lieben  eines  Menschen  von  einem  bestimm- 
ten VOM  ilinen  getrennten  Gegenstand  abhängig  sein  kann,  ein 
Motiv,  das  uns  aus  der  Sage  von  Althaia  und  Meleager  ^  ver- 
traut ist  —  Eine  Bedingung  für  sein  Eingreifen  war  aller- 
dings selbstverstäudl eh:  wenn  es  in  der  Stadt  wirken  sollte, 
so  mußte  es  dort  auch  wirklich  anwesend  sein.  Denn  aus 
allzu  großer  Ferne  konnten  auch  die  griechischen  Götter  nicht 
handeln,  und  in  der  Schlacht  mußten  die  Götter,  die  Hilfe  ge- 
währen sollten,  zugegen  sein.  Ahnlich  anderen  Völkern,  den 
Itöniern^  z.  B,  welche  die  heilige  Lanze  und  den  Adler  des 
Juppiter  ins  Feld  führten,  gaben  deshalb   z.  B.  die  Spartaner* 

'  Wide  b.  riercko-Norrlen  Einleitung  i.  d.  Aller  tum  sie  iss.  II  196  (all- 
gemein). 

'  Oviü  Met.  Vil[  270fr.  n.  a  (Zugrunde  liegt  allerdings  wohl  ein  Ana- 
logiezaultor,  bei  dem  Meleager  dem  Scheit,  gleichgesetzt  ist;  aus  der 
Hand  ung,  die  die  Mutter  unternimmt,  ist  die  Verknüpfung  des  Scheites 
mit  dem  Helden  n.icij  rückwärts  biuausgesponnen.) 

»  S.  0.  S.  307. 

♦  Herod.  V  76. 


Der  Krieg  in  der  griechischen  Religion  317 

dem  ausrückenden  Heere  Bilder  der  Tvndariden,  die  Äo-ineten^ 
solche  der  Aiakiden  mit. 

Doch  auch  dagegen  wußten  die  gegnerischen  Zauberpriester 
Rat.  Sie  werden  gleich  ihren  römischen  Kollegen  magische 
Sprüche  und  Gebete  gekannt  haben,  um  durch  eine  evocaiio'^ 
die  Götter  der  angegriiTenen  Stadt  herauszulocken'  und  wo- 
möglich gar  auf  ihre  Seite  zu  bringen.  Halfen  die  incanta- 
menta  nicht,  so  suchte  man  das  i,6avov,  an  das  der  Gott  selbst 
ja  gebunden  ist,  durch  Raub  in  seine  Gewalt  zu  brJo  fen.  Das 
mag  in  der  Wirklichkeit  öfter  geschehen  sein^,  auch  die  ky- 
klische  Dichtung  bietet  ein  Beispiel  dafür:  auf  Grund  des 
Orakelspruchs,  daß  Troja  nicht  genommen  werden  kann,  wenn 
ihm  nicht  das  Palladion  entrissen  wird,  gewinnen  Diomedes 
und  Odysseus  die  kostbare  Beute.'  ijie  Sage^  dürfte  in  Ar- 
ges, der  Heimat  ties  Diomedes,  wo  es  ja  auch  ein  Palladion 
gab,  ihren  Ursprung  haben. 

Gegen  Raub  wie  gegf  n  magischen  Zwang  mußten  die  alten 
iöava  natürlich  gesichert  werden,  und  gegen  beides,  auch  gegen 
die  zauberischen  Einflüsse,  gab  es  kein  einfacheres  Mittel  als 
sie  festzubinden;  ist  das  Idol  gefesselt,  so  kann  auch  die  Gott- 
heit, die  an  ihr  Bild  gebannt  ist,  sich  nicht  fortbewegen. 
Daß  sie  logischerweise  in  diesem  Falle  auch  ihren  Anhängern 
nicht    helfen    kann,    wird    nicht    überlegt.      Tatsächlich  finden 

*  Herod.  V  80,  Chavannes  a.  a.  0.  79  f.  Noch  im  letzten  Kampf  der 
Antike  mit  dem  Christentum,  in  der  Schlacht  au  Friaridus  wird  dem 
Heer  des  Eugemus  ein  Heraklesbild,  dem  de^  Theodoaius  das  Kreuz 
vorgetragen,  Weinreich,  d.  Archiv  XVI ff,  {  A.  4. 

2  Wis-owa  Bei  38.3 f,  Uümmler  a.a.O.  1948,  Anch  die  Ethnologie 
liefert  Material:  Waitz-Gerlaüd  Anihropol.  d.  A'atur Völker  VI  146  f.  342. 
Hethitische  evocatio:  Sommer  Z.  f  Assyriol.  33,  11)21,   101. 

^   Vielleicht  bei  lierod.   V"  83.    Ändere  Beispiele  s.  o.  S.  307  Anm.  4. 

*  Mitgespielt  hat  natürlich  das  bekannte  Märchenmotiv,  daß  ein 
tohes  Ziel  nur  durch  besondere,  meistens  schwer  zu  erlangende  Mittel 
zu  erreichen  ist  Eine  Parallele  in  demselben  Kreis  bietet  die  Herbei- 
schafFung  von  Philoktets  Bogen. 

*  Material  bei  Chavannes  26 ff. 


318  Friedrich  Seh  wenn 

wir  denn  auch  in  verschiedenen  Gegenden  Griechenlands  ge- 
fesselte Dämonen.  Schon  auf  einem  alten  Elektronring  üus 
Mykene^  sehen  wir  eine  sitzende  Göttin  vor  einem  Baum  mit 
Bändern  um  die  Oberschenkel,  möglicherweise  Weidenruten 
oder  etwas  Ähnlichem  '^,  die  ein  nur  mit  der  Lanze  gerüsteter 
Mann  an  der  Hand  berührt.  Der  Sinn  des  Bildes  ist  unklar. 
War  es  ein  Gott,  der  sich  der  Göttin  nahte,  oder  ein  sterb- 
licher Krieger,  der  sich  ihr  weihte  oder  sie  vielleicht  gar  ent- 
führen wollte?  Daß  eine  Beziehung  auf  den  Kampf  vorliegt, 
beweist  jedenfalls  die  Lanze.  Ahnlich  war  in  Sparta  die  be- 
reits erwähnte  Aphrodite  in  Waffen  mit  dem  Beinamen  Moq- 
(pG)  gefesselt^,  ebenso  dort  das  alte  ayaX^u  des  Ares  Enya- 
lios.'*  Gleiches  wird  uns  berichtet  von  Dionysos  auf  Chios^, 
Artemis  in  Erythrai",  Aktaion  in  Orchomenos^  und  anderen 
Dämonen.  Polemon  und  wohl  nach  ihm  Pausanias  geben 
die  Erklärung,  der  also  gebundene  Gott  könne  die  Stadt  nicht 
verlassen,  und  der  Verfasser  der  pseudoplutarchischen  Quae- 
stiones  Bomanae  61  drückt  sich  unter  Hinweis  auf  ixxXijasLg 
xal  yorixstca,  d.  h.  Evokationsriten,  mit  Bezugnahme  auf 
römische  Gewährsmänner  nocli  deutlicher  aus.  Wir  werden 
darin  also  die  Meinung  der  antiken  Religionswissenschaft 
zu  sehen  haben,  und  es  besteht  kein  Grund,  sie  zu  ver- 
nachlässigen. Der  Gedanke  der  cvocatio,  den  wir  nach  der 
PaUad ionsage  auch  für  Griechenland  annehmen,  verlangt  bei 
dem    Götterbild    eine    Ergänzung,    eben    die   Fesseln.^     Neuere 

*  Furtwänglor  a.a.O.  III  36  Fig.  14. 

'  Das  Bild  der  ßpartanischeu  Artemis  Orthia  war  mit  Lygoszweigen 
umwickelt;  sie  hieß  daher  anch  Avyodie^a:  Paus.  III  16,  11. 

'  Paus.  III  16,  11.  Schol.  Lyk.  449.  Vielleicht  war  sie  sehr  einfach 
dargestellt,  wie  der  Ausdruck  xt(5pou  t^mdiov  nahelegt;  sie  trug  eine 
xalvnTQu.     Vgl.  noch  Gruppe  a.  a.  0,  1362  A.  3. 

♦  Paus.  III  15,  7. 

'  Polemon  FUG  III  146,  DO.  "  Ehenda. 

'  III  15,  7;  Polemon  a.  a.  0. 

"  So  Loheck  A'ßnoph.  U76;  Kohde  Psyche  I  1''0  A.  3;  Radermacher 
Westdeutsche  ZeiUch.  XXIV  223. 


Der  Krieg  in  äer  griechischen  Religion  319 

Forsclier^  haben  die  Ansiclit  ausgesprochen,  in  dem  Kriegsgott 
habe  man  den  Krieg  selbst  bezwingen,  d.  h.  für  die  Zukunft 
seinen  Ausbruch  verhindern  wollen.  Sollen  wir  aber  wirklich 
die  gefesselten  Gottheiten,  die  uns  begegnen,  in  diesem  finsteren 
Sinne  deuten?  Konnte  ein  solches  Wesen,  wenn  es  einstmals 
Mogcpa  hieß,  in  eine  Aphrodite  aufgehen,  anderswo  in  Dionysos? 
Auch  auf  dem  mykenischen  Elektronring  ist  nichts  derartiges 
wahrzunehmen.  —  Freilich,  nicht  alle  ^öava  ii>  dsöfiolg  lassen 
sich  auf  Palladien  zurückführen,  und  die  iins  bekannten  Palla- 
dien sind  nicht  gefesselt.  Aber  die  Palladien  waren  ja  sicher 
nicht  die  einzig  möglichen  Beschützer  der  Stadt,  und  was 
allgemein  für  nützlich  gehalten  wurde,  brauchte  darum  nicht 
in  einem  jeden  Falle  angewandt  zu  werden. 

Wenn  wir  nun  im  Mythos  Fesselungen  von  Göttern  fin- 
den, so  müssen  diese  auf  gefesselte  Götterbilder  im  Kalt  zu- 
rückgehen.^ Das  gilt  von  der  auf  einen  Homerischen  Hymnus 
zurückzuführenden  Erzählung^,  wie  Hephaistos  seine  Mutter 
Hera  mit  einem  Zauberstuhle  überlistete,  auf  den  sie  durch 
unsichtbare  Bande  befestigt  wurde;  Ares  versuchte  vergeblich, 
durch  Kampf  den  Schmiedegott  zu  zwingen,  die  Mutter  zu 
lösen;  erst  dem  Gott  des  Weines  gelang  dies.  Irgendwo  also 
wird  ein  ^öavov  gestanden  haben,  und  zwar  ein  Sitzbild,  das 
Fesseln  trug,  wie  wir  es  auf  dem  mykenischen  Ring  sehen; 
und  der  Mythos  gab  das  cdtLOv  dazu. 

Auch    Ares    und   Aphrodite    sind    außerhalb    Spartas    noch 

*  Z.  B.  Preller- Robert*  103.  —  v.  Wilamowitz  GGA  1895,  234  fin- 
det die  Erklärung,  die  Götter  sollten  am  Fortlaufen  gehindert  werden, 
„rationalistisch"  und  meint,  das  Bild  habe  einfach  gestützt  werden  sol- 
len; eine  solche  Bedeutung  is^t  aber  z.  B.  bei  dem  Elektronring  aus 
Mykene  (Bänder  um  die  Schenkel!)  ausgeschlossen.  Die  bekannte  Fesse- 
lung der  Toten  ist  wirklich  ein  Fernhalten  von  den  Stätten  der  Leben- 
den, um  Schädigungen  zu  verhüten. 

'  Umgekehrt  denkt  sich  das  Wide  Lak.  Kulte  149  (Natursymbolik 
sieht  er  darin  S.  141). 

*  V.  Wilamowitz  NGG  1895,  -217ff.,  bes.  234f.,  wo  die  Sage  auf  das 
Kultbild  der  samischen  Hera  bezogen  wird.     Malten  PTFVIII  344  f. 


320  Friedrich  Schwenn 

an  einem  andcron  Orte  in  cf/igie  «^efessflt  gewesen,  und  zwar 
nebeneinander,  wenn  wir  die  b'  kannte  Ballade  des  Demodokos 
in  der  Odyssee^  ricthlic^  versieben.  Der  Kavalirrston,  der  dem 
Sang  eignet,  ist  natürlich  die'  Zutat  eiii^s  ganz  späten  ITome- 
rideuj  der  Kern  ist  älter:  Hephaistos  überrascht  seine  Gattin 
Aphrodite  beim  Ehebruch  mit  Ares  und  bindet  sie  beide 
nebeneinander  im  Be-tt  mit  unsichtbaren,  unzerreißl)aren  Ketten. 
Diese  Wun-lerdinge  sind  natürlich  Män-hengeräte;  das  übrige 
ist  eine  äliologiscbe  Le'jjeude,  der  die  zusanimengeljundenen 
i,6ccva  (\or  i>eiden  Götter  zugrunde  liegen.  Der  weii»^re  Gang 
der  ausgestaltenden  Phantasie  ist  leicht  zu  erkennen:  Wie 
konnte  'Aphrodite,  die  doch  nach  dem  Homerischen  Hymnus 
Gattin  des  TTephaistos  war,  neben  dem  Krieger  stehen? 
Wurde  die  Verbindung  mit  ibm  erst  einmal  ins  Menschliche 
übertrngen,  so  konnte  das  Verhältnis  nur  als  Ebebruch  aufge- 
faßt werden,  die  Fesselung  aber  als  das  Werk  des  llephaistos 
in  Anlehnung  an  das  volkstümliche  Motiv  vom  betrogenen, 
Rache  heischenden  Ehemann.*  —  v.  Wilamowitz^  freilich  ver- 
sucht, diese  lockere  Geschichte  als  eine  Fortbildung  des  er- 
wähnten Ilephaistoshymnus  zu  erlilären.  Nun  war  aber  tat- 
sächlich an  einigen  Orten  Ares  der  Parhedros  der  Liebes- 
göttin, beide  wurden  in  demselben  Tempel  verehrt',  und 
die  Prif'ster  werden  diese  Tatsache  als  Ehe  der  G(>tter  ge- 
deutet haben.  Sollte  ein  Dichter  da  selbständig  auf  denselben 
Gedanken  gekommen  sein? 

Ilonifr  kennt  noch  tinen  zweiten  Fesselnngsmythus  von 
Ares,  allerdings  diesmal  von  Ares  allein.  Nach  der  llias^ 
haben  die  Aloaden  Otos  und  Ephialtes,  die  an  dieser  Stelle 
als  Menschrn,  sonst  als  gewaltige  Hiesen  erscheinen,  einst  den 
Gott  gebunden    ujid    drei/.ehn  Monate    lang    in    einem  ;j^aAxot)s 


'  vnr  «^ßßff. 

'  V^l.  z.  n.  in  den  Gritrmflchen  Märchen:  Der  alte  Ilihlehrand. 

'  ji.  ii.  O.  *   Paus.  I!  *25,  1. 

»  V  386  ff.;  Torpffer  PW  l  1591. 


Der  Krieg  in  der  griechischen  Religion  321 

XEQU^og^  versteckt  gehalten,  bis  der  Gott  der  Diebe  selbst  sich 
bemühen  mußte,  ihn  wieder  herauszustehlen.  Der  allgemeine 
Rahmen,  in  den  die  Geschichte  eingespannt  ist,  ist  die  Vor- 
stellung von  einer  zeitweisen  Überlegenheit  der  Riesen  über 
die  Götter,  wie  sie  auch  der  altgermanischen  Mythologie  ver- 
traut ist.  Der  wesentliche  Bestandteil  ist  wieder  die  Fesse- 
lung des  Ares,  die  an  einem  Kultbild  beobachtet  und  vom 
Poeten  in  die  Vorzeit  als  Erlebnis  des  Gottes  verlegt  wurde. 
Das  Motiv  wurde  in  burlesker  Art  erweitert,  indem  man  den 
Gott,  seiner  Würde  nun  ganz  beraubt,  in  eine  kleine,  mit  Ge- 
walt nicht  zu  sprengende  Tonne  stecken  ließ,  in  der  er,  der 
gewaltige  Kriegsherr,  in  völliger  Ohnmacht,  mehr  als  ein 
langes  Jahr  schmachten  muß^;  Hermes,  der  von  Kindesbeinen 
an  im  Stehlen  Übung  hat,  holt  ihn  wieder  heraus.  Nur  ganz 
Gewaltige  konnten  es  gewesen  sein,  die  dem  streitbaren  Kämp- 
fer die  Schmach  antaten:  man  wählte  dazu  zwei  auch  sonst 
bekannte  Dämonen,  die  —  wertvoll  für  das  Lokal  der  Sage!  — 
im  nordöstlichen  Griechenland,  allenfalls  auch  auf  Kreta,  einst 
Verehrung  gefunden  haben. 

Überall  in  Griechenland  also  hat  es  Gottheiten  gegeben, 
die  für  die  Existenz  der  Stadt  unbedingt  notwendig  waren, 
wohl  die  Vorläufer  der  späteren  d-sol  noXiovioi,  im  besonderen 
der  Athena  UoX.ccg.  Vielfach  waren  es  die  großen  Gottheiten 
männlichen  und  weiblichen  Geschlechtes,  an  die  man  sich 
auch  mit  anderen  Wünschen  gewandt  haben  mag,  häufig  aber 
auch  die  eigentlichen  Palladien. 

Noch  ein  Wort  über  diese  letzteren.  Sie  waren  natürlich, 
ihrer  Bedeutung  entsprechend,  hochheilig,  und  wer  sich  zu 
ihnen  flüchtete,   war   gegen   irdische  Feinde    und  Rachegeister 

'  Die  Stadt  Keramos  in  Kleinasien  wollte  davon  ihren  Namen  er- 
halten haben.  Schol.  D  II.  V  385.  —  Lokalisierung  auf  Kreta:  Steph. 
Byz.  u.  d.  W.  Bievvog. 

^  Das  ist  Steigerung  des  ersten  Motivs;  mythologisch  hat  es  deuten 
wollen  z.  B.  H.  D.  Müller  Mythol.  d.  grtech.  Stämme  II  50. 

ArchiT  f .  BeligionB\vi88eu8ch.aft  XX.  3/4  21 


322     Friedrich  Scliwenn    Der  Krieg  in  der  gi-iechisclien  Religion 

gesichert.  Die  Sage  von  Kassandra,  die  sich  nach  der  Er- 
oberung Trojas  an  das  Palladion  retten  wollte,  dort  aber  von 
Aias  geschändet  wurde  ^,  ist  ein  Ausdruck  dieser  Stellung. 
Auch  wer  Blutschuld  auf  sich  geladen  hatte,  brachte  sich  dort- 
hin in  Sicherheit  und  fand  dort  eine  Freistätte.  Wer  freilich 
vorsätzlich  einen  Mord  begangen  hatte,  wurde  von  der  Göttin, 
die  in  einer  ethisch  weiter  entwickelten  Zeit  durch  ungerecht 
vergossenes  Blut  befleckt  wurde,  oder  ihren  Priestern  zurück- 
o-ewiesen.  So  kam  allmählich  in  Athen  die  Gewohnheit  auf,, 
daß  die  av-ovöiai  ccTtoxTSLvccvteg  am  Palladion  ^  zunächst  ein 
Asyl,  dann  auch  Urteil  fanden.  Damit  kam  dort  das 
dLxa6rr]Qiov    knl    xö    IJal/.adCG}     für     diesen    Spezialfall    der 

Tötung    auf.  (Forteetanng  folgt.) 


'  Chavannes  a.a.  0.  »  Fans.  I  28,  8. 


Die  Sage  Yon  der  Taufe  Jesu 
und  die  Yorderorientalisclie  Taubengöttin 

Von  Hugo  Greßmann  in.  Berlin-Schlachtensee. 

(Fortsetztmg  ub^  SobluB  von  S.  40) 

11.  Die  Geschichte  der  Taubengöttin  ist  natürlich  mit  der 
Geschichte  der  Taubenzucht  aufs  engste  verbunden;  und 
darum  darf  man  auch  scheinbare  Umwege  nicht  scheuen.  So 
beginnen  wir  mit  der  noch  immer  heiß  umstrittenen  Frage^ 
ob  und  wieweit  die  Israeliten  Taubenzucht  getrieben  haben.-' 
Nach  dem  gegenwärtigen  Stand  der  Forschung  kann  man  die 
Taubenzucht  überhaupt  an  der  Hand  ägyptischer  Zeugnisse^ 
bis  in  die  V.  Dynastie  zurückrerfolgen,  d.  h.  bis  rund  um 
3000  V.  Chr.  Sie  scheint,  wie  sich  zeigen  wird,  in  Assyrien 
nicht  jüngeren  Datums  zu  sein,  und  damit  ist  wenigstens  die 
Möglichkeit  gegeben,  sie  auch  in  Israel  für  alt  zu  halten. 
Folgende  Tatsachen  kommen  in  Betracht: 

Erstens  kennt  der  israelitische  Kultus  keine  Opfer  von 
wilden  Tieren;  von  Vögeln  werden  nur  Tauben  und  Turtel- 
tauben dargebracht.^  Schon  dies  spricht  dafür,  daß  sie 
zahmes  Geflügel,    und   zwar  das   einzig  zahme  Geflügel  waren. 

Zweitens  gab  es  zur  Zeit  Christi,  wie  wir  aus  dem  Neuen 
Testamente    erfahren*,    und    gewiß    schon    vorher    besondere 

^  Die  meisten  Forscher  denken  an  zahme.  Tauben  beim  Opfer, 
anders,  wie  es  scheint,  Stade  Biblische  Theologie  \  S.  163. 

*  Die  Belege  hat  gesammelt  von  Bissing  Die  Mastaba  des  Gem-ni-kai 
Bd.  1  S.  38  Nr.  29.  Er  nennt  dort  aus  dem  Alten  Reich:  Lepsius  D. 
II  70  (Vorführung  des  Viehhofes  in  der  Grabkammer  des  Manofer  V. 
Dyn.,  jetzt  Berlin;  neben  Enten,  Gänsen,  Kranichen  erscheinen  dort 
Tauben);  Ptahhetep  ed.  Research  Account  Taf.  31.  37;  Ptahhetep  II 
Taf,  13.  17  und  aus  dem  Mittleren  Reich:  Beni  Hassan  II  Taf.   6. 

«  Lev.  l,4tf.;  5,  7fF. 

*  Mark.  11, 15;  Matth.  21,  12;  Joh.  2,  14.  16. 

21* 


324  Hugo  Greßmann 

Taubenhäiidler,  die  im  äußeren  Vorhof  des  Jerusalemisch f^n 
Tempels  ihre  Ware  feilboten.  Ilätte  man  ursprünglich  wirk- 
lich wilde  Tauben  zum  Opfern  genommen,  so  mußten  doch 
die  starken  Bedürfnisse  des  Kultus  von  selbst  zur  Zähmung 
führen. 

Drittens  wird  wenigstens  an  einer  Stelle  des  Alten  Testa- 
mentes, die  etwa  aus  der  Zeit  um  450  v.  Chr.  stammt,  deut- 
lich^ Taubenzucht  vorausgesetzt: 

Wer  sind  die,  die  wie  die  Wolken  daherfliegen, 
wie  die  Tauben  zu  ihren  Dachluken?' 
Daraus  folgt  zugleich,  daß  man  damals  Nistplätze  auf  den 
Dächern  der  Häuser'  anzubringen  j>flegte.  Genau  dasselbe  er- 
fahren wir  aus  den  römischen  Schriftstellern:  die  halbzahmen 
Feldtauben  wohnten  mei>t  in  Schlügen,  die  als  Türme  auf 
den  Dächern  der  Landhäuser  errichtet  waren*;  im  übrigen 
suchten  sie  ihr  Futter  gewöhnlich  auf  dem  Felde.  Einen  an- 
tiken Taubenschlag  finden  wir  dargestellt  auf  einem  Mosaik 
aus  Falestrina.^ 

Viertens,  ausdrücklich  erwähnt  werden  zahme  Tauben  in 
Palästina  /.uer.st  von  Josephus:  in  dem  zur  Köuigsburg  von 
Jerusalem  gehörigen  Park  gab  es  zahlreiche  Wasser  'und  um 
die  Teiche  herum  viele  Türme  zahmer  Tauben'.''  Danach  wird 
man    zwischen    den    Taubenschlägen     der    Armeren    auf    den 


'  Mit  Unrecht  schließt  man  aus  der  Sintflutsage,  daß  die  zurück- 
kehrende Taube  zahm  gewesen  sein  müsse.  Da  Noah  durch  eine  Probe 
feststellen  will,  ob  die  Erde  trocken  geworden  ist,  braucht  er  notwendig 
einen  wilden   Vogel.  *  Jes.   60,  8. 

^  Das  hebräische  Wort  m3^^<  deutet  nicht  auf  freistehende  Türme, 
srindern  auf  Fenster  oder  Dachluken  (des  SöUfTs)  hin,  trotz  des  Tar- 
gnras  z.  St.  Sonst  unterscheidet  der  Talmud  zwischen  M">by  "^21"* 
Söllertauben  und  *]aTC  •>:T'  Turmtauben  B.  bathra  1,  6.  6. 

♦  Varro  HI  7,1;  Columella  VlII   8,1;  Palladius  I  24. 

''  Daremberg-S.tglio  iJirlioyinmre  1  1333  Fig.  1737;  Becker-Göll 
Galluft  I   112;  Jahrbuch  des  arch.  Instituts  1916  S.  16. 

•  Josephus  Jirll.  Jnd.  5,4,4  (§  181  Niese):  xal  noXXol  Trepi.  r« 
väfiara  Ttvgyoi  7ttXiiäS(av   Tifiigcov. 


Die  Sage  Ton  der  Taufe  Jesu  u.  die  Torderorientalische  Taubengöttin     325 

Dächern  der  Wolighäuser  und  besonderen  Taubentürmen  der 
Vornebmeren  unterscheiden  müssen.  Galen  berichtet  uns,  daß 
man  in  seiner  Heimat,  zu  Pergamon  in  Blleinasien,  Türme  auf 
dem  Laude  errichtete,  um  die  halbzahmen  FelJtauben  anzu- 
locken und  zu  unterhalten.^  Im  heutigen  Palästina  sind  solche 
Türme  unbekannt,  wie  überhaupt  keine  Taubenzucht  mehr 
getrieben  wird;  wohl  aber  werden  sie  noch  im  Talmud  viel- 
fach erwähnt.^  Wir  kennen  sie  aus  dem  modernen  Ägypten' 
und  ebenso  aus  dem  Hauräu,  wo  die  Gemeindetaubenhäuser 
{■7CCQL6r£Q£äves)  der  griechischen  Inschriften  ihre  Abbilder 
noch  in  der  Gegenwart  besitzen.  Wetzstein  schreibt:  „Noch 
heutigentags  hat  man  deren,  und  sie  sind  für  Ortschaften, 
die  in  der  Nähe  großer  Städte  liegen,  von  großem  Nutzen. 
Weiß  man  sie  gegen  Schlangen  und  Marder  (nims)  zu  schützen, 
so  gibt  oft  ein  einziges  Taubenhaus  eine  jährliche  Rente  von 
mehr  als  1000  Talern.  Es  ist  ein  über  30  Ellen  hoher, 
runder  oder  quadrater  freistehender  Turm,  el  hurg  (Tauben- 
burg) genannt,  von  Bruchsteinen  oder  Ziegeln  aufgebaut. 
Oben  ist  er  offen,  und  seine  inneren  Wände  sind  mit  Löchern 
für  das  Nisten  und  mit  Treppen  oder  Leitern  versehen.  Unten 
hat  der  Turm  eine  Türe.  Gefüttert  werden  die  Tauben  nie- 
mals. Die  Jungen  werden  immer  des  Vormittags  ausgenommen, 
wenn  die  Alten,  um  Futter  zu  holen,  ausgeflogen  sind"* 

Fünftens  kommen  noch  archäologische  Funde  in  Palästina 
hinzu,  deren  Deutung  freilich  bisher  noch  umstritten  ist;  sie 
■ind    indessen  noch  nirgends  gesammelt  und  eingehend  unter- 


'  Galenus  De  compositione  medicamcntarum  per  genera  II  iO  tom. 
XIII  5U  Kühn. 

*  Ygl.  Samuel  Kr»uß  TalmudiscJie  Archäologie.  Leipzig  1911. 
II  S.138f. 

^  Abbildungen  bei  C.  B.  Klunzinger  Bilder  aus  Oberägypten*.  Stutt- 
gart 1878.  Fig.  9  S.  117;  Heinrich  Schäfer  Lieder  eines  ägyptischen 
Bauern.  Leipzig  1903.     S.  121. 

*  J.  G.  Wetzstein  Beisel  er  icht  über  den  Hauran  vnd  die  Trachonen. 
Berlin  1860.     S.  73  Anm. 


326  Hugo  Greßmauu 

sucht.  Selten  in  Gebäuden,  meist  in  den  »lebendigen  Felsen 
gehauen,  entweder  über  de^  Erde,  sogar  dreistöckig',  oder  in 
Höhlen  und  Grotten  unter  der  Erde,  bisweilen  mit  Zisternen 
oder  Gräbern  verbunden^,  finden  sich  kleine  Nischen  in  ver- 
schiedener Zahl,  bald  zu  10,  bald  zu  100,  bald  zu  1500  oder 
gar  2000.  Bei  dem  geringen  Umfang  der  Nischen  und  ihrem 
kleinen  Abstand  voneinander^  ist  es  unmöglich,  daß  sie  mit 
oder  ohne  Urnen  Aschen-  oder  Knochenreste  geborgen  und 
als  Grabkolumbarien  gedient  haben  sollten.  Leicheuverbreu- 
nunof  war  überdies  bei  den  Juden  nicht  üblich  weder  in  der 
Heimat  noch  in  der  Fremde;  sie  wurde  von  ihnen  sogar  in 
Rom  verschmäht/  Gegen  die  Annahme,  daß  hier  Römer  be- 
stattet seien,  spricht  schon  die  große  Zahl  der  bisher  in  Pa- 
lästina nachweisbaren  Anlagen.  Ihre  Deutung  als  Grabstätten 
ist  vollends  unwahrscheinlich  da,  wo  diese  Nischen  mit  Schiebe- 
gräbern verbunden  sind,  wenn  mau  nicht  die  Gleichzeitigkeit 
beider  leugnen  will.  Dal  man  hat  daher  vermutlich  recht,  wenn 
er  nicht  an  Grab-,  sondern  an  Taubenkolumbarien  denkt ^,  sind 

»  Vgl.  Gnstaf  Dalman  Petra  I  S.  230. 

»  Vgl.  Palüstinn-Jahrbuch  IX   1913;  X  1914  S.  30. 

'  Zwei  Beispiele  mit  genauen  Maßangaben  Cndet  man  bei  Dalman 
Petra  I  S.  230.  Die  Niscben  des  Kolumbariums  in  Petra  z.  B.  haben 
„sämtlich  eine  Öffnung  von  nur  0,25  m  im  Quadrat  und  eine  Grund- 
fläche von  0,25  zu  0,19  m,  wobei  die  Uinterwand  nicht  senkrecht,  son- 
dern nach  vorn  gewölbt  ist.  Sie  entsprechen  nicht  den  Nischen  römi- 
scher Kolumbariengräber,  welche  für  eine  in  den  Boden  zu  senkende 
Urne  iJaum  bieten,  denn  ihr  Zwischenraum  beträgt  nach  allen  Seiten 
nur  9  cm."  Wohl  aber  gibt  es  ein  Kolumbariengrab  in  dem  etrurischen 
Bieda,  das  ebenfalls  sehr  enge  Zwischenräume  hat,  und  dessen  Nischen 
ebenfalls  sehr  klein  sind  (0,20  m  hoch,  0,15  m  breit  und  0,29  m  tief); 
vgl.  H.  Koch,  E.  V.  Mercklin,  G.  Weickert  Bieda  (Mitt.  des  kais.  deut- 
schen arch.  Instituts  zu  Rom  1915  S.  292).  Man  beachte  auch,  daß  die 
Nischen  hier  ebenso  wie  in  Petra  bis  auf  den  Boden  gehen  und  so  eine 
bequeme  Mögliclikeit  für  räuberische  Katzen  und  Marder  bieten  würden. 

*  Vgl.  Nikolaus  Müller  Die  jüdische  Katakombe  am  Montererde  zu 
Born.     Leipzig  1912.     S.  16. 

'  Vgl.  Dalman  Petra  I  S.  230  und  vereinzelt  im  Palästina- Jahrbuch, 
besonders  IV  1908  S.  29;  VIII   1912  S.  25. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u,  die  vorderorientalische  Taubengöttin     327 

doch  Felsspalten  oder  leere  Zisternen  während  der  heißen 
Tageszeit  oder  des  Nachts  ein  bevorzugter  Aufenthaltsort  der 
wilden  Tauben. 

Die  Taubengrotten,  von  denen  es  fünf  allein  bei  Jerusalem 
gibt,  sind  nicht  auf  das  jüdische  Gebiet  beschränkt;  sie  be- 
gegnen uns  ebenso  in  Philistäa  —  besonders  berühmt  ist 
eine  dieser  Anlagen  mit  2000  Nischen  bei  het  dschibrm^  — , 
ferner  in  Ammou  bei  'aräJc  el-emär  mit  1500  Nischen^,  in 
Gilead  beim  wädi  el-röle^  und  anderswo.  Ihr  Bereich  geht 
im  Süden  bis  nach  Petra,  der  nabatäischen  Hauptstadt^,  und 
im  Norden  bis  nach  Kara  Hissar  in  Pontus^,  man  darf  also 
sagen  vom  Roten  bis  zum  Schwarzen  Meere. 

Die  Zwecke,  zu  denen  man  die  Tauben  anlockte,  werden 
yerschieden  gewesen  sein.  Wirtschaftliche  Gründe,  an  die  der 
moderne  Mensch  zunächst  denkt,  haben  vielleicht  nicht  ganz 
gefehlt,  haben  aber  schwerlich  den  Ausschlag  gegeben;  sonst 
wäre  nicht  zu  verstehen,  warum  die  Taubenzucht  aus  dem 
heutigen  Palästina  gänzlich  geschwunden  ist,  wenn  man  auch 
annehmen  mag,  daß  sie  durch  die  Hühnerzucht  stark  beein- 
trächtigt wurde.  Dazu  kommen  zweitens  kultische  Beweg- 
gründe. Man  brauchte  Tauben  als  Opfer  für  Jahve  in  Jerusalem; 
außerhalb  des  jüdischen  Gebiets  pflegte  man  sie  noch  eifriger 
als    die    heiligen  Yögel   der  Astarte.     Beide  Erklärungen   sind 


•  PEF  Quart.   Stat.  1901  S.  11  ff. 

2  Greßmann  Palästina- Jahrbuch  IV  1908  S.  129;  Dalman  ebd.  VII 
1911  S.  29  und  Petra  1  S.  230. 

"  Palästina-Jahrbuch  VI  1910  S.  21. 

*  Dalman  Petra  I  S.  230. 

^  W.  J.  Hamilton  Reisen  in  Kleinasien,  Pontus  und  Armenien. 
Leipzig  1843.  II,  278:  „In  mehreren  (Höhlen),  die  ich  betrat,  fand  ich 
viele  Reihen  kleiner  Nischen  oder  Columbaria  von  8  Zoll  ins  Geviert, 
die  entweder  als  Taubennester  oder  zum  Einstellen  von  Aschenkrügen 
benutzt  worden  sein  mögen.  Weiter  unten  waren  die  Klippen  zur 
Linken  bis  zur  Höhe  von  etwa  200  Fuß  mit  ähnlichen  Öffnungen  gleich- 
sam durchlöchert,  von  denen  nur  wenige  mehr  als  zwei  Fuß  Durch-, 
messer  zeigten." 


Q9g  Hugo  Greßmann 

aber  wohl  nur  da  erlaubt,  wo  man  Tempel  in  der  Nähe  der 
Taubeugrotten  voraussetzen  darf,  wie  in  Jerusalem,  Petra  oder 
'arak  d-emlr}  Dann  bleibt  jedoch  noch  eine  große  Zahl  von 
Anlagen  übrig.  Sie  scheinen  auf  einen  Zusammenhang  der 
Tauben  mit  dem  Totenglauben  hinzudeuten.  Diese  Ver- 
mutuufT  letren  nicht  nur  die  bereits  erwähnten  Beispiele  nahe, 
in  denen  die  Nischengruppen  mit  Gräbern  verbunden  sind, 
sondern  auch  mehrere  griechische  Inschriften  aus  Batanaea, 
Trachonitis,  kurz  aus  der  Gegend  südlich  von  Damaskus.  Danach 
pflegten  die  Syrer  über  ihren  Grabmälern  Taubentürme  zu 
errichten.  Die  nicht  vom  Neuen  Testamente,  sondern  von  der 
homerischen  Epik  beeinflußten  Epigramme'  lehren,  daß  es 
sich  um  heidnische  Syrer  handelt.  Ofienbar  sah  man  in  den 
Tauben  Seelenvögel,  ein  Glaube,  der  ja  im  antiken  wie  im  modernen 
Orient  weit  verbreitet  ist,  und  der  auch  im  Alten  Testamente 
bezeugt  wird.^  Damit  hängt  es  gewiß  zusammen,  wenn  uns 
auf  den  Bildwerken  der  jüdischen  Katakomben  in  Rom  auch 
Tauben  begegnen,  so  nicht  nur  in  der  Katakombe  der  Vigna 
Randonini,  in  der  sich  starke  fremde  Einflüsse  bemerkbar 
machen,  sondern  auch  in  der  von  Nikolaus  Müller  aus- 
gegrabenen Katakombe  des  Monteverde,  die  streng  konservativ 
Ton  Tierfiguren  nur  Tauben  und  vielleicht  noch  eine  zweite 
Vogelart    enthält.*     Dieser    Unterschied    ist  sehr    bezeichnend, 

'  Daß  dort  kein  Falaat,  Bondern  ein  ammonitischeB  Heiligtum 
lag,  hatte  schon  de  Saulcy  Voyage  en  t>rre  sninie  S.  '224  vermutet.  Den 
Beweis  dafür  hat  H.  C.  Butler  erbracht:  Ancient  Architecture  in  Syria. 
Leiden  1907  S.  15 IF.  (Publications  of  the  Princeton  University  Archaeo- 
logical  Expedition  to  Syria  in  1904—6.     Div.  II). 

*  (;.  Kaibel  Kpigminmata  Graeca.  IJerün  1878.  Nr.  441,9:  xai 
icTiöt  Tivffyov  vnsQ9tv  evnrtQvyBßOi  jrtitiatg;  448,  3:  ngög  3h  TtEXBtaiOLv 
iöiLOV  af^pO^irov;  450,  2:  iezl  8'  ifiov  xaQ-vnBQQs  neXBiccwv  äo^og  inig; 
452,13:  avzÜQ  imeg^fp  i\itlo  nsliäoi  xaior  ^dE^/x8»'  |  xöonov  r/jitqpaj;^ 
TixiQyov  &()ijiQtnio(.    Die  Inschriften  stammen  aus  dem  2. — 3.  Jahrh.  n.  Chr. 

*  .Jes.  2'J,  4.  7;  Ps.  73,  20;  90,  10;  Weilhausen  Beste  arabischen 
Heidentums  *  S.  186;  Erman  Ägyptische  Religion  *  S.  103;  Deverria  Papyrus 
l^'ebd-Qed  p.  III;  Kargo  Rephaim  S.  667  flF. 

*  Nikolaus  Müller  a.  a.  0.  S.  89. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u.  die  vorderorientalische  Taubengöttin     329 

und  man  hat  eben  darum  kein  Recht,  die  Darstellung  der 
Tauben  mit  dem  Entdecker  für  ein  nichtjüdisclies  Element 
auszugeben.^  Gewiß  war  die  Taube  oder  der  Yogel  überhaupt 
als  Erscheinungsform  der  Seele  den  Griechen  und  Römern  eine 
ebenso  geläufige  Idee  wie  später  den  Christen^,  aber  die 
Juden  brauchten  diese  schon  im  Alten  Testament  bezeugte 
Anschauung  nicht  erst  auf  römischem  Boden  zu  übernehmen. 
Nach  alledem  wird  man  sagen  dürfen,  daß  dem  ortho- 
doxen Judentum  der  Zeit  Christi  die  Taube  als  Totenrogel 
galt,  und  daß  eben  darum  vielfach  Taubengrotten  ausgehauen 
wurden;  die  Fürsorge  für  die  Vögel  bedeutete  zugleich  eine 
Fürsorge  für  die  Seelen,  oder  umgekehrt.  Man  wird  sich 
freilich  hüten  müssen,  hier  wie  bei  allem  Volksglauben,  die 
Begriffe  allzu  scharf  zu  pressen.  Wenn  noch  heute  die  mos- 
limischen  Gräber  mit  Vertiefungen  versehen  sind,  in  die  man 
Wasser  zu  gießen  pflegt,  so  wird  das  gewöhnlich  als  eine 
Wohltat  für  die  Vögel  erklärt^;  da  aber  auch  nach  arabischem 
Glauben  die  Seelen  der  Toten  ebenso  durstig  sind  wie  die 
Vögel*,  so  fällt  das  Interesse  für  beide  zusammen,  ohne  daß 
zwischen  beiden  begrifflich  klar  geschieden  werden  könnte. 
Es  ist  auch  nicht  erlaubt,  weitere  Folgerungen  daraus  zu 
ziehen,  als  ob  es  deswegen  etwa  verboten  sein  müßte,  Tauben 
zu  essen;  das  volkstümliche  Denken  ist  stets  abrupt  und  be- 
ichränkt  sich  auf  einzelne  fragmentarische  Ideen,  ohne  ihre 
Konsequenz8D    zu    verfolgen.     Demnach    gehören   die  Tauben- 

>  Ebd.  S.  82. 

'  Georg  Weicker  Der  Seelenvogel.  Leipzig  1902  S.  26 f.;  B.  Lorentz 
Die  Taube  im  Altertum  (Schulprogramm)  Würzen  1886.  S.  38ff. ;  Hein- 
rich Günter  Die  christliche  Legende  des  Abendlandes.  Heidelberg  1910. 
S.  13.  45.  86.  U2.  148.  191;  Nestle  ZNTW.  Vll  1906.  S.  359;  0. 
Gruppe  Griechische  Mythologie  und  Eeligionsgesckichte  S.  237 f.; 
794*;  1344*;  Eduard  Hahn  Die  Haustiere  S.  337f. 

'  Dalman  Die  Schalensteine  Palästinas,  Palästina -Jahrbuch  IV 
1908  S.  40. 

*  Alois  Musü  Arabia  Petraea.  III.  Wien  1908  S.  451;  Hugo 
Greßmann  Dohnen,  Masseben,  Napflöeher  ZATW.  XXIX  1909  S.  115. 


330  Hugo  Gießmann 

türme  der  Syrer  und  die  Taubengrotteu  der  Juden,  wenigstens 
teilweise,  zu  demselben  Vorstellungskreis  des  Seelenglaubens. 
Der  Unterschied  ist  zunächst  rein  technisch :  die  Juden  haben 
neben  ihren  Grabtürmen  oder  -Masseben,  die  man  sich,  um  ein 
Beispiel  zu  nennen,  nach  Art  des  Zacharias-Grabes  im  Kidron- 
tal vorstellen  muß,  ihre  besonderen  Taubengrotten  gehabt, 
während  die  Syrer  Grabtürme  und  Taubengrotteu  miteinander 
verbanden  zum  Taubenturm,  der  sich  über  dem  Grabe  wölbt. 
AVesentlicher  ist  die  gedankliche  Differenz:  den  Juden  gilt  die 
Taube  nur  als  Totenvogel,  den  Syrern  dagegen  zugleich  als 
der  heilige  Vogel  der  Atargatis. 

Beachtenswerterweise  fällt  dieser  Unterschied  der  Auf- 
fassung, wie  es  scheint,  im  großen  und  ganzen  mit  einem 
Unterschied  der  Taubenarten  zusammen.  Die  literarischen 
Nachrichten  ebenso  wie  die  archäologischen  Funde  zwingen 
zwar  zu  der  Anerkennung  der  Taubenzucht  bei  den  Juden 
als  einer  historischen  Tat^sache.  Vermutlich  aber  handelt  es 
sich  fast  überall  um  die  halbzahme,  „schwarze"  oder  graue 
Feldtaube  und  um  die  zutrauliche  Turteltaube.  Nur  eine 
Spur  deutet  auf  die  ganzzahme,  weiße  Haustaube  hin:  in  der 
Mischna'  wird  die  'llerodes-Taube'  als  eine  besonders  zahme 
von  anderen  Arten  unterschieden  und  deshalb  mit  eigenen 
Vorschriften  bedacht.  Wie  der  Name  lehrt,  wird  sie  zuerst 
von  Ilerodes  für  die  Taubentürme  seines  Schloßparkes  be- 
zogen worden  sein,  die  wir  bereits  aus  der  Schilderung  des 
Josephus  kennen,  gelernt  haben;  vom  Hof  aus  hat  sie  dann 
auch  bei  anderen  vornehmen  Juden  Verbreitung  gefunden, 
schwerlich  aber  jr'mals  größere  Bedeutung  erlangt.  Bei  den 
engen  Beziehungen  des  Ilerodes  zur  Stadt  Askalon  wird  man 
kaum  leugnen  können,  daß  er  seine  Sj)eziaUauben  von  dort 
eingeführt  hatte.    Aus  der  Schrift  des  Juden   l'hilon   'über  die 

•  Sdiabbath  XXIV  3;  Chullin  XII  1  (nvD-nr;  ^:t>);  vgl.  Schürer  P 
S.  394  Anm.  79;  Krauß  Talm.  ArcJuiol.  II  S.  138.  Dazu  TibuU  I  7,17: 
alba  Palaeslino  .^ancta  coluviba  Syro. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u.  die  vorderorientalische  Taubengöttin     33 1 

Vorsehung'  erfahren  wir  zufällig  Genaueres  von  den  Tauben 
Askalons  und  entnehmen  seiner  Schilderung  zusieich  eine  Bestäti- 
gung  dafür,  daß  die  Haustaube  auf  jüdischem  Boden  fehlte:  'Auf 
meiner  Reise  zum  heimischen  Tempel,  um  dort  zu  beten  und  zu 
opfern,  weilte  ich  in  dem  am  Meere  gelegenen  Askalon  und  sah 
dort  eine  unglaubliche  Menge  von  Tauben  auf  den  Wegen  und 
bei  jedem  Hause.  Auf  meine  Frage,  wie  das  komme,  ant- 
wortete man  mir,  es  sei  nicht  erlaubt,  sie  zu  fangen;  denn  den 
Einwohnern  sei  ihr  Genuß  seit  alters  untersagt.  Infolgedessen 
waren  die  Tiere  so  zahm  geworden,  daß  sie  nicht  nur  mit  den  Men- 
schen unter  demselben  Dache  wohnten,  sondern  auch  an  derselben 
Tafel  saßen  und  ihre  Freiheit  genossen'.^ 

Das  Ergebnis,  das  dieser  Überblick  über  die  Taubenzucht 
auf  jüdischem  Boden  bringt,  ist  auch  für  die  Vorgeschichte 
der  Taufsage  wichtig.  Von  Tauben  und  Taubengöttiu  erzählt 
man  naturgemäß  mit  Vorliebe  da,  wo  es  viele  Tauben  gibt, 
und  wo  eine  Taubengöttin  verehrt  wird.  Gelingt  es  nun,  eine 
Wanderung  der  Göttin  und  ihres  Kultes  oder  auch  nur  der 
sekundär  vom  Kultus  losgelösten  Taubenzucht  nachzuweisen, 
dann  ist  damit  zugleich  auch  der  Weg  gezeigt,  den  ihre  Sagen 
gewandert  sein  müssen.  Ist  diese  Erwägung  richtig,  dann 
war  Askalon  die  letzte  Station  des  Stoffes,  bevor  er  nach  Je- 
rusalem kam.  Askalon  war  zwar  niemals  in  jüdischem  Besitz, 
aber  Herodes,  später  seine  Schwester  Salome  besaß  dort  einen 
Palast,  und  viele  Juden  wohnten  dort,  ehe  sie  durch  den 
großen  Krieg  ausgemordet  wurden.  Es  ist  gewiß  kein  Zufall, 
daß    die  jüdische  Parallele  zum  reichen  Mann  und  armen  La- 

'  Euseb.  Praep.  evang.  VIII  14,  64  Gaisford:  T^g  Zvqltis  stcI  &aXdtTT] 
TTO/lis  iövlv,  'AgxcxXcov  ovoiia'  yEvö^ivog  iv  ravT-fj,  jcocö"'  ov  xqovov  sig  to 
TtatQ&ov  ItQov  iatsXl6^T]v  sv^ö^svög  rs  v.cil  Q'vecov,  &^r]xccv6v  rt,  nslstccäcüv 
TtXfiitos  ivtl  x&v  tQLoSav  Kai  v.ax  olv.iav  sxäazrjv  i&eaad^riv.  Ttvv&a- 
ro/xEVQj  de  (loi  Trjv  ultiav,  ^qiaßocv  ov  Qs^irbv  tivaiov?.XufißdvsLV  ansiQiie&ai, 
yccQ  ix  TtaXaiov  rotg  oixTjro^et  rfiv  jjp^ötv.  ovrag  ij^sQcotat  xb  ^äov  in' 
adsiag,  &Gx'  ov  fiövov  vnaQÖcpiov  dXXcc  Kai  o^iotgäm^ov  cccl  yiviG^ai  kuI 
rfjg  iKE^siQLag  ivxQvtpäv. 


332  Hugo  Greßinann 

zarus  gerade  in  Askalon  spielt:  Askalon  liegt  auf  dem  Wege 
von  Ägypten  nach  Jerusalem,  und  wenn  der  Stoff  zu  diesem 
Gleichnis  wirklich  aus  einem  ägyptischen  Märchen  stammt  \ 
dann  mußte  bei  mündlicher  Wanderung  Askalon  die  Zwischen- 
station bilden.  Aber  Askalon  stand  durch  seinen  Handel 
ebenso  wie  mit  Ägypten  auch  mit  Griechenland  und  Babylonien 
in  Verbindung,  so  daß  sich  dort  Einflüsse  aus  allen  Richtungen 
kreuzen  konnten. 

12.  Die  Taubengöttin  ron  Askalon  kennen  wir  ge- 
nauer aus  den  Münzen  der  Stadt,  auf  denen  uns  zwei  Typen 
begegnen.  Erstens:  auf  Münzen  von  Augustus  bis  Geta^  steht 
die  IStadtgöttin  regelmäßig  auf  einem  Schiffsvorderteil,  hält  Stan- 
darte und  Aphlaston  in  Händen  und  ist  stets  von  einer  Taube  und 
einem  eigenartigen  Altar  begleitet,  der  mit  seinen  drei  Spitzen  einem 
Dreizack  ähnelt.  Die  Standarte  hat  bisweilen  nur  ein  Quer- 
holz, bisweilen  aber  sind  Stäbe  hinzugefügt,  die  dem  Kopf 
dreieckige  Gestalt  geben.  Zweitens:  auf  Münzen  von  Antoninus 
Pius  an'  erscheint  eine  Göttin,  die  auf  dem  Haupt  nicht  die 
Turmkrone,  sondern  den  Halbmond  trägt."*  Sie  steht  nicht 
auf  dem  Schiffsvordörteil,  sondern  auf  einem  Triton,  der  ein 
Füllhorn  emporhebt.  In  der  Hand  hält  sie  nicht  eine  Stan- 
darte, sondern  ein  Zepter,  und  die  Taube  befindet  sich  nicht 
auf  dem  Felde,  sondern  sitzt  auf  der  Rechten  der  Göttin. 

Die  Münzen  benennen  die  beiden  (Göttinnen  nicht,  und 
darum  müssen  wir  auf  eine  sichere  Benennung  verzichten. 
Beide  sind  ihrem  Wesen  nach  verwandt;  denn  beide  haben 
Beziehungen  zum  Meere  wie  zu  den  Tauben.    So  könnte  man 

'  So  Hugo  Greßmann  Vom  reichen  Mann  und  armen  Lazarus 
(Abb.  Berl.  Akad.  Phil.  bist.  Kl.  1918,7). 

•  GeorgeB  Francia  Hill  Catalogue  of  the  Greek  coins  of  Palestine. 
London  1914.  S.  LVHl  PI.  XIH  6  ff.  Die  Taubs  obne  Göttin  eracbeint 
nocb  bäufiger. 

»  Ebd.  S.  LVni  PI.  XIH  21fr. 

*  So  Hill  a.  a.  0.  gegen  Kene  Dussaud  Notes  de  mythologie  Syrienne. 
Paris   19Ü3.     S.  99. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u.  die  vorderorientalische  Taubengöttin     333 

sie  identifizieren.^  Da  aber  die  Münztypen  wenigstens  eine 
Zeitlang  nebeneinander  herlaufen,  wird  es  sieb  wahrscheinlicher 
um  zwei  verschiedene  Gottheiten  handeln;  dann  könnte  man 
in  der  einen  Astarte,  in  der  anderen  Atargatis  sehen.^  Frei- 
lich wenn  die  literarischen  Nachrichten  zutreffen  sollten,  daß 
die  Atargatis  von  Askalon  halb  in  Menschen-,  halb  in  Fisch- 
gestalt  dargestellt  worden  sei,  dann  wäre  uns  kein  Bild  von 
ihr  aufbewahrt  worden.^ 

Ebensowenig  wissen  wir,  unter  welchem  einheimischen 
Namen  die  Stadtgöttin  von  Askalon  zur  Zeit  Herodots  ver- 
ehrt worden  ist;  denn  Herodots  Aphrodite  Uranie  ist  keine 
Übersetzung  des  philistäisch-semitischen  Namens,  sondern  Er- 
setzung durch  ein  griechisches  Äquivalent.*  Ein  halbes  Jahr- 
hundert später  spricht  Ktesias  von  der  Derketo^,  deren  voller 
Name  Atargatis  war.  Aber  während  Atargatis  =  Derketo 
eine  aramäische  Göttin  war,  als  deren  Zentrum  Hieropolis  in 
Syrien  gelten  darf,  betrachtet  Herodot  die  Uranie  als  eine 
uralte  Göttin  von  Askalon  und  hält  sie  für  identisch  mit 
der  phönikischen  Göttin.  Daß  in  Askalon  phönikischer  Ein- 
fluß lauge  Zeit  geherrscht  hat,  wird  niemand  leugnen ;  erzeigt 
sich  auch  in  dem  auf  Münzen  dieser  Stadt  bezeugten  Namen 
der  Gottheit  ^ccvrjßdXog,  der  von  dem  immer  noch  rätselhaften 
Beinamen  der  punischen  Göttin  bya  "j  d  rin  nicht  getrennt 
werden  kann.  ^     So  werden  wir  als  das  Wahrscheinlichste    an- 


^  So  Dussaud  a.  a.  0.  und  ebenso  Baudissin  Atargatis  PRE '  II 
S.  176  Z.  45  ff.  Aber  während  jener  die  Göttin  mit  Bestimmtheit  Aatarte 
nennt,  zieht  dieser  als  das  Wahrscheinlichere  Derketo  vor, 

*  So  Hill  a.  a.  0.,  der  geneigt  ist,  in  dem  ersten  Typus  die  Meeres- 
göttin Astarte,  in  dem  zweiten  die  lokale  Form  der  Atargatis  zu  sehen. 

'  Wix  kennen  nur  einen  Gott  mit  Fischleib,  im  Typus  des  grie- 
chischen Triton,  z.  B.  aus  Münzen  von  Aradus  und  aus  Gemmen;  vgl. 
Furtwängler  Antike  Gemmen  Bd.  III  S.  112.  Über  den  Fischleib  der 
Atargatis  von  Askalon  vgl.  Diodor  II  4;  Lukian  Dea  Syria  c.  14. 

*  So  muß  man  nach  Analogie  der  übrigen  Götternamen  Herodots 
urteilen. 

*  Strabon  XVI  785  C.  •  Vgl.  Hill  a.  a.  0. 


ooi  Hugo  Greßmann 

nehmen  dürfen,  daß  seit  etwa  400  v.  Chr.  die  neu  eingewan- 
derte aramäische  Atargatis  mit  der  älteren,  schon  länger  in 
Askalon  ansässigen  phönikischen  'Astarte  des  Himmels'  ver- 
schmolz,^ 

In  merkwürdiger  Weise  spielt  noch  ein  dritter  Name  hier 
hinein,  der  Name  der  Semiramis,  und  gerade  ihr  waren  die 
Tauben  von  Askalon  heilig.  Die  Sage  berichtet  Diodor^  nach 
Ktesias:  Derketo  wird  von  der  erzürnten  Aphrodite  mit  Liebe 
zu  einem  syrischen  Jüngling  erfüllt  und  gebiert  ihm  eine 
Tochter.  Aus  Scham  setzt  sie  das  Kind  aus,  stürzt  sich  selbst 
ins  ^leer  und  wird  in  ein  Fischweib  verwandelt.  Das  Mäd- 
chen wird  in  der  Einöde  von  Vögeln  wunderbar  ernährt: 
Tauben  bedecken  es  mit  ihren  Flügeln,  um  es  zu  wärmen, 
flieo-en  zu  den  Hütten  der  Hirten  und  bringen  ihr  in  ihren 
Schnäbeln  Milch,  später  auch  Käse.  Die  Hirten,  allmählich 
aufmerksam  geworden,  entdecken  das  Kind  und  führen  es  zu 
Simmas,  dem  Aufseher  der  königlichen  Herden;  der  nimmt  sie 
zur  Tochter  an  und  gibt  ihr  den  Namen  Semiramis.  Als  die 
Juno-frau  erwachsen  ist,  kommt  sie  an  den  Hof  des  Ninus, 
wird  seine  Gemahlin  und  damit  Königin  von  Assyrien.  So  weit 
ist  die  Sage  verständlich  als  die  Berufungssage  einer  assyrischen 
Königin.  Ihren  Hauptbestandteil  bildet  das  Findelkiudmotiv, 
das  für  die  babylonisch-assyrischen  Sagen  typisch  ist  und  sich 
bis  auf  Sargon  von  Akkad  (um  2850  v.  Chr.)  zurückführen 
läßt.  3 

Obwohl  die  Semiramissage  letzten  Endes  aus  Assyrien 
stammen  muß,  weil  Semiramis  eine  assyrische  Königin  war, 
kann  sie  doch  in  ihrer  gegenwärtigen  Form  nicht  ohne  weiteres 
nach  Assyrien  übertragen  werden;  denn  dorthin  paßt  nicht 
der  Name  der  Derketo,  geschweige  denn  derjenige  der  Aphro- 
dite.    Eine  Umgestaltung    des  Stolfes  auf  aramäischem  Boden 

»  Ähnlich  urteilt  Baudissin  PRE*  8.  v.  Atargatis  II  S.  176  2.  IfiF. 

»  Diotlor  II  4  ff. 

»  Vgl.  0.  S.  40  Anra.  2. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u,  die  vorderorientalische  TauLengöttin     335 

ist  nicht  zu  leugnen.  Aber  wenn  man  nicht  eine  YÖllige 
Neuschöpfung  annehmen  will,  muß  man  wenigstens  für  den 
Hauptbestandteil  assyrischen  Ursprung  vermuten;  die  Frage, 
wie  das  Findelkind  zur  Königin  wurde,  stimmt  ja  überdies 
mit  der  Geburtssage  Sargons  genau  überein,  wenn  auch  die 
Ausführung  des  Themas  eine  andere  ist.  Träfe  diese  Vermutung 
zu,  dann  wären  die  Tauben  die  Vögel  der  assyrischen  Istar, 
die  über  dem  Leben  der  künftigen  Königin  wacht;  für  sie 
wäre  dann  die  aramäische  Derketo  als  Ersatz  eingetreten. 
Aber  ob  diese  Hypothese  richtig  ist,  wird  davon  abhängen, 
ob  sich  die  assyrische  Göttin  Istar  als  Tauben-  und  Königs- 
göttin  erweisen  läßt.  Jedenfalls  gelten  in  der  Fassung  des 
Diodor-Ktesias  die  Tauben  als  die  Vögel  der  Derketo;  die 
göttliche  Mutter  sorgt  für  das  Leben  ihres  zur  Königin  be- 
stimmten Kindes. 

So  haben  wir  hier  eine  askalonitische,  ursprünglich  assyrische 
Königssage  kennen  gelernt,  verwandt,  aber  nicht  identisch 
mit  der  Königssage,  die  in  der  Taufgeschichte  Jesu  benutzt 
worden  ist.  Beide  stimmen  darin  überein,  daß  sie  eine  Tauben- 
göttin als  Königsgöttin  voraussetzen;  aber  das  eine  Mal  han- 
delt es  sich  um  die  Berufung  eines  Kindes,  das  andere  Mal 
um  die  eines  Erwachsenen.  In  dieser  Hinsicht  erinnert  die 
Semiramissage  eher  an  das  Weihnachtsevangelium,  dem  ja 
wohl  sicher  auch  das  märchenhafte  Motiv  des  Findelkindes 
zugrunde  liegt  ^;  da  in  beiden  Erzählungen  die  Hirten  auf 
dem  Felde  das  Kind  finden,  so  mögen  hier  verborgene  Be- 
ziehungen vorhanden  sein,  die  sich  nicht  mehr  aufhellen 
lassen.  Immerhin  macht  die  Annahme  keine  Schwierigkeit, 
daß  da,  wo  eine  Taubengeschichte  bezeugt  ist,  noch  mehr 
umliefen,  die  zufallig  keiner  Aufzeichnung  gewürdigt  worden 
sind.  Überdies  ist  zwar  nicht  die  Taubengöttin  von  Askalon, 
wohl  aber  die  mit  ihr  identische  Atargatis  von  Hieropolis 
gerade  in  derjenigen  Darstellungsform  nachweisbar,  die  wir 
^  Ygl.Gve&m&nn  Das  Weihtiachtsevangelium.  Göttingen  1914.  S.  18ff. 


336  Hngo  Greßmann 

für  die  Taufsage  Jesu  verlangen  müssen.  Tm  Tempel  der 
syrischen  Göttin  gab  es  das  Standbild  einer  Göttin  mit  einer 
goldenen  Taube  auf  dem  Kopfe,  das  ebendeshalb  nach 
Lukian  auch  für  eine  Statue  der  Semiramis  gehalten  wurde,' 
Ohne  Zweifel  spielt  hier  wie  in  zahlreichen  anderen 
Fällen  Semiramis  die  Rolle  der  Atargatis,  und  man  muß 
fragen,  wie  diese  Rollenvertauschung  zu  erklären  ist.*  In 
erster  Linie  ist  an  die  historische  Bedeutung  der  Semiramia 
zu  erinnern;  hätte  sie  nicht  schon  zu  ihren  Lebzeiten  die 
Herzen  der  Erzähler  gewonnen,  dann  hätte  sich  auch  nicht 
nach  ihrem  Tode  die  Phantasie  des  Märchens  und  des  Mythus 
um  ihre  Person  gerankt  und  sie  mit  ihren  Sagen  geschmückt. 
Zweitens  darf  man  darauf  verweisen,  daß  sie  als  assyrische 
Königin  schon  durch  ihren  königlichen  Rang  in  die  Sphäre 
der  Gottheit  emporgehoben  war;  diese  Auffassung  konnte  sich 
nach  ihrem  Tode  noch  vertiefen  und  immer  stärker  werden, 
je  länger  die  geschichtliche  Wirklichkeit  verblaßte.  Als  Se- 
miramis gar  zur  Gemahlin  des  Ninus  ward  und  damit  zur 
Begründerin  des  assyrischen  Reiches,  mußte  sie  geradezu  mit 
der  Göttin  Istar  verschmelzen,  die  dann  sekundär  durch  Der- 
keto  ersetzt  ward.  An  dritter  Stelle  kommen  volksetymolo- 
gische Spielereien  hinzu.     Schon   bei  Diodor-Ktesias    wird   be- 

'  Lukian  Dea  Syria  c.  33.  Auf  Münzen  von  Hieropolis  findet  sich 
die  Tanbe  nar  einmal;  vgl.  die  Münzen  aus  dem  Wiener  Kabinett;  Neu- 
mann jSumt  reteres  inediti  1873  II  S.  74— 80,  1  af.  III  2;  Eckhel  Doc- 
trinn  num.  1794.  III  S.  262;  Mionnet  V  S.  141  Nr.  .54;  Lajard  Culte  de 
Venus  S.  128  pl.  III  B  Nr.  1;  Six  Monuaies  d'  Hieropolis  en  Syrie 
(Nnmismatic  Clironirle  NS.  XVill  1878)  S.  119;  Strong  and  GarBtang 
The  Syrian  Goddess.  London  1913  S.  23;  Frontispiece  Nr.  1;  8.70 
Fig  7;  ImhoofIilumer6'nec/a.scÄe  Münzen.  München  1890.  S.  769  Nr.  772. 
In  <ler  Mitte  »teht  ein  Tempel  mit  der  Legions  Standarte;  aul  dem 
Dach  sitzt  eine  1  auhe.  Zur  Linken  thront  der  Gott  auf  zwei  Stieren, 
zur  Rechten  die  Göttin  auf  zwei  Löwen.  Im  Vordergrund  achreitet  ein 
Löwe  nach  rechts. 

'  Diese  Krage  hat  Lehmann-Haupt  erscliöpfend  beantwortet,  zuletzt 
bei  f?OBcher  s.  v.  Semiramis.  Ya\.  ferner  Renö  Dussaud  Notes  de  Mytho- 
logir  Syrienne.     Piiris  1903.     8.113. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u.  die  vorderorientalische  Taubengöttin     337 

Rauptet,  daß  Semiramis  so  viel  wie  'Taube'  heiße,  und  daß 
dieser  Vogel  um  ihretwillen  den  Syrern  heilig  sei.  Darauf 
wird  auch  die  Nachricht  des  Hesychios  zurückgehen,  wonach 
Semiramis  auf  griechisch  "^die  Bergtaube'  bedeute.  Denselben 
Unterschied  zwischen  Derketo  und  Semiramis  wie  Diodor- 
Ktesias  macht  Lukian:  die  Fische  seien  den  Syrern  heilig  um 
der  Derketo,  die  Tauben  um  der  Semiramis  willen.  Nach 
ebendenselben  Schriftstellern  wurde  Semiramis  in  eine  Taube  ver- 
wandelt,' Die  historische  Semiramis,  die  Frau  Samsi-Adad  V. 
(oder  IV.),  regierte  nach  den  neuesten  Forschungen^  von 
810 — 805  als  Alleinherrscherin  und  hieß  sammurämat  =  '^sie  hat 
lieb  gewonnen  den  sammu\^  Die  Bedeutung  von  sammu  ist 
bisher  unbekannt.  Ktesias,  der  auf  guten  einheimischen 
Quellen  fußt,  wird  noch  gewußt  haben,  daß  im  Assyrischen 
—  in  den  anderen  semitischen  Sprachen  fehlt  das  Wort  — 
summatu  =  '^die  Taube'  hieß,  ein  Wort,  das  ja  stark  an  sammu 
anklingt  und  volksetymologisch  leicht  damit  verquickt  werden 
ionnte.  Bei  der  Erklärung  als  'Bergtaube'  wird  das  zweite 
Element  des  Wortes  nicht  aus  dem  Assyrischen,  sondern  aus 
dem  Phönikischen  oder  Aramäischen  rämat  =  'Höhe'  abgeleitet. 
Mit  der  Verpflanzung  des  Namens  auf  ein  fremdes  Sprach- 
gebiet war  etymologischen  Spielereien  Tür  und  Tor  geöffnet; 
und  vielleicht  hat  auch  der  nahe  Anklang  an  das  Wort  für 
'Himmel'  die  Gleichsetzung  der  Semiramis  mit  der  'Astarte 
-des  Himmels'  befördert  oder  erleichtert.^ 


^  Vgl.  Diodor  II  20;  Lukian  Dea  Syria  c.  14;  Hesychios:  Us^igafiig' 
ytSQterEQU  öqelos  'EXXriviötL 

*  Ernst  F.  Weidner  Neue  Königslisten  aus  Assur  MDOGr.  Nr.  58 
(Aug.  1917)  S.  21;  Otto  Schroeder  ZfAssyr.  XXXIII,     1920.     S.  59. 

'  Otto  Schroeder  verweist  mich  auf  Tallqvist  Ässyrian  Personal 
Names  S.  299,  wo  sa-am-mu  zum  Stamme  D73D  gestellt  wird,  und  auf 
Klauber  Texte  der  Sargonidenzeit  Nr.  102  Rs.  9,  wo  ein  aualoger  Name 
Belit-sa-am-ma-ilat-a-a  belegt  ist. 

*  Diese  Vermutung  legt  sich  besonders  dann  nahe,  wenn  der  mehr- 
fach in  der  Chronik  für  Männer  belegte  Eigenname  niT^'li^cUJ  mit 
dem    Namen    der    Semiramis    identisch    ist    (1  Chron.  15,  18.  20;  16,  5; 

Axchiv  f.  KeligiODBwissenBohaft  XX.  3/4  22 


g^^g  Hugo  Greßmaun 

Jedenfalls  kann  kein  Zweifel  daran  sein,  daß  es  ursprüng- 
lich   nicht    die    Semiramis,    sondern    die    Göttin    von  Askalon 
und  Hieropolis  war,    die  sich  in  eine  Taube  verwandelt  hatte, 
die    also  selbst  als  Taube  gedacht  wurde.     Wir  besitzen  noch 
den    Geburtsmythus    der    Atargatis:    ein    großes    Ei    fiel    vom 
Himmel    in  den  Euphrat,  Fische   trugen    es  ans  Ufer,  Tauben 
brüteten  es  aus,  und  aus  ihm  ging  die  syrische  Göttin  hervor.^ 
Hier  sind,  wie  es  scheint,  drei  verschiedene  Vorstellungen  mit- 
einander kombiniert:  von  dem  Stern,    der  vom  Himmel  in  die 
Fluten    fällt,    von    der  Geburt    als  Fisoh    im  Wasser    und    von 
dein  Schlüpfen  der  Taube  aus  dem  Vogelei.     Für  uns  kommt 
es  in   diesem  Zusammenhange  nur  auf  die  letzte  Idee  an,    die 
der   Taubengöttin   durchaus    entspricht,    obwohl   es    gewiß    be- 
achtenswert   ist,    daß    die    syrische  Göttin    zugleich    als  Fisch- 
göttin    und     als    Sterngöttin     oder     genauer     als    Göttin     des 
Venusstems   aufgefaßt   wurde.     Der  Weg,    den    die  Verehrung 
der   Taubengöttin    genommen    hat,    ist   durch    die    Kulte    und 
Mythen,    wenn   nicht   alles   täuscht,    eindeutig   bestimmt.     Die 
Atargatis    aus    Askalon    in    Philistäa    ist    jedenfalls    mit    der 
Atargatis   aus  Hieropolis   in  Syrien   identisch.     Wenn   die  hei- 
ligen   Tauben    in    Askalon    nach    der   Schilderung   Philons    so 
zahm    sind,    daß    sie    in    die    Häuser   dringen,    so   gilt    genau 
dasselbe   für   Hieropolis   nach   der   Schilderung   Lukians.*     Als 
Tauben-  und  Königsgöttin  scheint  Atargatis  die  Erbschaft  der 
assyrischen  Jstar   angetreten   zu   haben;   sicher  ist  das  von  der 

II  Cliron.  17,8),  ist  doch  auch  V'^'»^*'-*^  damals  ein  beliebter  Eipennarue 
gewesen.  Mau  wird  auch  an  den  Nauieu  CT:"  D7:ü  erinnert  (Lidzbarski 
Ephemeris  II  51  Z.  3  =  Altsem.  Texte  I  8  S.  19)  =  i'aftrifipovfioc,  der 
ebenfalls  nach  seiner  (göttlichen)  Mutter  hieß  (Philon  Byblios  bei  Euseb.  I 
10,9  Gaisford  [Var.  D]). 

•  HjK'in  Fah.  197;  Schol.  German.  Arat.  v.  243;  Ampelius  Lih.  mein.  II 
S   8,  86  W.ilfflin. 

'  Lukian  Den  SyriaM:  ögvlitcov  xt  ui}z£oioi  ■jtsQi.cxBQfi  x^ftiia  ioötazov 
%ul  ovök  'i'uvciv  airiwv  diKutivGi.-  xal  tjv  äixovxig  üipojvxai,  fvayitg 
ixEivT]v  rijv  Tj^igriv  tiei.  xovvsku  8r]  aixtoir,i  6vvvo(iol  xi  doi  xal  is  fä 
o/x7)ta   ^Ct'pxoiTai  xc-i  xä  nolXä  iv  -/fj  vi^ovrai. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u.  die  vorderorientalische  Taubengöttin     339 

Sterngöttin.  Die  drei  Stationen  sind  demnach:  Assur,  Hiero- 
polis  und  Askalon. 

13.  Ehe  wir  uns  nach  Assyrien  wenden,  ist  es  notwendig, 
die  Taubengöttin  der  ägäischen  Kulturwelt  kennen  zu 
lernen.  Das  erste,  den  Semiten  benachbarte  Kultzentrum 
findet  sich  in  Ky^ros.  Daß  dort  heilige  Tauben  gehalten 
wurden,  lehrt  nicht  nur  die  Literatur^,  sondern  auch  die  Archäo- 
loo'ie  Aus  dem  Weihgeschenkraum  der  Artemis  von  Kition 
stammt  ein  im  Privatbesitz  vorhandenes  Tongefäß  von  13  cm 
Höhe,  das  man  am  einfachsten  als  Taubenkegel  bezeichnen 
wird.  Eine  Anzahl  roh  gebildeter  Vögel  fliegt  oder  sitzt  um 
den  hohlen  Zylinder  herum;  kleine,  runde  Löcher  führen  in 
den  oben  offenen  Taubenschlag  hinein.  In  einer  großen  vier- 
eckigen Nische  steht  eine  weibliche  Figur,  die  man  als  die 
Taubengöttin  ansprechen  darf."  Diese  verkleinerten  und  zu- 
gleich durch  bildlichen  Schmuck  verschönten  Taubenkegel  hat 
man  der  Taubengöttin  als  Votivgaben   dargebracht.^ 

Schon  Ohnefalsch-Richter  vergleicht  damit  ein  anderes 
Tono-erät  in  Form  einer  Säule,  die  sich  im  Berliner  Museum 
befindet.  Sie  stammt  aus  Idalion  auf  Kypros,  ist  oben  und 
unten  abgebrochen  und  gegenwärtig  32  cm  hoch.  Vielleicht 
darf  man  sie  als  Nachbildung  eines  Taubenturms  auffassen. 
Es  fehlt  zwar  der  bildliche  Schmuck,  der  diese  Deutung  sicherer 
machen  könnte;  das  einzige,  was  man  sieht,  sind  unten  zwei 
einander  gegenüberstehende  viereckige  und  oben  drei  dreieckige 
Öffnungen  in  gleichmäßigem  Abstand  voneinander.*  Aber  auch 
wenn  man  Zweifel  hegen  darf,  bleibt  doch  eine  Beobachtung 
des  Ausgräbers  wichtig:    „Genau   solche   dreieckige  Offnungen 

1  Martial  VIH  28,13. 

-  Max  Ohnefalsch  -  Richter    Kypros,    die  Bibel  und  Homer.     Berlin 
1893.     Taf.  17,2  und  3  =  38,12  =  Text  S.  287  Fig.  187.  188. 

3  Man  hat  daher  nicht  nötig,  mit  Ohnefalsch -Richter  (Text  S.  359) 
an  Raucher-  oder  Kohlenbecken  zu  denken. 

*  Ohnefalsch  -  Richter    a.  a.  0.    Taf.  17,  4  =  69,  78  =  185 ,  3  =  Text 
S.  287  Fig.  189. 

22* 


340  Hogo  Greßmann 

pflegen  die  Cyprioteu  an  ihren  Häusern  als  Liiftlöclier  und 
Flucrlöcher  für  die  in  ihren  Häusern  nistenden  Tauben  anzu- 
bringen.  Der  dreieckige  Raum  ergibt  sich  dadurch  von  selbst, 
daß  drei  Luftziegel  der  gewöhnlichen  Größe  und  Form  auf 
die  bequemste  Weise  benutzt  werden.  Die  beiden  gegenein- 
ander gestellten  bilden  miteinander  einen  rechten  Winkel  und 
mit  dem  dritten  wagerecht  als  Unterlage  hingelegten  Ziegel 
jederseits  einen  Winkel  von  etwa  45  Grad."^ 

Bekannter  als  diese  vereinzelten  Taubentürme  und  Tauben- 
kegel sind  die  Taubenhäuser,  von  denen  drei  Exemplare  in 
Kypros  gefunden  worden  sind.  Ein  oft  abgebildetes  vier- 
eckiges Terrakottahäuschen  ohne  Dach  mit  Tür  und  zwei  Fen- 
stern hat  neben  dem  Eingang  zwei  Pfeiler  mit  Lotuskapitäl. 
Die  Wände  sind  oben  mit  einer  Anzahl  runder  Löcher  durch- 
brochen.* Aus  der  Tür  und  den  beiden  Fenstern  schauep  je 
eine  Frau.'  Die  anderen  Häuser*  weichen  nur  in  unwesent- 
lichen Einzelheiten  ab;  wichtig  ist  aber  ein  von  Ohnefalsch- 
Richter  gefundenes  Bruchstück ;  denn  da  sitzt  an  der  Ecke 
des  Hauses  noch  eine  Taubo,  wenngleich  ihr  der  Kopf  fehlt.^ 
Die  Deutung  als  Taubenhaus  ist  daher  nicht  anzufechten,  ob- 
wohl gewiß  auch  Weicker  recht  hat,  wenn  er  es  ein  Seelen- 
haus nennt. 


1  Ebd.  Text  S.  1G9  Anm.  1. 

*  Heuzey  Les  ßgurines  rn  terre-cuite  du  Musde  du  Louvrc  Taf.  9,6 
=  Perrot-Cliipiex  III  S.  277  Fig.  208  -Ohnefalsch-Kichter  Kypros  Taf.  10,  3 
(=  38,  13  -  109,  3  =  124,  6  =.  Text  S.  303  Fif,'.  218)  =  Guthe  Jhbelirörter- 
buch  S.  6.').">  Abb.  106  =  Greßmann  Altorientalische  Texte  und  Bilder  II 
S.  14   Abb.  17. 

'  Gewöhnlich  denkt  man  an  menechenköpfige  Vögel;  aber  Weicker 
bat  die  primitiv  auBgeführten  Figuren  genan  imterflncht  und  gibt  sie 
bestimmt  für  Frauen  am.  fieorg  Weicker  Der  Seelenvogel.  Leipzig  1902. 
S.  92. 

*  Ani  Cypern  bei  Perrot-Chipiez  III  S.  897  Fig.  641  -  Ohnefalsch- 
Richter  Kypros  Taf.  124,4  =  199,4. 

*  Jetzt  im  Berliner  Mus^nm.  Ohnefalsch-Richter  A'j/j^ros  Taf.  38, 11 
=  126,1. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u.  die  vorderorientalische  Taubengöttin     341 

Daß  die  kyprisclie  Aphrodite  Taubengöltin  war,  bestätigen 
die  Münzen  von  Paphos;  die  Dächer  der  heiligen  Schreine, 
über  deren  Konstruktion  viel  verhandelt  worden  ist,  und  die 
Höfe  sind  auf  jüngeren  kyprischen  Münzen  oft  mit  Tauben 
besetzt.^  Weibliche  Figuren  aus  Kalkstein,  die  eine  Taube  an 
der  Brust  halten,  sind  auf  Kypros  zahlreich  gefunden  worden; 
gewiß  ist  es  falsch,  in  allen  diesen  Fällen  an  eine  Gottheit  zu 
denken,  aber  wenn  zu  der  Taube  das  Diadem  auf  dem  Kopfe 
hinzukommt,  ist  der  Idolcharakter  der  Statue  schwerlich  zu 
leugnen.^  Es  fehlt  bisher  an  Beispielen,  daß  die  Göttin  die 
Taube  auch  auf  dem  Kopfe  getragen  habe;  doch  hat  Ohne- 
falsch-Richter darauf  hingewiesen,  daß  die  modernen  Cyprio- 
tinnen  ihren  Haarschmuck  Tteöovvia,  ^Täubchen',  zu  nennen 
pflegen,  obwohl  er  heute  meist  gar  keine  Taube  darstellt.  Es 
muß  ai)er  einst  vielleicht,  wie  er  scharfsinnig  schließt,  allgemeine 
Sitte  gewesen  sein,  Täubchen  auf  dem  Kopfe  zu  tragen,  und 
das  würde  dann  vielleicht  von  der  Göttin  ebenso  gelten  wie 
von  ihren  Verehrerinnen.^ 

Phönikischer  Einfluß  auf  Kypros  steht  fest;  die  phönikischen 
Kolonien  auf  der  Insel  haben  phönikische  Inschriften  hinter- 
lassen. Mau  darf  daher  fragen,  ob  die  kyprische  Aphrodite 
aus  Phönikien  importiert  sei,  um  so  mehr,  als  schon  Herodot 
behauptet,  daß  das  Heiligtum  in  Kypros  von  Askalon  aus  ge- 
gründet  wurde,   und   daß    es  Phöniker    aus   Syrien  waren,    die 

*  Vgl.  George  Francis  Hill  Catalogue  of  the  Greek  coins  of  Cyprus. 
London  1904.  a)  Tauben  über  den  Seitenflügeln  des  Tempels  von 
Paphos  Taf.  17,4ff.  (seit  Septimius  Severus);  b)  Tauben  im  Hof  Taf.  17  8.  9 
(Caracalla);  c)  auf  sardiscben  Münzen,  die  den  Typus  von  Papbos  über- 
nommen haben,  Taf.  26,  6flF.;  d)  auf  Gemmen  Taf.  26, 16  =  Furtwängler 
Antike  Gemmen,  Taf.  64, 81.  Dagegen  beruht  der  Typus  Perrot  und 
Chipiez  III  270  =  W.  Robertson  Smith-Stübe  Religion  der  Semiten  S.  348 
(Taube  auf  dem  Idol)  wohl  auf  einem  Irrtum. 

^  Vgl.  Farneil  Cults  II  S.  673,  der  auf  Kalksteinfiguren  aus  Idalion, 
jetzt  im  Britischen  Museum  exemplifiziert;  ebenso  Furtwängler  bei 
Eoscher  I  1  Sp.  408,  der  auf  Berl.  Cypr.  125  verweist. 

ä  Ohnefalsch-Richter  a.  a.  0.  Text  S.  288. 


342  Hugo  Greßmaun 

das  Heiligtum  in  Kythera  einrichteten.'  Da  die  Inseln  Kypros, 
Kjtbera  und  Kreta  die  berühmtesten  Mittelpunkte  des  Aphrodite- 
kultes waren,  so  gibt  Herodot  damit  die  Aphrodite  überhaupt 
für  eine  phönikische  Göttin  aus.  Der  Streit  um  diese  These 
ist  bis  heute  nicht  verstummt,  und  wenn  er  auch  nur  durch 
die  klassischen  Philologen  entschieden  werden  kann,  so  kann 
doch  der  Semitist  nicht  ganz  daran  vorübergehen,  weil  es  sich 
um  eine  auch  ihn  berührende  Grenzfrage  handelt.  Während 
Engel*  und  Enmann^  mit  besonderer  Energie  die  leiu 
griechische  Herkunft  der  Göttin  verfochten,  hat  dagegen  Far- 
nell*  die  Gründe  am  schärfsten  zum  Ausdruck  gebracht,  die 
einen  fremden  Ursprung  der  Aphrodite'  nahelegen.  Am  wahr- 
scheinlichsten gilt  das  für  die  Gestalt  der  Urania,  wie  auch 
von  anderen  Forschern  zugegeben  wird.  Anfänglich  hatte  Far- 
neil, wie  es  meist  geschieht,  an  semitischen,  speziell  phöui- 
kischen  Ursprung  gedacht;  später  hat  er  diese  Anschauung 
widerrufen  und  die  Göttin  von  Kypros  auf  die  altminoi.^che 
Religion  zurückgeführt.^  Es  ist  unmöglich,  das  Problem  hier 
in  seinem  ganzen  Umfange  aufzurollen;  unser  Augenmerk  ist 
hauptsächlich  auf  die  Taubengöttin  gerichtet. 

Neben  der  Aphrodite  von  Askalon  und  Kjpros  ist  als  Tauben- 
göttin besonders  die  ^AfpiJodiTti  'EQvxCvtj  zu  nennen,  die  auf  dem 
Berge  Eryx  im  Nordwesten  Siziliens  verehrt  wurde.  Ihre  Kult- 
feste hießen  ävuycoyia  und  yMxayäyia,  und  der  Kultray thus  erzählt, 
daß  die  Göttin  alljährlich  über  das  Meer  nach  Libyen  flog,  von 
ihren  Tauben  begleitet.   Während  sonst  eine  große  Menge  von 


'  Heroflut  I  106:  xai  yüg  ro  iv  Kvtiqco  iqov  ^vd-tvTSv  (acW.  yla^üXav) 
fyivkXOy  äg  avrol  Xeyovci  KvjtQiof  ^ul  ro  tv  KvO-i'uxiir  i  'PoiviK^g  eloir  oi 
idQvGÜfitroi  ix  Tuvtrii  r^g  Z'vpiTjb'  iöiTEg.  Vgl.  Pausanias  JII  23,1. 

*  Wilh.  Heinrich  Kugel  Kyiiros  I  und  II.     Berlin  1841. 

*  Alexander  Eniuann  Kyiiros  und  der  Ursprung  des  AphroditrJcuIlus 
(M^tnoiree  de  Tacaddinic  de  St.  PeternbourfT  Vlio  Serie  34.  1886). 

*  Lewis  Richard  Farnoll  The  cuUs  of  fhe  Greek  strates.  Vol.  II.  Ox- 
ford 1896.     S.  618  ff. 

*  Lewis  i;.  Farnell  Greece  and  Babylon.      Edinburgh  lyil,      S.  97  f. 


Die  Sage  von  derTaufe  Jesu  n.  die  vorderorientalische  Taubengöttin     343 

Tauben  auf  dem  Berge  Eryx  nistete,  war  dann  keine  einzige 
mehr  zu  sehen;  sie  waren,  wie  die  Einwohner  schlössen,  mit 
der  Gottheit  als  ihre  Dienerinnen  davongeflogen.  Nach  Verlauf 
von  neun  Tagen  erfolgte  die  Rückkehr  der  Aphrodite;  eine 
purpurrote  Taube,  die  sich  vor  den  anderen  durch  ihre  Schön- 
heit auszeichnete,  flog  voran  und  die  anderen  folgten  ihr.  ^  Die 
Taube,  von  der  dieser  Mythus  erzählt,  ist  zweifellos  die  rötlich- 
graue Turteltaube,  die  auch  den  Israeliten  als  Zugvogel  be- 
kannt war.^  Die  neuntägige  Frist  erklärt  sich  durch  den  Ab- 
stand der  beiden  Festtage  oder,  richtiger  gesagt,  durch  die 
Dauer  des  Festes;  die  Normierung  auf  neun  ist  echt  griechisch.* 
Wir  wissen  über  den  Ursprung  des  Eryxkultes  nichts;  aber 
die  Möglichkeit  karthagischer  Herkunft  ist  nicht  zu  leugnen, 
da  wir  in  ihm  die  IsQodovloi  yvvaixss  des  Orients  wieder- 
finden* und  da  eine  phönikische  Inschrift  von  der  „erykinischen 
Astarte"  redet.  ^  Aphrodite  erscheint  in  diesem  Mythus  als  Zug- 
vogelo-öttin;  verwandt  sind  die  Vorstellungen,  nach  denen  ihr 
Wagen  von  Tauben  oder  Schwänen  gezogen  wird.®  Schwerlich 
wird  Aphrodite  hier  als  Frühlings-  und  Vegetationsgöttin  auf- 
zufassen sein''  —  das  käme  höchstens  als  sekundäre  Umdeutung 


^  Aelian  Nat.  anini.  IV  2:  itBQiotsQwv  %lfid-6s  iotiv  ivravQ-a  nävv 
TcdimlELGTov.  ovKOvv  al  ^hv  ovx  ögävtai'  leyovGt  öh  'EQvatioi  rr}v  &sov 
SoQvwoQovöag  ccjcsXd'stv  .  .  .  dislQ'ovaäv  3h  ijiifQäv  ivvea  iiiav  ^hv  6ia- 
■XQSitfj  xr]v  &Qav  ?x  ys  zov  -sldyovg  tov  y.o(iiSovTog  H  tfi?  Ävßvr\g  ogäaQ-at, 
elanEzofievriv,  ovx  ^^^'^  xara  rag  aysJ.aiag  Tcelnädag  rag  Xomag  tivai, 
TioQ(pvQäv  6h  .  .  .  hitbxaL  6h  uvzfj    r&v   utEgiatsgcbv   rä    vi(pr\   r&v  Xoinäv. 

*  Jer.  8,7;  Cant.  2,12. 

»  Gruppe  Griech.  Mythol.  und  Beligionsgeschichte  II  S.  941.  Anm.  2. 

*  Strabon  272;  vgl.  Farnell  Cults  11  S.  641b. 

^  eis.  I  140  (auch  I  135?).  Merkwürdig  ist,  worauf  mich  Otto 
Schroeder  aufmerksam  macht,  die  Übereinstimmung-  des  nichtgriechischen 
Eryx  (=  ^-IN)  mit  dem  bab.  Stadtnamen  Uruk  (im  AT.  '^IN),  der  Haupt- 
stadt Istars.  Sollte  der  Name,  den  man  als  den  langen  (Ort  oder  Berg) 
deuten  könnte,  auf  eine  Übertragung  des  Kultes  hindeuten? 

*  Sappho/r.  1,  10;  Ovid  Metam.  X708.XIV597;  Claud.  31, 104  usw.; 
vgl.  Gruppe  a.  a.  0.  II  S.  131 4. 

^  So  Farnell  Cults  II  S.  644  Anm.  2. 


344  Hugo  Greßmann 

in  Betracht  — ,  sondern  als  Seelengöttin;  Tauben  und  Schwäne 
sind  Seelenvögel.  Auf  Münzen  aus  Eryx  begegnet  uns  schon 
am  Ende  des  5.  Jahrb.  die  sitzende  Gottheit  mit  der  Taube  in 
der  Hand;  vor  ihr  steht  Eros.^ 

In  der  Tat  war  die  Taubengöttin  in  Phönikien  ebenso 
bekannt  wie  in  Karthago.  Von  dort  stammen  mehrere  Terra- 
kottafiguren ^,  von  hier  eine  oft  reproduzierte  Votivstele  :  ganz 
oben  die  ausgestreckt  segnende  Haud,  darunter  in  einem  halb- 
kreisförmigen Baldachin,  von  ionisierenden  Säulen  flankiert,  eine 
geflügelte  Göttin,  die  Sonnenkugel  und  Halbmond  trägt.  Unter 
der  Inschrift,  die  die  „Herrin  Tanit,  das  Antlitz  Baals",  an  erster 
Stelle  nennt,  das  kegelförmige  Idol,  das  man  der  Tanit  gleich- 
zusetzen pflegt,  mit  zwei  antithetisch  gegenübergestellten 
Tauben." 

So  ist  die  Existenz  einer  phönikisch-punischen  Aphrodite 
Urania,  der  die  Tauben  heilig  waren,  nicht  zu  bezweifeln;  ihre 
Spuren  lassen  sich  vom  Mutterland  bis  zu  den  Töchterstädten 
verfolgen,  und  sie  hat  gewiß  auch  über  den  Kreis  der  phöni- 
kischeu  Kolonien  hinaus  bei  Fremden  Einfluß  gewonnen.  Aber 
das  ist  nur  ganz  vereinzelt  geschehen,  und  Aphrodite  als  solche 
ist  sicher  keine  phönikische  und  wahrscheinlich  auch  keine 
semitische  Gottheit  gewesen.  Das  letzte  zusammenfassende  Ur- 
teil über  die  Herkunft  der  Aphrodite  stammt  wohl  von  Wila- 

*  Greenwell  On  some  rare  Greek  coins  (Numismatic  Chronicles 
NS.  XX  1880.  S.  2  Taf.  1,2).  Über  einen  anderen  Typus  (Aphrodite 
mit  der  Tanbc,  aber  ohne  Eros)  vgl.  Reginald  Stuart  Poole  Caialogue 
of  Greek  coins,  Sicily.     London  1876.     S.  62. 

*  l'errot  et  Chipiez  ITistoire  de  l'arl.  111  S.  64  Fig.  20  (sitzende 
Göttin,  i  aube  an  der  Brust)  =  Gnthe  Bibehvörterhuch  S.  64  Abb,  27. 
Femer  Perrot  et  Cbipiez  111  S.  201  Fig.  142  (stehende  Göttin);  S.  698 
Fig.  409  (nur  zwei  sich  schnäbelnde  Tauben  oline  Göttin). 

'  eis.  \  IHH  Taf.  45  -  Ohnefalsch  -  Richter  Kypros  Taf.  85,9=1 
Alfred  Jeremias  Handbuch  der  all  orientalischen  GeisteskuUur  S.  231 
Abb.  126. 

*  Die  (schlecht  gezeichnete)  Münze  ans  Karthago  mit  einem  Tempel, 
auf  dessen  (iiebel  ein  Vogel  schwebt,  bei  Gesenius  Monumenta  Taf.  16c 
habe  ich  nicht  identifizieren  können. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u.  die  vorderorientalische  Taubengöttin     345 

mowitz:  „Gewiß  ist  sie  in  Hellas  dem  Wesen  nach  kein  Im- 
port, sondern  eine  Erscheinungsform  der  yvvaixsCa  Q'sog  oder 
im  Plural  (denn  es  gibt  ja  'AcpQodiTai)  der  yvvai^Elui  d^saC, 
sorgend  für  das  weibliche  Leben,  weiblichen  Reiz,  Gedeihen  der 
Kinder  und  der  Jugend.  Aber  der  Name  widerstrebt  der  griechi- 
schen Etymologie."^  Er  widerstrebt  ebenso  auch  der  semiti- 
schen Etymologie.  Wissenschaftliche  Beachtung  verdient  nur 
trotz  ihrer  Kühnheit  die  TOn  Hommel  versuchte  Ableitung-; 
aber  sie  scheitert  daran,  daß  sie  von  einer  Unform  ausgeht, 
denn  eine  Astoret  hat  es  ebensowenig  gegeben  wie  einen  Je- 
hovali'^.  Die  Hebräer  sprachen  Astcterei,  eine  Weiterentwick- 
lung des  älteren  Astart,  das  sich  im  Phönikischen  erhielt,  wie 
die  griechische  Umschreibung  ^Aöxccqtti  lehrt.  Es  kann  sich 
demnach  nur  um  die  Frage  handeln,  wieweit  orientalischer 
Einschlag  im  hellenischen  Aphroditeglauben  wahrzunehmen  ist; 
und  so  hat  gerade  Wilamowitz  überzeugend  nachgewiesen, 
daß  die  Aphrodite  der  llias  wie  die  des  Homerischen  Aphrodite- 
hymnus keine  griechische,  sondern  eine  asiatische  Göttin  ist.  * 
Auch  die  kyprische  Göttin  ist  keine  Entlehnung  aus  Phöni- 
kien,  obwohl  sie  später  durch  phönikische  Religion  und  Kunst 
beeinflußt  sein  mag;  denn  sie  ist,  wie  die  Grabungen  gelehrt 
haben,  über  1000  Jahre  älter  als  die  phönikische  Kultur  und 
steht  im  Zusammenhang  mit  der  ägäischen  Göttin-Mutter,  die 
bis  ins  neolithische  Zeitalter  zurückreicht.  2000  Jahre  hin- 
durch oder  noch  länger  kann  man  die  Entwicklung  dieses  Typus 
von  den  ersten  primitiven  Anfängen   an  im  ägäischen  Becken 


*  U.  v.  Wilamowitz -MoellendorfF  Die  llias  und  Homer.  Berlin  1916. 
S.  28ß. 

^  Hommel  in  Fleckeisens  Neue  Jahrbücher  f.  Philol.  1882.  S.  176; 
•weitere  Literatur  bei  Gruppe  Griechische  Mythologie  und  Beligions- 
geschichte  II  1348,3. 

*  Die  falsche  Aussprache  beruht  auf  einer  Verkennung  der  masso- 
retischen  Vokalisation;  die  Massora  verlangt  die  Aussprache  b6set  = 
Schand(götze). 

*  Wilamowitz  Bias  S.  284.  286. 


346  ■    Hugo  Greßmann 

verfolgen;  dabei  ist  das  Charakteristische,  daß  die  Gottheit  be- 
kleidet ist.  Eine  nackte  Göttin  taucht  auf  Kypros  erst  im 
zweiten  Bronzezeitalter  auf  (^15;")" — 1100),  als  sich  schon  my- 
kenischer  Import  und  orientalische  Zylinder  geltend  machen.' 
So  mögen  die  Bilder  der  nackten  Göttin  durch  die  Phöniker 
oder  Amoriter  dorthin  gebracht  worden  sein;  denn  daß  dieser 
Typus  tatsächlich  aus  dem  Orient  stammt,  wird  dem  nicht 
zweifelhaft  sein,  der  die  kyprischen  Idole  mit  den  in  den  ältesten 
Fundschichten  Nippurs  (P».  Jahrtausend)  vorkommenden  Bei- 
spielen vergleicht  und  ihre  überraschende  Ähnlichkeit  feststellt.* 
Nackt  war  auch  die  semitisch -hethitische  Göttin  Kades,  die 
wir  aus  ägyptischen  Denkmälern  seit  der  XIX.  Dynastie  (um 
1350  V.  Chr.)  kennen. 3 

In  der  mykenischon  Kultur  tritt  die  nackte  Göttin  nur  ganz 
vereinzelt  auf:  sie  begegnet  uns  auf  den  Goldblechen  aus  dem 
dritten  mykenischen  Schachtgrab  in  My kenae  (um  1550  v.  Chr.), 
die  Hände  an  die  Brust  gelegt;  das  eine  Mal  ist  sie  von  Tauben 
umflattert*  —  man  denkt  unwillkürlich  an  die  von  dem  Ko- 
miker Antiphaiies  (um  385  v.  Chr.)  geschilderte  Szene,  wie  dem 
Könige  von  Paphos  während  des  Mittagessens  durch  die  ihn 
umflatternden  Taubon   Kühlung  zugefächelt   wird"'    —    das  an- 

'  Rene  Dussaud  Les  civUisations  preheUäiiqucs  dans  le  bassin  de  la 
mer  Egee*.  Paris  1914.  S.  359tf.  Vgl.  die  beiden  nackten  Idole  aus 
Cypem.     F.  370  Fig.  275  und  S.  371  Fig.  276. 

'  V'orötfentiicht  sind  diese  Funde  Ililprochta  (aus  der  Zeit  Sargons  I. 
um  2850  V  Clir  )  bei  v.  Fritze  JHe  nackU  orietital tische  Göttin  (.Jahrb.  des 
arch.  Instit.  XII  1897  S.199).  Weiteres  Material,  aber  auch  nicht  voll- 
ständiges, bei  Gr.  Contenau  La  deesse  7iue  hahijlonienne.  Paris  1914.  S.  319  ff. 

^  Die  beste  Zusammenstellnng  der  Fnnde  bei  Greßmann  Altorien- 
talische  Texte  %oid  Bilder  U   Abb.  128—130. 

*  Schnchhardt  Schlicmfmns  Ausgrabungetx''  S.  230  Fig.  189  =  Ohne- 
falsch- Richter  Kyi»ros  Taf.  38,10  =  106,2  =  Dassaud  CivUisations  pre- 
helWnques  S.  873  Fig.  278. 

'  Atbeniius  VI  S.  '.'57 f.:  iQQinltero  |  vnb  z&v  7ctQir,zfQ&v  vn  SlXXov 
i'oiStvoi  '  demrmv  6  ßar,tXevs-  Um  die  Tauben  anzulocken,  war  er  mit 
syrischem  öl  g^isalbt,  desHen  Geruch  sie  gern  hatten;  wenn  fiie  sich 
nahten,  um  sich  auf  seinem  Kopfe  niederzulassen,  wehrten  Diener  sie  ab. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u.  die  vorderoriectalische  Taubengöttin     347 

dere  Mal  sitzt  eine  Taube  auf  ihrem  Haupte.^  Zum  Vergleich 
damit  darf  man  auf  eine  etruskische  Bronzefigur  verweisen: 
sie  hat  zwar  nur  einen  nackten  Oberkörper,  auch  die  Haltung 
der  Hände  ist  freier,  aber  auf  dem  Kopfe  trägt  auch  sie  eine 
Taube;  daß  sie  ursprünglich  selbst  eine  Taube  war,  lehren 
ihre  Flügel.^  Anderswo  hat  die  etruskische  Venus  die  Taube 
in  der  Hand.^  Beide  Taubei>göttinnen,  die  etruskische  wie  die 
mykenische,  gehen  auf  dieselbe  kleinasiatische  Göttin  zurück. 
Die  bekannten  Taubenaltäre  uuf  mykenischen  Goldblechen 
aus  dem  dritten  und  vierten  Schachtgrab*  führen  uns  nach  Kreta 
hinüber.^  Im  Palast  von  Knossos  ist  die  Miniaturdarstellung  eines 
Gebäudes  gefunden  worden,  die  in  abgekürztem  Verfahren  den 
Tempel  nur  andeutet:  drei  Säulen  aus  Terrakotta,  auf  denen 
Tauben  lagern. '  Die  Idee  ist,  daß  die  Tauben  unter ^  dem 
Tempeldach  nisten  (III.  Mittelniin.  Schicht,  etwa  1800 — 1550). 
Die  Taubengöttin  von  Knossos  kennen  wir  aus  einem  Terra- 
kottaidol (HL  Neumin.  Schicht,  etwa  1400 — 1100):  aus  einer 
zylindrischen  Basis  wächst  der  Oberkörper  der  Göttin  heraus, 
die  ihre  Hände  segnend  erhoben  hat,  auf  dem  Kopfe  eine  Taube.^ 

^  Schuchhardt  Schliemanns  Ausgrabungen^  S.  2.30  Fig.  188  =  Ohne- 
falsch-Richter Kypros  Taf.  ;-i8,9  =  105,;-5  =  Text  S. '299  Fig.  201. 

*  Gerhard  Gesammelte  (ikodemische  Abhandlungen  Taf.  28,2  =  Ohne- 
falsch Richter  Kypros  T-.f.  105,4  =  Tfxt  S.  299  Fig.  202. 

»  Gerhard  a.  a.  0.     Taf.  '28,1;  30,4. 

*  Im  dritten  Schachtgrab  sind  zwei,  im  vierten  Schachtgrab  drei 
Taubenaltäre  gefunden.  Schucn.hardt  Schliemanns  Ausgrabungen  S.  232 
Fig.  191  =  Karo  Allkretische  Kultstätten  (d,  Archiv  VII  1904)  S.  133  Fig.  13 
=  Dussaud  Civ.  prehellen.  S.  3.36  Fig.  2  44.  Milani,  Karo  u.  a.  denken  an 
Adler,  aber  schwerlich  mit  Recht. 

*  Denn  damit  ist  die  Wandmalerei  aus  Knossos  zu  vergleichen,  wie 
Dussaud  S.  334  ff.  zeigt. 

«  Evans  British  School  Annual  VII  29  Fig.  14  =  Karo  S.  137  Fig.  15 
=  Dnssaud  S.  351  Fig.  258. 

'  Dussaud  S.  354  denkt  mit  Unrecht  an  Tauben  „sur  la  toitiire". 

®  Evans  British  School  Annual  Vlli  99  Fig.  5'j  (2)  =  Karo  S.  131 
Fig.  11  =  Dussaud  S.  329  Fig.  239  ^h).  Zum  Gestos  des  Segnens  vgl.  Dns- 
saud S.  377.  Man  könnte  auch  an  die  Gebärende  denken,  die  im  mo- 
dernen Orient  hockt  und  die  Arme  hochhält. 


348  Hngo  Greßmann 

Neben  Tontauben,  wie  sie  auch  auf  Kypros  häufig  gefunden 
worden  sind,  sind  noch  die  Vögel  zu  nennen,  die  bisweilen 
auf  den  Doppelilxten  sitzen,  z.  B.  auf  dem  Sarkophag  von 
Hacria  Triada.^  Wenn  hiex  wirklich  Tauben  gemeint  sind^, 
dann  handelt  es  sich  zum  Teil  um  die  halbzahmen,  schwarzen 
Tauben,  zum  Teil  um  eine  andere  Art,  wie  die  verschiedenen 
Farben  lehren.  Doppelaxt  und  Taube  würden  zueinander 
passen  als  die  Rangzeichen  der  männlichen  und  der  weiblichen 
Gottheit,  so  wie  etwa  auf  aramäischem  Boden  Stier  und  Fisch 
miteinander  vereinigt  werden,  um  Rimmon  und  Atargatis  dar- 
zustellen. ' 

Die  kretisch-mykenische  Göttin,  die  an  verschiedenen  Orten 
wohl  verschieden  hieß,  ist  ihrem  innersten,  aus  den  Funden 
jetzt  deutlich  erkennbaren  Wesen  nach  immer  dieselbe.  Die 
Formen  ihres  Leibes,  das  Kind,  das  sie  trägt,  oder  die  Brust, 
die  sie  auch  ohne  solches  reicht,  stellen  sie  als  Mutter  dar, 
sei  es  der  Götter  oder  der  Menschen.  Neben  den  Tauben  sind 
ihr  die  Schlangen  heilig,  beides  Seelentiere  jcar'  i^ox^jv.  Dazu 
gesellen  sich  in  neuminoischer  Zeit  die  Löwen,  und  schließlich 
gehören  ihr  die  Tiere  überhaupt.  Da  alle  Fruchtbarkeit  und 
Vegetation  von  ihr  stammt,  so  ist  sie  nicht  nur  die  Göttin 
der  Tiere,  sondern  auch  die  der  Bäume  und  Pflanzen.  Wenn 
man  alle  ihre  Funktionen  in  einen  Begriff  zusammenfassen 
wollte,  müßte  man  sie  wie  Eva,  die  ja  ursprünglich  wahr- 
scheinlich auch  eine  Schlangengöttin  war*,  die  Mutter  alles 
Lebendigen  nennen.  Die  bogenschießende  Jägerin,  die  die  Tiere 
tötet,   rafft    wie   Artemis    auch    die   Frauen    mit    ihren    sanften 

>  DuHcanil  Civilisations  prclteUhiiques  Taf.  D  hei  S.  400. 

»  ?o  von  Dulin  Snriophng  ausllngia  Triada  (d.u4rcÄif  VII  1904)  S.269f. 
Gewöhnlich   denkt  man  an   Raben. 

»  Dalman  ZDI'V.  1906  S.  l'20ff.  Die  Abb.  aus  er-rummän  im  Oat- 
jordanland  auch  bei  Greßmann  Altorientalische  Texte  und  Bilder  II. 
Abb.  139, 

*  Gon.  3,  20.  Vgl.  dazu  Greßmann  Mt/thische  Reste  in  der  Paradies- 
crzählutig  (d.  Archiv  X  1907)  S.  358 ff.;  Festgabe  für  Uarnack  S.  35 ff. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u,  die  vorderorientalische  Taubengöttin     349 

Todesgeschossen  hinweg.  Weil  sie  Herrin  der  abgeschiedenen 
Geister  ist,  darum  schaut  sie  wie  Aphrodite  in  den  Spiegel, 
um  die  Seele,  das  Ebenbild  des  Körpers,  zu  sehen,  darum  gehört 
ihr  der  Mohn  mit  seiner  betäubenden,  schlafbringenden  Kraft.^ 
So  ist  sie  als  Göttin  des  Lebens  zugleich  auch  die  des  Todes. 
14.  Wie  zuerst  Hugo  Prinz  gezeigt  hat,  hängt  diese  kre- 
tisch-mykenische  Gestalt  mit  der  kleinasiatischen  Göttermutter 
zusammen.*  Als  nächste  Verwandte  der  mykenischen  Tauben- 
göttin ist  das  vormykenische  Bleiidol  aus  Troja  H — V 
(2000—1500  V.  Chr.)  zu  nennen^;  denn  dieselbe  Göttin  kehrt 
auf  einer  Gußform  aus  Steatit  wieder,  die  aus  Kleinasien  stammt 
und  vor  wenigen  Jahren  vom  Louvre  erworben  wurde'':  auf 
der  einen  Seite  sieht  man  die  nackte  Göttin,  neben  ihr  eine 
Blume  und  einen  Spinnwirtel,  auf  der  anderen  Seite  zwei  mit 
Kreisen  oder  Spiralen  geschmückte  Ständer,  auf  denen  sich  je 
zwei  einander  zugekehrte  Tauben  schnäbeln.  Vielleicht  darf 
man  in  den  beiden  Ständern  zwei  stark  stilisierte  Bäume  er- 
kennen; zur  Herrin  des  Lebens  würden  sie  so  gut  passen  wie 
die  Tauben. 

Wenn  wir  uns  der  hethitischen  Kultur  speziell  zuwenden, 
so  ist  kaum  daran  zu  zweifeln,  daß  auch  in  ihr  die  Tauben- 
göttin eine  Rolle  spielte.  Auf  den  hethitischen  Siegelzylindern 
fehlt  es  nicht  an  Vögeln,  die  man  mit  Tauben  identifizieren 
und  zu  einer  weiblichen  Gottheit  in  Beziehung  setzen  könnte; 
sie  fliegen  um  sie  herum  oder  ihr  auf  den  Schoß.  ^  Aber  es 
ist  schwer,  in  jedem  Einzelfall  zu  entscheiden,  wie  weit  diese 

^  Adolf  Furtwängler  Die  antiken  Gemmen.  Leipzig  1900.  Taf.  II 
20.  21.  24;  III  S.  34  f. 

2  Hugo  Prinz  Bemerkungen  zur  altkretischen  Religion  (Athen.  Mit- 
teilungen 1910)  S.  149  ff. 

»  A.  Götze  in  Wilhelm  Dörpfeld  Troja  und  Bion  I  S.  362  ff.  =  Dus- 
saud S.  364  Fig.  269. 

*  DuBsaud  S.  365  Fig.  270. 

•  Vgl.  außer  den  von  Prinz  a.  a.  0.  angeführten  Beispielen  noch 
W.  H.  Ward  The  sedl-cylinders  of  western  Asia.  Washington  1910. 
Nr.  898.  904.  908.  921.  943  und  andere. 


350  Hugo  Greßmiinn 

Deutung  berechtigt  ist;  deuu  oft  scheinen  die  Vögel  nur  als 
Füllsel  zu  dienen.  Anderseits  begegnen  uns  auf  den  hcthi- 
tischen  Denkmälern  Vögel  sehr  selten.  Am  häufigsten  treffen 
wir  sie  auf  Grjtbstelen,  wie  auf  der  von  Jarre  oder  vonMar'asch^: 
da  liegen  neben  anderen  Speisen  auch  Tauben,  die  von  den 
Toten  ebenso  gern  wie  von  den  Lebenden  gegessen  werden. 
Hier  fehlt  jede  Beziehung  zum  Kultus. 

Wichtiger  sind  zwei  andere  Grabstelen  aus  Mar'asch,  die 
nach  der  Schätzuug  Eduard  M"ey er s  etwa  dem  15.  Jahrh.  an- 
gehören: da  sitzt  an  einem  Tisch  eine  Mutter  mit  ihrem  Kinde 
auf  dem  Knie.  In  der  Rechten  hält  sie  einen  Granatapfel,  in 
der  Linken  eine  fünfsaitige  Lyra,  auf  der  ein  Vogel  sitzt.^  Das 
andere  Mal  hält  eine  sitzende  Frau  einen  Spiegel;  vor  ihr  steht 
ein  Diener  mit  einer  Taube^.  Wie  der  Spiegel  und  der  Granat- 
apfel, so  verrät  wahrscheinlich  auch  die  Taube  einen  Zusammen- 
hang mit  dem  Seelenglauben. 

Unter  den  Kultszeuen  käme  höchstens  das  Felsrelief  von 
Fraktin  in  Betracht*:  Links  spendet  der  König  vor  einem  Gotte, 
rechts  die  Königin  vor  einer  Göttin.  Der  Altar  der  Göttin  hat 
einen  merkwürdigen  Aufsatz,  der  bei  dem  Altar  des  Gottes 
fehlt.  Man  könnte  an  einen  Vogel  denken,  der  auf  die  Göttin 
zufliegt;  die  Göttin  wird  dadurch  als  Taubengöttin  charakteri- 
siert. Aber  leider  ist  das  Relief  unvollendet  und  überdies  so 
stark  verwittert,  daß  sich  nichts  Sicheres  aussagen  läßt.  ^ 

'  Crawfort  Journal  of  hell.  stud.  XIX  1899  S.  41  Fig.  4  =  Eduard 
Meyer  Reich  und  Kultur  der  Chetiler.    Berlin  1914.   Fig.  33;  ebd.  Fig.  31. 

'  Humatin  und  Puchstein  Beisen  in  Kleinasien  und  Nordsyrien. 
Berlin  1890  Taf.  47,2  =  Eduard  Meyer  Chetiler  Fig.  30. 

*  Humann  und  Puchstein  /{eisen  Taf.  47,4  =  Kduard  Meyer  Chetiler 
Fig.  29. 

*  Hamsay  und  Hogarth  im  R<c.  de  trav.  XIV  S.  87  Taf.  6  =  Chantro 
Mission  en  Cappadoce.  Paris  1898.  S.  126  Taf.  2S  =  Garstang  The  land  of 
the  liitiites.     London  1910.     Taf.  47  =  Eduard   Meyer  Chetitcr  Fig.  81. 

*  Vgl.  Oarstang  a.  a.  0.  S.  151 ;  anders  Eduard  Me;,er  Chetiler  S.  106: 
,,£in  ganz  seltsamer  Aufsatz,  der  wie  ein  sitzendes  Kind  aussieht;  dan 
ist  aber  doch  wohl  Täuschung." 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u.  die  vorderorientalische  Taubengöttin     35 1 

15.  Aucli  das,  was  wir  aus  dem  baby loniscli-assy- 
ri sehen  Kulturkreis  über  die  Taube  wissen,  ist  noch  verhält- 
nismäßig dürftig;  indessen  scheint  doch  das  Wenige  hinreichend, 
um  ein  festes  urteil  zu  ermöglichen.  Bei  den  Ausgrabungen 
der  Tempel  von  Babylon  durch  die  Deutsche  Orient  -  Gesell- 
schaft sind  mehrfach  in  den  aus  Ziegeln  gebildeten  Kapseln, 
meist  des  Toreingangs,  tönerne  Vögel  gefunden  worden,  die 
man  in  der  Regel  als  Tauben  zu  bezeichnen  pflegt.^  Da  der 
eine  Tempel  der  Göttin  Ninmach,  der  andere  ebenfalls  einer 
Göttin  gehörte,  die  als  Frau  mit  Kind  dargestellt  wird,  so  liegt 
es  nahe,  die  Taube  für  den  Yogel  der  weiblichen  Gottheit  zu  halten.^ 

Aber  der  Schluß  ist  nicht  zwingend.  In  anderen  Kapseln 
fanden  sich  Tonmilnncheu,  die  nach  einer  noch  lesbaren  In- 
schrift^ mit  dem  Götterboten  Papsukal  identifiziert  werden 
müssen.  Dementsprechend  sind  auch  die  Tontauben  als  Boten- 
vögel gedacht,  die  der  Herrin  melden  sollen,  wenn  etwas  Be- 
sonderes geschieht;  ihr  Platz  ist  darum  auch  naturgemäß  der 
Toreingang.  Diese  Deutung  ist  um  so  sicherer,  als  auf  den 
Grenzsteinbildern  der  dort  dargestellte  Yogel  tatsächlich  dem 
Papsukal  gilt;  als  Symbol  der  Istar  dagegen  bieten  sie  aus- 
schließlich den  Stern.^  Die  Möglicbkeit,  daß  die  Taube  der 
Vogel  der  weiblichen  Gottheit  war,  bleibt  gewiß  auch  trotzdem 
bestehen,  aber  es  fehlt  jede  Sicherheit.  Man  braucht  nur  auf 
Ägypten  zu  blicken.  Dort  pflegten  die  Priester  am  Minfest 
nach  der  Thronbesteigung  eines  neuen  Königs  vier  Vögel  nach 
den  vier  Himmelsgegenden  auszusenden,  um  den  Göttern  einer 


*  Robert  Koldewey  Die  Tempel  von  Babylon  und  Borsippa.  Leipzig 
1911.  S.  7  Abb.  4  uud  S.  19  Abb.  20  (hier  ist  das  Wort  „Taube"  mit 
einem  Fragezeichen  versehen). 

^  So  Zimmern  in  Keilinschriften  imd  Altes  Testament."  Berlin  1903. 
S.  429. 

^  Koldewey  a.  a.  0.  S.  68  Nr.  3.  Die  auf  oder  bei  den  Tontauben 
gefundenen  Inschriften  sind  nach  Weißbach  nicht  lesbar. 

*  Scheil  Memoires  de  la  Delegation  en  Ferse  1  S.  181  f.;  VII  S.  151  ff.; 
X  S.  95. 


352  IlnpfO  Greßmann 

jeden  zu  melden,  daß  sieh  der  König  die  Krone  aufgesetzt 
hat.^  Als  Boten  benutzten  sie  nach  Ausweis  der  Denkmäler 
neben  Enten  oder  Gänsen^  schon  in  der  Zeit  des  Neuen  Reiches 
auch  Tauben ^  die  älteste  „Taubenpost",  von  der  wir  Kunde 
haben.  Aber  sonst  haben  in  der  ägyptischen  Religion  die 
Tauben  sicher  niemals  irgendwelche  Beziehungen  zu  den  Göt- 
tern oder  Göttinnen  gehabt.  Wir  müssen  uns  darum  nach 
weiteren  Belegen  umsehen. 

Wenn  neben  dem  Raben  und  der  Schwalbe  im  babylonischen 
Sintflutmvthus  die  wilde*  Taube  erscheint,  so  beweist  auch 
das  nichts,  da  es  sich  nicht  um  das  Zeichen  einer  Gottheit 
handelt;  man  wird  viel  eher  an  einen  profanen  Vogel  denken, 
weil  der  lleld  durch  eigene  Klugheit  herausbringen  will,  ob 
sich  die  Wasser  verlaufen  haben.  Aber  daß  die  Taube  ein 
Göttervogel  war,  ist  trotzdem  kaum  zu  bestreiten.  Aus  der 
eigentümlichen  Schrift  der  Babylonier,  nach  der  die  Wörter 
für  'Taube'  und  *  gebären'  durch  denselben  Lautwert  ausge- 
drückt werden,  hat  mau  wohl  mit  Recht  geschlossen,  daß  die 
Taube  als  Geburtsvogel  galt^;  sie  spielte  also  für  Babylonieu 
die  Rolle  des  Seelenvogels,  die  bei  uns  der  Storch  hat.  Auf 
einer  Votivtafel  aus  Nippur*',  die  aus  vorsargonischer  Zeit 
stammt  (um  3000  v.  Chr.),   ist  eine  Göttin  dargestellt,   die  auf 

'  Adolf  Erman  Ägypten  und  ägyptisches  Leben  im  Altertum.  Tübingen 
1885,     S.  102. 

*  Vgl.  Champollion  Monuments  Taf.  149  (bi8)  =  Ro8ellini  Monumenti 
del  cuUo  Taf.  76.     Neues  Reich. 

*  Vgl.  Lepsius  Denkmäler  III  Taf.  213  a  =  Wilkinson  See.  series  Taf.  76. 
Neuea  Reich  (XX.  Dyn.).  —  Lepsiua  Denkmäler  IV  Taf.  57—68.  i'tole- 
müische  Zeit. 

*  Man  denkt  vielfach  mit  Unrecht  an  eine  zahme  Tanbe;  dann 
wäre  ja  die  Probe  sinnloB,  da  der  Vogel  dann  zurückkehren  müßte. 

'  M.  Jastrow  Die  Religion  BahyUmiens  und  Assyriens.  Bd.  \i  S.  810 
Anm.  3:  tn  =  alddu  „gebären"  und  Tü^"  =  summatu  „Taubo". 

*  Hilprecht  Explorations  in  Bible  Lands  S.  476  =  Eduard  Meyer 
Sumerier  und  Semiten.  Berlin  1906.  S.  99  =  King  Uistory  of  Sumer 
arui  Akkad  S.  49  Fig.  14  =  Handcock  Mesopotamian  Archaeology  S.  182 
Fig.  D. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u.  die  vorderorientalische  Taubengöttin     353 

einem  Vogel  sitzt;  sie  ist  mit  einer  Krone  geschmückt  und  hält 
in  der  Hand  einen  Becher.  Vor  ihr  steht  ein  Gefäß  mit  vier 
Blumen.  Die  rechte  Figur  ist  unklar  und  bisher  nicht  sicher 
gedeutet^;  von  links  naht  ein  Opfernder  mit  einer  Ziege,  von 
einem  Gotte  eingeführt.  Die  Göttin  von  Nippur,  die  die  Um- 
rißzeichnung verherrlichen  will,  war  Belit-ile,  die  Götterherrin 
die  Mutter  der  Menschen  und  Götter.  An  sie,  als  '^die  Mutter  der 
Gebärenden',  wendet  sich  hilfesuchend  die  Schwangere  am 
Tage,  da  die  Wehen  eintreten.^  Zu  ihr  paßt  der  Geburtsvogel 
ausgezeichnet,  obwohl  hier  wahrscheinlich  nicht  an  eine  Taube 
zu  denken  ist. 

Nach  einer  Mitteilung  von  Otto  Schroeder  findet  sich 
aber  in  einer  bisher  unveröffentlichten  Liste  aus  Assur,  die  die 
im  Asurtempel  aufgestellten  und  verehrten  Götterbilder  aufzählt, 
auch  Mie  göttliche  Taube'  genannt,  als  Vogel  'der  Göttin 
Tasmetu'^,  einer  Nebenform  der  Istar.  Damit  ist  die  Taube 
als  Geburtsvogel  nicht  nur  für  Babylonien,  sondern 
auch  für  Assyrien  sicher  nachgewiesen. 

Vielleicht  darf  man  in  diesen  Zusammenhang  noch  einen 
archäologischen  Fund  einreihen,  dessen  Deutung  freilich  sehr 
schwierig  ist.  Die  Ausgrabungen  der  Deutschen  Orient- Gesell- 
schaft in  Assur  haben  mehrere  Terrakottahäuschen*  zutage 
gefördert,  die  im  Grundriß  etwa  40  x  40  cm  umfassen  und 
80 — 90  cm  hoch  sind.  Sie  scheinen  alle  zweistöckig  zu  sein; 
unten  liegen  zwei  Breiträume  hintereinander.  Das  zweite  Stock- 
werk  erhebt  sich  nur  über  dem  hinteren  Raum  und  ist  von 
dem  unteren  durch  keine  Decke  getrennt.  Die  oberen  Wände 
sind  durchbrochen  von  dreieckigen,  die  unteren  von  oblongen 
<)ffnun'gen;  bei  jenen  könnte  man  an  Fenster,  bei  diesen  an 
Türen  denken,  doch  ist  dies  deswegen  nicht  plausibel,  weil  sie 


*  Die  Deutung  auf  eine  gebärende  Frau  ist  sicher  falsch. 

*  ummu  ulidäte  K.  890  und  K.  115  30;   vgl.  Zimmern  KÄT*  S.428 
Anm.  4. 

»  dsummatu  sä  ä  Tasmeti.  *  MDOG.  Nr.  54  S.  32  ff.  Abb.  7. 

ArcMr  f.  BeligionawisBenachaft  XX.  s/4  .  23 


354  Hugo  Greßmann 

nicht  bis  auf  den  Bodeu  reichen.  Die  Fronten  sind  durch 
Stäbe  und  Holmen  gegliedert,  die  wenigstens  bei  einzelnen 
Häusern  über  und  über  mit  Vögeln  bedeckt  sind.  Anderswo 
schlängeln  sich  Schlangen  an  den  Schwellen  und  Pfosten  oder 
strecken  sich  Löwen  auf  den  Decken,  Gefunden  sind  die  Häuschen 
unter  dem  archaischen  Istartempel  in  der  ältesten  Schicht,  die 
bis  in  die  Zeit  um  3000  v.  Chr.  zurückreicht.  Ein  Zusammenhang 
mit  dem  I^tarkult  ist  darum  von  vornherein  wahrscheinlich. 
Walter  ReimpelP  hat  sie  zuerst  mit  einer  scheinbar 
identischen  Altarform  verglichen,  die  auf  dem  Richzylinder' 
und  anderen  altbabylonischen  Siegelzyliudern  vorkommt.  Otto 
Weber^  hat  dann  betont,  daß  es  sich  zweifellos  hier  wie  dort 
um  ganz  dieselben  Gegenstände  handle,  lehnt  es  aber  ab,  sie 
als  Altäre  oder  Opfertische  zu  bezeichnen,  und  sucht  in  größerem 
Zusammenhange  die  Terrakottahäuser  als  'Berghäuser'  zu  deuten. 
Aber  die  Ähnlichkeit  der  Form  ist  noch  kein  Beweis  für  die 
Identität  der  Sache.  Erst  muß  man  genau  wissen,  was  der 
stufenförmige  Bau  auf  dem  Richzylinder  bedeutet,  ehe  man 
weiter  fragen  kann,  ob  man  ihn  mit  den  Terrakottahäusern 
aus  Assur  kombinieren  darf  Den  ^^  eg  zur  Beantwortung 
dieser  Frage  hat  Wolfgang  Keichel*  gewiesen,  indem  er  den 
Richzylinder  mit  stufenförmigen  Gebilden  griechischer  Denk- 
mäler zusammenstellte;  seine  Erklärung  wird  man  freilich  ab- 
lehnen müssen  zugunsten  einer  anderen,  die  heute  mit  Recht 
allgemein  anerkannt  wird.  Auf  einer  altattischen  Schale  mit 
dem  Bild  der  Athene^,   auf  der  Fran^oisvase'^  und  sonst  sieht 

'  Zeits'hr.  f.  Assyr.  30  S.  7 9 f. 

*  William  Hayes  Ward  TTie  seal-cylinders  of  Western  Aaia.  Washington 
lÜlO.     Nr.  1233  =  Weber  (vgl.  folg.  Anm.;  S.  371   Abb.  1. 

*  Altorientalischr  KuUgeräte  (OrientaliBtische  Studien,  Fritz  Hommel 
gewidmet.     Leipzig  1918)     Bd.  MS.  370ff. 

*  Über  vorhellenisrhe  OötterkuUe      Wien  1897.     S.  45  Fig.  16. 

'  Veröffentlicht  Journal  of  Hell.  Studies  I  Taf.  7  S.  202  =•  Reichel 
a.  a.  0.  S.  41  Fig.  11. 

'  Wiener  Vorhgehlättfr  für  arch.  Übungen  1888.  T.  II;  vgl.  ferner 
Overbeck  Heroengallerie  XV  ll. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u.  die  vorderorientalische  Taubengöttin     ^55 

man  aufgemauerte  Altäre  aus  Ziegel-  oder  Quadersteinen,  die 
man  nur  als  Brandopferaltäre  auffassen  kann,  weil  eine  helle 
Flamme  von  iknen  emporlodert.  Die  zinnenartige  Erhöhung, 
die  an  einer  oder  an  beiden  Seiten  emporragt,  hat  man  ein- 
leuchtend als  Schutzvorrichtung  gegen  den  Wind  gedeutet.^ 
Damit  ist  aber  auch  das  Rätsel  des  Richzylinders  und  der 
anderen  altbabylonischen  Siegelzylinder  gelöst,  die  denselben 
Altar  darstellen;  man  erkennt  den  Bau  aus  Quadersteinen,  die 
Opferüamme,  die  überragende  Zinne  zum  Schutz  des  Feuers 
und,  wenn  die  Zeichnung  zuverlässig  ist,  den  Kopf  des  Opfer- 
tieres als  Abkürzung  für  das  Ganzopfer,  das  auf  dem  Altar 
verbrannt  wird.  Daraus  folgt  zugleich,  daß  die  Altar  formen 
und  die  Terrakottahäuser  aus  Assur  nichts  miteinander  zu 
tun  haben. 

Vielleicht  empfiehlt  es  sich,  die  Terrakottahäuser  als  Tau- 
benhäuser zu  betrachten,  nicht  als  Votivgegenstände,  sondern 
als  wirkliche  Nester,  in  denen  Tempeltauben  gehalten  wurden, 
etwa  ein  Pärchen  in  jedem  Haus.  Dafür  sprechen  erstens  die 
Fundumstände.  Die  Häuser  steckten  noch  am  Ort  ihrer  Ver- 
wendung im  Lehmbeschlag  des  Fußbodens  fest,  wie  es  scheint, 
nebeneinander.  Daß  der  Bau  unter  dem  archaischen  Istar- 
te mpel  ebenfalls  ein  Istartempel  war  oder  wenigstens  irgend- 
wie mit  ihrem  Kulte  zusammenhing,  liegt  nahe  zu  vermuten. 
Die  zum  Teil  ungewöhnliche  Größe  der  Räume  würde  gut  da- 
zu passen.  Auch  das  große,  dickwandige  Wassergefäß,  das  in 
der  Nähe  der  einen  Wand  aufgestellt  war,  würde  einem  Auf- 
enthaltsraum für  Vögel  durchaus  angemessen  sein.  Zweitens 
spricht  für  diese  Deutung  die  Verzierung  der  Häuser  mit  un- 
zähligen Tauben,  ähnlich  wie  bei  den  Taubenkegeln  und  Tauben- . 
häusern  auf  Kypros.'''  Wenn  daneben  noch  Schlaugen  und 
Löwen  als  Dekoration  verwandt  worden  sind,  so  steht  das 
zwar    im    Widerspruch    mit    der    vorgeschlagenen    Auffassung; 

^  Reisch  bei  Pauly-Wissowa  -  s.  v.  Altar  S.  1672. 
*  Vgl.  0.  S.  339  f. 

23* 


356  Hugo  Greßmann 

uamentlich  müssen  die  Schlangen  als  die  geschworenen  Feinde 
der  Tauben  gelten/'  Aber  wie  in  Kreta  und  Kleinasien,  so 
sind  auch  in  Assyrien,  wie  man  nicht  leugnen  wird,  Löwen, 
Tauben  und  Schlangen  die  charakteristischen  Tiere  der  weib- 
lichen Gottheit.  Von  dem  Löwen  ist  das  längst  anerkannt;  so 
heißt  die  Istar  von  Uruk  Mie  da  anschirrt  die  sieben  Löwen'.* 
Der  Mythus  von  der  Höllenfahrt  der  Istar  lehrt,  daß  sie  auch 
Lebens-  und  Todesgöttin  war;  darum  gehören  ihr  die  Schlangen' 
und  Tauben  als  Seelentiere.  Drittens  erklärt  sich  von  hier 
aus  auch  die  Form  des  Hauses.  Als  Niststätten  für  die  Tauben 
wählte  man  tönerne  Gefäße  und  gestaltete  sie,  wie  auf  Ky^iros, 
nach  Analogie  der  menschlichen  Wohnräume.  Die  kyprischen 
Parallelen  sind  insofern  besonders  interessant,  als  dort  eben 
dieselbe  dreieckige  Form  der  Offnungen  erscheint,  die  als  Luft- 
oder Fluglöcher  für  die  Tauben  dienten'*,  wie  in  Assyrien. 
Wenn  sich  die  Hypothese  von  den  Terrakottahäusern  als  Tauben- 
häusern bewährt,  dann  wäre  damit  bewiesen,  daß  in  Assyrien 
schon  um  3000  v.  Chr.  die  Tauben  als  Vögel  der  Istar  ge- 
zähmt wurden. 

16.  Zusammenfassend  ergibt  sich:  Auf  semitischem 
Boden  sind  uns  drei  Zentren  des  Taubenkultes  begegnet:  As- 
kalon,  Hieropolia  und  Assur.  Daß  Aekalon  von  Hieropolis 
abhänj^ig  ist,  ergibt  sich  aus  dem  gleichen  Namen  der  hier 
wie  dort  verehrten  Göttin  Atargatis,  der  allerdings  in  Askalou 
einen  älteren  verdrängt  haben  mag.  Hieropolis  am  Euphrat 
aber  liegt  schon  in  so  großer  Nachbarschaft  Assyriens,  daß 
ein  Einfluß  der  assyrischen  Istar  auf  die  aramäische  Atargatis 
von    vornherein    wahrscheinlich    ist.     Gewiß   hat  die  Atargatis 

'  VkI-  0.  S.  325. 

'  Nabonid  Nr.  8.  Kol.  III.  Lanpdon  Keuhah.  Königsinschriften. 
Leipzig'   1912.     S.  274f.;  vgl.  Zimmern   KAT*  S.  431   Anm.  6. 

•  Vgl.  aus  Bpäferer  Zeit  die  IJeBclireibung  der  babylonischen  Hera, 
Diodor  II  9;  über  Scblanpenkuit  bei  den  t^emiteu  vgl.  BaudisHin  Studien 
zur  yeniitischen  Jieligionsgeschkhte.    Bd.  I.    Leipzig  1876.    S.  257 ff. 

*  Vgl.  0.  S.  340. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u.  die  vorderorientalisclie  Taubengöttin     357 

ursprünglich  ihr  selbständiges  Leben  geführt  —  vermutlich  als 
Fischgöttin  — ,  aber  gewiß  verschmolz  sie  schon  früh  mit  der 
weiblichen  Gottheit  der  Assyrer  oder  Babylonier.  Ob  hinter 
der  assyrischen  Taubengöttin  wieder  die  babylonisch-sumerische 
steht,  läßt  sich  heute  noch  nicht  mit  Sicherheit  sagen,  zumal 
da  die  hethitische  Religion  noch  zu  wenig  bekannt  ist ;  viel- 
leicht kamen  die  Sumerer  gar  aus  Kleinasien.  Man  kann 
ebensogut  Kleinasien  wie  Babylonien  für  das  älteste  Zentrum 
der  Taubengöttin  ausgeben,  weil  das  eine  so  wenig  zu  beweisen 
ist  wie  das  andere.  Sicher  ist  nur  die  Wanderung  ihres  Kultes 
von  Assur  über  Hieropolis  in  Syrien  bis  nach  Askalon  im 
südlichen  Palästina.  Sicher  ist  auch  die  Ausstrahlung  ihres 
Kultes  von  Kleinasien  nach  den  Inseln  des  Agäischen  Meeres 
und  dem  hellenischen  Festlande;  überall  wuchs  die  einheimische 
Gottheit  mit  der  fremden  zu  einer  unlösbaren  Einheit  zu- 
sammen. In  Kreta  ist  die  Taubengöttin  schon  um  2000  v.Chr. 
heimisch  gewesen;  und  wenn  babylonische  Einflüsse  bis  dort- 
hin gereicht  haben,  so  müssen  sie  schon  in  das  dritte  vor- 
christliche Jahrtausend  gesetzt  werden,  was  nicht  unmöglich  ist. 
Neben  diesen  babylonischen  Einwirkungen,  die  sich  fast 
bis  in  das  Dunkel  der  prähistorischen  Zeit  verlieren,  darf  man 
die  Assyrer  als  die  Träger  und  Verbreiter  des  Istar- 
kultes  nicht  vergessen.  Gewiß  begegnet  uns  die  Istar  von 
Nineve  schon  in  dem  Amarnabriefe  Tusrattas^  als  'Herrin  des 
Himmels',  aber  lebhafter  werden  ihre  Spuren  erst,  seit  die 
Assyrer  im  9.  Jahrh.  von  neuem  ihr  Weltreich  zu  errichten  be- 
gannen. Unter  Manasse  (um  700  v.  Chr.)  wurde  die  assyrische 
Istar  in  Jerusalem  als  'Himmelskönigin'^  verehrt;  auch  die 
'Aphrodite  Urania'^  in  Askalon,  das  ebenfalls  lange  Zeit  den 
Assyrern  tributpflichtig  war,  wird,  ehe  sie  zur  aramäischen 
Atargatis  wurde,    mit   der  assyrischen  Istar  eins  gewesen  sein. 

^  bellt  same  Amarna-Briefe  23,  26  Knadtzon. 

"  malkat  hassamajivi  Jerem.  44,  17flF.;    vgl.  Zimmern  KAT*  S.  441. 

«  Vgl.  0.  S.  3ö3. 


358  Hugo  Grcßmann 

Es  ist  gewiß  kein  Zufall,  wenn  wir  gleichzeitig  eine  atarsamain 
als  Hauptgöttin  der  Kedarener  in  Nordwestarabieu  trefiFen;  auch 
dorthin  waren  die  Assyrer  unter  Sanherib  gekommen.'  Wie 
der  Name  lehrt,  handelt  es  sich  zunächst  um  eine  aramäische 
Gottheit,  die  'Attar  des  Himmels',  die  aber  wahrscheinlich 
auf  die  assyrische  Istar  zurückgeht.  Dasselbe  'Attar'  steckt 
in  dem  Namen  der  'Atargatis',  deren  zweiter  Bestandteil  immer 
noch  dunkel  ist;  wir  haben  gesehen-,  wie  eng  Atargatis  gerade 
mit  einer  assyrischen  Königin,  mit  Semiramis,  verbunden  ist, 
so  daß  beide  direkt  miteinander  vertauscht  werden.  Da  Semi- 
ramis auch  in  der  persischen  Volkssage  Eroberungen  gemacht 
hat^,  so  mag  die  persische  Anahita,  die  auch  als  Ableger  der 
Istar  gelten  muß,  wenigstens  ihrem  Wesen  nach,  gleichfalls  in 
assyrischer  Zeit  durch  semitische  Vorstellungen  stärker  beein- 
flußt worden  sein. 

Nun  haben  wir  Atargatis  speziell  als  diejenige  Göttin  kennen 
gelernt,  die  durch  eine  Taube  auf  dem  Kopfe  charakterisiert 
wird*  Weiter  hat  sich  gezeigt,  wie  die  Taubenmotive  in  den 
Semiramissagen  mehrfach  wiederkehren'',  auch  in  der  Sage,  die 
ihre  Berufung  zur  assyrischen  Königin  erzählt.  Aus  inneren 
Gründen  ließ  sich  vermuten,  daß  hier  Atargatis,  die  Tauben- 
und  Königsgöttin,  ein  Ersatz  für  die  ursprünglichere  Istar  sei. 
Da  Istar  in  der  Tat  als  Taubengöttin  nachgewiesen  ist,  so  darf 
die  dort  geäußerte  Hypothese  Wahrscheinlichkeit  beanspruchen, 
um  so  mehr,  als  Istar  auch  die  Königsgöttin  der  Baby- 
lon ier  und  Assyrer  ist.  Der  Gedanke  der  Sohnschaft  oder 
Adoptivsohnschaft  des  Königs  ist  aus  der  älteren  wie  aus  der 
jüngeren  Zeit  häufig  zu  belegen.*  Daneben  wird  der  babylo- 
nische König  von  der  Göttin  zum  Geliebten  oder  zum  (iemahl 

'  Asurhmi.  Itm.  VITl  112     124    (Streck  II  S.  72);    B  VI!  92    (Streck 
II' 133);  K  3405  (Streck  II  'J-23). 

»  V^l.  o.  S.  334 ff.  '  Vgl.  0.  S.  334.  336. 

*  Vgl    0.  S.  336.  •  Vgl.  0.  S.  334.  337. 

"  Zimtn«rn  im  Alten  Orient  XUI,  1.  S.  20f. 


Die  Sage  von  der  Taufe  Jesu  u.  die  vorderorientalische  Taubengöttin     359 

erwäUt  und  damit  auf  den  Herrscherthron  der  Stadt  oder  des 
Landes  erhoben.  Als  das  Findelkind  Sargon  zum  Gärtner  ge- 
worden ist,  gewinnt  Istar  ihn  lieb,  weil  sie  eine  besondere 
Schwäche  für  Gärtnerburschen  hat.  Bei  den  Königen  von 
Lagas  und  Tsin  ist  'Gatte  der  Innina'  der  übliche  Titel  des 
Herrschers.^  Später  haben  die  assyrischen  Könige,  wie  Assur- 
nasirpal  allgemeiner  von  der  Istar  gesprochen,  die  mit  dem 
Blick  ihrer  Augen  sie  ausersehen.  Verlangen  getragen  nach 
ihrer  Herrschaft  und  sie  hervorgeholt  hätte  aus  den  Bergen.' 
Es  wird  weder  hier  noch  sonst  genauer  angegeben,  wie  die 
Wahl  erfolgte.  Aber  wenn  Istar  wirklich  Taubengöttin  war, 
dann  mag  man  auch  erzählt  haben,  wie  sie  eine  Taube  auf  das 
Haupt  des  Auserwählten  sandte  und  ihn  so  aus  der  Mensch- 
heit ausmusterte.  Daß  man  tatsächlich  in  Assyrien  derartiges 
fabelte,  ist  zwar  nirgends  bezeugt;  aber  nach  dem,  was  hier 
ausgeführt  worden  ist,  darf  man  dies  trotzdem  mit  hoher  Wahr- 
scheinlichkeit behaupten.  So  erklärt  sich  am  einfachsten,  daß 
wir  das  Motiv  der  Königswahl  durch  einen  Vogel  in  Persien 
und  in  Palästina  wiedertreffen.  Von  Assur  als  demMittel- 
punkte  aus  ist  es  durch  die  Vermittlung  der  Aramäer  bis  an 
^ie  beiden  Endpunkte  des  vorderen  Orients  gedrungen.  Die 
Taube,  die  als  heiliger  Geist  in  unseren  Kirchen  schwebt,  und 
der  Königsvogel,  der  durch  die  Märchen  flattert,  sie  sind  beide 
zwei  unverstandene  Überlebsei  der  assyrischen  Tauben göttin 
Istar.  Ob  sie  zugleich  auch  die  Taufgöttin  war,  hängt  von  der 
noch  nicht  zu  beantwortenden  Frage  ab,  woher  die  Taufe  stammt. 

^  Belege  und  Begründung  vgl.  bei  Greßmann  Das  Gilgamesch-Epos 
S.  122. 

*  Vgl.  Zeitschr.  f.  Ässyr.  V  S.  66 ff.  79 f.;  Zimmern  KAJ"  S.  382. 


tber  Kalendae  lauuariae  und  Martiae  im  Mittelalter 

Von  Fedor  Schneider  in  Frankfurt  am  Main 

(Fortsetzung  und  Schluß  von  8.  134) 

Der  Kanon  von  743  ist  in  der  Form,  in  der  ihn  Atto  auf- 
nahm, in  eine  ganze  Reihe  kanonischer  Sammlungen  gedrungen: 
in  Burchard  von  Worms,'  die  Collectio  XII  partium  (1024), 
das  Dekret  des  Ivo  von  Chartres,  den  Polycarpus  des  Kardi- 
nals Gregor  (1118),  besonders  aber  durch  Gratians  Dekret  in 
das  offizielle  kanonische  Recht  der  römischen  Kirche.* 

Ehe  wir  den  kritischen  Rundgang  durch  die  Quellen 
des  frühen  Mittelalters  beenden,  müssen  wir  noch  kurz  fest- 
stellen,   was    von    fränkisch  -  deutschem    Material    für    die    Ge- 

^  Decr.  X  c.  Ifi  und  davon  abhäDf:rif^  XIX  c,  5  §3.  Falsch  ist  die  Behand- 
lung bei  Nilsson  S.  122  Anm.  3.  Die  Bruma  ist  von  dieser  ganzen  Reihe  ge- 
strichen; freilich  hat  Burchard  lapidibus  statt  lampadih^is ;  aber  ich  muß 
weitere  Schlüsse  aus  dieser  Variante  ablehnen,  ehe  der  Text  feststeht.  Die 
ganze  Reihe  der  Kanonisten  hat  ebenso  lampadihus  wie  cnntatoribus;  hierher 
gehört  auch  Vat.  Lat.  1354  (s.  o.  S.  132  Anm.  1):  ob  da  nicht  cantationi- 
bus  falsche  Auflösung  Nürnbergers  ist?  Und  selbst  wenn  lajjidibus  bei 
Burchard  mehr  als  falsche  Lesart  wäre,  so  würde  man  aus  dieser  einen 
Abweichung  keine  sachlichen  Differenzen  erschließen  noch  mit  Nilsson 
S.  124  verallgemeinern  dürfen:  .,B.8  Zeugnisse  lassen  sich  nicht  auf  an- 
dere Quellen  zurückführen."  Schmitz  II  403  —  467  gibt  Burchards  XIX. 
Buch,  den  Corrector,  nach  16  z.T.  gleichzeitigen  Hss.;  dort  S.  423  c.  62 
die  sonst  als  XIX  c.  6  §  3  zitierte  Stelle,  alle  Hss.  haben  lapidibus.  Vgl. 
jetzt  Radermacher  S.  92  Anm.  1. 

*  Gratian  C.  26  q.  7  c.  14;  einer  der  drei  gegen  die  Kaienden  ge- 
richteten Kanones,  s.  o.  S.  116  Anm.  2  und  u.  S.  361  f.  Über  die  Vor- 
lagen genügt  der  Hinweis  auf  den  Apparat  in  Friedbergs  Ausgabe  I 
1046.  Die  z.  B.  in  Böhmers  Ausgabe  nachgedruckte  Editio  Romana  des 
Corpus  iuria  canonici  interpoliert  Gratians  echten  Text  aus  dem  Konzil 
von  743  und  verwirrt  so  die  Textgeschichto  des  Kanons,  wenn  sie  et 
brumam  einfügt,  lampadtbus  in  dapibus  und  cantatores  in  caniiones 
ändert. 


über  Kalendae  lanuariae  imd  Martiae  im  Mittelalter  36  J 

schichte  der  Kalendenfeier  übriggeblieben  ist.  Zunächst  der 
Kanon  eines  Konzils  von  Ronen,  das  Nilsson,  irrig  der  älteren 
Ansicht  folgend,  ins  Jahr  649  setzt,  während  er  karolingisch 
ist^:  Si  quis  in  Kalendis  lanuariis  aliquid  fecerit,  quod  a  pa- 
ganis  inventum  est,  et  dies  observat  et  lunam  et  menses,  et  Jiora- 
rum  effectiva  potentia  aliquid  sperat  in  melius  aut  deterius  verti, 
anathema  sit.  Der  auf  die  Kaienden  bezügliche  erste  Teil  ent- 
hält sachlich  nichts,  was  nicht  auch  in  den  im  IX.  Jahrhun- 
dert allgemein  verbreiteten  fränkischen  Büß büchern  stünde,  und 
hat  quellenkritisch  genau  so  viel  und  so  wenig  Wert  wie  diese. 
Die  Verbindung  mit  der  Zeitwählerei  ist  rein  zufällig*;  die 
Grundlage  sind  der  Galaterkommentar  des  Ambrosius  und  der 
auch  von  Bonifatius  zitierte  Sermo  278  des  Caesarius;  mit  ihm 
sind  Stellen,  wie  sie  sich  in  der  humelia  de  sacrilegia  finden, 
verschmolzen.  Die  literarische  Tradition  über  die  Zeitwahl, 
die  auf  Gal.  4,  10 — 11  zurückgeht,  wäre  ein  Kapitel  für  sich, 
das  hier  nicht  erledigt  werden  kann;  daß  sich  an  den  Jahres- 
beginn besonders  viel  Augurienbrauch  anschloß,  ist  bekannt, 
aber  für  dessen  konkrete  Form  kann  man  aus  solcher  litera- 
rischer Tradition   nichts   schließen.^     Regino  von  Prüm   über- 

'  Coyic.  Eotomag.  a.  650?  c.  13,  Bruna  II  271.  Nilsson  S.  119;  über 
die  chronologischen  Ansätze  vgl.  Hefele  Konziliengesch.  III  ^  96.  Karolin- 
gisch: Hauck  DKG.  IP  660  Anm.  2;  Zeit  Ludwigs  d.  Fr.:  A.  Werming- 
hoff  Akten  fränJc.  Konzile  von  742  bis  843,  Neues  Archiv  d.  Ges.  usw. 
XXIV  (1899)  492.  Wie  Nilsson  a.  a.  0.  richtig  angibt,  hat  ßurchard 
von  Worms  Deer.  X  17  den  Kanon  so  gut  wie  wörtlich  übernommen. 

^  Wohl  nach  dem  Vorgang  der  im  folgenden  benutzten  Ambrosius- 
stelle. 

'  Allgemein  bekannt  ist  die  Stelle  des  Ambrosius  im  Galaterkom- 
mentar (vgl.  Nilsson  S.  108.  119),  wörtlich  abgeschrieben  in  Hrabans 
Galaterkommentar,  Migne  112  col.  318,  die  auch  Regino  de  syn.  causis  et 
disciplinis  ecdesiast.  II  c.  372  p.  356  sq.  Wass.  aus  der  Sammlung  der 
Vatic.  Hs.  c.  140  übernimmt;  ebenso  Burchard  X  11.  Von  Ambrosius 
ist  abhängig  Martin  von  Braga  de  corr.  rust.  c.  10  p,  12  sq.  Casp.  gegen 
den  error,  Kai.  lan.  sei  Jahresanfang,  wie  die  Erwähnung  der  Vulca- 
nalia  c.  16  p.  30  (b.  o.  S.  120  Anm.  2)  beweist;  doch  hat  er  wohl  noch 
anderes    (orientalisches)  Material:    vgl.  Capitida  Mariini   c.  72,   Bruns  II 


362  Fedor  Schneider 

nimmt  die  Stelle  aus  Ambrosius'  Galaterkommentar,  die  das 
dies  ohservare  erklärt  und  im  Anschluß  daran  als  onnos 
colere  die  Kaiendenfeier  untersaort.^  Bnrchard  von  Worms 
(f  1025)*  hat  in  seinem  Decretum  die  Kaiendenverbote  aus 
den  Capiinla  Mariini  Bracarensis,  dem  römischen  Konzil  von 
743  uud  dem  Konzil  von  Ronen ^;  daß  er  dort,  wo  er  Attos 
Version  folgt,  la77ipadibus  in  lajyidihus  verändert,  wurde  schon 
besprochen  und  ist  sachlich  kaum  bedeutsam.  Freilich  ist  ein 
großer  Teil  der  Textänderungen,  die  Burchard  und  seine  Mit- 
arbeiter an  ihren  Vorlagen  vornahmen,  absichtlich  und  aus 
Rücksicht   auf  zeitgenössischen   deutschen  Volksbrauch   zu  er- 

56  sq.  nach  unbekannter  Vorlage.  Augustin  in  Gal.  c.  34,  Migne  35 
col.  2129  sq.  CaesariuB  s.  278  §  1  col.  2269  (s.  o.  S  127  Anm.  2)  ist  das 
Vorbild  der  karolingischen  Predigten  über  Tagwählerei,  so  der  Immelia 
de  sacrilegia  §  27;  aber  das.  §  10.  12.  16  haben  neben  Caesarius  s.  130 
§  4.  266  §  6  noch  eine  unbekannte  Quelle,  über  Atto  vgl.  o.  S.  131  Anna.  2. 
In  diesem  Zusammenhang  ist  auch  zu  beachten  die  noch  nicht  fest- 
gestellte Vorlage  von  Gratian  C.  26  q.  7  c.  16  (als  Augustinus  zitiert). 
Allgemein  Reitzenstein  Poimavdres  S.  81  Anm.  10  über  die  astrologische 
Bedeutung  von  Gal.  4,  9 — 10.  —  Ich  beabsichtige  hier  nur  unvollstän- 
dige Notizen  zu  geben.  Nachträglich  finde  ich  noch  Augnetin.  Ep.  ad 
Januar  c.  7  §  12  sq.,  Migne  33  col.  210.  Zur  Zeitwahl  jetzt  auch  Rader- 
macher S.  100  ff. 

'  S.  V.  Anm.  —  In  der  aus  Ilalitgar  entnommenen  großen  Bußord- 
nung 1.  l  c.  304  p.  145  hat  er  das  in  ccrvulo  vel  vegula,  das  in  Burchard 
XIX  c.  5  §  20  überging,  s.  o.  S.  106  Anm.  2  (irrig  als  Buch  X)  u.  u. 
S.  363  Anm.  2. 

*  H.  Grosch    Burchard  I.  Bischof  von  Worms    (Jenenser   Diss.  1890). 

A.  Uauck  DKO.  1II'~*.S.  437  ff.  und  in  den  Berichten  der  Sachs.  Ges. 
d.   Wiss.  Phii-hist.  Kl.  1893  -  94  S.  69—86.    Ed.  Diederich  Das  Dekret  des 

B.  Burchard  v.  Worms.  Beiträge  z.  Gesch.  e.  Quellen.  I.  Teil  (Breslauer 
Diss.  1908)  S.  68—60  fdie  Zusammenstellung  ist,  wie  S.  16  ff.  über  Ps. 
leidor  zeigt,  wo  S.  23  nr.  18  bei  den  Capituln  Martini  c.  73  =  Bur- 
chard X  c.  15  fehlt,  oberflächlich;  ebenso  S.  39  ff.  über  Konzilien).  Böse 
S.  63—66.    Wattenbach  DGQ   I'  397  f.    Helm  I  90 f. 

'  Burchard  Decr.  X  c.  16  e.r  decretis  Martialis  jmpae  s.  o.  S  119 
Anm.  2;  X  c.  16  er  decretis  Zachariaepapae  b.  o.S.lii  Anm. 2;  hier  wohl  ans 
Atto  wegen  der  Inscriptio,  also  folgt  Atto  auch  mit  lampadibus  einer 
ihm  und  den  jüngeren  Kanonisten  gemeinsamen  Vorlage;  X  c,  17  ex 
conc.  Botomag.  s.  o.  S.  361  Anm.  1. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  363 

klären^;  an  diesen  Umstand  wird  man  aber  weniger  bei  einer  so 
geringfügigen,  vielleicht  auf  Verlesung  zurückgehenden  Abwei- 
chung denken,  wie  bei  der  Erweiterung  der  Bestimmung  von  743 
im  XIX.  Buche,  dem  sogenannten  Corredor  Burchardi}  Burchard 
verfolgt  darin  einen  praktischen  Zweck  —  es  ist  ein  Beicht- 
buch —  und  glossiert  deshalb  des  öfteren  die  hergebrachte 
Terminologie  seiner  Quellen  mit  deutschen  Ausdrücken.  Hier 
ist  Bezugnahme  auf  deutschen  Brauch  unbedingt  sicher;  er 
verbietet  nun  im  Anschluß  an  die  von  Papst  Zacharias  ver- 
botenen Neujahrsriten  drei  bisher  unbekannte:  man  sitzt  mit 
dem  Schwert  gegürtet  auf  dem  Dache  des  Hauses  oder  an 
Kreuzwegen  auf  einer  Ochsenhaut;  beide  Male  späht  man  nach 
Augurien;  oder  man  weissagt  aus  Brot,  das  in  der  Neujahrs- 
nacht gebacken  wird.^  An  einer  unabhängigen  Stelle  des  Cor- 
redor ist  dann  von  Spinnen,  Weben,  Nähen  und  jeglicher 
Art  Anfangszauber  in  der  Neujahrsnacht  die  Rede.*  Es  mag 
sein,  daß  keltischer  Feenglaube  die  Neujahrsriten  der  Deut- 
schen beeinflußte,  daß  Personifikationen  der  Kaiendenfeier 
in    der  Art   der   Berchta   oder   Befana  von   dort   aus   bei   uns 


*  Über  solche  Textänderungen  vgl.  Hauck  a.  a.  0.  (Ber.  d.  Sachs. 
Ges.  d.  Wiss.  S.  69  ff.)  und  Diederich  S.  58. 

*  Auszug  Grimm  DM.*  III  404 — 411,  Separat  edd.  Wasserschieben 
Bußordn.  S.  264 ff.  und  Friedberg  S.  82 ff.  (dessen  bei  Migne  fehlender 
Zählung  ich  folge).  Schmitz  II  403 — 467  mit  anderer  Kapitelzählung, 
s.  0.  S.  360  Anm.  1. 

^  Burchard  XIX  c.  6  §  3.  Daselbst  §  20  aus  den  Bußbüchern  in 
cervulo  vel  in  vegula  s.  o.  S.  105  Anm.  2.    Radermacher  S.  I03f. 

*  Ib.  XIX  c.  5  §  24;  Friedberg  S.  93  bemerkt:  „sonst  (außer  den  be- 
kannten Stellen,  die  er  S.  25 f.  bespricht)  keine  Quellen  nachweisbar"; 
doch  omnes  opus,  quodcumque  incipere  possunt,  .  .  propter  novum  an- 
num  incipiunt,  das  den  Preller-Jordan  I  181  Anm.  2  belegten  römischen 
Brauch  betrifft,  dürfte  uohl  eine  literarische  Vorlage  haben;  s.  auch 
o.  S.  112  über  den  Indiculus  superstitionum.  Nach  1270  steht  in  der 
Instruktion  der  Inquisitoren,  zu  fragen,  si  in  Kai.  lan.  propter  novum 
annum  fecit  aliqtiid  augurio  honi  fati,  dando  ad  invicem  aliquid  pro 
strenuis,  Hansen  Quelleyi  u.  Unters,  z.  Gesch.  des  Hexenuahns  (1901)  S.  43, 
vgl.  Meyer  S.  73.    Bünger  8.  19-     Die  Berührung  mit  Caesarius  ist  klar. 


364  Fedor  Schneider 

eindrangen';  sicher  ist  das  nicht,  sicher  dagegen,  daß  der  von 
Burchard  ausdrücklich  auf  Neujahr  bezogene  germanische  Volks- 
brauch im  Grunde  auf  den  römischen  Kalenden/auber  zurück- 
geht, aber  im  Laufe  der  Jahrliunderte  in  der  mantischen  Technik 
deutsche  Züge  angenommen  hatte.  Wir  erinnern  uns,  daß  es  im 
VIII.  Jahrhundert  bei  uns  üblich  war,  zu  Neujahr  in  freiem  Felde 
Waffen  zu  zeigen.*  Und  das  ist  die  beste  Bestätigung,  daß 
hier  einmal  die  tatsächliche  Entwicklung  greifbar  deutlich 
vor  unseren  Augen  steht.  Auch  die  Auguralpraxis  geht  mit 
der  Zeit:  von  der  Divination  aus  dem  Fressen  der  Vögel  bis 
zu  der  aus  dem  Kaffeesatz  ist  auch  eine  historische  Entwick- 
lung durchmessen.  Fassen  wir  zusammen:  scheidet  man  die 
literarische  Überlieferung  aus,  so  bleibt  an  Zeugnissen  für  den 
Kaiendenbrauch  in  unseren  frühmittelalterlichen  Quellen  blut- 
wenig übrig,  und  das  ist  entweder  zwingend  als  römisch  mit 
teilweise  keltischen  Einsprengungen  zu  erweisen,  teils  zeigt  es 
eine  zeitgemäße  Fortbildung  römischer  Grundlagen. 

*  So  viel  könnte  von  Nilasons  oben  abgelehnter  Hypothese,  der 
„germanische  Geiatertisch"  sei  den  Matronae  geweiht  (S.  122 — 132), 
übrigbleiben. 

*  Uumelia  de  sacrilegia  §  17,  b.  o.  S.  110.  Die  Stelle  muß  mit  don 
Augnrien  bei  Burchard  zusammengestellt  werden.  Vgl.  aber  schon 
Maximus  von  Turin  b.  6  de  Kalendis  lanuariis,  Migne  PL.  57  col.  643 
Observavit  diem,  qui  heftterna  die  non  processit  ad  ecciesiam,  processit 
ad  camputn,  dazu  Caspari  UomiJie  S.  34.  —  Burchard  X  c.  34,  wo  ver- 
schiedene schon  von  Caf'sarius  bekämpfte  Paganien  verboten  werden: 
das  Schreien  bei  MondfinsterniH,  Zauberer  und  Amulette  (statt  sucoa  1. 
succinon),  Feier  des  dies  lovis,  schließt  daran  vel  KaUn(das)  lanua- 
(rias)  secundum  paganam  cousuettidinem  honorare  praesuinpserit ;  er  hat 
die  fnsrriptio:  er  cnncilio  Arclalensi  cap.  5,  doch  die  wahre  Quelle  ist  das 
Pöiiitentialc  P^kberts  von  York  (s.  o.  S.  114),  vielleicht  wie  der  voraus- 
gehende, aus  Hegino  I  c.  S'.'S  p.  ;i80  Wass.  entnommene,  der  nach  der 
hiscripiio  ans  gleicher  Quelle  stammt,  aus  einer  karoiingischen  Predigt, 
die  stark  mit  Caesarius  arbeitet.  Burchards  Kritik  wird  durch  den  Um- 
stand pr.-^rbwert,  daß  die  von  Diederich  versprochene  Berichtigung  seiner 
Inskriptionen  noch  nicht  erschienen  ist. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter 


365 


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306  Fedor  Schneider 

Exkurs.     Zum  Euhemerismus  unserer  frühmittelalterliclien 
Quellen  über  die  Kaiende  u 

Der  Anlaß,  über  die  Kaiendenfeier  zu  reden,  war  in  der  bisher  be- 
handelten literarischen  Gruppe  fast  stets  die  Polemik  gegen  den  Paga- 
nismus. Die  Begründung,  sofern  sie  gegeben  wird,  ist  euhemeristisch; 
sie  wie  ihr  Gegenspiel,  die  dämonist  ische  Deutung  der  alten  Mytholo- 
gie, war  dem  Christentum  von  der  antiken  Philosophie  überkommen.* 

In  Rom  wurde  der  Euhemerismus  bekanntlich  früh  heimiscii:  En- 
nius  übersetzte  den  Euhemeros,  ein  auf  Mittelalter  und  Reoaissance  be- 
sonders wirkendes  Beispiel  sind  dann  die  Erklärungen  der  römischen 
Stammsage  im  Livius,  und  wenn  die  Legende  gerade  bei  lanus  mit  be- 
sonderer Vorliebe  verweilte,  so  entsprach  ihr  neben  der  physikalischen 
Deutung  die  euhemeristische.*  Hygin,  Virgil*,  besonders  Varro,  auf  den 
Macrobius  wie  der  Virgilkommentar  des  Servius  zurückgeht,  wurden 
die  Vermittler  der  gelehrten  Kenntnisse  von  Kirchenvätern  wie  Tertullian 
und  Augustin.*  Macrobius  hat  dann  in  Rom  im  hohen  Mittelalter  eine 
merkwürdige  Stadtsage  angeregt.*  Die  älteren  kirchlichen  Autoren  benutzen 
andere  Überlieferung;  so  folgt  Arnobins  in  seiner  Analyse  des  lanus  nur 


'  Euhemerismus:  Jacoby  bei  Pauly-Wissowa  VI '  S.  952 — 961.  Wend- 
land Die  hellenistisch  -  röm.  Kultur^  S.  119—122.  Für  die  Spätzeit 
Caspari  Martin  von  Braga  S.  XClXf.  —  lanus  euhemeristisch:  Uüuger 
S.  21  —  23.  —  Götter  als  Dämonen  wie  bei  den  Juden  schon  bei  Paulus, 
in  den  apostolischen  Konstitutionen,  bei  den  Apologeten;  die  Vorstel- 
lung ist  griechisch:  (reffcken  Zwei  griech.  Apologeten  (1907)  S.  210— 224. 
Wendland'  S.  213—217.  Am  bekanntesten  ist  die  Dämonologie  in  den 
Dialogen  Gregors  des  Großen;  doch  auch  Martin  von  Braga  de  corr. 
rust.  c.  7 — 8  p.  7—10  Casp.  führt  sie  breit  aus;  vgl.  dazu  die  gelehrte 
Erklärung  von  Caspari  S.  XCVII  — C. 

*  Dieterich  A7.  Sehr.  S.  458 f.  Wissowa*  S.  68  f.  (Ennius).  lanus  und 
die  Sage:  Schwegler  Röm.  Gesch.  I  212— 22:^.  Wiseowa*  S.  107. 

*  Macrob.  Saturn.  I  7,  19.  Vgl.  Lydus  de  mens.  IV  2  p.  66  sq. 
Wünsch,  Wissowa»  S.  107.  —  Verg.  Äeyi.  VII  177—181.  VIII  366  -  368. 

*  Vgl.  die  Stellen  bei  Schwegler  I  212  Anm.  2.  3.  Bei  den  griechi- 
schen Apologeten  tritt  der  Euhemerismus  überhaupt  zurück,  Geffcken 
S.  XVII,  während  im  Abendland  Varro  Schule  machte. 

•'  Die  Graphia  aureae  urbis  liomae  ed.  Ozanam  Doc.  incd  p.  166 
verschmilzt  im  Einleitungskapitel  den  Macrobius,  der  neben  Varro  über 
Hygin  auf  Protarch  von  Tralles  zurückgeht,  mit  Servius  und  allerhand 
biblischer  Fabelei  (Saturn  =  Nimrod,  lanus  Sohn  Noahs,  ein  anderer 
lanus  dessen  Neffe,  Sohn  Japhets)  und  anderer  Grammatikerweisheit. 
Paulus  Diaconus,  dessen  römische  Geschichte  im  Mittelalter  große  Auto- 
rität besaß,  gebt  dagegen  ganz  auf  Servius  zurück. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  3ß7 

teilweise  Varro\  und  die  patristische  lanusmytliologie  scheint  sich  über- 
haupt nicht  restlos  aus  den  bekannten  Quellen  ableiten  zu  lassen. 

Maximus  von  Turin  weiß  noch,  daß  lanus  Mensch  war  und  die 
Stadt  Janiculum  gründete;  ihm  zu  Ehren  tragen  die  Kalendae  lanuariae 
ihren  Namen.*  Er  verwirft  das  Fest  nur  wegen  der  einem  Menschen 
erwiesenen  göttlichen  Ehren  und  wegen  des  dies  observare  G-al.  4,  9 — 10, 
das  ja  an  sich  gegen  die  Unterwerfung  unter  die  astrologischen 
Gottheiten  ging,  die  die  Herren  über  Zeit  und  Raum  sein  sollten,  aber, 
wie  wir  aus  späterer  Zeit  sahen,  bald  in  verflachtem  Sinn  auf  die  Be- 
obachtung von  Kaienden-  und  heidnischen  Festtagen  bezogen  wurde.* 
Von  dieser  gleichmütigen,  fast  mit  Augustins  Wohlwollen  gegen  den 
Harmlosesten  im  römischen  Olymp  vergleichbaren  Stimmung  weicht 
Caesarius    ungeheuer    ab*:    euhemeristisch    erklärt    er  lanus    für    einen 

^  Ärnobius  ad  nat.  III  c.  39  p.  131  Reiff.;  vgl.  Wisaowa«  S.  108. 
Mit  Ärnobius  berührt  sich  Macrobius  (gleiche  Quelle?).  Vgl.  Seh  wegler 
I  218.     Wichtig  Isidor  Etym.  VIII  11,  1—3. 

'^  L.  c.  (o.  S.  95  Anm.  1)  Ja^ius  enim  homo  fuü  unius  conäüor 
civitatis,  quae  laniculum  nuncupatur,  in  cuius  honorem  a  gentibus  Ka- 
lendae sunt  lanuariae  nuncupatae.  Vgl.  Schwegler  I  212  Anm.  2.  Auch 
z.  B.  etwa  bei  Cyprian  quod  dii  idola  non  sint  %  4. 

'  Vgl.  0.  S.  361  Anm.  3 ;  über  die  Planetengötter  handeln  hermetisch 
Filastrius  von  Brescia  haeres.  Über  p.  78  Marx,  euhemeristisch  Caesarius 
Ps.  Augustin  s.  130  §  4  col.  2004  (vgl.  Maaß  Tagesgötter  S.  140 ;  Augustin  VII 15 
und  Filastrius,  die  Arnold  S.  172  f.  vergleicht,  sind  nicht  Quelle),  besonders 
aber  richtet  sich  der  4.  Traktat  des  Maximus  contra  paganos,  Migne  57 
col.  781—794  in  erster  Linie  gegen  Fatum  und  astrologische  Götter  (ab- 
weichend von  Augustin  VII 17.  VIII  5.  26).     Über  Atto  s.  o.  S.  131  Anm.  2. 

*  Ps.  Augustin  s.  129  §  1  col.  2001  Dies  KaJendarum  .  .  .  a  quodam 
lano  homine  perdito  ac  sacrilego  nomen  accepit;  lanus  autevi  iste  dux 
quidam  et  prineeps  hominuin  paganorum  fuit,  quem  imperiti  hominis  et 
rustici  dum  quasi  regem  metuunt,  colere  velut  deutn  coeperunt  . . .  Eomi- 
nes  quippe  stulti  et  ignorantes  deum  illos  tune  maxime  deos  existimdbant , 
quos  inter  homines  sublimiores  esse  cernebant  . . .  Et  quia  apud  illos  la- 
nuariae Kalendae  unum  annum  implere  et  alterum  incipere  dicebantur, 
istum  lanum  quasi  in  principio  et  in  termino  posuerunt  . . .  ipsi  lano 
duas  facies  figurarunt,  unam  ante  ipsum,  alteram  post  ipsum:  unam, 
quae  praeteritum  annum  videretur  aspicere,  alteram,  quae  futurum ;  ac  sie 
homines  insipientes  duas  ei  facies  deputando,  dum  eum  deum  facere  cupi- 
unt,  monstncm  esse  fecerunt;  voluerunt  in  deo  suo  esse  praecipuum  pagani 
homines,  quod  est  etiam  in  ptcudibus  monstruosum.  Anklänge  an  Augustin 
de  eiv.  dei  VII  8  (Doppelgesicht);  VII  26  lani  monstrositas ;  VII  4  eum 
simulacri  monstrosa  deformitate  ita  turparunt;  auch  Cyprian  1.  c.  —  Euhe- 
merismus  bei  Caesarius:  Arnold  S.  172 f.;  auch  über  das  Furchtmotiv. 


368  Fedor  Schneider 

Menschen,  leitet  aber  seine  Verehrung  als  Gott  aus  der  Furcht  ab,  die 
man  vor  diesem  ganz  ruchlosen  Heidenfiirsten  gehabt  habe.  Hier  wird 
er  seine  Vorlage  tendenziös  verdreht  haben.'  Diese  Weisheit  hat  auf 
die  dürre  Folgezeit  offenbar  großen  Eindruck  gemacht:  von  Caesariua 
hängt  der  uns  bekannte  Kanon  des  2.  Konzils  von  Tours  (567)  ab',  wie 
die  humelia  de  sacrilegia.^  Ebenso  unselbständig  ist  Isidor  von  Sevilla: 
auch  er  folgt  wünlich  mit  einigen  Auslassungen  dem  Caesarius;  freilich 
fügt  er  aus  einer  echten  Predigt  Augustins  etwas  über  die  heidnische 
Feier  der  .lanuarkalenden  hinzu.*  Mit  wenigen  Ausnahmen  läßt  sich 
60  der  stehende  Gebrauch  des  Euhemerismus  in  bezug  auf  lanns  im 
Mittelalter  direkt  oder  durch  eines  der  Mittelglieder  auf  Caesarius  zurück- 
führen; wenn  schon  dieser  seine  Kenntnisse  auch  aus  gelehrten  Kom- 
pendien vervollständigte,  so  wußte  die  Nachwelt  nicbts  mehr  von  dem 
doppelköpfigen  Gotte  and  schrieb  begeistert  die  selbstgefälligen  Phrasen 
des  Pseudo-Angustiu  nach. 

öfter  wird  des  lunus  hifrons  gedacht,  weil  ihn  Ambrosius  in  der 
berühmten  Stelle  seines  Galaterkommentars  über  das  dies  observare  er- 
wähnt: aus  ihm  ging  die  Erwähnung  in  Burchards  von  Worms  Dekret 
und  andere  Kirchenrechtsquellen  über,  aber  bei  Regino  fehlt  der  Satz.* 
Beda  hat  nur  die  Etymologie  lanus  =  ianua  anni^;  eine  ihm  unter- 
geschobene Schrift  berichtet  die  euhemeriatischo  Sage  von  der  Rettung 
Homs  durch  lanus  hifrons,  den  König  der  Epiroten;  dieser  kommt  da- 
bei durch  Feuer  um  und  wird  zum  Gott  erhoben,  die  Römer  bauen  ihpi 


'  Doch  kann  die  Tendenz  der  Vorlage  angehört  haben;  lanus  iro- 
nisch z.  B.  Sen.  Apoc.  c.  9  p.  232  Buech. 

*  C.  22,  Bruns  II  23ö  cum  Innus  homo  gentilis  fuit,  rex  quidem,  sed 
deus  esse  non  potuit,  s.  o.  S.  367  Anm.  4. 

*  C.  23  p.  16  Casp.  wörtlich  aus  Caesarius,  vgl.  o.  S.  110. 

*  Is.  de  rccX.  off.  c.  i\  §  1  col.  774  (s.  o,  S.  122  Anm.  1)  lavus  enim 
quidam  princeps  pagunorum  fuit,  a  quo  nomen  metms  lanuarii  nnvcupa- 
tur,  quem  impcrili  homines  velut  in  religione  honoris  posteris  tradiderunt 
diemque  ipsum  scenis  et  lururiae  tradiderunt  (vgl.  Auguatin  s.  198  de 
Kai.  Ion.  II,  Migne  PL.  38  col.  1024— l(i26).  Etym.  VIII  11,  37.  V  33, 
3  —  4  ist  —  mit  einem  Zusatz  aus  Cnesarius  an  erster  Stelle  —  von 
Placidus  abliängig.  Im  allg.  vgl.  jetzt  Schmekel  S.  184  —  214.  Wenn 
Gregor  von  Tours  (s.  Euhemerismus  Bist.  Franc.  II  29  p.  90  sq.  Arndt) 
tn  glnria  vinrt.  p.  488,  an  einer  aus  V'irgil-  und  Ovidreminiszenzen 
zu.MHmmengC8topi)elten  Stolle,  sagt:  non  lani  conßictJis,  fugas  rel  ob'tum 
exitiile  jroferam,  so  hat  Krusch  das  schon  aus  Verwechslung  mit  Tur- 
nus  erklärt. 

*  S    0.  S.  361  f. 

"  I)e  rat.  temp.  c.  12,  Migne  PL.  90  col.  351  au«  Ov.  Fast.  I  124, 
ServiuB  (Placidus-Isidor)  oder  Tertullian,   vgl.  Schwegler  I  221  Anm.  19. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  3ß9 

«inen  Tempel,  das  laniculum. '  Antik  scheint  die  Sage  in  dieser  Form 
nicht  zu  sein,  doch  stellt  sie  sich  als  stadtrömisch  vor,  was  bei  den 
innigen  Beziehungen,  die  zwischen  den  Angelsachsen  und  Rom  seit 
ihren  großen  Kulturbringern  Theodor  von  Tharsus  und  Hadrian  von  Nisida 
•obwalteten,  durchaus  erklärlich  ist. 

Eine  gesonderte  Betrachtung  verdient  nur  noch  Atto  von  Vercelli, 
der  in  der  uns  bekannten  Kaiendenpredigt  mit  dem  Euhemerismus  eine 
eigenartige  Dämonologie  verbindet.*  Nachdem  er  im  Anschluß  an  die 
Neujahrsfeier  einige  Mitteilungen,  die  uns  gleich  beschäftigen  werden, 
über  Märzkalendenbrauch  gemacht  hat,  erklärt  er,  Mars  und  lanus 
seien  zwei  böse  Menschen  gewesen,  der  eine  ein  Mörder  und  Ehebrecher, 
der  andere  so  eitel,  daß  er  sich  selbst  verbrannte,*  Nach  ihrem  Tode 
hätten  ihnen  die  Menschen  Statuen  errichtet,  die  Dämonen,  die  sich 
ihre  Namen  aneigneten,  zum  Wohnsitz  erkoren  hätten;  so  habe  es  den 
Anschein  gewonnen,  als  ob  jene  beiden  Menschen  zu  Göttern  geworden 

^  Be  div.  temp.  c.  15,  Migne  1.  c.  col.  659;  vgl.  Arturo  Graf  Borna 
mella  memoria  e  nelle  immaginazioni  del  media  evo  I  219  seg.  —  Beda  ist 
die  Grundlage,  die  sagenhaft  ausgestaltet  wird.  Zu  rege  Epirotarum  vgl. 
Plutarch  g.  Born.  c.  22,  der  lanus  einen  Griechen  aus  Perrhaibia  nennt, 
dazu  W.  F.  Otto  lanus,  PW.  Suppl.  Bd.  111  1185;  doch  Perrhaibia  liegt 
in  Thessalien,  und  von  Plutarch  führt  keine  literarische  Tradition  ins 
Mittelalter.  —  Eine  Kompilation  aus  Caesarius,  Isidorus  und  Beda  steht 
in  Ps.  Alcuin  de  div.  off,,  Migne  101  col.  1177  sq.  (um  1050)  =  Ps.  Beda 
de  div.  off.  ib.  94  col.  539  sq.  (noch  später). 

2  L.  c.  (o.  S.  131  Anm.  2)  col.  836  Mars  namque  et  lanus  liomines 
perversi  et  infelices  fuerunt,  quorum  unus  homicida  et  adulter,  alter  in 
tantum  fuit  vanus  et  deinens,  ut  etiam  se  ipsum  flammis  cremaret.  Post 
quorum  interitum  paganorum  Ulis  more  fabricatae  sunt  statuae,  in  quihus 
oh  eorum  scelerum  immensitatem  daemonibus  placuit  habitare,  et  ut  faci- 
Uus  homines  deciperent,  praedictorum  sibi  nomina  placuit  fingere,  sicque 
se  vivere  et  deos  esse  iactabant  duorumque  mensium  principia  sibi  sacranda 
dicebant  atque  suo  nomine  eosdem  menses,  scilicet  Martium  et  lanuarium, 
a  Harte  et  lano  appellari  iubebant  et,  qualiter  per  singulas  ipsas  Kalen- 
das  sollemnia  cojerent  qualesque  cultus  peragerent,  edocebant.  Qui  error 
in  tantum  frequentando  crevit,  ut  paene  ab  Omnibus  coleretur  subversis, 
et  inde  esse  existimo,  quod  hodieque  durat  in  rusticis. 

'  W.  Weber  vermutet  hier  ein  Nachwirken  der  Sage  von  Empe- 
dokles'  Sprung  in  den  Ätna,  durch  den  er  göttlich  werden  soll.  Näher 
liegt  vielleicht,  wie  0.  Weinreich  annimmt,  die  Selbstverbrennung  des 
Peregrinus  Proteus  in  Olympia.  Dieser  Lukianische  Dialog  gehörte  ja 
wegen  seiner  Christenkapitel  zu  den  bekanntesten.  Die  Zusammenstel- 
lung von  Mars  und  lanus  erklärt  sich  aus  Isidor.  —  Verbrennung  ebenso 
bei  Ps.  Beda,  o.  S.  368. 

Archiv  f.  Keligionswissenschaft  XX.  3/4  24 


370  Fedor  Schneider 

seien,  nnd  darum  seien  ihnen  die  Monate  Januar  und  März  geweiht. 
Hier  liegt  nun  eine  selbstiindige  Tradition  vor,  die  wohl  gewisse  An- 
klänge an  Augustin  hat,  aber  keineswegs  in  der  Grundlage  auf  diesen 
zurückgeführt  werden  kann.*  Besonders  die  Erzählung  von  lanus  mit 
ihrem  Empedoklos- Motiv  ist  fast  einzig  in  ihrer  Art  und  verdient,  daß 
man  auf  sie  aufmerksam  macht,  selbst  wenn  es  einem  in  den  Traditio- 
nen der  antiken  Mythologie  bewanderten  Forscher  gelingen  sollte,  ihre 
Vorlage  ausfindig  zu  machen. 

II  Das  Fortleben  der  Kalendae  Tanunruie  im  ueueren 
Tolksbraucli.     Märzkaleiideii  und  Terwandtes 

Am  Silvesterabend  und  Neujahrstage,  in  viel  stärkerem  Maße 
aber  an  benachbarten  christlichen  Festen  haftet  eine  Fülle 
von  Kaiendenbrauch,*  Epiphanias,  der  altchristliche  Jahres- 
anfang, besonders  Weihnachten,  der  Andreas-,  Martins-  und 
Nikolaustag  sogen  die  Kalendae  lanuariae  auf,  und  zwar  nicht 

*  Anfang  ans  Caesarius,  dem  auch  die  folgende  euhemeristische  Er- 
klärung der  Planetengötter  ähnelt,  ohne  Quelle  zu  sein.  Mars  homici- 
da:  Augustin  de  civ.  dei  V  1,  XVIII  10;  adulter:  Jsidor  Etym.  VIII  11, 
60.  lanus  vgl.  Augustin  1.  c.  VII  4.  Für  die  Dämonen  liegt  keine  ein- 
zelne Augustinstelle  als  Parallele  vor,  und  auch  die  Gesamttendenz  des 
IX.  Buches,  das  man  vergleichen  kann,  weicht  ab.  Schultz  S.  62  sagt, 
die  Kntstehung  des  Mars-  und  lanusdienstes  erkläre  Atto  nach  Isidor; 
das  ist  80  nicht  richtig,  bei  Is.  i7^m.  VIII  11, 4  steht  nur,  daß  die 
Menschen  hervorragenden  Gestorbenen  Denkmäler  errichteten,  denen  all- 
mählich prrsnadentihus  daemonibiis  göttliche  Verehrung  zuteil  geworden 
sei;  §  ö,  Bildsäulen  seien  verehrten  Toten  errichtet,  iamquam  in  caelum 
rcceptis,  pro  quibus  se  in  terris  daemones  cohndos  supposucrunt,  et  sibi 
sncrificari  a  deceptis  et  perditis  persuasernnt,  vgl.  Schmckel  S.  200  ff.  (wie 
Lactantius  ans  Sueton).  Die  Anwendung  dieses  allgemeinen  Satzes  auf 
Mars  und  lanus  ist  das  Werk  Attos  oder  seiner  Vorlage.  Identifikation 
der  Bilder  mit  der  Gottheit:  E.  v.  Dobschütz  Christushilder  (TU.  zur 
Gesch.  d.  altchr.  Lit.  XVIII,  1899)  S.  1—39,  bes.  z.  B.  S.  88f.  nr.  124. 
Friedländer  Darst.  a.  d.  SitUngesch.  Borns  IV'221 — 226.  Geffcken,  d.  Archiv 
XIX  28t) ff.  Daß  in  den  Bildsäulen  Dämonen  wohnen,  war  bei  den 
Christen  seit  dem  IV.  Jalirhundert  weitverbreiteter  Glaube.  —  Auch 
Martin  von  Braga  verbindet  einen  ähnlich  (pessimistisch)  begründeten 
Kuhtmerismus  mit  Dämonologie,  doch  zunächst  für  die  Wochengötter 
(nach  Caesarius;  und  ohne  lanus  zu  nennen. 

*  Richtig  erklärt  von  Nilnson  S.  100  —  104;  doch  unterschätzt  auch 
er  die  Bedeutung  des  1.  Januar  als  bürgerliches  Neujahr,  das  keines- 
wegs 80  vollständig  von  Weihnachten  verdriingt  wurde. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  371 

etwa,  weil  diese  Termine  germanisclie  oder  neue  Jahresan- 
fänge, sondern  teils  weil  sie  die  nächsten  christlichen  Feste, 
teils  weil  sie  germanische  Orakeltage  waren.-^  Ursprünglich 
ist  aber  das  Fest  der  Januarkaienden  bereits  in  heidnischer 
Zeit  zu  den  Germanen  credrungen^:  erst  im  Lauf  der  Zeit 
wanderten  seine  Riten  teilweise  auf  die  anderen  Feste  ab.  Die 
Frage,  ob  es  ein  altgermanisches  Fest  gab,  das  —  nicht  von 
Weihnachten,  wie  man  früher  formulieren  mußte,  sondern  — 
von  den  Januarkaienden  aufgenommen  wurde,  ist  verschieden 
beantwortet  worden.  Während  Bilfinger  schloß,  „daß  bei  ge- 
nauerer Betrachtung  von  dem  germanischen  Fest  nichts  Ur- 
germanisches übrigbleibt  als  der  Name  Jul"*,  glaubt  Nilsson 
beweisen  zu  können,  „daß  ein  heidnisches  Julfest  existiert  hat".* 
Bei  der  jungen  nordischen  Überlieferung  scheint  mir  eine 
kritische  Methode  immer  stark  mit  spätrömischen  Einflüssen 
rechnen  zu  müssen;  ich  gestehe,  von  Nilssons  Beweisführung 
in  diesem  Punkte  durchaus  nicht  völlig  überzeugt  zu  sein, 
muß  aber  darauf  verzichten,  den  genannten  Forschern  auf  dieses 
mir  fremde  Gebiet  zu  folgen.  Falls  es  ein  Julfest  gegeben 
hat,  muß  es  ein  Seelenfest  gewesen  sein:  das  ist  die  einleuch- 
tendste Etymologie   von  Jul.^     In   engem  Zusammenhang   da- 

*  Nilsson  S.  133  zusammenfassend,  dazu  S.  117. 

*  Tille  S.  VIII  f.,  dem  ich  wegen  Epiphanias,  dessen  Bedeutung  be- 
kanntlich im  Abendland  schnell  durch  den  Natalis  Invieti  =  "Weihnach- 
ten verdrängt  wurde,  beistimme,  während  Nilsson  S.  117  Epiphanias 
einfach  zu  den  Winterfesten  zählt,  die  Orakeltage  wurden.  Die  Kaien- 
den drangen  also  gleichzeitig  mit  der  Planetenwoche  und  Laienastrolo- 
gie (Nilsson  S.  118)  zu  uns. 

3  II  132. 

*  S.  149,  vgl.  überhaupt  S.  135—150.  Auch  Mogk,  Tille,  Helm 
I  295  f.  und  die  Mehrzahl  der  Forscher  nehmen  ein  germanisches 
Fest  an. 

*  Helm  I  295,  vgl.  S.  263.  444  Anm.  36.  Über  den  Charakter  als 
Totenfest  auch  Mogk  in  Pauls  Grundriß  III-  392  (mit  anderer  Etymolo- 
gie S.  391),  Tille  S.  23—36.  107,  der  in  der  jüngeren,  mir  nicht  zu- 
gänglichen Schrift  Tule  and  Christmas,  iheir  place  in  the  german  year 
(London  1899)  die  Herkunft    von  einem  germanischen  Totenfest  bestrei- 

24* 


372  Fedor  Schneider 

mit  steht  das  Umherziehen  des  wilden  Heeres,  des  Zuges  der 
Seelen  mit  ihrem  Seelenführer  Wodan,  dem  Sturmdämon.  ^ 

AVir  wollen  nun  mit  aller  von  Nilsson  S.  105  geforderten 
Vorsicht  den  wichtigsten  Volksbrauch  mit  spätrömischen  Ka- 
lendenriten  vergleichen  und  sehen,  ob  wir  auf  diesem  Wege 
zwingende  Beweise  für  das  Bestehen  eines  germanischen  Festes 
finden,  mit  dem  sich  der  fremde  Eindringling  verbunden  haben 
müßte.  Da  wir  bereits  die  von  Nilsson  erwogene  Möglichkeit, 
unter  den  unrömischen  Dingen,  die  sich  im  VI.  Jahrhundert 
in  der  gallisch -spanischen  Kaiendenfeier  zeigen,  sei  Germa- 
nisches gewesen,  widerlegt  haben,  genügt  es,  den  Komplex  der 
mit  keltischem  Ritual  verknüpften  römischen  Kaiendenbräuche, 
wie  ihn  die  Germanen  kennen  lernten,  kurz  als  „römisch"  oder 
„romanisch"  zu  bezeichnen.  Ferner  werden  wir  uns  auf  diesem 
oft  durchmusterten  Gebiete^  auf  die  Hervorhebung  einzelner 
typischer  Beispiele  beschränken  dürfen ;  Vollständigkeit  ist 
kaum  erforderlich   und  nicht  beabsichtigt. 

Zu  Neujahr  muß  —  das  bleibt  übrig,  wenu  man  auch  die 
festgestellten  Abzüge  literarischer  Tradition  macht  —  im  Mittel- 

TD  ö 

alter  mancherlei  römischer  Kaiendenbrauch  bestehen  ge])lieben 
sein."''  Allverbreitet  bis  zum  heutigen  Tage  ist  die  Mantik  der 
Omina  und  Anfangszauber,  die  natürlich  allerlei  zeitgemäße 
Entwicklungen  durchgemacht  hat  und  selbst  mit  der  Nekro- 
niantik    verbunden    erscheint.*       Die    Umstände,   unter    denen 


tot  nnd  alles  auf  die  Kaleiidenbräuclie  zurückführt.     Vgl.  auch  Wuttke" 
S.  20.  f)3.  66.  86.      Tille  S,  107  f.  läßt   die   in  Gallien  übliche  Kaienden- 
feier eich  mit  dentsch-keltischera  Brauch  verschmelzen;  so  viele  andere. 
'  Mogk  S.  a.SSff.     Helm  I  '262. 

*  Zuletzt,  doch  recht  unkritisch,  Bilßnger  II  44 — 86,  den  Nilsson 
verschiedentlich  korrigiert  hat.  Eine  Richtigstellung  im  einzelnen 
würde  den  in  einer  Zeitschrift  verfügbaren  h'aum  weit  überschreiten. 

»  So  Tille  B.  13— l.ö.  3(f.  108f.     A.  Meyer  S.  73. 

*  Viel  bei  Wuttke*,  z.  B.  S.  65  f.  230—269.  Totenbeschwörung  in 
der  Neujahrsnacht:  S.  484.  Mittelalter:  Hurchard  von  Worms  s.  o.  S.  363. 
Honorius  Augustodun.  Spec.  cccl.,  Migne  PL.  172  col.  482  sq.,  vgl.  Bänger 
S.  18.     Bilfinger  II  62—62. 


über  Kalendae  lanuariae  xind  Martiae  im  Mittelalter  373 

das  Jahr   beginnt,    lassen    auf   seinen  Verlauf   schließen.      An 
solchen  vorbedeutenden  Tagen  setzt  die  Zauberkunst    ein,    die 
den  Willen    der    dunkeln  Mächte    des  Geschehens  beeinflussen 
kann:  auguria,  strenae  und  die  Festspeise,  die  auf  den  gedeck- 
ten Tischen    zum  Seelenschmaus   aufgestellt    und  von    der  Fa- 
milie selbst  genossen  wird,  sind  bereits   frühromanisch,  gehen 
aber   in   die  germanische  Volkssitte  über.-^      Man  macht  einen 
kurzen  Anfang   mit    seiner  Hantierung   —    ein  Anfangszauber 
ist    es,    wenn    der   Konsul    Norbanus    seine    Trompete    bläst, 
aber    auch,    wenn    die  Kunkel    abgesponnen    sein    muß.^     Das 
Herdfeuer  darf  an  diesem  Tage  nicht  ausgehen:    es  ist  hyper- 
kritisch,   wenn  Xilsson   die  Herkunft    des  Kalendenklotzes    für 
unbekannt   erklärt:  so    haben    wir   ihn    bei   Martin    von    Braga 
kennen    gelernt,    und    wenn    er    auch    auf  Weihnachten    abge- 
wandert   ist,    so    muß    in    diesem  Zusammenhange    sein  Xame 
die  ursprüngliche  Bedeutung  beweisen.^      Stellenweise  personi- 
fiziert,   ist    er  Symbol    und  Spender    des  Segens.*      Kalenden- 
klotz  heißt  er  nur  in  Südfraukreich,   als  Christblock  findet  er 
sich  aber  auch  sonst  in  Frankreich,  Westdeutschland  und  Ita- 
lien.     Stärker,    als    man    es    nach  den  überlieferten  Zügen  der 
Januarkaienden  vermuten  sollte,  tritt  im  Volksbrauch  zu  Neu- 
jahr der  Seelenkult  hervor.     Ebenso  wie  zu  Weihnachten,  wo 
man    es    mit    dem    Julfest    zusammengebracht    hat,    wird    des 
Nachts  Feuer    auf   dem  Herd    gebrannt,    damit  die  Toten  sich 
wärmen    können,    und    Licht    für    sie    stehen    gelassen;    auch 

'Tille  S.  43.  Meyer  S.  75.  Wuttke'  S.  1-29.  165.  Bilfinger  H 
44 — 52.  57.  Seelenmaiil  bei  den  Litauern:  Caland  in  dieser  Ztschr.  XVII 
490f.  499. 

2  Preller  -  Jordan  I  181.  Xorbanus:  ßilfinger  II  52,  vgl.  Sen.  Ep. 
Xn  1,  5.  Über  den  römischen  Brauch,  o.  S.  86  und  Bilfinger  II  52. 
Handarbeit:  Indic.  superstit.  o.  S.  113  und  Barchard  von  Worms  o.  S.  363. 
Heutiger  Brauch:  Wnttke'  S.  402. 

»  Mlsson  S.  134,  vgl.  S.  103 f.  Tille  S.  11  f.  hält  den  Kaiendenblock 
für  urgermanisch,  was  die  quellenkritische  Untersuchung  hoffentlich 
widerlegt  hat.  In  Thüringen  und  im  Vogtland  darf  das  Feuer  nicht 
verlöschen:  Wuttke»  S.  68.     Bilfinger  II  35.  *  S.  o.  S.  120  Anm,  1. 


37-4  Fedor  Schneider 

andere  Vorbereituugen  für  den  Besuch  der  Toten  trifft  mau.' 
Eigenartig  ist  auch  die  Bedeutung  gewisser  Speisen,  wie  des 
Hirsebreies,  zu  Neujahr  wie  zu  Fasching:  nach  dem  Urteil 
eines  treulichen  Kenners  wirkt  er  geradezu  als  Amulett. 
Der  auch  auf  Weihnachten  übertragene  Genuß  von  Nüssen  ist 
ein  bekannter  Fruchtbarkeitsritus.' 

Mit  Neujahr  streitet  sich  der  Andreastag  um  die  Mantik; 
diese  beherrscht  in  weiterem  Sinne  den  ganzen  Zeitraum  der 
Zwölfnächte  als  die  wichtigste  Schicksalszeit,  weil  den  Seelen 
eigen.'  Neben  Weihnachten  trägt  Epiphanias  Züge,  die  den 
angeführten  verwandt  sind:  der  „Perchtentag"  ist  der  Percht, 
die  als  Seelenführerin  den  Schwärm  der  „Perchten"  oder 
„Holden"  leitet  und  verkörpert,  geweiht,  oder  vielmehr  Percht 
selbst,  die  Leuchtende,  ist  eine  Personifikation  des  Festes  der 
(para  wie  die  Befana  oder  das  Christkind.  Sie  wird  mit  Mas- 
kenlauf und  Perchtenspringen  gefeiert,  Spuren  von  Seelenopfern 
bieten  die  Speisen,  die  man  ihr  stehen  läßt:  aus  Mehl,  Wasser 
und  Milch,  wie  sie  auch  bei  den  Griechen  und  Kömern  das 
Verlangen  der  Chthonischen  sind;  der  „Frauberchtentisch"  zeigt 
seine   sakrale   Bedeutung,    indem    er    der   Liebesmantik    dient.** 


'  Wuttke'  S.  65.  471.  Moderne  rationalistische  Erklärung:  geht  das 
Feuer  im  Ofen  aus,  geht  das  Geld  im  Jahr  aus,  d.  h.  doch,  weil  dann 
die  erzürnten  Seelen  keinen  Segen  spenden. 

»  Wuttke«  S.  HO.  307  —  309.  108. 

"  Tille  S.  148 — IT)!,  der  irrig  urgermanischeu  Urfljjrung  des  Andreas- 
festes und  Abwanderung  auf  Neujahr  annimmt  (s.  o.).  Meyer  S.  73—75. 
Wuttke^  S.  63.  230  —  259.  Auch  Epiphanias  und  Weihnachten  (Blei- 
gießen): Tille  8.  151. 

*  IVrcht:  Rilfinger  II  104.  108f.;  aber  der  italienische  Ursprung  ist 
nicht  plausibel,  es  muß  eine  Farallelbildung  zur  Befana  (Usener  Weih- 
nachtsfest* S.  218f.)  sein.  Nilssons  Widerspruch  S.  127  ist  nicht  durch- 
schlagend gegen  die  Annahme  der  Personifikation  des  Festtages,  wohl 
aber  gegen  Bilfingers  schiefe  Erklärung  der  Neujahrsfee  aus  den  Neu- 
jahrstischen.  Der  Empfänger  des  Opfers  existierte  freilich  vorher:  die 
Seelen,  als  deren  ReprüHentantin  Percht  erscheint.  —  Opfer:  Mogk 
S.  278—281,  bes.  S.  2:iO.  Rohde  Psyche  I '"•  S.  230—245.  Wissowa» 
S.  411  (im  Agrarkult).    Preller-Jordan  II  31  f.    Das  tertium  comparationis 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  375 

Aber  es  würde  zu  weit  führen,  die  vielfachen  Übereinstim- 
mungen des  Festbrauchs  in  dieser  heiligen  Winterzeit  im 
einzelnen  zu  belegen;  wie  die  Mantik  dem  Silvesterabend  und 
Neujahrstage  mit  Andreas,  Weihnachten  und  Epiphanias  gemein- 
sam ist,  so  bestimmte  Speisen  dem  Weihnachtsfest,  Silvester 
und  Epiphanias:  wer  sie  genießt,  wird  das  ganze  Jahr  glück- 
lich.^ Mag  die  Gestalt  des  Weihnachtsgebäcks  germanischen 
Ursprungs  sein:  daß  sein  Wesen  ungermanisch  ist,  daran  läßt 
der  am  meisten  verbreitete  Gebrauch  des  Honigkuchens  ebenso- 
wenig Zweifel  wie  die  Entsprechung  des  Neujahrsgebäcks;  gar 
die  sieben-  oder  neunerlei  Speisen,  die  man  am  Christabend 
zu  essen  hat,  erinnern  an  antiken  Opferbrauch  ^.  Mit  dem 
Backwerk  stehen  die  Geschenke  in  Verbindung,  der  bekann- 
teste Teil  des  Weihnachtsfestes:  sie  sind  noch  heut  vielfach 
Neujahrsgeschenke,  strenae,  und  treten,  ehe  der  Christbaum 
Kollektivsymbol  wird,  mit  Backwerk  und  Lichtern  (Lichter- 
kuchen wie  am  Geburtstag)  wie  mit  Baumgrün  auf.^  Die 
Arbeit  ruht,  Umzüge  sind  üblich.* 

In  unserer  Winterfestzeit  wie  bei  den  Romanen,  für  die 
das  Material  leider  nicht  ebenso  zugänglich  ist,  steckt  also  eine 
Menge  römischen  Januarkalendenbrauches  in  deutlichster  Ver- 
knüpfung mit  einem  Seelenfest.  Also  dem  altgermanischen 
Julfest?  Doch  sonderbar:  sooft  wir  eine  Einzelheit  des  Kultes 
unserer  Ahnen  in  der  Überlieferung  greifen  wollen,  zeigt  sie 
ein  römisches  Antlitz.      Nichts    hat  der  Geschichte  der  „deut- 

bei  der  Festspeise   ist   das  Unblutige,    die    „Fastenspeise".     In  Kärnten 
und  Steier  bleiben  die  Percbtelnacht  Brot  und  gefüllte  Nudeln  auf  dem. 
Küchentisch:  Wuttke'  S.  298.     Frauberchtentisch:  Tille  S.  48 f.  151  ff. 
1  Wuttke"  S.  66.     Bilfinger  II  48  f.  (schlagende  Analogien). 

*  Wuttke^  S.  66f.  Tille  S.  43.     über  Ttayuagnia  ^lEXirtovra  u.  ä.  s.  u. 
^  A.  Meyer  S.  75  f.,    die    Forschungen    Mannhardts    und    Tilles    zu- 
sammenfassend.    Bilfinger  II  62—67. 

*  Tille  S.  46  f.  107—147,  mit  teilweise  gewagten  Schlüssen.  Wuttke  * 
S.  64.  Bilfinger  II  67 — 74,  der  die  oben  behandelten  Maskenbräuche 
z.  T.  recht  dilettantisch  behandelt :  Nilsson  hat  ihn  darin  stark  korrigiert, 
s.  0.  S.  88  Anm.  1. 


376  Fedor  Schneider 

sehen  Weihnacht"  solche  Mühe  gemacht  wie  dies  Dilemma; 
darum  half  man  sich  wohl,  wie  der  verdiente  Alexander  Tille, 
indem  mau  die  Fusion  germanischer  und  römischer  Züge  für 
unauflöslich  erklärte;  andere  ließen  vom  Julfest  nur  den 
Namen  als  germanisch  übrig,  und  wer  bestimmte  Einzelheiten 
für  germanisch  erklärte,  der  konnte  noch  stets  widerlegt 
werden.  Chthonisch  ist  das  Totenopfer  in  seiner  ganzen  Art, 
die  NfQTSQOt.  beherrschen  die  Zeit  und  können  vielleicht, 
besser  wie  die  Länge  der  Wintertage,  erklären,  warum  die 
Mantik  gerade  an  den  KaUndae  lanuariae  durch  die  Jahr- 
tausende so  fest  haftet.  Nun  Aväre  es  an  sich  gar  nicht  unwahr- 
scheinlich, daß  die  Januarkaienden  mit  dem  germanischen 
Seelenfest  eine  Verbindung  eingingen,  weil  —  vielleicht  in- 
folge uralter  Verwandtschaft  —  beide  Feste  gewisse  innere 
Übereinstimmuncren  zeigten:  denn  —  das  müssen  wir  fest- 
halten  —  nicht  aller  Festritus  ist  germanisch.  Die  Seelen- 
tische und  das  Totenopfer  sind  altrömisch,  wie  wir  sahen, 
und  auch  nicht  keltisch,  und  das  Feuer,  wenn  es  auch  der 
Germane  für  seine  Seelen  brennen  läßt,  muß  zugleich  als 
römisch  in  Anspruch  genommen  werden.  Sind  im  übrigen  Dinge 
von  ganz  anderem  Charakter  auf  dies  germanische  Seelenfest, 
das  so  gar  keinen  germanischen  Charakter  hat,  übertragen,  so 
ist  merkwürdig,  wie  gut  sie  zusammenpassen.  Vielleicht  wer- 
den wir  den  Grund  auf  einem  Umwege  sehen. 

Zunächst  noch  ein  Wort  über  den  liesonders  seit  Usener* 
vielberufenen  böhmischen  Festbrauch.  Durch  dessen  glänzende 
Entdeckung  kennen  wir  schon  für  etwa  1400  das  largum  sero: 
Neujahrsbrauch,  der  schon  größtenteils  auf  Weihnachten  abge- 
wandert ist,  und  den  damals  die  Kirche  zii  klerikalisieren  strebte.^ 

'  Christi  Fextbraudi,  s.  o.  S.  86  Anra.  1.  Vgl.  Tille  S.  46f.  191  f.  204. 
A.Meyer  S,  75.     Bün^jer  S.  -JOf. 

*  Das  ergibt  der  Name  Colrfnjda:  Bilfinger  II  86 ff.;  nicht  die  Übertra- 
gimg an  sich,  sondern  den  Jahrenanfung  als  wirkBamen  Faktor  bestreitetNils- 
BOii  S.  103  f.  Die  call tidisatio  am  24, Dezember  und  1.  Januar:  Usener  S.61.63. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  377 

Man  sclienkt  viel  —  das  bedeutet  eben  das  largiün  sero  — , 
und  wer  nicht  schenkt,  hat  im  Jahr  Unglück,  die  Geld- 
spenden bannen  den  Reichtum  ins  Haus.  Wie  sagt  doch 
Augustins  heidnischer  Apologet  des  Kaiendenfestes?  Quic- 
quid  do,  mihi  accipio}  Und  wie  eifern  die  Kirchenväter  gegen 
die  Verschwendung  der  strenael  Auf  Tischen  stellt  man 
Geld  und  Kostbarkeiten  zur  Schau,  legt  aber  auch  Brote  für 
die  Götter  aus.^  Die  Opferspeisen  sollen  wohlschmeckend  und 
süß  duftend  sein^  —  wie  die  strenae  in  Ovids  Zeit.  Man 
denkt  an  Martin  von  Braga  und  Caesarius.  Bei  der  Be- 
scherung steht  ein  großes  Licht  in  der  stuha^  Man  scheut 
sich,  glühende  Kohlen,  wie  die  rustici  des  Caesarius  und  die 
Römer  von  742  das  Herdfeuer,  aus  dem  Hause  zu  geben  — 
um  das  Glück  nicht  zu  verscheuchen.^  Man  will  nicht  an 
Schulden  gemahnt  werden,  um  nicht  unglücklich  zu  werden^ 
—  ähnlich  ist  doch  wohl  der  uns  bekannte  Gedanke,  daß  man. 
nichts  ausleihen  darf.  Den  Neujahrsumzug  will  unser  Gewährs- 
mann Alsso  auf  Weihnachten  übertragen  sehen  —  diese 
calendisatio'' ,  der  Festbettel,  trat  uns,  ganz  abgesehen  vom 
Morgenlande,  ja  schon  in  der  Bretagne  im  VH.  Jahrhundert  ent- 
gegen, er  und  die  dabei  üblichen  Lieder,  die  ^koleda%  sind  bei 
allen  Slawen  und  Balkanvölkern  verbreitet  und  zeigen  Alter, 
Bedeutung  und  Ursprung  der  slawischen  Neujahrssitten. 

Man  hat  den  böhmischen  Kaiendenbrauch  wohl  kurzer- 
hand an  die  „deutsche  Weihnacht"  angeschlossen;  dem  wider- 

^  Sermo  WS  de  Kai  lan.  II  §  3,  Migne  38  col.  1025.  Usener  S.  48.  51 : 
ut  sint  per  totum  annum  fortunati  .  .  .;  miser  efficieris  hoc  anno,  quia 
non  muneras  isto  sero;  wer  gezwungen  gibt,  hat  Unglück;  auch  S.  47f. 
Üppige  Festfeier:  S.  44. 

*  Usener  S.  46.  47  f.  (das  largum  sero).  57  f.  (Brote  mit  Messern  auf 
den  Tischen,  ut  in  noctibus  veniant  dii  et  eomedant).  60  (Obst). 

'  Usener  S.  50:  res  ioeundas  et  delicatas  et  precipue  odoriferas ;  vgl. 
Ov.  Fast.  I  186.  *  Usener  S.  46. 

^  Usener  S.  65:  ne  omnis  fortuna  anni  sequentis  exeat  de  dornt- 
bi(s  suis.  ®  Usener  S.  51:  ne  sint  infortunati. 

''  Usener  S.  61  ff.,  dabei  sortilegia  mit  Weihrauch  S.  65, 


378  Fedor  Schneider 

spricht  zunächst  der  geographische  Befund  über  die  ^koleda\ 
dann  der  Umstand,  daß  sich  so  ausgeprägte  Übereinstimmung 
des  Kaiendenbrauches  in  allen  Einzelheiten  in  Deutschland 
überhaupt  nicht  nachweisen  läßt,  selbst  dann  nicht,  wenn  man 
gegen  jede  Methode  rein  literarische  Tradition  von  Quellen- 
zeuguissen  aus  dem  spätrömischen  Kulturkreise  für  echten 
germanischen  Volksbrauch  späterer  Zeit  nähme.  Im  Gegenteil: 
Burchard  von^ Worms  bewies  uns,  daß  zu  seiner  Zeit  die  in 
deutsche  Sitte  übergegangenen  römischen  Kaiendenriten  bereits 
in  weitem  Ausmaß  deutsche  Wesensart  angenommen  hatten 
vergleichbar  den  lateinischen  Lehnworten  der  altgermanischen 
Sprache,  die  das  Deutsche  als  dauernden  Besitz  mit  seinem 
ererbten  Sprachgut  etwa  gleichzeitig  verschmolz.  Ja,  schon  in 
Karolingerzeit  läßt  sich  diese  eigentümliche  Ausgestaltung  des 
fremden  Einflusses  mit  deutschen  Zügen,  besonders  der  Früh- 
jahrsfeier, spüren,  wie  wir  noch  sehen  werden.  Vergleichen 
wir  die  schlagendsten  Analogien  der  böhmischen  Kaienden- 
feier  mit  neueren  deutschen  Volksbräuchen  auf  deren  geogra- 
phische Verbreitung  hin.  Im  Erzgebirge  und  Vogtland 
läßt  man  von  allen  Speisen  des  Festmahls  in  der  Christnacht 
etwas  auf  dem  Tisch,  so  wird  es  das  ganze  Jahr  nicht  mangeln.' 
Ebendort  muß  man  sich  am  Weihnachtsabend  recht  satt  essen, 
80  hungert  man  das  ganze  Jahr  nicht.^  In  Mecklenburg  soll 
man  zu  Weihnachten  nichts  ausleihen  und  das  Verliehene 
zurückfordern.'  Was  will  es  dagegen  besagen,  wenn  der  nicht 
bloß  an  den  Neujahrstag  gebundene  Aberglaube,  daß  kein 
Fremder  Feuer  oder  Licht  im  Hause  anzünden  darf,  weil  er 
das  Glück  hinaustragen  würde,  in  verschiedenen  Gegenden 
Deutschlands  verbreitet  erscheint?  Es  ist  doch  wohl  kein  Zufall, 
daß  uns  jene  genauen  P^ntsprechuugen  gerade  auf  altslawischem 
Boden  begegnen.  Wäre  der  böhmische  Kaiendenbrauch  von 
den  Deutschen    entlehnt,    so    müßte    seine    Verbreitung    gerade 

'  Wuttke'  S.  68.  296.  '  Ebenda  S.  311. 

•  Tille  S.  306,  Anm.  zu  S.  46. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  370 

umgekehrt  sein:  am  stärksten  an  der  Grenzscheide  zwischen 
Germanen  und  Romanen,  nicht  zwischen  Germanen  und  Slawen. 
So  bleibt  nichts  anderes  übrig,  als  zwei  Einströmungen  der  Kalen- 
dae lanuariae  anzunehmen:  eine  von  Gallien  nach  Nordosten  zu 
den  Germanen,  eine  auch  von  der  oströmischen  Reichshälfte  aus- 
gehende nach  Norden  und  Nordwesten  zu  den  Slawen.  Und  daß  sich 
hier  der  entlehnte  Brauch  erstaunlich  lange  nahezu  unverändert  er- 
hielt, erklärt  sich  durch  die  Kulturverhältnisse  der  Slawen,  die 
sich  noch  durch  eine  Reihe  von  Jahrhunderten  auf  primitiver 
Stufe  erhielten,  als  die  Germanen  längst  in  lebhafte  Entwicklung 
eingetreten  waren.  An  den  Einfluß  des  Tschechen  Woytiech, 
des  heiligen  Adalbert,  würde  man  mit  Alsso  nur  denken  dürfen, 
wenn  die  Koleda  nicht  ein  gemeinsamer  Zug  aller  oder  der  meisten 
slawischen  Völker  und  ihrer  Nachbarn  auf  dem  Balkan  wäre. 

An  dem  alten  Jahresanfang  der  Kalendae  Martiae  ist  auch 
nach  der  Verlegung  auf  den  1.  Januar  mancher  der  ursprüng- 
lichen Bräuche  dieses  Festes  haften  geblieben  \  die  in  der 
gleichen  Weise  dem  neuen  Jahresbeginn  zukamen:  ja,  die 
Identität  der  Riten  zeigt,  daß  sie  nichts  mit  lanus  zu  tun 
haben,  teilweise  freilich  auch,  wie  Nilsson^  erwiesen  hat,  nichts 
mit  dem  Jahresanfang.  Das  Fest  der  Märzkaienden  war  ein 
Frühlings-,  d.  h.  Vegetationsfest,  das  mindestens  später  mit 
Mars  zusammenhingt;  dahin  gehört  der  Tanz  der  Salier.    Das 

^  Preller-Jordan  1362 f.  Wissowa^  S.  144.  436.  Nilsson  S.  67  Anm.2 
handelt  nur  von  der  Bedeutung  der  besonderen  Riten  der  Matronalien, 
die  auf  die  Märzkaienden  fielen.  Mit  Deubner  NJh.  f.  d.  klass.  Altert. 
XXVII  327  läßt  auch  Radermacher  S.  112  die  Kaiendenfeier  ursprünglich 
zum  1.  März  gehören.  *  S.  66—70. 

*  Man  hat  in  den  Flurprozessionen  den  Beweis  erblickt,  daß  Mars 
von  Haus  aus  ein  ^egetations-  und  Ackergott  sei,  Ygl.  A.  v.  Domaszewski 
in  dieser  Ztschr,  X  338 f.;  wenn  Wissowa^  S.  143  betont,  Mars  sei  nach 
der  Überlieferung  nie  etwas  anderes  als  ein  Kriegsgott  gewesen,  so  be- 
weist die  Überlieferung  doch  nicht  seine  ursprüngliche  Bedeutung,  und 
ob  ein  Kriegsgott  begrifflich  der  Ausgangspunkt  sein  kann,  mag  immer- 
hin bezweifelt  werden.  Etymologisch:  Preller-Jordan  I  334  ,,die  männ- 
liche Kraft  eines  zeugenden  und  aufregenden  Gottes". 


380  Fedor  Schneidor 

Feuer  auf  dem  Herd  der  Vesta  wurde  neu  entzündet,  Regia 
und  Vestatem})el,  die  Kurien  und  die  Häuser  der  Flamines 
mit  Lorbeer  bekränzt,  es  ist  das  staatliche  Sacrum,  das  dem 
uns  bekannten  Gebrauch  des  Feuers  und  Lorbeers  bei  den 
privaten  Riten  der  Kalendae  lanuariae  entspricht.  Wie  hier 
der  Bürger  seine  Hantierung  durch  einen  kurzen  symbolischen 
Anfang  weiht,  so  beginnen  Senat  und  Bürgerschaft  am  I.März 
symbolisch  die  Staatsgeschäfte  durch  kurze  Sitzungen.  Ein 
Rest  des  staatlichen  Neujahrs  liegt  vor,  wenn  die  Märzkaienden 
Termin  der  Verpachtung  der  vecti(jalia  geblieben  sind  und  die 
Lehrer  (später?)  ihr  Jahresgehalt  an  diesem  Tage  bekommen. 
Der  Charakter  als  Staatsfest  bewirkte  das  Fortbestehen  der 
Märzkalendenfeier  in  Byzanz,  wo  das  TruUanum  als  Zeitpunkt 
des  Kaiendentreibens  die  Kaienden  Jtar'  ii,o%Yiv,  also  die  des 
Januars,  nebst  Vota  und  Bnimalia,  daneben  aber  xriv  iv  xfj 
%od)xr]  xov  MaoxCov  ^irjubg  rj^sQa  xeXov^evtjv  navijyvQLV  nennt 
und  dann  erst  in  die  Besprechung  der  verpönten  Einzel- 
bräuche, besonders  des  Maskeuumzugs,  eintritt.^  Ganz  das- 
selbe Bihl  gibt  uns  aus  dem  X.  Jahrhundert  für  Oberitalien 
Atto  von  Vercelli:  nachdem  er  die  lanusriten  am  1.  Januar 
skizziert  und  verboten  hat,  fährt  er  fort:  similitcr  eiiam  Kalen- 
dis  Martüs  Imiusmodi  homines  muUis  solent  debacchare  pracsti- 
(jiis\  dann  führt  er,  wie  Avir  sahen,  den  Aberglauben,  der  zu- 
grunde liegt,  durch  gemeinsame  euhemeristische  Aufklärung 
über  Mars  und  lanus  ad  absurdum,^ 

Nun  hat  sich  bei  den  Lombarden  und  ihren  Grenznach- 
barn,   den    Rhätern,    offenbar    die    römische    Feier    der   März- 

'  ('.  62,  8.  0.  S.  124  Anm.  1.  Nilssou  S.  'JO  sagt  richtig,  die  Rri'uiche 
würden  nicht  nach  don  verschiedenen  KpHten  geschieden;  sie  gehörten 
eben    zu    der  Kaiendenzeit   im  weiteren  Sinne    ebenso  wie  zum  1.  März. 

*  Sernio  III  in  fcsto  octavae  domini,  Aligne  134  col.  836,  s.  o.  S.  131 
Anm.  2.  I)aß  das  heidnische  Treiben  nur  an  diesen  beiden  Tagen 
haftete,  sagt  er,  indem  er  die  euhemeristische  Abhandlung  mit  den  Worten 
eröffnet  prnc  CKtictis  autem  anni  dicbus  in  his  diabolus  adhuc  suam  exer- 
cet  coloniam. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  381 

kaienden  besonders  dadurcli  erhalten,  daß  sich  ein  germa- 
nisches  Frühlingsfest  mit  ihr  verband.  Leider  ist  der  italie- 
nische Yolksbrauch  mit  den  Resten  lancrobardischer  Kultus- 
Übung,  die  in  ihm  erhalten  sind,  wie  schon  Mannhardt'  klagt, 
bei  weitem  nicht  so  gut  bekannt  wie  der  deutsche.  Mannio- 
fache  Gewohnheiten,  die  am  1.  März  haften,  gehören  in  das 
weite  Gebiet,  das  sich  sowohl  geographisch  wie  materiell  lücken- 
los an  analoge  deutsche  Übung  anschließt.  Der  Charakter  des 
Agrarkults  ist  klar  erkennbar  und  mag  überwiegend  germa- 
nischen Ursprungs  sein.  In  Umbrien  werden  Brände  ge- 
schwungen, in  Welschtirol,  das  sich  nördlich  bis  zur  Grenze 
der  langobardischen  Besiedlung  gegen  die  bajuwarische  erstreckt, 
Märzfeuer  angezündet  und  dem  deutschen  Ausrufen  der  Mai- 
bräute entsprechende  Vegetationszauber  geübt;  im  Bergell  leitet 
das  Schellenläuten  den  Auszug  der  Herden  auf  die  Sömmer- 
weide  ein,  ein  Kinderumzug  heischt  Gaben  und  singt  in  Er- 
innerung an  die  Märzkaienden:  "Calonda  Mars,  CalmicV  Avril\^ 
Auf  gleichem  Kulturgebiet  —  in  Südtirol,  Yenetien,  der  Lom- 
bardei und  Piemont  —  ist  aber  auch  das  Verbrennen  der 
Jahresalten  ("hrusar  la  veccia')  üblich,  das  schon  Usener^  mit 
dem  altrömischen  Fest  der  Anna  Perenna*  zusammengestellt 
hat:  dies  fand  an  den  Iden  des  März  statt,  Ovid  schildert  uns 
das  frische  Idyll  im  Freien,  in  den  Laubhütten  am  Tiber,  bei 
dem  Sang  und  Tanz  so  wenig  wie  bei  den  Januarkaienden 
fehlen  und  auch  Reste  eines  Festmahls  von  sakraler  Bedeu- 
tung   als   Anfangszauber   bezeugt  sind;    denn  man  trinkt  viele 


^  Antike  Wald-  u.  Feldhdte^  S.  127,  dazu  erschwert  der  von  üsener 
Ital.  Mythen  (KI.  Sehr.  IV  93 f.)  beklaofte  Umstand,  daß  die  römische 
Religion  durch  Hellenisiernng  in  verzerrter  Form  überlielert  ist,  die 
Ausscheidung  der  autochthonen  Grundlagen,  vgl.  Mannhardt  S.  347 — 350. 

*  r\rannhardt  Baumkultus  *  S.  541.  Deubner  Glotta  III  43  Anm. 
»  Italische  3Iythen  S.  182—201  (=  Kl.  Sehr.  IV  93—114). 

*  Ov.  Fast.  III  533  sqq.  Macrob.  Saturn.  1  12,  6.  Lydus  De  viens. 
IV  49  p.  105  sq.  Wünsch.  Preller- Jordan  I  343—346.  üsener  a.  a.  0. 
115—136.     Wissowa^  147f.  241f. 


Qg9  Fedor  Schneider 

Becher,  um  viele  Jahre  zu  leben,  und  durch  Macrobius  wissen 
wir,  daß  man  der  Anna  Perenna  im  Monat  März  opferte,  ut 
annare  pcrennareqiie  commode  liceat}  Ja,  selbst  öffentliche 
Gebete  wurden  an  diesem  Tage  für  ein  gesundes  neues  Jahr 
dargebracht*:  er  „trägt  durchaus  den  Charakter  einer  fröh- 
lichen und  oft  ausgelassenen  Neujahrsfeier".'  Daß  ursprünglich 
ein  Mann  und  ein  Weib  ausgetrieben  wurden,  daß  der  in  Felle 
gehüllte  Mann  der  Mamuralien  am  vorhergehenden  Tage,  der 
Mamurius  Veturius,  der  Partner  der  Anna  Perenna  war,  wie  in 
Welschtirol  'il  vcccio"  und  'la  veccia%  hat  Usener^  gezeigt. 
Der  März  ist  der  alte  Jahresanfang;  seine  Feste  sind  Agrar-, 
und  zwar  Frühlingsfeste,  ihnen  entspricht  der  Festzyklus  des 
Februars,  des  iMonats  der  alten  Seelenfeste  und  Eutsühnungsriten, 
die  das  alte  Jahr  schließen  und  auf  das  neue  vorbereiten.^ 

Wenn  sich  nun  germanische  Jahranfangsbräuche,  die  den 
ältesten  römischen  so  genau  entsprochen  haben  müssen,  auf  roma- 
nischem Boden  an  den  1.  März  hefteten,  so  müssen  sie,  die  in 
Rom  noch  in  nachklassischer  Zeit  immer  mehr  von  ihrem  Ab- 
leger, den  Januarkaleuden,  verdrängt  wurden,  in  der  Provinz 
—  denn  auch  Frankreich  und  Nordspanien  kennen  die  Ver- 
brennung der  Jahresalten  —  in  einer  der  Urform  entsprechen- 
deren Gestalt  bewahrt  worden  sein.  Freilich  muß  man  bei 
der  Jugend  unserer  germanischen  Überlieferung  auch  die  Mög- 
lichkeit ins  Auge  fassen,  daß  der  entsprechende  germanische 
Festbrauch  überhaupt  nicht  Eigengut,  sondern  in  sehr  früher 
Zeit  von  den  Bömern  entlehnt  ist.  Er  ist  ja  in  der  Form  der 
VVinteraustreibung  wie  des  Vegetationszaubors  (Maifeste)  un- 
gemein   verbreitet',   ohne  daß   man  einen   bestimmten   Termin 

'  Macrob.  1.  c.  '  Lydus  1.  c.  •  WiRsowa »  S.  241. 

♦  a.  a.  0.  121—134  und  in  dieser  Ztschr.  VII  309  — Sl.S  (=  Kl.  Sehr. 
IV  444—447). 

••  V^l.  V.  Domaszewski  in  dieser  Ztsclir.  X  337—339.  343. 

•  üsener  Kl.  Sehr.  IV  93—113.  Wuttke»  S.  76  —  78.  Mogk  S.  367  f. 
Mannhardt  Baumlultus*  S.  161  — 218.  Antike  Wald-  u.  Feldkulte* 
S.  212— 263    und    an    vielen    Stellen    seines    Werkes.     Daß    als    Grund- 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  383 

als  ursprünglicii  annehmen  dürfte;  neben  Mai  und  März  oder 
dessen  Varianten  wie  Fasching  oder  Mittfasten  haftet  Anfangs- 
glaube bei  uns  vielfach  am  Gründonnerstag.  Da  ruht  ganz 
wie  am  römischen  Neujahr  Segen  auf  allem  Beginn  ländlicher 
Tätigkeit;  Eier,  die  an  diesem  Tage  gelegt  sind,  bringen  Glück, 
das  Ei  ist  ja  als  altes  Fruchtbarkeitssymbol  bekannt.  Viel- 
fach entsprechen  die  germanischen  Grundauffassungen  den 
römischen  so  genau,  daß  man,  will  man  durchaus  einer  ein- 
heitlichen Grundlage  ausweichen,  die  urgermanischen  Vorstel- 
lungen bis  ins  einzelne  den  römischen  verwandt,  ja,  gleich 
konstruieren  muß.  Aber  hier  liegt  es  uns  fern,  diese  Frage 
der  germanischen  Frühlingsriten  zu  lösen;  es  ist  nur  metho- 
disch unabweisbar,  sie  aufzurollen. 

Nach  dem  Gesagten  wird  es  nicht  weiter  verwundern,  daß 
wir  in  sehr  früher  Zeit  die  Winteraustreibung  in  engster  Ver- 
bindung mit  den  Neujahrsvermummungen  finden.  In  der 
humelia  de  sacrüegia^  wird  an  der  ersten,  nicht  lediglich  den 
Caesarius  ausschreibenden  Stelle  gegen  die  Kaiendenfeier,  die 
schon  in  den  Worten  vel  arma  in  campo  ostendit  echten  Volks- 
brauch berücksichtigt,  an  das  Kaiendenverbot  das  einer  Früh- 
lingsfeier angeschlossen:  vel  qui  in  mense  Fehruario  hibernum 
credit  expellere,  vel   qui  in  ipso  mense  dies  spurcos  ostendit,   et 

bedeutung  des  germanischen  Vegetationsfestes  ein  Seelenfest  (Wal- 
purgisnacht!) hervorschimmert,  braucht  hier  nur  angedeutet  zu  werden^ 
vgl.  Mogk  S.  277.  Ein  näheres  Eingehen  auf  diese  Bräuche  und 
entsprechende  Häufung  der  Literatur  sind  hier  nicht  beabsichtigt. 
Ein  übersehenes  Zeugnis  für  das  Maifest,  mit  dem  besprochenen  Ka- 
lendenkanon  der  Bußbücher  (s.  o.  S.  104)  verbunden,  steht  im  Poen.  Vindoh. 
8.  IX  c.  35  p.  358  Schm.  II:  Si  quis  in  Kdlendas  lanuarias  vadit  in  cer- 
vulo  aut  in  Kalendas  Maias  quecunique  potionem  acciperit  aut  ante  die 
pro  ipsam  Kahndas  comederit  aut  alias  inlicitas  causas  fecerit,  .  .  .  que 
adhoc  demonium  est  et  a  paganis  relictum.  Der  Tag  vor  den  Maikalen- 
den  ist  die  Walpurgisnacht.  Über  Mala  und  den  1.  Mai  s.  o.  S.  12ä 
Anm.  2, 

^  §  17  p.  10  sq.  Casp.  anschließend  an  die  o.  S.  110  angeführten  Worte. 
Vgl.  auch  Pirmin  1.  c.  p.  175,  wo  die  Tiermasken  in  Kalendas  vel  aliud 
tempus  untersagt  werden. 


3g^  Fedor  Schneider 

qui  Inimas  colct,  aliquid  auguriatur,  quod  in  ipso  anno  futurum 
Sit.  Gernianistisclie  Ivoniantiker  haben  viel  Mühe  und  Scharf- 
sinn darauf  verwendet,  diese  Stelle  einer  fräukisclien  Predigt 
auf  urcrermanischen  Religionsbrauch  zurückzuführen,  der  frei- 
lieh  sonst  unbekannt  wäre;  auch  an  die  verständnislose  Über- 
nahme romanischer  Vorlage  innerhalb  von  lauter  germanischen 
Bräuchen  ist  nicht  zu  denken.'  Aber  man  muß  nur  die  un- 
o-eheure  Verbreitung  des  alten  Frühlingsfestes  mit  der  Stelle 
zusammenhalten,  und  eine  Etappe  auf  seinem  Marsch  wird 
deutlich.  Einerseits  wird  die  Anfangsmantik  hier  wie  dort  ge- 
übt, anderseits  erhält  sieh  manches,  was  nie  auf  den  jüngeren 
Jahresbeginn  übergegangen  war,  an  diesem  uralten  Jahresfest. 
Fehrua  Bomani  dixere  piamina  patres-:  das  dies  spurcos  osten- 
dere  ist  eine  Erinnerung  an  die  sakrale  Bedeutung  des  Monats 
der  fehrua,  die  in  Maria  Lichtmeß  fortlebt.  Der  indiculus 
super stitionum,  den  wir  als  die  Überschriften  der  Kapitel  eines 
Paralleltextes  zu  der  humelia  de  sacrilegia  kennen  lernten^ 
hat  de  spurcalibus  in  Februar io,  und  Aldhelm,  der  heidnische 
Opfer  als  fanaticae  lustrationis  spurcalia  bezeichnet,  muß  von 
solchem  Lustrationsritus  (im  Februar?)  literarische  Kunde 
haben.'     Die  Bezeichnung   des    Februars    als    Sporkelmond   ist 

'  Caflpari  Ilomilie  S.  71  —  73,  vgl.  S.  'M^  führt  im  Gegensatz  zum 
Rest  das  Winteraustreiben,  weil  im  Februar,  auf  eine  südliche  Quelle 
zurück. 

'  Ov.  Fast.  II  19;  Usonor  Weihnacht s fest'  S.  313. 

'  S.  o.  S.  112.  Lichtmeß:  (  senor  Weihnachisfest^  S.  .SlO,  dazu  be- 
sonders schön  Beda  De  tcmp.  rat.  c.  12,  Migne  90  col.  351  sq. 

«  Itidic.  mperst.  c.  3,  vgl.  Hauck  DKG.  11»-*  S.  405  Anm.  7.  Ald- 
helm De  rirginiUtte  c.  26  p.  258  Ehw.  (Silvester  draconem),  cui  paganonim 
drcepta  gentUitas  ad  sedatnlatn  furoris  rrsaviam  fanaticae  lustrationis 
spurcalia  turi/icabat.  Wenn  Caspari  S.  72  f.  die  nahe  Verwandtschaft 
zwischen  Indiculus  und  Humelia  einerseits,  den  literarischen  Charakter 
von  Aldhelraa  Latinität  anderseits  methodisch  beachtet  hätte,  würde  er 
nicht  ein  germanisches  Fest  erschlossen  haben,  das  mit  Bomana  inter- 
pretati»  in  den  Quellen  Spurcalia  hieße.  Wegen  spurats-porcus  will  er 
ein  germanisches  (!)  Schweineopfer  annehmen.  Über  fanutitus  o.  S.  122 
Anm.  1. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  385 

schon  laugst  ruit  dem  lustralen  Charakter,  den  er  in  Rom 
hatte,  in  Zusammenhang  gebracht  worden.  Es  war  ja  der 
Abschluß  des  alten  Jahres  bei  den  Römern;  den  Toten 
geweiht,  enthielt  er  neben  anderen  chtlionischen  Kulten  die 
dies  parentdles,  neun  Seelentage,  deren  Abschluß  die  Feralia 
des  21.  Februar  mit  dem  Grrabesopfer  an  die  Manen  bildeten, 
und  auf  die  eine  häusliche  Totenfeier  folgte,  die  Caristia  oder 
Cava  cognatio  des  22.  Februar.  Zu  ihr  gehören  wie  zu  dem 
jüngeren  Neujahr  Seelenschmäuse  in  Gestalt  eines  fröhlichen 
Festmahls  und  Geschenke.^  Ein  populärer  Festtag,  den  die 
Kirche  nicht  verdrängen  konnte  und  in  den  christlichen  Kult 
übernahm:  sie  wandelte  ihn  in  die  Cathedra  Petn'^,  über  deren 

'  Placidus  bei  Goetz  Thes.  gloss.  I  535,  vgl.  Corp.  gloss.  V  26.  Macrob. 
Satitrn.  1 13,  ö  secuvchtm  (mensem)  dicavit  Februo  deo,  qui  hcstrattonum 
potens  creditur;  lustrari  autem  eo  mense  civitatem  necesse  erat,  quo  statuit, 
ut  iusta  dis  manibu>;  soloerentur.  Festus  Pauli  p.  75  Lindsay.  Beda 
De  tevxp.  rat.  c.  12  (aus  Macrobius  und  Placidus)  und  die  anderen  Stellen 
bei  Wissowa  ^  S.  436  Anm.  1.  Vgl.  Preller  -  Jordan  I  158.  388  —  391. 
II  98—101.     Wissowa-  S.  232  ff. 

-  Zur  Orientierung  vgl.  üsener  Weihnachtsfest-  S.  273 f.  Wissowa^ 
S.  233.  Kellner  JSeortol.-  S.  216  —  220.  Duchesne  Ongines  du  culte 
chretien*  p.  283 — 286.  Lucius  Anfänge  des  HeiUgenluUs  S.  29.  H.  Achelia 
Die  Mm-tyrologien,  ihre  Geschichte  und  ihr  Wert  (Abb.  d.  Ges.  d.  Wiss. 
z.  Göttingen.  Phil.-bist.  Kl.  iS".  F.  III  nr.  3,  1900)  S.  10  f.  Überbolt  ist 
die  von  Grisar  Gesch.  Roms  u.  d.  Päpste  im  3IA.  I  228  Anm.  3  gesammelte 
Literatur.  Augustin  kennt  die  Caristia  (die  berühmte  Stelle  Conf.  VI 
c.  2,  de  mor.  eccl.  c.  34,  contra  Faustum  XX  c.  21,  epist.  22  §  6  usw. 
Lucius  a.  a.  0.  Anm.  1),  doch  nicht  das  christliche  Fest.  Über  die  Ge- 
schichte des  Festes  in  Rom,  -wo  es  abkam  und  in  Karolingerzeit  aus 
Gallien  wieder  eingeführt  wurde,  und  über  die  gallikanische  Verlegung 
auf  den  18.  Januar  jetzt  Lietzmann  Petrus  und  Paulus  in  Born  (1915) 
S.  3-5.  13.  70—76,  der  die  Angabe  des  Filocal.  Kalenders  von  354  natale 
Petri  de  cathedra  als  'Gedächtnistag  der  Cathedra  des  Petrus',  also  als 
Ordination stag,  interpretiert  (S.  3);  nach  S.  13  habe  man  ihren  Termin, 
den  man  wie  den  der  meisten  früheren  Papstordinationen  nicht  mehr 
kannte,  auf  das  Fest  der  Caristia  gelegt.  Natale  faßt  er  nach  Usener 
als  Ordination.  Das  mag  iür  Filocalus  zutreffen;  ursprünglich  muß  der 
Tag  als  Totenfest  Petri,  des  Eponymos  der  römischen  Gemeinde,  christia- 
nisiert worden  sein.  Polemius  Silvius  bezeichnet  die  Cara  cognatio  als 
depositio  s.  Petri  et  Pauli. 

Archiv  f.  KelinioiiBwissenschaft  XX.  3/A  25 


386  Fedor  Schneiiler 

Bedeutung  sich  die  Heortologen,  alte  wie  neue,  die  Köpfe  zer- 
brochen haben.  ^lan  sprach  von  dtpositio  Petri  et  Pauli,  als 
Ciithrdra  Petri  in  Antiochien  steht  das  Fest  noch  iin  Missalc 
Iioninnum]  und  noch  De'  Kossi  dachte  an  Zusammenhang  mit 
einem  römischen  Bischof'sstuhl.  Seit  Usener  ist  die  Abstam- 
mung dieses  Petrusfestes  von  den  Caristia  allgpmein  /ugestandeu, 
doch  der  Name  lockte  aut  falsche  Fährte  und  blieb  unerklärt, 
um  so  merkwürdiger,  als  wir  durch  Photius  wissen,  daß  xu#- 
iÖQu  'Totenmahr  bedeutet.^  Der  Brauch  der  Cariüia  muß 
wie  die  KaJmdae  lanuaria£  auch  in  die  östliche  Keichshälfte 
ffedrunjjen  sein,  da  ihn  Duchesne  noch  gegenwärtig  dort  bei 
Orthodoxen  und  selbst  Muhamedauern  getroffen  hat;  die  Grie- 
chen, deren  Sprache  in  der  römischen  Christengemeinde  in  be- 
sonderen Ehren  stand',  werden  von  dem  römischen  Seelen- 
schmaus den  bei  ihnen  üblichen  Ausdruck  xa^feÖQu  gebraucht 
haben,  und  so  wurde  der  Tag  zur  y.a&sÖQU  des  I'etrus;  das 
christliche  Totenfest  wurde  als  das  des  Repräsentanten  der 
römischen  (iemeinde,  Petrus,  geleiert,  von  dem  man  kein 
Datum  der  dcpositio  hatte,  der  heidnische  Name  des  Festes 
Caristia,  Cara  cognatio  war  unbrauchbar,  xa^iÖQu^  von  dem 
Sessel  für  den  Verstorbenen  abgeleitet,  der  beim  Totenmahl 
aufgestellt  wurd»',  um  so  brauchbarer,  als  der  Vorsteher  der 
römischen  <^emeinde  beim  Abendmahl  gesessen  zu  haben 
scheint.^  So  konnte  xu^tdga  die  Bedeutung  von  cpulae  an- 
nehmen. An  xa&edga  =  Bischofsstuhl  kann  für  die  Ursprünge 
dieses   Petrusfestes    in    keiner  Weise    gedacht    werden.'     Trotz 


p 


'  Rohde  Psyche  ~^  i  233  Anna,  i;  dazu  jetzt  die  Breslauer  DisB,  von 
Alfon-*  Nehring  Seele  u.  Seelenkuit  bei  Griechen,  Italikrni  u.  (iermamv 
(1917)  S.  7  —  9. 

'  A.  V.  liarnack  Misxiou  und  Ausbrdtung  des  Christentums  U*  S.2iS{. 

=  Wendland'  Tafel  XIII  3,  y^l.  S.  434  (Hinweis  von  W.Weber). 
Achelia  S.  17 f.  zei>^t,  daß  es  erat  im  III.  Jahrh.  üblich  wurde,  die  Tage 
der  Märtyrer  an  ihren  Gräbern  zu  feiern,  und  daß  Kilocalus  deshalb 
keine  älteren  Märtyrerdaten  hat. 

■*  Das  gibt  gegen  De"lio8«i  auch  Duchesne  p.  286  Anm.  1   zu. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  387 

der  Christianisiernng  erhielten  sich  au  ihm  iu  Italien  und 
Gallien  die  ihm  eigenen  chthouischen  Riten  ^,  ja  selbst  die 
Zweiteilung  in  das  Grabesopfer  der  Feralia  und  das  Gedächt- 
nismahl der  Caristia  ist  noch  deutlich.  Ä.ls  Totenopfer  werden 
intrita  oder  c'tbi  et  vina  (pocida)  genannt,  wie  Monica  „nach 
afrikanischer  Sitte'*'  an  den  Verehrungsstätten  der  Heiligen 
pidtes  et  panem  et  merum  darbrachte^;  daheim  schloß  sich  ein 
Totenmahl  an.  Xoch  der  gelehrte  Heortologe  des  XII.  Jahr- 
hunderts, John  Beleth,  der  wie  kein  anderer  Zeitgenosse  eine 
klare  Erkenntnis  von  der  religionsgeschichtlichen  Bedeutung 
der  christlichen  Feste  hatte,  wußte,  daß  das  Stuhlfest  Petri  auch 
festum  heati  Petri  epularum  hieß.^  So  ist  für  Gallien  und  das 
VI,  Jahrhundert  an  dem  Fortbestehen  der  Parental/a  und  Caristia 

*  üsener*  S.  274  Anm.  3.  Dachesnea.  a.  0.  p.  288 flf.  Yacandard  L'idö- 
latrie  en  Gaule  1.  c.  p.  447 — 449.  Neben  dem  Conc.  Turon.  a.  567  c.  22 
p.  133  Maaßen  intrita  mortuis  offerunt  et  post  missas  redeuntes  ad  domos 
proprias  cid  gentiUmn  revertuntur  errores  et  post  corpus  domhii  sacratas 
daemonibus  escas  accipiunt  (vgl.  Hauck  i)Ä'(r.  is— i  g.  i25)  sind  besonders 
wichtig  zwei  Predigten  in  Cathedra  Petri,  Ps.  Augustinus  s.  190.  191, 
Migne  39  col.  2100  —  2101,  die  Vacandard  dem  Caesarius  zuschreibt, 
während  sie  Arnold  nicht  als  cäsarianisch  berücksichtigt.  Dort  s.  190  §  2 
col.  2102  ut  super  tumulos  defunctorum  cibos  et  vina  conf tränt,  quasi 
egressae  de  corporihus  animae  carnales  cibos  requirant;  s.  IQl  §  3  col.  2102 
Cibi  autem  et  pocula,  quae  sepulcris  stiperponuntur.  V.  EUgii  II  c.  20 
p.  711  Krusch  kennt  daemonum  ludos  et  nefandas  saUationes  omnesque 
inaties  .  .  .  superstitiones  an  dies  nataUcius  beatissimi  Petri  apostoli:  das 
wäre  nach  Krusch  der  29.  Juni;  Irrtum?  —  Anderes,  auch  ans  Italien, 
Lucius  S.  18f.  26  f.  29. 

■■'  Augustin  Conf.  VI  2  vergleicht  dies  Opfer  ad  memorias  sanctorum 
mit  den  Seelenfesten  des  Februars:  quin  illa  quasi  Parentalia  supei- 
stttioni  gentiUum  essent  simillima. 

"  üsener-  S.  274  Anm.  3;  ich  lasse  die  wichtige  Stelle,  deren  litera- 
rische Vorlage  unbekannt  zu  sein  scheint,  folgen.  Rationale  div.  off.  c.  83, 
Migne  PL.  202  col.  87 :  fuit  enim  consuetxido  ceterum  ethnicorum,  ut 
singulis  annis  mense  Februarii  certo  qvopiam  die  epulas  ad  parentum 
suorum  tumulos  appanerent,  quas  nocte  daemones  consumebant,  cum  inde 
non  minus  fal^o  quam  ridicule  animae  refici  credebantur ;  putabant  enim 
huiusmodi  epulas  ab  animabus  circa  tumulos  errantibus  absumi.  Haec 
autem  consuetudo  atque  huiusmodi  falsae  opinionis  error  a  Christianis  via: 
exstirpari potuit.  Quod  quidem  cum  viri  sancti  animadvertissent  acpenilus  il- 

25* 


3>JS  Fedor  Schneider 

nicüi  /u  zweifeln.  Bedenkt  man  ferner,  daß  os  im  römischen 
Februar  volle  20  dies  nefasti  gab,  so  wird  mau  geneigt  sein,  die 
dies  S])Hrcos,  die  gewisse  Leute  anzugeben  (ostendere)  ptiegten, 
mit  ihnen  oder  den  dies  parentahs  in  Beziehung  zu  bringen. 
Es  sieht  so  au«,  als  sei  Spurcalia  eine  provinziale,  gallische 
Bezeichnung  für  die  Caristia  gewesen.  Jedenfalls  erhielt  sich 
in  ihnen  ein  Nachhall  ursprünglicher  römischer  Jahrschluß-  und 
Jahranfangsriten  in  einer  Verbindung,  die  {»rimitiv  sein  kann. 
Der  Beziehung  des  Februarzyklus  zu  den  Märzfesten  ent- 
spricht  es,  daß  dem  jüngeren  Neujahr  der  Kalendne  Januariar 
auch  ein  Totenfest  vorhercjinor,  die  Staatssacra  der  Lorcntalia 
(23.  Dezember)  mit  einer  dem  Februar  ganz  entsprechenden 
parcniatio.  Von  der  Totengöttin  iSeelenführerin?)  Larenta  sind 
noch  Spuren  in  dem  chthonischen  Opfer  an  die  Manen  nach- 
weisbar, das  an  einem  mundus,  einer  Öffnung  der  Unterwelt, 
stattgefunden  haben  muß.  Als  Staatsfest  und  bei  der  genauen 
Analogie  zu  den  Parentaliti  wird  man  es  kaum  für  älter  wie 
diese  halten  dürfen.^  Für  ein  Frühliugsfest  im  Februar  oder 
am  1.  März    ist   ferner    an    die   Liiptrcrdia-  des   15.  Februai-  zu 

lam  consuetudineiit  erstirpav  rohtisscut.  nisutuernid  festum  de  caihediu>. 
Petri  .  .  .  idqtu eodemdie,  quo abominaiidailla ab  ethuicis fiebant ,  utsullemvi 
ho".  festo  pravae  illius  coTisuetudinis  festum  ovinino  exstiiigueretur.  Unde 
etiam  ab  iHis  epulis  festum  hoc  apieUatnm  est  beati  Petri  epularum.  Mehr  hat 
kein  Neuerer  gewußt,  und  daß  Duchesne'  p.  267  daraus  schließt  ' // 
dura  en  Occideul  jui^qu'  nu  douxieme  sircle  au  moivs\  ist  offenbar  zu- 
viel gesagt  und  sieht  wie  ein  Mißverstand uis  der  Worte  Useners  aus; 
bei  diesem  a.  a.  0.  weitere  Zeugnisse,  daß  man  sich  lange  an  die  Ur- 
bedeutung des  22.  Februar  erinnerte.  Die  Quellen  für  „germanische" 
Totenopfer  (vgl.  Mogk  S.  263.  384  f.)  müssen  auf  literarische  Vorlagen 
nachgeprüft  werden:  es  steckt  viel     Caesarius  darin. 

'  Wissowa*  S.  283  f.  Mommsen  St.R.  P  60i»  Anm.  1.  Daß  der  Kon- 
sul Brutus  von  138  v.  Chr.  die  häusliche  Totenfeier  nicht  im  Februar, 
sondern  im  Dezember  beging,  beweist,  daß  er  auch  die  Privatsacra  am 
modernen  Staata-AUerseelentage  feierte,  womit  er  freilich  nicht  durch- 
drang, während  beim  Neujahr  dem  Staat  die  volle  Übertragung  im 
ganzen  gelangen  ist. 

»  Ov.  Fast.  II  267  —  474.  I'reller  -  .lordan  1  386  —  3'.i2.  Wissowa - 
S.  209  f.     Deubner  in  dieser  Ztschr.  XII 1   480—508. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  389 

erinnern,  deren  Fruchtbarkeitsritus  —  der  Schlag  mit  der 
Lebensrute  —  sich  einmal  den  entsprechenden  Frühliiigs- 
bränchen  der  Germanen  als  euo[  verwandt  an  die  Seite  stellen 
läßt,  anderseits  aber  auch  den  römischen  Kalendae  lanuariae 
wesensäbnlich  ist,  soweit  der  Antangszauber  dem  AgTarkultus 
dient. 

Finden  wir  somit  mancherlei  den  römischen  Neujahrsriten 
ähnlichen  Brauch  mit  einem  Frühlingsfest  des  Februar,  März 
oder  Mai  verbunden,  so  braucht  weder  von  einer  durchaus 
germanischen  Grundlaoe  die  Rede  zu  sein,  noch  von  einer 
Abwanderung  ursprünglich  zu  den  Kalendae  lanuariae  ge- 
höriger Züge,  sondern  eher  das  Gegenteil  ist  der  Fall:  Reste 
des  alten  Neujahrs  der  Märzkaienden  und  des  diesen  unmittel- 
bar vorausgehenden  Zyklus  der  Seelentage  mögen  sich  in  der 
Provinz  stärker  wie  zu  Rom  erhalten  haben.  Aber  auch  Ab- 
wanderung ist  nicht  auszuschließen.  Nun  wenden  wir  uns 
wieder  zur  TJrbs,  die  uns,  genau  vier  Jahrhunderte,  nachdem 
wir  sie  unter  Papst  Zacharias  verlassen  haben,  abermals  die 
klarste   Antwort  auf  unsere  weiteren  Fragen  gibt. 

III  Römischer  Festbraueh  von  1142 

Vor  dem  Jahre  1000  bot  uns  Alto  um  das  Jahr  925  einen 
Beleg  für  die  Feier  der  Januar-  und  Märzkaienden  in  Obev- 
italien;  nach  dem  Jahre  1000  bietet  uns  Petrus  Damiaui  (j  1072) 
den  Beweis  für  das  Fortleben  des  Jauuarfestes  in  ünteritalien, 
und    zwar    in    Salerno,^      Ein    Bürger    dieser    Stadt    hat    sieb, 

*  Petrus  Damiani  opusc.  40,  De  frenanda  ira  et  simuUatibus  exstir- 
pandis,  c.  7,  Migae  145  col.  656  sq.  Illud  etiam  nunc  ad  memoriani  re- 
dit,  qiiod  praefatufi  (c.  6,  Alfanus)  Salernitamts  arcliiepiscopus  cuidam  ex 
suis  civibus  evenisse  perhihuit.  In  maris  denique  tempestate  deprehensxs 
futurum  se  wonachuni  affectuosa  sponsioiie  devovit;  sed  nai(frag>o  erutits 
Votum  solcere  vitne  huiu»  amore  contempsii.  JExphto  vero  unno,  ipso  die 
quo  Votum  domino  suae  conservationis  ohtulerat,  Kalendis  scilieet  lanuarii, 
dum  hinc  inde  discnrreret ,  cum  ludentibus  et  cachinnantibus  piieris  choros 
duceret  et  frirola  quaedam  ac  scurrilia  verba  noaret  (der  erste  Heraus- 
geber   des    Pier    Damiani,    Const.  Caietanus,    bessert    boaret,    vielleichr 


gf)()  Fedor  Scbueider 

oftenbar  weil  es  Sitte  war,  au  dem  Tanz  und  den  Scherzworten 
(wohl  Gesängen)  der  Knaben  beteiligt.  Wie  in  Gallien  schon 
im  VII.  Jahrhundert  zu  beobachten  war^  ist  auch  hier  das 
Kaleudentreiben  hauptsächlich  zu  einem  Kinderurazug  geworden, 
das  bekannte  letzte  Los  der  kultischen  Bräuche,  das  wir  noch 
verfolgen  werden. 

Denn  nur  eine  kurze  Zeitspauue  trennt  das  Zeugnis  in 
Salerno  von  dem  wichtigsten  Texte  über  romanischen  Kalen- 
denbrauch,  der  bisher  noch  nie  in  religionsgeschichtlichem 
Zusammenhang  erläutert  wurde,  obwohl  er  es  verdient:  ich 
meine  die  Aufzeichnungen,  die  sich  Benedikt,  der  Chor- 
herr von  St.  Peter  in  Rom  und  Verfasser  der  Miräbilia 
Urhis,  im  .Jahre  1142  über  stadtrömischen  Festbrauch  seiner 
Zeit  und  der  nächsten  Vergangenheit  anlegte."  Es  handelt  sich» 
um  vier  Feste:  die  Cornomania  am  Samstag  nach  Ostern,  die 
wir    auch    in    einem     früheren    Stadium     aus    dem    Jahre    876 


richtifT),  mhüo  lapis  dr  Iccio  mipcr  cum  cecidit  et  ohtnvü.  Die  Stelle 
war  seit  Üucange,  der  sie  aua  der  Pariaer  Ed.  des  Cajetan  von  1610 
p.  384  zitiert,  verloreu  <jef,'angei) :  so  zuletzt  Nilssou  S.  72. 

'  S.  0.  S.  101  Aum.  3.  Allj/emein  Alb.  Dietericb  Sommertag,  Kl.  Sehr. 
S.  324-352.  Usener  in  dieser  Ztscbr.  VII  286  f.  (=  ÜC/.  ScÄr.  IV  426). 
Zauberkraft  der  Kinder:   VVuttke*  S.  132. 

-  Mit  Mirabilieu,    einem    Ordo  Romanns    und    dem    iiltesteu     l.iber 
ceusHum    gehört    der  Text    über    die  Feste    zu  Benedikts  Liber  politicu!^ 
(=  pohjplicus),  jetzt    abschließend   ediert   von  Duchesne  Le  Liber  cens. 
de  lEgl.  liom.  II  (1905)  141  —  183,  die  Feste  p.  171  —  174;  zuerst  hatte      i 
sie  Paul  Fahre,  der  Herausgeber  des  I,  Bd.  des  Liber  cens.,  in  Travavx 
et    inemoirex  rles   Faciilles    de   LiUr  I  (Lille  1889)  nr.  'A    bekanntgemacht, 
Tgl.  dens.  in  Mrl.  darch.  rt  d'hist.  X  (1890)  384—388.    Einen  Kommentar      \ 
gibt  Dnchesne  in  der  1910  erschienenen  Introductiov  zu  Bd.  I  des  Libn 
cens.  p.  105—113;    derselbe    hat  Benedikt    auch  als  Verfasser  der  Mira-      j 
bilien    festgestellt    und    die    Entstehungszeit    bestimmt:    Mel.  d'arvh.  et      j 
dhist.  XXIV  (1904)  479-489.    Liber  cens.  1   Intmd.  p.  97—104  und  Text     | 
p.  278  notc  54.     Über    den    Ordo    Romanm  XI    genügt    es,    auf    Jordan      ' 
Topogr.  d.  St.  liom  im  AU.  II  473  und  Gregorovius  Gesch.  d.  St.  Rom  »»( 
AfA.  IV*  620  zu  verweisen. 

»  Unter  Ausschaltung  von  §  3  p.  174,  der  griechischen  Ostersequenz     | 
Iläaxa  igQov  r,fiiv  öj'^ncqor,  vp'.  Fahre   7V.  lAUe  p.  24.  , 


rber  Kalendae  lanuariae  nnd  Martiae  im  Mittelalter  391 

keaneu^,  die  ludi  liomani  communes  in  Kaleiidis  lanuariP,  den 
ludus  Carndemru^,  die  landes imerornm  in  medio  Quadragesimae} 
Nim  sind  aber  zur  Cornomania  die  zugehörigen  Gesänge,  eben 
die  laudcs,  griechische^  wie  lateinische,  mit  den  Anfängen  nach 
Art  einer  abgekürzten  Liturgie  beigefügt,  und  dieselben  machen 
m  vollständigem  Text  den  Schluß  der  ganzen  Aufzeichnung.- 
Hier  werden  sie  als  zu  Mittfasten  gehörig  eingeführt:  doch 
ursprünglich  gehören  sie  zu  keinem  der  beiden  beweglichen 
Kirchenfeste,  sondern  zu  einer  bürgerlichen  Frühlingsfeier,  ge- 
nauer zu  den  Märzkaienden  ^: 

Martius  instat  mensis  ubique.     quo  deus  audor  cuncta  creavit, 

quo  nemus  omne  fundit  odores,     praebct  et  alfis  niontibus  umhram 

(Pvye   (pvys   OsßQod^i,'   6   MuQTLg  ö£   dnaxsi. 

'  YnsQßa,  VTtBQßa,   0£ßQOccQr  xcuQS  fiera  nävxav,  co  MaQxt. 
Das  Frühlingsfest  ist  zugleich  Jahresbeginn: 

jVfOi/  ixoq  eiGoqS)  '  £l6oqg)  ctg  t6  fiekXov. 
Cornomania  und  Mittfastenbrauch,  wie  sie  Benedikt  beschreibt» 
waren   zu    seiner  Zeit  bereits  aus  der  Übung  gekommen;  jene 
seit  der  stürmischen  Katastrophe  Gregors  Yll.  (also  wohl  seit 
den  Ereignissen  von  1084),  dieser  seit  unbestimmter  Zeit,  aber, 

'  §  1  —  2  p.  171  sq.  Dachesne  Introd.  p.  107  sq.  Fabre  Tr.  Lille 
p.  18—23,  dazu  vgl.  die  Einleitung  der  von  Johannes  Hymonides 
diaconxis,  dem  Autor  der  Vita  Gregorn  I.,  in  rhythmischen  trochäischen 
Tetrametern  bearbeiteten  Cena  Cypriani,  s.  Francesco  Novati  Studi  cri- 
iici  e  letterari  p.  266—288.  Lapötre  in  Mel.  d'arch.  et  d'hist.  XXI  (1901) 
p.  305—383;  allgemein  Manitiiis  I  691 — 695;  jetzt  ed.  Strecker  MGH 
Foctae  Lat.  med.  aev.  IV  870  sq. 

2  §  4  p.  172.     Duchesne  Introd.  p.  109.     Fabre  Tr.  Lille  p.  24  suiv. 

*  §  5  p.  172.     Duchesne  1.  c.     Fabre  1.  c.  p.  25  suiv. 

^  §  6  p.  172  sq.     Duchesne  1.  c.     Fabre  1.  c.  p.  26  suiv. 

"  In  lateinischer  Transkription  überliefert;  den  Text  stellte  zuerst 
Fabre  Tr.  Lille  p.28— 36  her,  dann  V. Tommasini  SwHe  landi  greche  conser- 
vate  nel  libro  x^olitico  del  canonico  Bcnedetlo  (in  der  Festschrift  Ad  Ernesto 
Monaci,  Roma  1901)  p.  377— 388,  vgl.  K.  K(rumbacher)  in  Byz.  Ztschr.Xl 
(1902)  S.  586—588,  zuletzt  Duchesne  in  Introd.  p.  109  suiv.,  dem  ich  folge, 
ebenso  für  die  lateinischen  Verse,  die  bei  Benedikt  nicht  abgeteilt  sind. 

^  Diichesue  1.  c.  p.  113  geht  wohl  zu  weit,  wenn  er  die  Beziehung 
auf  die  beiden  Feste  für  einen  Irrtum  des  Benedikt  erklärt. 


3Q2  '         Fedor  Schneider 

da  sich  Benedikt  noch  au  ihn  erinnert,  wohl  kaum  allzu  lange.^ 
Die  Abwanderung  vom  Mär/fest  liegt  aber  weit  7,urück,  die 
Lieder  tragen  in  ihrtn-  Prosodie,  die  nur  geringe  Spuren  von 
Rhythmik  aufweist,  wie  in;  ganzen  Wesen  deutliche  Zeichen 
hohen  Alters.  Wie  sie  mag  noch  mancher  Einzelzug  der  Riten 
auf  jene  Märzfeier  zurückgehen;  wie  sie  gehören  die  Lorbeer- 
blätter, die  bei  der  häuslichen  Feier  der  Conioniania  auf  den 
Herd  geworfen  werden,  die  I']ier,  die  die  singenden  Knaben  vm 
Mittfasten  erhalten,  zusammen  zu  einem  und  demselben  Fest. 
Betrachten  wir  die  einzelnen  Bräuche. 

Zu  Karneval  wird  ein  Turnier  der  römischen  Ritter  beim 
Monte  Testaccio  beschrieben  und  apotropäisch  gedeutet,  lU 
nulla  lis  intcr  eos  oriatur.  Dabei  werden  ein  Bär,  Stiere  und 
ein  Hahn  getötet;  wenn  Benedikt  dies  allegorisch -moralisch 
erklärt,  folgt  er  dem  kirchlichen  Zeitgeschmack.  Ein  Tielage 
geht  voraus.  Im  ganzen  Spiel  liesj,t  doch  keine  rechte  Be- 
ziehung auf  alte  (insbesondere  Jahranfangs-)  Bräuche  vor;  der 
echt  mittelalterliche  Charakter  überwiegt  durchaus.  Nur  für 
das  Fortleben  der  antiken  Tierhetzen  hat  man  diesen  römischen 
Karneval    herangezogen.^     Das    einzige    religionsgeschichtliche 

'  Fabre  Tr.  Lille  p.  7  — 12  weist  nacli.  daß  Benedikt  die  Liti.rjjie 
iu  der  Form  für  einen  Papst  Alexander,  also  AI.  11.  (,1062— 107:5)  kennt, 
die  Überarbeitunj;  aber  noch  Spuren  aufweist,  daß  die  Vorlage  im  grie- 
chischen Text  den  l'apstnamen  K'rtnedikt,  im  lateiniHclien  .Johannes 
hatte,  und  will  diene  in  die  zweite  Hälfte  des  X.  .lahrh.  oder  die  erste 
des  XI.  setzen,  am  wahrscheinlichsten  unter  die  l'äpste  Benedikt  VIII., 
Johann  XIX.,  Benedikt  IX.  (iur2— 1016).  Doch  zeigt  Duchenne  Jntrod. 
p.  112  notft  '2,  daß  Benedikts  Name  in  einem  den  Zusammenhang  stören- 
den Einschob  des  griechischen  Textes  steht:  er  will  p.ll."  bis  ins  VII.  .Jahrli. 
hinaufgehen.  Die  Lieder  sind  erst  später  za  päpstlichen  Imiden  um- 
gearbeitet worden,  also  entsprechend  älter,  s.  u. 

'  Graf  I  154  mit  ungedruckten  Stellen  aus  dem  Liber  imperialis 
und  .Toliannes  Cavallinus  Pnlisloria  VT  41  für  das  Fortleben  dieser  Spiele. 
Fabre  Tr.  Lille  p.  26  notel.  Gregorovius  VI '  685—688  (das  Stier- 
gefecht von  1332  apokryph:  da».  S.  686  Anm.  J  und  Ottokar  Lorenz 
f)GQ.  11*  28r,  Anm.  3).  Bricht  von  Rnsticncci  von  1450:  Pastor  Gennh. 
d.  Päpste  I  435  Anm.  5.  Vielleicht  kann  man  an  den  ludu.s  Troiae  denken: 
Friedliinder  ir  326.    Preller-.Tordan  11  332.  Wissowa^  S.  460.  461. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  393 

Element,  das  wir  positiv  zu  buchen  haben,  ist  die  Schlachtung 
des  Hahns:  sollte  die  Allegorie  mehr  als  willkürliche  Inter- 
pretation sein,  sondern  Grundlage  und  Zweck  der  ÖQa^eva^ 
dann  ist  eben  der  Hahn  luxuria  Iwnborum  nostrorum,  wie  der 
Bär  der  Versucher,  die  Stiere  superiia  nostre  delectationis. 
Daran  ist  doch  ernsthaft  nicht  zu  denken^,  und  dann  wohnte 
dem  altgewohnten  Schauspiel  ein  laugst  vergessener,  erhaltend 
wirkender  sakraler  Sinn  inne,  •  die  chthonische  Bedeutung  des 
Hahnenopters.-  Wichtig  ist,  daß  der  Karneval,  ludus  Cartiele- 
rariij  als  öfientliches  Volksfest  unter  Beteiligung  des  Papstes 
bereits  besteht.  Da  Dur  der  Festzug  der  equites  und  pedites 
zum  Testaccio  erwähnt  wird^,  so  ist  damals  Mummenschanz 
und  Straßentreiben  der  Kaienden  in  der  Hauptsache  noch  nicht 
mit  ihm  verbunden 

Davon  haftet  nach  Benedikt  noch  mindestens  ein  großer 
Teil  an  den  Kcdendae  lanuariae,  nun  aber,  wie  in  Salerno,  in 
Gestalt  des  Kinderumzugs,  der  so  oft  als  letztes  Rudiment  von 
kultischen  Riten  zurückbleibt.^     Wie  es  altrömische  Sitte  war 

'  Dnchesne  1.  c:  '  Xotre  auteur  s'ahandonne  ici  ä  des  considerations 
mystiques  et  perd  un  peu  de  vue  la  description  des  rejouissances  publiques.' 
Marie  'lothein  Die  Todsünden,  in  dieser  Ztscbr.  X  461  stellt  eine  Reihe 
anderer  Tieisymbole  der  Laster  zusammen. 

■■*  Ov.  Fast  1 455  Xocte  Deae  Nocti  cristalus  caediiur  ales.  Asklepios- 
opfer:  Preller-Robert  I  525.  Preller- Jordan  II  242.  Wissowa- S.420  Anm.3. 
Beziehung  zu  Pluto:  Prelier-Robert  I  803.  Chthoniscbes  Opfer:  Rohde 
Psyche^— ^  1  241  Anm.  '^.  Bes.  Dieterich  Papyrus  magica,  Kl.  Sehr.  S.  40 
Anm.  5.  Im  deutschen  VolksglaubeD  deutliche  Züge  des  Hahns  als 
Seelenvogel:  stirbt  der  Haushahn,  so  folgt  der  Hausvater,  Wuttke^  S.  202  f.; 
der  schwarze  Hahn  dem  Donar  oder  Teufel  heilig,  das.  S.  112.  All- 
gemein: V.  Hehn  KuUurpßanzen  und  Haustiere^  S.  325—327.  Auf  den 
babylonisch-hebräischen  Sühn- (Kappores-) Hahn  gehe  ich  nicht  ein. 

'  Wenn  Ben.  vom  Testaccio  behauptet  sicut  ibi  hahuit  civitas  prin- 
apium,  könnte  er  sich  auf  die  Bezeichnung  der  Cestiuspyramide  in 
seinen  Mirabilien  p.  262  üuch.  als  sepiilchnim  Pemi  beziehen,  vgl.  Gre- 
gorovius  LV ^  57  Anm.  2.  Grisar  1  215  Anm.  1.  Fahre  Tr.  Lille  p.  25sq. 
Graf  I  153  seg.  bietet  nur  die  späte  Sage  des  Libro  imperiale,  die  die 
Scherben  des  Testaccio  von  den  Gefäßen  der  tributa  ableitet,  vgl.  auch 
Jordan  II  393.  *  Vgl.  o.  S.  390. 


394  Fedor  Schneider 

und  iiuch  uüter  Papst  Zachariiis  gehalten  wurde,  beginnt  daa 
fröhliche  Treiben  schon  am  Silvesterabend';  einer  der  Knaben 
ist  maskiert-,  einen  Schikl  tragend  /iehen  sie  von  Haus  zu 
Haus,  jener  Antiihrer  pfeift  auf  einem  Instrument,  da/u  wird  ein 
Becken  geschlagen.  Und  wo  sie  ankh)pfen.  empfangen  sie  vom 
Hausherrn  eine  Gabe,  wie  es  bei  den  Kinderumzügen  überall 
üblich  ist.  Es  ist  überhaupt  der  bei  solchen  gewohnte  Vorgang: 
mir  daß  wir  ihn  in  uuserem  Fall  historisch  ableiten  können. 
Wir  sehen  Keste  der  alten  Kalendenum/üge  vor  uns,  geblieben 
sind  der  Umzug  selbst,  die  Maske,  der   liäriii.  die  sfrenae. 

Am  Silvestertage  essen  die  Knaben  von  jeglichem  Gemüse': 
ein  feiner  Zug,  der  unserem  Chorherrn  als  scharfem  Beobachter 
alle  Ehre  macht,  und  /war  ein  neuer  Zug  des  Kaienden- 
schmauses, trotz  der  späten  Zeit  von  hohem  Alter.  Wir  wissen 
so  wenig  über  dessen  ursprüngliche  Bestandteile';  kann  sich 
nicht,  was  bei  den  kleinen  Leuten  allzeit  üblich  gewesen,  aber 
als  '/u  lianulos  und  nebensächlich  unseren  teils  das  Auffallende, 
teils  das  Anst(')ßige  suchenden  Gewährsmännern  nicht  der  Rede 
wert  erschienen  war,  erhalten  liaben  wie  so  viel  anderer  Volks- 
brauch, auf  den  oft  erst  das  XIX.  .lahrhundert  geachtet  hat? 
In  dieser  einfachsten  Gestalt  glaulit  man  etwas  vom  Urcharakter 

'  In  rtgllia  Auletidarum  (Ja».)  lu  scro  suryunt  jiuen  et  porlaut 
scutum ;  qiiidam  eonini  est  htirnttis  cum  mazn  in  cnlfo.  Sibilando  .sovant 
timpavum,  cuvt  per  domos,  drcumdmit  scuttnn,  limpamnu  sonaf,  larvn 
sibilnt.  Quo  ludo  /ivito  accipiutd  muwt/,s-  a  domivn  domus,  tteaivdvvi 
qw)d  placft  r.i ;  sie  f'iiciuyil  per  ntiunuiuntiique  damuin. 

'  W  as  die  maza  sei,  die  er  in  (oHo  trägt,  bleibt  unklar.  Nach  dem 
damaligen  italieniHchen  Sjjrachgebraucli  (vgl.  Muratori  Aviiq.  Hai.  m.  r. 
II  124C  — 1248;  kann  es  niir  ein  Knotonstock  (eine  Keule)  sein;  wozu 
wird  sie  um  den  HalH  getragouV  Als  Analogie  des  Hchildcs  scheint  dan 
anrilc  der  Salier,  trotzdem  deren  Tan/  mit  dem  alten  .lahreBanf'ang  zu 
sammenliängt,  zu  weit  hergeliolt. 

*  Ko  die  pvcri  de  Omnibus  Icguwinihufi  contediinl. 

'  Mit  Nilaacn  aus  dem  argvinenhou  ex  silentio  weitgehende  Schlüsse 
zu  ziehen,  besonders  für  Übertragiing  vfn  anderen  FeHten,  ist  methodisch 
wohl    niclit    erforderlich.     Soll    das  Jiihranfangsfest   kein  Opfermahl  ge- 
■labt   haben?     Upfer  wird  doch   hänfij:  erwähnt. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  395 

des  Kaiendenfestmahles  zu  spüren  und  denkt  an  die  nicht 
seltenen  Parallelen  vom  Essen  mancherlei  Gemüses.  Zu  der 
Panspermie  der  Chytren  ^  hat  W.  Mannhardt  ^  deutsche,  lettische, 
litauische  Analogien  gesammelt.  Dazu  der  xegvog  des  Attis^ 
und  besonders  die  xayxuQjtCa  ^eXitovrra^-^  auch  auf  die  athe- 
nische Sitte,  den  Toten  jede  Art  Samen  aufs  Grab  zu  streuen'', 
sei  einstweilen  von  fern  hingedeutet.  Daß  das  Festmahl  mit 
seinen  zäh  festgehaltenen  „Fastenspeisen"  in  alten  Opfern  wur- 
zelt, müssen  wir  annehmen;  dürfen  wir  aber  über  entsprechende 
Opferspeisen  einfacher  Vegetationsfeste  wie  der  Palilien  mit 
ihren  Hirsekuchen  und  Hirsekörbchen  ^  hinausgehen  bis  zu 
ihrer  Vorstufe,  den  Festen  der  Chthonischen,  deren  Grund- 
charakter ja  der  Vegetationszauber  war?  Chthonisch  sind 
unsere  griechischen  Beispiele;  Dieterich''  hat  gezeigt,  wie  Erde 
und  Tote  im  Ritus  zusammengehören.  Auf  Fasching  liegt  ganz 
verwandte  Sitte,  wenn  im  Vogtland,  in  Norddeutschland  und 
Hessen  die  Hausfrau  sieben-  oder  neunerlei  Speisen,  darunter 
Hirse  und  Honig,  zusammenkochen  muß^;  auch  die  Pfann- 
kuchen sind  ja  Opferkuchen,  und  bei  ihnen  ist  die  Verlcnüpfung 
von  Kaiendenbrauch  und  Fasching  deutlich. 


^  Rohde  Fsyche^-^  I  238  Anm.  2. 

-  Antike  Wald-  u.  Feldkulte^  S.  226 f.  248—253.  Reuterskiöld  Ent- 
steh, d.  Speisesahramente  (1912)  S.  124,  über  den  Götzen  der  Hanifäb  ans 
Teig  „von  allem,  was  der  Pflug  schafft  und  die  Mühle  mahlt"  (Datteln, 
Milch,  Butter).  "  Dieterich  Kl.  Sehr.  S.  500. 

*  Rohde 5-Ö  I  304  Anm.  2,  vgl.  die  il7.vtoLi  das.  S.  250  Anm.  1. 

*  Rohde5-6  I  247  Anm.  1.     Dieterich  3Iutter  Erde"  S.  48f. 

•*  Preller -Jordan  I  417.  Wissowa-  S.  200.  Palilien  Hirtenneujahr: 
Deabner  NJb.  f.  d.  Jclass.  Altert.  XXVII  322  ff. 

'  Mutter  Erde*  S.  11.  77 f.,  vgl.  den  Bohnenbrei  der  Kalendae  fa- 
hariae,  Wissowa^  S.  190;  doch  die  Bohne,  die  eigentliche  Totenpflanze 
(Dieterich  Kl.  Sehr.  S.  39  Anm.  4.  Rieß  in  PW.l-  53),  tritt  in  unserer 
Überlieferung  von  den  Januarkaienden  nicht  hervor. 

8  Wuttke^  S.  83,  vgl.  o.  S.  375.  Man  wird  für  das  Vogtland  slawi- 
schen Ursprung  voraussetzen  und  vielleicht  beide  Hauptübertragungs- 
gebiete des  Kaiendenbrauches,  das  germanische  und  slawische,  als  an 
diesem  Zuge  beteiligt  betrachten. 


396  Fedor  Schneider 

Weiter  führt *die  FortsetzuDg.'  Am  Neujalirsmorgen  ziehen 
die  Knaben  zu  je  zwei  und  zwei"  mit  Salz  und  Olivenzweigen 
von  Haus  zu  Ilaus;  in  jedem  entbieten  sie  Gruß  und  guten 
Wunsch,  ins  Herdfeuer  werfen  sie  eine  Handvoll  Salz  und 
OlivenbUltter;  ^so  viel  Söhne,  so  viel  Ferkel,  so  viel  Lämmer' 
und  überhaupt  allen  Segen  wünschen  sie.  Das  geschieht  schou 
vor  Sonnenaufgang;  denn  darauf  heißt  es,  daß  sie  schon  vor 
diesem  Zeitpunkt  eine  Honigwabe  oder  sonst  etwas  Süßes 
essen,  damit  das  ganze  Jahr  süß  (angeuehm)  verlaufe,  ohne 
Streit  und  große  Mühe.''  Der  Kinderunizug  ist  eine  jüngere 
Entwicklung;  aber  sonst  spüren  wir  viel  alten  Kaiendenbrauch. 
Das  Opfer  am  Herd  entspricht  der  südfranzösischen  Spende 
an  den  Kaiendenklotz,  der  Libation  von  W  ein  und  Ol,  bei  der 
vom  Hausvater  der  Jahranfangs  wünsch  in  ähnlicher  Beziehung 
auf  deu  Agrarkult  gefaßt  wird,  wenn  er  Frucntbarkeit  für 
Frauen,  für  Schafe  und  Ziegen  und  reiche  Fülle  für  Küche 
und  Keller  erfleht;  wir  konnten  diesen  Brauch  schon  bei 
Martin  von  Braga  nachweisen.  Der  Ölbaum  war  den  Chtho- 
nischen  heilig;  was  von  ihm  kommt,  ist  kathartisch.'    Mit  ihm 

'  Mane  aiitem  sargiiyit  dno  pueri  ex  Ulis,  accipmnl  raiiios  olive  et 
snl  et  intrant  per  domos.  Salutnnt  domum:  'Gaudium  et  Itticia  sit  in 
hac  domo' ;  de  Ulis  frotidibua  rt  sah  ploiam  »lavum  iiroiciunt  in  igncm 
et  dicunt:  'Tot  (Uii,  toi  porcfUi.  tot  agni' ;  et  de  nmnihiis  bonis  optavt. 
Et  antequam  sol  oriatiir,  comedunt  vel  faxmm  mcUis  vcl  aliquid  dnlce,  %(t 
totua  annus  procedat  eis  du/eis,  sine  Ute  et  labore  magno. 

*  So  muß  doch  wohl  die  Stelle  intfrpretiert  werden;  nur  zwei 
wären  selbst  für  das  Rom  von  1142  nicht  ausreichend. 

"  Die  letzten  Worte  sine  Labore  magno,  die  wohl  die  subjektive  Meinung 
Benedikts  widerspietfeln,  sind  für  das  Lebeusideal  des  Romano  di  Roma 
ent/.äckend  charakteristisch;  nicht  nur  —  nach  Moramsens  bekanntem 
Wort  —  war  der  colonus  unter  Könit,'  Nunia  wie  unter  König  Humbert  der- 
selbe, sondern  auch  der  stadtiömische  Spießbürger:  z.  B.  Ov.  Fast.  I  l»6tf, 

♦  S.  0.  S.  120  Anm.  1.  Biltiuger  II  öl  nach  Cheruel.  Vgl.  Dieterich 
Sommertag,  Kl.  Sehr,  S.  338— .S4;{;  das.  S.  317  f.  (')|l)aura:  Rohde  l'syche 
15-0  S  226  Anm.  3.  II  ^-«  S.  72  Anm.  1.  Gruppe  Griech.  Mythol.u.  Reli- 
gionsgr.'ch.  S.  80;^.  Ks  ist  eben  die  tiQi6iwvr\  — slrena  (über  diese:  Deul)- 
ner  Glotta  111  34  —  43).  Herd  auch  in  unserem  Volksbrauch  wichtige 
Zanlerstelle:  Wuttke "  S.  89.     Radermacher  S.  100. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  397 

gehören  die  laudes  zusammen;  wir  werden  weiterhin  sehen,  daß  sie 
an  eine  bekannte  Reihe  alter  Frühlingslieder  anklingen.  Zuletzt 
die  süße  Festspeise,  wie  sie  von  altersher  den  Kaienden  eignet^  und 
hier  spezifiziert  wird:  Honig  ist  die  Speise  der  Chthonischen.^ 
Auf  den  kultischen  Ursprung  dieser  ganzen  Reihe  von  Riten 
weist  auch  vielleicht  die  Tageszeit,  vom  Abend  bis  vor  Sonnen- 
aufgang: sie  gilt  auch  im  deutschen  Volksbrauch  als  Zauberzeit. ^ 
Bei  der  Verwandtschaft  der  Januar-  und  Märzkalendenfeier 
wird  es  kaum  wundernehmen,  wenn  1142  zu  Rom  die  Mitt- 
fastenbräuche  dem  Neujahrstreiben  recht  ähnlich  sehen.*  Wieder 
findet  ein  Umzug  der  Kinder,  der  scolares,  wie  Benedikt  hier 
sagt^,  statt.  Ob  man  bei  der  Fahne,  die  sie  tragen,  gleich  mit 
der  Erklärung  als  Lebensrute  bei  der  Hand  sein  darf,  mag 
dahingestellt  bleiben,  wenn  diese  auch  gerade  in  den  Rahmen 
der  Märzkaienden  mit  ihrem  Vegetationsritus  sich  gut  ein- 
fügen würde.  Direkt  ist  sie  uns  für  die  Kaienden  nicht  be- 
zeugt. Die  laudes  werden  erst  vor  der  Kirche,  dann  im  Haus 
gesungen^,   sie   richten   sich   an    den  Hausvater   und   sagen   es 

'  S.  0.  R.  375;  377.  Ov,  Fast.  I  186.  Das  Salz,  noch  heute  im  Brauch 
als  Bestandteil  der  Herdriten  fortlebend,  hat  ein  Analogon  z.B.  in  der 
mola  Salsa  Serv.  Ed.  VlII  82,  vgl.  Gruppe  S.  883  Anm.  3. 

*  Rohde  Fsyche5—^  I  304  Anm.  2,  dazu  S.  16  Anm.  1.  238  Anm.  3. 
Verwendung  zur  Lustration:  Samter  Familienfeste  der  Griechen  und 
Römer  S.  84 — 86, 

Wuttke^  S.  57.  167  (ganz  früh  und  nach  Sonnenuntergang).  Nahen 
der  Unterweltsdämonen  vor  Sonnenaufgang:  Verg.  Aen.  VI  255  sq.,  dazu 
Norden  Kommentar-  S.  204. 

*  In  media  qiiadragesima  scolares  nccipiunt  lanceas  cum  vexülis  et 
tintinnahuUs.  Prius  faciunt  laudes  ante  ecclesiam,  deinde  eunt  per  domos 
cantando  et  accipiunt  ova  pro  beneflcio  illitis  laudis.  Sic  antiquitus  facie- 
bant.     Hier  läßt  Benedikt  (s.  0.  S.  391)    die   vollständigen  laudes   folgen. 

^  Doch  in  der  Überschrift  und  der  des  laudes-Textes:  laudes  puero- 
rum,  wie  sie  im  Neujahrparagraphen  (0.  S.  396  Anm.  2)  pueri  heißen. 

®  Denn  auf  das  cantando  geht  doch  illius  laudis.  Daß  der  Haus- 
gesang  das  Ursprüngliche  ist,  braucht  nicht  hervorgehoben  zu  werden; 
in  der  Verknüpfung  mit  der  Kirche  tritt  die  allmähliche  Klerikalisierung 
hervor,  die  wir  bei  den  Januarkaienden  schon  kennen  lernten  und  hier 
nicht   besonders    behandeln.     Bemerkt   sei,    daß    in    der  Stadt  Rom    die 


398  Fedor  Schneider 

selbst,  daß  sie  ursprünglich  zum  Jahrautung  au  deu  Mär/-- 
kalenden  gehörten*;  für  ihre  Wünsche  erhalten  die  Schüler  eine 
Gabe:  Eier,  das  alte  chthonische  Fruchtbarkeitssymbol/* 

Es  ist  verständlich,  daß  die  Mittfastenfeier  von  den  nahen  ^ 
Kalendac  Martiac,  zu  denen  ihre  Bestandteile  gehören,  her- 
irekommen  ist.  Um  deren  Überreste  zu  erkennen,  müssen  wir 
uns  zunächst  den  laudes  zuwenden,  die  ja  auch  an  der  Corno- 
mania  gesungen  werden,  aber,  wie  wir  sahen,  ursprünglich 
keinem  der  beiden  Feste  eigen  sind,  sondern  den  Märzkaienden. 
Von  den  Begrüßungsversen,  die  in  der  überlieferten  Textgestalt 
die  Schuljugend  an  die  Gottheit  und  an  Heilige,  ;in  den  I'apst 
und  den  Lehrer  richtet  und  die  dem  Ganzen  den  Namen 
laudes  eintrugen  —  die  BegrüBungsverse  sind  echte  laudes  — , 
mögen  wir  hier  absehen:  es  sind  spätere  Zusätze,  die  das  alte 
Volkslied  für  christlich  -  kirchliche  Anwendung  zustutzten.  Im 
lateinischen  Texte,  wo  bereits  ähnliche  Ansprachen  in  Prosa 
und  Rhythmus  vorausgegangen  sind,  unterbrechen  diese  laudes 
nachher  den  Sinn  und  Zusammenhang  der  Lieder;  im  griechi- 
schen folgen  die  laudes  auf  das  Frühiingslied,  zu  dem  sie 
innerlich  ebensowenig  passen.'*     Denn  alles  übrige  gehört  und 

Kalendae  lanuariae  ganz  vom  Kirchenritus  verHchlungen  worden  sind : 
ihr  letzter  Rest  sind  die  „Kinderinedigten"  zwischen  Weihnachten  und 
Neujahr  in  S.  Maria  in  Araceli,  d.  h.  keine  Predigten,  sondern  Aufforde- 
rung zur  Freude  über  die  Geburt  des  Erlösers,  die  in  ' augun'  auaklingt. 

'  S.  0.  S.  H'Jl  und  weiter  unten  über  ihren  Inhalt. 

'  Mannhanit  nauinkullits'  S.  158  u.  ö.  Wuttke"'  .S.  71.  118 f.  (vgl. 
o.S.383.397  Anm.4).  üietorich  So»/ mcria^^,  Kl. Sehr. S.:H36 f.  Ei  mit  Lichter- 
knchen  beim  Hekatemahl,  bei  dem  die  üblichen  Opfer  für  die  x'^öpioi 
dargebracht  werden:  llohde  Ps;/chc^-^  II  84  Anni.  1;  Nabrnng  und  Opfer 
der  xi>6vtoi:  »las.  S.  126  Anm.  1;  kathartisch:  das.  S.  407.  Nilsson  Dax 
J'A  tili   ToUnkull  der  Alttu,  in  dieser  Ztschr.  XI  530  tf.,  bes.  S.  544—546. 

'  (jtenze  von  Mittfasten  (Lätare):  1.  Miirz  (wenn  Oßtern  22.  März) 
bis  4.  April  (wenn  Ostern  2.').  April);  wenn  Oetem  am  22.  März  gefeiert 
wurde,  fiel  Lätare  auf  den  1.  März. 

*  Die  griechischen  laudes  hat  Duclieene  Intiod.  p.  lll  suiv.  aus- 
geschaltet ( Suivent  des  chansotis  d'ecole');  aber  auch  mitten  darin  Verse 
der  Märzfeicr:  >;|m  ^'tßgoÜQi,  l^m  (1.  ii'ßcu)  »  Mapt».  'JviniXfv  to  Jap, 
»oä>o«ct  TÖ  rravra.    -Auf  den  Preis  des  Lehrers,  in  den  diese  Bruchstücke 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  399 

stimmt  zusammen  \,  beide  Lieder  feiern  Früliling  und  März- 
kalenden.  Mag  der  christliche  Jahresanfang  am  1.  März^  in 
den  Jahrhunderten  byzantinischen  Einflusses  auf  Rom  den 
äußeren  Anlaß  für  die  griechische  Ümdichtuno:  greofeben  und 
überhaupt  die  öö'entliehe  Feier  aufrechterhalten  haben,  nach 
dem,  was  wir  von  den  lateinischen  Märzkaienden  wissen,  wird 

hineingeraten  sind,  folgen  laudes  auf  Gott  und  Christus  (p.  112),  ein 
' cathechisme  en  vers  alphabetiques\  d.  h.  Hymnus  ABCdarius,  von  A  bis  0 
erhalten.  'Enfin  les  ecoliers  expriment  leiir  joie  d'avoir  ete  mis  ai  vncan- 
ees  pour  chonter  le  jyrintemps',  d.  h.  es  folgt  eine  alte,  noch  deutlich  dtm 
wirklichen  Anlaß  verratende  Umarbeitung  des  'Sommerliedes'  der  Kinder 
zu  laudes  an  Papst  Benedikt;  der  Schluß  weist  auf  die  Verknüpfung 
des  Kirchlichen  mit  dem  Volksmäßigen  hin:  'Ano  Tijg  avccroliig  tb  iag 
uvixEilB  xal  (pariaii.  avciOrug  -x-ogilov  rtdvta  it  6oiti]q.  Den  mangelnden 
inneren  Zusammenhang  zeigt  die  Reihenfolge:  Haussegen,  Schwalben- 
lied,  Preis  des  Lehrers,  Hymnus,  laudes  an  den  Papst  und  Christus.  Zu 
der  Winteraustreibung  ^vys  tpvys  ^eßgodgi-  6  Mdgrig  6e  Sico'au  macht 
mich  Weinreich  auf  Amulettbannsprüche  wie  ^uyt  rcödayQu,  JJtQCsvs 
OS  fhwxEt.  oder  ^svys  us  (iioovusvt}'  'Aolucp  6  ayyslos  <J£  diäy-et  oder  ^>eö)'f 
qpaö*/',  ioii  xoX/i,  6  '^ogvÖaXog  as  Jjjrsr  u.  ä.  bei  Heim  in  Fleckeisetis  JaJirb. 
f.  klass.  Phil.  Suppl.  Bd.  XIX  480 f.  aufmerksam. 

'  Duchesne  1.  c.  p.  110  suiv.  hat  die  Beziehung  auf  die  Neujahrs- 
feier am  1.  März  nicht  erkannt,  wenn  er  das  erste  griechische  Stück, 
dessen  Ähnlichkeit  mit  den  '  voeux  exprimes  par  les  ecoliers  au  premier 
jnur  de  Van'  ihm  aufiiel,  zu  den  Kalendae  lanuariae,  das  folgende  'au 
reeeil  de  mars'  stellt;  lateinische  Begrüßungen  des  Papstes  trennen  da- 
von das  griechische  Schwalbenlied,  das  sich  inhaltlich  gut  anschließt. 

*  Der  offizielle  byzantinische  Jahresbeginn  ist  der  1.  September; 
doch  der  1.  März,  bis  Julius  Caesar  Anfang  des  bürgerlichen  Jahres 
war  auch  in  christlicher  Zeit  —  wenn  auch  der  Zusammenhang  mit 
dem  alten  römischen  Neujahr  abgelehnt  wird  (Grotefend)  —  ein  ver- 
breiteter Jahresanfang,  so  bei  den  Päpsten  des  V.  Jahrb.,  Gregor  von  Tours, 
und  in  Rußland  bis  ins  XHI.  Jahrh.  Nach  Ideler  Handbuch  d.  maihem.  u. 
techn.  Chronologie  (1826)  11  55  galt  er  bei  den  Römern  als  altherkömm- 
lich (Lydus:  nargiov);  das.  S.  326  f.  Noch  in  der  Kaiserzeit  besteht  die 
Vorstellung,  das  Jahr  fange  im  Frühling  an.  Damit  hängt  die  Fest- 
setzung des  Weltschöpfnngsdatums  auf  den  22.  März  zusammen :  Martin 
von  Braga  De  corr.  rust.  c.  10  p.  13  Casp.,  der  das  in  seiner  Schrift 
De  pascha  ausführt,  wesentlich  ebenso  Beda  De  temp.  rat.  c.  6.  Galli- 
kanisch  ist  nicht  der  dem  Gründonnerstag  entsprechende  22.  März,  son-. 
dem  das  Osterdatum,  der  25.  März,  das  der  Schöpfung.  Vgl.  Pervi^j , 
Veneris  v.  2  vere  naitis  orbis  est.    Verg.  Georg.  II  336ff. 


400  Fedor  Schneider 

man  nicht  den  ganzen  Komplex  auf  hypothetischen  griechischen 
Festbrauch  zurückführen  können. 

Zu  diesem  Frühlings-  und  Jahresanfang  des  1.  März  nun 
begrüßt  das  griechische  Kinderlied  Hausvater  und  Haus;  mehr- 
fach wird  betont,  daß  das  neue  Jahr,  daß  der  März  gekommen, 
der  böse  Februar  —  mit  ihm  der  Winter  —  vorüber  ist. 
Leben ^,  Kinder,  Vieh  —  TtQoßarcc^  %t)]vu.  %ov).(i  —  genau  wie 
an  den  Januarkaienden  wünschen  sie.  Und  die  Weise  geht 
über  in  das  wunderschöne  Schvvalbenlied,  eine  i*erle  italie- 
nischer Volkspoesie  des  Mittelalters.  Wem  sind  nun  noch  die 
Fäden  verborgen,  die  von  diesem  Mitttasten-  und  Weißensamstag- 
brauch des  Jahres  1142  und  seinen  deutscheu  und  neugriechi- 
schen Parallelen  —  am  1.  März  wird  die  hölzerne  Schwalbe 
mit  dem  Liede  'Hq&sv.  i]q&s  ys/.idovcc  herumgetragen  —  zur 
Eiresione  und  zum  rhodischen  Schwalbenliede  zurückführen?' 
Freilich  klingt  in  Rom  christlicher  Ton  aus  den  Wünschen 
an  den  öcdttjq  ä&dvurog:  doch  die  Wünsche  selbst  gehören  zu 
den  Kalenden.^  Und  wenn  das  Schwalbenlied  mit  jener  Be- 
grüßung den  gleichen  Geist  atmet,  erhöht  sich  die  Wahrschein- 
lichkeit, daß  das  Christliche  spätere  Zutat  zu  der  ursprünglichen 
volksmäßigeu  Grundlage  i.st.  Wieder  heben  die  Sänger  mit  dem 
Gruß  an  alle  Hausgenossen  an:  yaCQSze  Ttävrsg  oads:  dann  singen 
sie  von   ihrer  Freude    über  die  erste  Schwalbe,    die  sofort   den 


'  Darauf  folgt  nach  J)uchesneH  'IVxtherstellunp^  ovyytrtiay  xu'i  rtyva 
Gute  Verwandtschaft?  oder  et-vra  av^yorov?  zu  emondieren?  überliefert 
singiviivta  tegua. 

»  Dioterich  Sommertag,  Kl.  Sehr.  S.  «38—346.  Mannhardt  Antifce  Wufd- 
u.  Fehü-ulte*  S.  243—248.  Wuttke^  S.  62.  rO  — 73.  Schwalbe  Frühlings- 
HYmbol :  das.  S.  120  f.  Das  Buch  von  AnitHchkotf  JJas  rihiel/f  Früldings- 
lied  im  Weden  u.  b.  d.  Slaiien  kenne  ich  nur  aus  Deubners  ausführ- 
licher Inhaltsangabe  in  dieser  Ztschr.  IX277tf.  446ff.  X.  318f  Jetz» 
liadermacher  S.  114  ff 

'  Von  Dnchesne  Intmd.  \k  1^'*  toi.  '1  note  ti  ist  der  Zu8an3uienhan<,' 
mit  dem  tot  filii,  tot  jorccUt.  tot  agni  des  .lanuarkaleudenwunsches  be- 
merkt und  der  falsche  Schluß  daraus  gezogen,  das  betreffende  erste 
i^riechiBche  Stück  gehöre  zu  diesem  Fest,  o.  S.  399  Anm.  1. 


über  Kalendae  lannariae  und  Martiae  im  Mittelalter  401 

Oedanken  an  den  Beginn  der  Feldarbeit  auslöst.  Das  mittelalter- 
'liche  Rom,  zur  Ackerbürgerstadt  geworden,  hat  den  Sinn  des  alten 
Yegetationsfestes  am  Frühlings-  und  Jahresanfang  treu  bewahrt. 
Und  das  gilt  auch  vom  lateinischen  Liede,  von  dem  die 
Strophen  2  —  4  und  14  —  20  ursprünglich  scheinen,^  Auf  den 
Preis  des  Frühlings  und  der  blühenden  Flur  (Str.  2 — 4)  folgt  die 
genaue  Angabe  des  Zeitpunktes  und  Anlasses  der  Feier  (Str.  14  sq.) : 

Martius  mensis  instat  ubiqua,     quo  deus  auctor  cuncta  creavit^. 

quo  netnurS  omne  fundit  odores,  prehet  et  altis  montibus  umbram. 
Dann  schildern  begeisterte  Strophen  die  Blütenpracht  der 
Frühlingsnatur,  die  Freude  des  Landmanns  an  ihr,  seine  Hoff- 
nung, der  blühende  Apfelbaum,  die  sprossende  Saat  werde 
reiche  Frucht  bringen.  Dabei  wird  die  Erntezeit  lebhaft  ver- 
gegenwärtigt; ist  sie  doch  das  Ziel  des  Vegetationsfestes.  Das 
darf  keine  kritischen  Bedenken  erregen;  Herbst verse,  die  sich 
auf  ein  Erntefest   beziehen,   sind  nicht  in  das  Lied  der  Lenz- 

'  Ducliesne  Introd.  p.  113  hat  den  Einschnitt  bemerkt,  nur  will  er 
ihn  nach  Str.  11  statt  13  setzen.  Und  Hyperkritik  ist  es,  eine  ganze 
Reihe  ursprünglich  selbständiger  Liedfragmente  anzunehmen.  Die  Be- 
ziehungen auf  Herbst  und  Ernte  erfordern  diese  Erklärung  nicht,  sie 
sind  aus  inneren  Gründen  verständlich,  s.  u.  Auszuschalten  sind  Str.  1. 
5 — 12.  21 — 23,  die  lateinischen  laudes,  entsprechend  den  griechischen, 
nur  viel  ausführlicher.  Mit  dem  Anfang,  von  dem  sie  durch  das  grie- 
chische Stück  getrennt  sind,  mit  dem  aber  die  lateinische  Enklave  zu- 
sammengehört, bilden  sie  dieselbe  Einheit  wie  die  griechischen  Zusätze. 
Zu  Beginn  des  Ganzen  Duch.  p.  110  Eya  preces  de  loco  (was  Duchesnes 
Konjektur  ioco  für  einen  Sinn  ergeben  soll,  weiß  ich  nicht)  mit  Gebeten; 
dann  Wechselgesang  zwischen  Lehrer  und  Schülern,  die  Papst,  Lehrer 
und  Rom  preisen-,  dabei  Octo  octobria,  papa  cum  gloria:  Duchesne  er- 
innert an  das  heutige  Volksfest  der  Ottobrate,  wodurch  das  Wort 
octobria  nicht  erklärt  wird.  Da  wir  vom  Alter  der  Ottobrate  nichts 
wissen,  wollen  wir  das  Problem  nicht  künstlich  verdecken.  Dann  p.  111 
Aperite  nobis  portas,  ad  domnum  papam  venimus  usw.  (Enklave  im  Grie- 
chischen); dies  büdet  die  Brücke  zum  Beginn  des  großen  lateinischen 
Sjiedes  p.  113  Enge  benigne  papa  Innocenti.  Also  keine  'morceaux  Sans 
rapport  les  uns  avec  les  autres'  oder  Reste  eines  'cahier  de  chansons' 
■der  Jugend,  sondern  ein  sehr  volkstümlicher  alter  Liedertext  in  der 
Überarbeitung  für  ein  christlich  -  populäres  Fest  unter  Beteiligung  des 
Papstes.  2  S.  0.  S.  399  Anm.  2. 

Archiv  f.  Eeligionswissenschaft  XX.  8/4  26 


402  Fedor  Schneider 

feier  vermengt/'  Wir  haben  ein  gutes  Beisi^iel  der  Ansage  des^ 
Frühlings,  des  „Sommersingens"  vor  uns,  den  Frühlingseinzug, 
den  bei  uns  in  Deutschland,  landschaftlich  mannigfach  wechselnd, 
irgendein  vorhandener  Festtag  angezogen  hat:  in  Rom  zeigt  aber 
das  Lied,  abgesehen  von  seinen  starken  Analogien  zu  anderen 
antiken  Frühlingsliedern  und  den  Kaiendenbräuchen,  noch  selbst 
den  Festtag,  zu  dem  es  gehört:  die  Kalendae  MaHiae. 

Das  vierte  der  von  Benedikt  beschriebenen  römischen  Volks- 
feste, die  Cornomania  am  Samstag  nach  Ostern,  ist  wohl  der 
eigenartigste  aller  klerikalisierten  Volksbräuche  und  zugleich 
das  älteste  der  Narrenfeste  ^,  da  es  vor  dem  Papst  auf  dem 
Lateransplatz  begangen  wird.''  Hier  kommt  es  nicht  auf  seine 
mehrfach  geschilderten  Einzelheiten  an*,  sondern  auf  den  boden- 
ständigen Grundcharakter,  der  von  der  Geistliclikeit^  durch 
Zutaten  und  Umwandlungen  verfälscht  wurde  und  nachweisbar 
im  Lauf  der  Jahrhunderte  eine  Veränderun<j  erfuhr.  Klerus 
und  Volk  von  Rom,  in  Benedikts  Schilderung  nach  den  18  Dia- 
konien   geordnet,    bildet  Publikum    und  Chor    zugleich.     Nach 

'  So  Duchesne  Introd.  p.  113:  so  beanstandet  er  Str.  16  gignit  et 
arbor  dulcia  poma:  nur  das  gignere  bezielit  sich  auf  die  Zeit  dos  Festes, 
wie  Str.  19  gandct  arator  carpcre  fmctum  nur  das  gauderc  anf  künftige 
Ernte;  warum  man,  wenn  Str.  17  früh  die  Wiesen  bereift  sind,  noch  keinen 
Vogelsang  hinter  den  Hecken  hören  könne,  der  Str.  20  geschildert  wird,  ist 
für  Italien  nicht  einzuselien.  Und  daß  gar  (Str.  15)  im  Frühling  der  Wiild 
nicht  dufte  noch  schatte,  ist  erst  recht  unrichtig.  Das  kleine  Lenzlied 
hält  richtig  interpretiert  allen  Angritfen  der  Kritik  gegenüber  stand. 

*  Über  diese,  die  sieb  besonders  in  Frankreich  aus  der  Feier  der 
Januarkaienden  entwickeln,  handelt  IJünger  S.  86 — 102. 

'  L.  c.  II  171  omvrs  expertant  dovinuiv  jxipam  in  campo  ante  pala- 
tium  suh  FftUouica.  Cum  (tutrm  )iovrrit  doninus  papa  onnies  i-enisse,  dc- 
■icendit  de  palatio  ad  destinatuni  locuvi,  itbi  accipic)\de  sunt  landes  Corno- 
tnanie.  Später  gibt  der  Papst  für  die  von  einzelnen  Diakonien  gespen- 
deten Tiere  Gegengaben,  s.  n.   ■ 

*  Für  diese  verweise  ich  besonders  auf  Fahre  Tr.  Lille  p.  18 — 23 
in  den  Noten  zu  seinem  Abdruck,  Duchesne  Introd.  p.  107-109  und 
LapAtre  1.  c.  p.  345—349. 

*  Johannes  Diaconus  MG.  Poet  IV  p  870  Str.  :<  nennt  da»  Fest  ira 
Prolog  V,  12  sacerdotalis  ludus. 


über  Kalendae  lauuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  403 

der  einfacheren  Form  des  IX.  Jahrhunderts  singt  die  scola  can- 
formn,  geführt  von  ihrem  Prior,  Lieder,  wohl  dieselben,  die 
uns  von  der  Märzfeier  bekannt  sind;  dieser  Prior,  der  mit 
einem  hörnerartigen,  aus  Blumen  gewundenen  Kopfputz  auf- 
tritt und  das  phinoholum,  eine  Art  Schellenbaum,  schwingt, 
führt  einen  Tanz  auf.  Bei  Benedikt  tritt  an  die  Stelle  de« 
einheitlichen  Gesangs  der  scola  cantorum  und  der  Festleitung 
durch  ihren  Prior  eine  crleichzeitio-e  und  gleichartige  Feier 
durch  jede  der  Diakonien,  die  Leitung  der  laudes  ist  auf  deren 
Erzpriester  übergegangen,  die  scherzhaften  Funktionen  und 
Attribute  auf  ihre  mansionarü.  Nachher  werden  mit  allerlei 
komischen  Riten  von  einem  Erzpriester,  der  rittlings  auf  einem 
Esel  reitet,  Geschenke  eingesammelt^,  in  einzelnen  Diakonien 
haben  sich  dabei  offenbar  Reste  alter  Sitte  erhalten,  sie  geben 
ein  Füchslein,  das  davonläuft,  einen  Hahn-,  einen  Damhirsch 
(damulam)  und  empfangen  vom  Papst  byzantinische  Gold- 
stücke, wie  sie  damals  in  Rom  kursierten.  Alle  Diakonien 
legen  vor  dem  Esel,  auf  dem  der  sammelnde  Erzpriester  ritt- 
lings sitzt,  Kränze  nieder. 

Masken  und  Kränze,  Tanz  und  Scherz,  Gabe  und  Gegen- 
gabe erinnern  an  die  Kaiendenfeier,  zu  der  die  laudes  mit 
ihrem  Frühlingsanfangsgesang  und  Schwalbenlied  ursprünglich 
gehören.  Man  weiß  nichts  über  das  Alter  der  Cornomania; 
doch  die  zentrale  Stellung,  die  in  ihrer  wesentlich  einfacheren, 
aus  dem  IX.  Jahrhundert  bekannten  Gestalt  die  päpstliche  scola 
cantorum,  die  von  Gregor  dem  Großen  gegründete  Pflanzschule 


*  Ursprünglich  (bei  Job.  Diac.)  gehörte  offenbar  auch  das  Einsam- 
meln zu  den  Funktionen  des  prior  scolae  cantortim ,  der  auf  einem  Esel 
reitend  auftrat;  der  damalige  Vertreter  wird  deshalb  scurra  Crescentius 
genannt  und  mit  Silen  verglichen.  Über  die  Corona  cornuta:  Fahre  Tr. 
Lille  p.  19  note  4.  —  Bonitho  ad  amic.  1.  VII  p.  84  sq.  Jaffe  über  die 
mebr  als  60  mansionarü  in  St.  Peter  (d.  h.  mans.  scholae  confessionis 
b.  Petri:  Kehr  IP.  I  140  n.  24),  laici  coniugati  et  plerique  concubinarü, 
die   barba   rasati   et  mitras  in   capite  portantes  sich  für  Priester  und 


Kardinäle  ausgaben.  *  Vgl.  o.  S.  393  Anm.  2. 


•26  = 


404  Fedor  Schneider 

des  römischen  Klerus,  eirmimmt,  vermag  die  Überarbeitung  der 
laudcs,  ihre  gleichzeitige  Übertragung  auf  verschiedene  Feste 
und  zugleich  vielleicht  den  Übergang  des  alten  Festliedes  in 
ein  Kinderlied  ^  einigermaßen  zu  erklären.  Nun  wissen  wir, 
warum  die  Zusätze  zugleich  mit  den  der  Klerikalisieruug  ent- 
sprechenden laudes  auf  die  Gottheit,  den  Papst  und  Rom  auch 
den  Preis  des  Lehrers  enthalten:  das  ist  der  Festleiter,  der 
Prior  der  Sängerschule,  und  deshalb  ist  auch  von  dieser,  vom 
Lernen  und  von  Ferien  so  viel  die  Rede.  Und  da  das  um- 
gearbeitete Lied  so  recht  Eigentum  und  Wahrzeichen  der  scola 
cantorum  geworden  war,  die  auch  den  griechischen  Text  tradi- 
tionell bewahrte,  wurde  es  —  ursprünglich  neben  den  März- 
kalenden,  deren  Feier  bald  mit  Mittfasten  zusammenfiel  oder 
auf  dieses  verlegt  wurde  —  auch  an  der  Cornomania  gesungen. 
Alter  Volksbrauch,  der  Nachklang  antiker  sacra,  lebte  in  christ- 
licher Vermummung  fort,  weil  sein  wahres  Wesen  längst  un- 
kenntlich geworden  war.^ 

Wichtiger  noch  ist,  daß  dieser  öffentlichen,  wegen  der  Be- 
teiligung des  Papstes  und  der  Kurie  kann  man  sagen  staat- 
lichen Feier  der  Cornomania  ein  häusliches  Privatfest  entsprach, 
wie  die  Kaloulae  lanuariae  und  andere  antik  römische  Feste  ** 
die  gleiche  Zweiteilung  gezeigt  hatten.  Wenn  alles  Volk  nach 
Hause  gegangen  ist,  macht  sich  der  mansionarius  jeder  Dia- 
konie,  ohne  seine  scherzhafte  Festvermummung  abzulegen, 
mit  einem  Priester  und  zwei  Gefährten  auf,  allen  Familien 
Gruß  und  Haussegen  zu  entbieten,  iocando  sicid priiis  et  sonando 

'  Doch  brauchen  die  beiden  anderen  Zeugnisse  für  Übergang  de» 
Kalendenfeates  in  eine  Kinderprozesflion  aus  Döle  und  Salerno  nicht 
notwendig  von  Hom  iibhängig  zu  sein,  obwohl  das  chronologisch  möglich 
wilre;  dort  wird  ähnlich  wie  hier  die  streyxa  klerikaliaiert.  Man  kann 
auch,  zumal  da  es  sich  in  beiden  Fällen  ura  die  Januarkaienden  handelt, 
jedesmal  an  BelbHtiindige  Entwicklung  denken. 

«  Als  Zweck  gibt  .Tob.  Oiac.  (s.  o.  S.  402  Aura.  5)  an:  qxio  sacerdotalis 
Indus  üesignet  misternim. 

'  Besonders  die  Palilien  (vgl.  o.  S.  396  Anm.  6),  über  deren  Beziehung 
zu  dem  Märzfest  zu  bandeln  jenseits  unserer  Aufgabe  liegt. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  405 

phinoholmii;  sie  bringen  Weihwasser,  nebulas  =  Waffeln  und  Lor- 
beerblätter. Der  Priester  grüßt  das  Haus  und  besprengt  den 
Boden  mit  Weibwasser,  er  wirft  Lorbeerblätter  auf  den  Herd 
und  spendet  den  Kindern  de  nehulis.  Damit  auch  mystiscb- 
dunkle  Formelworte,  Reste  alten  Zauberspruches,  nicht  fehlen, 
singt  der  mansionarius: 

laritan,  laritan,  iarariasti; 
Raplimjn,  lercoin,  iarariasti} 
und  zum  Schluß  empfangen  die  Begrüßer  vom  Hausvater  eine 
Geldgabe. 

Hier  ist  nun  alles  klar,  die  wesentlichen  Riten  sind  uns 
ganz  entsprechend  alle  begegnet:  es  ist  die  lustrat io,  die  wir 
von  den  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  kennen.  Daß  sie 
ursprünglich  zu  diesen,  bei  denen  sie  in  unserer  antiken  Über- 
lieferung zurücktritt,  gehörte,  beweist  das  in  den  laudes  er- 
haltene Festlied.  Vielleicht  liegt  hier  die  Lösung  des  Rätsels, 
wie  die  Märzkalendenbräuche  auf  die  Cornomania  übertragen 
sind;  wollte  man  sie  durch  eine  Osterlustration  ersetzen?  Auf- 
fallend bleibt  dann  die  Wahl  des  Samstags  nach  Ostern,  und 
wenn  der  letzte  Rest  der  Cornomania,  wie  jedem,  der  Ostern 
in  Rom  verbracht  hat,  bekannt,  auf  dem  Ostersamstag  ver- 
blieben ist^,  so  hat  man  das  wohl  gefühlt  und  korrigiert.  Hier 
tritt  denn  auch  der  kathartische  Lorbeer  hervor,  der  zu  Neu- 
jahr durch  die  gleichbedeutende  Olive  ersetzt  war,   aber  recht 

*  Benedikt  sagt:  mansionarius  barbarice  cantat  metros.  Über  das 
Eindringen  der  Magie  vgl.  Dieterich  Abraxas  *  S.  150,  doch  ist  es  mir 
nicht  gelungen,  eines  dieser  hebräisch  anklingenden  Worte  —  vielleicht 
zu  Baphayn  die  D"'iQD'"i  zu   vergleichen,    Grundbedeutung   s.  Wellhausen 

Isr.  u.  jiid.  Gesch.  S.  103  —  in  Zaubertexten  za  finden.  Vielleicht  ist 
ein  Kenner  glücklicher.  Vgl.  jetzt  P.  Karge  Rephaim.  Die  vorgeschichtl. 
Kultur  Palästinas  u.  Phöniziens  (1918). 

^  Auf  diese  Häuserlustration  mit  Weihwasser,  bei  der  der  parroco, 
begleitet  von  seinem  mansionarius  (sagrestano),  auch  den  Festkuchen 
und  die  Eier  segnet  und  seine  Gabe  erhält,  wies  Duchesne  Inirod.  p.  108 
suiv.  hin;  ich  fand  den  Brauch  z.  B.  auch  in  Acquapendente.  Der  Weih- 
wasserwedel hat  die  1142  noch  vorhandene  slgsGiwvri  ersetzt. 


406  Fedor  Schneider 

eigentlich  zu  den  Kalenden  gehört;  und  daß  dem  Gruß  und 
Segen,  den  der  Priester  entbietet,  die  Begrüßung  des  Hauslierrn 
in  den  laudes  mit  ihren  uralten  Formeln  und  Anschauunccen 
zugrunde  liegt,  ist  wohl  augenscheinlich.  Gelungen  aber  ist 
die  Übertragung  nicht  völlig;  auf  dem  alten  wie  dem  neuen 
römischen  Neujahr  blieben  unausrottbar  große  Stücke  der 
Kalendenriteu.  Auch  der  Dreikönigsabend  mit  der  Betana  ge- 
hört teilweise,  mit  Lärm  und  Straßentreiben  als  öffentlicher, 
mit  den  streune  —  hier  hat  sich,  wie  im  französischen  etrennes, 
der  Name  noch  erhalten  —  als  privater  Feier  in  den  Kalendeu- 
festkreis;  und  auch  die  Verschmelzung  des  personifizierten  Fest-  \ 
datums  der  Befana  mit  der  Jahresalten,  der  Anna  Perenna,  | 
vermag  bei  deren  nahen  Beziehungen  zum  Jahr  anfangs  fest  i 
nicht  zu  verwundern.  Epiphanias  als  das  ältere  Geburtsfest  j 
Christi  (vor  354)  zog  die  Kaiendensitten  nach  denselben  Ge-  j 
setzen  an  wie  das  jüngere   VN'eihnachtsfest.  \ 

I 

Und  auch  der  Ursprung  eines  anderen  Festes  erhält  durch  | 
den  römischen  Volksbrauch  von  1142  etwas  Licht:  der  Käme-  j 
val.  Der  Name  geht  etymologisch  nicht,  wie  noch  A.  Diete- 
rich' wollte,  auf  den  carms  navnlis  der  Isis  zurück;  der  Tag 
heißt  wirklich  so,  weil  die  Fasten  anfangen  und  der  Fleisch- 
genuß aufhört:  rnrnelevare,  ((tmdeiamin,  carnelasciare,  cnrnis- 
2))iiinM  im  Mittelalter.  Dagegen  ist  viel  Germanisches  im  deut- 
schen  Karneval   nachzuweisen:  die  Austreibung  Balders  scheint 


n 


'  Abnixn^*  S.  104.  Kl.  Sehr.  S.  466.  486 f.  499.  Unenev  Sint(lui.<iagn> 
(1899)  S.  119 f.  126;  dazti  Körting'  Ktinnol.  laf.-romav.  Wörterhuch  nr.  1974. 
Dagegen  V.  MicbelH  Stuclien  über  die  älteren  deuUcheu  Fastnachtspiele 
(Quellen  n.  For.-ch.  z.  Sprach-  \i.  Knlturgesch.  von  Brandt,  .Martin,  Schmidt, 
Heft  67,  1896;  S.  94  f.  W.  Meyer-Lübke  Roman. -etymol  Wörterbuch  (1911) 
S.  134  nr.  1706.  ( '.  C'lemen  Der  Urspi-xing  des  Karnevals  in  dieser  Ztschr. 
XVII  147—150.  Fehrlc  J)eut.-che  Fe-^te  u.  Vollsbräwhe  des  Mittelalters 
(1917)  S.  31  £F.  —  Über  ^chitTsumzüge  (Chronik  von  St.  Trond  zu  1133, 
Mon.  Germ.  SS.  X  309  sq.)  nnd  ihre  röuiische  Grundlage:  Helm  I  388f.; 
dagegen  Giemen  S.  149  Anm.  1. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  407 

die  Grundlage.^  Wirklich  die  letzte?  Wir  sehen  die  Austrei- 
bung des  alten  Jahres  in  den  römischen  Märzkaienden  weithin 
in  die  Ferne  wirken  und  germanische  Yegetationsriten  an  sich 
ziehen  oder  entwickeln.  So  hat  man  auch  für  die  Fastnachts- 
bräuche auf  das  „germanische"  Totenfest  zur  Wintersonnen- 
Tvende  verwiesen.'  Die  Parallele  der  von  den  Januar-  und 
Märzkaienden  ausgehenden  Reihen  der  Festbräuche,  wie 
sie  oben  in  der  Tradition  verfolsrt  sind,  erklärt  wohl  dies  Ver- 
hältnis.  Nicht  durchaus  Abwanderung  der  Kalendae  lamiariae 
auf  Fasching  ist  erfolgt,  sondern  die  parallele  Feier  der  März- 
kalenden  bildet  den  Ausgangspunkt,  an  den  sich  Januar- 
kalendensitte  leicht  anschließen  konnte.  Und  die  Züge  der 
Saturnalien  im  Faschingstreiben,  von  denen  früher  dessen  Inter- 
pretation ausgingt  erläutert  nun  Nilssons  Nachweis,  daß  sie 
von  den  spätrömischen  Januarkaienden  aufgenommen  worden 
sind:  mittelbar  von  diesen  her  kamen  sie  in  den  Karneval. 
Aus  römischem  Jahranfangsbrauch  stammen  im  Fasching,  wenn 
auch  auf  deutschem  Boden  vielfach  in  eigentümlicher,  religions- 
geschichtlich interessanter  Weise  ausgestaltet*,  das  Austreiben 
des  Todes,  d.  h.  Vegetationsgeistes  ^  oder  alten  Jahres  mit  dem 
Einholen  des  neuen,  der  Kampf  zwischen  Sommer  und  Winter^ 

4 

'  So  Friedrich  Kauifmann  Balder.  Mythus  u.  Sage  nach  ihren  dich- 
terischen u.  reh'g.  Elementen  untersucht  (Texte  n.  Unters,  z.  altgerm.  Reli- 
gionsgesch.  I,  1902)  S.  292.  Giemen  S.  139  —  158  weiat  die  Grundlage 
des  Karnevals  in  primitiven  Fruchtbarkeitszaubern  mit  reichem  ver- 
gleichenden Material  nach,  vgl.  auch  Kauffmann. 

^  Michels  S.  96;  über  Fastnachtsspiele  u.  Todaustreiben  im  Februar 
das.  S.  93—107;  Kauffmann  S.  281—292. 

'  Gegen  KauiFmann  S.  282  u.  a.  sucht  Giemen  S.  139 — 143  die'ßatur- 
nalienparallele  zu  entkräften. 

*  Dafür  kann  auf  die  grundlegenden  Ausführungen  von  Giemen  ver- 
wiesen werden,  die  trotz  der  abweichenden  Ansicht  von  der  Entstehung 
des  Karnevals  ihre  Bedeutung  behalten ;  ich  schließe  mich  seiner  Klassi- 
fikation der  Einzelzüge  an,  nur  ohne  auf  deren  Teilung  in  solche,  die 
auf  primitiven  Brauch  zurückgehen,  und  andere,  bei  denen  das  nicht 
unmittelbar  erweislich  ist,  zurückzukommen. 

5  Giemen  S.  144  f.  •  Ebd.  S.  146  t. 


4Qg  Fedor  Schueider 

Umzug,  Verkleidung  —  Tiermasken,  teilweise  unsittliche  Frauen- 
trachten — ,  Tanz  und  L;irm\  ebenso  wie  Gelage  und  Fest- 
speisen.* Der  Karneval  ist  ursprünglich  Fruchtbarkeitszauber*, 
weil  er  ursprünglich  Kaiendenfeier  ist. 

So  wenig  ich  zuständig  bin,  über  die  Bedeutung  der  Ka- 
lendae  lanuariae  (und  Martiae)  in  der  römischen  Religions- 
o-eschichte  zu  handeln,  muß  ich  doch  mit  allem  Vorbehalt  die 
Ero^ebnisse  zusammenfassen,  die  unser  Verfahren,  die  metho- 
dische  Scheidung  realer  und  literarischer  Tradition  und  der 
Vergleich  der  tatsächlichen  Überlieferung  über  die  Ausläufer 
der  Januar-  und  Märzkaienden,  gebracht  hat.  Von  Unrömischem, 
das  in  der  Kaiserzeit  mit  der  nationalen  Feier  verschmolzen 
ist,  kommt  die  Tiermaskerade  in  Betracht;  sie  bedeutet  die 
Attribute  einer  keltischen  und  einer  orientalischen  Gottheit 
und  konnte  sich  organisch  einfügen,  weil  überhaupt  bei  den 
Kaienden  dämonische  Mächte  hervortreten.  Im  übrigen  können 
wir  von  den  fremden  Zutaten,  orientalischen  und  germanischen, 
absehen  und  uns  auf  die  Frage  beschränken,  welcher  ursprüng- 
liche Grundgedanke  die  Einzelbräuche,  die  sich  abzweigen  und 
verselbständigen,    erklärt   und   zusammenhält.     Manchmal  tritt 

'  Giemen  S.  154—158;  Belege  für  Tierfelle  am  besten  bei  Du  Meril 
Eist,  de  la  comcdie  anciemft  I  76  in  den  Noten.  Wenn  Giemen  S.  148 
es  für  fraglich  hält,  ob  der  Festzug  an  sich  schon  ein  Problem  bilde, 
80  ist  die  Frage  im  Zusammenhantj  mit  den  Kalendenritcn  und  in  An- 
betracht des  Altera  dieses  Brauches  nicherlich  zu  bejahen  (St.  Trond 
1133!).  Halbnackte  Frauen  St.  Trond  :  ('lernen  S.  162f.  Vgl.  auch  den 
spanischen,  nicht  einem  bestimmten  Termin  zugeschriebenen  Masken- 
brauch 0.  S.  123  f. 

*  S.  o.  S.  396,  vgl.  Michels  S.  96;  auch  Kauffmann  S.  291  nimmt  ein 
ursprüngliches  Opferfest  an.  Auch  daß  man  die  Fostspeise  vor  Sonnen- 
aufgang eHKcn  muß  (Wuttke*  S.  8:^),  zeigt  ihre  kultische  Bedeutung,  die 
aber  nicht  aui-schlietlich  gormanisch  sein  kann.  Auf  den  von  Giemen 
S.  147  besprochenen  Fruchtbarkeitszauber  mit  der  I.ebensrute  weise  ich 
hier  nur  hin,  da  er  zu  den  germanischen  Amalgamen  gehören  kann; 
der  Sonderzug  der  ^chiffHprozeBsion  hat  wohl  keine  so  grundsätzliche 
Bedeutung  (o.  S.  406  Anm.  1),  daß  er  besonders  zu  erörtern  wäre.  Hier 
wird  man  allerdings  an  Isisfeste  denken.  '  Giemen  S.  164. 


über  Kalendae  lanuariae  und  Martiae  im  Mittelalter  409'' 

der  Gedanke  des  Vegetationsfestes  schärfer  hervor,  manchmal 
der  des  Totenfestes,  meist  gehen  beide  ineinander  über.  Sie 
sind  ja  untrennbar:  die  chthonischen  Mächte  sind  die  Seelen,. 
die  in  der  Erde  leben  und  aus  ihr  ans  Tageslicht  steigen:  „die 
Toten  drunten,  die  Geister  oder  Seelen,  wenn  man  will,  be- 
fördern das  Emporkommen  der  Frucht;  man  betet  zu  ihnen, 
sie  heraufzusenden ".^  Aus  der  Volksreligion  ist  der  tiefsinnige 
Gedanke  von  der  Einheit  des  Todes  und  des  Lebens  in  die 
Spekulation  der  Weisen  aller  Zeiten  übergegangen:  der  Orkus 
ist  der  Xa^ßuvcov  xal  didovs,  ein  Gedanke,  den  noch  Schopen- 
hauer aufnahm.^  So  ist  der  Grundgedanke  des  Jahranfangs- 
festes nicht  von  vornherein  bloß  ein  Vegetationszauber  ^,  son- 
dern es  gehört  zu  den  chthonischen  Februarlustrationen,  wie 
die  positive  Seite  zur  negativen.  Das  Ursprüngliche  ist  die 
häusliche  Feier:  Lustration  des  Herdes  mit  Feuer  und  Lorbeer, 
die  gerade  hier  doch  wohl  nicht  so  nebensächlich  und  selbst- 
verständlich sein  dürften,  wie  Nilsson*  will;  Begütigung  der 
Seelendämonen  durch  die  Speise,  die  ihnen  als  den  Spendern 
der  Fruchtbarkeit  lieb  ist:  Süßes,  Eier  und  Feldfrüchte,  aus 
denen  die  Festkuchen  gebacken  werden,  und  die  man  die  Nacht 
hindurch  stehen  läßt  —  daher  die  „Fastenspeise"  dieses  Fest- 
zyklus; Begütigung  durch  Tanz  und  Masken,  welche  die  Dä- 
monen darstellen^;   auch  die  vermummten  Gestalten,  die  Alter 

1  Dieterich  Mutter  Erde  S.  48,  vgl.  Rohde  Psyche^-^  I  246 fi".  zu 
S.  204  ff. 

*  Fr.  Boll  Die  Lebensalter  (1913)  S.  48 f.;  vgl.  über  das  ewige  Empor- 
dringen des  Volksglaubens  aus  den  Tiefen  in  die  höchsten  Regionen 
des  Geisteslebens  Dieterich  Kl.  Sehr.  S.  320. 

*  K.  Breysig  Die  Entstehung  des  Gottesgedankens  und  der  Heilbringer 
(1805)  S.  176  f.  macht  einen  Unterschied  zwischen  Geist  (Seelengeist) 
und  Tierdämon;  s.  dagegen  Dieterich  Kl.  Sehr.  S.  420. 

*  S.  61  ff.,  s,  0.  S.  118.  Über  Feuer  im  altrömischen  Neujahrsfest 
vgl.  Deubner  NJb.  f.  d.  Mass.  Altert.  XXVII  327  f.,  der  in  dieser  Ztschr. 
XIII  490  mit  Recht  betont,  daß  sich  zuerst  der  Ritus  bildet  und  erst 
spät  an  bestimmte  Gottheiten  anschließt. 

^  Dieterich  Kl.  Sehr.  S.  317 f.  420,  vgl.  S.  336 f. 


410     Fedor  Schneider  Über  Kalendae  lanuariae  u.  Martiae  im  Mittelalter 

(Tod)  und  Jugend,  Winter  und  Frühling,  altes  und  neues 
Jalir^  symbolisieren,  sind  Fruclitbarkeitsdämonen*,  und  der 
Lärm  soll  sie  auch  hier  scheuchen.  Sie  sind  die  Segenspender: 
deshalb  und  nicht  aus  sentimentalem  Naturgefühl  feiert  man 
das  Frühlingsfest,  deswegen  schweifen  im  Festlied  die  Ge- 
danken von  der  Blüte  zur  Ernte.  Den  chthonischen  Mächten 
gilt  der  Segenswunsch  in  uralten,  wunderbar  lebenskräftigen 
Formeln  und  poetischen  Motiven,  und  dem  Wunsch  oder  Ge- 
bet entspricht  an  magischer  Kraft  die  Gabe  an  die  Verkörpe- 
rung der  heiligen  Mächte  der  Tiefe,  aus  denen  schließlich  Ver- 

OD  ' 

mummte  und  Kinder  geworden  sind.  Der  Symbolik  von  Natur 
und  Menschenleben  entspricht  es,  daß  dies  Vegetationsfest  be- 
sonders als  Jahresanfang  fortbestand^  und  allen  Anfangszauber 
auf  sich  konzentrierte,  soweit  er  nicht  schon  gegeben  war. 
Manches  hat  sich  vielleicht  schon  in  Rom  vom  alten  Ritus 
abgelöst,  wie  das  Fest  der  Anna  Perenna  und  des  Mamurius 
Veturius,  anderes  mag  dort  zeitig  zurückgetreten  sein,  was  der 
provinziale  Römer,  besonders  wenn  er  enger  mit  dem  Land- 
bau verbunden  blieb,  getreuer  bewahrte;  daß  der  Sinn  des 
chthonischen  Fruchtbarkeitsfestes  noch  1142  in  Rom  aus  allen 
Verunstaltungen  hervorscheint,  beweist,  daß  die  Kaiendenfeier 
eine  feste  Grundlage  im   Volksempfinden  hatte. 

•  Auf  solche  Parallelen  weist  BoU  Leben.salter  S.  5  f.  hin. 

*  Dieterich  S.  337.  Der  ParalleliBmus  von  Januar-  und  März- 
kalendenbrauch  ergibt,  daß  Maskierung  zum  ursprünglichen  Ritus  gehört 
bat,  obwohl  .Xilsson  die  historischen  Typen  der  Januarkaienden  als 
spätere  Zutaten  erwies.  Verwandtes  Wesen  zeigen  die  Compitaha,  die 
nach  Nilsaon  stark  auf  die  Januarkalenden  gewirkt  haben:  vgl.  v.  Domas- 
zewski  in  dieser  Ztschr.  X  336  f.  Dieses  Verhältnis  zu  entscheiden, 
muß  ich  den  römischen  Religionshistorikern  überlassen. 

'  Auch  in  Athen  fiel  das  Anthesterienfest,  an  dem  die  Toten  in 
das  Reich  der  Lebendigen  heraufkamen,  in  das  Frühjahr:  Rohde  Psyche 
1  5—6  S.  218.  Das  Bild  des  indogermanischen  Jahranfangsfestes  mit  seinen 
Waffentänzen,  wie  ea  Usener  Eh.  Mus.  4«  S.  464  —  471  (=  Kl.  Sehr. 
IV  189—194);  Sintßutsagni  S.  74f.  erkannte,  tritt  in  der  Kaienden 
tradition  aach  für  die  Römer  mit  dentlichen  Zügen  hervor. 


II  Berichte 


1  Griechische  und  römische  Religion  1911—1914 

Von  LudAvig  Deubner  in  Freiburg  i.  Br. 

(Schluß  von  S.  204.1 

Für  den  letzten  Hauptabschnitt  dieses  Berichts,  dem  wir 
uns  nunmehr  zuwenden,  habe  ich  diejenigen  Arbeiten  zurück- 
gestellt, die  allgemein  religionsgeschichtlich  orientiert  sind 
und  mehr  oder  weniger  imter  dem  Gesichtspunkt  einer  Formeu- 
lehre des  volkstümlichen  religiösen  Denkens  betrachtet  werden 
wollen,  Sie  sind  einmal  dazu  bestimmt,  als  Bausteine  einer 
Geschichte  der  religiösen  Vorstellungen  und  Handlungen  über- 
haupt zu  dienen  und  den  letzten  Sinn  aller  religiösen  Phäno- 
mene enträtseln  zu  helfen,  zum  anderen  aber  beabsichtigen  sie, 
die  Tatsachen  der  antiken  Religion  durch  weiteren  Umblick 
verständlich  zu  machen.  Einige  allgemeinere  Werke,  die  sich 
mit  dem  antiken  Material  nur  im  Rahmen  der  universalen 
Religionswissenschaft  befassen,  sind  hier  mit  aufgenommen. 

Dieter ichs  'Mutter  Erde'  ist  in  neuer  Auflage  erschieneu, 
die  R.  Wünsch  besorgt  hat^  (15  S.  Nachträge).  —  Ein  Pro- 
gramm W.  Gundels"^  gibt  nicht  nur  für  die  volkstümlichen 
Anschauungen  von  den  Sternen  als  leblosen  Körpern,  Tieren 
und  Menschen  aus  allen  Teilen  der  Erde  reiche  Belege,  sondern 
verfolgt  auch  mit  nachfühlendem  Verständnis  die  mannigfachen 
Wege,  auf  denen  das  primitive  Nachdenken  zu  den  aufgezeigten 
Vorstellungen  gelangte,  und  beleuchtet  die  Verwendung  dieser 
Vorstellungen  im  Märchen. 


^  A.  Dietei-ich  Mutter  Erde.  2.  Aufl.,  Leipzig  u.  Berlin  1913. 

-  W.  Gundel  Die  naiven,  religiösen  und  'philosophischen  Anschauungen 
vam  Wesen  tmd  Wirken  der  Sterne.  I.  Teil,  Progr.  des  Landgraf-Ludwigs- 
Gymn.,  Gießen  1912. 


412  Ludwig  Deubner 

Eine  ganz  ausgezeichnete  Leistung  ist  Chr.  Blinkenbergs 
Buch  über  den  Donnerkeil.^  Hier  werden  die  zwei  Formen, 
unter  denen  der  Donnerkeil  angeschaut  wird,  Stein  (Axt) 
und  Blitzbündel,  auf  ihren  Ursprung  und  ihre  geographische 
Verbreitung  untersucht,  wobei  ihre  Entwicklung,  Kreuzung  und 
Verbindung  in  der  einleuchtendsten  Weise  behandelt  werden. 
Die  Vorstellung  vom  Donnerstein  wird  aus  der  Steinzeit  her- 
geleitet, wo  der  den  Baum  zersplitternde  Blitz  das  Bild  der 
Steinaxt  hervorrufen  mußte,  während  auf  den  baumlosen  Ebenen 
Mesopotamiens  das  feurige  Zickzack  den  Eindruck  bestimmte 
und  im  Blitzbündel  festgehalten  wurde.  Der  Verfasser  rech- 
net durchaus  mit  einer  Verbreitung  der  in  Betracht  kommen- 
den Vorstellungsformen  von  Volk  zu  Volk,  wie  mir  scheint 
mit  Recht.  Von  besonderem  Interesse  ist  die  von  ihm  nach- 
gewiesene Tatsache,  daß  die  von  den  Griechen  ausgebildete 
Form  des  Blitzes  sich  in  der  buddhistischen  Kultur  Tibets 
und  Japans  wiederfindet,  eine  Tatsache,  die  an<j;esichts  der 
Turfanfunde  und  der  durch  sie  gewonnenen  Erkenntnisse  nicht 
befremdet.  Von  Einzelheiten  hebe  ich  hervor,  daß  in  der 
Szene  vor  den  Doppeläxten  auf  dem  Sarkophag  von  Hagia 
Triada  eine  Anrufung  des  Blitzgottes  ei"kannt  wird,  und  daß  für 
die  schon  von  Usener  und  anderen  ausgesprochene  Erklärung 
des  Poseidondreizacks  als  Donnerkeil  durchschlagende  Belege 
beigebracht  werden.  Den  luppiter  Lapis  muß  man,  wie  ich 
glaube,  vom  Donnerkeil  trennen.^  Bemerkenswert  ist  von  all- 
gemein religionsgeschichtlichem  Gesichtspunkte  aus  die  Art  und 
Weise,  wie  der  zunäclist  nur  gegen  d»'n  Blitz  schützende  Donner- 
stein  den  Charakter  eines  universalen  Apotropaions  und  Talis- 
mans annimmt.  —  Mit  großer  (ielehrsamkeit,  aber  ohne  wirk- 
lich zwingende  Gründe  verficht  W.  H.  Koscher'  die  These,  daß 

*  Chr.  Blinkenberg  The  Thundenveapon  in  Religion  and  Folklore, 
Cambridge  l'Jll.  *  Vgl.  Neue  Jahrb.  XXVII  1911,  333 ff. 

*  W,  H.  Röscher  Omphalos,  eine  philologisch-archüologisch-volkskund- 
liche  Abhandlung  über  die  VorsteUungcn  der  Griechen  und  anderer  Völker 
vom  '  Nabel  der  Erde',  Abb.  d.  Sachs.  Ues.  d.  Wibs.  XXIX  9,  Leipzig  1913. 


Griechisclie  und  römische  Religion  1911—1914  413 

im  BrancMdenheiligtum  von  Milet  und  an  anderen  Stätten  des 
apollinischen  Kultes  Omphaloi  wie  der  delphische,  aber  un- 
abhängig von  diesem,  existiert  hätten  zum  Zeichen,  daß  minde- 
stens einige  der  betreffenden  Örtlichkeiten  —  wie  Delphi  — 
als  Mittelpunkt  der  Erde  betrachtet  worden  wären.  Diese  Vor- 
stellung von  der  Erdmitte  sucht  R.  in  einem  besonderen  Ab- 
schnitt im  Gegensatz  gegen  J.  Harrison  als  die  mit  dem  del- 
phischen Omphalos  ursprünglich  verbundene  nachzuweisen,  in- 
dem er  die  von  der  englischen  Archäologin  vorgetragene  Deu- 
tung des  Omphalos  auf  das  Grab  des  Python  bekämpft.  Die 
Frage  scheint  mir  nicht  endgültig  gelöst.^  Dankenswert  und 
lehrreich  ist  die  Zusammenstellung  der  gesamten  Zeugnisse 
für  die  Vorstellung  einer  Erdmitte,  besonders  soweit  die  nicht- 
klassischen Völker  in  Betracht  kommen.  Zwei  weitere  Ab- 
handlungen des  unermüdlichen  Gelehrten  bringen  zu  der  Om- 
phalosfrage  eine  Fülle  von  Nachträgen.^  Die  erste  bezieht 
sich  bereits  auf  den  von  Courby  im  'Adyton'  des  delphischen 
Heiligtums  aufgefundenen  archaischen,  vielleicht  ursprünglichen 
Omphalos  aus  Porös  (Höhe  27V2  cm).^  Von  der  zweiten  seien 
besonders  die  Ausführungen  über  Jerusalem  und  Golgatha  als 
Mittelpunkt  der  Erde  hervorgehoben.  Die  Beziehung  des  auf 
Pinakes  und  Vasenbildern  erscheinenden  eleusinischen  Omphalos 
auf  Athen  als  Mittelpunkt  der  Erde  (63  ff.)  kann  ich  nicht  für 
richtig  halten.  Die  Erklärung  muß  methodischerweise  davon 
ausgehen,  daß  der  Omphalos  auf  der  Mehrzahl  der  Darstel- 
lungen   in    enge  Verbindung    mit  Dionysos   gesetzt  ist;    daher 

»  Vgl.  Nüsson  BLZ  1914,  332 ff.  [S.  auch  unten  Miszelle  Schwende- 
mann.   W.] 

'  W.  H.  Röscher  Neue  Omphalossiudien,  ein  archäologischer  Beitrag 
zur  vergleichejxden  Beligionsicissenschaft,  Abb.  d.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss. 
XXXI  1,  Leipzig  1915.  —  Ders.  Der  OmphaJosgedanke  hei  verschiedenen 
Völkern,  bes.  den  semitischen,  ein  Beitrag  zur  vergl.  Beligionswiss.,  Volks- 
kunde u.  Archäol.,  Sachs.  Sitzungsber.  LXX  1918,  2,  Leipzig  1918. 

'  Vgl.  F.  Courby  L'Omphalos  JDelphiqiie,  Campt,  rendus  de  l'acad.  des 
inscr.     1914,  257  ff.,  Abbildung  auf  S,  268. 


414  Ludwig  Deubner 

wird  J.  Harrisou  das  Kichtige  treffen,  wenn  sie  annimmt,  daß 
dieser  Gott  den  delphischen  Omplialos  mit  nach  Eieusis  gebracht 
habe.  Auch  der  Auffassung  des  etruskisch-römischen  tnioxlus  als 
Mittelpunkt   der  Erde  (88  tf.)   vermag   ich   nicht  /.u/ustimmen.' 

Zwei  Arbeiten  beschäftigen  sieh  mit  dem  Gebrauch  und 
der  Bedeutung  des  Kranzes.*  Das  Kleinsche  Programm  ist 
wegen  des  gesammelten  Denkmälermaterials  brauchbar,  i^  1 
behandelt  den  Kranz  beim  Gottesdienste,  >j  2  beim  Symposion. 
s?  3  bei  der  Hochzeit,  i?  -j  im  Totenkult,  i?  5  bei  den  Agonen, 
Vorausgeschickt  ist  ein  einleitendes  Kapitel  über  Zweck  und 
Trsprung  des  Kranzes,  in  dem  seine  kathartische  und  apotro- 
päische  Bedeutung  zwar  stellenweise  richtig  fixiert,  aber  nicht 
scharf  und  tief  genug  entwickelt  wird.  —  Besser  ist  die  glück- 
bringende und  deswegen  apotropäische  Kraft  des  Kranzes  von 
Köchling  ins  Licht  gesetzt  worden.  Sie  ist  unbeilingt  die 
primäre,  und  es  bedarf  einer  nochmaligen,  eindringenden  Unter- 
suchung, wie  weit  daneben  die  bindende  in  Betracht  kommt, 
von  der  dann  ebenfalls  die  apotropäische  abgeleitet  werden  kann. 
Es  hätte  der  Arbeit  zum  Vorteil  gereicht,  wenn  der  Gebrauch 
des  Kranzes  von  seiner  Bedeutung  und  anderseits  die  Kulthand- 
lungen von  den  Zauberriten  nicht  getrennt  worden  wären.  Jetzt 
findet  man  das  Hochzeitsritual  im  Kultkapitel,  die  Geburtsbräuche 
dagegen  im  Zauberkapitel,  und  erstaunt  fragt  man  sich,  wes- 
wegen die  römischen  Feste  zum  Zauber  gesetzt  sind.  Überhaupt 
hätte  nur  bei  anderer  Anordnung  eine  gewisse  Geschlossenheit 
der  Linienführung  erzielt  werden  können.  Die  vorliegende  Dar- 
stellung ist  zerhackt,  und  es  fehlt  auch  an  der  nötigen  Klarheit 
und  Feinfühligkeit  in  der  Einordnung  des  einzelnen. 

E.  Küster   gibt   im    zweiten  Teile    seiner  Erstlingsschrift  "^ 

'  Vgl.  auch  NÜHson  JJLZ  1916,  76f. 

'  .1.  Klein  Der  Kranz  hei  den  aUen  (kriechen,  Progr.  des  Kgl.  huma- 
niBtisclien  tiymn.  (uimhviT^  1912.  —  J.  Köchling  /)''  coronarnm  apnd 
antifjuos  vi  (itqiie  nsii,  Religionsgesch.  Vers.  u.  Vorarb.  XIV  2,  Gießen  1914. 

'  E.  Küster  Die  Schlange  in  dtr  griech.  Kunst  u.  licligion,  Religion«- 
gCBch.  Vera.  u.  Vorarb.  XIII  2,  Gießen   1913. 


Griechische  und  römische  Religion  1911—1914  415 

einen  Überblick  über  die  manniorfachen  Funktionen  und  Eiffen- 
Schäften  der  Schlange  in  der  griechischen  Religion.  Be- 
handelt wird  ihr  chthonischer  Charakter  (Seelen,  Heroen,  Erd- 
dämonen), ihre  Beziehung  zur  griechischen  Götterwelt,  ihre 
mantisch-medizinische  Bedeutung,  ihre  befruchtende  ¥/irkuDg 
und  ihre  Beziehung  zum  Wasser.  Das  Verdienst  der  Arbeit 
liegt  in  der  Zusammenfassung  unseres  Wissens  und  besonders 
in  der  ausgiebigen  Verwertung  des  archäologischen  Materials. 
—  Die  sexualsymbolische  Bedeutung  des  Fisches  hatR.  Eis- 
1er  nachzuweisen  und  ^psychoanalytisch'  zu  erklären  ver- 
sucht. Die  Zeugnisse  für  das  griechische  Altertum  sind  nicht 
durchschlagend.  Zu  den  erbaulichen  Belegen  aus  neuerer  Zeit 
füge  ich  das  hochmoderne  dadaistische  Gedicht  von  Kurt 
Schwitters  'Nächte'  in  dem  Heft  39/40  der  'Silbergäule',  Han- 
nover 1919,  S.  9f.  —  Die  Rolle,  die  das  Pferd  im  griechi- 
schen Totenglauben  spielt,  hat  L.  Malten  einer  erschöpfenden 
Bearbeitung  unterzogen.^  Etwas  zu  abstrakt  scheint  mir  seine 
Formulierung,  wonach  Todesdämon  und  Toter,  'weil  sie  be- 
grifflich zusammengehören',  beide  in  Gestalt  des  Pferdes  auf- 
treten^ 'wir  kommen  in  eine  Periode  hinauf,  deren  primitives 
Denken  zwischen  dem  Töter  und  dem  Toten  noch  nicht  ver- 
standesscharf differenziert,  darum  nicht,  weil  beide  einem  glei- 
chen Wesenszustande  angehören,  dem  alles  Lebende  als  eine 
geschlossene  Einheit  gegenübersteht'  (S.  248).  Ich  würde  lieber 
sagen,  daß  der  Tote  selbst  ein  Todesdämon  ist  und  vielleicht 
der  älteste. 

Den  Gebrauch  der  Milch  im  antiken  Kultus  erörtert 
K.  Wyß^  in  besonnener  Weise  und  erklärt  ihn  zutreffend  als 
den  Überrest   einer   frühen  Kulturstufe.     Ebenso    ist  die   Ver- 

'  Robert  Eisler  Der  Fisch  als  Sexualsymhol,  Separatabdruck  aus 
Imago  III  1914,  165  tf. 

*  L.  Malten  Das  Pferd  im  Totenglaube a ,  Arch.  Jahrb.  XXIX  1914, 
179  ff. 

'  K.  Wyß  Die  Milch  im  Kulttis  der  Griechen  u.  Römer,  Religions- 
gesch.  Vers.  u.  Vorarb.  XV  2,  Gießen  1914. 


41(5  Ludwig  Deubner 

Wendung  der  Milch  in  den  Mysterien  richtig  als  Trank  der 
Neugeborenen  gedeutet.  Die  Polemik  gegen  Useners  bekannte 
Auffassung  bedurfte  kaum  solcher  Ausführlichkeit.  —  Eine 
Abhandlung  wie  die  von  J.  Pley  über  den  rituellen  Gebrauch 
der  Wolle^  ist  als  Materialsammlung  willkommen,  leistet  aber 
keineswegs  das,  was  bereits  heute  für  die  Einordnung  und 
genetische  Erklärung  des  einzelnen  geleistet  werden  kann,  wenn 
die  zugrunde  liegenden  Vorstellungen  in  ihrer  Gesamtheit  über- 
schaut werden. 

Das  breit  angelegte  Buch  von  W. Klinger  über  das  Ti^r  im 
Aberglauben^  gibt  in  der  Einleitung  eine  Kritik  der  mytho- 
logischen Forschung  von  Creuzer  bis  auf  unsere  Zeit  und  be- 
spricht dann  die  Fähigkeiten  und  Wirkungen,  die  den  Toten 
im  Volksglauben  beigelegt  werden.  In  vier  Kapiteln  werden 
sodann  die  Tiere  der  Luft,  der  Erde,  der  Nacht  und  des  Feuers 
unter  dem  einseitigen  Gesichtspunkte  behandelt,  daß  sie  Er- 
scheinungsformen der  menschlichen  Seele  wären.  Jedes  Tier, 
das  prophetischen  oder  apotropäischen  Charakter  hat,  steht 
mindestens  in  starkem  Verdacht,  ein  Seelentier  zu  sein,  weil 
diese  Eigenschaften  auch  bei  den  Toten  vorkommen.  Es  er- 
hellt, zu  welchen  Übertreibungen  dieses  Prinzip  führen  muß, 
besonders  da  das  Resultat  durch  eine  Theorie  vorgezeichnet  ist, 
nicht  durch  Erörterung  gewonnen  wird.  Sogar  die  Vogelschau 
wird  im  Anschluß  an  Wundt  auf  den  Seeleuvogel  zurückgeführt 
(S.  97.  99).  Prometheus  soll  das  Feuer  eigentlich  entwendet 
haben,  um  damit  die  zu  schaffenden  Menschen  zu  beseelen 
(S.  295 f.):  eine  auf  Verquickung  verschiedener  Mythen  be- 
ruhende Auffassung,  die  in  den  vom  Verfasser  angeführten 
späten  Zeugnissen  keine  Stütze  finden  kann,  'da  ihr  die 
Genesis    des    Promotheusniythos    widerspricht.     Den    Stoff  der 


*  J.  Pley  De  lanae  in  antiquonim  ritibus  iif^u,  Religionegeech.  Vers, 
u.  Vorarb.  XI  2,  (iießen  1911. 

■  W.  Klinger  Das  Tier  im  nvtikr»  uvd  modernen  Aberglauben,  Kiew 
1911   (ruasiscb). 


Griechisclie  und  römische  Religion  1911  —  1914  4 [7 

Arbeit  wird  man  mit  Vorteil  benutzen,  besonders  soweit  es 
sich  um  slawische  Vorstellungen  handelt.  —  Eine  brauchbare 
Übersicht  über  die  im  alten  Griechenland  verehrten  Fetische, 
Pflanzen  und  Tiere,  sowie  die  Formen  dieser  Verehrung  gibt 
ein  Buch  des  Charkower  Gelehrten  E.  Kagaroff,* 

Eine  'Rachepuppe'  aus  Blei  von  der  bekannten  Art  ver- 
offeutlichte  Fr.  Cumont.*  Ihre  Hände  sind  auf  dem  Rücken  ge- 
bunden.  Neu  ist,  daß  sie  sich  in  einem  Bleikästchen  befand, 
das  der  Herausgeber  einleuchtend  als  Sarg  deutet.  Es  sollte 
eben  auch  der  Feind  bald  im  Sarge  liegen.  Wünsch  er- 
wähnt dazu  S.  10  (421),  1  eine  interessante  Parallele  aus  dem 
Stettiner  Stadtmuseum:  'ein  Bleikästchen,  auf  dessen  innerem 
Boden  .  .  .  eine  gefesselte  menschliche  Figur  gezeichnet  ist'.  — 
Die  Arbeit  L.  Sommers  über  das  Haar^  behandelt  im  ersten 
Abschnitt  die  Fälle,  in  denen  das  Haar  als  Sitz  der  Lebens- 
kraft  gedacht  ist,  im  zweiten  die,  in  denen  es  als  pars  pro  toto,  in 
Stellvertretung  für  den  ganzen  Körper,  eine  Rolle  spielt.  Die 
Zusammenstellung  der  Zeugnisse  ist  dankenswert.  Die  Analyse 
der  betrachteten  Vorstellungen  könnte  eindringender  und  syste- 
matischer gestaltet  werden.  Insonderheit  verlangt  die  Frage 
eine  Beantwortung,  wieweit  eine  Verbindung  zwischen  den 
beiden  angegebenen  Gesichtspunkten  hergestellt  werden  kann. 
Gut  sind  die  Bemerkungen  über  den  von  Petron  erwähnten 
Brauch,  auf  einem  Schiffe  weder  Haar  noch  Nägel  abzuschnei- 
den (81  f.).  —  Dem  gleichen  Gegenstand  gilt  die  trotz  einzelner 
Mißgriffe  umsichtige  Dissertation  von  P.  Schredelseker.'*  Auch 
hier   wird   das    Haar    vor    allem    als    Sitz    der  Lebenskraft   er- 


'  E  Kagaroff  Der  Fetisch-,  Pflanzen-  und  Tierkult  im  alten  Griechen- 
land, Petersburg  1913  (russisch). 

■  Fr.  Cumont  Une  ftgurine  grecque  d'envoütennent,  extrait  des  Coniptes 
rendus  de  l'acad.  des  inscr.  1913,  412  ff. 

*  L.  Sommer  Das  Haar  in  Religion  und  Aberglauben  der  Griechen, 
Diss.  Münster  1912, 

*  P.  Schredelseker  De  superstitionibus  Graecorum  quae  ad  crines 
pertinent,  Diss.  Heidelberg  1913, 

Archiv  i.KeligionBwissenschaft  XX.  3/4  27 


418  Ludwig  Deubnor 

Tviesen.  Daraus  wird  dauu  aber  u.  a.  wenig  überzeugend  die 
Schur  der  Sklaven  abgeleitet:  sie  sollten  gegenüber  ihren 
Herren  geschwächt  werden  -  (26).  Dem  widerspricht  doch 
wohl,  daß  man  die  Körperkräfte  der  Sklaven  gewiß  nach  Mög- 
lichkeit ausnutzen  wollte.  Man  wird  sich  also  lieber  an  den 
sozialen  Gesichtspunkt  halten.  Auch  die  Berührung  des  Hartes 
durch  den  Bittfleheuden  möchte  ich  nicht  mit  der  Absicht 
erklären,  sich  durch  h  assen  des  Bartes  des  ganzen  Menschen 
zu  bemächtigen  (31),  sondern  hierin  vielmehr  einen  höchst 
natürlichen  Gestus  erblicken,  den  man  bei  Kindern  jeden 
Au<''enblick  beobachten  kann:  und  so  wäre  noch  manches 
andere  zu  beanstanden.  Einleuchtend  hingegen  wird  das 
Abschneiden  der  Stirnhaare  der  Opfertiere  sowie  das  Haar- 
opfer an  Tote  und  Götter  als  Stellvertretung  eines  vollen 
Tier-  oder  Menschenopfers  erklärt.'  Bei  manchen  Dar- 
brincmnffen,  wie  nach  der  Geburt  durch  die  Wöchnerin, 
scheint  der  Gedanke  der  Reinigung  hereinzuspielen  oder  vor- 
zuwiegen (56).  Offenes  Haar  bei  rituellen  Handlungen  gehört 
in  das  Kapitel  von  der  Vermeidung  des  Knotens  (63). 
Mannigfaltige  Anwendung  findet  das  Haar  auch  in  der  Magie 
(65ff.).  —  Für  die  Arbeit  J.  Heckenbacbs  über  die  sakrale 
Nacktheit^  gilt  dasselbe,  was  oben  S.  416  über  Pley  bemerkt 
wurde. 

Die  bekannten  Vorstellungen  von  der  Bedeutung  des 
Namens,  seine  Gleichsetzung  mit  dem  Wesen  des  Benannten, 
die  aus  der  Kenntnis  des  Namens  entspringende  Macht  über 
das  Benannte  usw.  behandelt  W.  Schmidt'  unter  Anführung 
zahlreicher,  auch  nichtklassischer  Beispiele. 

'  Für  das  Haarab-clineiden  bei  Todesrällen  ist  stplU-nweiae  vielleicht 
auch  der  Keinigungr'geclanke  maßgebend  gewesen,  v^l.  Frazer  Golden 
Bough*  IF  285  f. 

'  J.  Hecl<enbach  De  iniditaie  Sacra  sacrisque  vinculis,  Keligionsgescb. 
Vers.  u.  Vorarb.  IX  3,  Gießen  1911. 

^  W.  Schmidt  Die  Btrleutung  des  Namens  im  Kult  u.  Aberglauben, 
Progr.  des  Ludwig-Gtorgs-Gjmn.  Darmetadt  1912. 


1 


Griechisclie  und  römische  Religion  1911 — 1914  419 

Die  Arbeit  von  M.  B,  Ogle  über  die  Haustür^  ist  als 
Materialsammlung  nützlicb.  Docb  leidet  sie  unter  dem  ein- 
seitigen Streben,  das  nirgends  bezeugte  Begraben  des  Toten 
unter  der  Schwelle  des  Hauses  und  die  daraus  entspringende 
Yorstellung  vom  Weilen  der  Toten geister  an  jenem  Orte  als 
Ausgangspunkt  aller  jener  religiones  anzusehen,  die  sich  an 
Tür  und  Schwelle  ansetzen.  Die  allzu  raschen  Assoziationen 
des  Verfassers  werden  nicht  durch  die  notwendige  Analyse  des 
Einzelnen  gezügelt.  Besonders  charakteristisch  ist,  daß  die 
apotrop'äischen  Riten,  die  sich  an  die  Tür  heften,  als  ursprüng- 
liche Totenopfer  aufgefaßt  werden  (S.  268),  während  doch  ge- 
rade diese  simplen  Riten  höchstwahrscheinlich  die  älteste  religio 
der  Haustür  darstellen  (vgl.  u.  S.  420). 

E.  Samters  Buch  über  Geburt,  Hochzeit  und  Tod^  trägt 
eine  dankenswerte  Fülle  volkskundlichen  Materials  zusammen 
und  versucht  —  ähnlich  wie  die  Familienfeste  desselben  Ver- 
fassers —  eine  Erklärung  der  behandelten  Riten  unter  dem 
Gesichtspunkte  der  Abwehr  oder  Versöhnung  von  bösen  oder 
guten  Geistern,  Die  Apotropaia  spielen  bei  den  im  Titel  be- 
zeichneten Gelegenheiten  in  der  Tat  eine  außerordentlich  wich- 
tige Rolle,  und  ein  Teil  der  neuen  Samterschen  Deutungen  mao" 
das  Richtige  treffen.  Doch  scheinen  mir  manche  Schlüsse  zu 
schnell  gezogen  zu  sein.  Größere  Skepsis  und  schärfere  Ana- 
lyse wird  zuweilen  zu  abweichender  Auffassung  führen.  Daß 
die  kniende  Stellung  der  Gebärenden  das  Emporsteigen  der 
Kindesseele  aus  der  Erde  in  den  Schoß  der  Mutter  befördern 
solle  (19  f.),  ist  nicht  glaublich.  Die  Tatsache,  daß  bei  manchen 
Völkern  die  Gebärende  auf  den  Fußboden  des  Zimmers  gelegt 
wird,  den  man  mit  Stroh  oder  Heu  bedeckt,  hat  gewiß  nichts 
mit  dem  Emporsteigen  der  Seele  zu  tun,  sondern  erklärt  sich 
wahrscheinlich    aus  Gründen    der  Sauberkeit  —  man  will    das 

1  M.  B.  Ogle    The  House-Boor   in  Greek   and  Eoman  Religion  and 
Folklore,  Am.  Journ.  of  Philol.  XXXII  1911,  251flF. 

*  E.  Samter  Gehurt,  Hochzeit  und  Tod,  Leipzig  u.  Berlin  1911. 

27* 


420  Ludwig  Deabner 

Bett  nicht  verunreinigeu.  Das  Niederlegen  des  Kindes  aber 
auf  die  Erde  bat  den  Zweck,  das  Kind  mit  der  Zauberkraft 
der  Erde  zu  erfüllen,  damit  es  stark  und  gesund  werde. ^  Die 
Wöchnerin  ist  nicht  deswegen  gefahrvoll,  weil  sie  selbst  von 
Geistern  bedroht  ist  (24.  37),  sondern  man  fürchtet  sich  vor 
der  ihr  anhaftenden  physischen  Unreinheit,  von  der  allerhand 
Schaden  ausgehend  gedacht  wird.  Wasser  und  Feuer  werden, 
nicht  überall,  wo  man  durch  sie  hindurchgeht,  den  Sinn  haben, 
das  Nachfolgen  des  Toten  zu  verhindern  (85),  sondern  häufig 
einem  Reiniguugsakte  dienen.  Für  die  Bedeutung  der  Schwelle 
(136  if.)  ist  vor  allem  daran  festzuhalten,  daß  den  Ausgangs- 
punkt aller  an  ihr  haftenden  religio  wahrscheinlich  die  Apo- 
tropaia  bilden,  die  man  zum  Schutze  des  Hausinnern  an  der 
Tür  anbi  achte,  denn  diese  bietet  wie  dem  Menschen  so  auch 
allem  Unheil  Einlaß.  Dann  mag  man  in  späterer  Entwicklung 
gedacht  haben,  daß  sich  die  Geister,  die  hineinwollen  und  nicht 
können,  draußen  ansammeln,  und  so  mögen  sie  in  engere  Ver- 
bindung mit  der  Schwelle  gelangt  sein.  Die  Weihrauchstück- 
chen, die  in  Rom  an  den  Feralia  unter  die  Schwelle  gdegt 
werden,  und  ähnliches  sind  mindestens  ursprünglich  nicht  als 
Opfer,  sondern  als  Apotropaion  aufzufassen.  Wieweit  eine  Be- 
stattung unter  der  Schwelle  eingewirkt  hat,  ist  sehr  fraglich  (s.o. 
S.  419),  und  die  Beerdigung  im  Hause  ist  durchüus  von  der  Schwelle 
zu  trf-nnen.  Die  y.aTaxvöfiatu  (171  If.,  die  schon  in  den  Fami- 
lienfesten als  Geisterabwehr  erklärt  wurden,  sind  kein  Opfer, 
sondern  ein  Segensritus  und  als  solcher  dann  auch  apotro- 
päisch.  Die.sen  apotroj);iischen  Sinn  muß  auch  das  Ausstreuen 
der  schwar/en  Bohnen  au  den  Lemuria  gehabt  haben.  Der 
Deutung  auf  ein  Abfindeopfer  widerspricht,  worauf  Samter 
selbst  S.  172  hinweist,  das  gleichzeitige  Lärmen.  Volksglaube 
ist  gewiß  nicht  imnier  konsequent,  aber  man  darf  schwerlich 
annehmen,    daß    im    selben  Augenblicke    zwei   Riten    vollzogen 

'  V^I.  Hastiiigs  Encycl.  of  Rcl.  u.  Birth;  Goldmann  Ztschr.  U.  Ver.  f. 
Volksk.  XXI   1911   S.  410. 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  421 

werden,  die  einen  entgegengesetzten  Zweck  haben.  Das  Indie- 
hühewerfen  des  Kindes  in  Indien  (17 1  f.)  ist  wahrscheinlicli 
eine  purgatio  aere} 

Erich  Krüger  sammelt  die  römischen  Sakralvorschrif- 
ten^  und  bespricht  ihren  Inhalt,  ohne  zu  neuen  Resul- 
taten zu  gelangen.  —  Einige  Tabuvorschriften  aus  dem 
griechisch-römischen  Altertum  behandelt  W.  Kroll.'  — 
R.  Wünsch  erörtert  die  Formen  der  magischen  Apopompe*, 
durch  die  man  sich  bedrohliche  Dämonen  vom  Leibe  hält,  in- 
dem man  sie  wegbannt,  sei  es  ganz  allgemein,  sei  es  an  einen 
bestimmten  Ort.  —  Die  antiken  Seligpreisungen,  ihre  Form 
und  ihren  Inhalt,  hat  in  einer  tüchtigen  Arbeit  G.  Dirichlet 
besprochen.^  —  Den  Einfluß  des  Hymnenstils  auf  die  Poesie 
des  Horaz  untersucht  die  fleißige  Dissertation  von  K.  Buch- 
holz^  in  der  Weise,  daß  die  Gedichte  und  Gedichtpartien 
hyranenartigen  Charakters  genau  analysiert  und  die  einzelnen 
Motive  der  Hymnensprache  fortlaufend  aufgewiesen  werden. 
—  Für  die  Formen  religiöser  Rede  bringt  das  umfang- 
reiche und  gelehrte  Buch  von  E.  Norden''  reichhaltige  und 
förderliche  Materialien  bei.  Insbesondere  vertieft  es  den  Ein- 
blick in  die  Verschiedenheit  griechischer  und  orientalischer 
Stilisierung.  Als  orientalisch  stellen  sich  vor  allen  Dingen 
heraus  die  auf  die  Gottheit  sich  beziehenden  Wendungen  6v 
e?,  iya  eliiC,  ovrog  iöiiv  und  die  Aufreihung  substantivierter 
Partizipien.  Von  griechischen  Formen  wird  besonders  die 
Häufung  von  Partizipien,  von  Relativsätzen,  von  anaphorischem 

'  Vgl.  Neue  Jahrb.  XXVII  1911  S.  326,2. 

2  Ericus  Kraegei  De  Romanorum  legibus  sacris  commentationes  selectae, 
Diss.  Königsberg  1912. 

»  W.  Kroll  Heilig,  Festschr.  f.  Breslau  (s.  o.  S.  140,  6)  479  ff. 

*  R.  Wünsch  Zur  Geisierbannung  im  Altertum,  ebd.  9 ff. 

"  G.  L.  Dirichlet  De  veterum  macarismis ,  Religionsgesch.  Vers.  u. 
Vorarb.  XIV  4,  Gießen  1914. 

'  K.  Buchholz  De  Horatio  hymnographo,  Diss.  Königsberg  1912. 

'  E,  Norden  Agnostos  Theos,  Untersuchungen  zur  Formengeschichte 
religiöser  Rede,  Leipzig  u.  Berlin  1913. 


422  Ludwig  Deubner 

'du'  besprochen,  und  zwar  in  Anleimung  an  eine  Behandlung 
der  Horazode  III  21  (0  nata  tnecmn  conside  Manlio),  deren 
Aufbau  Norden  sehr  hübsch  aus  der  Nachbildung  des  Hymnen- 
st.ils  erklärt.  Der  erste  Hauptteil  des  Buches  versucht  nach- 
zuweisen, daß  die  berühmte  Areopagrede  des  Paulus  über  den 
äyvcoötos  ^sog  abhängig  sei  von  einer  athenischen  Rede  des 
Apollouios  von  Tyana,  der  ebenfalls  (aber  im  Plural)  auf  die 
Altäre  der  ■  äyvoöroL  öaf^ovsg  Bezug  genommen  habe.  Doch 
die  zugrunde  liegende  Kombination  der  athenischen  Rede  des 
Apollonios  mit  Philostratos  vita  Apoll.  VIS  hält  nicht  stand \ 
und  mit  ihr  fallen  alle  darauf  gebauten  Folgerungen.  Von 
Wert  sind  auch  in  diesem  ersten  Teile  sprachliche  Unter- 
suchungen über  das  Vorkommen  der  Bezeichnungen  ayvcoerog 
&£6g,  yväGig  und  fisravota,  die  zum  mindesten  so  viel  ergeben, 
daß  die  betreffenden  Begriffe  in  weit  überwiegendem  Maße 
orientalischem  Denken  und  Empfinden  angehören  und  von 
hier  aus  in  das  Christentum  gelangt  sind.  Freilich  muß 
man  sich  hier  vor  zu  scharfer  Ausschließung  alles  Helleni- 
schen ebensosehr  hüten  wie  vor  einer  Überschätzung  paralleler 
Ausdrucksweise  im  Sinne  gegenseitiger  oder  gemeinsamer  Ab- 
häncrigkeit.^     Sonst  laufen  wir  Gefahr,   der  Schablone   zu  ver- 

DO  ' 

fallen. 

Seine  Forschungen  über  Ursprung  und  Verbreitung  heiliger 
Zahlen    setzt  W.  H.  Röscher   mit    einer  Untersuchung   über 


'  Völlig  zutreffend  beurteilt  von  Ilarnack  Texte  u.  Unters.  XXXI.K 
1, 30tF.  tlbenso  ablehnend  verbalten  sich  Dobscbütz  Sokrates  I  1913, 
626  ff.;  Pbiß  Wochenschr.  f.  klass.  Fhilol.  1213,  5Ö3  ff.;  1914,852ff.;  Lowther 
Clarkc  Class.  Rev.  X.WII  1913  S,  199;  Birt  Rhein.  Mus.  LXIX  1914, 
342  fr.;  Ed.  Meyer  Herrn.  LH  1917,  3991'.;  W.  Scbmid  Wochen.^chr.  f.  kla.<<s. 
Piniol.  1918,  266 tr.  Zugestimmt  haben  Heitzcnstein  iS'cwe  Jahrb.  XXXI 
1913,  146  tr.;  W.  W.  Jaeger  Gott,  (jel  Änz.  1913,  ö69tf.;  VVeinreich  DLZ 
1913,  2949 tf.;  Archiv  XVIII  1915,  4 f.  [Lietzmann  Rh.  Mus.  LXXI  1916, 
2«of.  W.]  —  Vgl.  auch  Corßen  Zt-^chr.  f.  neutest.  Wiss.  XIV  1913,  309 fF. 
[Letzte  Erörterung  (ablehnend)  bei  A.  VVikenhauser  Die  Apostelgesch.  u. 
ihr  Gfschichtsuert.  (Neutest.  Abhandl.  VIII  3/5,  Münster  1921;  369— 394. W.] 

'  6.  dazu  auch  Harnack  a.  a.  O. 


Griechische  und  römische  Religion  1911  — 1914  423 

die  Hippokratische  Schrift  von  der  Siebenzahl  fort  ^,  in  der 
man  wiederum  reiches  Material  für  die  Bedeutung  der  Sieben 
findet.  Dagegen  kann  der  Versuch,  den  Verfasser  der  Schrift 
in  archaische  Zeit  hinaufzurücken,  nicht  als  gelungen  bezeich- 
net werden.^  — .  Die  heilige  Rundzahl  Zwölf  und  den  über 
eine  Gruppe  von  zwölf  Göttern  hinauswachsenden  und  dadurch 
besonders  betonten  Dreizehnten  behandelt  0.  Weinreich  in 
einer  sehr  lehrreichen  Arbeit.^  —  A,  Lud  wich  hat  seine 
zahlensvmbolischea  Studien  weitergreführt*  und  auch  auf  sa- 
krale  Bauten  ausgedehnt.^  Ich  muß  leider  bekennen,  daß  ich 
meine  Zweifel  an  dieser  Betrachtungsweise  nicht  unterdrücken 

o 

kann.  —  Die  Bedeutung  der  Zahl  für  die  Zerlegung  des 
menschlichen  Lebens  in  bestimmte  Altersstufen  untersucht  eine 
wertvolle  Abhandlung  Fr.  Bolls.^  In  der  Antike,  deren  Be- 
trachtung im  Vordergrunde  steht,  hat  man  im  wesentlichen 
drei,  vier  und  insbesondere  sieben  Lebensalter  unterschieden 
und  diese  sieben  Stufen  der  Herrschaft  der  sieben  Planeten 
unterstellt.  Die  Lehre  von  der  Siebenzahl  ist  durch  das  Mittel- 
alter  in    die    neuere  Zeit  gedrungen:    die  DarsteUuncr  mündet 


^  W.  H.  Röscher  Über  Älter,  Ursprung  u.  Bedeutung  der  HippoJcra- 
tischen  Schrift  von  der  SiebenzaM,  ein  Beitrag  zur  Gesch.  d.  ältesten  griech. 
Philosophie  u.  Prosaliteratur,  Abb.  d.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss.  XXVIII 5,  Leip- 
zig 1911. 

*  Vgl.  Diela  DLZ  1911,  186lfF.;  Helmreich  Hermes  XLVI  1911 
S,  437,  1;  Boll  Neue  Jahrb.  XXXI  1913,  137ff.  —  Röscher  verteidigt 
seinen  Standpunkt  gegen  Diels  im  Memnon  Y  Heft  3/4  S.  23 ff.  des 
Sonderabdrucks  sowie  in  -weiteren,  im  nächsten  Bericht  anzuzeigenden 
Arbeiten.  —   S.  auch  H.  Philipp  Wochenschr.  f.  Mass.  Philol.  1913,  666  ff. 

'  0.  Weinreich  Lykische  Zirölfgötier-Beliefs,  Untersuchungen  zur  Gesch. 
d.  dreizehnten  Gottes,  Heidelb.  Sitz.-Ber.  1913  Abh.  5.  Ygl.  dazu  des- 
selben Verfassers  Triskaidekadische  Studien,  Beiträge  zur  Gesch.  der  Zahleyi, 
Religionsgesch.  Vers.  u.  Vorarb.  XVI  1,  Gießen  1916,  wo  die  Bedeutung 
der  Dreizehn  weiter  verf  dgt  wird. 

*  A.  Ludwich  Aeschylea  et  Aristophanea,  Progr.  Königsberg  1912. 

^  Ders.  Zahlensymbolik  in  griech.  Sacralbauten,  Progr.  Königsberg  1914. 

^  Fr.  Boll  Die  Lebensalter,  ein  Beitrag  zur  antiktn  Ethologie  u.  zur 
Geschichte  der  Zahlen,  Separatabdruck  aus  den  Neuen  Jahrbb,  f.  d.  klass. 
Alt.  XXXI,  Leipzig  u.  Berlin  1913. 


424  Ludwig  Deubner 

aus  in  die  Interpretation  einer  Stelle  aus  Shakespeares  Äs  you 
liJce  it  und  einen  Hinweis  auf  Schopenhauer. 

Ein  fesselndes,  gedankenreiches  Buch  W,  R.  Hallidays^ 
geht  den  Wurzeln  und  der  Entwicklung  der  griechischen  M an- 
tik nach,  dabei  weit  über  diesen  ethnischen  Rahmen  hinaus- 
greifend. Insbesondere  werden  die  Beziehungen  der  Mantik 
zur  Magie  ins  Licht  gesetzt.  Es  gibt  Prophezeiungen,  die 
ebensogut  als  Zaubersprüche  aufgefaßt  werden  könnten;  es 
kann  an  sich  harmlosen  Worten  durch  die  Gegenäußerung 
einer  zweiten  Person  ein  ganz  besonderer  Inhalt  aufgezwungen 
werden,  der  dann  notwendig  in  Erfüllung  gehen  muß,  so  daß 
die  betreffenden  Worte  den  Charakter  eines  Omens  erhalten; 
wir  hören  von  sorgfältig  aufbewahrten  staatlichen  Orakeln,  die 
sozusagen  potentielle  Zaubersprüche  darstellen,  die  jeden  Augen- 
blick durch  einen  Unbefugten  aktualisiert  werden  könnten; 
die  Gestalt  des  Sehers  selbst  erscheint  mit  dem  alten  Zauber- 
könig verwandt  und  muß  von  ihm  abgeleitet  werden;  das 
Gottesurteil,  bei  dem  die  Berührung  mit  einer  Zauberkraft  der 
einen  Partei  Unheil  bringt,  geht  auf  die  Grundvorstellung  un- 
gewöhnlich potenzierter  und  darum  für  jeden  Uneingeweihten 
höchst  getährlicher  Kräfte  zurück.  Die  Entwicklung  der  Vor- 
stellungen ist  besonders  hübsch  an  den  magischen  Brunnen 
aufgezeigt,  die  ursprünglich  in  ihrem  Wasser  eine  eigentüm- 
liche Zauberkraft  besitzen.  Sie  werden  allmählich  zu  einer 
Stätte  von  Geistern,  es  bilden  sich  immer  persönlichere  Ge- 
stalten   von  Nymphen    heraus,    bis    schließlich  ein  regelrechter 

'  W.  R.  Halliday  Greek  Divinatinn,  a  Study  of  its  Methods  and 
Principle.i,  London  191H.  'Den  belehrten  der  Kyl.  Friedrich -WilhelmB- 
Universitiit  7,11  Berlin  hocliaclitun^svoll  znyrei^net.'  Dazu  S.  XII:  To  the 
many  learned  nien  of  the  L'niversity  of  Berlin  I  have  ventured  to  dedi- 
cate  this  book  as  an  unuorthy  token  of  my  appreciation  of  their  grcat 
hospitality  nud  kindncss.  No  one  uho  has  becn  a  foreign  student  at  a 
German  unirersity  can  forget  the  generostty  vith  uhich  are  heaped  upon 
him  erery  possible  assistance  in  his  work  and  erery  attention  calculated  to 
mähe  his  sojnurn  in  a  foreign  land  enjvyal'lc.  In  Berlin  University  the 
stranger  meets  with  an  Ilovteric  welcome. 


Griechische  und  römische  Religion  1911  — 1914  425 

Gott  als  Träger  jener  Kraft  erscheint  und  der  Brunnen  zu 
einem  bloßen  Instrument  dieses  Gottes  herabsinkt.  Die  eigent- 
liche mantische  Technik,  Systematik  und  Kasuistik  erwächst 
im  Laufe  der  Zeit  induktiv  aus  dem  Beobachten  insbesondere 
abnormer  Erscheinungen  in  kritischen  Augenblicken,  wie  das 
z.  B.  für  die  Eingeweideschau  gezeigt  wird.  Babylonischer  Ein- 
fluß wird  für  die  griechische  Eingeweideschau  nur  in  einem  ent- 
wickelteren Stadium  zugegeben  (188  ff.).  Bedenken  habe  ich  gegen 
die  Ablehnung  vogelgestaltiger  Götter  der  Griechen  (yAavxöcrtg 
!d%^rivri  usw.,  252 ff.),  sowie  gegen  die  Auffassung,  als  sei  das 
Hineinwerfen  von  Münzen  und  anderen  Dingen  in  Heilquellen 
ursprünglich  nicht  eine  Darbringung  gewesen,  sondern  ein 
Mittel,  den  Patienten  durch  irgendeinen  ihn  vertretenden  Gegen- 
stand in  Kontakt  mit  dem  heilkräftigen  Wasser  zu  setzen  (135). 

Die  anregende  Schrift  von  0.  Berthold  über  die  Unver- 
wundbarkeit griechischer  Sagengestalten'  macht  es  wahr- 
scheinlich, daß  das  sagenhafte  Motiv  der  Unverletzlichkeit  auf 
griechischem  Gebiete  überall  sekundär  ist  und  ätiologischen 
Charakter  trägt,  Rückschlüsse  aus  jener  Eigenschaft  eines 
Helden  auf  dessen  ursprünglich  göttliche  Natur,  wie  sie  noch 
in  unserer  Zeit  gemacht  wurden,  sind  also  unzulässig.  In 
einem  Anhang  sind  Belege  für  den  Unverwundbarkeits glauben 
bei  anderen  Völkern,  besonders  den  Germanen,  gesammelt. 
Ebenda  wird  gut  betont,  daß  das  Motiv  der  Unvei^letzlichkeit 
deswegen  so  beliebt  ist,  weil  es  der  künstlerischen  Absicht 
entspringt,    die  Tragik  des  untergehenden  Helden  zu  steigern. 

In  die  öden  Gefilde  der  Astralmvtholo2rie  führt  ein 
Buch  von  C.  Fries^,  das  seinem  Tite!  zufolge  nur  den  grie- 
chischen Göttern  und  Heroen  gewidmet  ist,  in  Wahrheit  je- 
doch   die    astralmythologischen    Prinzipien     auf    die    gesamte 

^  0.  Berthold  Die  Utivenvundbarkeit  in  Sage  u.  Aberglauben  der 
Grieche)^,  Religionsgesch.  Vers.  u.  Vorarb.  XI  1,  Gießen  1911. 

'  Carl  Fries  Die  griechischen  Götter  und  Heroen  vom  astralmytho- 
logischen StandputiJct  aus  betrachtet,  Berlin  1911. 


426  Ludwig  Deubner 

Mythologie  aller  Völker  anwendet.  „So  darf  man  denn  das 
Vertrauen  haben/*  lesen  wir  hier  S.  209  unten,  „daß  tatsäch- 
lich der  Kern  aller  griechischen  Göttergestalten  schließlich  auf 
die  Hauptgestirne,  besonders  Sonne  und  Mond  zurückzuführen 
sei."  „Man  darf  eben  nicht  an  der  Oberfläche  haften,  man 
muß  eben  historisch  denken",  heißt  es  S.  288  unten.  Dazu 
paßt  dann  besonders  hübsch,  daß  im  Gegensatze  zu  armen 
modernen  Religionshistorikern  als  wiederholt  gerühmter  Kron- 
zeuge Macrobius  mit  seinen  Deutungen  auftritt  (z.  B.  S.  225). 
S.  1  erklärt  der  Verfasser,  daß  ihm  die  astralmythologische 
Deutung  der  Götter-  und  Heldensage  im  Laufe  der  Jahre 
immer  mehr  zum  Glaubensbekenntnis  geworden  sei.  Wer  die 
*  Methode'  des  Verfassers  kennen  lernen  will,  lese  z.  B.  die 
Ausführungen  über  Janus  S.  228  f.  Auch  die  Partie  über  das 
Atridenhaus  S.  161  oder  die  über  Odysseus  und  den  Kyklopen 
S,  186  ist  sehr  zu  empfehlen.  Ein  paar  Proben  stelle  ich  in 
einer  Anmerkung   zusammen.^  —   Auch  die    von  Ernst   Kuhn 


'  S.  16  (im  Zusammenhang  mit  der  astralen  Bedeutung  der  Sieben) 
'An  die  Sieben  gegen  Theben  ist  natürlich  auch  zu  denken,  denen 
allerlei  Astrales  anhaftet.  Denn  die  Sieben  ist  ijyefiav  xal  ag-^cov  ünäv- 
rcov,  •9'EOS,  il?,  &tl  wf,  fi6vi(iog,  dcKivritog,  avtu?  kccvrä)  ouoios,  f'repos  twv 
äXXav  (Philolaos  '20  Diels)'.  S.  38  'Prometheus  ist  der  Liclitgott,  Kpi- 
metlieiis  der  Mond,  hier  beides  auf  das  Geistige  übertragen'.  S.  126 
'An  das  Tiämatmotiv  erinnert  allenfalls  noch  die  aischyleische  Klytai- 
mestra,  die  die  Erinyen  zum  Kampf  antreibt,  wie  Tiamat  oder  Gaia 
ihre  Scharen'.  S.  169  'Oie  griechischen  Kyklopen  sind  gleichen  Ur- 
sprungs, ob  man  nun  Polyphem  auf  Sonne,  Mond  oder  Orion  zurück- 
führt, sein  Auge  deutet  auf  astralen  Mythos  hin  und  stellt  ein  Ilanpt- 
gestirn  dar'.  S.  162  'Die  Geschichten  mythischer  Heldengeschlechter 
sind  nichts  als  Sonnenläufe'.  S.  167,  wo  das  Beil  als  Attribut  des  Licht- 
gottes behandelt  wird,  'Rutenbündel  mit  Beilen  werden  dem  römischen 
Imperator  vorausgetrugen,  wir  werden  lehen,  daß  sein  Triumph  nur 
eine  Nachahmung  des  einziehenden  Lichtgottes  ist'.  S.  207  '(Dio- 
□ysos)  schwärmt  bukolisch  (so!)  mit  seinen  b' gloiterinnen  umher,  deren 
Rausch  nicht  etwa  den  Folgen  des  ihm  heiligen  Weins  zuzuschreiben 
ist,  sondern  auf  der  (irundideR  aller  Chor-  und  Tanzpoesie  besjpht  (be- 
ruht?), dem  Reigentanz  der  Sphären  oder  Sterne'.  Nach  S.  231  bedeutet 
die  ümführung  der  suovdaurilia  den  Kreislauf  der  Gestirne,  nach  S.  235 


Griechische  und  römische  Religion  1911—1914  427 

herausgegebenen  nachgelassenen  Abhandlungen  Adalbert  Kuhns^ 
haben  für  die  antike  Religionswissenschaft  keinerlei  Wert.  Die 
Auffassung  der  Argonauten  als  der  zu  Sternen  gewordenen 
Seelen  von  Verstorbenen,  des  Jason  als  Mondes,  des  Polyphem 
als  Sonnenrieseu,  seiner  Höhle  als  einer  Vorstellung,  die  aus 
den  Abendnebelü  hervorgegangen  sei,  in  die  die  Sonnenscheibe 
versinkt,  des  Labyrinths  als  des  gestirnten  Himmels  lehrt  zur 
Genüge,  daß  mit  jener  veralteten  Himmelsmythologie  eine 
Verständigung  nicht  möglich  ist,  wenn  auch  Einzelheiten, 
wie  die  besondere  Beziehung  mythischer  Rinderherden  zum 
Sonnengotte,  keinem  Zweifei  unterliegen.  —  Im  gleichen  Fahr- 
wasser wie  Fries  und  Kuhn  segelt  Wolfgang  Schultz,  der 
sich  darum  bemüht,  nachzuweisen,  daß  bei  einer  großen  An- 
zahl von  bildlichen  Darstellungen  aller  Völker  das  Bild  des 
Mondes  (Lichtmond  und  Schwarzmond)  und  seiner  Phasen 
zugrunde  liege.*  Welche  Überraschungen  wir  von  dieser  Me- 
thode noch  erwarten  dürfen,  zeigt  das  Beispiel  der  Eos  (24), 
die  „nicht  die  Morgenröte,  sondern  eine  Verkörperung  des 
Schwarzmondes  und  ihrer  mythischen  Geltung  nach  nur  eine 
andere  Ausprägung  der  Gorgo  ist'^  Das  Mondmotiv  ist  bei 
ihr  sogar  doppelt  vorhanden:  in  Gestalt  ihrer  sichelartigen 
Flügel  und  des  von  ihr  getragenen  Kephalos,  der  auch  sichel- 
förmig angeordnet  werden  kann.  —  Daß  auf  eine  Verständi- 
gung   zwischen    der    'philologischen'    und    der    astralmytholo- 

ist  das  Oktoberroß  der  Römer  das  SonneBroß:  'um  sein  Haupt  als 
Sonne  wird  gekämpft'  usw.  tisw.  —  Den  gleichen  Gedankengängen  be- 
gegnen wir  in  einer  kleineren  Schrift  desselben  Verfassers :  Kleine  Bei- 
träge zur  griechischen  und  altorientalischen  Mythologie,  Leipzig  1911. 
Vgl.  z.  B.  S.  54f. :  'die  Ebene  von  Troia,  über  der  alle  Götter  lagern, 
stellt  die  ganze  Erde  oder  den  Himmel  dar,  an  dem  die  Hauptgestirne 
mit  wechselndem  Erfolg  um  die  Oberherrschaft  ringen.' 

^  Adalbeit  Kuhn  Mythologische  Studien,  herausgeg.  v.  Ernst  Kuhn. 
Band  H:  Hinterlassene  mythologische  Abhandlungen,  Gütersloh  1912. 

^  Wolfgang  Schultz  Die  Anschauung  vom  Monde  u.  seinen  Gestalten 
in  Mythos  und  Kunst  der  Völker,  Vorträge  und  Abhandlungen,  her- 
ausgeg. V.  der  Zeitschrift  „Das  Weltall",  Heft  26,  Berlin-Treptow  1912. 


428  Ludwig  Deubner 

gischen  Richtung  der  Mythenforschung  nicht  gehofft  werden 
kann,  davon  wird  auch  die  prinzipielle  Auseinandersetzung  über 
die  Mondmythologie  zwischen  E.  Bethe  und  E.  S lecke  im 
Memnon*  einen  jeden  überzeugt  hal)en. 

Die  Entstehung  und  Entwicklung  des  Mythos  sucht 
A.  Ferrabino^  an  einigen  Beispielen  zu  veranschaulichen, 
eine  im  wesentlichen  schriftstellerisch -rhetorische  Leistung, 
unter  deren  überwältigendem  Wortschwall  der  nach  neuen  Ge- 
danken verlangende  Leser  gebrochen  zusammensinkt.  Man 
fragt  sich  erstaunt,  welches  Publikum  ein  derartiges  Buch 
lesen  mag:  denn  für  den  Laien  läßt  es  sich  viel  zu  weit  auf 
Einzelheiten  ein.  Der  wissenschaftliche  Benutzer  sei  von  vorn- 
herein von  der  üppigen  Stuckfassade  weg  auf  das  ojms  incer- 
ium  der  indagine  (319 ff)  verwiesen,  obwohl  auch  hier  nicht 
allzuviel  Belehrung  winkt.  Einige  Beachtung  verdient  viel- 
leicht, was  über  ein  ältestes  thessalisches  Stratum  der  Perseus- 
sage  ausgeführt  wird  (328  ff.).  Völlig  in  der  Luft  schwebt 
die  Annahme  einer  vorgriechischen  Demeter-Kore-Sage  in  Sizi- 
lien, und  die  solare  Bedeutung  der  Cacus-Sage  bin  auch  ich 
80  'nüchtern'  abzulehnen,  wie  mir  denn  überhaupt  der  'solaren' 
Mythenerklärung  gegenüber  eine  größere  Zurückhaltung  ange- 
zeigt erscheint,  als  sie  vom  Verfasser  geübt  wird.  Was  gegen 
Maltens  Auffassung  von  Einzelheiten  der  Kyrene-Sage  vor- 
gebracht wird,  hat  mich  im  allgemeinen  nicht  überzeugt  und 
ist  meist  recht  oberflächlich. 

Die    von  W.  Schultz    begründete  neue  Zeitschrift  Mitra, 
Monatsschrift  für  vergleicliende  Mythenforschung ^,  brachte  vor 


'  E.  Hethe  u.  Vj,  Siecke  in  3Ii/thn1ngische  Abhandlungen  (Sonderabdrnck 
ans  Memnon  II  1,   1912)   7  ff.  u.  13  tf. 

*  Aldo  Ferrabino  Kah/psit,  Siiggio  d'una  storia  del  mito,  Turin  1914. 

*  Mitra,  Monatsschrift  für  rergleichende  Mgthen/orschung,  unter  Mit- 
wirkung von  Anderson  -  Kasan,  Geyer -Wien,  Hüeing-Wien,  Leßmann- 
IJerlin,  Polites-Athen,  Roscher-Dresden,  Leopold  v.  Schröder-Wien,  Wob- 
sidlo-Waren  u.a.  horausgeg.  v.  Wolfgang  Schultz,  Wien  u.  Leipzig, 
1.  Jahrgang  1914  —  1920. 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  429 

dem  Krieg  7  Hefte  heraus  (8  — 12  erschienen  1920,  mir 
noch  nicht  zugänglich).  Den  im  Geleitwort  entwickelten 
Grundsätzen  kann  man  nur  zustimmen.  Soll  diese  Disziplin 
wissenschaftlich  betrieben  werden,  so  ist  der  Weg  zweifellos 
der  bezeichnete:  möglichst  vollständige  Sammlung  des  Stoffes, 
Aufstellung  einer  Genealogie  der  Einzelerzählungen,  Trennung 
der  mythenhaltigen  von  unmythischen  Erzählungen,  Feststel- 
lung des  Archetypus  und  endlich  dessen  Deutung.  Fruchtbar 
allerdings  wird  diese  Arbeit  in  der  Regel  vermutlich  nur  dort 
werden,  wo  die  geographischen  Verhältnisse  und  Beziehungen 
«ine  Wanderung  des  Stoffes  wahrscheinlich  machen.  Ein  Zu- 
sammenstellen nur  teilweise  ähnlicher  Erzählungen  völlig  ge- 
trennter Völker  ohne  sorgfältige  Berücksichtigung  der  jeweiligen 
besonderen  Kulturbedingungen  des  betreffenden  Volkes  würde 
dagegen  nur  Verwirrung  stiften. 

Über  J.  E.  Harrisons  'Themis'^  muß  ich  ein  im  wesent- 
lichen negatives  Urteil  abgeben.  Begeistert  von  den  Lehren 
der  französischen  Philosophen  Bergson  und  Durkheim,  denen 
gegenüber  sie  sich  im  Vorwort  zu  tiefstem  Danke  verpflichtet 
bekennt,  erblickt  die  Verfasserin  die  Tatsachen  der  antiken 
Religion  in  einem,  wie  sie  glaubt,  neuen  Lichte.  In  einer 
Reihe  ziemlich  lose  zusammenhängender  Abschnitte  werden 
einige  wichtige  Kapitel  der  antiken  Religion  in  diesem  neuen 
Lichte  dargestellt.  Die  leitenden  Ideen  der  Verfasserin  sind, 
wie  sie  in  der  Vorrede- S.  IX  ausführt,  einmal,  daß  tke  mystery- 
god  and  the  Olympian  express  respedively,  the  one  duree,  life, 
and  the  other  the  action  of  conscious  intelligence  which  refleds  on 
and  analyses  life,  und  zweitens,  daß  among  primitive peoples,  religion 
reflects  coUective  feeling  and  coUedive  thinking.  Soweit  an  diesen 
Ideen  etwas  Richtiges  ist,  sind  sie,  wie  ich  glaube,  nicht  un- 
bedingt neu.  Die  Art  aber,  wie  sie  nun  auf  dem  Gebiete  der 
antiken  Religion    zur  Anwendung   gebracht   werden,    ist  m.  E. 

^  Jane    Ellen    Harrison    Themis,    a   Study   of  the  Social  Origins  of 
Greek  Religion,  Cambridge  1912. 


430  Ludwig  Deubner 

nicht  von  Vorteil  für  die  Wissenschaft.    Wir  gleiten  in  einem 
bewecften  AUejrro  über  eine  Fülle  von  Tatsachen  hin,  die  keines- 
wegs  immer  in  ihrem  richtigen  wissenschaftlichen  Zusammenhang 
stehen.  Was  wir  von  einem  wissenschaftlichen  Werke  verlangen 
müssen  und  dürfen,  ist  dies,  daß  jedes  Zeugnis  zunächst  an  seinen 
richtigen  Platz  gestellt  werde,  ohne  Rücksicht  auf  eine  Theorie, 
daß    weder    Zusammengehöriges    voneinander    getrennt,    noch 
Verschiedenartiges    auf  Grund  einer  äußerlichen  Analogie  ver- 
bunden werde.   Auch  die  Chronologie  der  Zeugnisse  kann  nicht 
umgongen  werden.    Bei  jedem  späteren  Kunstwerk  oder  Schrift- 
steller   ist    mit    der    größten  Sorgfalt    und   Vorsicht    zu  unter- 
suchen,  wie  weit   altertümliche  Vorstellungen  in  ihm  bewahrt 
sein  könnten.     Mit   einem  Worte,    wir  verlangen  recensio,   und 
diese   läßt   das  Buch   fast  ganz  vermissen.     Der  Terminus  des 
Kapitolinischen  Tempels  wird  als  ein  alter  Donnerstein  erklärt, 
weil  sich  über  ihm  im  Dach  eine  Öffnung  befindet  (S.  92).    Der 
Genius  der  Römer  soll  eigentlich  ein  Gruppengenius  sein,  dann 
erst  individueller  Natur  (S.  303),  eine  sichtliche  Umkehrung  des 
richtigen  Verhältnisses,  bedingt  durch  den  soziologischen  Grund- 
gedanken.   Das  Triukhorn  in  der  Hand  eines  Teilnehmers  auf 
einem  Totenmahlrelief  wird    als  Füllhorn  gedeutet  und  damit, 
wie    die  Verf.  glaubt,   der   Beweis    erbracht,    daß  der  Tote  als 
aj'aO-ög  öa{^Giv  aufgefaßt  sei  (S.  311).    Die  Schlange  des  Toten 
oder  Heros  ist  nach  J.  Harrison  ein  Sinnbild  der  Fruchtbarkeit. 
Warum?      Plutarch    Oleom.  39    erzählt,    daß    nach  Kleomenes' 
Tode  eine  große  Schlange  sich  um  sein  Haupt  geringelt  habe. 
Man  entsetzt  sich  hg  avdgbg  avr^^i]n6vov  &iO(pilovg  xal  xqsCt- 
rovog   tyv  (pvOLv.     Die  Alexandriner  verehren  den  Toten  als 
Heros  und  Göttersohn.  The  word  xQiixrav^  heiter,  stronger,  used 
hij  Flidarch  is  instruetive.     xQtlrtovsg,   Ilesychius  teils  us,  is  a 
fieticral  tcrm  for  herocs  and  for  gods,  but  not  all  dcad  men  were 
XQBCrzovig.    This  reminds  us  iltat  the  nieaning  of  tlie  word  liero* 
is  actnnlbj  wA  \lead  man'',  but,  if  wc  may  irust  Hesychius  (^'pcjg* 
6vvax6g^   löxvQÖg^   ysvvulog,   aeiivög),  it  mcans  simply,  '^power- 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  43  [ 

fuV,  'sfrong',  'noble',  'venerahW.  The  snake  ilien  Stands  for  life 
and  mana,  not  for  death  (S.269f.).  In  Wahrheit  wird  Kleomenes 
von  den  Alexandrinern  als  Heros  verehrt,  weil  die  Schlange 
Abzeichen  des  Heros  war,  ohne  daß  damit  über  Heros  oder 
Schlange  Wesenbestimmendes  ausgesagt  würde.  S.  14f.  werden 
ohne  Grund  Zeus  Kuros  und  Dionysos  Zagreus  gleichgesetzt 
und  hierauf  als  Kardinalelemente  ihres  gemeinsamen  Mythos 
drei  Punkte  aufgestellt,  von  denen  sich  der  erste  auf  Zeus^, 
die  beiden  anderen  auf  Dionysos  Zagreus  beziehen;  dann  wird 
konstatiert,  daß  nur  der  erste  Punkt  im  kretischen  Hymnos 
auf  Zeus  Kuros  vertreten  sei,  und  der  Fortfall  von  Punkt  2 
und  3  (Tod  und  Auferstehung)  in  diesem  Hymnus  damit  er- 
klärt, -daß  die  Literatur  die  Tendenz  hätte  to  expurgate  savage 
material,  während  doch  Zeus  Kuros  überhaupt  nie  mit  Punkt  2 
und  3  zu  tun  gehabt  hat.  Nach  Hesiod  Theog.  383 ff.  sind 
Zelos,  Nike,  Kratos  und  Bia  die  Kinder  von  Styx  und  Pallas. 
J.  Harrison  sieht  in  ihnen  keinerlei  Abstraktionen.  Eather  his 
(Hesiods)  verse  is  fidl  of  reminiscences ,  resurgences  of  earhj 
pre-anihropomorpJüc  faith;  he  is  haunted  hy  ilie  spirits  of  ghostly 
mana  and  orenda  and  Wa-Jcoh-da  and  hrähman.  Styx,  Gold 
Shudder,  Petrifadioti,  is  married  to  Pallas,  who,  as  we  shall 
later  find,  hegan  life  as  a  timnderbolt.  Cold  Shudder,  Fear  of 
the  Uncanny,  almost  Tabu,  brings  forth  Eager  Effoii  (Z-^lög 
[so!]j  and  Achievement.  Dominance  (Nike)  and  Power  and 
Force  are  added  to  the  stränge  pJiantom  crew.  We  seem  to  have 
the  confused,  half  forgotten  psychology  of  a  thunderstorm  (S.  73). 
S.  204  wird  der  Dithyrambos  als  zli-^OQ-apißog  'Zeus-spring- 
lied'  erklärt.  Wenn  Helios  in  Soph.  Trach.  94  ff.  gebeten  wird, 
den  Aufenthalt    des  Herakles    zu    verkünden,    so  geschieht  das 

^  Es  handelt  sich  um  den  Tanz  der  Knreten,  durch  den  das  Zens- 
kind  vor  den  Nachstellungen  des  Kronos  geschützt  wird.  Das  Um- 
tanzen des  neugeborenen  Dionysos  ist  natürlich  erst  später  vom  Zens- 
mythos  übertragen,  vgl.  Neue  Jahrb.  XLIII  1919  S.  399,  2.  S.  auch 
K.  Latte  De  saltationibus  Graecorum,  Religionsgesch.  Vers.  u.  Vorarb. 
XntS,  53f. 


432  Ludwig  Deubner 

nicht,  weil  er  alles  sieht,  sondern  weil  Herakles  der  Dämon 
des  Sonneujahres  ist  (S.  369).  Herakles  ist,  wie  sein  Füllhorn 
zeigt,  gleich  Agathos  Daimon,  aber  ihm  fehlt  die  für  diesen 
charakteristische  Schlange.  Olympos  did  not  gladly  siiffer  snakes, 
and  Hernides,  aiming  at  Olympos,  wisely  sloughrd  off  his 
snahe-nature  (S  381).  Der  Hermes  des  Praxiteles  irritiert  die 
Verf.,  weil  die  den  Vorrang  gewinnende  pairiarcliy  ein 
falsches  Motiv  erzeugt.  Hermes  the  young  tnale  usurps  the 
fundion  of  the  mother,  he  poses  as  Brephotrophos.  He  is  really 
Kurotrophos.  The  man  doing  womans  worJc  has  all  the  inherent 
fiddity  and  somdhing  of  the  iigly  dissonance  of  the  man  mas- 
querading  in  ivoman's  cloihes  (S.  495).  Auch  in  dem  von 
F.  M.  Cornford  geschriebenen  Kapitel  über  den  Urspruug  der 
Olympischen  Spiele  (S.  2 12 ff.)  und  dem  Exkurs  über  rituelle 
Formen  in  der  griechischen  Tragödie  von  G.  Murray  (S.  341  ff.) 
vermag  ich  eine  ernsthafte  Förderung  nicht  zu  erblicken.  Der, 
wie  mir  scheint,  nicht  richtige  Gedanke  Dieterichs,  daß  die 
Peripetie  des  Dramas  an  die  Peripetie  der  Mysterien  anknüpfe, 
wird  S.  343  f.  dahin  gewendet,  daß  die  in  den  Mysterien  vor- 
handene Peripetie  zum  Guten  in  dem  Übergang  von  der  Tra- 
gödie zum  Satyrspiel  wiederkehre,  was  ich  nicht  für  glücklich 
halten  kann.  Die  Pithoigia  (S.  253,  vgl.  276.  288)  haben  mit 
dem  <irabpitho8  ganz  gewiß  nichts  zu  schaffen,  sondern  können 
nur  auf  das  Weinfest  bezogen  werden.  Ich  mußte  an  ein- 
zelnen Beispielen  zu  zeigen  versuchen,  wo  die  Schwächen 
dieses  Buches  liegen.  Eine  Vorstellung  vom  ganzen  zu  geben 
ist  nicht  leicht,  da  bei  der  übergroßen  Fülle  des  Nebenein- 
ander die  Struktur  der  Gedanken  fast  gar  nicht  sichtbar  wird. 
Die  Wrf.  hat  das  selbst  empfunden  und  daher  in  der  Ein- 
leitung eine  Zusammenfassung  ihrer  Kesultate  gegeben.  Diese 
Einleitung  ist  eigentlich  eine  covclusio.  Im  Mittelpunkt  der 
Darstellung  steht  der  Begriff  des  Eniautos-Daimon,  eine  neue 
Bezeichnung  für  den  seit  Mannhardt  l)ekannten  Vegetations- 
dämon.    Dieser    Eniautos-Daimon    ist    der    Repräsentant  .des 


Griechische  und  römische  Religion  1911  — 1914  433 

Lebens  des  Stammes  (group),  wie  des  Lebens  der  Natur.  Er 
liegt  dem  Zeus  Kuros,  Dionysos,  Herakles,  Asklepios,  Teles- 
phoros,  Apollo  zugrunde,  und  auch  die  Heroen  üben  die  Funk- 
tionen eines  Eniautos-Dairaon  aus.  Kampfund  Sieg,  Tod  und 
Wiedergeburt  sind  die  wichtigsten  Elemente  des  rituellen  Früh- 
lingsdromenon,  das  durch  die  Erneuerung  des  Euiautos-Daimon 
auch  die  Erneuerung  alles  Lebens  für  das  kommende  Jahr  ver- 
bürgen soll.  Agone  und  Drama  sind  ein  Nachklang  jenes  Dro- 
menon.  Der  Eniautos-Daimon  entwickelt  sich  allmählich  zum 
Gott.  Des  Menschen  Blick  wendet  sich  von  der  Erde  zum 
Himmel.  Mond  und  Sonne  bestimmen  die  Vorstellunffen  von 
der  Gottheit.  Das  letzte  Stadium  bieten  die  olympischen  Götter 
dar,  intellectual  conceptions  merely,  things  of  thouglit  bearing  but 
sliglit  relation  to  life  lived  .  .  .  the  Olymjnans  stand  for  articu- 
late  consciousness ,  the  Eniaiitos  -  Daimon  for  the  suhconscious. 
Über  allem  aber  thront  Themis:  she  is  social  ordinance,  the 
colledive  conscience  projectcd  (S.  XVll).  Es  soll  nicht  geleug- 
net werden,  daß  diese  und  jene  prinzipielle  Bemerkung  des 
Harrisonschen  Buches  das  Richtige  trifft  (in  welchem  Falle  das 
Richtige  freilich  meist  nicht  neu  ist;,  noch  daß  einige  Einzelheiten, 
wie  die  offenbar  auf  Nilsson^  zurückgehende  Parallelisierung 
der  als  Dioskurensymbole  auftretenden  Vasen  mit  den  Kadiskoi 
•des  Zeus  Ktesios  S.305\  die  Erörterung  über  Panspermie  undPan- 
karpie  (S  291  f.),  die  Ausführungen  über  sakramentale  Stieropfer 
(S.  140  ff,  wo  allerdings  eine  Auseinandersetzung  mit  Stengels 
lesenswertem  Aufsatz  Opferbräuche  S.  203  ff.  vermißt  wird)  manches 
Beachtenswerte  enthalten,  im  ganzen  aber  ist  dringend  zu  wün- 
schen, daß  sich  diesem  Buche  gegenüber  der  Satz  der  Verfasserin 
nicht  bewähre:  scholars  are  a  race  strangely  credulous  (S.  33). 
Keinen  Vorteil  zieht  die  antike  Religrionswissenscbaft  (und. 
wie  mich  dünkt,  auch  die  allgemeine  nicht^  aus  M.  Schle- 
singers Versuch  über  das  Symbol.-    Was  der  Verfasser  vor- 

1  Atlien.  Miit.  XXXTII  1908  S.  282,  vgl.  Themis  S.  297,2. 

*  M.  Schlesinger   Geschichte   des  Symbols,   ein  Versuch,   Berlin  1912. 

Archiv  f.  ReligiouswissenBcliaft  XX.  3/4  28 


434  Ludwig  Deubner 

legt,  ist  —  soweit  ich  urteilen  kann  —  eine  zwar  fleißige,, 
aber  dilettantisch  zusammeugestoppelte  K<  mpÜation.  Von  w  rk- 
licher  Durchdringung  des  Stoöes,  von  klarer  Linienführung  ist 
keine  Rede.  Die  historische  Anordnung  des  Materials  mochte 
für  das  Ausbreiten  eines  großen  Zettelkastens  Vorteile  bieten, 
ein  Verständnis  der  unter  den  Begriff  des  Symbols  zu  sub- 
summierenden  Phänomene  kann  nur  durch  genet  seh- morpho- 
logische Betrachtung  erreicht  werden. 

M.  P.  Nilssons  'Primitive  Religion'^  bedeutet  eine 
ganz  ausgezeichnete  Zusammenfassung  unseres  Wissens,  gleich 
schätzenswert  durch  ausgebreitete  Kenntnis  der  Tatsachen  wie 
durch  zurückhaltende  Formulierung  in  den  Schlüssen.  Die  Dar- 
stellung, auf  einen  weiteren  Leserkreis  berechnet,  ist  ebenso  klar 
wie  präzise.  Auch  der  Fachgelehrte  findet  reiche  Anregung. 
Die  etwas  aus  dem  Rahmen  fallende  juristische  Betrachtungs- 
weise gegenüber  der  römischen  Religion  erklärt  sich  aus  dem 
starken  Einfluß  des  Wissowaschen  Buches  (s.  o.  S.  181  ff.).  Über- 
schätzt scheint  mir  die  Bedeutung  des  Seelenglaubens  für  die 
Personifizierung  der  Götter.  Hingewiesen  sei  auf  S.  72,  wo 
das  Fasten  damit  erklärt  wird,  daß  eine  Aufnahme  schädlicher 
Stoffe  verhindert  werden  soll,  und  auf  S.  77  f.,  wo  N.  die  Ver- 
mutung äußert,  daß  man  ursprünglich  Abbilder  von  kranken 
Gliedmaßen  deswegen  geweiht  habe,  weil  man  diese  dadurch 
dem  Schutze  des  Heilgottes  befehlen  wollte.  —  Ein  vortreff- 
liches Gesamtbild  der  primitiven  li'eligion  hat  auch  E.  Leh- 
mann in  dem  o.  S.  202,  2  erwähnten  Bande  der  Kultur  der 
Gegenwart  entworfen:  psychologische  und  soziologische  Be- 
trachtung kommen  gleichermaßen  zu  ihrem  Rechte.  Voran 
geht  eine  instruktive  Übersicht  über  die  auf  die  Anfänge  der 
Religion  sich  beziehenden  Theorien  und  Forschungen. 

Als  imposanteste  Leistung  der  Berichtsperiode  präsentiert 
sich    die  dritte  Auflage  von  Frazers  Golden  Bough,   die  von 

'  M.  P.  NÜBson  Primitive  lidigion,  Rtligionsgcsch.  VoJksbüchrr,  her- 
ausgeg.  v.  Schiele,  III  13/14,  Tübingen  1911.    Vgl.  Archiv  XVII  1914,  651  f. 


Griechische  und  römische  Religion  1911  —  1914  435 

den  zwei  Bänden  der  ersten  Auflage  auf  nicht  weniger  als  elf 
Bände  angewachsen  ist.^  Der  Verfasser  nahm  seinen  Aus- 
gang von  den  Tatsachen  des  Kultes  der  Diana  von  Aricia,  die 
unsere  Überlieferung  aufbewahrt  hat.  Insbesondere  war  ihm 
daran  gelegen,  die  merkwürdige  Gestalt  des  Priesters  dieser 
Diana,  des  sogenannten  RexNemorensis,  verständlich  zu  machen, 
der  einen  Überrest  alter  barbarischer  Kultur  darstellt.  Es  be- 
stand nämlich  die  Sitte,  daß  die  Nachfolge  in  diesem  Priester- 
tum  an  einen  Zweikampf  gebunden  war,  in  dem  der  neue  Be- 
werber den  bisherigen  Inhaber  mit  einem  Zweige  von  einem 
bestimmten  Baume  des  heiligen  Haines  der  Diana  erschlagen 
mußte.  Frazer  zog  nun  zur  Aufhellung  dieses  und  anderer 
Punkte  ein  großes  Material  von  primitiven  Vorstellungen  und 
Bräuchen  aller  Völker  der  Erde  heran,  und  seine  Forschungen 
gewannen  eine  so  ungeheure  Ausdehnung,  daß  sein  Werk  heute 
geradezu  als  eine  Enzyklopädie  der  primitiven  Religion  be- 
zeichnet werden  kann.  Der  alte  Ausgangspunkt  ist  zwar  fest- 
gehalten und  mit  einem  poetischen  Lebewohl  an  Nemi  wird 
der  Leser  der  letzten  Zeilen  entlassen,  aber  das  antike  Band, 
das  diese  riesigen  Stoffmassen  zusammenhalten  soll,  ist  in 
Wahrheit  gerissen,  und  eine  Fülle  besonderen  Lebens  hat  sich 
entfaltet.  Und  dabei  ist  klar  geworden  —  und  auch  der  Ver- 
fasser selbst  teilt  dieses  Empfinden  — ,  daß  der  Hauptwert  des 


^  J.  G.  Frazer  The  Golden  Bough,  a  Study  in  Magic  and  Iteligion, 
3.  Aufl.  in  7  Teilen  (11  Bänden),  London  1911/14:  I  1.  2  The  Magic  Art 
and  the  Evolution  of  Kings,  11  Taboo  and  the  Perils  of  the  Soul,  III  The 
Dying  God,  IV  1.  2  Ädonis,  Attis,  Osiris,  Studies  in  the  Hi.^tory  of  Oriental 
Iteligion  (3.  Auflage  dieses  ursprünglich  selbständig  erschienenen  Teiles, 
dessen  2.  Auflage  bereits  der  3.  Auflage  des  Golden  Bough  eingegliedert 
war) ,  V  1 .  2  Spirits  of  the  Com  and  of  the  Wild,  VI  The  Scopegoat, 
YII  1.  2  Balder  the  Beautiful,  the  Fire  -  Festivals  of  Europe  and  the 
Doctrine  of  the  External  Soul.  Dazu  stelle  ich  gleich  den  ersten  Band 
eines  größeren  Werkes  über  den  Unsterbüchkeiisglaaben  von  demselben 
Verfasser  T7ie  Btlief  in  Immortality  and  the  Worship  of  the  Bead,  Band  I 
The  Belief  among  the  Aborigines  of  Aitetralia,  the  Torres  Straits  Islands, 
New  Guinea  and  Melanesia,  London  1913. 

28* 


436  .  Ludwig  Denbner 

gewaltigen    Werkes    in    seiner    Stoffsammlung    liegt,    obwohl 
keineswegs  geleugnet  werden  soll,  daß  eine  große  Anzahl  der 
gezogenen  Schlüsse  sich  bewähren,  eine  Menge  der  in  ihm  ent- 
haltenen Gedanken  fruchtbare  Anregungen  bieten  wird.     Aber 
gerade  das  Altertum,  das  den  Anstoß  gab,  kommt   am  wenig- 
sten gut  weg,  da  das  Schiff,   dem  wir  uns  anvertrauen   sollen, 
des   kritischen  Steuers    nur    allzu    oft    entbehrt    und   von    den 
wogenden   Fluten   der    Yergleichung   an   seltsame    Gestade    ge- 
trieben   wird.     Und    diese  Unsicherheit,    der    wir    preisgegeben 
werden,    wird    erhöht    durch    eine    fast    hemmungslose    Bereit- 
willigkeit,   die  Lücken   unserer  Überlieferung    mit  Hypothesen 
zu   überbrücken.     Auch    bleibt   es   nicht   bei   einer  Hypothese, 
sondern  auf  diese  wird  eine  zweite    und    dritte  gebaut  und  so 
fort,    bis   ein   ganzer  Wolkenkratzer    von    Hypothesen    dasteht, 
den  der  leiseste  Luftzug  umzuwehen  droht.    Dem  Verfasser  ist 
das  Bedenkliche  dieser  Methode  mehr  und  mehr  zum  Bewußt- 
sein gekommen.     In  der  Vorrede  zum  7.  Teil  S.  XI  erklärt  er 
selbst,  daß  er  seine  Theorien  hauptsächlich  als  bequeme  Pflöcke 
zum   Aufhängen    seiner  Stotfsammlungen  betrachte,    und  seine 
letzton    Äußerungen    in    der  Vorrede    zur    dritten  Auflage    des 
4.  Teiles  sind   von  geradezu  tragischer  Skepsis  gegenüber  dem 
Werte  der  eigenen  Aufstellungen.      In  der  Tat:    wenn  uns  zu- 
gemutet   wird,    zu    glauben,    daß    der  im  Haine  der  Diana  von 
Aricia  verehrte  Virbius  der  Gatte  der  Diana  und  mit  dem  Hex 
Nemorensis  identisch  sei  (12,129),    daß    dieser  eigentlich  den 
Himnielsgott  luppiter   oder  (ursprünglich)    den    lanus  vorstelle 
(ebd.  38G),  daß  der  römische  liex  sacrificulus  und  der  Flamen 
Dialis    beide  N'erkörperungen  des  luppiter  seien  (ebd.  l'.)2),  der 
Rex  außerdem   bald  ein  Vertreter  des  Saturn,  bald  der  Hirten- 
gottheit   Pales,    bald  eines   Feigenbaumgottes    (ebd.  322    348\ 
die  Vestalin    eine  Verkörperung   der   Mutter  Vesta     ebd.  268) 
und  Gattin  des  Feuergottes  (ebd.  198),  daß  luppiter  und  luno 
eigentlich  dasselbe  seien  wie  lanus  und  Diana  (ebd.  ."82),   daß 
der  Hieros  Gamos  von  luppiter   und  Inno  alljährlich  im  Juni 


Griechische  und  römische  Religion  1911  — 1914  437 

von    den  Latinern    gefeiert   worden    sei,   um   das  Gedeihen  des 
pflanzlichen    und   tierischen    Wachstums    sicherzustellen    (ebd. 
190),   daß  die  Sage   von  Numa   und  Egeria   auf  einen  Hieros 
Gamos    der    römischen    Könige    mit    einer    Vegetationsgöttin 
zurückgehe  (ebJ.  172j,  daß  der  Rex  sacrificulus  sogar  mehrmals 
im  Jahre  einen  Hieros  Gamos  vollzogen  habe  (ebd.  319),  daß 
die  Sieger    an   den    pythischen  Spielen   eigentlich    den  delphi- 
schen Gott  vorstellten    und   daß  dieser  Gott  vor  Apollon  Zeus 
gewesej]  sei  (ill  81),    daß    ebenso    in  Olympia    die  im  Wagen- 
rennen siechenden  Männer  und  die  in  dem  zu  Ehren  der  Hera 
veranstalteten    Wettlauf   siegenden    Mädchen    Zeus    und    Hera, 
d.h.  Sonne   und  Mond    verkörperten    (ebd.  90 f.)     -    wenn  wir 
dies  alles  glauben  sollen,  so  greifen  wir  uns  an  den  Kopf  und 
schließen   die  Augen,    um   nicht   dem    Schwindel   zu    verfallen 
angesichts    des  wilden  Tanzes,    den    die  Dinge    um   uns    herum 
aufzuführen   beginnen.     Wie  kann  man  Varro  als  Zeugen  für 
die    Ehen    römischer    Götter    anrufen    (IV  2,  230  f.),    wie  kann 
man   das   für    die   altrömischen  Götter   übliche  Beiwort  pater, 
das  auch  lanus  zukommt,   für  die  Identität   dieses  Gottes  mit 
luppiter  geltend  machen  (I  2,  382),  wie  kann  man  gegen  Wis- 
sowa  und  andere  die  Ansicht  vertreten,  ianua  wäre  von  lanus 
abgeleitet   und   hätte    eigentlich  ianua  foris  geheißen,  was  die 
lanustür  =  Haupttür   des  Hauses    bedeutet    hätte,    so    genannt 
nach    einem  Bilde    oder  Symbol  des  lanus,  das  an  dieser  Tür 
gestanden  habe  (ebd.  383 f.)?     Ebenso   ist  das  Matriarchat  für 
Rom    abzulehnen   (12,  271  ff.),    desgleichen    die  Erklärung   des 
Regifugium    als    Nachklang    eines    alten    rituellen    Wettlaufes 
(ebd.  309),  die  Beziehung  des  Trojaspiels  auf  die  Himmelsbahn  der 
Sonne  (HI  77),  die  Folgerungen  aus  dem  modernen  thrakischen 
Karneval  für  die  altattischen  Anthesterien  (V  1,  30  ff.),  die  Identi- 
fizierung der  Demeter  mit  dem  Korn  (ebd.  90. 2 10  ff.),  die  Annahme 
eines   Entwicklungsstadiums,    wo   Persephone    als   Schwein   ge- 
dacht war  (V  2, 19),  die  Auffassung  des  Saliertanzes  als  einer  Be- 
gehung zum  Schutze  der  Vegetation  gegen  schädliche  Dämonen 


^gc;  Ludwig  Deubner 

(VI  234).  Eigentümlich  berührt  es  angesichts  einer  so  profunden 
Gelehrsamkeit,  wenn  wir  V  2,  1  lesen,  daß  Silen  in  der  Kunst 
mit  einem  Ziegenfell  bekleidet  dargestellt  wird,  und  die  zugehörige 
Anmerkung  auf  Mannliardts  Wald-  und  Feldkulte  verweist. 

Im  Zentrum    des   ganzen  Werkes    steht    der  Gedanke,    daß 
die  Primitiven  ihre  Götter  durch  Menschen  verkörpert  dachten 
und  daß  sie  der  Gottheit,    wenn  die  körperliche  Kraft  des  be- 
treffenden Gott-Menschen  abnahm,  ein  neues-  Gefäß  bereiteten, 
während    der    frühere    Vertreter    der    Gottheit    auf    irgendeine 
Weise  beseitigt  wurde.     Dies  geschah  auf  Grund  der  Vorstel- 
lung, daß  die  Wirkungskraft  des  Gottes  an  die  physische  Kraft 
des  ihn  verkörpernden  Gott-Menschen  gebunden  war.    Erlahmte 
der  Träger  des  göttlichen  Numen,  so   war  zu  befürchten,    daß 
der  Gott  nicht  mehr  in  der  Lage  sein  würde,  für  das  Gedeihen 
seiner    Verehrer    zu    sorgen.     Daher    war    ein    neuer    Vertreter 
nötig.     Es  bleibe  hier  dahingestellt,  in  weK-hem  Umfange  diese 
Vorstellung    bei    den  verschiedenen   Völkern  der  Erde  tatsäch- 
lich zutrifft.     Den  Rei  Nemoreusis   als    einen  derartigen  Gott- 
Menschen  zu  erklären  (III  205)  ist  völlig  überflüssig.*    Richtig 
dagegen  ist  der  Gesichtspunkt  der  Erneuerung  der  Kraft  dieses 
Priesters.     Er  ist  ein  Exemplar  des  alten  Zauberpriesters,  der 
dank    seiner    übernatürli<-heu  Fähigkeiten    gleichzeiti<r  die  füh- 
rende Rolle    eines  Häuptlings    oder  Königs    in    seinem  Stamm 
spielte.     Er    herrschte    solange,    wie    seine    Kräfte    vorhielten. 
Kam  ein  Stärkerer,  der  ihn  besiegte  und  tötete,  so  hatte  natür- 
lich   nach    primitivt'in   Glauben  dieser  die  größere  Zauberkraft, 
und  ihm  fiel  demzufolge  die   Herrschaft  zu. 

In  zwei  wesentlichen  Punkten  hat  der  Verfasser  seine  Auf- 
fassung im  Lauf  der  Jahre  geändert.  Er  glaubt  nicht  mehr 
an  den  solaren  Charakter  der  europäischen  Feuerfeste,  sondern 
betrachtet  sie  als  kathartisrhe  (Vll  1  S.  Vllf.).  Vermutlich 
liegt  die  Sache  so,  daß  eine  einheitliche  Erklärung  nicht  durch- 
zuführen ist;  für  die  Mittsommerfeste  ist  zweifellos  an  der  Er- 
•  Vgl.  Ürnppe  Berl.  philol.  Wochenschr.  l'J12,  742fT. 


Griechische  und  römische  Religion  1911 — 1914  439 

Idärung  als  Sonnenzauber  festzuhalten.  Der  zweite  Punkt  be- 
trifft das  gegenseitige  Verhältnis  des  Himmelsgottes  luppiter 
"und  des  Eidgottes  luppiter.  Früher  wollte  Frazer  den  ersten 
vom  zweiten  ableiten.  Jetzt  vertritt  er  —  mit  Recht  wie  ich 
glaube  —  die  umgekehrte  Anschauung  (ebd.  S.  IXf.). 

Ich  möchte  nicht  unterlassen  zu  betonen,  daß  auch  die 
antike  Religionswissenschaft  im  einzelnen  durch  das  Werk 
Frazers  mannigfache  glückliche  Anregung  erhält:  es  sei  hin- 
gewiesen auf  die  prägnante  Erläuteiung  des  rhodischen  Opfers 
von  Wagen  und  Viergespann  an  Helios.  Wagen  und  Pferde 
des  Gottes  verbrauchen  sich  im  Lauf  der  Zeit;  darum  bekommt 
er  neue,  um  seine  segenbringende  Fahrt  über  den  Himmel  ohne 
Störungen  fortsetzen  zu  können  (I  1,  315f.).  V  1,49  wird  das 
erst  im  Herbst  der  Demeter  dargebrachte  Opfer  an  Feldfrüchten 
einleuchtend  mit  der  in  jene  Zeit  fallenden  Aussaat  in  Ver- 
bindung gesetzt.  Es  war  kein  Dankopfer  für  die  eingeholte 
Ernte,  sondern  ein  Bittopfer  für  die  neue  Saat.  Ebd.  161  f. 
■wird  der  Kykeon,  der  rituelle  Mehltrank  der  eleusinischen 
Mysterien,  sehr  ansprechend  auf  eine  alte  Herbstmahlzeit  der 
eleusinischen  Bauern  zurückgeführt.  Ganz  besonders  aber 
möchte  ich  auf  die  allgemeinen  Ausführungen  über  Magie  und 
Religion  aufmerksam  mai-hen,  die  sich  im  ersten  Bande  finden 
(1  1,  234ff.  373 f).  Was  hier  über  die  Magie  als  eine* Vorstufe 
der  Religion,  über  den  Übergang  von  der  Magie  zur  Religion 
und  seine  Gründe,  über  die  Entwicklung  der  Religion  und 
der  Götter  und  das  gleichzeitige  Zurücktreten  der  Magie  ge- 
sagt ist,  verdient  ernste  Beacbtung.  Auf  die  ungeheure  Fülle 
des  ethnographischen  Materials  kann  an  dieser  Stelle  gar  nicht 
eingegangen  werden.  Nur  das  sei  zum  Schlüsse  bemerkt, 
daß  trotz  aller  Verstiegenheiten  Frazers  auf  dem  Gebiete  der 
klassischen  Religionen  niemand,  der  auf  diesem  Gebiete  arbeitet, 
an  den  reichen  Schätzen  vorbeigehen  darf,  die  Frazer  in  dieser 
ungeheuren  Rüstkammer  mit  titanischem  Fleiße  zusammen- 
gebracht und  zu  bequemster  Benutzung  ausgebreitet  hat. 


440  Lndwig  Deubner 

Knowledge  comes,  hut  ivisdom  lingers:  diese  Worte  Tenny- 
sons  ließen  sich  als  Motto  wie  über  gar  manchen  anderen,  so 
auch  über  diesen  Bericht  setzen.  Wohl  ist  die  Forschung  an 
allen  Ecken  und  Enden  lebendig  gewesen,  aber  die  Wissen- 
schaft als  Ganzes  ptlegt  nur  bedächtigen  Schrittes  vorwärts  zu 
schreiten.  Blicken  wir  auf  die  Wege  zurück,  die  begangen 
wurden,  so  fällt  deutlich  ins  Auge,  wie  stark  die  allgemein 
relisionsoreschichtliche,  veriijleichende,  volkskundliche  Orientie- 
runtr  gewesen  ist.  Über  Donnerkeil  und  Nahelstein,  über  den 
Kranz,  über  Schlange  und  Pferd,  über  Milch  und  Wolle,  über 
das  Tier  im  allgemeinen,  über  das  Haar  des  Menschen,  über 
Geburt,  Hochzeit  und  Tod,  über  religiöse  Rede  und  heilige 
Zahlen,  über  die  letzten  Geheimnisse  der  Entwicklung  des 
Orakelwesens  ist  von  jenem  Standpunkte  aus  mit  mannigfachstem 
Nutzen  gehandelt  worden,  uu'l  so  hat  denn  die  antike  Religions- 
wissenschaft zur  Lösung  der  großen  Grund [»robleme  von  der 
Entstehung,  Entwicklung  und  Ausgestaltung  des  religiösen 
Denkens  der  Menschheit  einen  nicht  unwichtigen  Beitrag  ge- 
leistet Den  Gefahren  falscher  Analogieschlüsse  und  vorschneller 
Verallgemeinerungen,  die  bei  Anwendung  der  vergleichenden 
Methode  drohen,  ist  freilich  so  mancher  zum  Opfer  gefallen. 
Ein  besonders  warneniles  Beispiel  ist  der  \'ersuch  i'irillis 
(o  S.  17ö);  aber  auch  das  Riesenwerk  Frazers  (o.S.  434 tf. )  schien 
uns  unter  dem  gleichen  Gesic^litspunkte  das  Verständnis  der 
antiken  Religion  mehr  zu  hemmen  als  zu  fördern,  und  mit 
den  soziologischen  Konstruktionen  Jane  Harrisons  (o.  S.  429ff.) 
stellt  es  nicht  besser.  Unter  den  Arbeiten,  die  sich  mit  den 
Problemen  der  antiken  Religionen  im  engeren  Sinne  befassen, 
ist  eine  besondere  Vorliebe  für  dies  oder  jenes  Gebiet  nicht 
zu  bemerken.  Doch  verfolgt  die  Schule  O.  Kerns  mit  Stetig- 
keit den  dankenswerten  F'lan,  die  Kulte  der  einzelnen  griechi- 
schen Landschaften  monographisch  aufzuarbeiten,  indem  teils 
sämtliche  Kulte  einer  Landschaft  zusammengefaßt,  teile  einzelne 
bedeutendere,  wie  der  karische  Zeus  (o.  S.  153f.)  und  der  klein- 


Griechische  und  römische  Religion  1911  —  1914  441 

asiatische  Dionysos  (o.  S.  151),  für  sich  isoliert  werden;  auch 
die  Abhandlungen  über  die  Kureten  und  Korybanten  (o.  S.  154) 
sowie  die  über  die  großen  Götter  (o.  S.  155)  sind  nach  dem 
gleichen  Schema  von  Materialsammlung  und  Erörterung  an- 
gelegt; auf  dem  Gebiete  der  römischen  Religion  lieferte  L.Ross 
Taylor  [O.  S.  173 f.)  eine  verdienstvolle  Analogie,  Neuen  Pfaden 
wandte  sich  Pettazzoni  (o.  S.  190 f.)  zu,  der  den  Versuch  machte, 
in  das  Dunkel  Bardischer  Vorzeit  einzudringen.  Getrennt  von 
den  übriffen  Forschern  drehten  sich  die  Astralmvtholoo;en  weiter 
im  Kreise.  Sollen  wir  endlieh  diejenigen  Werke  herausheben, 
die  nach  unserem  Uj-teil  Höhepunkte  der  Forschung  und  Dar- 
stellung bedeuten,  so  möchten  wir  nochmals  nennen:  Haltens 
lichtvolle  Untersuchung  der  verwickelten  kyreneischen  Sagen- 
überlieferung (o.  S.  162  f.),  Fowlers  nachfühlende  Erfassung  der 
römischen  Religiüsität  (o.  S.  177ff.),  Wissowas  imponierende  Ge- 
samtrekonstruktiou  der  römischen  Religion  (<>,  S.  181  ff.),  Bolls 
glänzenden  Nachweis  der  ungeheuren  Wirkung  des  antiken 
Himmelsbildes  '^o.  S.  201),  Blinkenbergs  erschöpfende  Analyse 
der  volkstümlichen  Anschauungsformen  des  Donnerkeils  (o. 
S.  412). 

Die  Arbeit  der  Jahre  1911—1914  stand  —  von  den  letzten 
Monaten  abgesehen  —  noch  im  Zeichen  internationalen  Ein- 
vernehmens. Den  sichtbaren  Ausdruck  dafür  bildete  der 
4.  internationale  Kongreß  für  Religionsgeschichte,  der  vom 
9. — 13.  September  1912  in  der  ehrwürdigen  Stadt  Leiden  ver- 
sammelt war.^  Damals  wurde  als  Ort  der  nächsten  Tagung 
Heidelberg  in  Aussicht  genommen.  Seitdem  hat  sich  vieles 
verändert.  Nicht  verändert  hat  sich  das  ruhige  Selbstvertrauen 
der  deutschen  Wissenschaft.     Wir  können  warten. 


'  Vgl.   Actes   du  IV'  congres  international  d'histoire   des  religions, 
Leiden  1913. 


3  Gescliiclite  der  Christ  liehen  Kirche 

Von  Hans  Lietzmann  in  Jena 

Seit  meinem  letzten  Bericht  im  Jahre  1912  in  Band  XV 
260—298  hat  sich  eine  Fülle  von  Stoff  angehäuft,  ohne  daß 
die  Möglichkeit  sich  geboten  hätte,  den  Lesern  dieser  Zeitschrift 
Rechenschaft  abzulegen.  So  muß  die  jetzt  gegebene  Übersicht 
das  Einzelne  kürzer  behandeln,  als  es  der  Gegenstand  zumeist 
erfordern  würde  und  dem  Referenten  lieb  ist,  wenn  anders 
die  gewaltige  mir  vorliegende  Menge  fleißigster  Arbeit,  die 
zum  Besten  der  Wissenschaft  selbst  in  den  schweren  Kriega- 
jahren  bei  uns  geleistet  ist,  auch  nur  durch  Nennung  des 
Wichtigsten  und  wenige  charakterisierende  Worte  dem  Leser 
vor  Augen  geführt  werden  soll. 

Von  den  großen  Quellenunternehmungen  muß  zuerst  des 
Wiener  Kirchenvätercorpus  gedacht  werden,  das  mit  sechs 
Bänden  seine  schon  so  stattliche  Reihe  erweitert  hat.  Die 
1911  von  Hilberg*  begonnene  Ausgabe  der  Hieronymus- 
briefe  ist  erstaunlich  schnell  zu  Ende  geführt  worden.  In 
zwei  weiteren  Bänden  sind  Epist.  71  —  120  und  121-150  im 
Texte  vollendet  und  die  von  Bruyne  in  der  Revue  Benedictine 
von  1910  edierten  vier  weiteren  Briefe  als  Epist.  151 — 154  dem 
alten  Stamm  angefügt  worden.  Die  Überlieferung  ist  wie  üb- 
lich bei  jedem  Brief  besonders  angegeben,  sie  geht  im  großen 
und  ganzen  auf  Handschriften  der  Karolingerzeit  zurück,  doch 
haben  wir  eine  Reihe  von  Bruchstücken,  die  dem  sechsten 
Jahrhundert  angehören  Der  mannigfaltige  Inhalt  dieser  ge- 
lehrten und  wohlötilisierten  Schreiben,  die  doch  manchmal,  wie 
die  Urkunden  zum  origenistischen  Streit,  Epist.  8G — 100,  kräf- 

•  S.  Eusebii  Ilieronymi  tpistulae  rec.  leid.  Hilberg,    pars    II  (1912). 
Lpz.  Freytag. 


Geschichte  der  christlichen  Kirche  443 

tig  in  den  Gang  der  Kirchengeschichte  eingreifen,  oder  wie 
Epist,  106  an  die  beiden  Goten  Sunja  und  Frithila  grundlegend 
für  die  Bibelkritik  sind,  macht  sie  zu  einer  äußerst  reizvollen 
Lektüre,  Den  noch  ausstehenden  Prolegomena  sehen  wir  für 
die  Briefe  des  Hieronymus  mit  nicht  geringerer  Spannung  ent- 
gegen wie  bei  Goldbachers  Augustinbriefen.  Das  Vorwort  Hil- 
bergs  berichtet  unter  dem  1.  März  1918,  daß  seine  ganze  Habe 
in  Czernowitz  feindlicher  Plünderung  anheimgefallen,  aber  sein 
wissenschaftliches  Rüstzeug  anscheinend  gerettet  sei.  So  dürfen 
wir  die  Veröffentlichung  von  Einleitung  und  Registern  in 
Kürze  erwarten. 

Aus  den  Werken  des  Ambrosius  beschert  uns  Petsche- 
nig^  die  Auslegungen  von  Psalmen,  und  zwar  zunächst  die 
22  Traktate  über  den  118.  (119.)  Psalm,  der  akrostichisch 
angelegt  nach  den  22  Buchstaben  des  hebräischen  Alphabets 
jeweils  8  Verse  mit  demselben  Buchstaben  beginnt  und  so  mit 
seinen  8  x  22  =  176  Versen  der  längste  Psalm  geworden  ist. 
Mit  seiner  spät  gelernten,  aber  hier  doch  schon  weniger  unaus- 
geglichen wie  in  den  Patriarchenpredigten  vorgetragenen  Ge- 
lehrsamkeit, die  er  auf  griechischen  Quellen  aufbaut,  aber  nun 
doch  im  stärksten  Maße  aus  eigenem  Geiste  nährt,  gibt  der  Mai- 
länder Kirehenfürst  eine  moralische  und  allegorische  Auslegung 
des  Psalms,  die  nicht  für  die  Gemeinde  schlechthin,  sondern 
für  Kleriker  und  gebildete  Laien  bestimmt  ist.  Die  lang- 
erwartete Ausgabe  des  Apokalypsenkommentars  des  Victorinus 
von  Pettau  durch  Haußleiter*  ist  1916  erschienen.  Der 
Reiz  des  Werkes  besteht  in  seiner  altertümlichen  Theologie, 
die  auch  einen  derben  Chiliasmus  aus  den  Worten  des  heilio-en 
Buches  zu  gestalten  weiß:  der  Verfasser  ist  304,  also  in  der 
Diokletianischen  Verfolgung,  als  Märtyrer  gestorben.  Hierony- 
mus  hat   eine  Ausgabe    dieses  Apokalypsenkommentars  veran- 

^  S.  Anibrosii  opera  pars  V:   Expositio  Psalmi  CXVIII  rec.  M.  Pet- 
schenig.  ebd.  19  IS. 

^   Victorini    episc.   Petavonensis  opera  rec.  J.  Haiißleiter  ebd.  1916. 


4_j;4  Hans  Lietzmann 

staltotj  in  der  er  die  theologischen  Anstöße  korrigiert,  insbe- 
Bondere  die  chiliastischen  Stellen  gestrichen  und  anderes  ihm 
nützlich  Erscheinende  hinzugefiigt  hat:  darüber  gibt  Hauß- 
leiter  S.  XXXVIff.  eingehend.  Rechenschaft.  Diese  „gereinigte" 
Ausgabe  des  iV./V.  Jahrhunderts  war  uns  bekannt  und  ist 
uns  in  zahlreichen  Haudsithriften  erhalten:  den  ursprünglichen 
Text  fand  Haußleiter  1895  in  einem  Ottobonianus  des  XV.  Jahr- 
hunderts, von  dessen  höchst  unerquicklichen  Schrif't/ügen  sechs 
Tafeln  nach  Weiß -schwarz -Photos  ein  gutes  Bild  liefern.  In 
seiner  Ausgat^e  gibt  Haußleiter  in  einer  eingehenden  Vorrede 
auch  über  die  sonstige  Schriftstellerei  des  Victorinus  aus- 
reichend Rechenschaft  und  druckt  sodann  nebeneinander  links 
den  emendierten  Text  des  Ottobonianus  und  rechts  die  Rezen- 
sion des  Hieronymus.  Ausfülirliche  Register  sind  beigegeben. 
Jülieher  h;it  in  den  (jöttinger  Gel.  Anz.  IM  19,  44fiF.  eine  wert- 
volle Anzeige  der  Ausgabe  veröfientlicht.  Grundlegende  Ur- 
kunden zum  Arianischen  Streit  des  IV.  Jahrhunderts  legt  uns 
der  Jesuit  Alfred  Feder^  im  4.  Bande  der  Hilariusausgabe 
vor.  Zum  ersten  Male  erscheinen  die  sogenannten  historischen 
Fragmente  des  Hilarius  in  ihrem  überlieferten  Zusammenhang 
nach  der  einzigen  Handschrift,  dem  Pariser  Codex  des  Arse- 
nals 483  saec.  JX.  Als  Einleitung  gehen  nicht  nur  sorgfältige 
Prolegomena  voran,  es  sind  auch  drei  Hefte  Studien  zu  Hila- 
rius in  den  Wiener  Sitzungsberichten  von  PJlO,  1911,  1912 
erschienen,  in  denen  die  einschlägigen  Fragen  aufs  gründlichste 
abgehandelt  werden.  Den  Urkunden  iit  auch  die  Parallelüber- 
lieferuug  beigedruckt,  derart,  daß  wir  das  sardicenische  Syn- 
odalschreiben S.  10311".  in  zwei  lateinischen  und  der  griechischen, 
das  Symbol  von  Sardica  S.  68  ff.  gar  in  fünf  Fassungen  neben- 
einander lesen.  Der  Hand  euthült  ferner  die  von  Gamurrini 
entdeckten  Texte,  den  Tractatua  m;/sleriorum,  einen  ziemlich  dürf- 
tigen allegorisch  -  typologischen  Aufsatz,  und  die  drei  vermut- 
lich echten  Hymnen,  als  Anhang  den  höchst  zweifelhaften 
'  6'.  Ililarii  episc.  I'ictaviensis  opera  pars  IV  rec.  A.  Fedei  ebd.  1916. 


Geschichte  der  christlichen  Kirche  445 

hymnus  de  Christo  und  andere  unechte  Texte.  Auch  hier  er- 
halten wir  ziemlich  reichhaltige  Register.  Die  Augustin- 
ausgabe  des  Wiener  Corpus  bringt  nach  Abschluß  der  Dona- 
tistischen Streitschriften  nunmehr  den  1.  Band  der  Schriften 
gegen  die  Pelagianer,  von  Vrba  und  Zycha^  bearbeitet.  Er 
enthält  die  ersten  Schriften  dieses  Kampfes  aus  dem  Jahre  412, 
aber  auch  de  natura  et  gratia  vom  Jahre  415,  de  natura  et 
origine  animae  vom  Jahre  419  und  contra  duas  episiidas  Pela- 
gianorum.  Da  der  r.'02  bereits  erschienene  2.  Band  die  zeit- 
lich dazwischen  liegenden  Schriften  enthält,  so  i  leiben  noch 
die  ^oßen  Schriften  der  letzten  Periode  übrig.  Einen  ge- 
wissen Abschluß  bringt  der  vorliegende  Band  insofern,  als 
er  Namen-,  Sach-  und  Wortregister  für  das  bisher  Erschienene 
enthält. 

Eine  unerwartete  Gabe  bescherte  der  längst  als  Meister 
auf  dem  Gebiet  der  lateinischen  Patristik  bekannte  Benediktiner 
G.  Morin^  durch  die  glanzvoll  gedruckte  Ausgabe  von  42  bis- 
her unbekannten  Predigten  Augustins  und  seiner  Schule.  Er 
hat  sie  in  einem  Wolfenbütteler  Codex  des  IX.  Jahrhunderts 
entdeckt  und  legt  sie  in  sorgfältiger  philologischer  Behand- 
lung mit  Vorwort  und  ausführlichen  Registern  vor.  Den  An- 
fang macht  eine  Erklärung  des  Symbols.  Es  folgen  Passions- 
und Osterpredigten,  Himmelfahrt,  Johannis  der  Täufer,  Petrus 
und  Paulus,  Laurentius  werden  bedacht.  Dem  heiligen  Cyprian 
werden  drei  Predigten  gewidmet.  Hier  sowohl  wie  in  der 
Predigt  über  die  scillitanischen  Märtyrer  werden  die  uns  be- 
kannten Akten  zitiert;  das  Prunkstück  bildet  eine  kurz  nach 
411  gehaltene  Weiherede  zur  Ordination  eines  Bischofs,  die 
Morin  schon  1913  in  der  Revue  Benedictine  ediert  hatte.  Die 
neun    angehäugten   Traktate    aus  Augustins  Schule    gipfeln    in 

^  S.  Aureli  Augustini  o^jera  sect.  VIII  pars  I:  de  peccat.  meritia 
etc.  rec.  Vrba  et  Zycha  ebd.  1913. 

*  S.  Aureli  Augustini  tractatus  sive  sermoyies  inediti  ex  codice  Guel- 
ferbytano  4096  detexit  ed.  Germanus  Morin  0.  S.  B.  Kempten  u.  München, 
Koesel  1917. 


44G  Hans  Lietzmann 

der  höchst  anziehenden  Predigt  de  tempore  harharico,  einer 
schmerzbewegten  Klagepredigt  über  den  Fall  Karthagos  durch 
die  vatidalische  Eroberung.  Morin  will  diesen  ebenso  wie  drei 
andere  der  Anhangstraktate  (4,  7,  8)  dem  Bischof  Quodvult- 
deus  von  Karthago  zuschreiben.  Das  ganze  Buch  ist  ein 
köstlicher  Gewinn  für  die  Augustinforschung,  den  uns  der 
belgische  Gelehrte  mitten  im  Kriege  beschert  hat. 

Eine  andere  höchst  wertvolle  Veröffentlichung  kommt  für 
die  griechische  Patristik,  darüber  hinaus  aber  für  die  Geschichte 
der  spätgriechischen  Poesie,  aus  Italien.  Silvio  Mercati^^ 
der  Bruder  des  jetzigen  Präfekten  der  Bibliotheca  Vatlcana, 
ein  Schüler  von  Krumbacher  und  Wilhelm  Meyer,  hat  im 
Jahre  1915  mit  einer  Ausgabe  der  Werke  des  Ephraem  Syr- 
rus  begonnen,  die  wieder  gutzumachen  verspricht,  was  die 
gelehrte  Welt  bisher  an  diesem  Heiligen  gesündigt  hat:  und 
das  ist  ungewöhnlich  viel.  Das  Altertum  hat  ibn  verehrt  und 
gelesen  sowohl  in  seiner  originalen  syrischen  Zunge,  in  der  er 
noch  heute  das  Brevier  der  syrischen  Christen  beherrscht,  als 
auch  in  gleichzeitigen  griechischen  Übersetzungen,  ja  sogar 
ins  Lateinische  sind  manche  Predigten  im  Altertum  übertra- 
gen. Die  Bibliotheken  wimmeln  von  Ephraem -Handschriften. 
Aber  die  Wissenschaft  der  Neuzeit  liest  und  behandelt  ihn 
nicht.  Da  hat  Wilhelm  Meyer  aus  Speyer,  einem  Hinweis 
Studeraunds  folgend,  die  erstaunliche  Tatsache  ans  Licht  ge- 
stellt, daß  nicht  wenige  von  den  gedruckten  griechischen  Über- 
setzungen der  syrischen  Kphraera-Predigten  metrisch  sind,  und 
zwar  völlige  Nachbildungen  der  syrischen,  Silben  zählenden 
Poesie.  Damit  war  für  ihn  der  Schlüssel  zum  Verständnis  der 
griechischen  und  lateinischen  rhythmischen  Poesie  gefunden. 
Um  PO  notwendiger  ist  aber  eine  kritische  Ausgabe  der  Schriften 
Ephraeras,  da  die  Vjiriantenwirrnis  der  Handschriften  jedes 
Maß    übersteigt    und   die  sogenannte  beste  Ausgabe  Assemanis 

'  S.    Ephraem    Syri   opera   rec     S.  J.  Mercati  tom.    I.  Rom,    Instit. 
Pontific.  Biblic.  1916. 


Geschichte  der  christlichen  Kirche  447 

in  Band  1  und  2  nur  ein  Nachdruck  der  Oxforder  höchst  un- 
kritischen Ausgab.e  von  1709  ist.  Mercati  entwickelt  in  dem 
vorliegenden  Bande  "seinen  Plan  und  legt  zunächst  drei  grie- 
chische Texte,  eine  Rede  auf  Abraham  und  Isaac,  auf  den  hei- 
ligen Basilius  und  auf  den  Propheten  Elias  in  schlechthin 
musterhafter  Behandlung  vor.  Der  Text  selbst,  in  Verszeilen 
abgesetzt,  darunter  ein  kritischer  Apparat,  der  sich  auf  eine 
Auswahl  der  besten  Handschriften  aufbaut,  darunter  gegebenen- 
falls Paralleltexte  der  Benutzer  und  eine  Fülle  von  erläutern- 
den sprachlichen  und  sachlichen  Anmerkungen.  Jeder  Predigt 
geht  eine  ausgiebige  praefatio  voraus,  welche  bei  der  ersten 
besonders  lehrreich  ist,  da  sie  unter  vielen  anderen  wertvollen 
Bemerkungen  den  strikten  Nachweis  enthält,  daß  bereits  Grregor 
von  Nyssa  im  Jahre  383  die  vorliegende  metrische  Übersetzung 
in  einer  eigenen  Predigt  reichlich  benutzt  hat.  Bei  der  Fülle 
des  griechischen  und  des  syrischen  Materials  ist  es  verwunder- 
lich, daß  relativ  selten  uns  das  syrische  Original  samt  der 
griechischen  Übersetzung  erhalten  ist.  Mit  um  so  größerer 
Spannung  sehen  wir  dem  nächsten  Bande  entgegen,  welcher 
die  Rede  auf  Jonas  und  die  Buße  der  Niniviten  syrisch  und 
griechisch  vorzulegen  verspricht.  Möge  die,  wie  es  scheint,  in 
Deutschland  bisher  ziemlich  unbekannte  Ausgabe  Mercatis  bald 
die  ihr  gebührende  Beachtung  und  fleißige  Benutzung  finden. 
In  die  Theorie  der  Askese  führt  uns  das  umfangreiche 
Buch  Frankenbergs',  das  die  Hauptmasse  der  uns  im  griechi- 
schen Original  verlorenen  Werke  des  ägyptischen  Asketen  und 
Schülers  der  großen  Kappadozier,  desEuagrios  Pontikos  (f  vor 
400)  in  syrischer  Übersetzung  und  griechischer  Rückübersetzung 
auf  635  Seiten  vorlegt.  Für  das  Hauptwerk,  die  sogenannten 
Centurien  oder  ^Qoßh]iiccta  7tQoyv(o6tixd  wird  auch  der  sehr 
umfangreiche  Kommentar  des  Archimandriten  Babai  in  deut- 
scher Übersetzung  beigegeben.     Über  die  Bedeutung  des  Eua- 

■*  Euagrius  Ponticus   von  W.  Frankenberg,    Berlin,  Weidmann  1912 
(=  Abh.  Götting.  Ges.,  phil.  hißt.  Kl.  N.  F.  XllI  2). 


448  Hans  Lietzmann 

grios  und  den  Parallelismus  zwischen  den  Mönohserzählungen 
und  den  Darlegungen  der  asketischen  Theorie  hat  Reitzenstein 
in  seiner  ,,Historia  Monachorum  und  Uistoria  Lamiaca"  124ff. 
eingehend  gehandelt  und  dadurch  dem  philologischen  Leser 
den  Weg  zum  Verständnis  dieser  eigenartigen  Literatur  ge- 
ebnet. Die  Übersetzungen  lesen  sich  glatt  und  schließen  sich, 
soweit  ich  geprüft  habe,  sorgfältig  dem  syrischen  Text  an. 
Die  Vorrede  läßt  manche  wichtige  Angabe  vermissen.  Auch 
bei  der  griechischen  Uücküberset/ung  würde  es  sich  gehören, 
die  im  griechischen  Original  überlieferten  Stellen  keimtlich  zu 
machen,  also  zum  gnosticus  146 — 150  zu  notieren,  daß  der 
Text  bei  Sokrates  IV,  23,  61—71  überliefert  ist.  Auch  ein 
Inhaltsverzeichnis  vermißt  man  schmerzlich.  Von  weit  gerin- 
gerer Bedeutung,  aber  doch  auch  nicht  unerheblichem  Interesse 
für  die  Theorie  vom  „Wahren  Gnostiker"  ist  das  Schriftchen 
des  Bischofs  Diadochos  von  Photike  in  lüyrieii  (f  450),  welches 
Reitzenstein  am  gleichen  Orte  S.  I33if.  gewürdigt  und  auch  bezüg- 
lich der  philologischen  Unzulänglichkeiten  der  durch  Weis-Lie- 
bersdorf^  besorgten  Erstausgabe  des  griechischen  Originals 
nebst  Beigabe  der  lateinischen  Übersetzung  des  Tarrianus  aus- 
reichend kritisiert  hat. 

Als  Hilfsmittel  zum  Verständnis  des  von  ihm  edierten  alt- 
slawischen Psaltcrkomnientars  gibt  Jagic^  eine  anonyme  Er- 
klärung der  Psalmen  in  griechischem  Original  heraus,  die 
auch  für  die  l'atristik  von  Wert  ist,  da  sie  in  mehreren  Psal- 
terkaten»-n  reichlich  benut/,t  wird,  z.  B.  in  Typ  XIV  und  XV 
meines  Katenenkatalogs.  Die  alte  Kateiie  meines  Typus  I 
nennt  den  Verfasser  llesychios,  und  es  scheint,  als  ob  wir 
tatsächlich  eine  erweiterte  Arbeit  des  llesychkommentars  vor 
uns    haben.      Unter    des    Didymos    Namen     f  vor  400)    geht 


'  S.  Diddochi  ep.  rhoticensis  de  perfectione  sptrituali  ed.  J.  E.  Weis- 
Liebersdorf.   Lpz.  Teubner  11)12. 

*  Siq>)>lfmcntum  PsdUcni  Jiononiensis.  Incerti  auctoris  explanatio 
Paalmorum  Graeca  ed.  V.  Jagic.     Wien,  Holzhausen  1917. 


Geschichte  der  christlichen  Kirche  449 

eine  lateinische  Erklärung  der  sieben  katholischen  Briefe,  die 
wie  so  manches  andere  wertvolle  Stück  uns  durch  die  Ver- 
mittelung  der  Bibliothek  Cassiodors  erhalten  ist.  Bereits  Erich 
Klostermann  hatte  darauf  hingewiesen,  daß  in  Cramers  Ka- 
tenenausgabe  große  Stücke  des  griechischen  Originals  erhalten 
seien,  die  meist  namenlos  sind,  von  denen  einige  aber  dem 
Origenes,  Johannes  Chrysostomos  und  Severus  zugeschrieben 
werden.  Eine  recht  sorgfältige  Ausgabe  dieses  Kommentars 
unter  Einfügung  der  griechischen  Fragmente  mit  ausführlichem 
lateinischen  und  griechischen  Wortregister  bietet  ZoepfP,  der 
sich  mit  einiger  Zurückhaltung  doch  der  Meinung  Kloster- 
manns anschließt,  daß  bereits  der  lateinische  Übersetzer  eine 
mannigfach  überarbeitete  Gestalt  des  echten  Didymos-Kom- 
mentars  vor  sich  hatte.  Die  unter  dem  Namen  „historia  ace- 
phala'' bekannte  wertvolle  Quelle  der  Geschichte  des  Athanasius 
hat  in  einer  Münsterer  Dissertation  durch  H.  Fr  omen^  eine  brauch- 
bare Ausgabe  erfahren.  Eine  Ausgabe  der  neuentdeckten  Schrift 
des  Ireuaeus  „Erweis  der  apostolischen  Verkündigung"  liefert  in 
lateinischer  Übertragung  aus  dem  Armenischen  S,  Weber.^ 

An  ÜbersetzuDgeu  altkirchlicher  Quellen  ist  in  erster 
Linie  die  Neubearbeitung  der  einst  Thalhoferschen  „Bi- 
bliothek der  Kirchenväter"^  zu  nennen,  die  unter  Leitung 

^  Didymi  Alexandrini  in  epistulas  canonicas  brevis  ejplanatio  von 
Friedr.  Zoepfl.  Münster  i.  W.,  Aschendortf  1914.  (=  Neutest.  Abh.  hrsg. 
V.  Meinertz  IV  1.) 

^  Äthanasii  historia  acephala  von  Heinz  Fromen.     Münster  1914. 

'  S.  Irenaei  Demonstratio  Äpostolicae  praedicationis  ex  armeno  vertit 
Simon  Weber,  Freiburg  i.  B.  Herder  1917. 

*  Bibliothek  der  Kirchenväter:  eine  Auswahl  patristischer  Werke  in 
deutscher  Übersetzung,  herausgegeben  von  0.  Bardenhe-wer,  Th. 
Schermann,  K.  Weymann.  Kempten,  Kösel.  [Bd.  1,  8,  11,  16,  18, 
19,  28,  29,  30:]  Augustinus  Bd.  1—3  Gottesstaat,  übers,  v.  A.  Schröder. 
Bd.  4 — 6  Vorträge  über  d.  Evang.  des  hl.  Johannes,  übers,  v.  Tb.  Specht. 
Bd.  7  Bekenntnisse,  übers,  v.  A.  HoflPmann.  Bd.  9 — 10  Ausgew.  Briefe, 
übers,  v.  A.  Hoffmann.  [Bd.  2:J  Dionysius  Areopagita,  übers,  v.  Stigl- 
mayr,  Gregorios  Thaumaturgos,  übers,  v.  Boririer,  Methodius'  Gastmahi, 
übers,  v.  Fendt.      [Bd.  3,    4:]    Irenaeus,    5  Bücher   gegen   die    Häresien, 

Archiv  f.  Religionswissenschaft  XX.  3/4  29 


450  Hans  Lietzmann 

von  Bardenliewer,  Weymann  und  Scliermann  erscheint.  Bis- 
her liegen  32  Bände  vor,  die  als  Ganzes  eine  wohlgelungene 
Leistung  darstellen.  Besondere  Hervorhebung  verdient  um 
ihrer  formellen  Geschicklichkeit  willen  die  Übersetzung  des 
Johannes  Chrysostomus  durch  J.  C.  Bauer;  auch  in  Dombart 
und  Schröders  Übersetzung  der  Augustinischen  civitas  dei  ist 
angesichts  der  Schwierigkeit  der  Aufgabe  höchst  respektable 
Arbeit  geleistet.  Recht  erwünscht  und  auch  von  wissenschaft- 
licher Bedeutung  ist  Schermanns  Einleitung  in  Storfs  Über- 
setzungen griechischer  Liturgien.  Die  jüngsten  Bände  bringen 
eine  freilich  recht  knappe  Auswahl  aus  den  Briefen  Augustins, 
ferner  Ambrosius'    de   ofßciis,   de  mysteriis,  de  virginitate   und 

übers.  V.    Klebba,    Erweis    d.  apost.  Verkündigung,    übers,  v.  S.  Weber. 
[Bd.  5:]  Griech.  Liturgien,  übers,  v.  Storf  mit  Einl.  v,  Schermann,  Palla- 
dius,  Leiien  der  bll.  Väter,  übers,  v.  Krottenthaler,    Gerontius,  Leben  d. 
hl.  Melania,    übers,  v.  Krottenthaler.     [Bd.  6 :]    Ausgew.  Schriften   d.  sy- 
rischen Dichter   Cyrillonas,  Balaeug,  Isaak  v.  Antiochien  u.  Jakob  v.  Sa- 
rug,  übers,  v.  Landersdorfer.     [Bd.  7,  24:]  Tertullians  ausgew.  Schriften, 
übers,  v.  Kellner  u.  Esser.     [Bd.  9:]  Eusebius  ausgew.  Schriften  I:  Leben 
Konstantins    etc.,     übers,  v.  Pfilttisch    m.  EinL  v.   Bigelmair.       [Bd.  10:] 
Makarins  d.  Ägypters  50  geietl.  Homilien,   übers,  v.  Stiefenhofer.  [I?d.  12 
u.  14:]    Frühchristliche    Apologeten    u.  Märtyrerakten:    Aristides,  Justin, 
Brief  an  Diognet.    Tatian,    Athenagoras,    Tlieophilus  Antioch.,  Hermias, 
Minucius  Felix,  Firmicns  Maternus.     Echte  alte  Märtyrerakten.    [Bd.  13, 
31:]  Athanasius'  ausgew.  Schriften:    I.,  IL    Vier  Reden    gegen    die  Ari- 
aner,  vier  Briefe  an  Serapion,  Brief  an  Epiktet,  gegen  die  Heiden,  über 
die  Menschwerdung,  übers,  v.  A.  Stegmann.    Leben  des  hl.  Antonius  (und 
Anhang:  Leben  d.  hl.  Pachomius),    übers,  v.  H.  Mertol.     [Bd.  15:]    Hiero- 
nymus  I:  Mönchsbiographien,  Nekrologe,  Homilet   Schriften,  dogmatische 
Schriften  (gegen  Hclvidius,   \'igilantius,  Pelagianer),  übers,  v.  L.  Schade. 
[Bd.  17,  21,  32:]  Ambrosius:    I.  Exameron,    H,  Lukaskommentar,  IIL  von 
d.  Pflichten,  über  die  Mysterien,  über  d.  Jungfrauen,    Rede  auf  Theodo- 
siuH,  ül)er.H.  v.  J.  E.  Niederhubrr.    [Bd.  20:]  Sulpicius  Severus  über  d.  hl. 
Martin,    übers,  v.  P.  Bihlmeyer,  Vinzenz  v.  Leriu  Commonitorium,    übers, 
v.  G.  Rauschen,  S.  Benedikt,  Regel,  übers,  v.    P.  Bihlmeyer.     [Bd.   22:] 
Ausg.   Akten    persischer    Märtyrer,    ans  d.  Syrifichen    übers,  v.  0.  Braun. 
[Bd.  23,  25,  26,  27:]    Joliannes  Chrysostomus   I — IV,    Matthäuskommen- 
tar, über.-<.  V.  J.  Ch.  Baur;   über  d.  Priestertum,  übers,   v.  A.  Naegle.  Vgl. 
meine  ausführlichen  Anzeigen  in  Theol.  Lit.-Ztg.  l'J14,  487  If.  und   1917, 
J60ff. 


Geschiclite  der  christlichen  Kirche  451 

seine  Leichenrede   auf  Theodosius,   schließlich   des   Athanasius 
apologetische  Schriften,  die  Antoniusvita  und  als  Anhang  dazu 
eine  anonyme  Vita  des  hl.  Pachomius   aus    dem  noch  unedier- 
ten  Codex  Vatic.  gr.  819  saec.  XI/XII,  übersetzt  von  H.  Mertel. 
Von    der    Peregrinatio   Aetheriae   hat    H.    Richter'    eine    für 
weitere  Kreise  bestimmte  anspruchslose  Übersetzung  angefertigt. 
Von  Rauschens^  „Florilegium patristicum"  sind  in  zweiter 
Auflage  erschienen  Bd.  3  (kleinere  Urkunden  des  II.  Jh.),  und 
Bd.  7   (Monumenta   eucliaristica  et  lüurgica  vetustissima),  neu 
ist   Bd.  11,   der   Tertullian    de   laptismo   und    Ps.  Cjprian   de 
rebaptismate    enthält.      Um    Rauschens    gleichfalls    in    zweiter 
Auflage    erschienene    Ausgabe   des   Apologeticum    TertuUians 
(Bd.   6    des    Florü.  patr.)     hat    sich    eine    heftige    literarische 
Fehde  entsponnen.    Schrörs^  wendet  sich  gegen  die  dort  ge- 
übte eklektische  Methode  der  recensio  mit  der  These,  daß  der 
sog.  Vulgattext  des  Apologeticum  den  von  Tertullian  secundis 
airis   hergestellten    Wortlaut   biete,     während     der    stark    ab- 
weichende  Fuldensis   nur    den   ersten  Entwurf  erhalten   habe. 
Rauschen*  verteidigt  dagegen  seine  Methode  geschickt,  nicht 
ohne    eine    erhebliche  Liste    von  Verbesserungen    und    Ergän- 
zungen zu  seiner  Textausgabe  zu  liefern.    Beide  kritisiert  ein- 
gehend und  gelehrt   der  schwedische  Philolog  Löfstedt^,  der 
mit  Nachdruck  für  den  grundlegenden  Wert  des  Fuldensis  ein- 


'  Pilgerreise  der  Aetheria  (Silvia),  übers,  v.  Herrn.  Richter.  Essen, 
Baedeker  1919. 

*  Florilegium  patristicum  ed.  G.  Rauschen.  III.  Monum.  minora  saec. 
II  ed.  2.  1914.  VII  Monum.  eucliaristica  et  liturgica  vetustissima  ed.  2. 1914. 
XI  Tertulliani  de  baptismo  et  Ps.-Cypriani  de  rebaptismate  recensio 
nova.    1916. 

*  Heinr.  Schrörs  Zur  Textgeschichte  u.  Erklärung  v.  TertuUians 
Apologeticum.    Texte  u.  Unters.  40,  4. 

*  G.  Rauschen  Prof.  H.  Schrörs  und  meine  Ausgabe  von  TertuUians 
Apologeticum.    Bonn,  Hanstein  1914.    2. —  M. 

^  Einar  Löfstedt  TertuUians  Apologeticum,  textkritisch  untersucht. 
Lunds  Universitets  ärsskrift  N.  F.  Afd.  1.  Bd.  11.  Nr.  6.  Leipzig,  Har- 
xassowitz. 

29* 


452  Hans  Lietzmann 

tritt.  Der  nützliche  und  billige  Grundriß  der  Patrologie 
Rauschens^  hat  eine  neue  Doppelauflage  erzielt.  Es  sollte 
die  letzte  von  des  Verfassers  Hand  bearbeitete  sein:  im  Jahre 
1916  ist  er  einer  Krankheit  erlegen. 

Unter  den  Hilfsmitteln  kirchenhistorischer  Forschung  ist 
an  erster  Stelle  das  gewaltige  Werk  Otto  Seecks  „Regesteu 
der  Kaiser  und  Päpste  für  die  Jahre  311  bis  476  n.  Chr."*  zu 
nennen.  Die  Einleitung  gibt  eine  einschneidende  kritische 
Untersuchung  über  die  Quellen  und  die  Datierungen  des  Codex 
Theodosianus.  Das  Regesteuwerk  selbst  bucht  von  Jahr  zu 
Jahr  alle  auf  den  Tag  oder  wenigstens  den  Monat  feststellbaren 
Daten  der  Handlungen  und  Erlasse  von  Kaisern  und  Päpsten, 
gelegentlich  auch  anderen  Kirchenmännern,  Konzilien  u.  dgl, 
mit  Quellenangabe.  Die  Indices  bringen  ein  Daten  Ver- 
zeichnis der  Gesetze  des  Codex  Theodosianus  und  Jtistinianus, 
ein  Personenverzeichnis,  eine  Liste  der  weltlichen  und  kirch- 
lichen Ämter  und  ein  Ortsregister.  Das  ganze  Buch  ist 
ein  stolzes  Denkmal  deutschen  Gelehrtentieißes  und  kritischen 
Scharfsinns,  das  den  nächsten  Generationen  die  Wege  zu 
tätigem  eigenen  Schaffen  bahnt. 

Bardenhewers''  Geschichte  der  altkirchlichen  Literatui- 
darf  sich  des  Erfolges  freuen,  daß  in  relativ  kurzer  Zeit 
—  nach  11  Jahren  —  die  beiden  ersten  Bände  neu  aufgelegt 
werden  mußten.  Es  versteht  sich  von  selbst,  daß  dabei  der 
neueren  Literatur  in  allem  Rechnung  getragen  ist,  ebenso, 
daß  Anlage  und  Inhalt  im  wesentlichen  unverändert  geblieben 

'  G.  RauBchen  Grundriß  der  Patrologie.  4.  u.  5.  Aufl.  Freiburg  i.  B., 
Herder. 

'  Otto  Seeck  Regesten  der  Kaiser  und  Päpste  für  die  Jahre  311  bis 
470  n.  Chr.  Vorarbeit  zu  einer  Prosopofjrapbie  der  chriatlicben  Kaiaer- 
zeit.    Stuttgart,  Metzler.    1919. 

»  Otto  Bardenhewer  Geschichte  der  altkirchlichen  Literatur.  Frei- 
burg i.  B.,  Herder.  Bd.  I,  2.  Aufl.  1913.  Bd.  H,  2.  Aufl.  1914.  Bd.  HI. 
1912.  Zu  vgl.  die  inbaltreicbe  Rezension  Jülichers  in  Götting.  Gel. 
Am.  1913,  Nr.  12. 


Geschichte  der  christlichen  Kirche  453 

sind.     Aber  in  gelegentlichen  Umstellungen,  Einfügung  neuer 
Paragraphen  und  im  II.  Bande  auch  breiterer  Behandlung  der 
allgemeinen   literarischen   Erörterungen   (§§  46,  47    statt   §  44 
in  1.  Auflage)  zeigt  sich  die  „Umarbeitung"  im  großen,  deren 
Spuren    im    kleinen  wohl  jede  einzelne  Seite  trägt.      Der  Um- 
fang des  I.  Bandes    ist  von  592  auf  633,  der  des  II.  von  665 
auf  729  Seiten  gewachsen.      Im  Jahre  1912    ist  nun  auch  der 
langerwartete  Band  III  erschienen,    der   die  klassische  Periode 
des  IV.  Jahrhunderts  (mit  Ausschluß    der  syrischen  Literatur) 
behandelt:  er  ist  den  beiden  ersten  gleich  an  peinlichster  Sorg- 
falt  und  Ausführlichkeit   der  Berichterstattung:.      Die    Schrift- 
steiler     werden    nach    ihrer    Heimat    disponiert :    Orientalen : 
Alexandriner    und    Ägypter,    Kleinasiaten,    Antiochener    und 
Syrer,  Spanier;  Okzidentalen :  Spanier  und  Gallier,  Italiker  und 
Westafrikaner,  lUyrier.    Ich  habe  im  vorigen  Bericht  (S.  270 ff.) 
Jordans  Disposition  nach  Literaturformen  bemängelt,   weil   sie 
Zusammengehöriges  auseinanderreißt.      Das   wäre   bei   Barden- 
hewers  Anordnung  gleichfalls  zu  beanstanden,  wenn  auch  nicht 
in  ebenso  peinlicher  Weise,  und  noch  hinzuzufügen,  daß  ganz 
Divergentes  zusammengelegt  wird:  denn  Cyrill  von  Jerusalem, 
Apollinaris  von  Laodicea,  Epiphanius  von  Salamis  und  Diodor 
von  Tarsus  in  einem  Kapitel  bilden  ein  sonderbares  Viergespann. 
Aber   das    wäre    bei    aller  theoretischen  Berechtigung;  eine  un- 
T^illige  Beurteilung,  weil  die  Zusammenstellung  eine  rein  äußer- 
liche ist:  eine  innere  Beziehung  der  einzelnen  Paragraphen  des- 
selben Kapitels  zueinander  besteht  nicht.     Jeder  Paragraph  ist 
ein  in  sich  geschlossener  Artikel,  und  eine  Geschichte  in  dem 
historisch  -  pragmatischen    Sinne,   in    dem   wir    das    Wort    ver- 
stehen,   etwa    gar    eine   Entwicklungsgeschichte,   will    Barden- 
hewer    grundsätzlich  nicht  geben:    das    betont    er    im   Vorwort 
des    II.  Bandes    mit   ziemlicher    Schärfe.      Aber   innerhalb    der 
selbstgesteckten    Grenzen   ist    Bardenhewers    Arbeit    auch    bei 
diesem  III.  Bande  vorzüglich,   besonnen  im  Urteil,  vollständig 
und  zuverlässig  in  Benennung  und  Verwertung  der   Literatur. 


454  Hans  Lietzmann 

Zu  wünsclien  bleibt  etwa,  daß  die  Orientierung  über  das  hand- 
schriftliche Material  noch  mehr  ausgebaut  würde  und  die 
Grundlagen  der  jeweiligen  Chronologie  genauer  zur  quellen- 
mäßigen Darstellung  kämen:  das  läßt  sich  bei  zweckmäßiger 
Beschränkung  auf  die  Hauptpunkte  erreichen. 

Eine  meisterhafte  Studie  des  nun  so  früh  dahingeschiede- 
nen Führers  auf  urchristlichem  Gebiet  liegt  in  Boussets* 
,, jüdisch-christlichem  Schulbetrieb  in  Alexandria  und  Rom" 
vor.  In  Verfolgung  einer  These  Brehiers  zeigt  Bousset,  daß 
sich  Philo  in  erstaunlich  weitem  Umfang  der  in  Kollegheften 
ihm  vorliegenden  Lehrtraditiou  einer  ziemlich  „liberalen"  jü- 
disch-hellenistischen Exegetenschule  bedient,  die  er  tradiert, 
ergänzt,  korrigiert,  gegen  die  er  polemisiert  —  aber  doch  so, 
daß  er  sich  selbst  als  einen  im  Strom  dieser  Gelehrsamkeit 
Schwimmenden  weiß,  der  nichts  untergehen  läßt,  was  der 
Schule  wertvoll  erscheint.  So  erklärt  sich  das  Widersprechende, 
Sprunghafte,  Weitschweifige  und  Dispositionslose  seiner  ganzen 
Schriftstellerei.  So  erklärt  sich  aber  auch  mit  einem  Schlage 
das  Schrifttum  des  Clemens  Alexandrinus :  die  Excerpta  ex 
Theodoto  so  gut  wie  die  Eclogae  propheticae  und  das  viel- 
behandelte achte  Buch  der  Stromata,  ja  selbst  die  Hypoty- 
posen  erweisen  sich  als  Zusammenstellungen  von  Kollegheften 
aus  der  alexandrinischen  Katechetenschule,  vor  allem  aus  den 
Vorlesungen  des  Pantänos.  Bousset  führt  hier  mit  Glück  die 
von  CoUomp  und  Ernst  begonnene  Arbeit  weiter.  Von  da 
aus  begreift  sich  aber  auch  die  Entstehungsgeschichte  der 
Stromata  überhaupt  als  ein  Ringen  mit  dem  tradierten  Stoff, 
der  in  den  ersten  fünf  Buchern  ursprünglich  noch  leidlich  be- 
herrscht wurde,  dann  sich  in  Einschüben  der  cura  posterior 
stärker  zur  Geltung  brachte,  um  vom  sechsten  Buch  an  den 
alternden  Clemens    sich    ganz  zu  unterwerfen.     Die  nahe  Ver- 

'  W.  Bougset  Jüdisch-christlicher  Schidbctricb  in  Alexandria  und 
Rom.  'iüttingen,  Vandenhoeck  Sc  Ruprecht.  1915.  (=  Forschungen  z.  Rel. 
n.  Lit.,  hisg.  V.  ßouaaet  u.  Gankel.     II.  23.) 


Geschichte  der  christlichen  Kirche  455 

Tvandtschaft  der  Gnosis  des  Pantänos  mit  der  Valentinianisclien 
wird  von  Bousset  mit  Recht  betont  und  die  Linie  Valentin — 
Pantänos — Clemens— Origenes  in  ihrer  historischen  Bedeutung 
gewürdigt.  Harnack  hat  das  in  seiner  Besprechung^  mit  Nach- 
druck aufgenommen.  Das  dritte  Buch  wendet  die  gefundenen 
Gesichtspunkte  auf  Irenaeus,  Justins  Dialog,  den  I.  Clemens- 
brief, Hebräerbrief  und  Barnabasbrief  in  äußerst  ertragreicher 
Weise  an  und  schafft  damit  ein  wirklich  lebendiges  Bild  von 
altchristlichem  Schulbetrieb  und  dem  freien,  pneumatischen 
ÖLddöy.aXog  der  alten  Zeit,  ehe  das  bischöfliche  Lehramt  ihm 
seine  Freiheit  und  seine  Tätigkeit  nahm.  Dieser  Prozeß  hat 
sich  in  den  einzelnen  Gegenden  zu  sehr  verschiedener  Zeit  ab- 
gespielt, in  Alexandria  hat  der  diddöxalos  Origenes  erst  gegen 
240  endgültig  dem  Bischof  weichen  müssen. 

In  seinen  „Hauptproblemen  der  Gnosis"  hatte  Bousset  1907 
den  großzügig  angelegten  Versuch  gemacht,  die  gnostische  Be- 
wegung als  eine  in  gewissem  Sinne  einheitliche  Erscheinung 
der  allgemeinen  Religionsgeschichte  zu  begreifen.  In  scharfem 
Gegensatz  dazu  hatte  Harnack  betont,  daß  die  geschichtliche 
Bedeutung  der  Gnosis  in  den  Schulen  und  Persönlichkeiten  der 
christlichen  Gnostiker  liege  und  der  orientalisierende  Synkretis- 
mus nur  als  mehr  oder  weniger  ornamentales  Beiwerk  zu  bewer- 
ten sei.  Mit  Nachdruck  stellt  sich  der  durch  seine  Clemensstudien 
und  seine  IntroducUon  ä  Ve'tude  du  gnosticisme  als  ausgezeich- 
neter Forscher  bekannte  Pariser  Gelehrte  Eugene  deFaye^  auf 
Harnacks  Seite.  Er  bemängelt  an  Boussets  Werk  die  unzu- 
reichende Quellenkritik,  welche  alte  und  junge  Nachrichten, 
authentische  Äußerungen  der  unmittelbar  Beteiligten  und  phan- 
tastische Kompilationsarbeit  auf  die  gleiche  Stufe  stellt.  Was 
im  IL  Jahrhundert  sich  mit  Stolz  Gnosis  nannte,    war   theolo- 


1  Theol  Lit.  Ztg.     1915,  537. 

*  Eugene  de  Faye  Gnostiques  et  Gnosticisme.  Etüde  critique  des 
documents  du  gnosticisme  chretien  aus  II  et  III  siecles.  Paris,  Leroux 
1913.  (=  Bibl.  de  l'ecole  des  hautes  etudes.  scieuces  religieuses.  vol.  27.) 


456  Hans  Lietzmann 

gisch-kosraologisch  bestimmtes  spekulatives  Denken:  im  Wesen 
nicht  verschieden  von  dem  Werk  eines  Plotin  oder  Origenes. 
Basilides,  Valentin,  Marcion  sind  solche  groß  angelegten  wahr- 
haft originalen  „Gnostiker"  gewesen.  Erst  allmählich  drängen 
sich  daneben  inferiore  Sekten  mannigfaltigen  und  unklaren 
Ursprungs  ans  Licht,  die  um  200  in  Rom  große  Bedeutung 
gewinnen  —  Hippolyt  weiß  viel  von  ihnen  zu  erzählen  — 
und  nun  ihrerseits  die  Lehren  der  alten  Schulen  zu  trüben 
und  buntscheckig  zu  gestalten  beginnen.  Bei  ihnen  tritt  an 
die  Stelle  der  philosophischen  Gnosis  die  Heilswirkung  des 
Sakraments.  Die  koptischen  Quellen,  Pistis  Sophia  und  die 
Bücher  Jeu  geben  ein  Bild  der  wilden  Entartung  und  geist- 
losen Phantastik  dieser  minderwertigen  Gnosis  des  111.  Jahr- 
hunderts. Die  Vorzüge  des  glänzend  geschriebenen  Buches 
zeigen  sich  am  reinsten  in  der  feinen  Analyse  der  großen 
gnostischen  Systeme  —  man  lese  etwa  die  Zeichnung  Marcions. 
Seine  Schwäche  ist  aber  unweigerlich  die  runde  Ablehnunor 
des  religionsgeschichtlichen  Gesichtspunktes,  durch  den  allein 
ein  volles  Verständnis  nicht  nur  für  die  Einzelzüge  der  „in- 
ferioren" Gnosis,  sondern  gerade  erst  recht  für  den  ganzen 
gewaltigen  Strom  ermöglicht  .wird,  der  um  die  Zeitenwende 
aus  dem  Orient  hervorbricht  und  das  ganze  Mittelmeerbecken 
überschwemmt.  So  viel  aucli  de  Fayes  Kritik  im  einzelnen 
fördern  mag,  sein  Buch  wird  nicht  an  die  Stelle,  sondern  als 
wertvolle  Korrektur  an  die  Seite  des  Boussetschen  Werkes 
treten,  das  die  entscheidenden  Gesichtspunkte  auch  für  die 
künftige  Forschung  geben  wird.  Eine  hübsche  Übersicht  über 
die  Geschichte  der  Gnosis  bietet  ^V.  Köhlers'  kleines  Heft. 
Zur  Kenntnis  der  Bardesanischen  Gnosis  liefert  F.  Haase^  einen 
nützlichen  Beitrag   durch    eine   sorgfältige    Quellenstudie    über 

*  Walther  Köhler  Die  Gnosis.  Tübingen,  Mohr.  (Rel.gesch.  Volks- 
bücher IV,  16). 

'  Felix  Haase  Zur  liardesanischm  Gnosis.  Literarkritische  und  dog- 
mengeschichtliche Untersuchungen.  Leipzig,  Hinrichs  1910.  (Texte  u. 
Unters.  34,  4.) 


Geschichte  der  christlichen  Kirche  457 

das  Verhältnis  des  gegen  den  Sternglauben  gerichteten  syri- 
schen Dialogs  „Das  Buch  der  Gesetze  der  Länder"  (von  Nau 
in  der  Fatrologia  syriaca  I  2.  1907  neu  ediert)  zu  den  grie- 
chischen Zitaten  Eusebs  und  den  Parallelstellen  der  Klemen- 
tinischen  Rekognitionen,  der  weitere  Untersuchungen,  insbe- 
sondere über  die  Hymnen  der  Thomasakten  beigefügt  sind. 
Eine  vortreffliche  Darstellung  der  literarischen  und  theolo- 
gischen Persönlichkeiten  der  Apologeten  bietet  Aime  Puech.' 
Sein  Buch  ist  in  manchen  Beziehungen  der  Gnostikerstudie 
seines  Pariser  Kollegen  de  Faye  verwandt:  auch  hier  das  liebe- 
volle Eingehen  auf  die  Denkweise  des  einzelnen  Schriftstellers, 
das  Bestreben,  seine  Problemstellung  und  Argumentation  psy- 
chologisch zu  verstehen,  dazu  eine  vorsichtige,  ja,  ängstliche 
Zurückhaltung  in  der  Annahme  äußerer  Einflüsse  —  etwa  der 
griechischen  Philosophie  oder  jüdischer  Apologetik,  von  der 
kaum  gesprochen  wird.  Die  Fußnoten  geben  kurze  Ausein- 
andersetzungen mit  anderen  Forschern,  eine  Anzahl  Anhänge 
behandelt  einige  Einzelprobleme  genauer. 

Eine  umfancrreiche  Studie  über  das  Wort,  sacramentum  legt 
de  Bäcker^  vor:  TertuUians  Sprachgebrauch  ist  der  Angel- 
punkt. Bei  ihm  finden  wir  zuerst  ein  Hinübergehen  über  das 
übliche  (=  Fahneneid)  zu  der  Bedeutung,  die  das  Wort  bis 
heute  vornehmlich  hat,  und  daneben  noch  mancherlei  andere 
Verwendung.  Das  wird  in  ausführlicher  Interpretation  der 
einschlägigen  Stellen  vorgetragen  und  sodann  die  These  auf- 
gestellt, daß  Tertullian  diesen  neuen  und  mannigfaltigen  Sprach- 
gebrauch von  nirgendwoher,  am  wenigsten  aus  heidnischer 
Kultsprache,  entlehnt,  sondern  selbst  geschaffen  hat.  Sodann 
wird  die  Sakramentstheologie  TertuUians  breit  dargestellt,  die 
„Sakramente"    der   heidnischen    Mysterien    untersucht,    um    auf 

^  Aime  Puech  Les  apologistes  grecs  du  II«  siede  de  notre  ere.  Paris, 
Hachette  1912. 

'  Emile  de  Backer  Sacramentum,  le  mot  et  Videe  repre'sente'e  par  lui 
dans  les  oeum'es  de  TertuUien.  Louvain,  1911.  (=  Recueil  de  travaux, 
N.  30.) 


458  Hans  Liotzmann 

diese  Weise  auch  den  materiellen  Inhalt  des  Wortes  klarzu- 
stellen, und  dann  jede  Beeinflussung  des  Christentums  von 
außen  her  abgelehnt.  Eine  Vermahnung  an  die  Religions- 
historiker zur  „Rückkehr  auf  den  historischen,  durch  strenge 
philologische  Arbeit  vorbereiteten  Boden"  schließt  das  Buch. 
In  den  „Scrij)ta  pontificii  institiiti  hihlici''  ist  der  erste  Teil 
einer  groß  angelegten  Arbeit  H.  Schumachers^  über  „Christus 
in  seiner  Präexistenz  und  Kenose"  erschienen,  der  eine  ein- 
gehende Geschichte  der  Auslegung  von  Philipper  2,  5 — 8  ent- 
hält. Der  Franziskaner  Eleazar  Schulte^  stellt  die  Meinungen 
der  Kirchenväter  über  das  menschliche  Wissen  Jesu  zusammen. 
E.  Weigl'  widmet  der  Christologie  des  Athanasius  eine  sorg- 
fältige Studie,  in  der  er  auch  die  zwei  Bücher  gegen  Apol- 
linaris  nebst  anderen  dubia  für  seinen  Autor  zu  retten  versucht; 
mir  doch  nicht  überzeugend.  Dem  vielgequälten  Begriff  dysvvtjtog 
widmet  P.  Stiegele^  ^ine  dogmeuhistorische  UntersuchuDg, 
die  freilich  als  Hauptresultat  feststellen  muß,  daß  erstaunlicher- 
weise erst  seit  Epiphanius  um  375,  dann  im  V.  Jahrhundert 
mehrfach  mit  Betonung  ein  scharfer  Unterschied  zwischen 
dyivrjros  und  dyivvrjxog  festgelegt  wird.  F.  Hünermann^ 
untersucht  die  Bußlehre  des  hl.  Augustinus  und  sucht  sie  in 
die  Dogmengeschichte  einzureihen,  freilich  ohne  eine  ernst- 
hafte    Wandlung     oder     Entwicklung     dieser     Lehre     anzuer- 

"  Heinrich  Scliumacher  Christus  in  seiner  Fräexistenz  und  Eenose 
nach  riiil.  2,  .5  —  8.  Rom,  Verlag  des  päpstl.  Bibelinstituts  1914.  (Scripta 
Pontificii  Instituti  Biblici.) 

*  Eleazar  Schulte  Die  Entuicklung  der  Lehre  vom  menschlichen 
Wissen  Christi  bis  zum  Beginn  der  Scholastik.  Paderborn,  Schöningh, 
1914.  (Forschungen  /,.  chriatl.  Lit.  u.  Dogmengesch.,  hrsg.  v.  Ehrbard  u. 
Kirsch,  XII  '1.) 

^  Eduard  Weigl  Untersuchungen  zur  Christologie  des  hl.  Athana- 
«u«.    1914.    (ebd.  XII  4.) 

*  Paul  Stiegele  IJcr  Agennesiebegrif}'  in  der  griechischen  Theologie 
desIV.Jli.  Frcil/urg  i.  B.,  Herder  1913.  (Freiburger  Theol.  Studien,  hrsg. 
V.  Hoberg  u.  Pfeilschifter,  Nr.  12.) 

*  Friedrich  Hünermanu  Die  Bußlehre  des  hl.  Augustinus.  1914. 
<ebd.  ^Lil  1.) 


Geschichte  der  christlichen  Kirche  459 

kennen:  was  uns  als  historisclie  Unmöglichkeit  erscheint.  Der 
Frage  nach  Alter  und  Bedeutung  des  Meßopferbegrififs  bis  auf 
Irenaeus  geht  J.  Briuktrine^  nach,  wobei  er  sich  insbesondere 
mit  Wieland  auseinandersetzt,  fleißig  und  mit  so  viel  Vorsicht, 
daß  in  dem  patristischen  Teil  auch  der  Nichtkatholik  ihm  viel- 
fach zustimmen  kann.  Ganz  nützlich  ist  die  quellenmäßige 
Übersicht  über  die  theologischen  Schulen  der  morgenländischen 
Kirchen  bis  zum  VII.  Jahrhundert,  welche  R.  Nelz^  in  seiner 
Bonner  Dissertation  gibt.  Den  Barnabasbrief  erläutert  Ph. 
Haeuser^  fleißig,  aber  nicht  immer  glücklich.  Eine  zwar  keines- 
wegs erschöpfende,  aber  doch  fördernde  Studie  über  die  Legenden 
von  der  Auffindung  des  hl.  Kreuzes  gibt  J.  Straubinger.*  Eine 
sehr  sorgfältige  dogmengeschichtliche  Studie  mit  literarischen 
Ergebnissen,  die  sich  mit  Morins  Arbeiten  vielfach  berühren, 
liefert  H.  Kayser^  über  den  jüngeren  Arnobius  (um  450). 

Unter  dem  Namen  des  Nilus  vom  Sinai  geht  ein  umfang- 
reiches Briefkorpus  nebst  einer  nicht  geringen  Zahl  asketischer 
Werke:  K.  Heussi''  hat  diesem  ganzen  Schrifttum  eine  kriti- 
sche Untersuchung  gewidmet,  die  dem  vertrauenden  Benutzer 
der  Migneausgabe  bös  die  Augen  öffnet.  Was  bisher  überall 
vom  Leben  des  hl.  Nilus  zu  lesen  war,  ist  aus  einer  roman- 
haft fingierten  und  weiter  ausgeschmückten  Legende  der  Sinai- 
märtyrer entnommen;  für  Nilus  historisch  wertlos.  Das  umfang- 
reiche Brief  korpus  enthält  einige  wenige  Briefe,  welche  sicher  in 

1  Johannes  Brinktrine  Der  Meßopferlegriff  in  den  ersten  ztcei  Jahr- 
hunderten.    Freiburg  i.  B.    1918.     (Freiburger   Theol.   Studien,   Nr.  21.) 

*  Robert  Xelz  Die  theologischen  Schulen  der  morgenländischen  Kir- 
chen während  der  sieben  ersten  christlichen  Jahrhunderte  in  ihrer  Bedeu- 
tung für  die  Ausbildung  des  Klerus.     Bonn  1916. 

ä  Philipp  Haeuser  Der  Barnabasbrief  neu  untersucht  und  neu  erllärt. 
Paderborn,  Schöningh  1912.  (Forschungen,  hrsg.  v.Ehrhardu.  Kirsch,  XI  2.) 

■*  J.  Straubinger    Die  Kreuzauffindungslegende,    (ebd.  XI  3).    1912. 

^  Heinrich  Kayser  Die  Schriften  des  sog.  Arnobius  junior  dogmen- 
geschichtUch  und  literarisch  untersucht.    Gütersloh,  Bertelsmann  1912. 

«  Karl  Heussi  Untersuchungen  zu  Nilus  dem  Asketen.  Lpz.,  Hin- 
lichs  1917.    (Texte  u.  Unters.    42,  2.) 


460  Hans  Lietzmann 

die  Zeit  um  400  weisen:  aber  sonst  nichts  Persönliches.  Ja. 
die  Behauptung  Heussis,  daß  diese  Briefe  alle  -wirklich  abge- 
sandte Briefe,  keine  fingierte  Korrespondenz  seien,  ist  wenig  glaub 
haft.  Möglich,  daß  ein  kleiner  Grundstock  echter  Briefe  vor 
banden  ist:  die  Masse  macht  den  Eindruck  literarischer  Mache 
nach  berühmten  Mustern  und  unter  Ausnutzung  älterer  Auto 
ren.  Aber  ohne  handschriftliche  Prüfung  der  Überlieferung 
kommen  wir  hier  nicht  vorwärts;  wir  stehen  noch  tiefer  im 
Nichts  drin,  als  Heussi  zugeben  möchte.  A.  Glas^  führt  der 
Gelasius  von  Caesarea,  den  395  gestorbenen  Neffen  des  Kyrill 
von  Jerusalem,  eigentlich  erstmalig  in  die  Literaturgeschichte 
ein.  Er  galt  bisher  auf  Grund  einer  Notiz  des  Photios  cod.  8£ 
als  Übersetzer  der  Kirchengeschichte  Rufins»  ins  Griechische. 
Glas  weist  überzeugend  nach,  daß  vielmehr  umgekehrt  Rufins 
Kirchengeschichte  eine  Übersetzung  des  Originalwerkes  dei 
Gelasios  von  Caesarea  ins  Lateinische  ist.  Den  griechischen  Ur- 
text haben  uns  zum  Teil  Gelasios  von  Kyzikos  und  Georgios 
Monachas  erhalten.  Eine  fleißige  und  übersichtlich  angeord- 
nete,  wenn  auch  nicht  alle  Probleme  ausschöpfende  Unter- 
STjchung  der  Quellen  des  Kirchenhistorikers  Sozomenos  gibt 
G.  Seh 0  0."  Eine  Biographie  des  Synesios  von  Kyrene  biete' 
G.  Grützmacher',  die  wir  als  Kommentar  zu  der  von  ihn 
angekündigten  Ausgabe  der  Synesiosbriefe  ansehen  dürfen.  Der 
gelehrte  Unterbau  ist  in  knappe  Anmerkungen  verwiesen;  der 
Text  selbst  bietet  eine  flott  geschriebene  Schilderung  der  Zeit 
und  der  Lebensumstände,  der  politischen  und  literarischen, 
philosophischen,    theologischen    und    der    besonders    reizvoller. 

'  Anton  Glas  Die  Kirchengeschichte  des  Gelasios  von  Kaisareia,  dit 
Vorlage  für  die  beiden  letzten  Bücher  der  Kirchengeschichte  Rufins. 
Lpz.  Teubnei:  1914.     (Byzant.  Archiv,  Nr.  6.) 

*  Georg  Schoo  Die  Quellen  des  Kirchenhistorikers  Sozomenos.   Berlin, 
Trowitzsch  1911.     (Nene  Studien,  hrsg.  v.  Bonwetsch  u.  Seeberg,  Nr.  II. 
Vgl.  dazu  G.  Loeicheke  in  der   Theol.  Lit.-Ztg.,  1912,  560. 

'  Georg  Grützmacher    Synesios  von  Kyrene,  ein    Charakterbild   am 
dem   Untergang  des  Hellenentums.    Lpz.,  Deichert  1913. 


Geschichte  der  christlichen  Kirche  i^ß\ 

menschlichen  Persönlichkeit  dieses  feinen,  tapferen  Mannes. 
Unter  dem  Titel  „Eusebiana"  hat  H.  J.  Lawlor^  einige  Auf- 
sätze zusammengestellt,  die  schon  früher  in  der  Hermathena 
oder  dem  Journal  of  Theologicdl  Studies  erschienen  waren: 
Über  Hegesipps  Hypomnemata  (nebst  Fragmentsammlung),  die 
Montanisten,  die  kleineren  Sammlungen  von  Aktenstücken,  Brie- 
fen oder  Schriften,  die  in  Eusebs  Kirchengeschichte  benutzt  sind, 
aber  die  Chronologie  der  palästinensischen  Märtyrer.  Neu  hinzuge- 
treten ist  eine  Abhandlung,  welche  die  im  IX.  Buch  der  Kirchen- 
geschichte behandelten  Ereignisse  der  Jahre  311 — 314  genauer 
zxL  datieren  unternimmt.  In  seiner  letzten  Studie  kritisiert  er 
B.  Schwartz'  Ansicht  über  die  vier  Ausgaben  der  Kirchen- 
Geschichte  und  stellt  eine  andere  Theorie  dagegen:  beim  Er- 
scheinen des  Toleranzediktes  hatte  Euseb  die  ersten  sieben 
Bücher  vollendet  (erste  Ausgabe) :  er  fügte  Buch  8  nebst  einem 
Auszug  aus  dem  eben  entstandenen  Werk  über  die  palästinen- 
sischen Märtyrer  hinzu  (zweite  Ausgabe:  vor  Nov.  311).  Dann 
wurde  Buch  8,  teilweise  auch  7  und  die  Märtyrerschrift  neu 
revidiert.  Buch  9  hinzugefügt  (dritte  Ausgabe  Ende  313). 
Schließlich  Buch  9  leicht  überarbeitet  und  Buch  10  geschrie- 
ben (vierte  Ausgabe  324/325),  Die  Teubnersche  Sammlung 
^,Aus  Natur  und  Geistes  weit"  bringt  eine  bisher  zwei  Hefte 
umfassende  „Geschichte  der  christlichen  Kirche"  von  H,  v, 
Soden^,  die  bis  zur  Konstantinischen  Zeit  reicht,  und  von 
M.  Cornill'  eine  „Theologie",  d.  h.  eine  für  Laien  bestimmte 
recht  anschauliche  Einführung  in  die  theologische  wissen- 
schaftliche Arbeit.    Franks^  Vademecum  für  angehende  Theo- 


^  Hugh  Jackson  Lawlor  Eusebiana,  JEssays  on  the  ecelesiastical 
nstory  of  Eusebius.    Oxford,  Clarendon  Press.  1912, 

'^  Hans  Freiherr  v.  Soden  Geschichte  der  christl.  Kirche.  I.  II. 
Lpz.,  Teubner  1919.    (Aus  Natur  u.  Geisteswelt,  690,  691.) 

*  Martin  Cornill  Theologie,  Einführung  in  ihre  Geschichte,  ihre  Er- 
gehnisse und  Probleme.     Teubner  1911.  (ebd.  347.) 

*  Fr.  H.  R.  V.  Frank  Vademecum  für  angehende  Theologen  2.  Aufl. 
7.  H.  Grützmacher.    Lpz.,  Deichert  1918. 


462  Hans  Lietzmann 

logen  hat  H.  Grützmacher  neu  bearbeitet,  die  alte  Erlanger 
Theologie  in  modern-positivem  Sinne  weiterführend.  Die  beiden 
kleinen  Grundrisse  der  Dogmengeschichte  von  N.  Bonwetsch^ 
und  R.  Seeberg^  haben  neue  Auflagen  erlebt.  Ein  umfang- 
reiches Werk  über  den  römischen  Staat  und  das  Christentum 
bringt  A.  Mauaresi.^  In  elf  Kapiteln  werden  die  verschie- 
denen durch  die  Individualitäten  der  Kaiser  oder  den  Geist  der 
Zeit  bestimmten  Perioden  behandelt.  Etwas  mager  ist  das 
einleitende  Kapitel  über  die  Quellen.  Hier  und  in  den  späte- 
ren Kapiteln  des  Textes  vermißt  man  die  Wirkung  von 
E.  Schwartz'  zahlreichen  Arbeiten;  auch  kritische  Auseinander- 
setzungen finden  sich  selten,  meist  nur  Verweise  auf  die  Kon- 
troversliteratur. Diese  selbst  wie  überhaupt  die  Literatur 
wird  dagegen  reichlich  in  den  Anmerkungen  zitiert,  desgleichen 
die  Quellen,  deren  Wortlaut  sogar  öfter  mitgeteilt  wird.  Der 
Hauptnachdruck  liegt  auf  der  breit  erzählenden  Darstellung, 
die  sich  denn  auch  recht  gut  liest.  Über  die  Nerouische  Christen- 
verfolgung speziell  handelt  G.  Schoenaich*,  über  die  „syri- 
schen" Kaiser  (Caracalla,  Elagabal,  Severus  Alexander)  und  das 
Christentum  bringt  K.  Bihlmeyer^  eine  sorgfältige  Studie. 
Die  äußere  Lage  und  innere  Entwicklung  des  Christentums 
bis  auf  Konstantin  skizziert  A.  Ehrhard^  in  einer  Straßburger 
Rektoratsrede.  D.ts  tausendjährige  Jubiläum  des  Mailänder 
Toleranzediktes  von  313    hat    eine    nicht   unerhebliche  Litera- 


*  N.  Bonwetach   Grundriß  der  Dogmengeschichte.    2.  Aufl.  Gütersloh, 
Bertelsmann  1919. 

*  R.    Reeberg    Grundriß     der     Dogmengeschichte.      4.    Aufl.     Lpz., 
Deichert  1919. 

'  Alfonso   Manaresi    L'impcro   Romano   e  il   cristiancsimo.     Torino, 
Bocca  1914. 

*  Gustav   Schoenaich    Die  Neronische   Christenverfolgung.     Breslau, 
Trewendt  &  Granicr  1911. 

*  Karl  Hihlraeyer    Die  „syrischen"  Kaiser    zu    Rom    (211 — 35)    und 
das  Christentum.   Kritische  Studie.    Rotteuburg  a.  N.,  Bader  1916. 

*  Albert  Ehrhard     Das  Christentum   im   römischen    Reiche  bis  Kon- 
stantin.   Straßburg,  Heitz  (Straßburger  Rektoratsreden)  1911. 


Geschichte  der  christlichen  Kirche  463 

tur  hervorgerufen.  Hier  sei  genannt  H.  Koch^,  der  „Kon- 
stantin den  Großen  und  das  Christentum"  nicht  ohne  Seiten- 
blicke auf  die  Gegenwart  charakterisiert.  Die  Quellen  über 
Konstantins  Kreuzesvision  hat  J.  B.  Aufhauser'  bequem  zu- 
sammengestellt: eine  kritische  Abhandlung,  welche  das  Er- 
eignis als  eine  psychologisch  begreifliche  Illusion  auffaßt, 
liefert  der  Bonner  katholische  Kirchenhistoriker  H.  Schrörs.' 
Ein  Sammelwerk  unter  dem  Titel  „Konstantin  der  Große  und 
seine  Zeit"  hat  F.  J.  Dölger*  herausgegeben.  Darin  schildert 
E.  Krebs  zunächst  „die  Religionen  im  Römerreich  zu  Beginn 
des  vierten  Jahrhunderts"  ein  zu  großes  Unterfangen  für  den 
engen  Raum.  J.  Wittig  verteidigt  gegen  0.  Seeck  die  Exi- 
stenz  eines  Mailänder  Toleranzreskriptes.  A.  Müller  würdigt 
des  Lactanz  Schrift  de  mortibus  persecidorum  als  Quelle  für 
die  Stimmung  der  damaligen  Christenheit.  Über  die  Bei- 
Setzungsstätte  des  diokletianischen  Märtyrers  Felix  von  Salona 
handelt  F.  Bulic.  Den  Gedankengang  der  Rede  Konstantins 
an  die  Versammlung  der  Heiligen,  deren  Echtheit  er  verteidigt, 
legt  J.  M.  Pf  attisch  dar.  Durch  eine  höchst  nützliche  Zu- 
sammenstellung  der  Nachrichten  über  Stenogramme  von  Syn- 
oden bis  cresen  400  macht  A.  Wikenhauser  die  Existenz 
auch  nizänischer  Synodalprotokolle  wahrscheinlich.  Konstan- 
tin als  Feldherr  wird  von  Generalleutnant  z.  D.  v.  Land- 
mann  gewürdigt.  Ausführlich  und  lehrreich  untersucht 
J.  Dölger  die  nicht  wenigen  Probleme,  die  sich  an  die  Taufe 
Konstantins    knüpfen.       Die    übrigen    Beiträge    gehören    dem 

*  Hugo  Koch  Konstantin  der  Große  und  das  Christentum.  München, 
Mörike  1913. 

*  J.  B.  Aufhauser  Konstantins  Kreuzesvision  in  ausgewählten  Texten 
vorgelegt.    Bonn,  Marcus  u.  Weber  1912.    (Kleine  Texte  108.) 

^  Heinrich  Schrörs  Konstantins  des  Großen  Kreuzeserscheinung, 
Bonn,  Hanstein  1913. 

*  Franz  Joseph  Dölger  Konstantin  der  Große  und  seine  Zeit.  Ge- 
sammelte Studien.  Festgabe  zum  Konstantinsjubiläum  1913  und  zum 
goldenen  Priester  Jubiläum  von  Mgr.  Dr.  A.  de  Waal.  XX.  Supplement- 
heft der  Römischen  Quartalschrift.    Freiburg  i.  B.,  Herder  1913. 


464  Hans  Lietzmann 

archäologischen  Gebiet  au  und  werden  später  zur  Sprache 
kommen.  An  patristischen  Monographien  liegen  weiter  vor 
eine  treffliche  Studie  von  E.  Dubowy^  über  die  Reise  Pauli 
nach  Spanien,  eine  fleißige  Arbeit  E.  Bayers"  über  Isidors 
von  Pelusium  klassische  Bildung  und  eine  wenig  ergiebige 
Untersuchung  von  H.  Doergens^  über  Euseb  als  Darsteller 
der  phönizischeu  Religion.  Die  Erkenntnistheorie  des  hl. 
Augustin  hat  J.  Hessen^  neu  untersucht  mit  dem  Ergebnis, 
daß  bei  ihm  zu  unterscheiden  sei  zwischen  dem  Gebiet  der 
Erkenntnis  a  priori,  der  sapientia,  die  ihre  Quelle  in  göttlicher 
Erleuchtung  hat,  und  den  auf  Erfahrung  beruhenden  niederen 
Erkenntnissen  der  scientiae.  Eine  tiefgreifende  Würdigung 
Augustins  unternimmt  E.  Troeltsch^  durch  die  Prüfung  der 
Frage,  ob  er  wesentlich  als  Herold  einer  neuen  Zeit,  des 
abendländischen  Mittelalters  oder  als  abschließender  Höhe- 
punkt der  Antike  zu  begreifen  sei.  Troeltsch  nimmt  ihn  mit 
Recht  ausschließlich  für  die  Antike  in  Anspruch  und  zeigt 
mit  seiner  bereits  an  anderen  Problemen  bewiesenen  Meister- 
schaft im  Herausarbeiten  der  Kontraste,  wie  fern  das  klas- 
sische Mittelalter  mit  seinen  Idealen  dem  echten  Augustiu 
steht.  Aber  die  Grundlage  dieser  Beweisführung  bildet  eine 
glanzvolle  positive  Darlegung  der  augustiuischen  Gedanken- 
welt an  der  Hand    der  gerade  für  dies  Problem  ohnehin  stets 

*  Ernst  Dubowy  KJemens  von  Rom  über  die  Reise  Pauli  nach  Spa- 
nien. Freiburg  i.  B.,  Herder  1914.  (=  Bibl.  Studien,  hrag.  v.  Barden- 
hewer,  XIX  3.) 

*  Leo  Bayer  Isidors  von  Pehisium  Idassische  JSildung.  Paderborn, 
Schöningh    1915.    (=  Forschungen,    hrsg.  v.  Kbrhard  u.  Kirsch,     XJII  2.) 

'  Heinrich  Doergens  Eusebius  von  Caesarea  als  Darsteller  der  phöni- 
zischen  lielujion.  Eine  Studie  zur  Geschichte  der  Apologetik.  1915. 
(ebd.  XH  6.) 

*  Johannes  Hessen  Die  Jiegrvndutig  der  Erkenntnis  nach  dem  hl. 
Augitstinus.  Münster  i.  W.,  Aschendorff  191(',.  (Beiträge  z.  Qeschichttj 
d.  Philosophie  d.  Mittelalters,  hrsg.  v.  C.  Biiumker,  XIX  2.) 

*  Ern.st  Troeltsch  Augustin,  die  christliche  Antike  und  das  Mittel- 
alter, im  Anschluß  an  die  Schrift  „De  Civitate  Dei".  München  u.  Ber- 
lin, Oldenbourg  1915.    (Histor.  Bibliothek  Bd.  36.) 


Geschichte  der  christlichen  Kirche  465 

am  Mittelpunkt  stehenden  Schrift  de  civitate  dei\  Augustin 
wird  als  Schöpfer  einer  neuen  Kulturethik  gezeichnet.  Die 
Oottheit  als  unendlich  wirkende  Liebe  ist  das  höchste  Gut, 
Ton  dem  aus  alles  gewertet  wird:  so  wird  die  Erfassung  Got- 
tes in  Liebe,  der  amor  der,  das  sittlich  Gute,  die  Eigenliebe 
■das  Wesen  des  Bösen:  damit  sind  die  Prinzipien  der  civitas 
4ei  und  der  civitas  ierrena  bestimmt.  Hieraus  ergibt  sich 
eine  aktive  Ethik  der  Liebesbetätigung,  welche  auch  die  Askese 
nur  in  der  Bekämpfung  der  Selbstsucht  begründet,  Christi 
Menschwerdung  als  Offenbarung  der  Gottesliebe  und  somit 
als  Vorbild  wertet,  und  in  eine  positive  Einschätzung  der 
Dinge  dieser  Welt  als  der  von  Gott  begründeten  Mittel  zur 
Übung  der  Nächstenliebe  und  Erreichung  des  höchsten  Gutes 
ausmündet.  Somit  kann  und  soll  den  Kulturwerten  eine  Be- 
ziehung auf  Gott  gegeben  werden  uud  sie  ordnen  sich  in  eine 
Stufenreihe  nach  Maßgabe  ihrer  Eignung  für  diesen  höchsten 
Zweck.  Daneben  steht  aber  die  —  wie  Troeltsch  mit  Recht 
hetont  —  im  letzten  Grunde  auf  gnostischem  Boden  gewach- 
sene und  durch  eigene  Lebenserfahi*ung  bestärkte  Lehre  Augu- 
fltins  von  der  Sünde  als  der  im  Fleisch  und  besonders  im 
Sexuellen  sich  aaswirkenden  Macht  des  Bösen,  die  zu  morti- 
fikatorischer  Askese  und  Weltflucht  führt.  Aus  der  einen 
"Gedankenreihe  erwächst  die  Hoffnung  auf  eine  Durchdringung 
der  antiken  Kultur  mit  christlichen  Gedanken,  aus  der  anderen 
•die  pessimistische  Stimmung,  die  sich  aus  dem  allgemeinen 
Zusammenbruch  dieser  dem  Ende  zuneigenden  Welt  ins 
Kloster  rettet,  wo  allein  wahres  Christentum  betätigt  werden 
kann.  Hier  wie  dort  hat  das  Mittelalter  Augustins  Gedanken 
als  Gefäße  benutzt,  in  die  es  einen  anderen,  derberen  Inhalt 
^oß.  Nahe  mit  diesen  Gedankengängen  berührt  sich  ein  fein 
durchdachter  Aufsatz   E.  Bickels^   über   das   asketische  Ideal 


*  Ernst  Bickel  Das  asketische  Ideal  bei  Ambrosüis,  Hieronymtis  und 
Augustin.  Eine  kulturgeschichtliche  Studie,  Lpz.,  Teubner  1916.  (S.-A. 
aus  IlbergB  Neuen  Jahrbüchern,  1916.  I.) 

ArolÜT  f.  Beligiouswisaengchaft  XX.  S/i  30 


4ßg  Hans  Lietzmann 

bei  Ambrosius,  llieronymus  und  Augustin,  der  aber  zugleich 
die  These  von  Troeltsch  als  zu  eng  bekämpft  und  neue  Ge- 
sichtspunkte beibringt.  Nicht  bloß  Augustin,  sondern  alle  die 
drei  großen  Abendländer  zeigen  im  Gegensatz  zum  Morgen- 
land, welches  nur  die  negative  Mönchsaskese  kenut,  eine  Ver- 
ein! o-uug  der  älteren  asketischen  Ideale:  des  evangelischen  der 
Entsao-ung  um  der  Brüder  willen,  des  gnostisch-mönchischeu 
der  Abtötung  der  Sinnlichkeit  und  des  philosophischen  der 
völlisen  Hingabe  an  Wissenschaft  und  Kunst.  Dadurch  geben 
sie  der  Askese  einen  sozialen,  kulturellen  Wert  und  befähigen 
sie  zu  der  zeitgemäßen  Aufgabe  „rein  geistiges  Leben  unter 
der  PlüUe  robusten  Selbsterhaltungstriebes  den  Nächsten  der 
Zukunft  zu  übermitteln":  und  so  sind  diese  drei  Großen  die 
Mittler  zwischen  Antike  und  Mittelalter  geworden.  Der  Gegen- 
satz gegen  Troeltsch  ist  hier  doch  nicht  so  groß,  wie  er  scheint. 
Dem  Geist  des  ältesten  orientalischen  Mönchturas  hat  R.  Reit- 
zenstein'  eine  große  Studie  gewidmet,  in  der  er  die  an  der 
athanasianischen  Antoniusvita  begonnene  Arbeit  fortsetzt. 
Die  Sammelwerke  der  Palladius  zugeschriebenen  Historia  Lau- 
siaca  und  der  Historia  monacJtoriwi ,  deren  griechischer 
Text  anonym  ist,  während  der  lateinische  von  Rufin  stammt, 
werden  auf  Quellen  und  Vorstellungsgehalt  eingehend  geprüft. 
Ein  Referat,  und  wäre  es  auch  sehr  ausführlich,  kann  von  der 
Fülle  der  behandelten  Themata  kein  rechtes  Bild  geben.  Ein- 
zelnovellen liegen  vor  uns,  mit  mannigfaltiger  Tendenz,  in 
mehrfach  geänderter  Form,  schließlich  in  die  Rahmenerzählung 
eines  Keiseberichts  durch  die  ägyptischen  Klöster  eingespannt. 
In  der  Historia  monachorum^   ist   die   Tendenz    des    Sammlers, 

'  Richard  Reitzenstein  Historia  MonacJiorum  und  Historia  Lausiaca, 
eine  Studie  zur  Geschichte  des  Mönchtums  und  der  frühchristlichen  Be- 
griffe Gnostiker  und  l'neumadker.  Göttingen,  Vandenhoek  &  Ruprecht 
1916.    (Forschungen  etc.,  hrsg.  v.  BouBset  u   Gnnkel,  H.  24.) 

*  Ich    halte   doch  Ratin   nur   für  den  Übersetzer,   was    er   ja  immßr 
ist.     Der  lateinische  Text  ist  überall,    wo  er  unserem  griechischen  par 
allel  läuft,  rhetorisch  erweiternde  Paraphrase,    Al<er  er  hat  eine  vielfach 


Geschichte  der  christlichen  Kirche  467 

den  wunderkräftigen  Übermenschen,  den  Vollkommenen ,  za 
schildern:  den  Pneumatiker,  der  den  altkirchlichen  Märtyrer  ab 
löst.  Dieser  wird  aber  in  den  Farben  des  Grnostikers,  des 
d-stog  avd-QC37Cog  der  hellenistischen  und  neupythagoreisch eu 
Mystik  geschildert:  das  führt  Reitzenstein  im  einzelnen  durch, 
wobei  auch  Euagrius  und  Diadochos  von  Photike  als  Theore- 
tiker der  mönchischen  yvcböig  gewürdigt  werden:  der  Gnosti- 
ker  als  der  Vollkommene  sondert  sich  von  dem  Asketen 
niederer  Gattung.  In  der  Historia  Lausiaca  ergehen  sich  deut- 
liche Beziehungen  zu  Euagrius.  dessen  Schüler  der  Verfasser 
sein  muß:  aber  der  „ägyptische"  Teil  c.  5 — 24  stellt  sich  als 
eine  Einlage  dar,  welche  pneumatische  Ansprüche  der  Asketen 
ablehnt  —  im  vollen  Gegensatz  zum  Kontext  des  Haupt- 
werkes. Es  folgen  sehr  feine  Beobachtungen  über  häretisches 
Mönchtum,  das  im  Besitz  des  tcvsv^u  der  kirchlichen  Gnaden - 
mittel  entraten  zu  können  glaubt  und  schließlich  eine  ins- 
besondere mit  Harnack  sich  auseinandersetzende  Darlegung 
des  hellenistischen  und  mystischen  Charakters  der  Gnosis  und 
des  Idealbildes  des  Pneumatikers.  Als  ersten  Band  einer  Ge- 
schichte der  frühchristlichen  Askese  legt  H.  Strathmann^ 
eine  Darstellung  der  Askese  in  der  Umgebung  des  werdenden 
Christentums  vor:  d.h.  er  schildert  eingehend  die  Askese  im 
palästinensischen  und  hellenistischen  Judentum,  in  der  römi- 
schen und  griechischen  Religion,  in  der  Stoa,  dem  Neupytha- 
goreismus  und  dem  Neupiatonis mus.  Sorgfältig  werden  alle 
Nachrichten  zusammengetragen,  Quellen  und  Literatur  ständig 
angegeben  und  auf  diese  Weise  ein  wertvolles  Nachschlage- 
abweichende und  oft  bessere  griechische  Vorlage  gehabt,  als  es  der 
uns  erhaltene  griechische  Text  ist.  Das  erklärt  die  zutreffenden  Beob- 
achtungen Reitzensteins  besser  als  die  Annahme ,  der  Grieche  habe 
Rufins  Latein  übersetzt. 

*  H.  Strathmann  Geschichte  der  frühchristlichen  Askese  bis  zur  Ent- 
stehung des  Mönchtums  im  religionsgeschichtlichen  Zusammenhang  e.  Bd.  I: 
Die  Askese  in  der  Umgebung  des  werdenden  Christentums .  Leipzig, 
Deichert  1914. 


468  Hans  LietzmanD    Geschichte  der  christlichen  Kirche 

werk  geliefert,  das  viele  mit  Dank  benutzen  werden.  Eine 
die  Probleme  in  ihrer  Tiefe  packende  wirkliche  Geschichte  der 
Askese  erhalten  wir  freilich  nicht:  können  es  auch  bei  dieser 
Art  der  Behandlung  nicht  erwarten.  Die  älteste  Periode  der 
Verfassungsgeschichte  sucht  E.  Metzner^  im  Gegensatz  zu 
Hamack  in  katholischem  Sinn  zu  erfassen,  ganz  scharfsinnig 
und  unter  eingehender  Quelleninterpretation,  aber  schließlich 
doch  mit  Annahmen,  die  uns  historisch  unmöglich  erscheinen. 
Zwischen  Hamack  und  E.  Schwartz  war  eine  lebhaft  ge- 
führte Kontroverse  ausgebrochen  über  die  Echtheit  eines  von 
diesem  publizierten  syrischen  Synodalbriefes,  der  eine  höchst 
bedeutsame  Antiochenische  Synode  vor  der  Nicänischen  er- 
schließen ließ,  Erich  Seeberg^  untersucht  die  ganze 
Frage  eingehend  und  mit  hervorragendem  historischen  Ge- 
schick und  entscheidet  den  Prozeß  im  Sinne  von  E.  Schwartz, 
d.  h.  zugunsten  der  Echtheit  der  Urkunde. 

*  Emil  Metzner  Die  Verfassung  der  Kirche  in  den  ersten  zwei  Jahr- 
hunderten, unter  besonderer  Berücksichtigioig  der  Schriften  Harnacks. 
Danzig,  Westpreußischer  Verlag  1920. 

'  Erich  Seeberg  Die  Synode  von  Antiochien  im  Jahre  324/25.  Ein 
Beitrag  zur  Geschichte  des  Konzils  von  Nicäa.  Berlin,  Trowitzach  1913. 
(Neue  Studien  z.  Gesch.  d.  Theol.  u.  Kirche,  hrsg.  v.  Bonwetsch  u.  See- 
berg, Bd.  16.. 


4  Kleine  Anzeigen':  Zur  Volkskunde 

Von  Otto  Weinreieh  in  Tübingen 

Volkskundliche  Bibliographie  für  das  Jahr  1918  im 
Auftrage  d.  Verbandes  Deutscher  Vereine  f.  Volkskunde  hrsg.  v. 
E.  Hoffmann -Krayer  (Berlin  u.  Leipzig  1920,  Vereinig,  wissensch. 
Verleger.  XVII  u,  126  S.).  Es  liegt  nicht  am  Herausgeber,  wenn 
diese  Bibliographie  trotz  ihrer  1391  Nummern  noch  nicht  alle 
volkskundlichen  Aufsätze  registriert,  sondern  an  der  mangelnden 
Zugänglichkeit  vieler,  namentlich  ausländischer  Publikationen.  Daß 
aber  das  Erreichbare  von  H.-Kr.  ebenso  fleißig  vn.e  tadellos  sauber 
verarbeitet  wurde,  braucht  nicht  erst  betont  zu  werden.  Diese 
Bibliographie  bildet  die  notwendige  Ergänzung  zu  der  Clemens : 
Religionsgeschichtliche  Bibliographie  hrsg.  v.  C.  Giemen 
V/VI  1918/19  (Kommissionsverlag  von  B.  G.Teubner,  Leipzig-Berlin 
1920  IV  u.  40  S.),  die  nach  den  schon  im  Archiv  19,558  dar- 
gelegten Grundsätzen  gearbeitet  ist.  Ein  Vorzug  der  volkskund- 
lichen Bibliographie  liegt  in  dem  Sachregister.  Vielleicht  läßt  sich 
das  künftig  auch  der  anderen  beigeben! 

Festschrift  für  Ed.  Hoffmann -Krayer  hrsg.  v.  H.  Bächtold 
(=  Schweizerisches  Archiv  f.  Volkskunde  Bd.  XX  1916. 
Schweiz.  Gesellschaft  für  Volkskunde  Basel.  542  S.).  Zahlreiche  Ge- 
lehrte des  Li-  und  Auslandes  haben  dem  hochverdienten  Gründer 
der  Schweizerischen  Gesellschaft  für  Volkskunde  und  Herausgeber 
des  Schweiz.  Archivs,  den  ja  auch  unser  Archiv  unter  seine  Mit- 
arbeiter zählen  darf,  diese  stattliche,  reich  illustrierte  Festschrift 
dargebracht.  Die  Raumknappheit  verbietet  es,  die  Beiträge  alle 
einzeln  aufzuführen.  So  greife  ich  nur  einiges  heraus.  An  Albrecht 
Dieterichs  nachgelassenen  Aufsatz  über  den  Ritus  der  verhüllten 
Hände  knüpfen  Bächtold  und  Fehrle  an  (zum  Problem  der  Ver- 
hüllung s.  jetzt  auch  Pehr  Lugn,  Die  magische  Bedeutung  der  weibl. 
Kopfbedeckung  im  schwedischen  Volksglauben,  Wien,  Anthropol. 
Gesellschaft  1920);  beide  lassen  sich,  wie  auch  Dieterich,  entgehen, 
daß  ^ie  drei  flamines  im  Dienste  der  Fides  mit  verhüllter  r.  Hand 
opfern  und  die  Göttin  selbst  mit  verhüllter  Hand  dargestellt  wird 
(Otto,  P.W.  VI  2282;    Wien.  Stud.  34,320).     Von    methodischem 

*  Die  unvermindert  herrschende  Raumnot  zwingt  zu  dieser,  zunächst 
nur  vorläufigen  Neuerung.  Ich  habe  nur  zur  Besprechung  eingereichte 
Schriften  berücksichtigt. 


470  ö**o  Weinreich 

Juteresse  ist  der  Beitrag  von  Helm,  Häufung  der  Zauberuiittel, 
und  Bertholet,  Landbau  und  AT.  Mit  gewohnter  Gelehrsamkeit 
behandelt  Bolte  eine  Versnovelle  des  15.  Jhds.,  Meier  ein  Volks- 
lied, Singer  alte  Schweizer  Sijrichwörter.  Stoffreich  ist  Sartoris 
Aufsatz  Diebstahl  als  Zauber.  Geiger,  über  die  blaue  Farbe  bei 
den  Totenbräuchen,  zeigt,  daß  neben  Schwarz  und  Weiß  auch  diese 
Farbe  wichtig  ist,  wozu  man  die  unten  augezeigten  Aufsätze  von 
Borinski  über  Braun  (Violett)  stelle.  Der  gehaltvolle  Beitrag  von 
Becker  über  Gebetsparodien  ist  zu  bereichern  durch  Ilvonen  Fu- 
rodies  de  themes  pieiix  (Helsingfors  1914).  Liebhabern  von  Baueru- 
kunst  spendet  Delacheux  Un  arüste  paysan  ausgezeichnete  Proben. 
Die  Aufschneidereien  des  Lugitrittli  wären  wichtiger,  wenn  Zahler 
sie  durch  Parallelmaterial  aus  anderen  Lügendichtungen  kommen- 
tiert hätte  (Nachträge  gibt  Küffer,  Schweiz.  Archiv  f.  Volksk.  2l?. 
1918,  115).  Zu  Feilbergs  schönem  Aufsatz  über  das  Meer  (zu 
S.  128)  sei  augemerkt,  daß  sich  auch  im  Altertum  der  Glaube 
schon  findet,  bei  (steigender)  Flut  stürben  die  Kranken  nicht,  Phi- 
lostrat, v.  Apoll.  V  2.  Der  umfangreichste  Beitrag:  Volkskunde 
und  griechisch-römisches  Altertum  (auch  separat  erschienen)  wird 
Was  er  verdankt,  der  das  von  Hoffmaun-Kraj^er  selbst  entworfene 
und  in  seinen  volkskundlichen  Bibliographien  bewährte  Dispositions- 
schema auf  die  Antike  anwendet.  Nach  einer  allgemeinen  Einfüh- 
rung, in  der  Albrecht  Dieterichs  Verdienste  begeistert  gefeiert 
werden,  behandelt  Waser  1.  Sachliche  Volkskunde  (Urgeschichte. 
Wirtschaft  und  Verkehr,  Haus,  Tracht,  Volkskunst,  Nahrung,  Volks- 
glauben, Sitten  und  Gebräuche,  Feste  und  Spiele,  Volksmusik-  und 
-tanze,  Gebärden)  und  2.  Volksdichtung  und  Volksmund  (wieder  in 
einzelnen  Gruppen).  Mag  bei  solch  weitausgreifendem  Gerüst  auch 
nicht  Jodes  Feld  gleich  dauerhaft  ausgefüllt  sein,  der  eine  hier, 
der  andere  da  etwas  vermissen  und  einfügen  können,  so  verdient 
dieser  energische  Versuch  einer  Zusammenfassung  doch  die  ent- 
schiedenste Beachtung.  Er  wird  z.  B.  für  Vorlesungen  über  antike 
Volkskunde  (aber  wer  hält  solche?)  willkommene  Dienste  leisten 
können.  Ich  sehe  davon  ab,  die  Literaturangaben  zu  ergänzen 
oder  auf  den  Stand  von  1'.'21  zu  bringen  —  hoffen  wir,  daß  bald 
eine  erweiterte  Auflage  nötig  ist!  Vom  übrigen  Inhalt  der  P'est- 
schrift  kann  ich  nur  noch  sagen,  daß  er  jedem  etwas  bringen  wird 
imd  besonders  viel,  wie  natürlicli,  für  die  Schweizerische  Volks- 
kunde  ausgibt. 

Tll.  Zacluiriae  Kleine  Schriften  zur  indischen  Philo- 
logie, zur  vergleichenden  Literaturgeschichte,  zur  ver- 
gleichenden Volkskunde  (Schroeder,  Bonn  u.  Leipzig  1920 
VIII  u.  400  S.).  Mit  dem  Verfasser  können  sich  vor  allem  die 
Literarhistoriker  und  Volkskundler  freuen,  daß  ein  mutiger  Verleger 


Kleine  Anzeigen:  Zur  Volkskunde  471 

in  heutiger  Zeit  diese  Sammlung  herausbrachte.  Z.s  Aufsätze  zur 
indischen  Philologie  sind  allerdings  nur  in  einer  kleinen  Auswahl 
vertreten,  Aufnahme  davon  fand  lediglich,  was  sich  an  einen 
größeren  Leserkreis  wendet,  die  übrigen  werden  im  Vorwort  ver- 
zeichnet. Da  es  sich  um  schon  veröffentlichte  Arbeiten  handelt, 
die  unverändert  abgedruckt,  aber  am  Schluß  mit  Nachträgen  und 
Berichtigungen  versehen   sind,  kann  die  Anzeige  kurz  sein. 

Die  Benutzung  der  Sammlung  hätte  wesentlich  erleichtert  wer- 
den können,  wenn  Z.  im  Inhaltsverzeichnis  den  Ort  der  ersten 
Publikation,  am  Rand  deren  Seitenzahlen  und  im  Text  (meinet- 
wegen in  spitzen  Klammern)  bei  Zusammengehörigem  —  und  er 
kommt  ja  oft  auf  gleiche  Dinge  zurück,  häuft  Nachtrag  auf  Nach- 
trag —  die  Nummer  des  Aufsatzes  oder  Seite  des  Buches  hinzu- 
gefügt hätte.  So  muß  man  hin  und  her  blättern  oder  mit  dem 
Index  suchen,  was  unnötig  Zeit  kostet.  Den  reichen  Inhalt  des 
Buches  kann  ich  nicht  im  einzelnen  andeuten;  die  Archivleser  fin- 
den manche  alten  Bekannten,  auch  der  klassische  Philologe  geht 
nicht  leer  aus  (no.  14.  35.  36  und  sonst  zerstreute  Bemerkungen). 
Z.s  Vielseitigkeit,  seine  ausgebreitete  Belesenheit,  sein  Sammel- 
eifer und  Spürsinn,  der  auch  kleinsten  Dingen  mit  Liebe  nach- 
geht, treten  in  helles  Licht. 

Alltti  Aarue  Vergleichende  Rätselforschungen  I— IIl 
{F.F.Commuidcatmisl^r.  26  —  28,  Helsinki  1918/19,  Hamina  1920, 
Suomalaisen  Tiedeakatemian  Kustentama,  Finnish  Academy  of  Science. 
178,  216.  59  S.).  Im  1.  Abschnitt  „Wie  Rätsel  untersucht  werden 
■sollen"  gibt  der  bekannte  Märchenforscher  einen  Überblick  über 
"den  internationalen  Rätselstoff  und  methodologische  Vorbemerkungen. 
Die  beim  Märchenmaterial  bewährte  geographisch -historische  und 
vergleichende Forschungsmethode  gelangt  dann  in  Einzeluntersuchungen 
zur  praktischen  Anwendung.  '  Für  jedes  Rätsel  wird  zunächst  das 
älteste  erreichbare  literarische  Material  aus  den  verschiedenen  Kul- 
turkreisen vorgelegt  (bei  den  altgriechischen  leider  nicht  in  der 
Ursprache),  dann  folgen  die  im  Volke  noch  lebendigen  Fassungen 
in  der  bei  Aufzählung  von  Märchenvarianten  eingebürgerten  geo- 
graphischen Anordnung,  und  danach  setzt  die  eigentliche  Unter- 
suchung ein,  atomistisch  Zug  für  Zug  prüfend,  Schicht  für  Schicht 
abtragend,  bis  die  Urform  herauspräpariert  ist.  Denn  eine  der 
wesentlichsten  Veränderungen  eines  alten  Rätsels  ist  seine  Erwei- 
terung, die  jedoch  —  in  charakteristischem  Gegensatz  zum  Märchen  — 
nicht  von  dem  Gesetz  der  Dreizahl  beherrscht  wird  (I  23),  sondern 
meist  in  Analogie-  oder  Parallelbildungen  verläuft.  Analysiert 
werden:  2.  Schrift  oder  Buch  („weißer  Acker,  schwarzer  Samen"), 
3.  Das  Jahr  (ich  mache  aufmerksam  auf  die  schwankende  Monats- 
.zahl,  meist  12,  aber  gexade  in  altertümlichen  Fassungen  auch  13, 


472  Otto  Weinreich 

vgl.  I  S.  76.  118.  124),  4.  Der  Mensch  '  (das  alte  SphinxrätselV 
Mit  diesem  Typus  hängt  zusammen:  5.  Zwei-  Drei-  Vierbein,  6.  Die 
Kuh  (mit  den  verwandten  Tierrätseln.  Katze,  Hund,  Pferd  usw.), 
7.  Reiter  und  Pferd.  Wie  in  3.  und  4.  reicht  auch  in  8.  „Vogel 
federlos"  die  Tradition  in  die  Antike  zurück,  wichtig  sind  da  die 
Zusammenhänge  mit  den  spätantiken  Zauberformeln  (111  8  f.  43 tf.). 
Die  Methode  ist  gut,  das  Material  sehr  vollständig  (zumal  für  den 
Norden,  dank  der  Ausnützung  der  großen  hss.  Schätze  in  den 
dortigen  Archiven),  das  Verzeichnis  der  gedruckten  und  ungedruckten 
Rätselsammlungen  willkommen.  Ich  vermisse  darin  Hepdings  Hes- 
sische Hausinschriften  und  byzantische  Rätsel  (Hess.  Blätter  f. 
Volksk.  12,  161),  eine  ausgezeichnete  „vergleichende"  Rätselstudie, 
die  auch  im  1.  Abschnitt  Berücksichtigung  verdiente.  Ebenda  hätte 
zu  den  Achikar-  und  Aesoprätseln  Hausraths  trefflicher  Aufsatz 
beachtet  werden  können,  denn  was  H.  (Sitz.  Ber.  Akad.  Heidelberg 
1918  II)  für  die  Fabeln  im  Achikar  erweist,  darf  wohl  auch  für 
die  Rätsel  angenommen  werden.  Daß  sich  A.,  der  beim  antiken 
Material  offenbar  auf  Schöpfen  aus  zweiter  Hand  angewiesen  ist, 
gegenüber  den  Konstruktionen  von  Wolfgang  Schultz  skeptisch  ver- 
hält (I  176 f.  u.  sonst),  sei  besonders  anerkannt,  wie  überhaupt 
seine  besonnene  Kntik  und  Umsicht  alles  Lob  verdient. 

L.  Radermaclier  Beiträge  z.  Volkskunde  aus  d.  Gebiet 
d.  Antike  (Sitz.-Ber.  Akad.  Wien,  Phil.  Hist.  Kl.  187,  3.  Abh. 
1918  Holder  145  S.).  Diese  Untersuchungen  bringen  wertvolle 
Förderung  unseres  Wissens  von  antiker  Volkskunde  und  hellen 
manche  Äußerungen  antiker  Autoren  auf.  I.  Nachbarn  (Meta- 
geitnia,  Nachbarrecht,  „Nachbarschaften"  als  kleinste  politische  Ver- 
bände). 11.  Menschen  und  Tiere  (zur  Ethologie  von  Mensch  und 
Tier,  mit  näherer  Behandlung  des  testamenium  porceUi  und  des  Pa- 
pyrus-;ra/yvtov  über  die  Liebe  des  Hahns  zur  &ciy.u%uXnuq).  III.  Aller- 
lei Götter  (darin  wird  KoviöccXog  gedeutet,  Philoktet  533  TtQoaKvauvzs 
rr}v  i'ö(o  auf  die  Nymphe;  der  Höhle  einleuchtend  bezogen,  ye^OKaQy.dkyjg 
gut  erklärt  und  auf  den  Dionysos  der  Volksposse  bezogen,  auf 
dem  Ephesischen  Untervveltssarkophag  der  Pförtner  der  Unterwelt 
—  vielleicht  Aiakos  —  erkannt,  zu  ' Ju^ißi]  ein  männlicher  Partner 
"luußog  vermutet,  gewiß  mit  Recht,  s.  jetzt  v.  Wilamowitz,  Griech. 
Verskunst  61,  2)  Der  umfangreichste  Aufsatz  IV,  Aus  altchrist- 
licher Predigt,  behandelt  in  der  Liift  liegende  Probleme,  die  gleich- 
zeitig Nilsson  und  Schneider  in  diesem  Archiv  19  und  20  auf- 
griffen. Mag  dadurch  auch  manche  Einzelheit  ergänzt  oder  be- 
richtigt sein,  so  behalten  R.s  volk.skundliclie  Erläuterungen  der 
Festbräuche  vom  1.  Januar  und  1.  März  doch  ihren  Wert.  Der 
letzte  Beitrag,  V  Claudia  Quinta,  gibt  eine  mir  einleuchtende  Er- 
klärung   der    Zeremonie    bei    der    Einführung    des    pessinuntischen. 


Kleine  Anzeigen:  Zar  Volkskunde  473 

Meteorsteines  in  Rom.  Auf  die  förderliche  Anzeige  von  R.s  Studien 
durch  Waser,  Schweiz.  Arch.  f.  Volksk.  23,  50 — 54  sei  verwiesen.^ 

E.  F.  Knuchel  Die  Umwandlung  in  Kult,  Magie  und 
Rechtsbrauch  (Schriften  d.  Schweizerischen  Gesellsch.  f.  Volksk. 
XY,  K.  F.  Trübner,  Berlin  -  Straßburg  1919)  VIII  u.  116  S.  Von 
einem  Satze  Albrecht  Dieterichs  ausgehend,  behandelt  K.  den  Ritus 
der  ümwaadlung  bei  Geburt,  Hochzeit,  Dienstantritt  und  Viehein- 
stellung, Tod,  Krankheit,  bei  Gebräuchen  zu  Segen  und  Schutz  des 
Familienbesitzes ,  kultischen  und  rechtlichen  Kollektivbegehungen. 
Das  überaus  reiche  Material  ist  vorwiegend  aus  dem  Bereich  der 
neueren  Kulturvölker  geschöpft,  aber  auch  Naturvölker,  Orient  und 
Antike  sind  nicht  vernachlässigt,  so  daß  auch  der  Altphilologe 
Nutzen  von  der  Arbeit  hat.  Schade,  daß  sich  K.  Eitrems  Opferritus 
und  Voropfer  entgehen  ließ,  dessen  I.Kap,  den  Rundgang  behandelt 
(Ergänzungen  dazu  in  Eitrems  Beitr.  z.  griech.  Rel.-Gesch.  11  und  EU 
[Kristiania  1917  und  1920]).  So  arbeiten  beide  vielfach  mit  dem 
gleichen  Material,  ergänzen  sich  aber  auch,  insofern  bei  Eitrem  Antikes, 
beiK.  allgemein  Volkskundliches  überwiegt.  Auf  Einzelheiten  will  ich 
jetzt  nicht  eingehen,  verweise  dafür  auf  meine  in  den  Gott.  gel. 
Anz.  erscheinende  Rezension  von  Eitrems  Buch.  K.  führt  den  Brauch 
der  Umwandlung  auf  zwei  Grundformen  zurück:  in  der  einen  wird 
eine  „Bindung",  in  der  anderen,  dem  Schutzkreis,  eine  ,. Trennung" 
bezweckt.  Daneben  ist  aber  auch  Eitrems  Scheidung  berechtigt: 
Umkreisen  eines  Kraftzentrums  (Altar,  Kirche,  Heiligtum  usw.)  oder 
Umkreistwerden  einer  Person  oder  eines  Dinges  mit  der  ki-afthaltigen 
Substanz.  Apotropäische  oder  kathartische  Zwecke  lassen  sich  nicht 
immer  scharf  scheiden. 

Die  Richtung  des  Umlaufens  (meist  nach  rechts  hin)  haben 
beide  Forscher  verfolgt,  E.  eindringender  als  K.  Bei  beiden  ver- 
misse ich  ein  systematisches  Eingehen  auf  die  Anzahl  der  Um- 
wandlungen. E.  hat  wenigstens  im  Register  Zahlen  notiert,  K. 
macht  nur  beiläufig  S.  29  u.  50  einen  Hinweis  auf  die  heilige  3. 
Wenn  ich  recht  gesehen  habe,  läßt  sich  aus  K.s  Stoff  folgendem 
lehrreiche  Ergebnis  gewinnen: 

2malige  Umwandlung:  S.  53  (England),  81  (Württemberg), 

3      ..  „  :  siehe  unten, 

5      „  „  :  S.  69f.  (Schweiz), 

7      .,  „  :  S.  26,  30,   30 A.  7  (Indien),   61   (Prank- 

reich), 85  (Tirol), 

9      „  V  :  S.  56f.,  60,  76  (nur  Frankreich). 

72    „  V  :  S.  54  (Esthland). 

*  Zwei  andere  Abhandlungen  Radermachers  werden  in  meinem  Be- 
richt über  griechische  Religion  angezeigt. 


474  Otto  Weinreich 

Dem  gegenüber  steht,  wahrhaft  international  und  überzeitlich, 
die  3 malige  Umwandlung,  für  die  ich  über  200  Stellen  gezählt 
habe.  Auf  der  3  beruht  auch  die  französische  Vorschrift,  3,  6,  !) 
oder  12  Runden  zu  machen.  Dazu  gesellen  sich  triadisch  bestimmte 
Verstärkungen  des  Umlaufs:  3  Personen  müssen  ihn  vornehmen 
(S  10),  3  Kathrinen  (3  Mädchen  dieses  Namens,  S.  67),  3  mal  muß 
der  3  malige  Umlauf  wiederholt  werden,  nämlich  zu  Beginn,  um  die 
Mitte  und  Ende  der  Nacht  (S.  42),  3  Vaterunser  (S.  34,  61), 
3  Rosenkränze  (S.  85)  sind  dabei  zu  beten,  die  3  höchsten  Namen 
anzurufen  (S.  58,  62,  81),  3  mal  zu  pusten  (S.  70 A.  4).  Triadisch 
bestimmte  Gegenstände  werden  umwandelt:  3  Maibäume  (S.  92), 
3  Steinhaufen  (S.  55),  ein  Feld  mit  3  Ecken  (S.  55). 

Nützlich  schiene  mir  auch  ein  systematischer  Hinweis  auf  Ver- 
stärkungen der  Umwandlung.  Ihre  Kraft  wird  gehoben  durch  Nackt- 
heit, geöffnete  Kleider,  Schweigen,  Gebet,  Anruf  hl.  Namen,  Pfeifen, 
Pflügen  mit  umgekehrter  Egge  u.  dgl.  m.  Endlich  wäre  ein  kurzer 
Überblick  über  zeitliche  und  örtliche  Verbreitung  der  behandelten 
Riten  nützlich  gewesen.  So  hätten  sich  in  dieser  tüchtigen  Arbeit, 
die  dem  Lehrer  K.s,  HofFmann-Krayer,  Ehre  macht,  einige  all 
gemeinere  Gesichtspunkte  und  Entwicklungslinien  herausheben 
lassen. 

Einige  Ergänzungen  zu  Knuchels  Arbeit  gibt  die  feinsinnige  Ab- 
handlung von  E.  Frll.  V.  Künssberg  Rechtsbrauch  und  Kinder- 
spiel (Sitz.  Ber.  Akad.  Heidelberg  1920,  7.  Abhdl.,  Verl.  Winter, 
64  S.),  in  der  die  Beteiligung  der  Kinder  am  Rechtsleben  und  dif 
Kinderspiele,  die  Nachklänge  alter  Rechtsbräuche  enthalten  oder 
Parallelen  dazu  bieten,  sorgsam  untersucht  werden.  Bei  diesem 
selten  und  in  solcher  Reichhaltigkeit  bisher  noch  nicht  behandelten 
Thema  fällt  für  Rechtsgeschichte  wie  für  Volkskunde  reicher  Ge- 
winn ab,  den  ein  ausführliches  Register  leicht  nutzbar  macht. 

G.  Kalil(>  Die  Verse  in  den  Sagen  und  Märchen  (Berlin, 
Hutten-Verlag  1919,  122  S.).  Aus  fleißig  gesammeltem  und  gut 
durchdachtem  Stoff  erwächst  dem  Vf.  dieser  Jenenser  Dissertation 
folgendes  Hauptergebnis:  „Die  Verse  in  den  außereuropäischen 
Märchen  sind  willkürliche  und  bedeutungslose  Einschiebsel  des  Er- 
zählers. In  Europa  dagegen  haben  die  Verse  stets  eine  feststehende 
Bedeutung:  sie  sind  animistischer  Natur,  d.  h.  sie  dienen  als  Ver- 
kehrssprache zwischen  fJoistem  und  Menschen."  Diese  Formulierung 
mag  nicht  ganz  glücklich  sein,  aber  die  Scheidung  der  beiden  Kom- 
plexe ist  begründet.  Auf  der  einen  Seite  steht  die  „indische  Form'", 
der  Wechsel  zwischen  Prosa  und  Vers,  im  Altindischen  am  reinsten 
belegbar,  aber  auch  bei  „Naturvölkern"  nicht  selten,  auf  der  anderen 
das  gesamte  heutige  Europa,  wo  die  Verse  überwiegend  unerlösten 
•Seelen,  bösen   Geistern,  Zwergen,  Wechselbälgen   in  den  Mund  ge- 


Kleine  Anzeigen:  Zur  Volkskunde  475 

legt  -werden,  geisterhafte  Warnungen  und  Ansagen  enthalten.  Hier 
hat  der  Eintritt  der  Verse  also  mehr  als  rein  stilistische  Bedeutung, 
ist  sachlich  motiviert,  führt  mit  dem  Eintritt  des  Geisterhaften  so- 
zusagen aus  der  Prosa  des  Alltags  heraus.  Beim  „indischen"  Typus 
wäre  m.  E.  zu  erwägen,  ob  er  nicht  in  den  weiten  Zusammenhang 
volkstümlicher  Erzählungsweise  einzureihen  wäre,  der  uns  z.  B.  im 
antiken  Volksbuch  (von  Homer,  Alexanderroman,  Apollonius  Tyrius, 
gewissen  Zweigen  der  Satura  Menippeai  entgegentritt.  Dann  würde 
sich  vielleicht  auch  eine  schärfere  Charakteristik  ergeben,  als  die 
vom  Vf.  crewählte  es  ist. 

K.  Boriliski  Braun  als  Trauerfarbe  (Sitz.-Ber.  Bayer.  Akad. 
Phü.  hast  Kl.  1918.  10.  Abh.  18  S.).  Nochmals  die  Farbe 
Braun  (ebenda  1920.  1.  Abh.  20  S.'.  In  Komm.  d.  Franzschen 
Verlags  (J.  Roth).  Die  braune  Farbe,  zwischen  Rot  und  Schwarz, 
Hell  und  Dunkel,  Licht  und  Finsternis,  Tod  und  Leben  stehend, 
schien  schon  dem  Altertum  zur  Trauersymbolik  geeignet  und  hat 
sich  in  der  Renaissance  und  Neuzeit  vielerorten  im  Gebrauch  er- 
halten. B.s  Skizzen  erschöpfen  das  Problem  noch  nicht.-  Die  zweite 
bringt  auch  manches,  was  zur  Trauerbedeutung  der  braunen  Farbe 
nicht  gehört,  aber  für  andere  Gebiete  der  Volkskunde  in  Betracht 
kommt  (Kröte,  Krötenstein,  Gebänuuttervotive). 

R.  Stube  Der  Himmelsbrief.  Ein  Beitrag  zur  allge- 
meinen Religionsgeschichte  (Tübingen,  Mohr-Siebeck  1918  IV 
u.  55  S.).  In  einem  ergiebigen  Vortrag,  dem  gute  Literaturnach- 
weise angehängt  sind,  behandelt  St.  die  Literatur-  und  Religions- 
geschichte des  Himmelsbriefs  Der  Gedanke  einer  göttlichen  Offen-  ' 
barung  in  Gestalt  eines  himmlischen  Buches  oder  Briefes  (St.  über- 
sah Boll,  Aus  d.  Offenbarung  Johannis  7  ff.)  begegnet  zu  allen 
Zeiten,  tritt  in  religiöser  wie  superstitiöser  Sphäre  auf,  fromme 
Fiktion  und  frecher  Schwindel  tvgl.  z.  B.  meinen  Trug  des  Nekta- 
nebos,  Register  unter  Himmelsbrief,  ferner  N.  Jahrb.  47,  1921, 139  f.) 
greift  zu  dieser  Einkleidungsform.  Bis  in  neueste  Zeit  wuchern 
im  Volksaberglauben  die  alten  Himmelsbrieftypen  weiter,  und  ein 
lehrreiches  Beispiel  eines  modernen  Offenbarungsbuches  ist  das 
Buch  Mormon  (wozu  auf  Ed.  Meyers  Ursprung  u.  Geschichte  d. 
Mormonen  zu  verweisen  war).  Der  von  St.  gegebene  Überblick 
erweckt  gute  Erwartungen  auf  das  von  ihm  vorbereitete  große  Ur- 
kundenwerk über  dieses  Thema. 

E.  Bischoff  Die  Mystik  und  Magie  der  Zahlen,  Arith- 
metische Kabbalah  (Geheime  Wissenschaften  hrsg.  v.  Linden,  Bd.  XX, 
Berlin,  Barsdorf  1920,  2-18  S.).  Der  2.  Teil  des  Buches  (magische 
Zahlenfiguren,  Datumsmystik,  figurierte  Zahlen,  Zahlen-Salonmagie) 
wird  die  Interessenten  der  „geheimen  Wissenschaften"  eher  an- 
ziehen als  den  gelehrten  Leser,  der  vom  1.  Teil  (Mystik  der  Zah- 


476  Otto  Weinreich 

len,  Zahl  am  Himmel,  in  organischer,  unorganischer  Natur,  im 
Geistesleben)  und  dem  Schlußabschnitt  (systematische  Symbolik  der 
Zahlen  von  1 — 100)  einigen  Nutzen  haben  kann,  wenn  er  über 
Kritik  verfügt  (z.  B.  den  Etymologien  S.  20  gegenüber)  und  über 
historisch-philologische  Kenntnisse,  um  den  Verfasser  kontrollieren  zu 
können,  der  allzuoft  aus  2.  oder  3.  Hand  schöpft  und  andrerseits 
bequem  Bereitgestelltes  übersieht.  ^Man  sollte  nicht  über  7  schreiben, 
ohne  Boll,  Hehn,  Graf  (s.  u.),  von  naturwissenschaftlicher  Seite 
Fließ  und  Swoboda,  über  7,  9,  40,  50,  ohne  Röscher,  über  3,  ohne 
Usener,  über  12/13,  ohne  Böklen,  Weinreich,  Wilke,  über  Lebens- 
alter, ohne  Boll  zu  kennen.^  Als  Anhang  wird  nach  Augustis  alter 
Übersetzung  ein  Stück  aus  Epiphanius  „über  die  Geheimnisse  der 
Zahlen'*  mitgeteilt,  ohne  Angabe  der  Originalpublikation  und  ohne 
zu  notieren,  daß  es  sich  um  Ps.  Epiphanius  handelt.  Ein  Hinweis 
auf  Ahnliches,  wie  etwa  des  Ausonius  griphus  nameri  ternarii  oder 
ma.  Triadensammlungen  fehlt  natürlich.  Im  systematischen  Teil^ 
der  z.  T.  überaus  dürftig  ist  und  systematische  Erörterungen  über 
Rundzahl,  typische  Zahl,  heilige  Zahl,  Rundzahl  mit  Überschuß^ 
Rundzahl  minus  1  u.  dgl.  vermissen  läßt,  fehlt  u.  a.  die  volkskund- 
üch  wichtige  Zahl   77. 

Befriedigender  als  dies  Buch  ist  der  bescheidener  auftretende 
Vortrag  von  .T.  H.  Graf  Die  Zahl  „Sieben"  (Bern,  Wyss  1917, 
48  S.).  Natürlich  kann  ein  so  reicher  Stoff  im  Rahmen  eines 
Vortrags  nicht  erschöpft  werden,  aber  G.  bringt  Vieles  und  Hüb- 
sches vor.  Er  ist  auch  in  der  Literatur  mehr  zu  Hause  als  Bischoff. 
Bedenkliche  Schönheitsfehler  sind  allerdings  Pythakos  aus  Mytilene 
(18)  und  Hyppokrates  (20). 

P,  Riedel  Aberglaube  und  Zauberwahn  im  heutigen 
Deutschland  (Wen^t  u.  Klauwell,  Langensalza  1920,  173  S.). 
Cui  bono?  Wissenschaftliche  Förderung  soll  das  überall  an  der 
Oberfläche  bleibende  Buch  wohl  nicht  bringen.  Populäre  Dar- 
stellung im  guten  Sinn  kann  es  nicht  sein,  weil  dem  flach  ratio- 
nalistischen Verfasser  historischer  Blick  ebenso  fehlt  wie  psychische 
Einfühlung  in  das  Wesentliche  der  Erscheinungen,  und  mit  billigen 
Expektorationen  wie  z.  B.  über  Reliquienkult  (8  ff.)  ist  nichts  ge- 
tan. Bleibt  also:  nicht  sonderlich  geistvolles  Aufkläricht.  Literatur 
wird  hier  und  da  angegeben,  z.  T.  auch  schlampig  (S.  lOG  richtig 
Boll,  111  als  Vorf.  des  gleichen  Buches  aber  Scholz).  96  Oncero- 
mantie  mag  nur  Druckfehler  sein,  aber  vulgair,  kontrair  99  und 
ficctere  si  nequeo  etc.  12  als  Horazzitat  (I)  schmeckt  nach  Halbbil- 
dung.     155A.  wird  behauptet,    die  Hausinschrift  G.  M.  H.  bedeute 


'  RoBcher    Zalil  50  und  meine   Trif^laideJindischen  Studien   zeige  ich 
im  Bericht  über  griechische  Keligion  an. 


Kleine  Anzeigen:  Zur  Volkskunde  477 

„Gott  behüte  mein  Haus".    Das  ist  bestenfalls  Volksetymologie,  in 
Wirklichkeit  liegt  natürlich  umgestelltes  X  M  T  vor. 

0.  Meisinger  Bilder  aus  der  Volkskunde  (Frankf.  a.  M., 
Diesterweg  1920  (VIII  +  288  S.).  Um  den  Sinn  für  deutsches 
Volkstum  zu  wecken,  auch  in  der  Schule  schon,  hat  M.  einen  guten 
Weg  eingeschlagen:  er  gibt  ein  Lesebuch  von  volkskundlichen  Auf- 
sätzen verschiedensten  Inhalts,  verschiedenster  Verfasser.  Von  Her- 
der, Goethe  (Anzeige  von  Hebels  Gedichten),  Uhland,  Grimm  führt 
er  über  Riehl,  Mannhardt,  Dieterich  (schade,  daß  Usener  fehlt)  zu 
den  Lebenden,  überall  mit  glücklicher  Hand  auswählend.  Man 
spürt,  daß  der  Herausgeber  selbst  mitten  in  der  Forschung  steht. 
Volkskunde,  mag  sie  auch  vom  wärmsten  vaterländischen  Gefühl  ge- 
tragen sein,  weist  immer  über  die  Landes-  und  Zeitgrenzen  hinaus, 
weil  ein  volles  Verständnis  der  völkerpsychologischen  Erscheinungen 
nur  auf  vei-gleichendem  Weg  gefunden  werden  kann.  Darum  ist 
es  doppelt  zu  begrüßen,  daß  gerade  die  so  wichtigen  Zusammen- 
hänge mit  der  Antike  ausreichend  zu  Wort  kommen.  Eine  mit 
Wehmut  gemischte  Freude  war  mir,  daß  der  jung  gestorbene  Die- 
terich- und  Boll-Schüler  K.  Nagel  mit  einem  Aufsatz  über  die  Neun- 
zahl vertreten  ist;  hätte  er  doch  seine  Arbeit  über  die  Zwölfzahl 
noch  abschließen  können!  M.s  Buch  verdient  weite  Verbreitung. 

Zur  neugriechischen  Volkskunde  liegen,  außer  dem  hüb- 
schen Aufsatz  F.  V,  Duhns  Altes  und  neues  Griechentum  auf 
den  ägäischen  Inseln  (Deutsche  Revue  XLIV,  67ff.  154fif.), 
zwei  Neuerscheinungen  zur  Besprechung  vor.  IV.  r.  noXCt7]g 
AaoyQacpiKcc  Gv^^siura  I  (Athen  1920 Paraskevas Leones  304 S.). 
Der  Meister  griechischer  Volkskunde  inauguriert  damit  die  Ver- 
öffentlichungen des  1918  vom  Staat  ins  Leben  gemienen  AaoyQUipiKbv 
'Aqxsiov.  Der  erste  Band,  dem  hoffentlich  bald  weitere  folgen^,  ent- 
hält die  mehr  populär  gehaltenen  Arbeiten  von  Polites,  38  Num- 
mern, aus  dem  Zeitraum  von  45  Jahren.  Am  Anfang  steht  der 
programmatische  Aufsatz  AaoyQcccpta,  mit  dem  P.  1909  seine  gleich- 
namige Zeitschrift  eröffnet  hatte  —  ein  würdiges  Gegenstück  zu 
Dieterichs  Wesen  und  Ziele  der  Volkskunde.  Aktuell  wirkt  heute 
wieder  der  zweite,  der  die  volkstümlichen  Anschauungen  über  die 
Wiederherstellung  der  griechischen  Nation  behandelt  —  man  ver- 
gleiche dazu  auch  E.  Schmidt,  Hess.  Blätter  f.  Volksk.  XII  21 9  ff. 
Aus  dem  reichen  Inhalt  seien  noch  hervorgehoben:  TsXiöfiata, 
'O  rovXiik^og  J^sXX  TtQoßcoTtov  (iv&mov,  Aufsätze  über  St.  Georg, 
Johannes,  Elias,  Nikolaus,  über  Volksbücher  und  Volksmärchen  (An- 

*  Bei  der  Korrektur  erhalte  ich  Kenntnis  von  Polites'  Tod.  Ein 
unersetzlicher  Verlust  für  die  wissenschaftliche  Volkskunde.  Hoffentlich 
gelingt  es,  die  von  ihm  gesammelten  Schätze  der  gelehrten  Welt  zu- 
gänglich zu  machen. 


478  ^^^^  Weinreich    Kleine  Anzeigen:  Zur  Volkskunde 

zeige  von  Hahns  NsoElXtjviKa  TcaQcc^v^icc).    Das  leite  über  zu  dem 
zweiten  hier   anzuzeigenden   Werk: 

Neugriechische    Märchen    hrsg.    v.    l\  Kretschmer    (Jena, 
Diederichs  1917  XII  u.  340  S)    In  den  „Märchen  der  Weltliteratur", 
einer  der  prächtigsten  Unternehmungen  des  Diederichsschen  Verlags, 
die  V.  d.  Leyen  und  Zaunert  -leiten,    bildet    dieser    Band    ein    köst- 
liches Glied.    Von  den  60,  geographisch  geordneten  Märchen  stammen 
nur  wenige    aus   gedruckten  Quellen,   die  Mehrzahl   haben  Kr.  und 
seine  griechischen  Freunde    aus  dem  Volksmund   selbst   gesammelt. 
Eine    gute  Einleitung    und    reichhaltige  Anmerkungen    machen    die 
Einordnung  in   das  internationale  Märchengut  leicht.   Antikes   Erbe 
steckt  nicht  so  viel  darin,    wie    man  zunächst   erwartet.    Orientali- 
sches, Slawisches,    Westeuropäisches   hat   sich   darüber  gelagert   — 
im  Märchenschatz  spiegelt  sich  die  Schichtung  des  neugriechischen 
Volks.      Es  sind  glänzend  erzählte  Sachen    darunter,   z.  B    42,    das 
in    der  Fülle    seiner  Motive,    ihrer    kunstvollen  Verschlingung    und 
spannendem  Aufbau    den  Zauber    des   Märchens    mit   dem  Reiz    ro- 
manischer Novellistik   verbindet.     Merkwürdig    darin    das    Gewölbe 
über  der  Quelle,  auf  dem  die   Heldin  ihre  abenteuerreiche  Lebens- 
geschichte   aufzeichnet,    die    da    von    den    wesentlichsten   personac 
dramatis  gelesen   wird,   was    dann  die  Lösung   des  Knotens   herbei- 
führt iS.  182 ff)      Ist  das  ein  irgendwie    nachwirkendes  Erbe    des 
antiken  Romaus?    Man  denkt  an   die  Inscbriftstelen  des   Euemeros, 
die  Zjpressentafeln  des  Deinias  bei  Antonius  Diogenes,  die  Dictys- 
annalen,  die  seidene  Binde  d'-r  Chariklea  bei  Heliodor,  in  die  ihre 
Aussetzungsgeschichte    eingewebt    ist,     also    ein    Requisit,    das    die 
Wiedererkennung  der  Heldin  gestattet.   Die  Paschatochter  läßt    die 
Quelle  erst  fassen,  ein   Gewölbe  darüber  errichten,    den    Text    auf- 
zeichnen, stellt  einen  Wächter  davor,  die  Leute  kommen  und  lesen, 
was  da  aufgemalt   —  ist  das  von  inschriftenbedeckten  Bauten  her- 
genommen?     Wirken  l^omanüberlebsel  und  Umwelt  zusammen  ein? 
Jedenfalls  ein  merkwürdiger  Zug,  zu  dem  ich  aus  Märchen  nichts 
Ähnliches   kenne.      Die    wegweisenden    Inschriften    (Nr.  59  S,  268, 
vcrl.  dazu  Le.skien,    Balkanmärchen   S    37   u.  229)  sind  etwas  ganz 
anderes;  aber  auch  sie  haben  ihre  Parallelen  im  antiken  Aloxander- 
roman   (II  31).       Zu    »3,  in   dorn  Lüge   und  Wahrheit  personifiziert 
auftreten,  Lüge  triumphiert,  durfte  auf  das  so  echt  griechische,  aber 
überhaupt  volkstümliche  'Aycov-motiv  verwiesen  werden,  Xoyog  öUaiog 
und  üSiKog  bei  Aristophanes,  Aoyog  und  Aoylva  bei  Epicharm,  Mors 
und  Vita   bei  Ennius,    Dod   und    Lewen    im    Niederdeutschen    usw. 
Im   Märchen   jedoch  scheint  derartiges  selten  zu  sein.  Es  paßt  aber 
zu   den   sonstigen  Spuren  moralisierender  Betrachtung,  die  Hausrath 
in   seiner  fördernden   Besprechung  von   K.s  Buch  notiert  (B.  ph.  W. 
1920,  727).  Die  Übersetzung  wirkt  bei  aller  Treue  äußerst  lebendig. 


III  MitteilunA'en  und  Hinweise 


Endyinion  als  Sternbild 

In  meiner  Sphaera  S.  5  7  f.  habe  ich  Auszüge  aus  dem  Astrologen 
Antiochos  von  Athen  herausgegeben,  die  in  einer  Vatikanischen  und 
abgekürzt  in  einer  Münchener  Hs.  stehen.  Wie  mir  der  im  Welt- 
krieg gefallene  wackere  Pierre  Boudreaux  in  Paris  am  23.  XII.  12 
mitteilte,  ist  das  Kapitelchen  auch  im  Paris.  2425  (s.  XV) f.  162 
enthalten.  Die  Pariser  Hs  (P)  bietet  wesentliche  Textverbesserungen: 
die  wichtigsten  zu  den  Zodiakalzeichen  des  Stiers  und  der  Wage, 
weiterhin  noch  zu  Jungfrau,  Schütze,  Steinbock.  Der  Text  der 
gleichzeitig  mit  dem  Stier  aufgehenden  Sternbilder  heißt  hier  so: 
rjVLO'/^og,  KScpaXal  ^,  dsKavov  ßxVt^^  ^»"^  VTtoKccrco  avrov  xfgpaAat 
xal  ciofiu  6VV  tvr\6'/p{\]  y.al  oöLQLg  V7tEog{l}  Kai  y.vcov  iTtdvco  rmv 
noö&v  avrov  Y,al  Ttkolov  ETtdvco  ti]v{l)  oipecog'  ävovßig  nal  aXkcog 
(1.  akkog)  ißrojg  naqa  xovg  TtoSug  rrjv  ^ev  aQLOrsQav  eKtsivag,  rf] 
6s  öe^tä  xovg  nodag  rov  Kvvbg  '/.are^cov.  Damit  fällt  „die  Gestalt 
der  sieben  Dekane"  fort,  die  mir  einst  Mühe  machte  (Sphaera  S.  280): 
es  sind  vielmehr  die  sieben  Köpfe  =  Pleiaden  gemeint  (als  sieben 
Mädchenköpfe  wurden  ja  die  Pleiaden  dargestellt,  vgl.  z.  B.  Thiele, 
Ant.  Himmelsb.  S.  112),  und  es  bleibt  nur  die  Gestalt  eines  Dekans. 
Weiterhin  ist  wohl  schwerlich  xEgjaAat,  wie  P  liest,  sondern  wohl 
■/,Eq)ccXaiov  mit  dem  Vatic,  also  der  Stierkopf  zu  verstehen.  Das 
Exzerpt  in  der  Münch.  Hs.  A  wird  nun  auch  völlig  klar:  njvioy^og 
Y,al  vTiondrco  '/.eq)ah]  (Stierkopf)'  <^K£(paXaVy  t,  .  öey.avov  öyr^^a. 
Sodann  fällt  der  nur  im  V(atic.)  vorkommende  „Strudel"  {^cclog), 
der,  wie  ich  Sphaera  S.  166  f.  dargelegt  habe,  hier  unmöglich  an  der 
richtigen  Stelle  stehen  könnte,  weg;  und  wenn  statt  dessen  v.ai 
uXXog  (kkI  aXXoag  P)  zu  lesen  ist,  so  wird  der  Anubis  wie  sonst 
auch  (s.  Sphaera  S.  179  f.)  zum  Hundsgestirn,  und  eine  andere 
Gestalt  steht  ,,um  seine  Füße",  d.  h.  am  Platze  des  Hasen.  —  Zum 
Krebs  steht  statt  x^tog  in  P  kqvol^  was  freilich  die  verdorbene  Stelle 
(vgl.  Sphaera  S.  1211  auch  nicht  aufhellt.  —  Zur  Jungfrau  ist  im 
Paris.  yvi'Tj  iv  axQim  naidiov  ßa6rä^ov6a  genannt:  damit  bestätigt 
sich  die  Überlieferung  bei  Teukros-Rhetorios  (vgl.  Sphaera  S.  210),  wor- 
nach  diese  thronende  und  stillende  Göttin  riveg  Xeyovöi,  rrjv  iv  aTQuo 
Oeuv  'Iölv  xi^ecpovQuv  xbv  'Sloov.    Den  Sinn  der  Worte  iv  ccxqlo)  habe 


480  Mitteiluugea  uud  Hinweise 

ich  ebd.  S.  211f.  aus  ägyptischen  Denkmälern  von  Dendera  usw. 
erläutert.^)  —  Recht  erfreulieh  war  mir,  meine  Konjektur  TaXcog 
(S.  58,  23:  rcdog  Vatic.  r«cd?  Mon.  vgl,  ebd.  S.  279)  durch  den 
Paris,  bestätigt  zu  linden;  damit  ist  der  kretische  Gott  für  die 
Sphaera  barbarica  endgültig  gesichert,  vermutlich  als  eine  Deutung 
des  Engonasin.  —  Nui-  durch  die  mir  früher  bekannten  zwei  Anti- 
ochoshandschriften  (V  A)  war  der  Sternbilduame  NrjQSvg  bezeugt; 
ich  habe  daher  Sphaera  S.  27  7  statt  dessen  mit  Teukros-Rhetorios 
NrjQEig  eingesetzt.  Auch  das  wird  durch  die  neue  Hs.  bestätigt 
{vtjQsig). 

Der  hübscheste  Fund  ist  aber  der  zu  den  Sternbildern,  die  mit 
der  Wage  aufgehen.  Da  werden  u.  a.  verzeichnet:  "Adcovig  Kai 
^AcpQodizr]  xal  iv  dt)"  noifito^eva  (so  die  hier  bisher  einzige 
Hs.  V).  Ich  hatte  seinerzeit  (Sphaera  S.  277)  an  einen  Verderb 
aus  'AQiudvtj  KOtficoi-iivt)  gedacht,  da  die  ruhende  Ariadne  unter 
den  mit  der  Wage  heraufkommenden  Sternbildern  auch  sonst  vor- 
kommt. Aber  nun  gibt  P  die  einfache  und  einleuchtende  Lösung: 
ivöv^iäv  (!)  xoifico^Evog.  Also  hat  man  außer  und  jedenfalls 
erst  nach  Ariadne,  die  ihrem  Kranz  an  dem  Himmel  nachfolgte 
und  wohl  in  den  Sternen  der  Wage  selbst  vorgestellt  wurde 
.  dargestellt  als  Schlummernde,  genau  wie  in  der  berühmten  Neapler 
Statue),  auch  Endymion  als  Schlummernden  am  Himmel  unter- 
gebracht. Dieser  Katasterismus  ist  hier  zum  erstenmal  bezeugt. 
Vermutlich  ist  der  schlummernde  Endymion  am  Sternhimmel  nur 
eine  Variante  zur  schlummernden  Ariadne;  sie  kann  durch  das 
Bestreben  veranlaßt  sein,  dem  Kreis  des  Arkas  am  Himmel  auch 
seinen  Eidam  (Paus.  V  1,  4)  hinzuzufügen.  Nach  den  großen  Eöen 
(Fr.  148  Hz.  =  Schol.  Apoll.  Rh.  IV  57)  war  er  von  Zeus  in  den 
Himmel  erhoben  worden,  begehrte  aber  Hera  und  wurde  gleich  Ixion 
mit  einem  Wolkengebilde  getäuscht  und  dann  in  den  Hades  ver- 
stoßen.   Das  konnte  einem  alexandrinischen  Dichter  oder  auch  einem 

'  Es  ist  bedauerlich,  daß  die  Ägyptoloffie  seit  Bnigsch  sich  so  wenig 
mit  den  einheimischen  Himmelsbildern  beschäftigt  hat;  es  wird  hier  gewiß 
noch  viel  Neues  und  Wichtiges  zu  finden  sein.  Die  Art  freilich  wie 
IUI 7  im  „Sirius"  über  „Die  Himmelabeobaclitung  der  alten  Ägypter"  ge- 
handelt ist,  Hißt  selbst  in  der  einfachsten  Beschreibung  der  Denkmäler  alles 
zu  wfinschen  übrig:  einen  Stier  von  einer  Kuh  unterscheiden  zu  können, 
ist  wohl  keine  unbillige  Forderung.  Daß  der  Verf.  über  diese  Dinge 
schreibt,  ohne  die  auf  neuen  handschriftlichen  Quellen  beruhenden  etwa 
100  Seiten  über  die  ägyptischen  Himmelsbilder,  die  meine  ein  halbes 
Menachenaltor  vorher  erschienene  „Spltnern^^  enthält,  auch  nur  zu  nennen, 
geschweige  denn  zu  verwerten,  kann  ich  durch  den  bedauerlichen  Mangel 
an  literarischen  Hilfsmitteln  in  des  Verfs  Aufenthaltsort  nicht  ausreichend 
entschuldigt  finden.  Ka  ist  gerade  für  jede  populäre  Darstellung  eine 
doppelt  unerläßliche  Forderung,  daß  sie  auf  der  Höhe  der  wissenschaft- 
lichen  Forschung  steht. 


Mitteilungen  und  Hinweise  481 

Mythographeu  wohl  den  Anlaß  gegeben  haben,  ihn  wie  Ixion  und 
andere  Götterfeinde  an  den  Himmel  gefesselt  zu  denken.  Andere 
sprachen  ihm  die  Vergötterung  und  ewigen  Schlaf  als  Gabe  des  Zeus 
für  seine  Gerechtigkeit  zu:  hätte  man  darin  die  Ursache  der  Yer- 
sternung  zu  suchen,  so  wäre  es  einer  der  zahlreichen  Katasterismen 
gewesen,  welche  die  Anerkennung  der  Götter  für  menschliche  Tugend 
dartuu  sollten.  Aus  dem  kurzen  Katalog  des  Antiochos  läßt  sich 
nicht  entscheiden,  welches  Motiv  das  leitende  war:  immerhin  ist 
daran  zu  erinnern,  daß  sich  in  der  Wage,  wo  Endymion  versternt 
gedacht  wui'de,  der  Hades  am  Himmel  befand  (Sphaera  S.  246ff.); 
danach  liegt  die  erste  Version  hier  näher.  Bekanntlich  ist  Endymion 
auch  als  erster  Astronom  gedeutet  worden:  das  teilt  er  mit  andern 
unter  die  Sterne  versetzten  Gestalten  wie  Atlas,  Herakles,  Kepheus, 
Prometheus,  Chiron  usf.  Nach  Schol.  Apoll.  Rh.  IV  264  hat  Endymion 
zag  iieQLodovg  ymI  zovg  äqL&^ovg  rfjg  asXi]vt}g  gefunden  (vgl.  zur  Stelle 
Broecker,  De  Timachida  Rhod.  Diss.  Berl.  1919  S.  33).  —  Bei 
Serv.  Georg.  III  391  verschmäht  Selene  zuerst  den  Endymion,  er 
gewinnt  sie  aber  dadurch,  daß  er  „die  weißesten  Schafe"  weidet: 
cuius  rei  mystici  volunt  quandam  secretam  esse  rationem.  Bethe 
(R.  E.  V  2559)  bemerkt,  das  „könnte  wohl  auf  einen  alexandrinischen 
Dichter  zurückgehen,  wenn  nicht  Konfusion  vorliegt'".  Die  „weißesten 
Schafe"  aber  sind  g^wiß  nichts  anderes  als  die  Sterne':  in  dem 
„Naassenerhymnos"  bei  Hippel.  V  9  (Wilamowitz,  Hermes  37,  330) 
wird  Attis  dem  7Coi(xr]v  kevnav  äöTQCou,  dem  Hirten  der  weißen 
Sterne,  verglichen,  wie  Selene  bei  Synesios  hymn.  9,  47  als  7toi(ii]v 
vv'fiuiv  ^mv  bezeichnet  wird:  dieser  „Hirte  der  weißen  Sterne"  wird 
wohl  eben  Endymion  sein  oder  auch  Men.  In  der  Naassenerpredigt 
sind  Adonis,  Endymion,  Attis  nebeneinandergestellt  (Reitzenstein, 
Poim.  S.  85),  Adonis,  Attis  und  Men  auch  im  Hymnos:  da  Adonis 
(mit  Aphrodite)  bei  Antiochos  dem  Endymion  unmittelbar  voraus- 
geht, so  ist  es  nach  der  Art  dieser  Sternlisten  sehr  wohl  möglich, 
daß  es  sich  bei  Adonis  und  Endymion  nur  um  zweierlei  Bezeich- 
nungen für  ein   und  dasselbe   Sternbild  handelt. 

Heidelberg  F.  Bell 

Oniphalos,  Pythougrab  nnd  Drachenkampi' 

Rohde  (Psyche  S.  133)  hielt  den  Python  für  einen  alten  Orakel- 
gott „wie  Amphiaraos,  wie  Trophonios,  wie  Zeus  auf  dem  Ida".  „Der 
delphische  8qv.v.viv  ist  ohne  Zweifel  eigentlich  eine  Verkörperung  des 
alten  Orakeldämons."  Diese  Auffassung  beruht  auf  Nachrichten,  die 
vom  Grab  des  Python  unter  dem  Omphalos  sprechen.  Ist  der  Omphalos 
aber  nicht  ursprünglich  ein  xvfißog,  sondern  Erdnabel,  so  fällt  Rohdes 
These.    Die  Ti'ft|3og -Theorie  vertritt  ausführlieh  Miß  Harrison  JHS 

Archiv  f.  Religionswisaenschaft  XX.  3/i  31 


482  Mitteiluugeu  nnd  Hinweise 

XLX  225 flf.  B C H  XXIV  254flF.  und  fand  Zustimmung  bei  Karo  (Dar.  — 
Saglio  VI  litT  tV.)  und  Svoronos  (Jmirn.Int.  d'arch.uumism.XIir  313f.), 
Jedocli  Rosciier  (^Omphalos,  Neue  ()mi)halosstudien  und  Der  Ompbalos- 
gedanke  bei  verscbiedeiien  Völkern,  besonders  den  semitiscben)  ver- 
tritt, ebenso  wie  mit  anderen  Perspektiven  Mehringer  (Wörter  und 
Sachen  V.  47 ff.)  die  Erdnabeltheorie,  wie  es  scheint,  mit  durch- 
schlagenden Gründen.  Harrisons  wichtigster  Beweis,  die  Ähnlichkeit 
der  Omphaloi  mit  den  Tymboi,  ist  nicht  zwingend,  da  Grab,  Altar 
und  Ümphalos  zwar  nicht  gleichen  Vorstellungen  ihre  Existenz  ver- 
danken, aber  demselben  Zweck  dienen,  nämlich  der  Markierung  eines 
bestimmten  Punktes,  die  in  primitivster  Dauerform  eben  immer  eine 
Anschüttung  von  Erde  oder  Steinen  oder  ein  Stein  sein  muß.  Die 
Ähnlichkeit  sagt  deshalb  gar  nichts  über  die  Wesensgleichheit.  Ferner 
hat  Röscher  die  ältere  und  bessere  Überlieferung  für  sich.  Varro  be- 
richtet zuerst  vom  Pythongrab  unterm  Omphalos,  während  zahlreiche 
frühere  Zeugnisse,  besonders  bei  Pindar  und  den  Tragikern  (Röscher, 
Omphalos  54ff.)  nur  immer  vom  Erdnabel  reden.  Das  allein  müßte 
ausschlaggebend  sein.  Außerdem  findet  sich  der  Erdnabelgedanke  bei 
den  verschiedensten  Völkern  (Röscher  a.  a.  0.  20  ff..  Neue  Omph.  St. 
S.  12  ff.,  Omphalosgedanke  passim).  Wenn  aber  der  Omphalos  nicht 
Pythongrab  war,  sondern  oQog  am  Erdmittelpunkt,  so  istRohdes  These 
vom  alten  Orakeldämon  P^'thon  und  den  Folgerungen  von  Küster 
(Schlange  1210'.)  der  Boden  entzogen.  Das  kann  aber  auch  noch  von 
einer  anderen  Seite  her  geschehen.  Ähnlich  wie  die  literarische  Über- 
lieferung über  das  Pjthongrab  erst  mit  Varro  beginnt,  bekommt  der 
Drache,  den  Apoll  in  Delphi  ei-legt,  erst  bei  Ephoros  fr.  46  (Strabo 
I.\  422)  einen  Namen,  vorher  ist  er  namenlos  (PWII  23),  im  del- 
phischen Apollohyninus  (122)  sogar  eine  dQÜy.cava.  Wenn  der  Drache 
jahrhundertelang  namenlos  ist,  an  einem  Ort  haust,  der  schon  bei 
Homer  Pytho  heißt  und  dann  später  Python  genannt  wird,  so  ist 
klai-,  daß  er  nach  dem  Ort  seines  Aufenthalts  benannt  wurde;  also 
war  er  kein  alter  degradierter  Gott  und  kann  der  Omphalos  nicht 
sein  Grab  sein.  Ein  namenloser  Drache  hat  kein  Grab.  Zur  ursprünglichen 
Namenlosigkeit  des  Python  paßt  es  gut,  daß  er  keine  Verwandten 
hat,  keine  Geschwister  oder  Kinder,  wie  Typhon,  Echidna,  Kerberos 
und  Hydra,  die  anderen  schlangengestaltigen  Fal)elweseu,  sondern  nur 
eine  Mutter,  die  Go.  Da  die  G(>  als  Vorgängerin  Apolls  und  älteste 
Inhaberin  des  Orakels  galt,  mußte  der  Drache,  sobald  er  unter  dem 
Namen  Python  Besitzer  des  Orakels  wurde  —  ursprünglich  hat  er 
mit  dem  Orakel  nichts  zu  tun,  z.  B.  im  delphischen  Apollohymnus, 
erst  seit  Euripidos  tritt  er  als  Hüter  des  Orakels  auf  (Rascher,  Lex. 
III  3403)  — ,  natürlich  der  Sohn   der  Ge  werden. 

Apolls  Kamj)f  mit  dem  Drachen  ist  aber  nicht  einmal  an  das  del- 
phische Lokal  gebunden,  sondern  das  bei  allen  Völkern  vorkommende 


Mitteilungen  und  Hinweise  483 

Märchen  vom  Kampf  eines  Helden  mit  einem  Drachen  knüpfte  sich 
auch  an  Apollos  Gestalt  und  wurde  an  seiner  Hauptkultstätte  lokali- 
siert. Dort  ist  er  noch  im  delphischen  Apollobymnus  das  Ungeheuer, 
das  an  der  Quelle  liegt',  Mensch  und  Vieh  umbringt  und  den  Zugang 
zum  Heiligtum  erschwert,  was  der  Besitzer  des  Heiligtums  doch  keines- 
wegs tun  würde  (Röscher,  Lex.  a.  a  0  ).  Daß  die  Lokalisierung  des 
Drachenkampfes  in  Delphi  nicht  ursprünglich  ist,  sondern  der  Drachen- 
kampf an  Apollos  Figur  schon  haftete,  als  dieser  nach  Delphi  kam, 
kann  man  schon  aus  der  ursprünglichen  Zusammenhangslosigkeit  von 
Drache  und  Orakel  folgern.  Zwei  so  wichtige,  im  späteren  Kult 
(Pythien)  gemeinsam  gefeierte  Tatsachen  können  unmöglich  ursprüng- 
lich am  gleichen  Orte  fixiert  sein,  ohne  auch  innerlich  zusammen- 
zugehören. Zudem  war  der  Kampf  Apolls  mit  dem  Drachen  auch 
anderwärts  lokalisiert.  Schreiber,  Apollon  Pythokt.  44.  hat  eine  Lokali- 
sierung in  Sikyon  aus  Paus.  II  7,  7  und  S  erschlossen,  und  auch  in 
Gryneion  in  der  Aiolis  sollte  Apollon  den  Drachen  erlegt  haben 
(Schreiber  39  ff.). 

Sind  das  alte  Lokalisierungen  oder  Analogiebildungen  nach  dem 
delphischen  Drachenkampf?  Ich  glaube  das  erstere.  Den  Schlüssel 
zur  sikyonischen  Version  gibtHesych:  To'giov  ßovvöq.  Tov  'Anökkcovog^ 
tov  SV  SiKv&vL,  ßiXTiov  6e  cckovslv  rrjv  h  JsXcpotg  Nün\]v  ?.syo^ei'rjv. 
'Eksl  yciQ  neu  6  öga-KCDv  -/.areto^evO-r]  r.cd  6  öa(paXbg  tjJj  y?]?  TU(pog 
ißti  ToO  nvd'oovog.  Li  Sikyon  gab  es  also  einen  „Bogenschützen- 
hügel", an  dem,  wie  aus  der  Hesychglosse  und  Paus  117,  7  und  8 
hervorgeht,  Apollon  den  Drachen  erlegt  baben  sollte,  was  Hesych 
lieber  nach  Delphi  verlegen  möchte.  Aber  der  „Bogenschützenhügel" 
existierte  in  Sikyon.  Das  Wort  To^lov  kommt  nur  hier  vor,  so  daß 
Meineke  (PhiloL  XII  625)  vlo^Cov  hatte  schreiben  wollen,  aber 
{Diatrihe  in  Callim.  Hymn.  155)  zu  Tollov  zurückkehrte:  nihU  tarnen 
causae  esse  video,  cur  a  to^ov  rede  voi,ucg  formari  negeinr.  Änti- 
quum  et  ohsoletum  nomen  fuerit,  sed,  ut  fit,  haesit  loco  inäe  ab 
antinuissimis  temporihus  celelrato.  To'^lov  ßowög  ist  zweifellos  ein 
alter  Ortsname,  den  Hesych  in  irgendeinem  Lexikon  fand,  und  zwar 
in  Beziehung  mit  Apoll  und  dem  Drachenkampf,  d.  h.  am  Bogen- 
schützenhügel in  Sikyon  war  der  Drachenkampf  lokalisiert,  und  zwar 
seit  alters,  wie  der  Name  ausweist.  Daß  die  Beziehung  zu  Delphi 
später  hergestellt  wurde,  geht  daraus  hervor,  daß  Apoll  und  Artemis 
bei  Paus.  II  7,  7  und  8  gemeinsam  auftreten,  während  der  Name 
To^LOv  ßowög  auf  die  Einzahl  deutet  und  nur  Apollon  in  Sikyon 
einen   Tempel   hatte,   nicht   auch  Artemis,    oder   beide    Geschwister 

*  Auch  der  Drache,  den  Kadmos  erschlägt,  lag  an  der  Quelle,  auch 
die  lernäische  Hydra  ist  eine  Quellschlange,  Zenob.  Epitoine,  Miller  Me- 
langes  d-  TJt.  grecqxe  383. 


434  -Milteiluiigeu  uud   Hinweise 

(Hitzig -Bliimner,  Paus.  I  2,  523).  Mit  anderen  Worten:  die  Beziehung 
zu  Delphi  wurde  hergestellt,  als  Apoll  und  Artemis  schon  das  Ge- 
schwisterpaar in  engster  Verbindung  waren.  Die  Hcsjchglosse  sagt 
jedoch  noch  mehr.  Sie  gibt  einen  sonst  nirgends  vorkommenden 
und  zweifellos  uralten  Beinamen  Apollos,  To^ia<:  oder  To^iog  der 
Schütze,  P  W  II  70.  Für  sein  Alter  sprich c  die  Tatsache,  daß  bei  Homer 
der  Gott  keinen  Beinamen  so  häufig  führt  wie  eben  den  des  Schützen 
in  verschiedenen  Formen  wie  xA.vroTo§oc,',  aQyvgÖTO^og.  eK}]ß6).o^ 
(Aufzählung  PWIi  17).  Der  Bogen  ist  Apolls  ursprünglichstes 
Attribut,  er  ist  in  der  frühesten  Überlieferung  der  Schütze.  Wenn 
der  To'^iag  in  Sikyon  am  Hügel,  der  seinen  Namen  trägt,  den  Drachen 
erlegt  hat,  so  ist  diese  Lokalisierung  alt  und  von  Delphi  unabhängig, 
sonst  hätte  Apoll  dort  nicht  den  Xamen  To^iag,  sondern  einen  auch 
sonst  geläufigen. 

Haftet  der  Drachenkampf  nicht  am  delphischen  Lokal,  hat  er 
keine  Beziehungen  zum  dortigen  Orakel  und  ist  eine  alte  Lokalisie- 
rung auch  in  Sikyon  erschlossen,  dann  hat  mau  keinen  Grund,  die 
Nachricht,  in  Grjneion  habe  Apoll  den  Drachen  erlegt,  für  unwahr 
schei)ilich  zu  halten  bzw.  a  priori  an  spätere  Übertragung  von  Delphi 
zu  glauben.  Buresch,  Klaros  70 ff.,  hat  zwar  die  Bedeutung  Gryneions 
möglichst  herabdrücken  wollen.  Aber  Strabo  spricht  von  einem 
(.Kxvraov  ccQ-/^aiov,  Herodot  rechnet  1149  die  Stadt  zu  den  11  alteii 
äolischen  Städten,  und  Hokataios  fand  sie  (Fr.  H.  Gr  I  14  frg  211) 
der  Erwähnung  wert.  Serv.  Aen.  ]V  345  nennt  eine  Amazone  Gryne. 
die  ein  Liebesverhältnis  mit  Apoll  gehabt  haben  sollte.  Solche  apolli- 
nische Liebes  verbin  düngen  bedeuten  aber  gewöhnlich,  daß  Apoll  durch 
eine  derartige  genealogische  Verbindung  sich  eine  alte,  ursprünglich 
ihm  fremde  Kultstätte  assimilierte  (cfr.  llyakinthos.  JVanchos,  Mopso- 
u.  a.).  Der  Gr3-neische  Apoll  kann  also  sehr  wohl  vorgriechisch  sein. 
und  dann  wäre  eine  Lokalisierung  der  Drachensage  in  Grjneion. 
unabhängig   von   Delphi,   sehr  wahrscheinlich.* 

'  Die  von  1..  Weber  (i'Ai7r)/.  69,  184tr.j  behandelte  „l'ythoktonie"  ge 
hört  nicht  hierher,   weil   es  sich  im  phi-ygischen  Hierapolisi   um    eine  an. 
Lokal  haftende  schlaiigengeataltige  Guttheit  handelt. 

Haag  K.  Sehwendemann 


(Abgeic-hlot«eii  «di   IK.  September  1!)21.) 


iberkios  lo8 

Lbnndantia  221  f. 

idler  199 

Ldonis  480  f. 

'.ya&bs  Sai^cot    430.  432 

^.gdistis  292 

'.yivvriroi  458 

'./voiijiLUTa  287 

igronmotiv  478 

üakos  472 

Llexandria  454  f. 

'.Xirstv  -bl 

dpheios  72 

Lltäre  in  Olympia  72 

—  mit  Windschutz  354  f. 
Amazonen  197  f. 
Lmbrosius  443.  466 
^mor  u.  Psyche  165  f. 
^.mphiaraos  154 
'HLTtlay.iai  273 
^.mulette  138.171 
Vmyuos  1.Ö4 

Lnahita  358 

Lnanke  160 

bina  Perenna  381  f.  410 

ivÖGLo?  279 

^Dthesterien  410,3.  437 

^nthropogonie    u.    Kosmo- 

gonie  167  f. 
^ntichristmotiv  210 
^ntinoos  19a 
Aphrodite    144.  310  f.  333  f. 

341  ff.  357 

—  Etymologie  345 

—  gerüstet  315 

—  ^[oQ(f6)  318 
Apokalypse  201 
ipolinarios  138 
ipollon  72.  149  f.  162.  171 

187.  196.  263f.  269.  271. 

274.  310  ff.  481  ff. 
Ä.pollonios  V.  Tyana  137 
Ä.pologeten  457 
Apopompe  421 
Ä-potbeose  148 
A.puleius  139.  165  f. 
Ares  149   191.  311.  318ff. 

—  u.  Aphrodite  320 
Argei  179 
Aristaios  163 


Eegister 

Aristides,  Ael.  155 

Arnobius  d. j.  459 

Artemis  72.  74 

Askese  448.  459.  465  f.  467  f. 

Asklepios  147. 150. 154.  433 

Astarte  327.  333f.  337.345 

Astralmythologie  425  ff.  437 

Astrologie  86. 132. 201  f.  290. 
457. 479  ff. 

Atargatis    330.   333  ff.  338. 
356  ff. 

arr]  255  ff. 

j  Athanasius  449.  458 
!  Athena  72.  310.  314f. 
\  —  Lindia  138 
i  —  Polias  321 

a9£05  264 

Atto  V.  Vercelli  131  ff.  360  ff. 
369.  380.  389 
I  Augnstin  445f.  4r)8.  464ff. 

i  Babylon  und  Griechenland 
I      170 

Bakchos  149 

Barnabasbricf  459 
\  Baubo  144 
I  Beicht  196.  292  ff. 
1  Berchta  221 
■■■  Blitz  412 
i  ßonifatius  126  ff. 

Braun  als  Trauerfarbe  475 

Burchar  i     v.    Wonns    360 
362  f.   368 

Bnßbiicher  102  ff.  123 

CacTis  177.428 

Oaesariusv.  Alles  87  ff.  367  ff. 
377 

Cara  cognatio  385  f. 

Caristia  385  ff. 
I  Carneval  391  ff.  406  ff.  437 
i  cari  US  navalis  406 

Cathedra  Petri  385  ff. 

Cernunnus  93.  144 

Chariten  72 f. 

Chiliasmus  443  f. 

Christentum  442  ff. 

—  u.  Mysterien  204 
Staat  462 

—  —  syrische   Kaiser   462 


I  Christen  Verfolgung  462 

j  Christus  458 

I  Claudia  Quinta  472 

1  Clemens  Alex    454 

1  Compitalia  87 

!  Cornomania  390 ff.  402 ff 

'  Cornutus  142 

'  Cyprian  d.  Magier  236  f. 

I  Daimon  141 
I  Dea  Syria  137 
i  Delphi  77 f.  481  ff. 
Demeter  196.  437 

—  Chamyne  70 
Derketo  333  ff. 
Diadochos  v.  Photike  448 
Diana  v.  Aricia  435  f. 
Didymos  448 
Diebstahl  470 

Dionysos  43.72.  74. 144. 149. 
löl.  188.  282.  413f.  431. 
433.  472 

—  Lyseus  282 
Dioskurensymbol  433 
Dithyrambus  431 
Dius  Fidius  307 
Divination  225.  364 
Donnerkeil  412 
Doppelaxt  153. 169.  348.  412 
SoQv  299,1 

'  do  ut  des  241  ff. 

Drachenkampf  481  ff. 

Dracontius  140 

Dreizahl   23.  212.  471.  474. 
i      476 

Dreizehn  423.  471.  476 

lEdda  205  ff. 

!  Egeria  177.437 

':  Ei  383.  398 
P]ide8helfer  im  Krieg  304  ff. 
slgsGiävii  396,4 
Elementargeister  227 
Eligius  V.  Noyon  99  ff. 
Elpis  290 
Elysion  148 

Empedokles  167f.  369,3,370 
ivayrjg,     ivayi^Biv,     kvuyog 
26ltf 

:  Endymion  480  f. 


486 


Register 


Eügellehre    »1.    Apologeten 

203 
Kniautofl-Dainion  4:^2 1. 
Ephraem  44ijt'. 
fjpiphanias  370  tf. 
Erbsünde  28'^ 
Erde  232 

—  auf  E.  legen  22ß,3 
EroB  16öt. 

Eryx   191.  342.  343,5 

Etiiik   170  f. 

Etruskische  Keli^non  189 

Euagrios  Pontikos447f.  -!(>7 

Euheiuerismus  366  tf. 

Eusebios  461  464 

evocatio  317  f. 

examen  in  mensuris  237  tf. 

Februar  384  f. 

Fenrir  211 

Feralia  385.  387 

feretrum  3ü6f. 

Festbrauch  (römischei-,  von 

1142,  389  tf. 
Festus  139 
Fetische  417 
Feuertaufe  •_'4 
Fides  307.4  69 
Firmicus  Matermis   140 
Fische  als  Sexualsymbol  415 
Fluchtafelu   139.  171 
Flußgötter  312 
Flutsagen   196 
Frühlingsgöttcr  183 
Fußspur  2;i6  3 

Gallisch-römische  Kulte  189 
Gf'bete  140.  203 
(ieljetsparodien   470 
Geburt  4l9t. 
Gelasius  460 
Gelübde  242 
Genius   180 

Gespenstergeschichten    141 
Gnosis  296    )  65  ff.  467 
Götter  als  l'artei  im  Krieg 

308  ff. 
Götterbilder  317  369.  370,i 

—  gefesselt  318.  320 
Götterdämmerung 207  f.  210 

213 
Gorgoneion  189 
Gräber  146f  192 

Haar  41  7  f. 

c'tyvefai  282.  285  f. 


äyisvsiy   =  qpporsrr       oCia 

285  f. 
ccyvög  260 

ü/oi  260 ff.  278.  280. 
Halm   392  f.  403 
äßaQtavsLv   -87 
cciiu^ToXiii;  293 
Harpyieii   141 
Haustür  419 
Heilgötter  154 
Heilig  21 7  f. 

Heimaruieue   1(50.  289  f.  296 
Hei  223 
Helena  168 

Helios  81.  154   199.439 
Hephaistos   149   152 
Hera  72  ff.  149  152 
Heraia  73.  77 
Herakles  431  tf. 
Hermaphroditen  144 
Hermes  72. 144 

—  Trismegistos  160  f. 
Hermetik  1(10  f.  295 f. 
Heroen  430  t 

—  im   Kami)t   helfend  309 
HeroH  latros   154 

Hesiod    136  f.  145.  264.  272 
Hexenpro'/.i'ß  226 
Hieronj'mus  442  f.  466 
Hilarius  444  f. 
Himmelfahrt  183 
Hinimelsbrief  475 
hinnicula  92.  94, i 
Historin     Lausiaca     u.    H. 

Monacliorum  466  f. 
Hochzeit  157.  4l9f. 
Hockerlage   192  f. 
Hohla,  Holle  221  f 
Homer  254  tf 

—  Ileligioii   Ulf.  310ff. 
Honig  3'.i7 

Öc/t],  offtos  259  f.  284 
Humelia  de  sacrilegia  110  ff. 
Hun<l   191 
vßgiS  268 f  271 
Hymnenstil   •_'75,i.  421 

Iciußri,  "laiijhi^  472 
lamiden  75 
ianus  86.  366  ti.  436  f. 
Jenseitsvorstellungen  148 
Indiculus      superstitionum 

112  ff. 
Inkubation   154  f.  190 
Jobannes  d.  Iiiiirer2ff.  30  ff. 


Johannes  v.  Gaza  144 
iottici  100,3 
Iphitos  44.  51,2  52 
Irenaeus  449.  4  50 
Isidor  V.  Sevilla  121  ff, 
I8i8  90,2.  174.201.226,4.  231 

406.  408,2. 
Istar  355  f.  357  tf. 
Isthraien  78 
Jul  371.  375  f. 
Juno  179. 182 
Juppiter  436.  439 

—  Elicius  306,3 

—  Feretrius  305  ff. 

—  Fulgur  306,3 

—  Lapis  305  f.  412 

—  Opt.  Max.  307 

Kabireu   173.  197 
Kaiserkult  173  tf.  187 
Kalendae    lanuariae    82  ff 
360tf.  370ff. 

—  Martiae  379  ff.  402  ff. 
Kaiendenklotz     120.     37.'* 

396 
Kalypso  428 
Karkinos  236 
KazuxvOfiaTu  420 
xaro/oi  200 

Keltische  Religion  91.  93 
Kenosis  458 
Keraunos  145 
Keren   141.  197 
Kerykeion  152 
Kinder  im  l?echtsleben  4  74 
Kinderumzug  390  ff. 
Kirchenväter  44 3  ff. 
Klytiaden  76 
König.-iidee,      orientalische 

10.  12  ff.  27.34.  334 
Königswahl     durch     Tiere 

35  ff.  334.  358 
Koleda  85  ff.  377  f. 
Komödie  u.  Volksreligion 

162 
KoviaaXos  472 
Konstantin  203.  462  ff. 
Köre  164  f. 
Koroibos  44  f.  61.  76 
xopos  268.  270 
Korybanten  164 
Kosmogonie  167  ff. 
Kranz  118. 414 
Kreta,  Kulte  169  f. 
Kreuzauffindung  459 


< 


^^ 


Kreuzesvision  463 
Krieg  u.  Religion  299  £F. 
Kron08  41.  72 
Kultschriftsteller,  griech. 

136 
Kureten  154.  175.431 
Kybele  155 
Kyllene  165 
Kyreae  162 f.  233 

Labarum  203 
Labrys  153.  203  f. 
Lappen  213  f. 
Laren  188 
Larentalia  388 
1  arg  11711  sero  376  f. 
Lebensalter  423 
Lebensrate  397.  408,2 
Legenden  145 
Lemuria  179 
Lenäen  151 
Libanios  138 
Licht  23  ff. 
Losorakel  225.  238 ff. 
Luperealien  126.  388 
Luther  227  f. 

tnacte  esto  244 

Märchen  1.  35  ff.  226,6.  229. 
33-2.  359.  474 f.  478  483 

Mala  123,2. 124 

Makarismen  421 

mana  243  f. 

Manes  173 

Mantik  86.  424 

Mars  301ff.  369.  379 

Martin  v.  Braga  llöff.  377 

Maskerade  87.  90,2.  91.  408 

maza  394,2 

Meer  im  Volksglauben  470 

Men  149 

Menschenopfer  179.418 

Meßopfer  459 
'  iiixa^sleia  281,1 

Metamorphosen  164 

asravostv  281, i 

Metonymie  174 

uiu6y,u  261  f. 

Milch  415  f. 

Minotauros  80  f. 

-Minucius  Felix  140 

Missionspredigten  106  ff. 
120,2 
!  Mithras  198  f.  236 
Mönchtum  466  f. 


Register 

Monatsnamen  73.  149 
Mond  230.  4-26  f. 
Monotheismus   275, i 
Mordreinigung  157 
MoQCpcb  318  f. 
Musen  173 

Mutter  Erde  411.  41 9  f. 
(IV60S  261.  278 
Mysterien  159  f.  204.  457 
Mystik  245  ff.  281.  295  f.  475 
Mythologie  186. 205tf.42off. 

Nachbarn  472 

Nackte  Göttin  346  f.  349 

Nacktheit  418 

Namen  418 

Naturmythologie  1H8 

Neid  der  Götter  270 

Nekyia  148 

Nemeen  78 

Neujahr    86 f.  361  ff.  370 ff. 

?83.  396ff. 
Neunzahl  46  f.  343.  395 
Nike  152 

Nilus  d.  Asket  459  f. 
Numa  177.  437 

Odysseus  183 
Ölbaum  396 
Olrik  205  ff. 
Olympia  41  ff.  432.437 

—  Doppelaltäre  72 

—  Kulte  41  ff.  71  ff. 

—  Siegerbilder  60  f. 

—  Siegerlisten  52  ff. 
Olympiaden  41  ff.  46  ff.  76  ff: 
Omina  86.  372  ff. 
Omphalos  413.  481  f. 
Opfer  264f.  417f.  439 
Opferfleisch  156 
Opfevtbeorie  241  ff. 
Orakel  158.  172.194 
Orco   123,2.  124 

Ordal  190.  237  ff. 

orenda  247  f. 

Orphik  167f.  28lff.  297 

Orphische  Hymnen  143 

Osiris  199,5 

Ostia,  Kulte  173 

Oxylos  43.  49 

'Pales  194.436 
Palilien  395 
Palladion  313  ff. 
Palladius  466 


487 

I  Panathenäen  78 

Panspermie  395.  433 

Parcae  221 

Parentalia  388 
pater  437 

Patristik  443  ff.  453  ff. 

Paulus,  span.  Heise  464 

pedem  observare  119,6 

Perchta  374 

Peregrinus  Proteus  369,3 

Persephone  437 

Pferd  im  Totenglauben  415 

^ccvTjßdlog  333 
!  Philo  454 

;  Philosophie  u.  Religion  162 
I  Philostratos  137 
I  Philumenos  137 
I  Phobos  191 

cpvye  ^eßgodgi  391.  398,4 

Pirmin  lOSff.  121 

Pisatenkriege  65  ff. 

Pithoigia  432 

Planeten  231.  290.  367,s 

Plotiu  297  f. 

Plutarcb,  superstit.  137 

Plutos  153 

Poseidon  72 

Poseidonios  142 

Prodigien  159 

Prometheus  416 

Prometheusmotiv  210 

Psyche  105  f. 

Pythagoras  157. 177.  481  ff. 

Python  413  ^ 

Rachepuppe  417 

Rätsel  229,2.  471  f. 

Recht  185 

—  und  Kinderspiel  474 

K  einheitsvorschriften  285  f. 

291 
Reiter,  thrakischer  195 
Rex  Nemorensis  435 f.  438 
Rex  sacrificulus  437 
Rhea  72.115 
Riese,  gefesselter  211 
Rundgang  47  3  f. 
Runen  225f. 

sacrametitum  457 

Sagen  229 

Sakralinschriften,  römische 
140 

Sakralrecht,  altgermani- 
sches 217 


488 


Koäfister 


Sakralvorschrif'ten,      römi- 
sche 421 
Sakrameut   Ü4.S.  250.1.  -251. 

407 
Salier  175.  379.  437 
Sarapis  14  8.  107.  199  f. 
Sardische  Religion  190 
Sardns  pater  19üf'. 
Saturn  436 

Satarualien  81.  87.  407 
Satyrnanien   151 
Schiüskarren  406.  408,2 
Öclilauge  415.  430 
Schlangfugöttin  348.  356 
Schul  betrieb,  jüdiscli-christ- 

liclier  454 f. 
Schuldbegritf  in  griechi.sch. 

|{eligion  254  ff. 
Schwalijenlioder  400 
Seelenglaubo  224.  228 
Seelenkult  373  f.  409 
Seeleuticr  416 
Seelentische  128.  130.  364, i. 

376 
Seelenvogel  147.  328 ff.  340. 

352 
Seligpreisungen  421 
Selloi  154 

Semiramis  3.S4ff.  358 
Shakojieare  228 
Sibylle  192 

Siebenzahl  395.  423.  476 
Siegerlisten,  olympische 

52  ff. 
Silen  438 
.silex  306 
Sinioeis  312 
Sizilische  Kulte  191 
Skamandros  312 
Sol  HO 

—  invic^tuK  203 
Sonne  230.  4 20  f. 
Sothia  231 
SozomenoH  460 
Speer  299  IF.  314 
Sphragia  201 
spolia  opimn  306  f. 
Spiircalia  384.  388 
Staat  lind  Christentum  462 
Sternbilder  231  f.  479  ff 
^ternglauben   230ff.  411 


Stier  392  f. 

Stiftungen,   religiöse  183  f. 

Stoa  171 

strenae  89 ff.  373 ff.  394.  406 

Strigae  221 

Sünde  196.  254  ö'. 

Symbole  433  f. 

— ,  pythagoreische  157 

Synagoge  203 

Synesios  "460 

Tabu  421 
Tätowierung  201 
Talos  480 
Tauit  80.  344 
Tanz  156 

Taube  als  Seelenvogel  328tf. 
340 

—  bei  Taufe  Jesu  2  ff. 
Taubengöttin    35.   40.  323. 

331  ff.  339  ff. 
Taubenzucht  323ff. 
Taufe  359 

—  Jesu  1  ff. 
Terminus   182.  430 
Tertullian   176.  4511'.  457  f. 
Teukios  163  f. 
Thanatos  148.  165 
Themis  4>29ti". 
Theodorus  Trisc.  140 
9-Eol  ayicoOTOi  156.  309.  422 

'■  —  i7n]xooi   155 

—  tioIlovj^oi  321 
d-eoi,  &SIIS  141 
'l'heophore  Namen  149.  215 

:  d^aOi,'  ^eyas  155 
!  9toleviu  157 

d-hovdT]^  259 

Tholos   156 

Ticro  im  Aberglauben  416 

—  und   MenHolu-n  472 
Tiermaskerade  87.  91  tr. 
Tod  419  f. 
Todesgötter  183 

logu  practexta  178 
Tolerauzedikt    v.    Mailand 

•162  f. 
Tntenkult    146  ff.   173.   184. 

192  ff.  224   4 16  ff. 
Totenrecht  224  f. 
ToteiT^rlilange   146 


44  3f.  |i 


i  Toxios  483  f. 

\  traditio  per  terra tn  232  ff    ..^ 

;  Tragödie  '432  '  ; 

Traum   168 

TQizonäxQQBq   146  ! 

XQU'xaLa  307  f.  ; 

Tyche  289  f.  j 

Umwandlung  472  f.  ' 

Unverwundbarkeit  426  I 

Vergil  4.  ecl.  176f 
Verhüllung  469  r 

Verse  in  Sagen  u.  Mäi'chen^ 

474  f. 
Vesta  436 
Victorinus  v.  Pettau 
Virbius  436 
Volcaualia  79 fl'.  119.  I2(i.2 

121,S 
Volcanus    80  f.  120,i.  123,2 

174 
Volkskunde  228.  469  ff. 
Voisi  221 
Votivohren  144.  155 

Walhall  222 f. 
Waluburg  225 
Weihnachtsbaum   118.  1341 
Weihnachtsfest  83,  86.  203^» 

378 
Weihnachtsgebäck  375 
Will.insfreiheit  275 
WintcrauHtroibung  382 ('. 
Wolle  416 
Würfelorakel   168 
Wundi-rgeschichteu  141. 

164 

■  Ygg<lrabil  207.  209 

,  Zagreus  282.  431 
Zahlcnsymbolik  423.  473tf/.?' 
'  Zauber  138.  140.  220  f.  470  *' 
I  Zeitrechnung  4  6  if. 
j  Zeus42f.  71  ff.  141.149.15»^ 

173.260.271.275,2.291 
1  —   Kuros  431.  433 
i  Zwerge  227 
!  Zwergaagen  212, i 
!  Zwölfzahl  423 


rAhgeKrhIorccti  nm  94  September  1H91  ) 


1 


BL       Archiv  für  Religionswissen- 
4-  Schaft  vereint  mit  den  Bei 

A8  trägen  zur  Religionsvissen 

Bd. 20       scheftlichen  Gesellschaft 
in  Stockholm 


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